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Podkin Einohr, Band 2: Das Geheimnis im Finsterbau

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Prolog

Er träumt immer noch von ihnen. Es sind Albträume, aus denen er mit aufgerissenen Augen hochschreckt und nach Luft ringt. Dann holen ihn die sechzig Jahre alten Ängste wieder ein.

Seltsamerweise sind es aber nie die Gorm selbst, von denen er träumt – jene furchteinflößenden Bestien mit ihren eisernen Panzern und trüben roten Augen. Dabei sollte man doch denken, dass allein ihr Anblick ihn bis ans Ende seiner Tage verfolgen würde.

Nein, es sind die Krähen, die ihn in seinen Träumen heimsuchen, die abgerichteten Spitzel der Gorm. Ursprünglich ganz gewöhnliche Vögel, die aber von ihren Herren in bösartige Geschöpfe mit messerscharfen Schnäbeln und struppigem Eisengefieder verwandelt wurden.

Im Traum sieht er, wie sie sich in Schwärmen am Himmel sammeln, wie sie metallisch scheppernd über ihm kreisen und dabei schrill und abgehackt krächzen – so laut wie tausend Hämmer, die auf tausend Ambosse niederdonnern.

Wenn sie mit den Flügeln zusammenstoßen, sprühen Funken durch die Luft, und im Traum ist er wieder ein schmächtiger Kaninchenjunge, der ängstlich zu ihnen hochspäht und inständig hofft, dass sie ihn nicht entdecken, wie er allein und wehrlos mitten auf freiem Feld steht.

Aber sie entdecken ihn jedes Mal.

Erst ist es nur ein einzelnes rotes Auge, das sich auf ihn richtet. Ein einzelner, misstönender Schrei, mit dem sich eine der Krähen aus der Schar ihrer Artgenossen löst und in den Sturzflug geht. Doch dann erspähen ihn auch die anderen und reißen gierig die tödlich spitzen Schnäbel auf …

Und wenn es eine gute Nacht ist, wird er rechtzeitig wach.

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Kuckuck

Der Dornhag-Bau liegt noch in tiefstem Schlummer, als der Barde auf Zehenspitzen seine Schlafkammer verlässt. Der Krähentraum sitzt ihm noch in den Knochen, und immer wieder glaubt er, eisengefiederte Flügel quietschen zu hören.

Die Langhöhle ist verlassen. Nur ein einsamer Rammler hat den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt und schnarcht vor sich hin. Vor ihm steht noch der leere Metbecher, und unter seinem Maul hat sich auf der Tischplatte eine kleine Sabberpfütze gebildet. Das Feuer ist so gut wie heruntergebrannt, die Glut taucht den großen Raum in mattrotes Licht. Der Barde zieht seinen Umhang um sich und huscht an dem Schlafenden vorbei in den zugigen Tunnel, der zum Ausgang führt.

Der Torwächter, ein muskulöser, mürrischer Bursche, ist ebenfalls eingeschlafen. Er atmet schnaufend, und seine Ohren zucken, weil auch er gerade träumt. Der Barde nimmt sich vor, den Pflichtvergessenen dem Stammesführer Hubert zu melden, schleicht sich an ihm vorbei und drückt einen der schweren Torflügel gerade so weit auf, dass er ins Freie schlüpfen kann.

Die Morgendämmerung steht unmittelbar bevor, zwischen den kahlen Ästen der Bäume wird der Himmel schon hell. Der Schnee auf der Erde ist geschmolzen, und hier und da lugen schon ein tapferer Krokus oder ein Schneeglöckchen aus dem kalten, harten Boden und kündigen den Frühling an. Der Barde schlägt den Pfad ein, der zwischen den Bäumen hindurch zum Waldrand führt. Von dort aus blickt man auf die Schroffhöhen, die sich nach Osten erstrecken. Eine Nebeldecke liegt über dem Tal, und die aneinandergereihten Hügelkuppen gleichen einer Riesenschlange, die sich durch ein Meer aus weißem Dunst windet.

Der Barde steht da und schaut nur, atmet die frische, verheißungsvolle Luft in tiefen Zügen ein. Bald werden an den Zweigen die ersten knittrigen Blätter sprießen und mit ihrem leuchtenden Grün die letzte Erinnerung an den Winter vertreiben.

Es ist an der Zeit weiterzuziehen, geht es ihm durch den Kopf. Es kommt nicht oft vor, dass er ein Vierteljahr lang an ein und demselben Ort bleibt (und das aus gutem Grund). Es kommt aber auch nicht oft vor, dass er seinen großen Bruder sieht.

Podkin. Der Barde seufzt. Er bedauert es jetzt schon, ihn wieder verlassen zu müssen. Für alle anderen Kaninchen im Bau ist Pod nur ein alter Graubart wie viele andere. Ein ausgemusterter Krieger, der Abend für Abend in einem Winkel der Langhöhle hockt, mit den anderen Veteranen Fuchspfote spielt oder döst. Wenn sie wüssten …

Als hinter ihm ein Zweig knackt, wird er aus seinen Grübeleien gerissen. Kleine Pfoten trippeln, und etwas flitzt hinter einen Busch.

„Du kannst ruhig rauskommen“, sagt der Barde. „Du bewegst dich ungefähr so lautlos wie ein übergewichtiger Dachs in Steinpantoffeln.“

Im Gebüsch raschelt es, und eine kleine Gestalt mit großen Ohren und braungeschecktem Fell kommt zum Vorschein. Es ist der jüngste Sohn des Stammesführers, der jeden Abend gebannt den Geschichten des Barden lauscht und ihn ab und zu mit gescheiten Bemerkungen oder wissbegierigen Fragen unterbricht. „Das kluge Kerlchen“ nennt ihn der Barde bei sich, auch wenn er inzwischen weiß, dass der Kleine „Rauke“ heißt.

„Bitte sei nicht böse“, sagt Rauke kleinlaut. „Ich habe dir nicht nachspioniert, ich wollte nur …“

„Hinter mir herschleichen und mich beobachten? Wenn das nicht Nachspionieren ist, weiß ich auch nicht.“

„Ja … das stimmt. Bitte sei nicht böse.“ Der Kleine sieht aus, als wollte er gleich in Tränen ausbrechen. Er hat schon etliche Male verkündet, dass er später auch Barde werden will, und jetzt hat er Angst, dass er es sich mit dem Alten verdorben hat. Doch der hat Mitleid mit ihm.

„Lass gut sein. Ich hatte sowieso nichts Spannendes vor. Mich interessiert eher, wie du um diese frühe Stunde mitbekommen hast, dass ich den Bau verlassen habe. Müsstest du denn nicht noch schlafen?“

„Ich teile mir das Lager mit meinen sechs Brüdern“, erwidert Rauke, „und die schnarchen alle sechs so laut, dass ich kein Auge zubekomme. Deswegen habe ich mich in der Langhöhle unter einen Tisch gesetzt und mir Geschichten ausgedacht … und dann bist du vorbeigekommen. Da bin ich neugierig geworden und dir gefolgt. Ich will nämlich später unbedingt auch mal Barde werden – so wie du!“

„Das hast du mir schon mindestens tausendmal erzählt“, gibt der Barde zurück und streicht sich nachdenklich den Bart. Soll er den Kleinen in seinem Berufswunsch ermutigen? Was, wenn Huberts Sohn ein schlechter Geschichtenerzähler ist? Dann muss er es ihm sagen, und das wird für beide unangenehm. Und was, wenn er tatsächlich Talent hat? Als Barde ist es eigentlich seine Pflicht, begabte Neulinge auszubilden. Aber das kann ich nicht, denkt er. Nicht so, wie die Dinge momentan stehen …

Dann merkt er, dass Rauke immer noch erwartungsvoll zu ihm aufschaut. Der Alte hätte gleich „Lass mich in Frieden!“ sagen und ihn wegscheuchen sollen, aber dafür ist es jetzt zu spät. Jetzt muss er irgendetwas Passendes erwidern oder tun. Vorzugsweise etwas Ermutigendes.

Er wird Huberts Sohn auf die Probe stellen, so wie es seinerzeit sein alter Lehrer mit ihm selbst gemacht hat. Er schlurft zu einem umgestürzten Baum und nimmt auf dem mit Moos und Flechten gepolsterten Stamm Platz. Rauke kommt hinterhergetrippelt und lässt ihn nicht aus den großen braunen Augen. Der Alte mustert ihn noch einmal forschend, dann nickt er ihm zu.

„Na schön, Kleiner“, sagt er, „dann zeig doch mal, was du kannst. Erzähl mir eine Geschichte.“

„Eine Geschichte? Hier? Jetzt gleich?“, Raukes Ohren beben vor Aufregung. Er hat sich noch nie vorgestellt, dass er seine Geschichten jemandem erzählt – schon gar nicht seinem großen Vorbild.

„Klar. Leg los!“ Die Augen des Barden funkeln belustigt. „Ich schlage die Geschichte von den Zwölf Gaben vor. Die habe ich euch in diesem Winter schon mindestens fünf Mal erzählt.“

Rauke schluckt. Holt tief Luft. Dann fördert er die Geschichte aus seinem Gedächtnis zutage und beginnt ein wenig stockend: „Also … das Ganze ist schon lange her … richtig lange her. Die Welt war noch ganz neu, die Kaninchenheit stand noch am Anfang …“

Er schaut Zustimmung heischend zu dem Alten hoch, aber der lässt sich nichts anmerken. Rauke fährt fort. „Die Göttin hatte die Anführer der Zwölf Stämme zusammengerufen, weil sie ihnen Geschenke machen wollte. Sie haben sich alle an den Mondkreis-Felsen versammelt und gefeiert, mit bergeweise leckerem Essen und so.

Dann ist die Göttin erschienen, und sie hatte zwölf zaubermächtige Gaben dabei. Aber die Sache hatte einen Haken. Die Gaben besaßen Zauberkräfte, aber jede hatte auch eine Schwachstelle. Die Göttin wollte nämlich, dass die Stammesführer klug mit ihnen umgehen und nicht übermütig werden.

Außerdem besitzt jede dieser Gaben ihre eigenen Fähigkeiten. Der Dolch des Gänseblum-Stammes durchtrennt alles außer Eisen, mit der Sichel der Rotwasser-Kaninchen kann man Gift aufspüren, und der Sandufer-Helm macht seinen Träger unsichtbar.“

Jetzt weiß Rauke nicht mehr recht weiter und blickt wieder fragend zu dem Alten hoch. Vor Publikum zu erzählen, ist nicht so leicht, wie er gedacht hat. „Äh … und damit ist die Geschichte zu Ende“, schließt er lahm.

„Hm“, macht der Barde nur. Und noch einmal: „Hm.“

„War das gut?“

„Hm.“

„Aus mir wird nie ein Barde, stimmt’s?“ Wieder sieht Rauke aus, als ob er gleich losheulen will.

„Für den Anfang war es gar nicht so übel“, schwindelt der Alte rasch. „Aber du hättest die Geschichte ruhig noch ein bisschen ausschmücken können. Zum Beispiel … wie hießen die zwölf Stammesführer denn mit Namen?“

Rauke überlegt so angestrengt, dass er die Zungenspitze herausstreckt. „Also … der Stammesführer der Rotwasser-Kaninchen war Rotpelz der Heiler. Und der Stammesführer von Finsterbau hieß Graupelz der Heimliche. Ach ja, und der Anführer von Gänseblum war damals Einzel der Einsame – den mag ich von allen am liebsten!“

„Dann beschreib ihn mir doch mal. Wie war er auf der Versammlung gekleidet? Welche Farbe hatten sein Fell und seine Augen? Was war seine Lieblingsspeise? Und bei welchen Liedern sang er gern mit?“

Rauke sieht den Barden an, als sei der Alte nicht bei Trost. „Woher soll ich das wissen? Das ist doch hundert Millionen Jahre her! Alle, die damals dabei waren, sind längst tot!“

„Das stimmt zwar“, gibt der Barde zurück, „aber darauf kommt es nicht an. An diesem Punkt zeigt sich, ob du wirklich Talent hast! Was du eben erzählt hast, war noch keine Geschichte. Es war nur das Skelett einer Geschichte. Du hast ein paar Tatsachen aufgezählt, aber du hast ihnen kein Leben eingehaucht. Die Aufgabe eines Barden ist es, so ein Skelett mit Fleisch, Fell und Ohren zu versehen! Die Personen müssen lebendig werden. Du musst dir in deiner Fantasie deinen eigenen Einzel erschaffen und ihn deinen Zuhörern präsentieren! Es macht nichts, wenn er anders ist als der echte Einzel, denn der ist längst tot, wie du richtig gesagt hast. Wer will dir da beweisen, dass du die Unwahrheit sagst? Tja – üb einfach noch ein paar Jährchen fleißig weiter, dann hast du den Bogen bestimmt irgendwann raus.“

Der Barde ist mit sich zufrieden. Er hat Rauke die Wahrheit so schonend wie möglich beigebracht, die Träume des Kleinen aber trotzdem nicht endgültig zunichtegemacht. Schwerfällig erhebt er sich. Im Bau gibt es gleich Frühstück. Doch da räuspert sich Rauke vernehmlich.

„Einzel hat schneeweißes Fell und himmelblaue Augen. Weil er aus den Eislanden stammt, hat er wie alle Krieger dort das lange Haar oben auf dem Kopf zu Stacheln gezwirbelt. Sein Wams und seine Hose sind dunkelgrün, und er trägt einen silbernen Halsring. Auf der linken Wange hat er eine lange Narbe, weil er mal ein Wiesel mit bloßen Pfoten getötet hat. Wie alle Kaninchen isst er gern Möhren, Radieschen und Rüben, aber seine Lieblingsspeise sind die Krähenbeeren, die in seiner Heimat wachsen. Er ist ziemlich wortkarg, und wenn er doch mal etwas sagt, hört man, dass er von woanders herkommt. Die anderen Kaninchen fragen ihn immer wieder, warum er die Eislande verlassen hat, aber er äußert sich nicht dazu. Und von den zwölf Stammesführern ist er der Erste, der seine Gabe aus den Pfoten der Göttin empfängt – einen Kupferdolch mit einer Klinge so blank wie ein Stern, weshalb die Waffe auch den Beinamen ‚Sternenklaue‘ trägt.“

Dem Barden ist vor Staunen die Kinnlade heruntergefallen. Während Rauke gesprochen hat, war sein Blick so abwesend, als weilte er in einer anderen Welt, doch jetzt schüttelt er sich energisch und kommt wieder zu sich. Er scheint gar nicht richtig mitbekommen zu haben, was mit ihm vorgegangen ist.

Doch der Barde weiß Bescheid. Rauke ist in die typische Trance eines echten Geschichtenerzählers gefallen, jenen Zustand, in dem man zwar körperlich anwesend, aber in Gedanken ganz woanders ist. Das bedeutet leider, dass Huberts Sohn doch Talent besitzt und dass sich der Alte darum kümmern muss.

Wie zur Bestätigung ruft jetzt irgendwo im Wald ein Kuckuck. Der erste Kuckuck des Frühlings – das kann nur ein Zeichen der Göttin sein.

Dem Barden entfährt ein zwar gedämpfter, aber ziemlich derber Fluch.

„Wie bitte?“, fragt Rauke erstaunt. „Hast du eben ,Dachshintern!‘ gesagt?“

„Ich? Nein. Ganz bestimmt nicht“, erwidert der Barde und seufzt abermals. „Komm jetzt. Wir müssen wieder hinein und es hinter uns bringen.“

„Hinter uns bringen? Was denn?“ Rauke versteht allmählich gar nichts mehr.

„Wir müssen deinen Vater fragen, ob du Bardenlehrling werden darfst.“

Der Barde macht kehrt und schlurft wieder in Richtung Bau, und ein hoch erfreuter Kaninchenjunge hüpft hinter ihm her.

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Dunkle Gänge

Überraschenderweise freut sich Hubert, dass sein jüngster Sohn seine Berufung gefunden hat. Er hat noch sechs weitere Söhne, und die bereiten ihm schon genug Kopfzerbrechen.

Hubertus, der Älteste, bereitet sich darauf vor, eines Tages seinem Vater als Stammesführer nachzufolgen. Sein Bruder Hubertian macht es genauso (vorsichtshalber) und der Drittälteste, Huberdink, ebenfalls. Niemand kann Hubert vorwerfen, dass er nicht umsichtig ist. Von den übrigen dreien soll Petersil demnächst nach Thrianta aufbrechen und in der Tempelstadt Fyr Druide werden, Thymian macht eine Schmiedelehre, und Dill möchte (nachdem er ausgiebig darüber nachgedacht hat) Rübenbauer werden. Was seinen siebten Sohn Rauke betrifft, sind Hubert die Ideen ausgegangen.

Darum ist es rasch beschlossene Sache, dass ihn der Barde mitnehmen soll. Zwar hat der alte Geschichtenerzähler klargestellt, dass er selbst Rauke nicht ausbilden kann (warum nicht, will er nicht sagen), aber dafür weiß er, wo ein geeigneter Lehrmeister zu finden ist. Sie wollen nach dem Frühlingsfest am Lapinustag aufbrechen, und der ganze Stamm wird sie verabschieden.

Insgeheim hat der Barde den Verdacht, dass Hubert ihn so bald wie möglich loswerden will. Schließlich hat er die Gastfreundschaft der Gänseblum-Kaninchen schon etliche Wochen länger in Anspruch genommen, als es vorgesehen war. Ja, es wird höchste Zeit weiterzuziehen – trotzdem fällt es dem Alten schwer, seinem Bruder Lebewohl zu sagen. Sie werden beide nicht jünger, jeder Abschied kann der letzte sein. Und so, wie seine Lage momentan ist … der Barde kann von Glück sagen, wenn ihn dereinst nur die Altersschwäche dahinrafft.

Am Morgen des Festes kleiden sich alle Bewohner des Baus in Frühlingsgrün und leuchtendes Gelb. Sie stecken sich Narzissen und Kirschblüten hinter die Ohren, hängen sich Kränze um den Hals und tragen frisch geschnittene Haselruten, an denen schon pralle Knospen sitzen, in den Pfoten. Dann beladen sie Karren mit Essen und Trinken und machen sich zum Steinkreis am Waldrand auf, wo sie den ganzen Tag mit Schmausen, Tanz und Gesang verbringen.

Was das Festmahl angeht, so besteht es sowohl aus den letzten Resten der Wintervorräte als auch aus den ersten Köstlichkeiten der neuen Jahreszeit. Es gibt eingekochte Früchte in Steinguttöpfen – Brombeeren, Holunderbeeren und Himbeeren –, außerdem Maisbrot, gedörrte Pastinaken, Löwenzahnsalat mit gerösteten Kürbiskernen, Fenchelfladen, Kressesuppe, Senf und Spargel mit zerlassener Butter.

Für die Unterhaltung sorgen Spielleute, Stelzenläufer, Jongleure und Akrobaten, und die Kinder suchen die bemalten Holzmöhren, die die Erwachsenen überall auf dem Hügel für sie versteckt haben. Anschließend führt das Grüne Kaninchen den Tanz um den Steinkreis an (in Wahrheit handelt es sich um den pflichtvergessenen Torwächter, der sich von oben bis unten mit Laub und Zweigen behängt hat und dem diese Aufgabe als Bestrafung dafür aufgedrückt wurde, dass er im Dienst geschlafen hat, was ihm aber niemand mehr vorhält). Der Barde wird aufgefordert, eine letzte Geschichte zu erzählen – die Geschichte, wie die Göttin einst Lapinus als allererstes Kaninchen überhaupt erschaffen und so innig geliebt hat, dass es ihr das Herz brach, als ihre Schwester – die Todesgöttin Nixha – ihn mit Pfeil und Bogen erlegte. Doch statt Lapinus sterben zu lassen, versetzte die Göttin seine Seele auf den Mond, damit sie jede Nacht zu ihm emporblicken kann.

Die Zuhörer applaudieren, der Barde verbeugt sich, und das ist das Zeichen zum Aufbruch. Alle Anwesenden umarmen den Alten oder schütteln ihm die Pfote, und man packt ihm reichlich Reiseproviant ein. Raukes Mutter weint, und sein Vater hat offenbar etwas im Auge (natürlich keine Tränen!). Sie schenken ihrem Sohn einen stabilen Wanderstab aus Eichenholz und einen mit Wolle gefütterten Umhang, der auch als Decke dienen kann. Raukes kleine Freunde umringen ihn aufgeregt. Sie sind furchtbar neidisch, dass er so ein tolles Abenteuer erleben darf.

Der Barde wartet, bis alle anderweitig beschäftigt sind, und geht dann zu seinem Bruder hinüber. Podkin ist mittendrin, scherzt mit den Kindern und plaudert mit den anderen Graubärten über alte Zeiten. Er trägt einen Kapuzenumhang, der sein künstliches Ohr verdeckt, und stützt sich schwer auf einen Stock; abgesehen davon wirkt er genauso frühlingshaft unbeschwert wie die Jüngsten. Der Barde sucht seinen Blick und winkt ihn zu sich. Die Brüder umarmen sich kumpelhaft, dann fasst der Barde Podkin bei den Schultern.

„Bitte pass auf dich auf! Wenn ich das nächste Mal hier vorbeikomme, möchte ich dich gesund und munter antreffen!“ Seine Stimme schwankt ein bisschen, als hätte er selbst so seine Zweifel daran.

„Keine Bange“, entgegnet Podkin, „ich werde hier bestens versorgt, und der Frühling tut mir sowieso immer gut. Du hast ja jetzt einen kleinen Schüler, um den du dich kümmern musst.“ Er lacht in sich hinein. „Dass ich das noch mal erlebe! Aber es freut mich für dich.“

„Papperlapapp!“, wehrt der Barde ärgerlich ab. „Der Kleine ist nicht mein Schüler – wie oft muss ich dir das denn noch sagen! Ich nehme ihn nur so lange unter meine Fittiche, bis ich einen Lehrmeister für ihn gefunden habe.“

„Wie du meinst, Brüderchen.“ Podkin grinst zahnlos.

„Es ist mein Ernst!“, gibt der Barde zurück. „So eine Ausbildung zum Barden ist eine ernste Sache. Die alten Geschichten müssen überliefert werden, wie es sich gehört.“

„Und was ist mit meiner Geschichte? Willst du den Rest davon auch noch überliefern?“

„Gut möglich. Spannend ist sie ja.“

Podkin erwidert augenzwinkernd: „Hauptsache, du achtest darauf, dass es meine wahre Geschichte ist. So wie der Teil, den du hier schon erzählt hast. Bitte keinen Unsinn über Ungeheuer und Riesen und so weiter.“

„Ich verspreche dir hiermit, dass ich dein Leben in allen Einzelheiten wahrheitsgetreu schildern werde.“ Der Barde verneigt sich schwungvoll, dann wird er von der Menge der Festgäste, die jetzt wieder in Richtung Bau strebt, von seinem Bruder getrennt. Und kurz darauf wandert er auch schon mit Rauke im Gefolge die Landstraße nach Thrianta entlang, und hinter ihnen verklingen die Abschiedsrufe.

Eine Zeit lang schweigen beide einträchtig. Ihre Wanderstäbe pochen im Gleichtakt auf die Erde, die Proviantbündel hüpfen leise scheppernd auf ihren Rücken – dann platzt Rauke mit den ersten Fragen heraus.

„Verrätst du mir, wo wir eigentlich hinwollen? Und wie weit es noch ist? Und ob du schon einen Lehrmeister für mich weißt? Und ob du schon mal anfangen willst, mich zu unterrichten, solange wir noch unterwegs sind?“

Der Barde verdreht die Augen und sagt halblaut: „Ich hab’s geahnt!“ Dann dreht er sich zu dem Kleinen um. „Kannst du nicht einfach den herrlichen Frühlingstag genießen? Der Himmel ist blau, der Schnee ist getaut. Wir wollen uns daran erfreuen!“

„Ich wüsste trotzdem gern, wo wir hinwollen. Ich möchte nämlich eine Karte von unserem Weg zeichnen. So was muss ich können, wenn ich später selber ein wandernder Barde bin!“

„Barden zeichnen keine Karten, sie haben ein gutes Gedächtnis“, kontert der Alte, dann gibt er seufzend nach: „Aber wenn du es unbedingt wissen willst – wir wollen zum Clarionsfest. Jedes Frühjahr treffen sich dort sämtliche Barden aus allen Fünf Königreichen. Dort finden wir bestimmt jemanden, der sich deiner annimmt.“

Rauke stößt einen Freudenjauchzer aus und hüpft so stürmisch um den Alten herum, dass er ihn beinahe umwirft.

„Ein Bardentreffen? Für Clarion, den Gott der Lieder und Geschichten? Trittst du dort auf? Darf ich auch auftreten? Sind wir bald da? Bringst du mir unterwegs noch eine Geschichte bei, die ich dort erzählen kann?“

„Bei der Unterbuchse der Großen Göttin – musst du mich immer mit Fragen löchern? Das Treffen findet am Schwarzkreis statt, das ist ein Marsch von zwei Tagen. Und wenn du mal fünf Minuten still bist, bringe ich dir meinetwegen eine Geschichte bei. Aber du musst mir versprechen, dass du mich nicht unterbrichst!“

Rauke legt mindestens zehn Sekunden lang feierlich die Zehe aufs Mäulchen, dann platzt er wieder heraus: „Darf ich mir eine Geschichte aussuchen? Bitte, bitte!“

„Wenn es sein muss …“

„Dann wüsste ich gern, wie die Geschichte von Podkin weitergeht. Du hast uns an Frostnachten erzählt, wie er den Anführer der Gorm besiegt hat, aber weiter bist du nicht gekommen.“

„Hmpf!“, macht der Barde. „Das war nicht meine Schuld. Deine Freunde wollten lieber alberne Märchen über Riesenratten und Feuer speiende Dachse hören.“

Ich nicht. Denn die Geschichte von Podkin ist wahr, sie hat sich wirklich so ereignet. Ich wüsste soooo gern, wie sie weitergeht! Ist Podkin vor seinen Feinden geflohen? Oder hat er sich ihnen mutig entgegengestellt? Wie kam es, dass er ein berühmter Held wurde? Und warum nennt man ihn auch ‚Podkin, den Mondläufer‘?“

„Du stellst ja schon wieder lauter Fragen!“ Der Barde bringt den Jungen mit einem strafenden Blick zum Schweigen. Ja, es ist eine wahre Geschichte, geht es ihm durch den Kopf, und sie eignet sich wunderbar für die Ausbildung zum Barden. Und hat er seinem Bruder nicht versprochen, dafür zu sorgen, dass seine Lebensgeschichte in Gänze überliefert wird?

Der Alte räuspert sich, holt tief Luft und fängt an.

Das Ungeheuer mit dem Totenschädelgesicht drückte Podkin das Messer so brutal an die Kehle, dass die scharfe Schneide durch das Fell drang und ihm die Haut aufritzte …

Hoppla – so weit sind wir noch lange nicht. Wie wär’s stattdessen mit …

Podkin hatte in seinem kurzen Leben schon eine ganze Bandbreite von Gefühlen gekostet: Glück, Langeweile, Eifersucht, Todesangst (Letztere reichlich!), aber so allein und verlassen wie jetzt war er sich noch nie vorgekommen …

Nein, so geht es auch nicht.

Es ist ja schon zwei Monate her, dass ich euch den ersten Teil der Geschichte erzählt habe. Bestimmt hast du längst vergessen, wo wir aufgehört hatten – falls du dich überhaupt noch an irgendetwas erinnern kannst.

Regel Nummer eins: Eine Fortsetzung beginnt man am besten mit einer kurzen Zusammenfassung der Ereignisse, die vorher stattgefunden haben.

Also … wenn ich mich recht entsinne, hatten Podkin und seine Freunde das Lager der Gorm überfallen. Sie haben die Gefangenen befreit und sind dann geflohen.

Weißt du denn noch, wo die Gorm herkamen? Es waren die ehemaligen Sandufer-Kaninchen, die beim Bau einer neuen Langhöhle zu tief gegraben hatten und auf einen lebendigen Metallbrocken gestoßen waren, in dem der böse Gott Gormalech hauste. Einst hatte Gormalech die ganze Welt mit giftigem Eisen überzogen – bis ihn die Göttin und ihre Zwillingsschwester mittels einer List unter die Erde verbannt hatten.

Doch dann war er zurückgekehrt, und die Gorm waren seine Gehilfen. In seinem Auftrag hatten sie Podkins elterlichen Bau überfallen, und Podkin hatte zusammen mit seinen Geschwistern – seiner großen Schwester Paz und seinem kleinen Bruder Puk – fliehen müssen. Der Anführer der Gorm, der schreckliche Scramashank persönlich, war hinter den dreien her. Er hatte es auf den heiligen Zauberdolch des Gänseblum-Stammes abgesehen, auf Sternenklaue.

Mehrmals waren die drei jungen Kaninchen dem Tode nah (und Podkin verlor sein Ohr, nicht zu vergessen), doch dann nahm sie zum Glück eine freundliche Waldhexe namens Brigid bei sich auf. Sie erklärte ihnen den Weg zur Knochenwurzel-Siedlung, einem Bau voller Vagabunden und Ausreißer, wo sie die Bekanntschaft eines blinden Kriegers namens Crom machten.

Crom kam ursprünglich aus Finsterbau, das aber inzwischen verlassen war, und dorthin brachte er die Geschwister und ihre neuen Freunde, die beiden Zwergkaninchen Mischi und Maschi, die mit ihnen aus Knochenwurzel geflohen waren und vorher ihren Lebensunterhalt als Akrobaten verdient hatten. Die sechs verkrochen sich dort, bis sie zufällig auf das Lager der Gorm stießen, in dem auch eine Schar Gefangener untergebracht war.

In einer wagemutigen Aktion gelang es ihnen, Podkins Mutter und die anderen Gefangenen zu befreien, und Podkin hackte Scramashank mit Sternenklaue sogar die halbe Hinterpfote ab.

Jetzt bist du wieder im Bilde, oder?

Sehr schön. Nachdem sich die allgemeine Aufregung gelegt hatte, bahnten sich Crom, die Kinder und die befreiten Gefangenen einen Weg durch den verschneiten Grimmwald und kehrten nach Finsterbau zurück.

Erst einmal waren alle außer sich vor Freude. Die Befreiten hoben Podkin hoch, wirbelten ihn herum und schlugen ihm so lange anerkennend auf die Schultern, bis er ganz benommen war. Doch die Begeisterung währte nur kurz, denn die Kaninchen merkten bald, dass die spärlichen Wintervorräte nicht ausreichten, um die vielen Mäuler zu stopfen.

Das Essen hatte ja schon kaum für Crom, die drei Geschwister sowie Mischi und Maschi gereicht. Jetzt mussten sie zusätzlich an die fünfzig halb verhungerte und teilweise verwundete Flüchtlinge satt bekommen, Podkins Mutter und Tante eingeschlossen.

Zu behaupten, dass sich der Winter schwierig gestaltete, wäre eine schamlose Untertreibung. Viele der ehemaligen Gefangenen waren so geschwächt oder krank, dass sie von den knappen Rationen Maisbrot und Kiefernnadelsuppe nicht wieder zu Kräften kamen, und als endlich Tauwetter einsetzte, waren auf der Lichtung in der Nähe des Baus etliche neue Grabsteine hinzugekommen.

Von denen, die den Winter überlebten, zogen einige weiter. Sie wollten nach Süden, nach Orestad und Thrianta, wo es wärmer war und wohin die Gorm noch nicht vorgedrungen waren. Podkin hätte sich ihnen gern angeschlossen, aber nicht mal einen Tag nachdem sie nach Finsterbau zurückgekehrt waren, hatte eine Art Schlafkrankheit seine Mutter und seine Tante befallen. Die beiden wurden nur lange genug wach, um ein paar Schlucke Wasser oder Brühe zu trinken, dann schlummerten sie wieder tief und fest ein. Podkin und Paz versuchten alles, was ihnen einfiel – Bitten, Singen, Geschichtenerzählen, sogar Anschreien –, aber Mutter und Tante reagierten einfach nicht, zuckten nicht mal mit der Ohrspitze oder erwiderten einen Pfotendruck.

Noch fünf weitere Kaninchen litten an der rätselhaften Krankheit, und Brigid, Maschi und Paz hatten alle Pfoten voll zu tun, ihnen immer wieder etwas Flüssigkeit einzuflößen, damit sie nicht austrockneten. Anfangs hatte sich Podkin sehr geängstigt, aber für Brigid waren diese Symptome nichts Neues.

„So etwas kommt manchmal vor, wenn jemand mehr Strapazen durchmacht, als er aushalten kann“, erklärte sie ihm. „Die Ärmsten wurden geschlagen, bekamen nichts zu essen und mussten wochenlang ungeschützt im Schnee schlafen. Sie weilen noch nicht im Drüben, sind aber sozusagen auf dem Weg dorthin – so lange, bis sie sich körperlich wieder erholt haben. Sobald sie neue Kraft geschöpft haben, wachen sie wieder auf, wirst schon sehen.“

Podkin traute sich nicht zu fragen, was passierte, wenn sich jemand nicht wieder erholte. Brigids grimmige Miene war ihm Antwort genug.

Die übrigen Gefangenen waren Flüchtlinge aus Gotland und Enderby. Manche gehörten Ablegern des Gänseblum- oder des Rotwasser-Stammes an, es gab aber auch Marderkaninchen aus Kirschhag und Efeurank, Schlappohren aus Apfelfurt und gefleckte Kaninchen aus Sturmquell und Hügelgrund. Einige kamen auch aus kleineren Bauen, von denen Podkin noch nie gehört hatte, wie zum Beispiel Krötingen und Wimmelburg. Sogar eine Kriegerin aus dem fernen Schwarzfels war unter ihnen.

Die meisten waren immer noch so angeschlagen, dass sie gerade mal am Feuer sitzen konnten. Man hatte die Langhöhle von Finsterbau in eine Art Krankensaal verwandelt und reihenweise Matratzen auf den Boden gelegt. Auch Brigid schlief dort und war Tag und Nacht für ihre Patienten da. Paz half ihr eifrig und lernte dabei eine Menge über Heilkunde. Maschi, der aus einem Bergdorf kam und sich mit Kräutern auskannte, beteiligte sich ebenfalls an der Krankenpflege, und seine Zwillingsschwester Mischi zog jeden Tag mit einer Gruppe kräftigerer Überlebender in den Wald, sammelte Essbares und hielt nach Gorm und anderen Gefahren Ausschau.

Puk dagegen war nicht mehr von seiner wiedergefundenen Mutter zu trennen. Er kuschelte sich an die Schlafende, sang ihr in seiner Babysprache selbst erfundene Lieder vor oder spielte auf ihrem Lager mit den Orakelknochen, die ihm Brigid geschenkt hatte. Podkin bewohnte als Einziger noch die Schlafkammer der Geschwister und fühlte sich nachts sehr allein. Vor allem, wenn er wieder einmal schwitzend und schreiend aus einem Albtraum hochschreckte – was mindestens einmal pro Nacht vorkam. Seine Albträume handelten von quietschenden Eisenpanzern und rotäugigen Bestien. Von Scramashank, dem Anführer der Gorm, und von seinem eigenen Vater, der mit erhobenem Silberschwert aufrecht vor Scramashank stand und seinem Tod ins Auge blickte.

Allen, die sich in Finsterbau aufhielten, war klar, dass die Feinde nach ihnen suchen würden. Falls Scramashank den Verlust seiner halben Pfote überlebt hatte, würde er nicht eher ruhen, bis er sich an Podkin gerächt hatte. Zum Glück hatte sich bis jetzt kein Gorm in der Umgebung des Baus blicken lassen, auch Meilen davon entfernt nicht. Noch nicht.

Der Wald war hier nahezu undurchdringlich dicht, Eis und Schnee machten die Pfade unwegsam. Trotzdem war es nur eine Frage der Zeit, bis die Gorm auch hierher vordrangen.

Vorsichtshalber hatten Crom, Mischi und Maschi einen Kriegsrat einberufen, dem außer ihnen selbst noch die schwarzfellige Kriegerin Riesel angehörte, außerdem ein graues Kaninchen aus Wimmelburg sowie Eberesche, ein großes Marderkaninchen aus Efeurank, dem es ohne Hilfe gelungen war, aus dem Gormlager zu fliehen. Diese sechs steckten in einem Winkel der Langhöhle stundenlang die Köpfe zusammen, berieten sich über Verteidigungsstrategien und vor allem über die Frage, ob sie lieber alle in den Süden fliehen oder aber hierbleiben sollten.

Podkin beobachtete diese Sitzungen von seinem Platz am Kamin aus. Crom hörte sich die Vorschläge der anderen an, nickte zustimmend oder äußerte mit seiner tiefen Bassstimme Einwände. Er war wieder in die Rolle des Kriegers geschlüpft – beziehungsweise in die Rolle eines Generals oder Feldherrn, dessen Aufgabe es war, seine Truppen in die Schlacht zu führen und Schwächere zu beschützen. Noch vor Kurzem waren es nur Podkin, Paz und Puk gewesen, die er zu beschützen hatte. „Mein Leben und mein Schwert gehören dir“, hatte er Podkin damals versprochen, aber inzwischen hatte Podkin den Eindruck, als wären er und seine Geschwister Croms geringste Sorge.

So zu denken, war egoistisch, tadelte sich Podkin. Trotzdem … eben noch hatten ihn alle als Helden gefeiert, und jetzt war er auf einmal wieder nur ein Kind, das niemand ernst nahm. Paz pflegte immerhin die Verwundeten und kümmerte sich um die kranke Mutter. Es musste doch auch etwas geben, womit Podkin sich nützlich machen konnte!

Schon ein paarmal war er zum Tisch des Kriegsrats hinübergeschlendert und hatte sich einfach dazugesetzt, aber jedes Mal war die Unterhaltung schlagartig verstummt und alle hatten ihn erstaunt angeschaut.

„Ja bitte, Podkin?“, hatte Crom gefragt, denn obwohl er blind war, erkannte er Podkin immer und überall.

„Mir ist nur gerade eingefallen … ob du wohl nachher mit mir Schwertkampf übst?“, erwiderte Podkin dann verlegen oder: „Möchte vielleicht jemand einen Brennnesseltee?“

Nicht ein einziges Mal brachte er den Mut auf, offen zu sagen, dass er gern an den Sitzungen teilgenommen oder sich gewünscht hätte, wenigstens irgendeine Aufgabe zu bekommen.

Denn ganz gleich, was er sagte, Crom erwiderte nur genervt: „Jetzt nicht, Podkin“, und scheuchte ihn weg. So behandelte man doch keinen Helden, der den obersten Gorm im Zweikampf besiegt hatte!

Vielleicht war Crom es aber auch nur leid, die Verantwortung für eine Schar hungriger Flüchtlinge zu tragen. Vielleicht hätte er Podkin ja viel lieber eine Übungsstunde erteilt – die unweigerlich mit blauen Flecken ...

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