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Plötzlich will ich nur noch dich

1. KAPITEL

Samantha Jeffers hob den Kopf, als die Cowboys sich umständlich von ihren Stühlen aufrappelten. Deren rüpelhafte Flirtversuche hatte sie diplomatisch ignoriert, und jetzt hoffte sie, dass wenigstens ein großzügiges Trinkgeld für sie abfiel. Das Hot Skillet war kein besonders elegantes Restaurant, aber es lief gut, vor allem während des Rodeos. In der Skisaison war angeblich mehr los, aber sie war erst seit Ende Februar hier, und da hatten die Bergbahnen und Lifte ihren Betrieb für dieses Jahr bereits eingestellt.

Als die Tür hinter dem Letzten aus der Gruppe ins Schloss gefallen war, wollte Samantha den Tisch abräumen und sauber machen. Dabei stellte sie fest, dass ein Cowboy übrig geblieben war. Er war in sich zusammengesunken und wirkte unnatürlich blass.

„Fehlt Ihnen etwas?“, erkundigte sie sich besorgt.

Er hob nur mit Mühe den Kopf. „Nein“, nuschelte er, nur um gleich wieder die Augen zu schließen.

„Sie sollten Ihren Rausch woanders ausschlafen“, empfahl sie ihm. „Hier sieht es der Boss gar nicht gern.“ Sie wollte nicht unfreundlich sein, aber so war es nun einmal.

Er richtete sich ein wenig auf. Dabei entfuhr ihm ein kleiner Schmerzenslaut.

„Sind Sie verletzt?“, wollte Samantha wissen.

„Weiß nicht. Vielleicht.“

„Samantha?“, rief ihr Chef von der Theke. „Bist du fertig? Da kommen gerade neue Gäste.“

„Ich habe noch jemanden hier“, erwiderte sie und drehte sich halb um.

„Will er noch etwas?“

„Mister, Sie müssen etwas bestellen“, flüsterte Samantha. „Sonst wirft er Sie raus.“

„Kann nicht“, kam es dumpf zurück.

„Wenn Sie kein Geld haben, kann ich das für Sie übernehmen, aber …“ Samantha runzelte die Stirn. „So schlecht ist unser Essen nun auch wieder nicht.“ Ihr Versuch, die Stimmung zu heben, entlockte ihm ein schwaches Lächeln. Offensichtlich hatte er wirklich Schmerzen. „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“

„Nein. Zu auffällig. Könnten Sie mich nicht fahren? Draußen steht mein Wagen.“

Samantha sah auf die Uhr. In einer Viertelstunde war ihre reguläre Schicht zu Ende. Andererseits war sie heute schon um sechs Uhr morgens gekommen, um ihrem Chef einen Gefallen zu tun. Es sollte also kein Problem sein, wenn sie ein paar Minuten vorher ging. „Warten Sie eine Minute.“

Sie stellte ihr Tablett ab und ging zur Theke. „Brad, ich würde gern gehen.“

Dass er sie keines Blickes würdigte, war ein sicheres Zeichen dafür, dass er nicht in bester Stimmung war. „Deine Schicht ist noch nicht zu Ende!“

„Dafür habe ich früher angefangen. Du könntest dich ruhig ein bisschen erkenntlich zeigen.“

„Seit wann drückst du dich denn so vornehm aus?“

„Der Cowboy da hinten ist krank, und ich will ihn ins Krankenhaus fahren.“

„Du brauchst mich nicht anzulügen, nur weil du mit ihm ins Bett willst.“

„Selbst wenn dem so wäre, ginge es dich nichts an. Ich arbeite hier und bin dir keine Rechenschaft über mein Privatleben schuldig. Heute habe ich mehr als genug getan.“ Damit wandte Samantha sich wieder ab.

„Wenn du jetzt gehst, brauchst du gar nicht mehr wiederzukommen!“

Sie presste für einen Moment die Kiefer zusammen, aber dann war ihre Entscheidung gefallen. Brad wurde in letzter Zeit für ihren Geschmack ohnehin ein bisschen aufdringlich, und sie würde ihm und seinem Restaurant keine Träne nachweinen. „Gut“, gab sie nur zurück. „In zwei Minuten siehst du mich zum letzten Mal.“

Rich Randall fühlte sich mehr als unbehaglich, als ihm klar wurde, was er da angezettelt hatte. Nur weil er die Bedienung, die so souverän mit den Belästigungen der Cowboys umgegangen war, um Hilfe gebeten hatte, war sie praktisch gefeuert worden! An die Folgen hatte er keine Sekunde gedacht.

Schuld daran war nur sein lächerlicher Stolz, der es ihm verboten hatte, sich von seinen Begleitern zum Arzt bringen zu lassen.

Bevor er noch lange darüber nachdenken konnte, wie er sich jetzt verhalten sollte, tauchte Samantha mit einer großen Schultertasche wieder an seinem Tisch auf. „Sind Sie so weit?“, fragte sie lächelnd.

„Hören Sie, ich will nicht, dass Sie meinetwegen Ihren Job verlieren. Wir können auch jemand anders rufen.“

„Nicht nötig. Hat Ihr Wagen Automatik?“

„Sind Sie sicher?“, erkundigte er sich und sah ihr ins Gesicht. Den Schmerz in seinem Knöchel versuchte er zu ignorieren.

„Ganz sicher. Schaffen Sie es bis auf die Straße?“

Irgendwie würde er sich revanchieren, wenn es ihm wieder besser ging. „Ja, ich glaube schon.“

Samantha rückte den Tisch zur Seite, damit der Cowboy leichter aufstehen konnte, und umfasste dann seine Taille. „Was ist passiert?“

„Wahrscheinlich habe ich mir den Knöchel verstaucht.“

„An welchem Bein?“

„Dummerweise am rechten. Deshalb kann ich nicht selbst fahren.“ Er hatte das Gewicht auf das linke Bein verlagert, das andere hatte er angewinkelt.

„Am besten stützen Sie sich auf mich.“

Sie war schmal gebaut, vielleicht einen Meter dreiundsechzig groß und gut fünfzig Kilo schwer.

„Ich bin kräftiger, als ich aussehe“, versicherte sie ihm, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Kommen Sie, bevor Brad ausrastet.“

„Ich dachte, das hätte er schon getan.“ Rich fand ihre Gelassenheit außerordentlich beeindruckend.

Darauf erwiderte sie nichts, sondern setzte sich stattdessen langsam in Bewegung. Als er den rechten Fuß aufsetzte, sackte er zusammen und wäre fast gefallen.

Samantha zog ihn wieder hoch. „Vielleicht sollten Sie auf dem linken Bein hüpfen. Das sieht zwar nicht so toll aus, aber damit bekommen wir Sie wenigstens nach draußen, ohne dass Sie mir in Ohnmacht fallen.“

Das Hüpfen war zwar auch nicht die angenehmste Fortbewegungsart, aber immer noch besser, als den schmerzenden Fuß zu belasten.

Vor der Tür blieben sie einen Moment stehen, damit er sich ausruhen konnte. „Geht es so?“, erkundigte Samantha sich fürsorglich.

„Ja“, stieß er angestrengt hervor. „Es ist der schwarze Kleintransporter da hinten“, fügte er dann hinzu und machte mit dem Kopf eine Bewegung nach rechts.

„Ein Glück, dass Sie in der Nähe geparkt haben“, sagte sie lächelnd.

Dieser Gleichmut war wirklich erstaunlich. Aber andererseits hatte sie nicht solche Schmerzen wie er, und ihr Leben verlief vermutlich auch geordneter als seines. Ganz bestimmt sah die Zukunft für sie rosiger aus.

„Dann wollen wir mal wieder“, sagte sie und umfasste ihn entschlossen.

Rich biss die Zähne zusammen und fing an zu hüpfen. Fünf Minuten später ließ er sich erschöpft an seinen Wagen sinken.

„Wo haben Sie die Schlüssel?“

„In meiner Hosentasche.“ Er machte keine Anstalten, sie selbst herauszuholen.

„Sie erwarten doch wohl nicht, dass ich sie aus Ihrer Hose angle?“ Samanthas Stimme klang hart. „Hören Sie, Cowboy, wenn das Ganze nur eine Anmache sein sollte, dann vergessen Sie das Ganze. Nicht mit mir.“

Rich stand einfach da und beobachtete ungläubig, wie sie sich zum Gehen wandte.

„Warten Sie! Ich wollte nicht …“ Als er die Hand ausstreckte, verlor er das Gleichgewicht. Er stieß einen Schmerzenslaut aus, als er stürzte. „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich Ihnen etwas vorspiele? Dann suche ich diese verdammten Schlüssel eben selbst.“

Samantha wartete schweigend, bis er nach einiger Mühe fündig wurde. „Zufrieden?“

Eine scheinbare Ewigkeit verging, bis sie ihm schließlich aufhalf. „Können Sie allein einsteigen?“

Rich nickte. Er zog sich ohne ihre Hilfe am Wagen hoch und schob sich auf den Sitz.

Dann stieg sie auf der anderen Seite ein und steckte den Schlüssel ins Zündschloss.

Der Schmerz war stärker geworden, und Rich fürchtete, dass ihm jeden Augenblick die Tränen kommen würden. Eine peinlichere Situation konnte er sich kaum vorstellen.

Samantha ließ den Motor an. „Wie ist das passiert?“, wollte sie wissen, als sie auf die Straße einbogen.

„Ein Bulle.“

„Sie sind Bullenreiter?“ Rich nickte. „Dann sind Sie verrückter, als ich angenommen hatte. Hat er Sie abgeworfen?“

„Ja“, erwiderte er knapp.

Sie waren vor dem Krankenhaus angekommen, und Samantha hielt vor der Notaufnahme an. „Bleiben Sie sitzen. Ich organisiere einen Rollstuhl.“

Es kostete ihn einige Überwindung, aber dann nickte er. Hier würde ihn bestimmt niemand sehen; also konnte er seinen Stolz vergessen.

Innerhalb kürzester Zeit tauchte seine Retterin mit einem Krankenpfleger samt Rollstuhl wieder auf. Der Mann zog Rich aus dem Wagen und hob ihn wortlos in den Stuhl. Rich fehlte das weibliche Feingefühl.

„Ich bringe den Wagen auf den Parkplatz“, verkündete Samantha.

Plötzlich keimte der Verdacht in ihm auf, dass sie sich mit seinem Wagen aus dem Staub machen könnte und er sie nie wiedersah. „Aber dann kommen Sie doch wieder?“

Sie bedachte ihn mit einem spöttischen Blick. „Was dachten Sie denn?“

Samantha hatte viel Zeit, über ihre nähere Zukunft nachzudenken. Als sie vom Parkplatz zurückkam, war „ihr“ Cowboy schon beim Röntgen. Sie wusste nicht einmal, wie er hieß. Dabei hatte er sie um ihren Job gebracht.

Aber das war ungerecht. Um ehrlich zu sein, hatte sie ohnehin kündigen wollen. Brad war bereits viermal verheiratet gewesen. Seine letzte Frau war erst vor ein paar Wochen unter mysteriösen Umständen gestorben. Der Sheriff hatte Samantha sogar schon vor ihm gewarnt. Aber sie hielt sich sowieso nach Möglichkeit fern von ihm, schon allein, weil er ständig Andeutungen machte, dass er Ehefrau Nummer fünf in ihr sah.

Jetzt musste sie sich entscheiden, wie es weitergehen sollte. Flagstaff war ein freundlicher Ort, aber sie fürchtete, dass Brad ziemlich unangenehm werden könnte.

Eine Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit, und sie entdeckte zwei Schwestern mit einem Rollstuhl.

„He, sind Sie das, Cowboy?“, rief sie in seine Richtung.

An seiner Stelle antwortete eine der Schwestern. „Wenn Sie den Mann mit dem gebrochenen Knöchel meinen, den Sie eben gebracht haben, dann ist er es.“

Samantha lief zu ihm. „Der Knöchel ist gebrochen?“

„Ja. Er hätte den Fuß nicht belasten sollen.“

Rich hatte die Augen geschlossen und öffnete sie jetzt. „Es ist so laut hier“, beschwerte er sich mit schläfriger Stimme. Offensichtlich stand er unter der Wirkung von Medikamenten.

Samantha lächelte. „Wie geht es jetzt mit ihm weiter?“

„Das muss der Doktor entscheiden.“

„Genau“, sagte da jemand mit milder Stimme in Samanthas Rücken.

Sie drehte sich um. Der Mann war um die vierzig und sah gut aus. „Sind Sie sein Arzt?“

„Ja. Und Sie sind …?“

„Samantha Jeffers.“

Er lächelte. „Willkommen in unserem Krankenhaus, Miss Jeffers. Nicht Randall?“

Samantha warf dem Cowboy einen schnellen Blick zu. „Nein, nicht Randall.“ Immerhin wusste sie jetzt seinen Familiennamen. „Ich bin … seine Verlobte“, fügte sie dann schnell hinzu. Möglicherweise warf man sie ja hinaus, wenn sie nicht mit ihm verwandt war.

„Ich verstehe. Hat er Familie hier am Ort?“

Samantha konnte nur hoffen, dass sie das Richtige tat. „Nein. Wir sind nur zum Rodeo hier. Er ist Bullenreiter.“

„Nicht gerade ein Traumberuf.“ Das klang, als hielte der Arzt seinen Patienten für minderbemittelt.

Im Grunde konnte Samantha ihm nur zustimmen, aber aus irgendeinem Grund spürte sie das Bedürfnis, „ihren“ Cowboy zu verteidigen. „Er ist ziemlich gut.“

„Na ja. Es wird eine Weile dauern, bevor er sich am nächsten Bullen beweisen kann.“ Der Arzt zog ein Röntgenbild aus einem Umschlag und hielt es ans Licht. „Zum Glück ist es ein glatter Bruch.“

„Das heißt, ich kann ihn gleich wieder mitnehmen?“

„Nein. Wir müssen warten, bis die Schwellung zurückgeht. Vorher können wir keinen Gipsverband anlegen.“

„Und wann ist das?“

„In ein oder zwei Tagen. Den Gips muss er voraussichtlich etwa vier Wochen tragen. Aber anschließend ist er wieder so gut wie neu. Machen Sie sich Sorgen?“

„Ein bisschen.“ Das war nicht gelogen, auch wenn Samantha nicht so recht wusste, warum sie sich um diesen Mr. Randall sorgte.

Der Patient stöhnte, und sie beugte sich über ihn und strich ihm das dunkle Haar aus der Stirn. „Alles in Ordnung, Cowboy?“

„Tut weh“, stieß er mit rauer Stimme hervor.

Samantha sah zu dem Arzt auf. „Können Sie ihm nicht etwas Stärkeres gegen die Schmerzen geben?“

Der Doktor gab der Schwester eine Anweisung. „Er bekommt ein Schlafmittel. Damit müsste er bis morgen früh durchhalten.“

„Danke.“

„Soll Sie jemand nach Hause fahren? Oder brauchen Sie ein Zimmer?“, erkundigte der Arzt sich.

„Nein, danke. Aber es ist nett, dass Sie fragen.“

Als die Schwester mit dem Schmerzmittel kam, verabschiedete sie sich. „Bis morgen früh, Cowboy.“

Als Samantha das Krankenhaus verließ, war es fast zehn Uhr. Sie fuhr an einem Schnellimbiss vorbei und kaufte sich einen Hamburger für zu Hause. „Zu Hause“, das war ein möbliertes Zimmer bei einer älteren Dame. Bevor sie allerdings dort anhielt, fuhr sie langsam daran vorbei, um einen genaueren Blick auf die dort parkenden Autos zu werfen.

Wie sie befürchtet hatte, stand Brads Wagen direkt vor dem Eingang von Mrs. Walleys Haus. Ganz offensichtlich wartete er auf Samantha. Ein Glück, dass er nicht wusste, dass sie in Mr. Randalls Transporter unterwegs war. Da sie nicht genug Geld bei sich hatte, um sich ein Hotelzimmer zu nehmen, blieb ihr nichts anderes übrig, als im Wagen zu schlafen. Aber es gab Schlimmeres. Morgen musste Brad wieder arbeiten, und spätestens dann konnte sie ihre Sachen abholen.

Sie stellte den Wagen auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums ab und verschloss sicherheitshalber die Türen von innen. Dann stopfte sie sich ihren Pullover unter den Kopf und machte es sich, so gut es ging, auf der durchgehenden Sitzbank bequem.

Am nächsten Morgen wachte sie mit der Sonne auf und kaufte sich an einem kleinen Stand an der Straße etwas zum Frühstück. Sie war ein bisschen steif in den Gliedern, aber sonst hatte sie die Nacht gut überstanden. In der Hoffnung, dass Brad inzwischen verschwunden war, fuhr sie zu Mrs. Walleys Haus zurück, aber der alte zerbeulte Chevrolet stand noch immer an derselben Stelle. Vermutlich nahm Brad an, dass sie die Nacht mit dem Cowboy verbracht hatte, und das verstärkte seine Wut noch.

Samantha wandte den Kopf ab, als sie an Brad vorbei wieder zurück auf ihren Parkplatz fuhr. Da sie vermutlich einen langen Tag vor sich hatte, versorgte sie sich im Supermarkt mit Lebensmitteln und einem Taschenbuch. Das Frühstücksgeschäft schaffte der Koch allein, aber mittags, wenn das Hot Skillet voll war, musste Brad selbst mit anpacken. Das hieß, dass sie sich bis elf Uhr verstecken musste.

Kurz vor halb zwölf Uhr fuhr sie vor ihrem Haus vor, parkte und hastete zur Tür. Mrs. Walley wartete schon auf sie. „Meine Liebe, Sie hatten gestern noch Besuch von einem netten jungen Mann.“

Samantha schüttelte den Kopf. Ihre Vermieterin war hoffnungslos romantisch. Niemand sonst würde Brad als „netten jungen Mann“ bezeichnen. „Hat er gesagt, was er wollte?“

„Er wollte mit Ihnen sprechen.“ Mrs. Walley spähte auf die Straße hinaus. „Ich glaube, er hat die ganze Nacht auf Sie gewartet. Heute Morgen hat er noch einmal geklopft, aber ich habe ihm gesagt, dass Sie noch nicht da sind. Das hat er nicht sehr gut aufgenommen.“

„Mrs. Walley, ich ziehe heute aus. Die Miete ist bis zum Monatsende bezahlt. Das gibt Ihnen Zeit, einen neuen Mieter zu finden.“

„Ach, wie schade, meine Liebe. Ich fand es so schön, dass Sie da waren. Müssen Sie denn wirklich weg?“

„Ja, leider.“

„Und was soll ich dem jungen Mann sagen, wenn er noch einmal kommt?“

„Sagen Sie ihm, dass ich nach Kalifornien unterwegs bin.“ Samantha umarmte Mrs. Walley zum Abschied und ging dann in ihr Zimmer, das über einen Monat lang ihr Zuhause gewesen war. Nach einem kurzen prüfenden Blick aus dem Fenster duschte sie schnell und wusch sich die Haare.

Das Packen dauerte nur zehn Minuten. Sie besaß nicht viel; alle ihre Habseligkeiten passten in einen Seesack. Ein paar Sachen zum Anziehen, Waschzeug, ein Handtuch, mehr brauchte sie nicht. Turnschuhe komplettierten ihre Garderobe. In ihrer Situation konnte sie sich nicht mit irgendwelchem sentimentalen Krimskrams belasten.

Samantha verließ das Haus und fuhr ins Krankenhaus. Wahrscheinlich war der Cowboy frustriert, weil sie nicht gleich heute Morgen aufgetaucht war, aber so war es einfach praktischer gewesen. Einen kurzen Moment lang überlegte sie, an ihrer ehemaligen Arbeitsstätte vorbeizufahren, aber dann verkniff sie sich das Vergnügen. Nur die anderen Bedienungen, die es noch länger mit Brad aushalten mussten, taten ihr leid. Sie war heilfroh, dass sie nicht mehr zu ihnen gehörte.

Das Erste, was Rich beim Aufwachen spürte, waren die Schmerzen. Er öffnete die Augen und betrachtete seine Umgebung. Nach und nach erinnerte er sich – an seine Sturheit, seinen falschen Stolz gegenüber seinen sogenannten Freunden, an die junge Frau, die sich um ihn gekümmert hatte.

In der vagen Erwartung, sie neben seinem Bett sitzend zu finden, sah er sich um. Aber das war dumm. Seine Mutter würde natürlich kommen, wenn sie wüsste, was ihm passiert war, und sein Vater würde ihn zusammenstauchen und dann umarmen, während sein Zwillingsbruder Russ … Rich stiegen die Tränen in die Augen. Verdammt, Russ fehlte ihm – genau wie sein jüngerer Bruder Casey.

Er sehnte sich nach zu Hause, selbst wenn er nicht als der überragende Held zurückkam, wie er sich ausgemalt hatte. Hoffentlich ließ der Arzt ihn bald gehen.

Eine junge, hübsche Krankenschwester brachte ihm sein Frühstück, und er flirtete ein bisschen mit ihr. Aber gleichzeitig ging ihm die Bedienung von gestern Abend nicht aus dem Kopf.

„Wollte mich heute Morgen schon jemand besuchen?“, erkundigte er sich.

„Ich glaube nicht. Aber ich kann gern nachfragen.“

„Ja, bitte. Ich warte auf eine Frau – groß, brünett, schlank.“

Die Krankenschwester schien etwas enttäuscht, und das schmeichelte seiner Eitelkeit. „Ich bin gleich wieder da“, sagte sie und wollte gehen.

Aber Rich hielt sie noch einmal zurück. „Wann kommt der Arzt?“

„In ungefähr einer Stunde.“

Sie behielt bis fast auf die Minute recht. Der Arzt untersuchte Richs Fuß und stellte Rich dann in Aussicht, dass er am Abend einen Gipsverband bekommen würde. Am nächsten Morgen könnte er entlassen werden. Allerdings war ihm dann trotz des Gehgipses vier bis sechs Wochen lang das Autofahren verboten.

Rich seufzte resigniert. Es war völlig ausgeschlossen, dass er noch so lange hier in Flagstaff blieb. Vielleicht konnte er diese Bedienung von gestern bitten, auf der Ranch anzurufen, damit ihn jemand abholte. Allerdings musste das schon sehr bald sein, denn der Stall auf dem Rodeogelände, in dem er sein Pferd untergebracht hatte, würde morgen schließen.

Die nächsten drei Stunden verbrachte er damit, einen Plan zu entwerfen, der ihn möglichst schnell nach Hause brachte und die Versorgung seiner Stute sicherstellte. In derselben Zeit wuchs seine Besorgnis, was wohl aus seinem Wagen geworden war.

Kurz vor dem Mittagessen tauchte seine Retterin endlich auf.

„Wo, zum Teufel, haben Sie gesteckt?“, brüllte er sie an.

2. KAPITEL

„Tut mir leid, dass es so spät geworden ist.“ Samantha nahm den Ausbruch ungerührt hin.

„Haben Sie eine Erklärung dafür?“

„Ich habe meine Sachen gepackt.“ Sie trat näher.

„Typisch Frau“, knurrte er abfällig. „Ich vergehe hier vor Schmerzen, und sie packt stundenlang ihre Koffer!“

Samantha ignorierte den Vorwurf. „Hat der Arzt Sie schon untersucht? Was sagt er?“

„Dass ich morgen entlassen werden kann. Heute Abend bekomme ich einen Gehgips.“

„Dann ist ja alles in bester Ordnung.“

„Überhaupt nichts ist in Ordnung! Ich kann mindestens vier Wochen nicht Auto fahren.“

„Oh.“ Das schien sie ein bisschen aus der Fassung zu bringen, und er fühlte sich gleich besser. „Was haben Sie jetzt vor?“

„Ich hatte reichlich Zeit, mir etwas zu überlegen, nachdem Sie so lange gebraucht haben, bis Sie … was meinen Sie damit, dass Sie gepackt haben? Wo wollen Sie denn hin?“ Sie war attraktiv, und er war ihr auch sehr dankbar für alles, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich gleich mit Sack und Pack an seine Fersen heften würde.

Samantha lachte. „Keine Panik. Das hat nichts mit Ihnen zu tun. Ich habe keinen Job mehr und …“

„Aber Sie finden doch bestimmt wieder etwas.“

„Ja, vermutlich“, meinte sie und hob eine Augenbraue.

„Dann bräuchten Sie nicht umzuziehen.“

„Danke. Darauf wäre ich gar nicht gekommen. Sagen Sie mir, wie es mit Ihnen weitergeht, und wo ich Ihren Wagen lassen soll.“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Sie noch um den einen oder anderen kleinen Gefallen bitten. Könnten Sie vielleicht zum Rodeogelände fahren und sich um mein Pferd kümmern?“

„Sie haben ein Pferd dabei?“

„Ja.“ Was wunderte sie daran so?

„Aber man braucht doch kein Pferd zum Bullenreiten.“

„Ich nehme auch am Lassowettbewerb und Stierniederringen im Team teil. Und das geht nicht ohne Pferd.“

„Aha. Und was erwarten Sie jetzt von mir? Dass ich den Stall ausmiste und Ihr Pferd füttere? Finden Sie nicht, dass Sie ein bisschen übertreiben?“

„Das würde ich nie von Ihnen verlangen. Nein, Sie sollen nur nachschauen, ob Gabe schon weg ist. Wenn nicht, dann soll er sich um Bella kümmern.“

„Bella?“

„Mein Pferd.“

„Und wenn er doch weg ist?“

„Dann gebe ich Ihnen Geld, damit jemand anderer das übernimmt.“

„Okay. Für wie lange?“

„Keine Ahnung. Ich muss zu Hause anrufen und irgendetwas organisieren. Am besten wäre es, wenn jemand sich ins Flugzeug setzt und mich abholt.“

„Und wo ist Ihr Zuhause?“, fragte Samantha neugierig.

„Rawhide, Wyoming.“ Wieso sah sie ihn so merkwürdig abwägend an? Offenbar dachte sie nach. „Was ist?“

„Gibt es in Rawhide Restaurants?“

„Ja, natürlich. Rawhide ist zwar nicht groß, aber es gibt alles, was man zum Leben braucht.“

„Gut. Dann fahre ich Sie nach Hause, und Ihre Familie kann sich die Kosten für den Flug sparen.“

Richs Unbehagen meldete sich wieder. „Hören Sie, ich weiß Ihre Hilfsbereitschaft wirklich zu schätzen, aber ich habe nicht vor … ich meine, schließlich haben wir uns gerade erst kennengelernt.“

Samantha richtete sich kerzengerade auf. „Ich habe Ihnen ausschließlich meine Chauffeurdienste angeboten, Cowboy, sonst gar nichts. Vergessen Sie es. Wo soll ich Ihren Wagen hinstellen und die Schlüssel hinterlegen, nachdem ich nach Ihrem Pferd gesehen habe?“ Sie machte ein paar Schritte auf die Tür zu, während sie auf seine Antwort wartete.

„Einen Moment noch.“ Er wollte nicht, dass sie ging. Vielleicht hatte er sie falsch eingeschätzt. Aber es gab so viele Frauen, die hinter dem Rodeozirkus herreisten und versuchten, sich einen Cowboy zu angeln. Da hieß es, auf der Hut zu sein.

„Soll ich abwarten, bis Sie mit Ihrer Familie telefoniert haben?“ Sie lächelte nicht und wirkte auch nicht mehr besonders freundlich.

„Was wollen Sie denn in Wyoming?“

„Nichts“, gab sie zurück und wandte sich endgültig zum Gehen.

„Hören Sie, etliche Frauen hier scheinen sich einzubilden, dass man ihnen mehr oder weniger die Ehe verspricht, wenn man nett zu ihnen ist. Ich wollte bloß nicht, dass Sie auf falsche Gedanken kommen. Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen Geld zur Überbrückung, bis Sie einen neuen Job gefunden haben. Das bin ich Ihnen schuldig, aber …“

Samantha angelte die Autoschlüssel aus ihrer Hosentasche und sagte: „Ich hole nur mein Gepäck aus dem Wagen und gebe den Schlüssel dann unten am Empfang ab. Viel Glück.“ Sie setzte sich wieder in Bewegung.

„Halt!“, befahl er, aber es überraschte ihn wenig, dass sie einfach weiterging. Er versuchte, die Beine über die Bettkante zu schwingen, um sie irgendwie zurückzuhalten, und landete im nächsten Moment auf dem harten Fußboden.

Samantha kam zurück. In der Überzeugung, dass sie ihm ins Bett zurückhelfen würde, lächelte er zu ihr auf. Aber sie klingelte nur der Schwester.

„Ja?“, kam eine Stimme durch die Sprechanlage. „Was kann ich für Sie tun?“

„Mr. Randall ist aus dem Bett gefallen“, teilte Samantha ihr ungerührt mit.

Unmittelbar darauf eilten zwei Schwestern herbei. Richs Verzweiflung wuchs, als Samantha sich schon wieder zur Tür aufmachte. „Bitte, gehen Sie nicht. Schwester, Sie müssen sie aufhalten!“, flehte er.

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