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Polski Tango

Adam Soboczynski

Polski Tango

Eine Reise durch Deutschland und Polen

 

 

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

Prolog: Ein Paar tanzt

1 Grażyna

2 Der dritte Weg

3 Die Mauer

4 Die Putzfrauen

5 In Warschau

6 Der gute Deutsche

7 Die Sheriffs

8 Der Verfolgte

9 Die Gänse

10 Die Masuren

11 Der Papst

12 In Krakau

13 Der Maler

14 Der Dichter

15 In Berlin

Epilog: Ein Paar schweigt

Danksagung

|7|PROLOG:

EIN PAAR TANZT

ES WAR SPÄT GEWORDEN im Piękny Pies, einer Kneipe in der Krakauer Altstadt, die übersetzt »Schöner Hund« heißt. Von der undichten Tür her drang Kälte herein. Ich saß am Tresen, ein Gast schob seinen Arm über meine Schulter, nahm zwei Wodka entgegen. Das Personal schien hier alles gleichzeitig zu bewerkstelligen: das Spülen, Kassieren und Zapfen des Bieres, das mild, ja süffig schmeckte: Żywiec.

Die Erde bebte. Von einem Moment auf den anderen. Als sie die Charts abstellten und den Tango auflegten, den polnischen Tango, und das Lokal in eine ferne Vergangenheit gerückt wurde. Ein Paar hatte sich vom Tisch erhoben: sie, nicht mehr ganz jung, stark geschminkt. Ihr Partner war bärtig, sein Goldzahn, wenn er lachte, funkelte im Kneipenlicht.

Kayah, die polnische Sängerin, sang vom Tabak, vom ungesunden Rauch, der auch diese Kneipe ausfüllte. Ein langsamer Tango, fast getragen, nur wenige Jahre alt, wie ich später erfuhr, ein Retro-Stück, doch es klang, als sei es in den Zwanzigern eingespielt worden. Unterlegt |8|vom Cello sang Kayah: »Laß den Tabakbeutel hier, laß ihn mir für immer, als ein Zeichen deiner Liebe« – »Na zawsze zostaw, jak znak miłości twojej.« – »Laß den Tabak mich langsam vergiften« – »Niech truje mnie powoli.«

Mir behagte die Situation, in die ich geraten war, nicht. Ein tanzendes Paar in einer Kneipe und eine Musik, bei der eine ordentliche Portion Lebensgefühl samt Tabak, Tod und Liebe mitschwang, verführen zu Sentimentalitäten. Und ich hatte mir seit langem eine Abgeklärtheit angewöhnt, die ich nicht deutsch nennen möchte, aber die dort wohl ihre Wurzeln hat. Und spätestens die 90er Jahre haben Lebensgefühlen, in denen man sich verliert, den Garaus gemacht. Jedes Statement ist ein Zitat, jede Freude ironisch unterwandert, jede Trauer von Coolness überdeckt. Doch es war zu spät für Rückzugsgefechte, ich war einer kitschigen Kneipenromantik verfallen und ließ es geschehen.

Und obgleich ich von Musik nichts verstand, begriff ich sofort, worauf es beim Tango ankommt: Es war ein Tanz der ungleichen Zeit, der voneinander wegstrebenden Bewegungen, der Nähe und der Ferne, des Abschieds und der Wiederkehr. Manchmal stand der Mann für wenige Sekunden bewegungslos, während die Frau weitertanzte. Und für einen Moment, das Bild galt es festzuhalten, reckte die Frau den Kopf nach hinten, ihr faltiges Antlitz, und lachte laut auf, wie erfrorenes Glück. Dann tanzte das Paar im Gleichschritt weiter, |9|mit gierigen und gleichsam kontrollierten Griffen, traurig und befreit zugleich.

Ein Mann, dessen Namen ich mittlerweile vergessen habe, saß neben mir am Tresen, eine, wie er selbst sagte, »verlorene Seele«. Er erzählte eine Geschichte. Wirr, ein ungeordnetes Puzzle, die Bruchstücke ergaben in etwa folgendes Bild: Seine Eltern seien so reich, Immobilienmakler, und er so arm, daß er sich überworfen habe mit ihnen und nun durch Krakaus Kneipen ziehe, tagaus, tagein, und eines Tages, ja, eines Tages, er wiederholte sich, würde er für immer wegziehen. Nach Kanada, nach Kanada. Und daß er unglücklich sei und einsam. Er war groß, er hatte schulterlanges schwarzes Haar, war zwischen 30 und 40 Jahre alt, so genau ließ sich das nicht sagen, er lachte, er nahm einen tiefen Zug Żywiec. Der Mann goß schon den ganzen Abend das Bier in seinen Rachen, es schoß hinein wie ein Wasserfall auf nackte Steine. Dann blickte er glasig auf mich herab. Das Paar tanzte an uns vorbei.

Ich erzählte, daß ich beabsichtigte, ein Buch über Polen zu schreiben. Er nickte, er hörte nicht zu. Ich erzählte, daß ich Polen verlassen hatte vor langer Zeit, daß ich von diesem Land lange Zeit nichts mehr wissen wollte. Daß ich mich früher schämte, ein Pole in Deutschland zu sein, des Bildes wegen, das man in Deutschland von Polen hatte, und mich erst spät, jetzt erst, mit 31 Jahren, daranmachte, es für mich neu zu entdecken.

Er blickte mich wortlos an.

|10|»Polski Tango, ein schöner Polski Tango«, sagte ich zu ihm, um dem Schweigen, das sich zwischen uns gelegt hatte, zu entrinnen. »Nein«, erwiderte er, schüttelte langsam den Kopf, »es heißt Polskie Tango, Polskie Tango.«

Er verbesserte mich häufig an diesem Abend, ein strenger Lehrer, mein Polnisch war zwar flüssig, wurde immer flüssiger, je mehr ich trank, doch die Endungen brachte ich durcheinander, die sieben polnischen Fälle, die Geschlechter und Konjunktionen hatten in meinem Polnisch ein unkontrolliertes Eigenleben zu führen begonnen. Es war hoffnungslos. Ich wurde verstanden, aber ein jeder wußte sogleich, daß ich aus Deutschland kam. Dort war ich oftmals »der Pole«, trotz eines deutschen Passes, in Polen würde ich fortan »der Deutsche« sein. Und eine Frage verfolgte mich auf meiner Reise beharrlich: ob ich bei der Fußball-Weltmeisterschaft nun ein Fan der Deutschen oder der Polen sein würde. Ich zuckte jedesmal hilflos mit den Schultern, scherzte mich über eine Antwort hinweg.

Kayah sang weiter vom Tabak. Und das Paar, unermüdlich, tanzte einmal mehr an uns vorbei, fast hätte es uns berührt.

»Tango«, sagte mein Tresennachbar, »ist ein Neutrum.« Das war auch sein letztes Wort, sein Kopf sank auf den Tresen, die Augen waren halb geschlossen. Wie tot, dachte ich kurz, doch er atmete leise und schwer.

Schwarze, verbrannte Galle ergießt sich ins Blut, so |11|hat man sich das einst vorgestellt, wenn die Melancholie einen ergreift, das Vergnügen, traurig zu sein. »Na zawsze zostaw, jak znak miłości twojej« – »Laß den Tabakbeutel hier«, sang Kayah, »laß ihn mir für immer, als ein Zeichen deiner Liebe.« Sie tanzten noch immer. »Niech truje mnie powoli« – »Laß den Tabak mich langsam vergiften.« Und ich schaute mich um in der Kneipe, und die übrigen Gäste blickten auf das Paar, das den Tanz nicht lassen konnte, berauscht von sich selbst.

Ich lächelte. Selbst nicht mehr ganz nüchtern, war ich in den Mittelpunkt meiner eigenen Erzählung geraten. In eine Erzählung der ungleichen Zeit, der wegstrebenden Lebensläufe diesseits und jenseits der Oder. Der Vergangenheit war ich auf der Spur, es galt, sie einzuholen, wohl wissend, daß sich die Vergangenheit niemals einholen läßt. Nur ihr Abglanz blitzt hervor für Augenblicke, aus verloren geglaubten Zeitschichten, und sie bleibt doch fern, einem Geist gleich, nach dem eine Hand greift, vergeblich: Sie greift durch ihn hindurch. Die Erinnerung ist mit der Lüge verwandt, der Blendung, der Verstellung. Sie lebt, spukt, zieht uns, zumeist unvorbereitet, fort. Sie reißt uns aus der Zeit, in der wir leben, mit Gewalt in einen Bildersturm.

Ich hatte mich auf den Weg gemacht, um Menschen wiederzusehen, die ich Jahre, Jahrzehnte nicht gesehen hatte, auf einen Weg durch die eigene Vergangenheit. Ich würde Grażyna treffen, die erste Kinderliebe in meiner Heimatstadt, und Tadek, meinen Onkel, der mir |12|einst in Sommernächten in einem kleinen Dorf an der masurischen Seenplatte von Verbrechern erzählt hatte, die Gänse stahlen. Von meinem Großvater würde ich schreiben, der Wodka brannte, heimlich in der Küche. Davon, daß wir auszogen aus Polen, meine Eltern und ich, um in Deutschland unser Glück zu finden. Davon würde ich zuerst erzählen, der Chronologie wegen, von den ersten Schritten in dem neuen Land, das nunmehr ein vertrautes geworden war, und Polen ein fernes.

Und ich würde durch Warschau ziehen, durch die von kommunistischen Alleen vernarbte Stadt, um zu erkunden, wie die schöne neue Warenwelt Einzug hält, unaufhaltsam.

Ich würde mich der Gegenwart nähern, den Zwillingen, die das Land regieren, den Kaczyńskis. Auch den polnischen Künstlern, Malern und Schriftstellern wie Tadeusz Różewicz, der mit der Waffe im Anschlag einst gegen die Deutschen kämpfte. Im Aufstand. Ich würde Steffen Möller treffen, der fast jeden Abend als deutscher Star in einer Soap Opera durch polnische Fernsehkanäle geistert.

Und bei all dem, bei den Gedanken an die Erzählung, die vor mir lag, hatte ich es beinahe übersehen:

Ich war bereits mittendrin.

|13|1

GRAŻYNA

MONATE SPÄTER ERST, bei einer der letzten Stationen meiner Reise, stehe ich vor den Klingeln des polnischen Hauses, in dem ich aufwuchs, das meine Eltern verließen, als ich sechs war. Sie wanderten mit mir nach Deutschland aus. Vor 25 Jahren. Nur noch Nummern, keine Namensschilder wie früher. Ich bin mir unsicher, wo ich klingeln soll. Ein kleiner Mann tritt aus der Haustür des vierstöckigen Wohnblocks, stapft mit schwarzen Stiefeln in den Schnee. Ich frage ihn, ob Grażyna Malinowska noch hier wohnt. Er antwortet nicht, kommt aber näher, drückt auf eine Klingel. Rasch ertönt das Surren des Türöffners. Ich steige die Treppen hinauf.

Wir lebten in der Ulica Kościuszki in Toruń, 180 Kilometer nordwestlich von Warschau, 220 000 Einwohner, verfallene Patrizierhäuser, mittelalterliche Gassen und Kirchen in roter Backsteingotik. In der Altstadt mochte früher niemand wohnen, meine Eltern auch nicht: keine Heizung, die Bausubstanz marode, die Wände verschimmelt. Das Arbeiterglück lag in unserer Ulica Kościuszki. Am Rande der Altstadt baute der |14|Chemiebetrieb Elana, in dem mein Vater als Maschinenbautechniker arbeitete, eine kleine Arbeitersiedlung. Unser Haus gehörte dazu, vier Stockwerke mit identischen Wohnungen: drei Zimmer, so klein, daß kein Schrank umkippen konnte, eine Küche, Bad, insgesamt 48 Quadratmeter. Von den Fenstern aus blickte man auf den nächsten, baugleichen Block, dazwischen lag ein karger, asphaltierter Platz mit Spielgerüsten für den sozialistischen Nachwuchs.

Im September 1981 sollte uns ein Zug nach Deutschland bringen, nur wenige Wochen bevor in Polen der Kriegszustand ausgerufen und die Gewerkschaft Solidarność für Jahre zerschlagen wurde. Wir durften auswandern, da die Eltern meiner Mutter deutscher Abstammung waren. Meine Mutter sprach gebrochen Deutsch.

Ich stand das letzte Mal vor der Ausreise auf meiner Straße, auf dem Platz zwischen den Wohnblöcken. Ich blickte hinauf in die erleuchteten Fenster unserer Wohnung, meine Eltern packten die Koffer. Vater hatte gesagt, ich dürfte ein letztes Mal noch auf mein orangefarbenes Fahrrad steigen, auf dem Platz vor dem Haus, der für Autos gesperrt war. Zwei Schaukeln standen zwischen den Häusern, Turngerüste und eine Sandkuhle gab es. Nach nur einer Runde um die verwaisten Spielgeräte war die Fahrt beendet. Vor der Haustür unseres Blockes wartete Grażyna, strich sich blonde Strähnen aus der Stirn. Zeit, sich zu verabschieden.

Grażyna, die Große. Sie war etwa doppelt so alt, zum |15|Zeitpunkt unserer Ausreise 13, ein blondes Mädchen, das in meiner Erinnerung immer strahlend lächeln würde. Wenn sie sich im Sommer trockenen Sand ins Gesicht rieb aus der Sandkuhle und dann lachte und sagte, genau so sei es am Meer. Und die mich mitnahm in das kleine Kino am Rande unseres Bezirks. Wir sahen Filme mit Louis de Funès, mit Untertiteln, die ich nicht lesen konnte. Ich fühlte mich älter, als ich war, nahezu erwachsen in dem großen Kinosessel. Grażyna, die mir das Laufen beibrachte.

Das Laufen auf meiner Straße fiel mir noch als Sechsjährigem schwer. Mein linkes Bein war zu kurz geraten. Die Diagnose unmittelbar nach der Geburt: Fehllagerung in der Gebärmutter. Es bedurfte einer künstlichen Beinverlängerung. Das mißglückte Bein mußte ich schon als Kleinkind in Spitzfußstellung in eine Prothese aus Leder und Stahl stecken, damit mein Rückgrat beim Gehen gerade blieb. Jedes Jahr, des schnellen Wachstums des kindlichen Körpers wegen, gab es eine neue Prothese. Wenn die Hose beide Beine bedeckte, ich gerade stand und nicht etwa unbeholfen humpelte, erahnte niemand, daß in dem linken Schuh ein künstlicher Fuß steckte. Jedes Jahr mußte das Gehen neu erlernt werden, widerwillig in einem Fremdkörper.

Grażyna brach meinen Widerstand. Nachmittags, wenn sie aus der Schule kam, holte sie mich ab, zwang mich auf den Platz zwischen unseren Blöcken. Sie wohnte zwei Etagen unter uns. Die ersten Wochen mit |16|meinem künstlichen Bein, während der Gewöhnungszeit, ging ich an ihrer Hand. Wir machten Pausen auf Bänken, die streng symmetrisch um den Platz herum angeordnet waren.

Einmal erzählte sie, als wir die Beine baumeln ließen, daß ein Junge sie geküßt habe, flüchtig auf die Wange, vor der Schule. Ein anderes Mal, als sie bereits wußte, daß wir auswandern würden, daß der Junge sie nicht mehr küsse und sie deshalb fest entschlossen sei, auch auszuwandern nach Deutschland, wo es wenigstens schicke Klamotten gäbe und Orangen, die trösteten. Und dann lachte sie so laut, daß Passanten auf uns blickten, und ich vergaß das beschwerliche Laufen, und sie vergaß den Jungen, der sie nicht mehr küßte.

Die Tür geht ruckartig auf. Der erste Gedanke: Sie hat sich nicht verändert. Die blonden, schulterlangen Haare, der kleine Mund, die wachen Augen. Grażyna stutzt, nach einer Weile: das vertraute Lachen, die zögerliche Frage, ob ich es sei.

Grażyna macht Kaffee, polnischen. Der gemahlene Kaffee wird ins Glas geschüttet und mit kochendem Wasser übergossen. Dann muß man ein wenig warten, bis die fusy, der Kaffeesatz, auf den Glasboden herabsinken. Man kann nicht sagen, daß der Kaffee schmeckt. Er schmeckt nie, aber er macht wach.

Dann schweigt sie eine Weile, nippt am Kaffee, sagt, daß ihr Bruder Janek vor wenigen Wochen verstarb. Und zwar in Deutschland. »Janek«, sagt sie, »den |17|kennst du doch, der nahm dich auf seinem Moped mit, drehte Runden durch die Stadt.« Ich erinnere mich nicht.

Er sei überführt worden, er liege hier, drei Straßen weiter, auf dem Friedhof, sagt Grażyna. Wie so viele habe auch er es nicht mehr in Polen ausgehalten, sei geflohen, 1988, nach Bonn. Die Welt stand ihm offen, ein Meer von Möglichkeiten, der weite Westen. Janek schrieb Briefe, doch der Kontakt, sagt Grażyna, sei schnell abgebrochen: Heroin. Sie erzählt, daß sie hinfuhr, immer wieder, nach der Wende, mit ihrem Mann, daß sie ihn gesucht habe auf den Straßen der damaligen Bundeshauptstadt. Und ihn schließlich traf, am Rande des Bahnhofs, am sogenannten Bonner Loch, wo die Penner sitzen. Ganz kleine Pupillen habe er gehabt. Aber seltsam, sagt Grażyna, nicht wie die anderen Junkies habe er ausgesehen, nicht ausgemergelt, sondern aufgedunsen. »Er war immer so schlank.«

Entziehungskuren folgten, nichts half, dann vor kurzem: Überdosis. Mit vierzig.

Ich wohnte acht Jahre in Bonn, im Zentrum, ich werde ihn gesehen haben … »Und womöglich dich auch«, sage ich zu ihr. »Der Zufall«, erwidert Grażyna knapp, sie lächelt wieder, »hat uns verpaßt.«

Als meine Eltern den Aufbruch in den Westen beschlossen, saßen sie in der Küche. Rauchend. Vater wollte weg. Mutter sagte, während sie energisch eine Zigarette ausdrückte, so schlecht gehe es uns doch nicht. |18|So schlecht nicht, daß ein neues Leben zu wagen sei. Selbst das Auto, ein Fiat Polski, sei in greifbarer Nähe, bereits bezahlt, auf einer Auslieferungswarteliste, nur noch wenige Jahre, dann sei es soweit. Dann blickte sie aus dem Fenster auf unsere Straße. Vater sagte: »Willst du in den Schlangen stehen, ein Leben lang?«

Mit Lebensmittelmarken in der Hand stand Mutter, die Schneiderin, vor Geschäften. 1,5 Kilogramm Fleisch gab es für jeden Erwachsenen pro Monat, ein wenig Wodka, ein wenig Gemüse und Obst. Die Wirtschaft Polens drohte zu kollabieren.

Vater sagte, er habe Angst, schließlich sei er in der Solidarność, die Kommunisten würden bald wüten. Mutter erwiderte: »So viele in diesem Land sind in der Solidarność.« Wir würden das aushalten. Vater: »Der Junge wartet auf eine Operation. Das Bein. Die Krankenhäuser in Deutschland sind besser.«

Am Abend kam Mutter an mein Bett, zog die Decke zurecht, sagte: »Wir werden bald nie mehr in Schlangen stehen.«

Nur wenige Monate später, am Abend unserer Abreise, wurde mein Fahrrad an ein Nachbarskind übergeben. Auf meiner Straße. Es hatte nur ein Pedal für das gesunde, das rechte Bein. Das linke Pedal hatte mein Vater abmontiert, es wurde nun separat, in einer Stofftasche eingewickelt, übergeben. Dann fuhren wir in einem Taxi zum Bahnhof. Es war, damals äußerst selten, ein alter, weißer Mercedes. Vater saß mit mir auf der |19|Rückbank, sagte: »Siehst du, wir sind schon fast in Deutschland.«

Bereits in Gestalt von Onkel Ryszard hatte der Westen gelockt. Immer im Sommer stand sein Besuch an. Der Bruder meiner Mutter, damals Mitte Zwanzig, war vor uns nach Deutschland gezogen. Um seinen Ford Taunus, mit dem er aus dem unbekannten Land kam, scharten sich die Arbeiter der Elana, unsere Nachbarn. Sie inspizierten die mächtige Kühlerhaube, spuckten im Takt auf die Straße, sprachen über Zylinder und Umdrehungszahlen. Und immer wieder starrten sie ins Wageninnere. Onkel Ryszard öffnete den Kofferraum, schwere Kisten waren darin, die er in unsere Wohnung trug, an den Nachbarn vorbei. Er packte sie aus, beherzt, verstreute ihren Inhalt auf dem Teppichboden. Und machte Fotos. Mit einer Polaroid-Kamera. Auf der einzigen Farbfotografie, die mich in Polen zeigt, sitze ich auf dem Boden, umringt von bunt verpackter Schokolade, Südfrüchten und Waschpulverpackungen.

An meine polnische Kindheit denke ich in Schwarzweiß. Vermutlich liegt es an den vergilbten Fotografien, die ich mir in Deutschland anschaute und die meine Kindheitserinnerungen nach und nach entfärbten. Ich erinnere mich nicht an Freunde, außer an Grażyna. Kein Wettrennen um den Block mit Gleichaltrigen, dem ich hätte standhalten können. Ich erinnere mich an eingemachte Gurken auf dem Fensterbrett unserer Küche und an den Wodka meines Großvaters, schwarz |20|gebrannt, verschlossen im Wohnzimmerschrank. Ich erinnere mich an die Päckchen aus dem Westen, die, sorgfältig vor den Blicken der Nachbarn und Freunde geschützt, unter dem Ehebett meiner Eltern lagerten: Kaffeepulver und Süßigkeiten, auch D-Mark-Scheine waren darin und Pullover und Jeans, die wir nur an Festtagen anzogen. Ich erinnere mich an den Zigarettenrauch abends in unserer Wohnung, wenn Nachbarn vorbeikamen und über die Kommunisten klagten, an ihre Stimmen, an das Murmeln, das mich langsam einschlafen ließ.

Grażyna schiebt den Kinderwagen. Wir setzen uns auf eine Bank zwischen den Blöcken, eingehüllt in Winterjacken. Sie blieb immer in dieser Straße, heiratete früh. Sie sagt, genau das, was sie habe, einen Mann, drei Kinder, diese Stadt, in der sie lebe, das sei doch ein großes Glück. Ihr Leben scheint so sanft gebettet wie der Schnee auf unserer Straße.

Die Polen hatten ihre kommunistischen Machthaber aus bürgerlicher Gesinnung heraus zermürbt: in Massenprotesten, mit dem Papst als heimlichem Anführer. In der Bundesrepublik, in der ich aufwuchs, im großstädtisch-studentischen Milieu der Post-68er-Emanzipation, wäre Grażyna vermutlich noch heute das Gegenbild von individuellem Glücksversprechen. Keine Beziehungsexperimente und kein rastloses Sehnen prägten ihr Leben, sondern frühe Seßhaftigkeit. Sie ist mir fremd geworden. Grażyna, nur wenige Stunden |21|nach unserem Wiedersehen, hat sich vom Bild gelöst, das ich als Kind von ihr hatte. Vermutlich hätte ich auf irgendeine Klingel meines Hauses drücken können. Mit einer beliebigen 37jährigen Mutter auf der Bank meiner Straße sitzen können. Um über die letzten 25 Jahre zu sprechen. Nur daß nichts zerstört worden wäre. Es gibt Wiedersehen, die sind trauriger als jeder Abschied. Sie greifen die Bilder der Vergangenheit an, entwerten das, was wir mühsam konservierten: unsere verklärte Erinnerung.

Zum Abschied wird sich umarmt.

Der Zug brachte uns zunächst nach Friedland, ein deutsches Auffanglager an der Grenze. Es war überfüllt. Wir schliefen in einem Achtbettzimmer zusammen mit anderen Aussiedlern aus dem Ostblock. Es wurde gestempelt, es wurden deutsche Pässe ausgegeben und Begrüßungsgelder ausgehändigt. Große, bunte Scheine.

Wir standen in einer Schlange, warteten auf die Essensausgabe. Mutter sagte, halb scherzend, wir würden bald nie mehr in Schlangen stehen.

Vater mochte den Rhein, er hatte ihn auf Bildern gesehen. Wir zogen nach nur einer Woche an den westlichen Rand der Republik, nach Koblenz. Nur wenige Monate nach unserer Ankunft wurde ich operiert. Es gibt Tage, da sind sie mir wieder erinnerlich, die Bilder karger Krankenhausgänge, die fremde Sprache der Schwestern nur ein Geräusch, der beißende Geruch von Putzmitteln, mein kindlicher Blick aus dem Krankenbett, |22|aus dem Fenster hinaus auf einen satten Rasen, auf blühende Bäume im Park, der das Klinikum wie ein Speckgürtel umgab. Meine Eltern brachten Schokolade. Vater sagte, bald wird alles besser. Auch das Gehen. Meine Straße lag in weiter Ferne.

|23|2

DER DRITTE WEG

SOBALD ICH GEHEN KONNTE, wurde ich eingeschult. Schnell war mir die fremde Sprache nicht mehr nur ein Geräusch, hin und wieder blitzten im Wortschwall meiner Mitschüler Wörter auf, die ich verstand. »Pause« zum Beispiel. »Pause« war eines der ersten Wörter, die ich verstand, auch »Stillarbeit«. Bei »Stillarbeit« wußte ich, daß die Lehrerin eine »Pause« machte und in einer Illustrierten blätterte, während die Schüler sich selbst überlassen wurden. Und daß die Schüler wiederum, »Stillarbeit« vortäuschend, nichts anderes taten, als auf das »Läuten« der »Klingel« zu warten, bis sie selbst eine »Pause« hatten. Langsam ergaben die Wörter einen Sinn, bildeten Zusammenhänge.

Während des ersten Diktats meines Lebens hatte ich schweißnasse Hände, räusperte mich vor Erregung, wunderte mich, weshalb ein einziges Wort so häufig in dem diktierten Text vorkam: »Komma«. Ich fragte mich, »Komma« ausschreibend, was es zu bedeuten habe, nicht ahnend, daß es sich um ein Satzzeichen handelte.

|24|Am Ende des ersten Schuljahres erhielt ich ein Zeugnis ohne Noten, mit einer schriftlichen Beurteilung. Frau Schmitt, die Klassenlehrerin, schrieb, ich sei ein »ausgeglichener Schüler«, allerdings werde ich »kaum von Kameraden verstanden«. Von Frau Schmitt wiederum, die eine dicke Hornbrille trug, wurde kolportiert, sie selbst sei nur mühsam zu verstehen. Sie stamme aus Niederbayern und sei, nachdem sie einen reichen Weinbauern geheiratet hatte, eher zufällig ins Rheinland geraten.

Mir schien, wir waren, meiner Lehrerin nicht unähnlich, nicht einfach hierhergezogen, sondern eine fremde Macht hätte uns von einem Erdteil auf einen anderen transplantiert. Über Nacht verschwanden die Insignien des Ostens: Mein Vater nahm sich seinen polnischen Schnurrbart ab, und Mutter trug Jeans statt bunter Röcke, die kleinen Kioske mit Plastiksoldaten wurden ersetzt durch Kaufhäuser mit Spielwarenabteilungen. Sie stellten die sozialistische Warenwelt in den Schatten.

Als gelte es, eine Wunde zu schließen, versorgten wir uns mit Konsumgütern. Das erste Auto, das Vater für 500 Mark von einem türkischen Gebrauchtwagenhändler erstand, war ein orangefarbener Ford Capri, der wie ein Sportwagen aussah, dessen Leistungsfähigkeit allerdings äußerst begrenzt war. Bereits leicht ansteigende Landstraßen meisterte er nur im zweiten Gang. Vater liebte ihn. Es war sein erstes Auto. Und von Autos |25|hatte er in Polen oft gesprochen. Doch schon wenige Monate später mußte der Capri einem weitaus robusteren Nachfolger weichen: dem VW Passat in Dunkelgrün. Der Ford hatte nach einer Fahrt durch eine Waschstraße kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben.

Ich saß auf dem Rücksitz, und das Autoradio wurde immer leiser, wurde übertönt von dem mächtigen Platzregen, der von allen Seiten auf die Karosserie prasselte. Wir überließen unser Schicksal einem Laufband, das uns durch das Hauptprogramm führte. Bunte Bürsten näherten sich bedrohlich, rotierend umzingelten sie das Blech, schäumten es ein. Nach der Waschstraßenfahrt wurde kurz inspiziert, ob noch alles dran war: Heckspoiler, Seitenspiegel und Radioantenne waren unversehrt, der Capri strahlte in sattem Orange, duftete nach frischer Wäsche – und sprang nicht mehr an. Zum erstenmal maschinell gereinigt, mußte er vom Waschstraßengelände abgeschleppt werden, mit dem Dreck war gleichsam sein Leben hinweggespült worden.

Und der Westen hatte Vater erstmals einen Makel offenbart. Bevor der Abschleppdienst kam, löste er fluchend das kleine Papstbild und die heilige Mutter Gottes vom Armaturenbrett und klebte bald darauf beides in den Passat.

Vater rühmte die deutsche Autobahn, den glatten Asphalt, das dichte Straßennetz, den ADAC. Er fragte |26|sich eine Zeitlang, weshalb so viele Städte in Deutschland »Ausfahrt« hießen. Bis er die Schilder richtig deutete.

Es geschah oft, daß Vater nicht verstanden wurde. Er hatte sich ein eigentümliches Deutsch angeeignet, es folgte einer einsamen Grammatik. Deutsche Wörter beugte er mit polnischen Endungen. Man begriff sein Deutsch häufig nur, wenn man auch Polnisch verstand.

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