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Plötzlich Prinzessin, plötzlich verliebt

Nancy Robards Thompson

Plötzlich Prinzessin, plötzlich verliebt

PROLOG

Es war einmal – im Jahr 1977 – in einem Königreich auf einer kleinen Insel im Mittelmeer eine wunderschöne, lebhafte Prinzessin. Sie verliebte sich in einen wilden Rockstar und erwartete bald ein Kind von ihm. In ihrer Not vertraute sie sich ihrer Zofe an, die umgehend die Eltern der Prinzessin über deren Zustand informierte.

Der König war entsetzt. Ein Rockstar als Schwiegersohn kam für ihn nicht infrage. Um einen Skandal zu vermeiden, schickte er seine Tochter ins Ausland, wo sie ihr Kind unbemerkt von der Öffentlichkeit zur Welt bringen sollte. Direkt nach der Geburt befahl er, ihr das Baby wegzunehmen – wohin er es bringen ließ, erfuhr sie nicht.

Fest entschlossen, ihr Kind zu sich zurückzuholen und es selbst aufzuziehen, wandte sich die Prinzessin nach ihrer Heimkehr an den Rockstar. Erst jetzt unterrichtete sie ihn von ihrer Schwangerschaft und der Geburt ihrer Tochter und bat ihn um Hilfe.

Der junge Mann hatte während der monatelangen Trennung erkannt, dass er sie über alles liebte. Hin- und hergerissen zwischen unbändiger Freude über die Geburt seines Kindes und tiefer Trauer über seinen Verlust, sank er auf die Knie, bat sie um ihre Hand und schwor ihr, die kleine Familie wieder zu vereinen.

Am Tag der heimlichen Hochzeit geschah jedoch ein schreckliches Unglück. Das Flugzeug mit dem jungen Paar an Bord stürzte ab. Die beiden starben, ehe sie Anspruch auf ihr Kind erheben konnten.

1. KAPITEL

„Sind alle Vorkehrungen getroffen?“ Luc Lejardin stand auf, ging um den antiken Schreibtisch herum, durchquerte sein großzügiges Büro und trat ans Fenster. Gerade ging die Sonne über dem Mittelmeer unter und ließ die strahlend weißen Fassaden der Häuser der Hauptstadt von St. Michel in einem eindrucksvollen Farbenspiel aufleuchten.

Der Amerikaner am anderen Ende der Telefonleitung zögerte einen nahezu unmerklichen Moment. „So gut wie.“

Verärgert runzelte Luc die Stirn. Er besaß eine hervorragende Menschenkenntnis, und die Unsicherheit seines Gesprächspartners war ihm nicht entgangen. Zu seinen Aufgaben bei Hof gehörte es, Falschheit, Illoyalität und Lügen aufzudecken. Blindes Vertrauen konnte er sich nicht leisten, insbesondere in Fragen der nationalen Sicherheit. Nach der schrecklichen Tragödie, die zu verhindern ihm nicht gelungen war, durfte ihm diesmal auch nicht der kleinste Fehler unterlaufen.

„Das genügt mir nicht, Monsieur. Ich erwarte, dass Sie Ihren Auftrag vollständig erledigt haben, ehe ich in zwei Stunden in die USA aufbreche.“

„Kein Problem. Ich maile Ihnen die letzten Fotos in den nächsten Minuten.“

Luc beendete das Telefonat und steckte den BlackBerry zurück in die Brusttasche seines Armani-Anzugs. Seufzend lehnte er den Kopf an den Fensterrahmen und schloss die Augen.

Ich hätte das Feuer verhindern müssen, dachte er traurig. Der verheerende Brand war Prinz Antoine und seiner Familie zum Verhängnis geworden. Zwar hatte der Prinz über eigenes Sicherheitspersonal verfügt, doch die Männer, die bei dem Unglück ebenfalls ums Leben gekommen waren, unterstanden letztendlich ihm als Protokollchef. Ihr Blut klebte für immer an seinen Händen – wenngleich König Bertrand darauf beharrte, dass er sich nichts vorzuwerfen hatte.

Der Herrscher war überzeugt davon, dass ein Fluch auf dem Haus Founteneau lag. Er weigerte sich, die Möglichkeit auch nur in Betracht zu ziehen, die diversen Schicksalsschläge, die ihn seiner gesamten Familie beraubt hatten, könnten absichtlich herbeigeführt worden sein.

Luc als Realist sah das anders. Er argwöhnte, dass es sich bei der jüngsten Katastrophe um Mord handelte, ebenso wie bei den anderen unerwarteten Todesfällen der letzten dreiunddreißig Jahre. Jemand hatte sich sehr viel Mühe gegeben und jeden einzelnen Anschlag perfekt als Unfall getarnt, sodass weder dem Kronrat noch seinem eigenen Vater, bis zu seinem Tod vor drei Jahren Protokollchef am Königshof von St. Michel, jemals Zweifel gekommen waren.

Mit Prinz Antoine war der letzte direkte Nachkomme von König Bertrand verstorben – zumindest der letzte offiziell bekannte – und Luc war fest entschlossen, ihn zu rächen, mit oder ohne Rückendeckung durch König und Kronrat.

Zunächst musste er jedoch eine andere, nicht minder wichtige Aufgabe erledigen: Er musste die Sicherheit des einzigen verbliebenen Thronfolgers von St. Michel gewährleisten, dessen Existenz bis gestern niemandem außer dem König bekannt gewesen war.

Ein eiskalter Wind pfiff an diesem grauen Novembermorgen durch die Straßen, und der erste Schnee des Winters fiel. Wieder einmal war Sophie Baldwin zu spät von zu Hause zur Arbeit aufgebrochen. Dass sie dennoch vor Tina’s Boutique stehenblieb, lag nicht an dem entzückenden Kleid in der Auslage, sondern an dem Anblick, den ihr Spiegelbild im Schaufenster bot: Sie sah nicht die schlanke, attraktive, junge Frau vor sich, für die sie sich hielt, sondern …

Du meine Güte! dachte sie erschrocken und trat einen Schritt näher ans Fenster heran. Leider handelte es sich nicht um eine optische Täuschung. In dem weiten gelbgrünen Wollmantel, den sie vor nicht allzu langer Zeit erstanden hatte, ähnelte sie fatal einem Glas Löwensenf!

Das liegt nicht allein an dem Mantel, gestand sie sich nach genauerer Betrachtung ein. Dem braunen Haar, das ihr bis auf die Schultern fiel, fehlte es an Spannkraft, ihre grünen Augen wirkten trüb und matt. Sie sah abgespannt, sorgenvoll und elend aus und viel älter als ihre dreiunddreißig Jahre.

Wie lange geht das schon so, und wieso ist es mir nicht eher aufgefallen? fragte sie sich entsetzt.

Einen Besuch im Kosmetikstudio hatte sie sich nach der Scheidung nicht mehr leisten können. Stammkundin war sie dort allerdings noch nie gewesen, das hatte sie bei ihrem natürlichen guten Aussehen nicht nötig gehabt.

Heißt es nicht, das Äußere ist der Spiegel der Seele? Sie seufzte traurig.

Noch vor wenigen Jahren hätte sie den grässlichen Mantel keines Blicks gewürdigt. In die engsten Jeans gezwängt, hatte sie Nächte auf absurd hohen sexy Stilettos durchtanzt, als Mittelpunkt jeder Party. Damals war sie jung und verliebt gewesen und überzeugt, in Frank die große Liebe gefunden zu haben.

Es war ihr nie in den Sinn gekommen, dass er sich nach fünfzehn Ehejahren wieder den frischen, frechen Achtzehnjährigen zuwenden könnte, dass er seine Familie, seine Verantwortung, eintauschen würde gegen Geliebte, die nur wenig älter als seine vierzehnjährige Tochter Savannah waren.

Ein eisiger Windstoß ließ sie erschauern, und sie schlug den Mantelkragen hoch.

Bisher hatte sie bei ihrer Garderobe dezente Töne bevorzugt. Wieso habe ich mich plötzlich für helle, kräftige Farben entschieden? fragte sie sich. Wollte sie sich damit etwa vormachen, ihr Leben nach der Scheidung sei fröhlicher als zuvor?

Sie seufzte tief, riss sich von ihrem Spiegelbild los und eilte die Main Street entlang, bis sie das Sozialamt von Trevard, North Carolina, erreichte, wo sie arbeitete. Dabei nahm sie sich vor, ihren Kleiderschrank zu durchforsten und alles allzu Bunte wegzugeben. Bis auf den Mantel – einen neuen gab ihr Portemonnaie nicht her. Ihr Budget war so knapp bemessen, dass sie sparte, wo sie nur konnte, und trotz der frostigen Temperaturen zu Fuß zur Arbeit ging, anstatt den Bus zu nehmen.

Mit vor Kälte klammen Fingern zog sie die schwere Eingangstür auf und eilte ins Warme. So, wie eben in dieses Gebäude, bin ich kürzlich auch in einen neuen Lebensabschnitt eingetreten, schoss es ihr unvermittelt durch den Kopf. Seit einem knappen Jahr war sie eine alleinerziehende Mutter. Launen und Träume konnte sie sich nicht mehr leisten. Stattdessen hieß es, Vernunft und Bodenständigkeit zu beweisen, um ihrer Tochter das bestmögliche Leben bieten zu können.

Es bedeutete auch, ihr die schmutzigen Details der Scheidung zu ersparen, obwohl das zur Folge hatte, dass Savannah ihr die Schuld daran gab und ihren Vater auf ein Podest stellte.

Seinen Unterhaltsverpflichtungen kam Frank nicht nach, er war zumeist arbeitslos. Sophie hielt ihm jedoch zugute, dass er zumindest den Kontakt zu seiner Tochter aufrechterhielt und sich mit ihr traf, wann immer er in der Stadt war.

Zum Glück habe ich einen Job und bin finanziell nicht auf ihn angewiesen, dachte sie erleichtert.

Sie eilte zum Fahrstuhl, dessen Türen soeben auseinanderglitten. Im Eintreten presste sie den Knopf für den dritten Stock und wandte sich um. Während die Türen sich langsam schlossen, erhaschte sie einen Blick auf die große Uhr im Foyer an der Wand gegenüber. Sie zeigte acht Uhr zwanzig. Ihr blieben somit trotz ihrer Verspätung noch zehn Minuten bis zu ihrem ersten Termin. Was für ein Glück! Vielleicht gelang es ihr sogar, sich unbemerkt in ihr Büro zu schleichen.

Zwar hasste sie es, unpünktlich zu sein, konnte es aber nicht immer vermeiden. Wie so häufig hatte sie auch in der letzten Nacht nur drei Stunden Schlaf gefunden. Sie hatte bis tief in die Nacht in Bob’s Steak House gekellnert – ihrem zweiten Job. Der Morgen hatte dann mit der hektischen Suche nach einer Hausaufgabe begonnen, die Savannah am Vorabend auf dem Küchentisch vergessen hatte, gefolgt von einer Gardinenpredigt über die Notwendigkeit, sich alles rechtzeitig zurechtzulegen. Es widerstrebte Sophie zutiefst, die nötige Strenge herauszukehren, während Frank den coolen Typen mimte, der nach Kalifornien zog und sich ausgerechnet zu dem Zeitpunkt ein Tattoo stechen und die Ohren piercen ließ, als sie ihrer Tochter einen Bauchnabelring untersagte.

Als sich die Aufzugstüren auf dem Stockwerk öffneten, auf dem sich ihr Büro befand, entdeckte sie zu ihrem großen Schrecken ihre Chefin Mary Matthews, die am Empfangstisch mit der Rezeptionistin Lindsay Bingham, Sophies bester Freundin, sprach.

Mary unterbrach sich mitten im Satz und warf einen demonstrativen Blick auf ihre Armbanduhr. „Wie nett, dass Sie auch noch erscheinen! Haben Sie verschlafen?“

Sobald der Flieger Reiseflughöhe erreicht hatte, zog Luc den dicken Ordner aus seiner Aktentasche, schlug ihn auf und holte die Fotos hervor, die er erst fünfundvierzig Minuten vor dem Abflug erhalten hatte – viel zu kurzfristig für seinen Geschmack.

Sofort erregte eine Porträtaufnahme von Sophie Baldwin seine Aufmerksamkeit. Die Frau mit dem schulterlangen dunklen Haar, den leuchtend grünen Augen und dem sympathischen Lächeln wirkte auf eine natürliche Art sehr attraktiv. Damit entsprach sie gar nicht dem Bild, das er sich von ihr gemacht hatte. Kein Wunder, dachte er, schließlich ist sie nicht für die Rolle erzogen worden, die sie bald einnehmen soll. Und sie würde auf überzogene Erwartungen treffen, denen kein Sterblicher je gerecht werden konnte, und sich damit ebenso auseinandersetzen müssen wie ihre Vorgänger.

Er nahm die nächsten Fotos zur Hand: Auf einem stand sie vor einem bescheidenen Schindelhäuschen, ein weiteres zeigte sie in einem hässlichen gelbgrünen Mantel. Auf dem nächsten ging sie einen Bürgersteig entlang, eine Handtasche über einer Schulter, eine prall gefüllte Mappe in der anderen Hand, dann wiederum stand sie vor einem Regal in einem Supermarkt und trug erneut den gelbgrünen Mantel. Sie kleidete sich ordentlich und schlicht. Dank ihrer ausgezeichneten Figur sah sie dennoch ausgesprochen sexy aus.

Erschrocken legte er das letzte Bild in den Ordner zurück und klappte ihn zu. So etwas darf ich nicht einmal denken, ermahnte er sich und rieb sich gedankenverloren mit der Hand über die Augen. Das muss an meiner Müdigkeit liegen. Seit dem Brand vor drei Tagen hatte er kaum geschlafen, die zweiundsiebzig schlimmsten Stunden seines Lebens lagen hinter ihm.

Das Königshaus von St. Michel hatte eine ganze Reihe schlimmer Schicksalsschläge erlitten. Einige Jahre nach dem Tod von Prinzessin Sylvie bei einem Flugzeugabsturz verunglückte Prinzessin Celine tödlich mit dem Auto, wenig später ertrank Prinz Thibault beim Tauchen. Jetzt waren Prinz Antoine und seine Familie einem weiteren schrecklichen Unglück zum Opfer gefallen, was ihm besonders naheging.

Der jüngste Sohn des Königs war von jeher sein engster Freund und Vertrauter gewesen. Sie waren gemeinsam im Palast von St. Michel aufgewachsen, zusammen zur Schule gegangen und hatten als junge Männer den Mädchen reihenweise die Herzen gebrochen. Luc war dabei gewesen, als Antoine seine spätere Frau kennenlernte, und hatte ihm als Trauzeuge zur Seite gestanden.

Dennoch hatte er in der Hektik der letzten Tage kaum Zeit gefunden, seinen Freund zu betrauern.

Eine heftige Turbulenz erschütterte das Flugzeug und riss ihn aus seinen trüben Gedanken. Luc sah zu den fünf Sicherheitsbeamten hinüber, die ihn auf seiner Mission begleiteten, dann konzentrierte er sich wieder auf die vor ihm liegende Aufgabe. Er allein trug die Verantwortung dafür, und so sehr sein Verlust ihn auch belastete, sein Urteilsvermögen durfte darunter nicht leiden.

Eins der Fotos der jungen Frau war aus dem Ordner gerutscht und zu Boden gefallen. Er hob es auf und betrachtete es erneut.

Sie sah wirklich nett aus, und es tat ihm leid, sie mit den Problemen seines Landes belasten zu müssen.

Entschlossen schob er das Bild an seinen Platz zurück und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Bald würden sie in den USA landen. Danach galt es, keine Zeit zu verlieren. Er würde persönlich dafür Sorge tragen, dass allen die enorme Bedeutung der ihnen jeweils zugedachten Rolle bewusst wurde, ganz besonders Sophie Baldwin.

Unter dem strengen Blick von Mary Matthews wechselte Sophie nervös ihre Aktentasche von einer Hand in die andere. Verzweifelt suchte sie nach einer Ausrede für ihre Verspätung, doch ihr fiel nichts als die Wahrheit ein.

„Es tut mir leid. Ich musste gestern bis spät in die Nacht im Restaurant arbeiten, und heute Morgen hat Savannah Schwierigkeiten gemacht.“

„Sie verspäten sich in letzter Zeit häufig wegen morgendlicher Probleme.“

Zwar hätte Sophie ihre Chefin auf die vielen Abende hinweisen können, an denen sie länger geblieben war, hielt es jedoch für besser zu schweigen.

„Kommen Sie in fünf Minuten in mein Büro, Sophie.“

Mary war erst seit einem knappen Jahr im Sozialamt tätig und hatte sie somit kurz nach der Trennung von ihrem Mann kennengelernt, einem Zeitpunkt, zu dem sie mit massiven privaten Problemen zu kämpfen gehabt hatte. Gleichwohl argwöhnte Sophie, dass sie es Mary auch dann nicht recht machen könnte, wenn alles in ihrem Leben perfekt liefe. Die Chemie zwischen ihnen stimmte einfach nicht.

Rasch eilte sie an ihren Schreibtisch, verstaute ihre Handtasche in einer Schublade und hängte den Mantel auf, während sie verzweifelt versuchte, sich zu erinnern, wie oft sie sich in den letzten Wochen verspätet hatte. Für Mary wäre es eine Kleinigkeit, das herauszufinden. Sie musste sich lediglich ihr Arbeitszeitkonto ausdrucken lassen.

Genau das hatte sie getan, wie Sophie zu ihrem Schrecken feststellte, als sie das Büro ihrer Vorgesetzten betrat. Mary hielt ihr ein Blatt hin, das jede Verspätung des vergangenen Jahres auflistete, säuberlich mit gelbem Marker hervorgehoben.

Und wieviel Zeit hat das gekostet? fragte Sophie sich verärgert und gleichzeitig peinlich berührt.

„Ich habe Sie immer wieder gewarnt, doch Sie zogen es vor, mich zu ignorieren.“ Mary saß stocksteif hinter ihrem Schreibtisch. „Jetzt sehe ich mich gezwungen, Sie schriftlich abzumahnen.“

Für einen Moment verschlug es Sophie die Sprache. Dann fand sie wieder Worte. „Es tut mir sehr leid, ich wollte Ihre Anweisungen nicht missachten. Wenn Sie meine Klienten befragen und die Anzahl der von mir bearbeiteten Fälle betrachten, sehen Sie, dass meine Leistungen nicht gelitten haben. Zum Ausgleich für morgendliche Verspätungen bin ich abends immer länger geblieben und habe die verlorene Zeit nachgearbeitet.“

„Das Sozialamt hat von acht bis siebzehn Uhr geöffnet. Gestatte ich Ihnen eine Ausnahme, muss ich sie auch anderen gewähren. Dabei habe ich erst kürzlich den Antrag einer Mitarbeiterin auf einen Heimarbeitsplatz zurückgewiesen.“

Die verdrehte Argumentation ihrer Chefin machte Sophie erneut sprachlos.

Mary öffnete eine Schublade und zog ein Blatt hervor, das sie Sophie reichte. „Bitte bestätigen Sie hier, dass Sie die Abmahnung erhalten haben.“

„Was geschieht, wenn ich nicht unterzeichne?“, fragte Sophie in einer Anwandlung von Trotz.

„Dann nehme ich Ihre Weigerung zu den Akten.“

Erschrocken über ihren winzigen Anflug von Ungehorsam, blickte Sophie sich im Büro ihrer Chefin um. Sie entdeckte kein einziges privates Foto, der ganze Raum wirkte kalt und steril. Lediglich einige Blumendrucke an den Wänden verliehen ihm einen Hauch von Farbe.

Von einer Frau wie Mary Matthews kann ich kein Verständnis erwarten, dachte sie angesichts der frostigen Atmosphäre. Und dann wurde ihr schlagartig bewusst, dass sie, bei all ihrem Kummer und ihren Sorgen, etwas besaß, das ihrer Chefin völlig abging: ein Leben. Auf ihrem Schreibtisch standen Fotos ihrer Tochter, sie hatte Freunde …

Die Sprechanlage klingelte, dann ertönte Lindsays Stimme. „Entschuldigen Sie die Störung. Am Empfang warten zwei Klienten auf Sophie: Mr Carlo hat heute Morgen einen Termin bei ihr, und Laura Hastings möchte sie außer der Reihe in einer dringenden Angelegenheit sprechen.“

Vor Erleichterung brachte Sophie sogar ein Lächeln zuwege. „So gern ich auch länger mit Ihnen plaudern würde, die Arbeit ruft.“ Mit diesen Worten erhob sie sich.

„Nehmen Sie die Abmahnung mit, und reichen Sie sie mir bis heute Abend unterschrieben herein.“

Am liebsten hätte Sophie das Blatt in der Hand zerknüllt, stattdessen atmete sie einige Male tief durch, während sie das Büro verließ. Sie musste sich beruhigen, damit sie ihren Klienten gefasst gegenübertreten konnte.

Als sie das Wartezimmer betrat, stand Laura auf und lief ihr entgegen. Sophie hatte der jungen Mutter von vier Kindern geholfen, sich von ihrem Mann zu trennen, der sie misshandelt hatte. Mittlerweile war die junge Frau berufstätig und ließ sich nebenher noch zur Krankenschwester ausbilden, was Sophie als großen Erfolg verbuchte. Klienten wie sie waren der Grund, warum sie ihren Beruf als Sozialarbeiterin so liebte: Er versetzte sie in die Lage, anderen zu einem besseren Leben zu verhelfen.

„Wie geht es den Kindern?“, fragte sie und umarmte die Frau.

„Darüber wollte ich mit Ihnen sprechen.“

„Es tut mir leid, zuerst habe ich einen anderen Termin.“ Sie blickte zu Mr Carlo.

Betroffen ließ Laura den Kopf sinken und trat einen Schritt zurück: „Entschuldigung. Bitte nach Ihnen.“

„Kannst du warten?“, fragte Sophie, und Laura nickte.

„Sophie, ein Gespräch auf Leitung eins“, rief in diesem Moment Lindsay von der Rezeption. „Willst du es annehmen, oder soll ich es auf den Anrufbeantworter legen?“

„Wieso vergeben Sie eigentlich Termine, wenn jeder nach Gutdünken hier auftauchen kann?“, machte in diesem Moment Mr Carlo seiner schlechten Laune Luft.

Zu allem Unglück erschien ausgerechnet jetzt auch noch Mary. „Gibt es ein Problem?“

„Ja“, rief der aufgebrachte Mann. „Ich war für acht Uhr dreißig verabredet, jetzt ist es bereits Viertel vor neun. Wegen Ihrer Organisationsprobleme komme ich zu spät zur Arbeit!“

Mary runzelte die Stirn und warf Sophie einen wissenden Blick zu.

„Kümmern Sie sich sofort um den Herrn! Lindsay, ich bin bis zum Nachmittag bei der Stadtverwaltung.“ Mit diesen Worten eilte sie davon.

Sophie sah ihr wütend hinterher. „Mr Carlo, würden Sie bitte schon in mein Büro vorausgehen, es befindet sich hinter der ersten Tür links. Ich komme sofort nach.“

Doch der dicke Mann weigerte sich. „Oh nein. Ich warte, sonst verplaudern Sie sich mit Ihrer Freundin.“ Trotzig verschränkte er die Arme vor der breiten Brust.

„Ich kann auch später wiederkommen“, murmelte Laura und ging hastig zur Tür.

Sophie war nicht wohl dabei. Sie hatte den Eindruck, dass etwas nicht stimmte, und rief ihr nach: „Bitte warte, es dauert bestimmt nicht lange.“

Doch Laura winkte ihr nur zu und verschwand.

2. KAPITEL

Sophie saß an ihrem Schreibtisch und verspeiste gerade den letzten Bissen ihres Thunfischsandwichs, als das Telefon klingelte. Vor ihrer Scheidung war sie meistens freitags in der Mittagspause mit Lindsay zum Lunch ausgegangen, das konnte sie sich jetzt nicht mehr leisten. Aber eines Tages gönne ich es mir wieder, dachte sie und nahm den Hörer ab.

„Hier ist Sophie Baldwin.“

„Mom?“

Überrascht sah sie auf die Uhr. Es war erst halb eins, der Unterricht noch lange nicht zu Ende.

„Hallo, Schatz. Was gibt’s?“ Fieberhaft überlegte sie, wie sie sich vor Mary rechtfertigen sollte, falls ihre Tochter krank war und von der Schule abgeholt werden musste.

„Bitte komm nach Hause. Sofort!“

In Savannahs Stimme schwang Panik mit, und Sophie bekam es mit der Angst zu tun.

„Bist du etwa schon dort?“

„Grandma und Grandpa sind hier. Hast du gewusst, dass sie kommen? Sie haben sechs unheimliche Typen mitgebracht.“

„Wie? Meine Eltern? Was ist los?“

„Keine Ahnung. Deshalb rufe ich dich ja an!“

Der Sarkasmus, der sich in letzter Zeit in fast jedes Gespräch mit ihrer Tochter einschlich, war auch jetzt nicht zu überhören.

„Haben deine Großeltern dich von der Schule abgeholt?“

Schweigen.

„Savannah, bist du noch dran?“

„Ja.“

„Hol Grandma ans Telefon.“

„Das geht nicht.“

„Wieso?“

Wieder herrschte Stille am anderen Ende der Leitung, und Sophie begann sich zu fragen, ob Savannah mit diesem Anruf lediglich Aufmerksamkeit erregen wollte. Seit ihr Vater fortgegangen war, hatte sie alle möglichen Nummern abgezogen und Dinge getan, die sie sich früher nie erlaubt hätte. Sie hatte den Unterricht gestört, die Schule geschwänzt und sich mit einem Mädchen aus der Emo-Szene angefreundet, schwarz gekleideten Leuten, deren Gedanken fast ausschließlich um Gefühle kreisten. Jess, die neue Freundin ihrer Tochter, hatte sich sogar den Namen ihres Freundes in großen schwarzen Lettern auf den Nacken tätowieren lassen.

„Savannah, hol sofort Grandma an den Apparat!“

„Sie hat mir verboten dich anzurufen und gesagt, wir könnten über alles sprechen, sobald du von der Arbeit kommst. Aber ich fürchte mich! Bitte komm schnell.“

Alle Aufsässigkeit war aus ihrer Stimme gewichen, und sie klang wieder wie das niedliche kleine Mädchen, das sie vor der Scheidung gewesen war.

„Okay, Süße. Ich bin schon unterwegs.“

Sophie stand vor der Haustür und suchte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel, als ihr die Tür von innen geöffnet wurde von einem Mann, der sich mit einem leichten französischen Akzent als Luc Soundso vorstellte und – wieso auch immer – vor ihr verneigte.

Für einen Moment verschlug es ihr die Sprache, und sie sah ihn überrascht an. Mit seinen hohen Wangenknochen, dunklen Augen, in deren Winkeln sich beim Lächeln zarte Fältchen bildeten, der geraden Nase und den vollen Lippen hätte er ...

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