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Plötzlich Daddy – was nun?

Daly Thompson

Plötzlich Daddy – was nun?

1. KAPITEL

„Allie Hendricks ist wieder da.“

Mike Foster wollte gerade seinen Lieferanten anrufen, um ihm wegen einer verspäteten Lieferung den Marsch zu blasen. Bei den Worten legte er das Telefon jedoch wieder hin und starrte seinen Koch Barney verblüfft an. „Allie? Kann nicht sein. Es ist doch Semesterbeginn.“

„Ich weiß bloß, dass sie zurück ist.“

„Vielleicht nur über das Wochenende?“

Kunstvoll wendete Barney ein paar Eier. „Nein, sie hat das Medizinstudium abgebrochen. Ist gestern Abend einfach so bei ihrer Mutter aufgetaucht und hat die Bombe platzen lassen. Elaine hat fast der Schlag getroffen.“

Mike war schockiert. „Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Eine echte Schande“, fuhr Barney fort. „Wenn jemand das Zeug zur Ärztin hat, dann mit Sicherheit Allie. Da sieht man mal wieder, dass man niemanden wirklich einschätzen kann – ganz egal, wie lange man ihn kennt.“

Mike nickte geistesabwesend. Stimmt, manche Menschen waren unberechenbar. Vor wenigen Sekunden hätte er allerdings noch geschworen, dass Allie nicht dazugehörte. Sie war immer so zielstrebig gewesen.

Mit sechzehn Jahren war sie zum ersten Mal in seinem neu eröffneten Diner aufgetaucht. Und schon damals hatte sie genau gewusst, was sie werden wollte: Ärztin. Dieses Ziel hatte sie mit aller Hartnäckigkeit verfolgt. Niemand hatte auch nur ansatzweise daran gezweifelt, dass sie es erreichen würde.

Vor lauter Verwunderung vergaß Mike um ein Haar seinen Anruf. „Warte mal kurz“, sagte er zu Barney und wählte erneut. Als er den Lieferanten endlich am Telefon hatte, gab er ihm unmissverständlich zu verstehen, dass er das Fleisch sofort brauchte – schließlich sei das Diner kein vegetarisches Restaurant. Doch kaum hatte er aufgelegt, kehrte er wieder zum Thema Allie zurück.

„Warum hat sie das Studium abgebrochen?“

„Keine Ahnung. Über die Gründe weiß ich nichts Näheres.“

Mike war genervt. Typisch Kleinstadt! Die Gerüchteküche brodelte ständig, aber meistens wusste niemand etwas Genaues. Dabei musste offenbar etwas Schwerwiegendes passiert sein, wenn Allie das Studium abgebrochen hatte. War sie von der Uni geflogen? Ausgeschlossen. Überfordert? Quatsch, nichts hatte Allie je überfordern können. Hatte sie womöglich Liebeskummer?

„Alles okay mit dir?“ Barney warf Mike einen raschen Seitenblick zu, bevor er sich wieder dem Grill zuwandte.

„Klar“, antwortete Mike.

In diesem Augenblick kam Maury, einer der Pflegesöhne seines Bruders Daniel, zur Hintertür herein. „Hey, Mike! Ich soll dir von Daniel ausrichten, dass Allie Hendricks in der Stadt ist.“

„Habe ich gehört“, erwiderte Mike lächelnd. Er mochte alle Söhne von Daniel, aber zu Maury hatte er ein besonders enges Verhältnis: Sie beide verband die Leidenschaft fürs Kochen. Ihm graute daher bereits vor dem Ende der Ferien, weil Maury dann nicht mehr so oft im Diner arbeiten konnte.

„Darf ich heute das marokkanische Hähnchen zubereiten?“, fragte Maury eifrig, wobei ihm offenbar das Wasser im Mund zusammenlief.

„Klar, du kannst schon mal das Gemüse klein schneiden“, gab Mike zurück. „Die Hähnchenteile sind bloß noch nicht da.“

Mike hatte sein Restaurant nach sich selbst benannt: Mike’s Diner war mittlerweile das beliebteste Lokal in Serenity Valley, einem abgeschiedenen Tal im Süden des US-Bundesstaates Vermont. Die Stammgäste kamen aus den drei Städten im Tal: aus LaRocque, wo sich das Diner selbst befand, aus Holman im Süden und aus Churchill auf der anderen Seite des Flusses. Mike servierte alles, was in einem Diner so üblich war. Sein exzellenter Ruf gründete sich allerdings vor allem auf die täglich wechselnde Tagesspezialität.

Der Laden brummte. Noch dazu hatte Mike Familie: seinen älteren Bruder Daniel und den jüngeren, Ian. Das Leben war schön.

Aber das war nicht immer so gewesen. Mike war als Kind von seinen Eltern vernachlässigt worden und hatte sich zu einem rebellischen Teenager entwickelt. Nachdem er mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, hatten seine Eltern ihn kurzerhand enterbt.

Daraufhin war er in einer Erziehungsanstalt gelandet, in der er Daniel und Ian begegnet war. Die drei äußerlich und charakterlich total unterschiedlichen Jungen verband ein gemeinsames Ziel – aus ihren Fehlern zu lernen und ehrliche und hart arbeitende Bürger zu werden.

Und dieses Ziel hatten sie erreicht. Daniel war inzwischen Tierarzt, Ian Geschäftsmann und Schafzüchter, und Mike besaß das Restaurant. Auf dem Weg zum Erfolg hatten sie sich gegenseitig stets unterstützt. Und da sie alle ihre Nachnamen in Foster geändert hatten, galten sie in den Augen der Öffentlichkeit als Brüder. Die Menschen im Tal wussten nichts über ihre Vergangenheit. Das war den Foster-Brüdern nur recht. Schließlich spielte es keine Rolle mehr, was sie als Jugendliche angestellt hatten. Wichtig war nur das Jetzt.

Mike öffnete sein Diner jeden Morgen um sieben Uhr, bewältigte den Frühstücksandrang und bereitete danach das Mittagessen vor. Sobald es nachmittags ruhiger wurde, widmete er sich dem allabendlich servierten Tagesgericht. Hilfe bekam er dabei von Barney, Maury und den beiden Vollzeitkellnerinnen Becky und Colleen.

Dank Maurys Anwesenheit hatte Mike die Zeit, mit den frühen Mittagsgästen zu sprechen. „Hallo, Ray. Hallo, Ed“, begrüßte er zwei Lokalpolitiker. „Es sind noch jede Menge Tische frei.“ Während er ihre Bestellungen aufnahm, wanderten seine Gedanken allerdings immer wieder zu Allie.

Die intelligente, freundliche, fleißige und hübsche – nun ja, auf ihre Art sogar schöne – junge Frau hatte bisher jeden Sommer und in den übrigen Ferien bei ihm als Kellnerin gejobbt. Natürlich hatte er ihr herzlich gratuliert, als sie endlich den ersehnten Studienplatz für Medizin bekommen hatte. Insgeheim hatte er jedoch den Verlust seiner besten, aber eben auch überqualifizierten Kellnerin bedauert.

Nachdem Mike weitere Mittagsgäste zu ihren Tischen geleitet hatte, kehrte er in die Küche zurück. Während Maury Mandeln und getrocknete Aprikosen hackte, machte er sich dort an die Vorbereitung des inzwischen gelieferten Hähnchens.

Plötzlich tauchte Becky neben ihm auf. „Allie Hendricks ist wieder da“, erzählte sie strahlend. „Sie ist zum Mittagessen gekommen.“

Mike war erstaunt, wie sehr er sich über diese Mitteilung freute. Nachdem er sich die Hände gewaschen hatte, ging er in den Speisesaal. Suchend sah er sich nach Allie um. Allerdings erkannte er sie erst auf den zweiten Blick. Konnte diese umwerfende Brünette hier wirklich Allie sein?

Plötzlich verspürte er das brennende Verlangen, seine Frisur im Spiegel zu kontrollieren. Wie albern! Schließlich kannte er Allie doch seit Jahren. Sie war wie eine kleine Schwester für ihn. Was spielte sein Aussehen da schon für eine Rolle? Ihr Aussehen dagegen warf ihn um.

Sie wirkte viel reifer und … kultivierter als früher. Aus der schüchternen Leseratte war eine selbstsichere und elegante Frau geworden. Die Allie von früher hatte immer einen Pferdeschwanz getragen, während ihr heute das dunkle glänzende Haar offen auf die Schultern fiel.

Automatisch musterte Mike sie von Kopf bis Fuß – aber das hätte ja jeder normale Mann getan. Ihr leuchtend roter Rollkragenpullover brachte ihre Haut zum Leuchten und verlieh ihren braunen Augen einen intensiveren Ton. Und in dem schwarzen Rock und den Stiefeln sah sie absolut … weiblich aus.

Langsam ging er auf sie zu. Beim letzten Mal hatte er sie zur Begrüßung umarmt, doch das kam ihm jetzt irgendwie unangebracht vor. Also streckte er nur die Hand aus und schenkte ihr ein brüderliches Lächeln. „Hey, Allie! Schön, dich wiederzusehen.“

Überrascht hob Allie eine Augenbraue und schüttelte seine Hand.

„Trägst du dein Haar jetzt etwas länger? Steht dir gut.“

„Äh, danke.“ Mike spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. „Deine Frisur gefällt mir auch.“

Allie unterdrückte ein Lächeln. „Und? Wie läuft es so?“

„Gut … sehr gut sogar.“ Mike räusperte sich verlegen. Ihm war bewusst, dass er sich gerade wie ein Idiot benahm, aber er war machtlos dagegen. Jede einzelne seiner Körperzellen schrie danach, mit dieser tollen Frau zu flirten. Dabei handelte es sich doch um Allie, die nach wie vor acht Jahre jünger war als er! Komisch, auf einmal kam ihm dieser Altersunterschied gar nicht mehr so groß vor.

Mike versuchte, sich zusammenzureißen. Allie war nämlich nicht nur viel jünger als er, sondern steckte offensichtlich auch mitten in einer Krise. Immerhin hatte sie ihr Medizinstudium abgebrochen. Auf keinen Fall war dies der richtige Zeitpunkt für Annäherungsversuche.

„Also bleibst du uns eine Weile erhalten?“, fragte Mike und führte Allie an einen der abgeschiedeneren Tische.

Sie setzte sich und sah ihn an. „Ja. Ich brauche einen Job.“

„Einen Job?“, wiederholte Mike verblüfft.

„Natürlich nur, falls du Hilfe brauchst.“ Sie blickte sich im Diner um und schien plötzlich etwas weniger selbstsicher. „Sieht ganz so aus, als hättest du alles bestens unter Kontrolle. Na ja, ich wollte auch nur mal vorbeischauen, um …“

Mike hatte sich bereits von seiner Verwunderung erholt. „Natürlich kannst du hier aushelfen“, unterbrach er sie. „Aber warum willst du ausgerechnet wieder als Kellnerin arbeiten?“

Sie sah ihn mit jenem direkten Blick an, der so typisch für sie war. „Wie du bestimmt schon gehört hast, habe ich mir ein Semester freigenommen. Ich brauche Zeit, um nachzudenken.“

Das war Mike zwar neu, aber er nickte trotzdem.

„Ich brauche Arbeit, damit ich meiner Mutter Miete zahlen kann und …“

Mikes Verblüffung schien ihm ins Gesicht geschrieben zu sein, denn sie fügte rasch hinzu: „Nein, sie hat mich nicht darum gebeten. Aber sie ist ganz außer sich über meine Rückkehr. Ich möchte mich einfach nur …“

„… etwas unabhängiger fühlen?“, ergänzte Mike.

„Stimmt genau“, antwortete sie seufzend.

Mike fiel plötzlich auf, wie sinnlich ihre Lippen mit dem glänzenden roten Lippenstift aussahen. Sein Körper reagierte sofort. Nicht gut. Er musste dringend seine Hormone im Zaum halten.

„Danke, Mike“, sagte Allie leise. „Hoffentlich gibst du mir den Job nicht nur, weil …“

„Du bist die beste Kellnerin, die ich je hatte“, unterbrach Mike sie lächelnd. „Wann kannst du anfangen?“

„Heute Abend?“

Mike nickte und schob vorsorglich seinen Stuhl zurück, um etwas Abstand zu ihr zu bekommen.

„Vielen Dank noch mal“, flüsterte sie. Gott, hatte sie ein umwerfendes Lächeln!

„Keine Ursache.“ Verzweifelt zermarterte Mike sich das Hirn, wie er sich am elegantesten von ihr verabschieden konnte. Doch ihm fiel nur das Naheliegendste ein – Essen. „Wie wär’s mit einem Stück Schoko-Baiser-Torte?“

„Du kannst dich noch an meinen Lieblingskuchen erinnern?“, fragte Allie. Sie klang dabei so dankbar, dass Mike sofort wieder ganz seltsam zumute wurde. Verdammt! Am besten verzog er sich in die Küche. „Na klar.“

Mike stand auf und bat Colleen, Allie ein Stück Kuchen zu bringen. Dann winkte er ihr zum Abschied zu – und brachte sich schleunigst in Sicherheit. Seine körperliche Reaktion kam nicht nur total überraschend, sondern war ihm auch noch äußerst peinlich.

„Hör sofort auf damit!“, mahnte er sich selbst leise, als er in die Küche kam.

„Womit soll ich aufhören?“ Maury blickte verwirrt auf. „Ich wollte gerade mit den Karotten anfangen.“

Mike warf einen Blick auf Maurys Arbeitsplatz und war überrascht, wie weit der Junge schon gekommen war. Er hatte wirklich eine vielversprechende Zukunft vor sich.

Mit einem Mal wurde ihm klar, dass Maury noch auf eine Antwort wartete. „Ach so, ja klar, die Karotten“, erwiderte er lahm.

In diesem Augenblick erschien Colleen in der Schwingtür. „Mike, ein Anruf für dich!“

Dankbar für die willkommene Ablenkung, ging Mike in sein Büro. „Mike’s Diner?“, meldete er sich.

„Könnte ich bitte mit Michael Foster sprechen?“, fragte jemand knapp.

„Am Apparat“, antwortete Mike und wurde daraufhin weiterverbunden. Während er wartete, lief er auf und ab. In Gedanken war er noch immer bei Allie. Als er in den Speisesaal spähte, sah er sie mit einigen der Gäste lachen. Aufstöhnend zog er sich in sein Büro zurück.

„Mike!“, rief ein Mann am anderen Ende der Leitung. „Hier ist Richard Stein. Ich arbeite für Abernathy Foods und interessiere mich für Ihr Restaurant.“

„Es ist nicht zu verkaufen“, gab Mike zurück und wollte schon auflegen.

„Nein, darum geht es nicht“, unterbrach Stein ihn hastig.

Mike presste den Hörer wieder ans Ohr. „Wollen Sie einen Tisch reservieren?“, fragte er vorsichtig. „Wir machen nämlich grundsätzlich keine Reservierungen, und …“

„Nein“, wiederholte der Mann und lachte betont lässig. „Ich meine, natürlich würde ich sehr gern bei Ihnen essen. Allerdings wohne ich in New York und habe nicht viel Zeit für …“

„Ich habe auch nicht viel Zeit, Mr Stein“, fiel Mike ihm ins Wort. „Hier herrscht gerade großer Andrang.“

„Es dauert nur eine Minute“, bat Stein ihn. „Ich möchte Ihnen den Vorschlag machen, Mike’s Diner in eine Restaurantkette zu verwandeln. Vor ein paar Monaten habe ich eine tolle Kritik über Sie im Boston Globe gelesen, und wir haben ein paar Leute zu Ihnen geschickt, um Sie auszutesten. Unsere Mitarbeiter haben wahre Lobeshymnen auf Sie angestimmt. Daraufhin haben wir alles durchkalkuliert. Besuchen Sie uns doch demnächst in New York und hören sich unser Angebot an.“

„Was?“, fragte Mike. Ihm schwirrte der Kopf. Wovon sprach der Kerl eigentlich? Erneut schweiften seine Gedanken zu Allie ab. Ob sie immer noch da war?

Ohne nachzudenken, trat Mike an die Tür. Allie nahm gerade ihre Tasche und ihr Jackett und ging auf Colleen und Becky zu. In diesem Moment drehte sie sich zu ihm um – es war, als hätte sie seinen Blick gespürt. Mike hob eine Hand zum Abschiedsgruß, und sie winkte lächelnd zurück. Worüber wollte sie bloß so dringend zu Hause nachdenken?

„… werden ein paar Restaurants von Ihrer Sorte eröffnen“, hörte Mike Stein nun sagen. „Wir fangen erst einmal klein an, indem wir uns auf Vermont beschränken. Wenn alles gut läuft, werden wir … Mike? Sind Sie noch dran?“

Mike riss sich zusammen. „Tut mir leid“, erwiderte er. „Am besten geben Sie mir Ihre Telefonnummer, und ich rufe Sie später zurück. Ich habe im Augenblick zu viel zu tun.“

„Selbstverständlich“, antwortete Stein. „Die Gäste haben schließlich Vorrang, oder?“ Er ratterte eine Nummer herunter und wiederholte seinen Namen und den seiner Firma Abernathy Foods. Mike notierte sich die Informationen, obwohl er sich nicht sicher war, ob er überhaupt zurückrufen wollte. Aus irgendeinem Grund behagte ihm Steins Vorschlag nicht.

„Wann kann ich mit Ihrem Rückruf rechnen?“, wollte Stein wissen.

Mike brachte es nicht fertig, nie zu sagen. „Äh, halb drei?“

„Klasse“, meinte Stein erfreut. „Bis dann.“

Mit dem Hörer in der Hand beobachtete Mike, wie Allie Becky und Colleen zum Abschied umarmte. Sie winkte einigen Gästen zu und verließ das Diner.

„Er hat dir einen Job gegeben?“, fragte Elaine Hendricks sichtlich gerührt.

„Ja, Mom. Mike hat mich eingestellt“, antwortete Allie und lächelte zaghaft.

Elaine schniefte. Offenbar war sie den Tränen nah. Das Schlimmste war jedoch, dass sie gerade gebacken hatte – kein gutes Zeichen. Das tat sie immer, wenn es ihr richtig schlecht ging. Sie behauptete, dass ihr das den Psychiater ersparen würde.

Allie nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Ich bin ihm wirklich dankbar dafür“, fuhr sie fort. „So habe ich mein eigenes Geld und kann dir ein bisschen Miete zahlen.“

„Ich will aber keine Miete!“, hielt Elaine dagegen, eine Dose ihrer legendären Zuckerkekse in der Hand. „Und ich will nicht, dass du als Kellnerin arbeitest. Bist du dafür nicht ein bisschen überqualifiziert?“

Prompt fühlte Allie sich schuldig. Sie wusste, dass Elaines Witwenrente ihr keine großen Sprünge erlaubte. Es verlangte ihrer Mutter große Opfer ab, sie auf die Universität zu schicken. Trotzdem wehrte sie sich innerlich dagegen, sich Schuldgefühle einreden zu lassen. Halbherzig weiterzustudieren und eine zweitklassige Ärztin zu werden war schließlich auch keine Lösung. „Ich will in aller Ruhe darüber nachdenken, was ich beruflich machen will. Dabei kann ich das Geld gut gebrauchen“, erklärte sie fest.

„Du wolltest doch immer Ärztin werden!“

„Früher schon“, antwortete Allie. „Aber wie sich herausgestellt hat, ist das nicht das Richtige für mich.“

„Wenn du dich hier erst einmal niederlässt, bleibst du vielleicht für den Rest deines Lebens Kellnerin“, meinte ihre Mutter traurig. „Du wärst nicht die Erste, der das passiert.“

Allie machte sich mit einem Teller Kekse und ihrer Tasse so rasch auf den Weg in ihr Zimmer, dass der Tee beinahe überschwappte.

Dieser Raum war stets ihr Zufluchtsort gewesen, auch wenn sie sich damals nie so allein und hilflos gefühlt hatte wie jetzt. Sie hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern gehabt. Der Tod ihres Vaters hatte sie und ihre Mutter noch enger zusammengeschweißt. Aber diese Nähe war plötzlich verschwunden.

Einen Tag zuvor war Allie ohne Ankündigung nach Hause zurückgekehrt – sie war bemüht, die unvermeidliche Auseinandersetzung mit ihrer Mutter so lange wie möglich hinauszuzögern. Inzwischen zweifelte sie jedoch an der Richtigkeit dieser Entscheidung. Ihre unerwartete Rückkehr hatte ihrer Mutter einen gewaltigen Schock versetzt.

„Wie konntest du nur?“, hatte Elaine geschluchzt. „Wie kannst du bloß eine so vielversprechende Karriere wegwerfen?“

„Es ist noch gar nichts entschieden. Ich brauche einfach Zeit zum Nachdenken.“

Doch diese Erklärung hatte ihre Mutter nicht beruhigt.

Frustriert suchte Allie nun im Schrank nach den schwarzen Hosen und den weißen Blusen, die sie als Kellnerin immer getragen hatte.

Und da waren sie: sauber, gestärkt und perfekt gebügelt.

Allie sah sich um. Ihr Zimmer hatte sich seit der Highschoolzeit nicht verändert. Die Tapete mit den rosa Blumen war zur Hälfte mit Fotos, getrockneten Anstecksträußen, alten Einladungen und Urkunden bedeckt – mit ihrer ganzen Vergangenheit. Nur von dem Menschen, der sie heute war, gab es keine Spur.

Dabei wurde Allie klar, dass sie keine Ahnung hatte, wer sie wirklich war. Ihr Leben lang hatte sie genau gewusst, was sie werden wollte. Unbeirrt hatte sie ihr Ziel verfolgt. Bis vor ein paar Monaten. Bis sie sich endlich die Wahrheit eingestanden hatte: dass ihre Entscheidung, Ärztin zu werden, ein Fehler gewesen war. Sie würde nie gut genug sein, um ihren eigenen hohen Erwartungen gerecht zu werden.

Diese Erkenntnis hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie hatte den Sommer über mit sich gehadert und sogar einen Psychologen aufgesucht. Erst danach hatte sie sich dazu entschlossen, das Medizinstudium abzubrechen.

Bei der Erinnerung stieg Panik in ihr auf. Allie versuchte, die Angst zu verdrängen. Sie würde schon eine Lösung finden und einen neuen Weg einschlagen – sie war immer sehr zielstrebig gewesen.

Dass sie nun doch keine Ärztin werden würde, bedeutete schließlich nicht das Ende der Welt. Es war nur ein kleiner Umweg.

Gerade knöpfte sie ihre weiße Bluse zu, als es an der Tür klopfte. „Komm rein, Mom“, rief sie. O nein! Bitte nicht schon wieder.

Elaine betrat das Zimmer und setzte sich auf die Bettkante. Sie war eine sehr hübsche blonde Frau, wenn auch etwas kräftig nach all den Jahren mit Backen und Kochen.

„Ich habe nachgedacht“, erklärte Elaine langsam. „Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.“

Allie ließ die Hände sinken.

Oje, was kommt jetzt? Eine Geschichte über ein Mädchen, das nicht auf seine Mutter gehört hat und das zur Strafe in einen Leguan verwandelt wurde?

„Kurz vor der Hochzeit mit deinem Vater“, begann Elaine, „bekam ich plötzlich kalte Füße.“

Okay, damit hatte Allie nicht gerechnet. „Niemals!“, protestierte sie. „Du hast immer gesagt, du hättest auf den ersten Blick gewusst, dass er der Richtige ist.“

„Stimmt – bis ich den Verlobungsring am Finger trug. Dann kamen mir plötzlich Zweifel.“ Elaine schürzte die Lippen. „Ich werde es nie vergessen. Meine Mutter passte mir damals das Hochzeitskleid an. Als sie gerade den Reißverschluss zuziehen wollte, rief ich: ‚Halt!‘ Ich habe das Kleid ausgezogen. Anschließend habe ich eine Tasche gepackt, habe die Anleihen eingelöst, die meine Großmutter mir hinterlassen hatte, und bin nach Las Vegas gefahren.“

Allie schwirrte der Kopf. „Las Vegas?“, wiederholte sie.

„Ich habe mich am Swimmingpool gesonnt, Liebesromane gelesen oder Fernsehserien um perfekte Familien geguckt. Ich habe einfach alles getan, um mich jung zu fühlen. Und außerdem habe ich mich mit frisch verheirateten und frisch getrennten Frauen unterhalten. Sie haben mir alle erzählt, sie hätten geglaubt, den richtigen Mann gefunden zu haben.“

Allie nickte. Ihre innere Anspannung ließ etwas nach. Schließlich wusste sie, wie die Geschichte ausging.

„Und was hat Dad gemacht, während du … nachgedacht hast?“

„Er hat mich jeden Abend angerufen und mich gefragt, wann ich zurückkommen würde. Jedes Mal habe ich ihm geantwortet, dass ich es nicht wüsste. Als ich eines Tages lesend am Pool lag, spürte ich dann, dass mich jemand beobachtete. Ich sah auf – und da stand er. Er hat sich auf die Liege neben mir fallen lassen, und der Rest ist Geschichte.“

Allie setzte sich neben ihre Mutter und legte den Arm um ihre Schultern. „Du bist also weggelaufen. So wie ich.“

Elaine nickte traurig. „Das fiel mir erst heute Morgen wieder ein. Ich bin damals genauso weggelaufen wie du jetzt. Ich bin eine Heuchlerin. Es tut mir leid.“

„Aber am Ende hast du die richtige Entscheidung getroffen.“ Allie musste an ihren großen, gut aussehenden und sanftmütigen Vater denken. Er hatte sie und ihre Mutter über alles geliebt.

„Stimmt“, erwiderte Elaine. „Und das wirst du auch, Schatz.“

„Danke, Mom“, sagte Allie und drückte ihre Mutter an sich.

„Ich war damals so schrecklich faul in Las Vegas“, fuhr Elaine lächelnd fort. „Und du hast dir sofort einen Job besorgt. Wärst du vielleicht bereit, zusätzlich eine ehrenamtliche Aufgabe zu übernehmen?“

„Na klar“, gab Allie zurück. Sie war so erleichtert, dass sie sogar freiwillig Mist geschaufelt hätte. „Worum geht es denn?“

„Daniel Fosters Frau Lilah plant ein Wohltätigkeitsdinner für das neue Waisenhaus.“

„Das Heim, das Daniel gerade baut?“

„Stimmt. Es soll so eine Art SOS-Kinderdorf werden: Pro Haus werden sich jeweils eine Pflegemutter und ein Pflegevater um die Kinder kümmern.“

„Eine tolle Sache“, meinte Allie.

„Ich bin Leiterin des Finanzkomitees und dafür zuständig, Geschäftsleute um Spenden zu bitten. Lilah sucht noch jemanden, der das eigentliche Dinner organisiert – das Essen, die Räumlichkeiten, die Dekoration und so weiter. Und da Mike das Catering übernimmt, kam ich sofort auf dich.“

Als ihre Mutter Mikes Namen erwähnte, schweiften Allies Gedanken ab. Mit der neuen Frisur sah er richtig gut aus. Sie hatte sich sehr gefreut, ihn wiederzusehen. Und sie konnte es kaum erwarten, heute Abend mit ihm zusammenzuarbeiten. Seine Gegenwart tat ihr einfach gut. Vielleicht könnte er ihr ja dabei helfen, herauszufinden, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte.

Sie lächelte ihre Mutter an. „Klingt super, Mom. Ich übernehme das gern.“

„Klasse. Lilah wird sich freuen.“

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