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Plötzlich verheiratet – mit einem Millionär

1. KAPITEL

Immer wieder musste Tamara Kendle zu dem attraktiven dunkelhaarigen Mann hinübersehen, der da allein in der vordersten Bank der Kapelle saß – reglos wie ein Fels, den Blick starr geradeaus gerichtet.

Jedes Mal, wenn ihre Aufmerksamkeit nicht ganz dem Pfarrer auf der Kanzel galt, bekam sie ein schlechtes Gewissen. Schließlich war sie hier, um sich von jemand Besonderem zu verabschieden. Einem Menschen, den sie so sehr vermisste, dass es fast körperlich schmerzte. Sie fühlte sich wie betäubt, gefangen irgendwo zwischen der Wirklichkeit und der Hölle.

Und doch wurde ihr Blick weiterhin wie magisch von dem breitschultrigen Mann links neben dem Rosenholzsarg und den duftenden Lilien angezogen. Obwohl sie sich nie persönlich begegnet waren, kannte Tamara ihn nicht nur vom Hörensagen.

Armand De Luca, Multimillionär und der Stahlmagnat Australiens, der letzte Nachkomme seiner Familie.

Zumindest dachte er das.

Tamara hatte bereits Platz genommen, als De Luca in die Aussegnungskapelle gekommen war. Die ganze Trauerfeier über strahlte sein klassisches Profil die Zuversicht aus, die Männer bewunderten und Frauen sich sofort verlieben ließ. Kantiges Kinn, wohlproportionierte Nase und Lippen, und Augen … strahlend blau, leicht melancholisch und doch allwissend.

„Danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind.“ Tamaras Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Pfarrer. „Nebenan ist ein Imbiss für diejenigen vorbereitet, die sich gemeinsam an Marc Earle erinnern möchten.“

Tamara bekreuzigte sich, sprach still ein Gebet, dann seufzte sie traurig auf. Marc war ihr liebster Freund gewesen. Sie hatten zusammen gelacht, einander alles anvertraut. Und vor ein paar Monaten, als eine Serie unglücklicher Ereignisse sie beinahe in die Knie gezwungen hätte …

Ihr stiegen Tränen in die Augen.

Sie war eine Kämpferin. Das hatte sie bereits als Kind sein müssen. Aber in jener Nacht hatte sie jemanden gebraucht, und, wie immer, war Marc da gewesen.

Als Tamara aufstand, fröstelte sie. Während die anderen Trauergäste langsam die Kapelle verließen, ging Armand De Luca zum Sarg. Mit versteinerter Miene neigte er den Kopf, dann streckte er die Hand aus und berührte das glänzende Holz.

Tamara wurde übel. Sie strich sich das lange dunkle Haar aus dem Gesicht und presste, die Augen geschlossen, eine Hand auf ihren Bauch. Sie atmete tief ein, dann langsam wieder aus. Als sich ihre morgendliche Übelkeit legte, ging ihr Blick erneut zum Sarg hinüber. De Luca war weg.

Sie schlang die Arme um sich, weil ihr plötzlich kalt war, und folgte den anderen nach draußen.

Zwei Freundinnen von Marc gesellten sich zu ihr. Bis auf ihr Haar glichen sich die Zwillinge Kristin und Melanie wie ein Ei dem anderen. Sie hatten ihren netten Nachbarn oft besucht, damit er alles Mögliche für sie erledigte oder ihre Streitereien schlichtete. Jetzt wirkten die beiden ganz verloren.

Langsam schüttelte die blonde Kristin den Kopf. „Ich bin immer noch geschockt. Dabei habe ich ihm noch gesagt, er soll sich bloß nicht dieses blöde Motorrad kaufen.“

Melanie, die rotbraune Locken hatte, putzte sich die Nase. „Das hätte nie jemandem passieren dürfen, der so gut war wie Marc.“ Seufzend sah sie Tamara an. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du klarkommst. Erst geht dein Geschäft unter, dann das Feuer, jetzt das hier.“

Während Tamara noch nach einer passenden Antwort suchte, fuhr Kristin ihre Schwester an: „Großartig, Mel. Dass du sie daran erinnerst, war wirklich nicht nötig.“

„Ich habe doch nur gemeint, dass drei Schicksalsschläge in Folge …“ Melanie sah verlegen drein. „Na ja, das muss hart sein.“

Drei Schicksalsschläge?

Tamara schwankte leicht.

Wohl eher vier.

Andere Trauergäste traten zu ihnen. Während Tamara mit halbem Ohr der Unterhaltung zuhörte, starrte sie auf das Panorama von Sydney, auf das man von der auf einer Anhöhe gelegenen Trauerhalle einen schönen Blick hatte. Normalerweise war sie begeistert vom Anblick der Gebäude rund um den Hafen. Doch heute hatte sie keinen Sinn dafür.

Als ihr Unwohlsein schlimmer wurde und die Trauergäste sich in den Raum begaben, in dem Sandwiches und Tee bereitstanden, suchte sie die nächste Toilette auf. Einen Augenblick später klammerte sie sich an ein Waschbecken.

Himmel, sie würde sich übergeben müssen. Aber wenigstens war sie allein. Vornübergebeugt, die Stirn gegen den Unterarm gelehnt, überließ sie sich ihrer Übelkeit und dem Bild, das ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte – Marcs Gesicht, als er erfuhr, dass er bald Vater werden würde. Er hatte ihr gesagt, dass er sie liebe, sie heiraten wolle. Wie hätte sie da gestehen können, dass sie ihn auch liebte – nur eben nicht so.

Der Geruch eines herb-frischen Desinfektionsmittels half ihr, die Übelkeit zu bezwingen. Einen Moment später spitzte sie die Ohren und richtete sich auf. Hatte sie etwas gehört – ein Klopfen?

Sie sank wieder in sich zusammen. Nein, nur blank liegende Nerven und reine Einbildung. Aufstöhnend drehte sie den Wasserhahn auf. Sich das Gesicht zu benetzen konnte ihr nur guttun.

„Entschuldigung, Ms. Kendle?“

Beim Klang der dunklen, angenehmen Stimme fuhr Tamara zusammen. Sie wirbelte zur einzigen Tür, die der Waschraum hatte, herum und sah sich einer maskulinen Silhouette gegenüber. Weil ihr Herz so heftig klopfte, presste sie eine Hand auf das Oberteil ihres schwarzen Kleides, schluckte und fand endlich die Sprache wieder. „Gütiger Himmel, Sie haben mich fast zu Tode erschreckt!“

Er hob eine dunkle Braue und zog schmunzelnd einen Mundwinkel hoch. „Ich bitte um Verzeihung. Als Sie hier im Waschraum verschwanden und so lange blieben, fürchtete ich schon, Sie verpasst zu haben.“ Er holte tief Luft, und sein perfekt sitzendes Jackett spannte sich leicht über seiner ansehnlichen Brust. „Ich bin Armand De Luca. Marcos Bruder.“

Lange verschollener Bruder, ergänzte Tamara im Stillen, obwohl offensichtlich war, dass sie nichts gemein hatten, weder im Aussehen noch im Benehmen. Marc hatte zwar auch blaue Augen, doch sein Blick war vertrauensvoll gewesen, während dieser Mann einen fast lauernd ansah. Vielleicht gar nicht so erstaunlich, wenn sie bedachte, was sie über ihn wusste. Eine strenge Kindheit, dominiert von einem übermäßig ehrgeizigen Vater, keine Mutter im Haus. Man könnte ihn bedauern, aber De Luca war kein Mann, der Mitleid brauchte. Das bewiesen sein skrupelloser Intellekt und sein legendärer Charme, den er auch jetzt verströmte, hinreichend.

Tamara atmete tief durch, und während sie das Wasser abdrehte, gelang ihr ein höfliches Lächeln. „Marc hat von Ihnen gesprochen.“

Er lächelte ebenfalls. „Das freut mich. Ich hatte gehofft, Sie und ich könnten jetzt miteinander reden.“

Er suchte ihren Blick, und aus einem unerfindlichen Impuls heraus nickte sie zustimmend. Aber eine längere Unterhaltung kam nicht infrage. Jedenfalls nicht heute. Nicht, wenn sie drauf und dran war umzukippen. Und ihre Welt bereits eingestürzt war.

Sie riss Papier aus dem Spender, um sich die Hände abzutrocknen. „Es war ein anstrengender Tag, aber ich bin sicher, andere würden sich gern mit Ihnen über Marc unterhalten.“

„Ich habe nicht allzu viel Zeit, Ms. Kendle. Ich möchte nur mit Ihnen reden.“

Sie warf das Papiertuch in den Abfallbehälter. „Das klingt ziemlich unheilvoll.“

„Marco sagte mir, dass Sie schlau seien.“

Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, nicht nur wegen des Kompliments, sondern auch, weil er sie so eindringlich ansah, so forschend, als würde er gleich hinter ihr kostbarstes Geheimnis kommen. Als vermute er irgendwie die Neuigkeiten, die sie noch nicht bereit war mit jemandem zu teilen.

Tamara nahm ihre Tasche und hängte sie sich über die Schulter. Er verunsicherte sie, um ehrlich zu sein. Aber sie würde es sich auf keinen Fall anmerken lassen.

Sie blickte ihm geradewegs in die Augen. „Sie sehen mir nicht aus wie ein Mann, der Spielchen spielt. Also sagen Sie mir, was soll das alles?“

Er bedachte sie mit einem langen Blick, ehe er seinen Platz an der Tür verließ und ganz in den hell erleuchteten Waschraum kam. Er hatte eine hohe Stirn, ein kräftiges, eigensinniges Kinn, einen männlich herben, doch ausgesprochen sinnlichen Mund. Armand De Luca war nicht nur attraktiv, er besaß eine fast animalische Ausstrahlung. Zudem war er sehr elegant und gepflegt. Die Wirkung, die alles zusammen auf Tamara hatte, war mehr als atemberaubend. Sie war geradezu gefährlich.

„Sie sind schwanger“, erklärte er knapp. „Von Marco.“

Diese Eröffnung war für sie wie ein Schlag in die Magengrube. Ihr wurden die Knie weich, während ihr tausend Fragen durch den Kopf schossen. Zwar machte ihr morgendliche Übelkeit zu schaffen, aber sie hatte noch keinen Babybauch. War De Luca Hellseher?

„Wie können Sie das wissen? Ich habe es Marc erst eine Stunde vor dem Unfall gesagt.“

Er blieb gelassen. „Er hat mich angerufen, um mir die Neuigkeit mitzuteilen. Seit wir wieder Kontakt haben, hat sich mein kleiner Bruder gelegentlich gemeldet.“

Tamara wusste nicht viel über die Geschichte der Brüder, außer dass sich ihre Eltern getrennt hatten, als die beiden Jungen noch ziemlich klein waren. Marc hatte nie erzählt, warum seine Mutter ihn und nicht Armand mitgenommen hatte, als sie ging. Oder warum die Brüder als Erwachsene erst nach dem Tod ihres Vaters vor gut einem Jahr wieder Verbindung aufgenommen hatten. Marc trauerte nie der Vergangenheit nach, ein Grund mehr, warum sie ihn gemocht hatte. Emotionaler Ballast, Gespenster im Schrank … das alles entmutigte einen Menschen und schürte Zweifel, wenn man sich zu oft damit beschäftigte.

Doch heute hatte Marcs Vergangenheit die Gegenwart eingeholt, während Tamaras Zukunft sicher und geliebt in ihr heranwuchs.

Mütterlicher Stolz ließ sie das Kinn recken. „Ja, ich bin schwanger. Aber deshalb brauchen Sie mich nicht derart zu verfolgen. Ich verlasse das Land nicht.“

„Ich schon. In wenigen Stunden fliege ich für zwei Wochen nach Peking.“

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Dann unterhalten wir uns eben in zwei Wochen.“

Plötzlich fiel ihr etwas ein. Es gab nichts, was sie in Sydney hielt. Vielleicht fürchtete er, sie würde verschwinden, und es wäre ihr egal, ob er seine kleine Nichte oder seinen kleinen Neffen je zu Gesicht bekommen würde. Doch sie wollte ihn auf gar keinen Fall aus dem Leben ihres Kindes fernhalten, wie er aus Marcs Leben ferngehalten worden war. Sie wusste, wie schlimm solche Trennungen sein konnten.

Ihr größter Wunsch war, ihrem Kind ein glückliches, harmonisches Zuhause zu geben. Das bedeutete, eines Tages den Mann zu heiraten, der sie beide liebte und den auch sie liebte, nicht nur als Freund, sondern so, wie eine Frau ihren Mann lieben sollte. Im Moment jedoch wären die Interessen ihres Babys am besten gewahrt, auch Verwandte in sein Leben einzubeziehen.

„Hören Sie, Sie brauchen sich keine Sorgen wegen möglicher Besuche zu machen. Ich möchte, dass mein Kind seinen Onkel kennenlernt. Familie ist wichtig.“ Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Wichtiger als alles andere.“

Seine Miene entspannte sich etwas. „Bitte gewähren Sie mir fünf Minuten, Ms. Kendle, aber woanders.“

Sein nervöser Unterton, der Schauer, der ihr über den Rücken lief …

Erst jetzt wurde Tamara richtig bewusst, dass irgendetwas nicht stimmte.

Gab es eine Erbkrankheit in der Familie, über die sie Bescheid wissen musste? Epilepsie, Allergien, eine Herzerkrankung … sonst irgendein Problem, das sofortiger Aufmerksamkeit bedurfte?

Sie verspürte einen dicken Kloß im Halse, während ihr heiß und kalt wurde. „Worum auch immer es sich handelt, falls es mein Kind betrifft, dann möchte ich es wissen.“ Sie schluckte. „Und zwar jetzt gleich.“

Er ballte seine eine große gebräunte Hand zur Faust und öffnete sie wieder, ehe er langsam auf Tamara zukam, bis sie überdeutlich seinen männlich herben Duft wahrnahm und die wilde Entschlossenheit in seinem Blick.

„Es betrifft das Kind, Ms. Kendle, und ebenso uns beide.“ De Luca straffte die breiten Schultern. „Ich möchte Sie heiraten.“

Eine Viertelstunde später saß Armand, einen Arm über der Rückenlehne, auf einer schattigen Parkbank, und Tamara Kendle ganz benommen neben ihm. Ihr Gesicht war weißer als der Styropor-Becher, den sie in der Hand hielt. Blicklos schaute sie auf die endlosen Wellen, die in wenigen Metern Entfernung an den Strand schwappten.

Sie stand eindeutig noch unter Schock. Nach seinem überraschenden Antrag zuvor in der Trauerhalle hatten ihr die Beine den Dienst versagt. Er hatte sie aufgefangen, und in dem Moment, in dem sie gegen seinen Körper gesunken war, war sein Blut unversehens in Wallung geraten. Dann hatten ihn heftige Schuldgefühle gepackt.

Die machten ihm auch jetzt noch zu schaffen, aber er verdrängte sie. In den letzten vierzehn Monaten hatte er Marco genau achtmal gesehen, einschließlich des Wiedersehens auf der Beerdigung ihres Vaters. Jetzt war der Bruder, den er kaum gekannt hatte, tot.

Die Frau zu heiraten, die Marco geliebt hatte, mochten einige Leute gefühllos, vielleicht sogar schamlos finden. Armand hatte Verständnis dafür, aber das würde ihn nicht von seiner Entscheidung abbringen. Er richtete sich nur nach seinen eigenen Spielregeln. Sich zu wünschen, die Dinge würden anders liegen, war sinnlos. Die Vergangenheit war nicht zu ändern, allein die Zukunft zählte. Und eine Verbindung würde ihnen allen nützen – Tamara, dem Baby und ihm selbst.

Armand beugte sich vor und stützte die Unterarme auf die Schenkel. „Möchten Sie noch mehr Wasser, oder sind Sie so weit okay, dass wir reden können?“

Das Timing war ausgesprochen schlecht. Müsste er nicht zu diesem Geschäftstermin nach China reisen, dann hätte er sich heute bloß vorgestellt und sie in den nächsten Tagen mehrfach besucht, bis sie sich besser fühlte. Aber obwohl ihr Kennenlernen ungeschickt war, war es vielleicht besser so. Viel musste organisiert werden – und das schnell –, besonders die Formalitäten einer Heirat in Bezug auf seine Geschäfte und das Testament seines verstorbenen Vaters.

Tamara stellte ihren leeren Becher zwischen sie beide auf die Bank und strich sich einige Haarsträhnen hinters Ohr. „Falls Sie über eine Hochzeit reden wollen, da gibt es nichts zu reden.“

Er hatte mit dieser Antwort gerechnet. Während er die Orange- und Rottöne der untergehenden Sonne am Horizont betrachtete, machte er den ersten Schritt. „Ich kenne Ihre Situation.“

„Meine … Situation?“

Sein Ton war freundlich, aber bestimmt. „Sie sind seit zwei Monaten arbeitslos, weil Ihr Geschäft aus Mangel an Liquidität in Konkurs ging.“

„Dank einer großen Firma, die sich weigerte, eine Rechnung zu bezahlen.“ Verunsichert hob sie die Brauen. „Woher wissen Sie das? Marc würde es Ihnen nicht erzählt haben. Es hatte ja nichts mit Ihnen zu tun.“

„Jetzt geht es mich etwas an.“ Er suchte ihren Blick. In ihren grünen Augen wechselten Licht und Schatten.

Er rieb sich das Kinn, ehe er einen Arm wieder über die Rückenlehne der Bank legte. „Sie haben keine private Krankenversicherung.“

Sie blinzelte, als sei ihr das noch gar nicht aufgefallen. „Nein, habe ich nicht.“

„Aber Sie wollen doch sicher die beste ärztliche Betreuung für sich und das Baby.“ Sie lehnte sich zurück, noch bleicher geworden. „Was ist mit der Geburt? Falls ein Kaiserschnitt nötig wird, möchten Sie da nicht wissen, wer der operierende Arzt ist?“

„Wir haben ein gutes staatliches Versorgungssystem in diesem Land.“

„Sie möchten wissen, wer sich wo um das Baby kümmert und bestimmt nicht stundenlang in einer Klinik warten und jedes Mal einen anderen überarbeiteten Arzt sehen.“ Er ignorierte ihren müden Blick. „Wenn Sie heutzutage sicher sein wollen, die beste medizinische Behandlung zu bekommen, dann müssen Sie dafür bezahlen.“

„Und ich frage Sie noch einmal. Woher wissen Sie das alles?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ein paar Anrufe.“ Für Geld bekam man nicht nur die beste medizinische Behandlung. Verglichen damit war Information jedoch billig.

Ihr stieg die Röte ins Gesicht, als sie ärgerlich wurde.

„Sie haben Nachforschungen über mich angestellt?“

„Ich habe mich um die Angelegenheiten meines verstorbenen Bruders gekümmert.“

„Sie meinen, seine Liebesangelegenheiten.“

Er beugte sich näher zu ihr, gewillt, sich verständlich zu machen. Die ganze Sache war auch für ihn nicht angenehm. „Sie haben kein Einkommen und eigentlich keine Verwandten. Ich möchte Ihnen helfen.“

„Indem Sie mich heiraten wollen. Ist das nicht ein bisschen extrem? Wie wär’s mit etwas Einfachem, wie, einen Scheck ausschreiben?“ Sie verschränkte die Arme. „Nicht, dass ich Ihr Geld haben möchte.“

„Das ehrt Sie, ist in Ihrer heiklen Lage aber vielleicht unpraktisch.“

Auch wenn keineswegs reich, so war Marco eher in der Lage gewesen, das De-Luca-Erbe auszuschlagen, ja sogar lachend den Vorschlag abzulehnen, dass sich die Brüder endlich zusammentaten und die Firma gemeinsam führten. Tamaras Situation war eine völlig andere.

„Ich bin absolut in der Lage, einen Job anzunehmen.“

„Wie den einer Empfangsdame beim Billigfrisör in Ihrem Viertel.“ Tamara blieb der Mund offen stehen. „Sie werden acht bis zehn Stunden täglich auf den Beinen sein, den Salon fegen, bei allen möglichen Arbeiten aushelfen. Wie ich vorhin im Waschraum mitbekommen habe, macht Ihnen die Schwangerschaft in diesem frühen Stadium Probleme. Wie wollen Sie das alles schaffen?“

Stolz straffte sie die Schultern. Trotz ihrer Sturheit musste er sie bewundern. Denn wenn jemand diese schwierige Situation meistern konnte, und zwar gut, dann Tamara. Doch das behielt er für sich.

„Ich bin dankbar für den Job, auch wenn er nur ein Notnagel ist. Ich habe nämlich vor, einen Abschluss in Betriebswirtschaft zu machen und dann meine Firma für spezielle Events neu aufzubauen.“ Sie reckte das Kinn. „Notfalls fange ich auch in einer anderen Firma an und arbeite mich dort nach oben.“ Sie bedachte ihn mit einem beinahe frechen Blick. „Aber das ist Ihnen womöglich auch schon bekannt.“

Er verkniff sich ein Lächeln. Ganz schön kess. Ein ziemlicher Unterschied zu den überspannten höheren Töchtern, mit denen er ausgegangen war – Frauen, die sich einschmeichelten, sich selbstgefällig den Hof machen und ihn dann hängen ließen, wenn es um eine dauerhafte Beziehung ging.

Aber er glaubte nicht an die romantische Liebe, auch wenn andere das offenbar taten.

Er betrachtete den Sandboden vor sich, während er nach den richtigen Worten suchte. „Ich weiß, dass Sie und Marco ein Liebespaar waren. Er erzählte mir, Sie beide würden heiraten und noch mehr Kinder bekommen. Sicher wird es seine Zeit dauern, bis Sie über Ihren Verlust hinweggekommen sind …“

„Wow! Moment.“ Abwehrend hob Tamara die Hände. „Marc mochte in mich verliebt gewesen sein, aber ich hatte nicht eingewilligt, ihn zu heiraten. Für mich war er lediglich ein Freund. Ein sehr lieber Freund.“

Armand erstarrte. Er war kein Heiliger, aber dieser Gedanke wollte ihm nicht in den Kopf. „Schlafen Sie oft mit Freunden, Ms. Kendle?“

Sie zuckte zurück, als habe er sie geschlagen. Sie nahm ihre Tasche und sprang auf. „Ich habe genug.“

Ehe sie weglaufen konnte, packte er sie am Arm. Sie waren noch nicht fertig.

Die Berührung löste eine heftige körperliche Reaktion in ihm aus, genau wie nach seinem Heiratsantrag vor einer Stunde, als Tamara gegen ihn gesunken war. Langsam erhob sich Armand und versuchte dabei zu begreifen, was diese Gefühlswallung bedeutete. Ihrer überraschten Miene nach spürte Tamara es auch – dieses prickelnde Knistern zwischen ihnen, als ständen sie beide unter Strom.

Langsam ließ er den Blick über ihre Lippen gleiten, als sich ein bisher schlafender Tiger gähnend in ihm reckte. „Sie haben sich körperlich nicht zu Marco hingezogen gefühlt?“

Doch zwischen ihnen beiden knisterte es unmissverständlich. Damit hatte er keinesfalls gerechnet. Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte – es war eine neue Erfahrung für ihn, in vielerlei Hinsicht.

Entschlossen löste sich Tamara von ihm. „Marc war lieb und zuvorkommend und ließ alles stehen und liegen, wenn ein Freund ihn brauchte. Es ist ein einziges Mal passiert.“ Man sah ihr den Kummer deutlich an. „Ich erwarte nicht, dass Sie es verstehen.“

Ihm wurde das Herz schwer, aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, wer der bessere Mann von ihnen beiden war.

„Sie hatten eine Pechsträhne.“ Er wusste auch über ihr Haus Bescheid und den Brand. „Aber heute haben Sie die Chance, das Ruder herumzureißen.“

Sie lächelte unglücklich. „Mit einer Vernunftehe?“ Ihre sichtbare Verletzlichkeit, ihre unschuldige Miene gingen ihm nahe, und er nickte kurz. Sie schien einen Moment über die Aufrichtigkeit seines Angebots nachzudenken, ehe ihr Blick erneut misstrauisch wurde. „Und was haben Sie davon?“

Er zögerte nicht. „Dieses Kind wird zwei Elternteile haben.“

Sie wartete. „Und?“

„Sie brauchen einen weiteren Grund?“

Tamara Kendle kam aus einem zerrütteten Zuhause, das sehr viel weniger privilegiert war als das seine. Ein verschollener Vater und eine ungebildete Mutter. Gegen Tamaras Kindheit waren seine Beschwerden etwa so, als habe er beim Sonntagspicknick zu wenig Kuchen abbekommen. Eigentlich sollte es verlockend genug für sie sein, wenn er diesem Kind die Sicherheit eines ordentlichen Familienlebens bot.

Einige Möwen flogen auf, als sie zum Zaun ging, der den Strand abgrenzte. Der Wind, der näher am Wasser stärker war, spielte mit ihrem Haar und ließ es über ihren Rücken tanzen.

Sie drehte sich zu ihm um, ihr Gesichtsausdruck war jetzt hellwach. „Sie sagten, ich sei schlau, Mr. De Luca. Bitte beantworten Sie meine Frage.“

Nach einem Moment ging er zu ihr hinüber. Er umfasste das Geländer der Umzäunung mit beiden Händen und sah nachdenklich aufs Meer hinaus. „Ja, es gibt noch einen Grund.“ Sie würde es ohnehin erfahren müssen.

„Ich höre.“

Er umklammerte das Holzgeländer. „Ich muss die Mehrheitsanteile an der Firma meines verstorbenen Vaters bekommen. Seinem Testament zufolge befinden sich die für das volle Stimmrecht fehlenden Firmenanteile in einer Treuhandverwaltung.“

„Und ich passe da wie hinein …?“

„Eine Bedingung ist zu erfüllen, ehe die Anteile an mich zurückfallen. Ich muss Nachkommen zeugen – also ein Kind –, und zwar bis zu meinem dreiunddreißigsten Geburtstag. Mit anderen Worten, ich brauche in sieben Monaten einen legitimen Erben.“

„Mein Baby?“ Sie lachte ungläubig auf. „Kann man so etwas tatsächlich in seinem Testament festlegen? Das klingt mittelalterlich.“

„Dante, mein Vater, war sehr altmodisch. Ich weiß seit Jahren, dass er sicherstellen wollte, dass sein Vermächtnis durch mich auf die nächste Generation übergeht. Das ist zu verstehen.“

„Und wenn Sie bis zum Stichtag keinen Erben zeugen?“

„Dann verbleiben die Mehrheitsanteile beim engsten Freund meines Vaters, dem Rechtsanwalt der Firma.“

Einem Mann, der selbst keine Kinder hatte. Jemand, den Armand immer bewundert und als Kind Onkel genannt hatte. Ein Mensch, dem er vertraute und der seiner Meinung nach die restlichen Anteile ohnehin an ihn übertragen würde. Er würde jedoch lieber den Wunsch seines Vaters erfüllen, um Matthew, einen Mann mit Moral, nicht in eine nicht ganz so moralische Situation zu bringen. Tamara zu überzeugen, ihn zu heiraten, würde diese Klippen umschiffen und für alle das Beste sein, einschließlich des Kindes.

Sie betrachtete ihn skeptisch. „Das alles ergibt keinen Sinn. Ein Mann wie Sie sollte kein Problem damit haben, eine willige Braut zu finden. Warum haben Sie bis jetzt gewartet?“

Armand weigerte sich, sich zu erinnern, stattdessen spielte er mit dem schweren Rubinring an seiner rechten Hand herum. „Sagen wir, die wahre Liebe ist mir aus dem Weg gegangen.“

„Und Sie wollen die wahre Liebe finden?“

Ihre Anspannung wich ein wenig, ehe sie ihm ihr erstes echtes Lächeln schenkte. Sie strahlte wie ein Engel, so als würde sie von innen heraus leuchten. Beinahe hätte er ihr Lächeln erwidert.

„Dann verstehen Sie sicher, warum das unmöglich funktionieren kann. Warum Sie einen anderen Weg finden müssen. Ich möchte nämlich auch den einzig richtigen Partner finden, genau wie Sie.“

Er betrachtete sie. Sie war weit attraktiver, als er zuerst gedacht hatte, mit ihrem zarten Teint, dem langen schlanken Hals und der goldenen Kette mit einem kleinen Kreuz. Und einen verrückten Moment lang hätte er sich am liebsten von ihrer wirklichkeitsfremden Schwärmerei anstecken lassen.

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