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Podkin Einohr, Band 3: Der Bogen des Schicksals

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Prolog

Man erzählt sich, dass einst, in grauer Vorzeit, die Zwillingsgöttinnen Estra und Nixha nach Lanica kamen und den Weltfresser Gormalech unter die Erde verbannten. Anschließend machten sie sich daran, unsere Welt mit Leben zu füllen (und auch mit Tod, denn das war Nixhas Spezialgebiet): mit Pflanzen, Bäumen, Insekten, Fischen und natürlich vor allem mit Kaninchen.

Die Kaninchen waren ausersehen, die Welt zu bevölkern und urbar zu machen, so wie es einst die Ahnen taten. Die Göttinnen gaben ihnen schützende Behausungen und lehrten sie den Umgang mit dem Feuer. Sie schenkten ihnen sogar zwölf magische Artefakte, damit sie sich gegen Feinde verteidigen konnten.

Doch etwas fehlte noch.

Das Leben als solches, begriff Estra, ist nichts wert, wenn man nicht in der Lage ist, sich Gedanken darüber zu machen. Zum Leben gehören Nachdenken, Erzählen und Singen, damit man die eigenen Ideen und Erfahrungen an seine Nachkommen weitergeben kann (ehe Nixha ihr Werk verrichtet). Diese können daraus lernen, darauf aufbauen und auf diese Weise den allgemeinen Wissensschatz erweitern.

Im Grunde ist das Leben eine einzige lange Erzählung, ging es der Göttin durch den Kopf. Und jemand muss sie überliefern.

Sie wandte sich an Clarion, und er wurde zum Gott der Lieder und Geschichten. Er erwählte besonders begabte Kaninchen zu seinen Barden und gewährte ihnen freien Zutritt zum Reich der Fantasie. So konnten sie die Welt aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachten und ihre Erkenntnisse in Worten, Gesang oder anderen Kunstformen ausdrücken.

Bald waren die Fünf Länder von Lanica von Liedern, Geschichten, Theaterstücken, Gedichten und Gemälden erfüllt, was das Leben ungemein bereicherte.

Die Barden fanden, Clarions Großzügigkeit müsse gefeiert werden – und außerdem feiern Barden ausgesprochen gern. Sie kamen überein, sich alljährlich in einem Tal bei den Schroffhöhen zu versammeln, dort, wo Enderby an Orestad grenzt und wo ein Rund aus blanken schwarzen Obsidianfelsen (auch Schwarzkreis genannt) in der Frühlingssonne funkelt.

Dort trinken und tanzen die Barden und lassen sich die Ohren tätowieren. Vor allem aber tauschen sie mit ihren Kollegen aus ganz Lanica Lieder und Geschichten aus.

Zum Clarionsfest verwandelt sich das Gelände um den Schwarzkreis in eine bunte, lärmende Zeltstadt, und der Höhepunkt ist der Wettstreit unter dem Vorsitz des Oberbarden. Ein geordneter Trubel aus Gesang und Darbietungen aller Art, bei dem der Met in Strömen fließt. Alte Freunde treffen einander wieder, neue Freundschaften werden geschlossen. Es geht immer fröhlich und festlich zu.

Nur nicht in diesem Jahr.

Denn an diesem Morgen müssen die Barden erfahren, dass der Oberbarde in der Nacht gestorben ist. Statt Gelächter vernimmt man Schluchzen, statt Trinkliedern Trauergesänge, und statt Feierlaune herrscht Begräbnisstimmung.

Die Göttin Nixha holt alle Kaninchen, und jedes Lied und jede Erzählung hat irgendwann ein Ende. Für den Oberbarden ist die Zeit des Geschichtenerzählens nun vorbei. Die anderen Barden werden dafür sorgen, dass seine Worte und er selbst nicht in Vergessenheit geraten.

Doch erst einmal heißt es Abschied nehmen.

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Rauch

„Warum weinst du?“

Der Barde und sein junger Lehrling Rauke stehen vor dem Schwarzkreis und blicken auf das Tal mit seinen Zelten, Bühnen und Fahnenmasten hinab. Die Sonne lässt das dunkle Vulkangestein glitzern, der Himmel ist vergissmeinnichtblau, und über den Blumen tanzen kleine Schmetterlinge. Es ist ein Morgen wie aus dem Bilderbuch.

Und doch kämpft der Barde mit den Tränen und kann das Schluchzen nur mit Mühe unterdrücken. Er beißt die Zähne zusammen, ballt die Pfoten und zittert vor Anstrengung, aber seine Augen verraten ihn. Sein Gesicht ist schon ganz nass, die Tränen laufen an seiner Nase herunter und tropfen auf seinen Umhang.

„Warum bist du so traurig?“ Rauke hat den Alten noch nie so erlebt. Er hält sich an seinem Hosenbein fest, und ihm ist selbst zum Heulen. Weil der Barde nicht sprechen kann, deutet er stumm auf das Tal unter ihnen. Was ein Fest hätte sein sollen – das jährliche Treffen der Barden aus allen Winkeln der Fünf Länder, auf dem sie ihre Lieder, Geschichten und Mythen austauschen wollten –, ist auf einmal eine Trauerzeremonie.

Vor der großen, sechseckigen Bühne in der Mitte des Geländes haben der Barde und sein Schützling noch gestern Abend gesessen und verfolgt, wie die Vortragenden das Publikum in ihren Bann schlugen. Jetzt hat man die Bretter zerhackt und daraus einen Scheiterhaufen errichtet. Oben auf dem Scheiterhaufen liegt der tote Oberbarde. Man hat den Leichnam in bunte Flaggentücher gehüllt und mit Narzissengirlanden geschmückt. Rauke hat nur mitbekommen, dass der Greis über Nacht gestorben ist.

Alle Barden haben sich um den Scheiterhaufen versammelt. Sie sind in leuchtende Farben gekleidet und haben auch an ihre Stäbe bunte Wimpel gebunden. Sogar ihr Fell haben sie orange, lila und frühlingsgrün gefärbt. Von hier oben sieht es aus, als seien mehrere große Regenbogen zusammengestoßen und hätten ihre Farben über das ganze Tal verstreut.

Rauke kratzt sich verständnislos den Kopf. „Ich dachte immer, wenn jemand stirbt, trägt man Schwarz. Aber die Barden da unten sehen aus, als wollten sie feiern.“

„Er … er konnte Schwarz noch nie leiden“, bringt der Alte erstickt heraus. Dann flackert es unten hell auf, als jemand den Scheiterhaufen entzündet und die Flammen über das aufgeschichtete Holz züngeln. Die bunten Tücher färben sich schwarz und zerfallen.

„Hast du ihn denn gut gekannt?“, will Rauke wissen. Er versteht nicht, weshalb der Barde über den Tod eines alten Kaninchens, das sie nur auf der Bühne gesehen haben, derart erschüttert ist.

„Sogar … sehr gut“, bringt der Barde heraus.

Rauch steigt von dem Scheiterhaufen auf. Zwischen den Holztrümmern stecken Kräuterbüschel, und obwohl Rauke und der Alte so hoch oben stehen, weht ihnen der Duft von Patschuli und Lavendel um die Nasen. Der wohlriechende weiße Rauch wird vom Wind davongetragen.

„Warum sind wir dann nicht unten bei den anderen?“ Der Barde hat Rauke im ersten Morgengrauen geweckt, und der Kleine hat sich auf einen weiteren Tag voller Vergnügungen gefreut. Dass er das Tal vorzeitig verlassen soll, findet er gemein, auch wenn der Anlass der jetzigen Feier ein trauriger ist.

„Darum“, erwidert der Barde nur und streckt die Pfote aus, als wollte er den sich träge emporkräuselnden Rauch berühren. „Adieu“, glaubt Rauke ihn flüstern zu hören. Dann wendet sich der Alte zum Gehen und zieht Rauke hinter sich her.

Sie wandern ostwärts über die Hügel, und der Barde schlägt ein so flottes Tempo an, dass Rauke ganz aus der Puste kommt. Dem Kaninchenjungen liegen tausend Fragen auf der Zunge, aber er kommt einfach nicht dazu, sie zu stellen (wobei er den Verdacht hat, dass das möglicherweise die Absicht des Barden ist). Die Fragen brodeln in ihm und machen ihn so unruhig, dass er beim Laufen hüpfen und springen muss. Als der Barde endlich eine kurze Verschnaufpause einlegt, kommen sie herausgesprudelt wie aus einem überkochenden Wasserkessel.

„Woher hast du den Oberbarden gekannt? Woran ist er gestorben? Warum sind wir schon aufgebrochen? Hat das etwas mit deinem richtigen Namen zu tun? Wie lautet dein richtiger Name? Warum willst du ihn mir nicht verraten? Wo wollen wir jetzt überhaupt hin?“

Der Barde lässt sich auf den Boden sinken und streckt ächzend die Hinterläufe aus. Dann legt er sich rücklings ins weiche Heidekraut und schaut in den weiten, strahlend blauen Himmel.

„Warum tust du so, als hättest du mich nicht gehört? Findest du, dass ich zu viele Fragen stelle? Gehe ich dir auf die Nerven? Antworte doch!“

Der Barde schweigt immer noch, klopft aber auf den Boden neben sich. Seufzend lässt Rauke Bündel und Wanderstab fallen und legt sich neben seinen Lehrmeister.

„Wenn ich dir erkläre, warum wir schon weitergezogen sind, hältst du dann mal fünf Minuten lang das Mäulchen?“, fragt der Barde nun seinerseits. Rauke entgeht nicht, dass seine Stimme belegt klingt.

„Ich versuch’s“, antwortet er.

„Wie schon gesagt, ich habe den Oberbarden gut gekannt. Früher, als ich noch jung war. Er war wie ein Vater für mich. Mein eigener Vater ist schon gestorben, als ich noch ein Kind war.“

„Woran denn?“, entschlüpft es Rauke, aber er beißt sich sofort auf die Zunge, weil er den Alten auf keinen Fall unterbrechen will, jetzt, wo er endlich ins Reden kommt.

„Das tut nichts zur Sache“, gibt der Barde zurück. „Auf jeden Fall hat mich der Oberbarde, der damals noch ein ganz gewöhnlicher Barde war, großgezogen und mich alles gelehrt, was ich heute weiß. Ich wäre gern an seinem Scheiterhaufen gestanden und hätte Lieder und Geschichten über ihn zu Gehör gebracht, aber es wäre zu gefährlich gewesen.“

„Gefährlich?“ Rauke setzt sich auf und schaut seinen Lehrmeister mit aufgerissenen Augen an. „Meinst du das Räucherwerk und die Flammen und so?“

„Nein. Ich meine, dass womöglich gewisse Kaninchen auf mich aufmerksam geworden wären. Böse Kaninchen. Das ist auch der Grund, warum ich mir immer die Kapuze ins Gesicht ziehen muss und niemandem meinen Namen verraten darf.“

„Was wollen diese Kaninchen denn von dir? Was hast du ihnen getan?“ Rauke kann nicht verhindern, dass ein wohliges Schaudern in seinen Fragen mitschwingt.

„Auch das tut nichts zur Sache“, entgegnet der Barde zu seiner Enttäuschung. „Sagen wir einfach, ich habe den falschen Leuten die falsche Geschichte erzählt.“

„Tragen die bösen Kaninchen schwarze Umhänge, unter denen sie krumme Schwerter verstecken?“

„Möglich.“ Der Barde packt Rauke am Vorderlauf. „Hast du etwa so jemanden auf dem Fest gesehen? Hat uns jemand belauert?“

„Nö“, antwortet Rauke. „Auf dem Fest nicht.“

„Dann hast du es dir also nur zusammenfantasiert.“ Der Barde atmet hörbar auf.

„Eigentlich nicht.“ Rauke streckt die Pfote aus. „Da hinten ist so jemand und belauert uns.“

„Was?!“ Der Barde rappelt sich hoch und dreht sich um. Tatsächlich – fünfzig Meter hinter ihnen steht eine reglose Gestalt und schaut zu ihnen herüber. Die Gestalt trägt einen schwarzen Kapuzenumhang, der sanft im Wind flattert. Darunter erspäht der Barde eine Schwertscheide und eine graue Pfote, die auf dem Knauf der Waffe liegt.

„Bei meinen Barthaaren!“, flucht er und bückt sich nach seinem Stab und seinem Bündel. Doch als er die Flucht nach vorn antreten will, tauchen vor ihnen zwei weitere Gestalten auf, die der ersten zum Verwechseln ähneln. Der Barde und sein Schützling können nicht vor und nicht zurück, und zu beiden Seiten des Weges geht es so steil nach unten, dass sie nur ausrutschen würden und eine leichte Beute wären.

„Wir sitzen in der Falle, stimmt’s?“, fragt Rauke mit zitternder Unterlippe.

„Tut mir leid“, ist alles, was der Barde dazu sagen kann. Dann lässt er sich wieder auf den Boden sinken und sieht den Vermummten entgegen.

Wie er so im Heidekraut sitzt und den sich unaufhaltsam nähernden Schritten seiner Mörder lauscht, würdigt er die großartige Aussicht. Von hier oben aus gesehen erstreckt sich der Grimmwald, so weit das Auge reicht, ein uferloses Laubmeer in allen erdenklichen Grüntönen.

Schon komisch, schießt es ihm durch den Kopf, vor diesem Augenblick habe ich mich über ein Jahr lang gefürchtet. Und jetzt, wo es so weit ist, ist es eigentlich gar nicht so schlimm.

Das ist nicht gelogen, denn er ist innerlich ganz ruhig. Gleich muss er sterben, und er kann nichts mehr dagegen unternehmen. Sorge, Angst und Anspannung haben ein Ende. Wobei ihm seine Freunde fehlen werden: seine Schwester und sein Bruder, und auch der kleine Rauke.

Podkin … Nun wird er ihn doch nicht mehr wiedersehen. Er hätte länger in Dornhag bleiben sollen. Hätte seinen Bruder zum Abschied fester umarmen sollen.

Doch auch das ist jetzt nicht mehr zu ändern.

Er betrachtet wieder den Wald. Wie viel Zeit hat er hier verbracht, was für Abenteuer erlebt … Und jetzt ist er ein Todgeweihter, und das Leben in der kühlen, bemoosten Dunkelheit unter den Baumkronen wird ohne ihn weitergehen.

Der Barde seufzt und nimmt Raukes kleine Pfote in seine eigene, große. Die vermummten Mörder sind schon ganz nah heran. Doch als sie vor den beiden stehen bleiben, entfährt Rauke ein erstaunter Ausruf.

„Guck mal!“, ruft er freudig. „Sie tragen Schädelmasken! Sind das etwa Schädeltänzerinnen wie Zarza aus deiner Geschichte?“

Der Barde blickt zu den dreien hoch, die sich um Rauke und ihn herum aufgebaut haben. Unter ihren schwarzen Kapuzenumhängen schauen lange Gewänder hervor, und die Sonnenstrahlen spielen auf den Kreisen, Spiralen und Runen, die in ihre Knochenmasken geritzt sind. Aus den Schlitzen der Masken beobachten ihn drei kalte, ausdruckslose Augenpaare.

„Richtig“, sagt der Barde, „das sind Schädeltänzerinnen. Aber das ist kein Anlass zum Jubel. Sie sind hier, weil sie mich töten wollen.“

Daraufhin greift eine der Vermummten unter ihren Umhang, und die schicksalsergebene Gelassenheit des Alten verflüchtigt sich schlagartig.

„Halt!“, ruft er. „Bitte sorgt dafür, dass der Kleine nichts mitkriegt. Und in meinem Bündel findet ihr ein paar Edelsteine. Die dürft ihr behalten, wenn ihr ihn wieder zum Festplatz zurückbringt … ich meine, hinterher … und jemanden sucht, der sich um ihn kümmert. Er ist nämlich mein Lehrling, und jemand muss ihm erst noch beibringen, wie …“

„Ich bin dein Lehrling?!“ Rauke traut seinen Ohren nicht, und dem Barden fällt ein, dass er nach seiner Unterhaltung mit dem Oberbarden noch gar nicht mit dem Jungen darüber gesprochen hat. Der Tod seines alten Lehrers hat ihn alles andere vergessen lassen.

„Trink!“, befiehlt die Schädeltänzerin und zieht kein Krummschwert unter ihrem Umhang hervor, sondern ein Glasfläschchen. „Und um den Kleinen brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“

„Ihr wollt mich vergiften?“, fragt der Barde ungläubig. „Ist das nicht eher die Methode der Schattenclans aus Hulstland? Verzichtet ihr neuerdings auf Stichwaffen?“

„Trink!“, wiederholt die Schädeltänzerin ungerührt.

Der Barde entkorkt das Fläschchen und schnuppert daran. Baldrian mit zerstoßenen Mohnsamen. Es riecht eher wie ein Schlaftrunk als wie ein todbringendes Gift.

„Nicht!“, schreit Rauke. Er hat Tränen in den Augen.

Der Barde legt ihm beschwichtigend die Pfote auf die Schulter. „Beruhige dich. Wenn ich in meinem Leben eines gelernt habe, dann, dass man niemals mit drei grimmigen Auftragsmörderinnen diskutieren soll, die einen im Nu in Stücke häckseln können.“

Und ehe ihn Rauke davon abhalten kann, kippt er den Inhalt des Fläschchens hinunter. Die Flüssigkeit schmeckt bitter und lässt den Gaumen taub werden. Vielleicht ist ihr auch noch Magnoliensaft zugesetzt oder Lavendel …

… dann schwinden ihm die Sinne.

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Der Tempel

Als Erstes nimmt der Barde wahr, dass er sanft hin und her geschaukelt wird. Allerdings wird er zwischendurch immer wieder mal tüchtig durchgeschüttelt. Er liegt auf dem Rücken und fühlt sich, als wäre sein Kopf mit Angorawolle ausgestopft.

Er hört Holz auf Holz knarzen und Klauen über harten Erdboden scharren. Außerdem dringen das Geraschel von Schilf, die Rufe von Sumpfvögeln (sind es Wasserhühner?) und das hohe Sirren von Mückenschwärmen an sein Ohr.

Dann bin ich wohl doch noch nicht tot, schießt es ihm durch den Kopf. Offenbar liege ich auf einem Karren und werde irgendwohin gebracht.

Und weil er auch einen Verdacht hat wohin, öffnet er blinzelnd ein Auge. Alles ist ein bisschen verschwommen, aber er erkennt Rauke – der Kaninchenjunge hockt neben ihm und hält sich an seinem Umhang fest –, außerdem die Seitenwände des Karrens, mehrere Gestalten, bei denen es sich um die Schädeltänzerinnen handeln muss, und über sich den weiten rosaroten Himmel. Die Sonne geht gerade unter.

„Du bist ja wach!“, ruft Rauke aus und wirft sich vor lauter Begeisterung beinahe auf ihn.

„Geht’s dir gut?“, bringt der Barde mit schwerer Zunge heraus. „Haben sie dir was getan?“

„Nein, die Schwestern waren echt nett zu mir. Wir haben dich alle zusammen den Hügel runtergetragen, und dann haben sie einen Bauern dazu gebracht, uns seinen Karren auszuborgen. Ich glaube, er hat geweint, und vielleicht hat er sich auch in die Hose gemacht. Und jetzt fahren wir nach …“

„… Geripping“, beendet der Barde den Satz. Geripping – der Tempel der Schädeltänzerinnen. Kein Ort, den er immer schon mal sehen wollte. Die Schädeltänzerinnen haben ihn nur deswegen am Leben gelassen, weil sie ihn dort in aller Ruhe vom Diesseits ins Drüben befördern wollen.

Wie um seine Befürchtungen zu bestätigen, kommt im selben Augenblick eine von ihnen an und mustert ihn durch die Augenschlitze ihrer Maske.

„Warum habt ihr mir ein Schlafmittel eingeflößt?“, fragt der Barde. „Ich wäre auch so mitgekommen, ohne mich zu wehren.“

„Reine Vorsichtsmaßnahme“, gibt die Schädeltänzerin zurück. „Es war schwer genug, dich zu finden.“

„Meinen Lehrling habt ihr nicht eingeschläfert.“

„Er ist ein guter Junge.“ Die Schädeltänzerin zupft Rauke spielerisch am Ohr, und er strahlt sie an.

Du kleiner Verräter!, denkt der Barde.

„Wir sind gleich da“, sagt die Schädeltänzerin dann. „Versuch mal, dich aufzurichten.“

Mit ihrer Unterstützung gelingt es dem Barden, sich hinzusetzen. Sein Kopf und sein Blick werden allmählich klarer, und er erkennt jetzt den ganzen Karren, den verstörten Bauern auf dem Kutschbock und die beiden braunen Ratten, die das Gefährt einen holprigen Feldweg entlangziehen. Rechts und links des Weges erstreckt sich eine sumpfige Landschaft, und vor ihnen erhebt sich ein gewaltiger, lang gestreckter Felsen, dessen Oberseite so zerklüftet ist, dass man an das Gerippe eines toten Ungeheuers denkt. Unter diesem Felsen, das weiß der Barde, wohnen und trainieren die Schädeltänzerinnen seit Jahrhunderten und dienen ihrer Göttin. Der bloße Anblick lässt ihn vor Furcht erstarren.

Aber er reißt sich zusammen. „Jetzt, wo ihr mich gefangen genommen habt, könnt ihr mir doch verraten, wer euch dafür bezahlt hat, dass ihr mich umbringt. Ich habe zwar schon eine Ahnung, aber ich würde gern sichergehen.“

„Das findest du noch früh genug heraus“, entgegnet die Schädeltänzerin knapp und gesellt sich wieder zu ihren Schwestern. Dem Barden bleibt nichts anderes übrig, als zuzuschauen, wie Geripping näher und näher kommt.

Sie fahren bis vors Tor und steigen dann ab. Der verängstigte Bauer lässt seine Ratten sofort davongaloppieren. Als Rauke und der Barde wieder auf festem Boden stehen, verschlägt ihnen der Anblick der zwei riesigen Figuren, die zu beiden Seiten des Eingangs aus dem Granitfelsen herausgemeißelt sind, den Atem. Trotz seiner Todesangst ist der Barde beeindruckt.

Die linke Figur stellt ein schlankes, anmutiges Weibchen dar. Es trägt ein langes Gewand, und an seinem Gürtel baumeln Totenschädel. Eine Pfote ruht auf dem mit Pfeilen gefüllten Köcher, den es umgehängt hat. „Das ist Nixha“, erklärt der Barde seinem Schützling. „Göttin des Todes und Zwillingsschwester von Estra. Die Schädeltänzerinnen verehren sie.“

„Und die andere?“, will Rauke wissen. Die rechte Figur stellt ein maskiertes Kaninchen dar, das ein wuchtiges Schwert mit auffallend krummer Klinge in der Pfote hält.

„Das muss Cero sein, die allererste Schädeltänzerin. Sie war die Tochter eines Stammesführers und sollte gegen ihren Willen mit dem Sohn des benachbarten Stammesführers vermählt werden. Doch das Ganze war eine List. Als Ceros Stamm ihren Zukünftigen und seine Familie in ihren Bau einlud, griffen die Gäste plötzlich zu den Waffen.“

„Wurde Cero umgebracht?“

„Nein, sie hat den Überfall als Einzige überlebt. Danach ist sie in die Welt hinausgezogen und hat gelernt, wie man kämpft. Richtig kämpft.“

„Und hat sie sich an ihrem hinterhältigen Zukünftigen gerächt?“

„Allerdings. Sie hat ihn und seinen ganzen Stamm in so kleine Stücke gehackt, dass die Leichen in Holzeimern bestattet werden mussten. Nixha soll das alles beobachtet haben und war so angetan, dass sie Cero aufforderte, hierherzukommen und weitere Kaninchen zu Dienerinnen der Göttin auszubilden. Die ganze Geschichte erzähle ich dir ein andermal.“ Der Barde schluckt hörbar und fügt ein „Hoffentlich!“ an.

Nun legen ihm zwei Schädeltänzerinnen von hinten die Pfoten auf die Schultern und schieben ihn vor sich her. Eine dritte winkt in Richtung Eingang und gibt offenbar jemandem drinnen im Bau ein Zeichen. Die schweren Torflügel öffnen sich knarrend. Unter den ungerührten Blicken der steinernen Nixha und ihrer ersten Dienerin werden Rauke und sein Lehrmeister in den Tempel abgeführt.

Als sie eintreten, schnappt Rauke nach Luft. Ein derart riesiges Bauwerk kennt der kleine Kaninchenjunge noch nicht, und schon gar nicht eines, das überwiegend aus Stein besteht.

Auch der breite Eingangstunnel hat Wände aus Granit und sogar einen geschliffenen Marmorboden. An den Wänden hängen so viele Öllampen, dass es heller ist als in den meisten Kaninchenbauen. Die hohe Decke ist gewölbt und in Felder eingeteilt, die für den Geschmack des Barden mit entschieden zu vielen Schädelmotiven verziert sind. Überall hängen schwarz-weiße Wandteppiche, auf denen Nixha beim Töten dargestellt ist. Auf den meisten Abbildungen benutzt sie dazu ihren Bogen, manchmal aber auch ein Schwert, ein Messer oder eine Axt – sogar eine Mistgabel. Dem Barden bricht der kalte Schweiß aus.

„Guck mal – noch mehr Schädeltänzerinnen!“, zischt Rauke ihm zu. Der Barde hat sie auch gesehen, freut sich aber nicht so darüber wie sein Lehrling. Es wimmelt nur so von maskierten Schwestern, die lautlos wie Eisläuferinnen über den schimmernden Marmorboden huschen. Ihre langen Gewänder sind grau oder schwarz, manche sind mit Silberborten geschmückt. Ein paar tragen auch Weiß und sind unmaskiert.

Rauke zeigt auf Letztere. „Und wer sind die da?“

„Novizinnen“, antwortet der Barde. „Sie sind dem Orden gerade erst beigetreten und müssen sich ihre Masken noch verdienen.“

„Für jemanden, der noch nie hier war, weißt du aber gut über uns Bescheid“, sagt eine der Schädeltänzerinnen hinter ihnen.

Der Barde schluckt wieder. „Ich habe schon so meine Erfahrungen mit eurer Schwesternschaft gemacht“, erwidert er und schiebt eilig hinterher: „Nur gute natürlich!“

„Was ist denn da drin?“ Rauke zeigt auf einen Torbogen beziehungsweise auf die Kammer dahinter, die anscheinend lauter hohe Erdhaufen enthält.

„Die Termitenhügel“, lautet die Antwort.

„Wozu sind die gut?“ Rauke will stehen bleiben, um sich die Hügel näher anzusehen, wird aber weitergeschoben.

„Schädeltänzerinnen müssen jeden Tag töten“, ruft ihm der Barde ins Gedächtnis. „Das ist bei ihnen so Brauch. Sie haben immer ein paar Insekten in der Tasche, damit nicht jedes Mal ein Kaninchen dran glauben muss.“

Beide blicken unwillkürlich auf die Gürtel der Tänzerinnen, die vor ihnen laufen. Neben den ledernen Schwertscheiden baumeln kleine Beutel. Rauke würde gern mal sehen, wie ein Insekt getötet wird. Der Barde dagegen hofft inständig, dass das Töten für heute schon erledigt ist.

„Der Gerichtssaal“, verkündet jetzt eine ihrer Bewacherinnen. Der runde Raum ist riesig, und als Rauke und der Barde nach oben schauen, sehen sie, dass die Decke aus dem zerklüfteten Gestein des Felsens selbst besteht. Ein gewaltiger Kronleuchter brennt gleißend hell und wirft scharfkantige, sich überschneidende Schatten.

Zwischen den Säulen am Rand des Saales hängen wieder schwarz-weiße Bildteppiche, die von der Decke bis zum Boden reichen. Auf den ersten Blick zeigen sie allesamt die gleiche Schädelmaske. Erst beim zweiten Hinschauen erkennt der Barde, dass die Masken verschieden gemustert sind.

Sie werden an einer tiefen Grube vorbeigeführt, die in den Marmorboden eingelassen ist. Der Barde späht hinein. Er sieht bergeweise Knochen und an der hinteren Wand einen Käfig. Er glaubt, hinter den Gitterstäben zwei Augen glühen zu sehen und ein heiseres Keckern zu hören, aber als er noch einmal hinschaut, ist nichts mehr zu erkennen.

Der Barde rechnet schon damit, in die Tiefe gestoßen zu werden, als Mahlzeit für das ausgehungerte Hermelin oder Wiesel, das anscheinend dort unten eingesperrt ist, aber die Bewacherinnen marschieren weiter bis ans andere Ende des Saales. Dort steht halb im Schatten ein erhöhter Thron, der mit geschnitzten Totenköpfen aller Größen verziert ist. Auf dem Thron sitzt eine Schädeltänzerin. Sie ist schon alt und trägt ein schwarzes Gewand mit blutroten Borten. Ihre Maske ist über und über mit silbernen Spiralen verziert, auf der Stirn funkelt ein roter Rubin. Die Augen hinter den Schlitzen sind kalt und eisblau und beobachten, ohne zu blinzeln, wie Rauke und der Barde vor den Thron geführt werden.

„Ich glaube, wir knien uns am besten hin“, raunt der Alte seinem Lehrling zu. Beide lassen sich auf die Knie fallen und warten darauf, dass die Thronende das Wort an sie richtet.

„Du bist Wulf der Wanderer“, sagt sie schließlich. Es ist eine Feststellung, keine Frage, und auch wenn ihre Stimme vom Alter brüchig ist, verströmt sie doch Autorität.

„Ganz recht, Gnädigste.“ Der Barde neigt den Kopf mit der Kapuze.

„Ich bin keine Gnädigste. Ich bin die Mutter Oberin, aber du darfst mich mit meinem Ordensnamen anreden: Sythica.“ Sie zeigt mit der weißen Pfote auf Rauke. „Wer ist das?“

„Das ist mein Lehrling, Gnä… äh, Sythica“, antwortet der Barde. „Er hat mit der ganzen Sache nichts zu tun. Könnt ihr ihn nicht einfach laufen lassen?“

„Wir wissen über ihn Bescheid.“ Nach einer Pause fragt Sythica: „Und du weißt, dass man uns ein Kopfgeld für dich geboten hat?“

„Ja.“ Der Barde muss wieder schlucken und denkt an die Wieselgrube. Bei lebendigem Leib gefressen zu werden, ist bestimmt sehr qualvoll.

„Und weißt du auch, warum?“

„Ich glaube schon“, sagt der Barde. „Weil ich im falschen Bau die falsche Geschichte erzählt habe, nicht wahr?“

„Ganz recht. Im Goldbach-Bau. Und dann auch noch auf der Hochzeit des Stammesführers. In der Geschichte ging es um uns, richtig?“

Der Barde verzieht das Gesicht. „Ja, euer Orden kam auch darin vor. Am Rande.“

Sythica nickt. „Aus diesem Grund haben wir beschlossen, dich nicht hinzurichten.“ Der Barde will schon aufatmen, da setzt sie hinzu: „Noch nicht.“

„Noch nicht?“, wiederholt er fragend.

„Wir möchten erst die Geschichte hören, mit der du dir das Kopfgeld eingebrockt hast. Du sollst sie uns genau so erzählen wie dem Goldbach-Stamm, Wort für Wort. Danach entscheiden wir, ob sie so beleidigend ist, dass du den Tod verdienst, und wenn die Göttin Nixha dafür ist, musst du sterben.“

„Und wenn der Göttin die Geschichte gefällt?“

„Dann lassen wir dich frei.“

Der Barde räuspert sich und will gleich anfangen, aber Sythica gibt seinen Bewacherinnen ein Zeichen, und sie ziehen den Alten auf die Pfoten.

„Das hat bis morgen früh Zeit“, sagt Sythica. „Bis dahin seid ihr unsere Gäste.“

„Toll!“, freut sich Rauke, als sie aus dem Saal geführt werden. „Ich war noch nie irgendwo zu Gast!“

„Ich glaube, sie meinte eher ‚Gefangene‘“, gibt der Barde zurück, aber im Grunde macht er sich deswegen keine großen Sorgen. Man hat ihm nicht nur eine Chance gewährt, am Leben zu bleiben, sondern diese Chance besteht auch darin, dass er eine Geschichte erzählt. Und Geschichtenerzählen ist schließlich das, was er am besten kann.

Sie werden erst in einen Seitengang geführt und dann in eine kleine Zelle mit Steinwänden, zwei Holzpritschen und einem Waschtisch. Auf einem weiteren Tisch steht schon eine einfache Mahlzeit aus Salat und gewürfelten Möhren bereit. Während Rauke und der Barde sich noch umschauen, gehen ihre Bewacherinnen hinaus und ziehen die Tür hinter sich zu. Klick! macht es, als der Schlüssel herumgedreht wird.

Gefangene …

Rauke greift sich eine Pfote voll Salatblätter und stopft sie sich gierig ins Maul. Dann fängt er noch kauend an, den Alten mit Fragen zu bombardieren. Salatfetzen landen auf seinem Brustfell. „Wollen dich die Schädeltänzerinnen wirklich hinrichten? Was hast du denn im Goldbach-Bau für eine Geschichte erzählt? Hatte Podkin nicht auch mit jemandem vom Goldbach-Stamm zu tun?“

„Richtig. Mit Wicke.“ Die letzte Geschichte, die der Barde seinem Lehrling erzählt hat, handelte davon, wie Podkin den heiligen Hammer von Apfelfurt holen sollte und unterwegs ein paar neue Bekanntschaften geschlossen hat. Mit einer Schädeltänzerin namens Zarza, einem Barden namens Garbe und mit Wicke, einem Rammler aus dem wohlhabendsten Bau in ganz Gotland.

„Ja, den meine ich!“, sagt Rauke eifrig. „Hast du den Goldbach-Kaninchen von ihm erzählt? Offenbar hat ihnen die Geschichte gar nicht gefallen, sonst würden sie dir jetzt nicht den Tod wünschen, oder? Was kann an einer Geschichte so schlimm sein? Geschichten sollen doch Vergnügen bereiten!“

„Manche Geschichten erzählt man zum Vergnügen, andere, damit die Zuhörer etwas daraus lernen“, entgegnet der Barde. „Manche sollen das Publikum zum Nachdenken anregen, und andere … andere sollen die Wahrheit offenbaren. Und die verträgt nun mal nicht jeder.“

Darüber muss Rauke erst nachdenken. Nach einer kurzen Pause will er die nächste Fragensalve abfeuern, doch da steht der Barde schon vor einer der beiden Pritschen. Er ist von dem Schlafmittel immer noch benommen, und jetzt, da seine Hinrichtung anscheinend aufgeschoben ist, fühlen sich seine Vorder- und Hinterläufe auf einmal so schwer an, als wären sie aus Stein. Er lässt sich auf das Lager plumpsen und ist sofort eingeschlafen. Kein Bartziepen und kein Ohrzupfen können ihn wecken.

Ein paar Stunden darauf wird die Zellentür mit lautem Schlüsselgeklirr wieder aufgeschlossen, und zwei weißgewandete Novizinnen kommen herein.

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