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Plötzlich verheiratet!

1. KAPITEL

Als Connor Reed das Würgen hörte, das von den marmornen Fliesen widerhallte, verfluchte er sich insgeheim, ein Mann mit Gewissen zu sein.

Doch ganz gleich, wie sehr es in seinem Magen rumorte und in seinem Kopf hämmerte, er konnte jetzt nicht einfach die Flucht ergreifen.

Während er das Wasser abstellte und das Handtuch auswrang, entdeckte er im Spiegel das eigene, grünliche Gesicht. Er zwang sich zu einem anteilnehmenden Ausdruck und wappnete sich für den nächsten Moment.

„Hallo, meine Schöne“, sagte er zu dem mitleiderregenden Geschöpf, das vor der Toilette kauerte und die Schüssel umarmt hielt. „Geht’s dir schon besser?“

Müde Augen blickten ihn unter einem wirren Nest aus blondem Haar an, als sie das feuchte Handtuch entgegennahm. „Carter …“

„Connor“, verbesserte er trocken und wusste nicht, ob er amüsiert oder verärgert reagieren sollte.

„Wir brauchen einen Anwalt“, stöhnte sie, bevor sie von einer weiteren Welle der Übelkeit geschüttelt wurde.

Einen Anwalt. Die Flitterwochen fingen ja glänzend an! Allerdings waren die Umstände alles andere als glänzend. In den fünfzehn Minuten, die vergangen waren, seit die warme, weiche Frau unter ihm alles andere als lustvoll aufgestöhnt hatte und vom Bett ins Bad gerannt war, hatte er die verschwommenen Erinnerungsfetzen an die letzte Nacht grob zusammengefügt. Vor allem der schockierende Beweis an seinem rechten Ringfinger und der glitzernde Diamantring an ihrem hatten ihm verraten, dass ein Albtraum wahr geworden war. Ja, so leicht ließ sich dieser Schlamassel wahrscheinlich nicht in Ordnung bringen.

Das Beste wäre wohl tatsächlich, einen Anwalt aufzusuchen, sobald sich ihre „Morgenübelkeit“ gelegt hatte.

„Eins nach dem anderen, Schatz. Erst einmal kümmern wir uns um dich, dann um den Rest.“

Ihre Antwort, die er als Zustimmung deutete, ging in einem weiteren Würgen unter.

Verdammt, was für eine Katastrophe!

Connor rieb sich den Nacken und musterte seine blasse Braut.

Zwölf Stunden zuvor hatte sie erfrischend „authentisch“ auf ihn gewirkt. Das übermütige Funkeln ihrer Augen, die niedlichen Sommersprossen, das sexy Lachen. Nun hing ihr Haar bedrohlich nah über der Toilettenschüssel, und sie wirkte alles andere als erfrischend.

Doch als er auf das Häufchen Elend zu seinen Füßen starrte, zogen flüchtige Bilder der letzten Nacht vor seinem inneren Auge auf. Sie hatte gewirkt wie ein fröhliches Mädchen von nebenan, das in Las Vegas einen wilden Abend erleben wollte. Wie geschaffen für seine Böser-Junge-Stimmung. Eigentlich hatte er nur ein paar amüsante Stunden mit ihr verleben wollen.

Wie zum Teufel hatte es also damit enden können, dass er sie über die Schulter geworfen und in eine dieser berüchtigten 24-Stunden-Hochzeitskapellen getragen hatte?

Megan drehte sich zu ihm um, und sein Blick fiel auf das viel zu enge pinkfarbene T-Shirt.

Quer über der Brust stand in dicken schwarzen Buchstaben: SPERMA GESUCHT!

Oh, ja richtig – das war der Grund gewesen.

Verdammt.

Wie hatte sie sich nur so gehen lassen können?

Megan spähte hinauf zum finsteren Gesicht von Carter – nein, Connor –, dann schaute sie auf den Ring, der mindestens zehn Karat Diamanten enthielt und den vierten Finger ihrer rechten Hand schmückte … und beugte sich erneut über die Schüssel.

Sie hatte Sex gehabt. Mit einem Fremden. Obwohl sie nicht einmal mehr wusste, wo, wann und wie sie sich begegnet waren. Und schlimmer noch … danach hatte sie ihn offensichtlich geheiratet.

Oder hatte sie eventuell doch den traditionellen Weg gewählt und erst nach der Hochzeitszeremonie mit ihm geschlafen? Damit es zu einem besonderen Erlebnis wurde?

Würg!

Und jetzt? Jetzt kauerte sie vor der Toilette und spuckte sich die Seele aus dem Leib, während dieser völlig fremde Mann Zeuge dieser demütigenden Handlung wurde. Wenn er doch bloß gegangen wäre, als sie ihn dazu aufgefordert hatte! Aber er war geblieben, ganz der treusorgende Ehemann.

Eigentlich war es zum Lachen, wenn es nicht gleichzeitig so traurig und ihr Körper anderweitig beschäftigt gewesen wäre.

„Viel kann nicht mehr drin sein“, sagte die raue Stimme hinter ihr.

Nachdem sich die Krämpfe gelegt hatten, riskierte sie einen weiteren Blick auf den Mann, den sie geheiratet hatte. Doch in seinen dunklen Augen konnte sie nichts lesen.

„Es ist schon länger nichts mehr drin“, stöhnte sie. „Mein Magen will wohl nur einen Kommentar abgeben …“

„Und der ist ziemlich unmissverständlich.“ Sein trockener Humor weckte ihre Neugier, und sie wagte noch einen Blick. Er war groß. Er war sogar so groß, dass der obere Türrahmen nur wenige Zentimeter von seinem Kopf entfernt war. Dazu zeichneten sich die Muskeln auf Brust, Bauch und Armen deutlich ab, ohne die üppigen Beulen, die den besessenen Bodybuilder verrieten. Dieser Mann wirkte einfach extrem sportlich. Und als wäre das noch nicht genug, konnte man ihn zudem als klassisch gut aussehend beschreiben: griechische Nase, hohe Wangenknochen, attraktive Gesichtszüge. So attraktiv, dass sie sich plötzlich fragte, wie lange sie ihn eigentlich schon angestarrt hatte.

Von ihrem Lager … vor der Toilette … wo sie sich … übergeben hatte.

Würg!

Demütigender konnte es nicht mehr werden. Doch was scherte sie das? Dieser attraktive Mann gehörte nicht zu ihrem Lebensplan. Was kümmerte es sie also, dass er gut aussah, über die Art von Humor verfügte, die sie sich bei einem Mann wünschte, oder dass sie verheiratet waren? Sie hatte sich schon zu oft mit Männern eingelassen, die sie vorher gekannt hatte, und war mit diesem Thema ein für alle Mal durch.

Ihr Stolz half ihr auf die Beine. Allerdings waren diese Beine vom Flüssigkeitsverlust so geschwächt, dass sie wohl sofort wieder auf den Boden zusammengesackt wäre, wenn zwei starke Arme sie nicht gestützt hätten.

Welch seltsames Unterfangen. Sie bemühte sich, sich auf den Beinen zu halten, während er versuchte, sie zu stützen, ohne ihr zu nahe zu treten. „Danke.“

„Keine Ursache.“ Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Das ist wohl einer der Vorzüge, einen Ehemann zu haben.“

Sie nickte erschöpft, aber auch dankbar für den kleinen Scherz. Sie fühlte sich momentan absolut nicht in der Lage, über das zu reden, was letzte Nacht geschehen war. Obwohl sie natürlich umgehend klären mussten, wie man diese Ehe auf schnellstem Wege annullieren konnte.

Doch zuerst einmal musste Megan dringend duschen und sich gründlich die Zähne putzen. Und die Kleider wechseln, ergänzte sie nach einem kritischen Blick an sich hinunter. An Connor gewandt, wagte sie eine witzige Antwort: „Ich wusste doch, warum ich mir gestern einen geangelt habe.“

Es war sein Lächeln, das die Erinnerung in Gang setzte. Die Wodka-getränkten Erinnerungsfetzen fügten sich langsam zu einem groben Bild zusammen, und plötzlich sah sie statt des Fremden, neben dem sie morgens aufgewacht war, den Mann, den sie in der Nacht zuvor kennengelernt hatte.

Oh Gott. In was für einen Schlamassel war sie nur geraten, und wie ließ sich alles so schnell wie möglich wieder in Ordnung bringen?

Zwölf Stunden früher …

„Du willst nicht wirklich zur Samenbank!“, rief Tina und ließ die knallrot lackierten Nägel in einer ablehnenden Geste durch die Luft sausen. „Wo bleibt denn da der Spaß?“

Megan Scott schluckte die letzten Tropfen ihres Cocktails aus Wodka und weißem Schokoladenlikör hinunter und glitt tiefer in die Kissen des Klubsessels. Sie überlegte, noch einen Drink zu bestellen. Vielleicht ließen sich die Sticheleien der anderen beiden Brautjungfern dann besser ausblenden.

Ihre Begleiterinnen schien es weder zu stören, dass es Megans Bauch war, von dem die Rede war, noch dass Megans Entschluss längst gefasst war und sie sich davon nicht mehr abbringen lassen würde.

„Ach … der Spaß kommt doch neun Monate später“, gab Jodie schnippisch zurück. „Niedlich und winzig, mit einem süßen kleinen Häubchen auf dem Köpfchen … und Megans Plan ist hundert Prozent ohne Ansteckungsgefahr, was man von deinem Plan nicht gerade behaupten kann …“

Wenn Megan es richtig verstanden hatte, kreiste Tinas Plan vor allem um das T-Shirt mit dem peinlichen Slogan SPERMA GESUCHT, das ordentlich zusammengefaltet vor ihnen auf dem Cocktailtisch lag.

„Ganz im Ernst: Wer sagt denn, dass dieser Zufallsbekannte, den du mit diesem unmöglichen T-Shirt anlocken willst, nicht den Ebola-Virus oder noch Schlimmeres in sich trägt? Ungeschützter Sex ist einfach nur dumm, aber du willst Megan dazu überreden. Warum nimmst du nicht gleich ein Messer und stichst auf sie ein?“

Megan hielt sich das Glas über die Lippen und drehte es um. Ein winziger Tropfen Wodka lief bis zum Rand, und sie fing ihn mit der Zunge auf. Hoffentlich sah die Kellnerin hin und verstand es als Bitte, ein neues Glas zu bringen. Und zwar schnell.

„Du bist prüde.“

Ich bin vor allem zu sehr Lady, um dir zu sagen, was du bist.“

„Mädels, bitte“, unterbrach Megan, bevor noch schärfere Geschütze aufgefahren werden konnten. „Ich bin euch wirklich dankbar, dass ihr euch meinetwegen so viele Gedanken macht.“ Tatsächlich wäre es ihr lieber gewesen, die beiden Frauen hätten sie das ganze Wochenende über ignoriert. Aber Megans Mutter hatte wieder einmal nicht an sich halten können und das Geheimnis ausgeplaudert. Und so war Megan zur Hochzeit ihrer Cousine Gail nach Las Vegas gereist, wo sich alle Gäste bereits eine Meinung zu ihrem Plan gebildet hatten, sich in zwei Wochen künstlich befruchten zu lassen. „Tina, das T-Shirt gefällt mit wirklich sehr, aber anziehen kann ich es leider nicht. Und Jodie, danke für deine Unterstützung, aber …“

Mit einer vehementen Handbewegung schnitt Jodie ihr das Wort ab. „Oh nein, ich unterstütze deine Entscheidung nicht. Du solltest auf einen Ehemann warten wie wir andern auch.“

Sofort zogen Bilder von den zwei Jahren, die sie mit Barry zusammen gewesen war, vor Megans geistigem Auge vorbei und drohten sie in einen Abgrund der Gefühle zu reißen: aus Scham, Verlegenheit, Frust und Enttäuschung.

„Megan, ich schwöre dir, dass es mir selbst nicht klar gewesen ist. Erst als ich sie wiedergesehen habe … wusste ich es: Ich habe nie aufgehört, sie zu lieben.“

Nein, sie durfte nicht wieder daran denken. An diesen Mann, der mit ihr darüber geredet hatte, eine Familie zu gründen, dann zu einer Konferenz aufgebrochen war und mit einer großen Neuigkeit zurückgekehrt war: Er hatte seine Exfreundin geheiratet!

Megan straffte die Schultern.

Sie brauchte Barry nicht.

Um das Kind zu bekommen, das sie sich so sehr wünschte, brauchte sie keinen Mann – sondern lediglich fünf romantische Minuten mit einem Plastikbecher.

Jodie seufzte. „Warte auf deinen Märchenprinzen, dann hast du jemanden, mit dem du diesen besonderen Moment auf der Babystation teilen kannst.“

„Nun, eigentlich …“, begann Megan, aber Jodie war noch nicht fertig.

„Im Leben geht es nicht darum, alles, was man sich wünscht, sofort zu bekommen. Auf manche Dinge lohnt sich das Warten. Aber wenn ich mich zwischen einem One-Night-Stand mit dem Auslöser der nächsten Epidemie oder einem Rendezvous mit klinisch geprüftem Sperma entscheiden müsste … würde ich auch die Samenbank wählen.“

Megan spürte wütende Hitze in ihren Wangen aufsteigen. Doch dann fiel ihr ein, dass sie ihrer Cousine Gail nur die Hochzeit verderben würde, wenn sie sich mit den anderen Brautjungfern anlegte, und so schluckte sie den Ärger hinunter. „Danke, Jodie, jetzt kennen wir deine Meinung zu dem Thema.“

Tina schnaubte verächtlich, und Megan drehte den Kopf, um nach der Kellnerin Ausschau zu halten. Dabei wurde ihr Blick von einem Mann angezogen, der an ihrem Tisch vorbeiging. Er hatte die Hand zum Gruß erhoben, und seine mahagonifarbenen Augen waren auf einen der gegenüberliegenden Tische gerichtet. Ein großer, dunkelhaariger, gut aussehender Mann, mit klassisch markanten Gesichtszügen, die vielleicht einen Hauch zu symmetrisch waren.

Wäre da nicht dieser Mund gewesen.

Sein Lächeln war absolut verwegen, mit einem hochgezogenen Mundwinkel, als wären seine Lippen zu faul, auch noch den anderen anzuheben. Es schien darauf hinzudeuten, dass … Und das musste es sein: Es konnte auf alles Mögliche hindeuten.

Es war diese Sorte Lächeln, deren Geheimnis eine Frau niemals ergründen sollte. Sie würde sich nämlich nur darin verlieren.

Und Megan hatte wahrlich genug davon, irgendwelche Männer ergründen zu wollen. Deshalb wandte sie den Blick von dem Tisch ab, wo der Mann neben einem Freund oder Kollegen Platz genommen hatte, und schaute wieder zu Tina und Jodie, die sie ihrerseits neugierig anstarrten.

„Schaust du dich um, was der Genpool so zu bieten hat?“, fragte Tina und zog spöttisch eine fein gezupfte Augenbraue hoch. „Jemanden gesehen, der dir gefällt?“

Jodie kniff die Augen zusammen. „Sein Anzug sitzt perfekt, der kann nur maßgeschneidert sein. Anzug, Uhr, Manschettenknöpfe – der Typ wäre ein Superfang. Megan, schlag die Beine übereinander, dass er deine Oberschenkel sehen kann. Tina, hilf ihr.“

Megan wollte den Mund zum Protest öffnen, aber Tina schob ihr bereits den Rock über die Knie. „Wow, Megan, ich habe mir zwar gedacht, dass du gelenkig bist, aber du bist ja die reinste Akrobatin!“

Angespannt saß Megan auf ihrem Sessel und versuchte, die Ruhe zu bewahren. Sie fixierte die Tischdecke, hob das Cocktailglas und betete insgeheim, dass die Kellnerin sie endlich bemerken würde. „Ich bin keine Akrobatin.“

„Auch wenn es dir im Moment vielleicht anders erscheint, bist du ohne sie besser dran …“

Connor Reed rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her und schwenkte das Glas mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit, während Jeff Norton sich um Kopf und Kragen redete. „Ist notiert.“

„Du warst ein Jahr lang mit Caro zusammen … Da darf man schon verletzt reagieren …“

Verletzt? Connor blinzelte irritiert.

Das war kein Gespräch unter Männern. Und es war ganz und gar nicht das, weswegen er in die Stadt der Sünde gekommen war. Er wollte Dampf ablassen.

„… ein Schlag gegen das Selbstbewusstsein, und für jemanden mit einem solchen Selbstbewusstsein wie du …“

„Wir müssen dringend deinen Testosteronspiegel checken lassen“, murmelte Connor in sein Glas.

„Wie du meinst“, antwortete Jeff unbeeindruckt. Als ältester und bester Freund glaubte er, sich in Connor hineinversetzen zu können. „Ich meine doch nur: Vor nicht ganz zwei Wochen wolltest du Caro noch heiraten. Und ich nehme dir nicht ab, dass es dich so unbeteiligt lässt, wie du vorgibst.“

„Ja, aber du wolltest die Wahrheit über mich noch nie glauben“, erwiderte Connor mit zynischem Grinsen. „Es ist so, wie ich bereits sagte: Mir geht es gut. Caro war eine tolle Frau, aber als ich hörte, was sie mir zu sagen hatte … Ich bin einfach nur erleichtert.“

Jeffs nachdenkliches Gesicht verriet, dass er Connor die Geschichte nicht abkaufte.

Und in gewisser Weise lag er damit richtig. Nur, dass Jeff den wahren Grund nicht kannte.

Connor empfand wegen des Endes seiner Beziehung keinerlei Herzschmerz. Das kam vor allem daher, dass sein Herz nie beteiligt gewesen war. Caro hatte das von Anfang an gewusst.

Auf Liebe ließ sich Connor nicht ein. Schließlich hatte er als Kind die zerstörerische Kraft dieses Gefühls aus nächster Nähe miterlebt. Nein, vielen Dank. Auf Gefühle konnte er gut und gern verzichten.

Was er sich wünschte, war eine Familie. Eine Familie, wie er sie nie gekannt hatte. Die Sorte Familie, die der Vater nicht mit ihm, dem außerehelichen Sohn, hatte beschmutzen wollen. Die Sorte Familie, die ihm die Mutter nicht hatte bieten können, weil sie zu sehr mit der eigenen Traurigkeit beschäftigt gewesen war. Deshalb hatte er schon vor langer Zeit beschlossen, sich eine eigene aufzubauen.

Als Kind hatte er auf vieles verzichten müssen. Als Erwachsener besaß er alles im Überfluss: Geld, Achtung, Häuser … und nicht zuletzt ein blühendes Unternehmen, das er aus eigener Kraft geschaffen hatte. Aber eine Familie …? Dafür brauchte er nun einmal eine Partnerin. In Caro hatte er geglaubt, diese Frau gefunden zu haben. Sie hatte perfekt zu seinem Lebensplan gepasst: schön, gebildet, aus guter Familie. Unterkühlt und ruhig, ohne diese emotionale Bedürftigkeit, die er so sehr verachtete. Zumindest hatte er das bis zu jenem Tag geglaubt, als sie die Serviette sorgfältig gefaltet auf den Tisch gelegt und ihm in ruhigem Tonfall erklärt hatte, dass sie sich für eine Ehe mehr wünschte als das, was sie miteinander teilten.

Immerhin musste er ihr hoch anrechnen, dass sie rechtzeitig erkannt hatte, sich etwas zu wünschen, was sie bei ihm nicht finden würde.

War sein Herz gebrochen? Nein.

War er enttäuscht? Natürlich.

Erleichtert? Und ob!

„… ich glaube, du bist einsam, traurig …“

Connor kippte den Rest Scotch in einem Zug hinunter und genoss das leichte Brennen in seinem Hals. Wenn er nur genug trank, könnte er das unangenehme Gespräch mit Jeff vielleicht ausblenden.

Doch Jeff kam ihm sogar noch mit einem Sinnspruch. „… denk immer daran: Andere Mütter haben auch schöne Töchter …“

„Langsam reicht’s mir, was kommt als Nächstes … Hitzewallungen?“ Connor schaute sich nach der Kellnerin um und hob das leere Glas.

„… Himmel, die dahinten ist ja eine richtige Akrobatin!“

Connor zog eine Augenbraue hoch und drehte den Kopf, um einen besseren Blick zu erhaschen. „Welche?“

„Ich wollte nur sicher sein, dass du mir zuhörst. Junge, ich mache mir deinetwegen nun mal Gedanken.“

Das hatte Connor tatsächlich immer zu schätzen gewusst, auch wenn er den Beweggrund nie hatte nachvollziehen können.

Jeff hatte sich um ihn gekümmert, als Connor mit dreizehn Jahren aus der Armut gerissen und auf eines der exklusivsten Internate an der Ostküste der USA geschickt worden war. Auch wenn ihm sein leiblicher Vater seinen Namen nicht geben wollte, hatte er ihm doch die beste Schulbildung ermöglicht. Connor war im Internat mit dem Stigma des illegitimen Sohns herumgelaufen, und Jeff war der Junge gewesen, der sich mit ihm das Zimmer teilen musste. Und obwohl sie ein ungleiches Paar abgaben, waren sie beste Freunde geworden.

Und diese Freundschaft hatte bis heute Bestand, weshalb Jeff auch der einzige Mensch war, dem Connor gegenüber ehrlich sein konnte. „Ich mir deinetwegen auch … Aber wo ist denn nun die Akrobatin?“

Vierzig Minuten und zwei Runden Whiskey später lehnte sich Connor in seinem Sessel zurück und beobachtete, wie Jeff zur Rolle des testosterongesteuerten Mannes zurückfand und die Cocktailkellnerin abfing, die er schon länger nicht mehr aus den Augen gelassen hatte. Connor hatte nicht gehört, mit welchem Spruch Jeff die Frau angemacht hatte, aber nach dem Flattern ihrer Wimpern und dem raschen Abstellen des Tabletts zu urteilen, musste er recht wirkungsvoll gewesen sein.

Jeff warf ihm einen verschwörerischen Blick zu und zog mit der Frau ab.

Connor zückte die Brieftasche, warf ein paar Scheine auf den Tisch und stellte das leere Glas obenauf.

Eine lange Nacht mit unendlich vielen Möglichkeiten lag vor ihm.

Er konnte sich zum Blackjack-Tisch begeben.

Ins Restaurant gehen.

Sich eine Begleitung suchen. Oder auch nicht. Im Prinzip war ihm das gleichgültig.

„Verzeihung …“

Beim Hochblicken rechnete er eigentlich damit, eine neue Kellnerin vor sich zu sehen, die am Tisch abkassieren wollte. Stattdessen war es die Blondine im mitternachtsblauen Kleid vom Tisch gegenüber. Die Akrobatin, deren zierliche Statur eigentlich nicht dafür sprach, dass sie besonders viel Sport trieb. In dem hautengen Kleid zeichneten sich ihre schönen weiblichen Kurven deutlich ab.

Nicht übel. „Hallo, was kann ich für Sie tun?“

Ein Lächeln wanderte über ihr Gesicht. „Ich weiß, das hört sich jetzt bestimmt albern an, aber ich habe eine Bitte. Eine ziemlich blöde Bitte. Aber Sie müssen mir glauben, dass ich es ernst meine.“

Um seine Mundwinkel zuckte es amüsiert. Gern wollte er sich auf dieses Spielchen einlassen. „Gut, die Einleitung ist geschafft. Also – schießen Sie los.“

Sie atmete hörbar aus. „Ich habe gesehen, dass Sie aufbrechen wollen. Und ich wäre Ihnen ungeheuer dankbar, wenn Sie die Bar mit mir zusammen verlassen könnten. Damit es so aussieht, als würden wir zusammen abziehen.“

„Damit es so aussieht, als würden wir zusammen abziehen?“

Wieder schenkte sie ihm ein aufrichtiges Lächeln, ganz wie das nette Mädchen von nebenan. Obwohl sie nicht seinem Frauentyp entsprach, hatte sie irgendetwas an sich, das ihn anzog …

„Ja. Meine … Freundinnen haben vorhin mitbekommen, dass ich Sie angesehen habe und … Ach, Sie wollen gar nicht wissen, wie sie mir seitdem zugesetzt haben. Nur um die beiden loszuwerden, habe ich eingewilligt, zu Ihnen zu gehen und herauszufinden, ob Sie interessiert sind. Ich habe schon von Weitem erkannt, dass ich nicht der Typ Frau bin, für den Sie sich interessieren. Nur deshalb bin ich hergekommen. Ich will einfach hier raus, ohne dass sich die beiden für den Rest des Abends an meine Fersen hängen.“

Sie hatte ihn also beobachtet?

Er ließ den Blick noch einmal über ihren Körper wandern. Wirklich nicht übel. Doch als er ihr wieder in die Augen sah, hob sie warnend den Finger.

„Vergessen Sie’s. Sie sind attraktiv, aber ich suche wirklich nur nach einer Fluchtmöglichkeit.“

Er musste lächeln, weil sie es wirklich ernst zu meinen schien. Als er kurz in Richtung ihrer Freundinnen spähte, bemerkte er, dass die beiden ihn unverhohlen anstarrten.

„Sehr diskret.“

Sie zuckte die Schultern. „Soweit ich es beurteilen kann, ist Diskretion nicht deren Stärke.“

Nun war seine Neugierde vollends geweckt. „Soweit Sie es beurteilen können? Sagten Sie nicht, es wären Ihre Freundinnen?“

„Ich muss mich mit ihnen herumschlagen, bis unsere Aufgabe als Brautjungfern erfüllt ist – also bis Sonntagabend. Es sind Kindergartenfreundinnen meiner Cousine.“

Aha. „Und sie interessieren sich für Ihr Liebesleben, weil …“

Statt einer Antwort schaute sie verzweifelt zur Decke. „Bringen Sie mich hier fort oder nicht?“

Connor glitt zurück und wies auf den Sessel neben sich. „Ich bringe Sie in … zehn Minuten hier fort. Sie wollen doch, dass es überzeugend wirkt, oder?“

Der skeptische Ausdruck in ihrem Gesicht verriet, dass sie vermutete, er könne mehr als zehn Minuten im Sinn haben.

Obwohl sie nicht zu den Frauen gehörte, die ihn normalerweise anzogen, machte sie den Eindruck, als könne man mit ihr durchaus ein paar Stunden Spaß haben.

„Zehn Minuten. Wir reden. Flirten. Sie berühren mich ein, zwei Mal am Arm, damit es glaubwürdiger wirkt. Vielleicht schiebe ich Ihnen eine Haarsträhne hinters Ohr. Ein gefundenes Fressen für Ihre voyeuristischen Freundinnen. Dann beuge ich mich zu Ihnen und flüstere Ihnen etwas ins Ohr. Vielleicht erröten Sie von Kopf bis Fuß. Sie zieren sich, geben sich schüchtern, nehmen aber trotzdem meine Hand. Und dann gehen wir.“

Ihr Gesichtsausdruck war unbezahlbar.

„Das ist … ähm …“ Sie schluckte, ihr Blick wanderte suchend umher, blieb dann an seinem Mund hängen, wo er einen Moment lang verweilte, bevor sie ihm wieder in die Augen sah. „Das ist viel mehr, als ich verlangt habe.“

„Umso besser für Sie.“

„Mag sein, aber was springt für Sie dabei raus?“

Connor schenkte ihr ein wölfisches Grinsen. „Zehn Minuten, in denen ich Sie überrede, mir zwanzig zu schenken. Und dann sehen wir weiter.“

Ihr Kopfschütteln irritierte ihn. Junge, er hatte gedacht, dass ihr Freches-Mädchen-Grinsen bei der Bemerkung heißblütiger werden würde, aber nun verlangte sie von ihm gar noch, dass er sich richtig ins Zeug legte.

„Ich sollte besser gehen. Ich bin kein Mädchen, das auf eine Zufallsbekanntschaft aus ist. Und selbst, wenn Sie unsere Bekanntschaft vertiefen wollten, wäre ich nicht interessiert.“

Die Art, wie sie es sagte, reizte ihn nur noch mehr. „Ach, ja – wieso denn das?“

Sie hob abwehrend die Hand und sah ihm fest in die Augen. ...

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