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Playboy mit Herz?

Sandra Marton

Playboy mit Herz?

1. KAPITEL

Dante Orsini stand in der Blüte seines Lebens.

Er war reich, besaß Einfluss und sah so gut aus, wie ein Mann es sich nur wünschen konnte. Er arbeitete hart, feierte hart, und zu den seltenen Gelegenheiten, wenn er allein zu Bett ging, schlief er tief und traumlos bis zum nächsten Morgen.

Heute Nacht jedoch nicht. Heute Nacht träumte er.

In seinem Traum ging er eine schmale Straße entlang auf ein Haus zu. Es war nur ein Schemen im Nebel, aber er wusste, dass es da war.

Seine Schritte verlangsamten sich.

Es war der letzte Ort auf der Welt, an dem er sein wollte. Ein Haus am Stadtrand. Ein Kombi auf der Einfahrt. Ein Hund. Eine Katze. 2,5 Kinder.

Und eine Frau. Eine Ehefrau. Eine einzige Frau, für den Rest des Lebens …

Dante schreckte auf. Ein Schauder schüttelte seine große muskulöse Gestalt. Er schlief nackt, bei offenem Fenster, selbst jetzt, im Herbst. Dennoch war er in Schweiß gebadet.

Nur ein Traum, mehr nicht. Ein Albtraum.

Vielleicht waren die Austern von gestern Abend schuld. Oder der Cognac vor dem Schlafengehen. Oder vielleicht das Auftauchen der Erinnerung aus der Vergangenheit, als er gerade achtzehn und naiv gewesen war und geglaubt hatte, verliebt zu sein.

Er und Teresa D’Angelo waren drei Monate zusammen gewesen, bevor er sie überhaupt angerührt hatte. Und dann hatte eines zum anderen geführt.

Zu Weihnachten überraschte er sie mit einem goldenen Medaillon. Und sie überraschte ihn dann mit der Neuigkeit, dass sie schwanger sei.

Er war völlig perplex. Sicher, er war noch jung, aber auch verantwortungsbewusst genug, um jedes Mal auf Verhütung zu achten. Aber er liebte Teresa und würde sie nicht im Stich lassen.

Und das hätte er auch getan … wenn seine Brüder nicht eingegriffen hätten. Nicolo, Raffaele und Falco hatten ihm unbarmherzig klargemacht, dass Teresa nur hinter seinem Geld her sei.

„Welches Geld?“, hatte Dante verächtlich gelacht, denn schon damals hatten alle vier Brüder mit dem vom Vater angehäuften Vermögen und allem anderen, was damit zusammenhing, nichts zu tun haben wollen.

Doch das wusste Teresa nicht, und Falco hatte Dante zudem mitleidlos darauf hingewiesen, er solle erst herausfinden, mit wie vielen anderen Typen sie zusammen gewesen sei, und auf einen Vaterschaftstest bestehen.

„Rede du mit ihr, sonst reden wir mit ihr.“

Zerknirscht und sich tausend Mal entschuldigend hatte er also mit Teresa gesprochen, und ihre Tränen waren in heiße Wut umgeschlagen. Sie hatte ihm jedes existierende Schimpfwort an den Kopf geschleudert, und dann hatte er nie wieder von ihr gehört.

Ja, sie hatte ihm das Herz gebrochen, aber sie hatte ihn auch eine Lektion fürs Leben gelehrt.

Dante atmete ein paar Mal tief durch und legte sich wieder in die Kissen zurück, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Eine Ehe? Frau und Kinder? Auf gar keinen Fall. Es hatte Jahre gedauert, bevor ihm klar wurde, was er mit seinem Leben anfangen wollte. In dieser Zeit war er auch manchmal an Orten gewesen, an die kein vernünftiger Mensch gehen würde, und hatte sein Leben riskiert. Aber er hatte alles im Griff. Jetzt besaß er alles, was ein Mann sich wünschen konnte: das Penthouse mit der Lichtkuppel direkt über seinem Bett, einen roten Ferrari, einen Privatjet.

Und Frauen.

Ein Grinsen stahl sich auf seine markanten Züge.

Manchmal mehr Frauen, als ein Mann bewerkstelligen konnte, und alle schön, sexy und nicht naiv genug, um sich mehr als ein paar Monate von der Beziehung mit ihm – Gott, er hasste dieses Wort – zu erhoffen.

Im Moment hatte er keine Beziehung.

Eine Atempause, wie Falco es nannte. Genau. Und er genoss jede Minute. Wie, zum Beispiel, die Blondine auf dieser Spendengala letzte Woche. Er war hingegangen und hatte sich auf eine langweilige Cocktailparty eingestellt. Rettet die Stadt, rettet die Welt, rettet die Eichhörnchen, irgendetwas in der Art, er wusste es nicht mehr. „Orsini Investments“ hatte vier Eintrittskarten gekauft, aber nur einer der Brüder musste sich dort sehen lassen.

Und wie Rafe es so nett ausgedrückt hatte, Dante war an der Reihe, sich in die Folterkammer zu begeben.

Also hatte er sich in der Privatwohnung im Firmengebäude geduscht und umgezogen und war mit dem Taxi zum Waldorf Astoria gefahren, um ein paar erlesene Hände zu schütteln und ein Glas von einem keineswegs so erlesenen Wein zu trinken. Der Wein auf solchen Veranstaltungen war nie gut, auch wenn die Tickets fünftausend Dollar pro Stück kosteten.

Dann hatte er den Blick auf seinem Rücken gespürt.

Eine Blondine beobachtete ihn, und sie sah umwerfend aus. Endlose Beine, glänzende Lockenmähne. Ein laszives, unglaublich sexy Lächeln und ein Dekolleté, in dem man ertrinken wollte.

Er hatte sich den Weg durch die Menge gebahnt und sich dann vorgestellt. Ein paar Minuten Konversation, und schon war sie zum Wesentlichen gekommen.

„Es ist so laut hier“, hatte sie gegurrt und freudig auf seinen Vorschlag reagiert, irgendwohin zu gehen, wo sie sich in Ruhe unterhalten könnten. Was dann jedoch in dem Taxi passiert war, das der Portier für sie heranwinkte, hatte nichts mit Reden zu tun gehabt. Carin oder Carla – oder wie immer sie hieß – hatte sich praktisch auf ihn gestürzt. Bis das Taxi vor ihrem Apartment hielt, waren sie beide so aufgeheizt, dass sie es kaum bis in die Wohnung schafften …

Dante schlug die Bettdecke zurück, ging ins Bad und stellte sich unter die Dusche. Er hatte ihre Handynummer, aber heute würde er die Blondine nicht anrufen. Heute Abend hatte er eine Verabredung mit dem süßen Rotschopf, den er letzte Woche getroffen hatte. Und was den Traum anging …

Lächerlich. Das mit Teresa war jetzt fast fünfzehn Jahre her. Heute wusste er, dass er das Mädchen, das fälschlicherweise behauptet hatte, er wäre der Vater ihres Kindes, nie wirklich geliebt hatte. Dennoch, er schuldete ihr Dank. Für die Lektion.

Wenn man mit einer Frau ins Bett ging, legte man seine Hose ab, nicht seinen Verstand.

Dante schloss die hellblauen Augen und hielt den rabenschwarzen Schopf unter den heißen Wasserstrahl.

Keine Frau, ganz gleich, wie schön sie auch sein mochte, war eine tiefere Bindung wert als die, die im Bett ablief.

Ohne Vorwarnung blitzte eine Erinnerung in seinem Kopf auf. Augen von der Farbe starken Kaffees. Langes Haar, in dem so viele verschiedene Goldtöne spielten, dass man glauben könnte, die Sonne hätte sich darin verfangen. Und weiche, rosige Lippen, die nach Honig schmeckten …

Mit einer tiefen Falte auf der Stirn drehte Dante das Wasser ab und griff nach dem Handtuch. Was war heute nur mit ihm los? Erst dieser aberwitzige Traum, und jetzt das.

Gabriella Reyes. Schon erstaunlich, dass er sich an ihren Namen erinnerte. Normalerweise vergaß er den Namen einer Frau praktisch schon am nächsten Morgen. Und Gabriella hatte er vor über einem Jahr zum letzten Mal gesehen.

Vor einem Jahr, zwei Monaten und vierundzwanzig Tagen.

Dante schnaubte. Das hatte man nun davon, wenn man mit Zahlen jonglieren konnte. Für Orsini Investments war es das perfekte Talent, aber dann behielt man auch die unnützesten Details im Kopf.

Er zog sein ausgewaschenes Trainingszeug mit dem Emblem der New Yorker Universität über und machte sich auf in den Park, um seinen morgendlichen Fünf-Meilen-Lauf zu absolvieren.

Als er wieder im Penthouse ankam, fühlte er sich deutlich besser. Die Extra-Meilen, die er noch hinzugelegt hatte, hatten gewirkt und die unerwünschten Geister der Vergangenheit vertrieben. Noch besser fühlte er sich, als Rafe anrief und ihm berichtete, dass der Deal zur Übernahme der französischen Bank, auf die Orsini Investments schon lange ein Auge geworfen hatte, wasserdicht sei. Falco und Nick waren schon informiert. Also wollten sie sich später in ihrer Stammkneipe in Soho, The Bar, treffen, um zusammen auf den Erfolg anzustoßen.

Als Dante das Telefonat beendete, konnte er sich kaum noch daran erinnern, dass der Tag mies begonnen hatte. Allerdings sank seine Stimmung wieder nach dem Anruf seiner Mutter.

Dante liebte seine Mutter von ganzem Herzen, und selbst ihre üblichen Fragen – Ob er auch auf genug Schlaf achte? Ob er sich auch vernünftig ernähre? Wann er endlich ein nettes italienisches Mädchen mit zum Abendessen nach Hause bringe? – verdarben ihm nicht die gute Laune.

Die Nachricht, die sie ihm von seinem Vater übermittelte, schon.

„Dante, mio figlio, Papa möchte, dass du und Raffaele morgen zum Frühstück kommen.“

Er wusste, was das hieß. Sein alter Herr war in letzter Zeit in einer seltsamen Stimmung, redete ständig von Alter und Tod, so als stände der Sensenmann schon vor der Tür. Jetzt würde wohl wieder eine endlose Litanei über Anwälte und Buchhalter und Bankschließfächer kommen. Als ob seine Söhne auch nur einen Dollar von ihm anrühren würden!

Seine Mutter kannte seine Einstellung. Die auch die Einstellung ihrer anderen Söhne war. Nur sie und ihre Töchter, Anna und Isabella, glaubten beharrlich an das Märchen, der Alte sei ein ehrbarer Geschäftsmann, wenn er doch nichts anderes als der don war.

„Dante, ich mache dir pesto frittata, die du so gern isst, ?“, versprach Sofia fröhlich.

Dante schluckte. Allein beim Anblick von pesto wurde ihm übel, aber wie sollte er das seiner Mutter beibringen? Er wollte ihre Gefühle nicht verletzen. Und genau deshalb hatte Cesare ja auch die Nachricht von seiner Frau überbringen lassen.

So seufzte er still und sagte, ja, er werde kommen.

„Mit Raffaele zusammen. Um acht Uhr. Du sagst ihm Bescheid, ?“

Jetzt grinste er vor sich hin. „Mach ich, mamma. Ich weiß, er wird begeistert sein.“

Und so kam es, dass Dante früh am Sonntagmorgen, als der Rest von Manhattan noch schlief, in die Küche der Orsini-Stadtvilla in Greenwich Village schlenderte.

Rafe saß schon an dem großen Tisch, an dem la famiglia so viele gemeinsame Mahlzeiten gegessen hatte und der sich unter Schüsseln und Tellern und Platten bog.

Dante musste eingestehen, dass Rafe nicht allzu schlecht aussah für einen Mann, der gestern mit ihm und dem Rotschopf und einer Blondine, die Red noch aufgetrieben hatte, um Rafe aufzumuntern, gefeiert hatte.

Rafe sah auf und ließ einen knurrenden Laut hören. Dante ging davon aus, dass es „Guten Morgen“ heißen sollte. Er knurrte zurück.

Erst hatte Dante mit der Rothaarigen in dem Nachtclub getanzt, dann bei ihr zu Hause in ihrem Bett. Es war eine lange Nacht geworden, mit viel Lachen und viel Sex. Großartigem Sex. Doch wie immer hatte sein Körper perfekt funktioniert, während seine Gedanken ganz woanders waren. Aufgewacht war er in seinem eigenen Bett – er legte großen Wert darauf, niemals die ganze Nacht mit einer Frau in einem Bett zu verbringen –, mit Kopfschmerzen, übler Laune und absolut nicht der geringsten Lust auf dieses Treffen mit seinem alten Herrn.

Auch nicht auf die frittata, die seine Mutter jetzt vor ihn hinstellte. „Mangia.“

Es war ein Befehl, keine Bitte. Ihn schauderte – Essen sollte nicht grün sein –, aber gehorsam nahm er die Gabel auf.

Die Brüder waren bei ihrem zweiten Espresso, als Felipe, Cesares treuer Diener, in die Küche kam.

„Euer Vater will euch jetzt sehen.“

Beide Brüder standen auf, doch Felipe schüttelte den Kopf. „Einzeln, einer nach dem anderen. Raffaele zuerst.“

Rafe lächelte dünn und murmelte etwas von den Privilegien eines Imperators, Dante grinste und wünschte ihm viel Spaß.

Als er den Blick wieder auf den Tisch senkte, stand eine zweite frittata vor ihm. Er aß auch die, spülte mit Espresso nach und wehrte dann die Versuche seiner Mutter ab, ihn noch weiter mit Käse oder Keksen oder frischem Brot vollzustopfen.

Immer öfter sah er auf die Uhr und wurde immer ungeduldiger. Nach vierzig Minuten schob er seinen Stuhl zurück und stand auf.

Mamma, ich fürchte, ich habe noch vieles zu erledigen. Sag Vater, dass ich …“

Felipe erschien an der Tür. „Dein Vater wird dich jetzt empfangen.“

„So gut erzogen“, meinte Dante freundlich. „Ein richtig braver kleiner Schoßhund.“

Der alte Sizilianer sagte keinen Ton, aber der Blick war nicht misszuverstehen.

„Gleichfalls“, sagte Dante und bleckte die Zähne, als er sich an dem Mann vorbeischob.

Das Zimmer war, wie es schon immer gewesen war – groß, dunkel, vollgestellt mit Madonnen- und Heiligenstatuetten. Dunkelrote bodenlange Samtvorhänge waren vor die Türen zur Terrasse gezogen.

Cesare saß hinter dem schweren Mahagoni-Schreibtisch auf einem Stuhl, der an einen Thron erinnerte. Mit einer kleinen Geste entließ er Felipe. „Und zieh die Tür hinter dir zu“, sagte er noch.

Dante setzte sich in den Stuhl vor dem Schreibtisch, streckte die langen Beine aus, schlug die Füße übereinander, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete.

„Dante.“

„Vater.“

„Danke, dass du gekommen bist.“

„Du hast mich herbeordert. Was willst du?“

Cesare seufzte, schüttelte den Kopf und legte die perfekt manikürten Hände auf den Schreibtisch. „‚Wie geht es dir, Vater? Was gibt es Neues bei dir? Hast du in letzter Zeit etwas Interessantes erlebt?‘“ Buschige Augenbrauen wurden in die Höhe gehoben. „Bist du nicht in der Lage, höfliche Konversation zu machen?“

„Ich weiß, dir geht es bestens. Du bist kerngesund, auch wenn du so tust, als würde bereits der Tod hinter dir lauern. Und was immer es Neues bei dir gibt, sollte besser nicht erwähnt werden.“ Dante lächelte kalt. „Falls du etwas Interessantes erlebt haben solltest … warum berichtest du nicht dem FBI davon statt mir?“

Cesare schmunzelte. „Du hast Sinn für Humor, mein Sohn.“

„Aber keine Geduld für unnützen Schwachsinn. Kommen wir also zum Punkt. Ist das wieder eine Sitzung, weil du angeblich bald stirbst und ich bestimmte Dinge wissen muss? Denn wenn ja, dann …“

„Ist es nicht.“

„Eine klare, direkte Antwort.“ Dante nickte. „Du beeindruckst mich. Nun, so weit jemand wie du und deinesgleichen mich beeindrucken kann.“

Cesare lief rot an. „Beleidigungen von zwei Söhnen, an ein und demselben Morgen.“

Dante grinste. „Dann muss dein Gespräch mit Rafe wohl so gut verlaufen sein, dass er direkt zur Gartentür hinaus ist, anstatt noch eine Minute länger unter deinem Dach zu bleiben.“

„Dante, hältst du es für machbar, mir für ein paar Minuten die Gelegenheit zu geben, auch etwas zu sagen?“

Schau an, das war ja ein ganz neuer Ansatz. Kein Brüllen, keine Befehle, sondern ein Tonfall, der an Höflichkeit erinnerte. Nicht, dass es einen Unterschied machte. Aber Dantes Neugier war geweckt. „Gern. Reichen fünf?“

Ein Muskel zuckte in Cesares Gesicht, aber er sagte nichts, zog nur eine Schublade auf, holte einen Aktenordner hervor und schob ihn zu seinem Sohn. „Du bist erfolgreich als Investor, oder, mio figlio? Sieh dir das an und sage mir, was du davon hältst.“

Noch eine Überraschung. Ein Kompliment von seinem Vater. Und clever gemacht. Der Alte wusste, dass Dante jetzt nicht widerstehen konnte, den Ordner aufzuschlagen.

„Eine Ranch?“, fragte er, als er die erste Seite überflogen hatte.

„Nicht nur einfach eine Ranch, Dante. Hier geht es um Viera y Filho. Viera und Sohn ist eine der größten Rinderfarmen in Brasilien. Zu der fazenda gehören Zehntausende von Morgen.“

„Und?“

„Und“, Cesare zuckte lässig mit einer Schulter, „ich will sie kaufen.“

Dante starrte seinen Vater an. Cesare besaß mehrere Sanitärbetriebe. Ein Bauunternehmen. Immobilien. Was wollte er mit einer Ranch? „Wozu?“

„Weil es, laut diesen Unterlagen, eine gute Investition ist.“

„Das ist das Empire State Building auch.“

Cesare ignorierte die Bemerkung. „Ich kenne den Eigentümer, Juan Viera. Vor Jahren hatten wir einmal geschäftlich miteinander zu tun.“

Dante lachte trocken. „Kann ich mir vorstellen.“

„Er wollte einen Kredit von mir. Ich habe abgelehnt.“

„Und?“

„Und er ist krank. Ich fühle mich schuldig. Ich hätte …“ Cesare unterbrach sich. „Du findest das amüsant?“

„Du und Schuldgefühle? Komm schon, Vater. Ich bin es, der hier vor dir sitzt, nicht Isabella oder Anna. Das Wort ‚Schuld‘ hat keinerlei Bedeutung für dich.“

„Viera stirbt. Sein einziger Sohn, Arturo, wird den Besitz erben. Der Junge ist ausschweifend. Seit über zweihundert Jahren ist die Ranch im Familienbesitz. Arturo wird sie ruinieren, noch bevor Viera kalt ist.“

„Du erwartest ernsthaft von mir, dass ich dir glauben soll, deine Motive wären rein aus Mitgefühl? Du willst die Ranch kaufen, um sie zu retten?“

„Mir ist klar, dass du keine sehr gute Meinung von mir hast …“

Dante schnaubte nur.

„… aber vielleicht habe ich tatsächlich ein paar Dinge getan, die ich bereue. Sieh mich nicht so schockiert an, mio figlio. Einem Mann, der sein Ende nahen fühlt, ist es erlaubt, sich Gedanken um seine Seele zu machen.“

Dante legte den Ordner zur Seite. Dieser Tag wurde immer bizarrer.

„Ich bitte dich, nach Brasilien zu fliegen und die Situation vor Ort zu überprüfen. Wenn es sich deiner Ansicht nach lohnt, mache ein Angebot für die Ranch.“

„Der Aktienmarkt spielt verrückt, und du willst, dass ich alles stehen und liegen lasse, um für dich nach Südamerika zu fliegen und einem deiner Feinde ein Angebot zu machen, das er nicht ausschlagen kann?“

„Sehr lustig. Und falsch. Viera ist nicht mein Feind.“

„Und wenn schon. Ich habe andere Dinge zu tun, als durch Kuhmist zu waten, nur damit du dein schlechtes Gewissen beruhigen kannst.“

„Es ist eine viel leichtere Aufgabe als die, die ich deinem Bruder übertragen habe.“

„Wie immer seine Aufgabe aussieht, ich bin sicher, er hat dir genau das gesagt, was ich dir jetzt sagen werde.“ Dante stand auf. „Du kannst deine Gewissensbisse nehmen und sie dir …“

„Warst du schon mal in Brasilien, Dante? Kennst du das Land?“

Dantes Miene verdüsterte sich. Von Brasilien wusste er nur, dass Gabriella Reyes dort geboren worden war. Aber was, zum Teufel, hatte das jetzt hiermit zu tun? „Ich war geschäftlich in Sao Paulo.“

„Geschäftlich also, für dieses Unternehmen, das dir gehört.“

„Für Orsini Investments, die Privatbank deiner Söhne, ja“, stellte Dante kalt richtig.

„Es heißt, du bist geschickt und gewieft am Verhandlungstisch. Warum also sollte ich einen Fremden fragen, wenn mein eigener Sohn als einer der besten gilt?“

Noch ein Kompliment? Natürlich reiner Blödsinn, aber verdammt, es drückte den richtigen Knopf.

„Aber“, jetzt seufzte Cesare dramatisch, „wenn du natürlich keine Zeit hast …“

Dante studierte seinen Vater. „Zwei Tage kann ich erübrigen.“

Cesare lächelte. „Mehr wird auch nicht nötig sein. Und wer weiß, vielleicht lernst du ja sogar noch etwas.“

„Worüber?“

Das Lächeln wurde breiter. „Über Verhandlungen, mio figlio. Über Verhandlungen.“

In einer anderen Welt, über fünftausend Meilen südwestlich von New York, saß Gabriella Reyes auf der Veranda des Hauses, in dem sie aufgewachsen war.

Früher war das Haus, die Veranda, die ganze fazenda beeindruckend gewesen. Jetzt nicht mehr. Alles hatte sich verändert.

Sie auch.

Als Kind auf der Ranch war sie dünn und mager gewesen, hatte nur aus Beinen und langen Zöpfen bestanden. War schüchtern gewesen bis zur Verschlossenheit. Ihr Vater hatte das an ihr gehasst. Eigentlich gab es nichts an ihr, was ihr Vater nicht gehasst hatte.

Die Veranda war immer ihr Zufluchtsort gewesen. Für sie und ihren Bruder. Arturo war in den Augen des Vaters noch weniger wert gewesen als sie.

Sobald Arturo achtzehn geworden war, hatte er die Ranch verlassen. Gabriella hatte ihn schrecklich vermisst, aber sie hatte ihn verstanden. Er musste weg von hier, wenn er überleben wollte.

Mit achtzehn hatte Gabriella sich vom hässlichen Entlein in einen schönen stolzen Schwan verwandelt. Ihr selbst war es nicht bewusst gewesen, aber anderen war es aufgefallen. Auch diesem Nordamerikaner, der sie damals auf den Straßen von Bonito gesehen hatte und wie vom Donner gerührt gewesen war. Er hatte ihr seine Visitenkarte überreicht. Eine Woche später war sie nach New York geflogen und hatte ihr erstes Engagement erhalten. Sie hatte die Arbeit als Model geliebt.

Und dann hatte sie diesen Mann getroffen. Sie war glücklich gewesen, zumindest für eine kurze Zeit.

Jetzt war sie wieder auf Viera y Filho zurück. Ihr Vater war tot. Ihr Bruder auch. Der Mann war aus ihrem Leben verschwunden. Sie war allein in diesem riesigen, stillen, traurigen Haus. Aber eigentlich war sie immer allein gewesen.

Selbst als Dante Orsinis Geliebte.

Senhorita?“

Gabriella schaute auf. Die ama, die sie praktisch aufgezogen hatte, stand vor ihr. „Ja, bitte, Yara?“

Ele chama lhe.“

Gabriella sprang auf die Füße. Er rief nach ihr! Wie hatte sie das vergessen können, selbst nur für einen kurzen Moment?

Sie war nicht allein. Nicht mehr.

2. KAPITEL

Dante buchte einen Linienflug nach Brasilien, weil Falco mit dem Firmenjet unterwegs war.

Die meisten Passagiere in der ersten Klasse waren wohl Touristen auf dem Weg nach Campo Grande, so, wie sie gekleidet waren. Die Stadt lag in einem Gebiet, das Pantanal hieß, und die Angestellte des Reisebüros hatte sofort ein Loblied über das Sumpfland angestimmt, über die Kanusportmöglichkeiten, über die erstaunliche Vielfalt von Fauna und Flora.

Dante hielt sie barsch auf. „Buchen Sie mir einfach nur ein annehmbares Hotel und reservieren Sie einen Mietwagen für mich.“

Schließlich flog er nicht zum Vergnügen nach Brasilien. Es war rein geschäftlich. Im Auftrag seines Vaters. Dass Cesare genau gewusst hatte, welche Knöpfe er drücken musste, um seinen Kopf durchzusetzen, ärgerte Dante maßlos.

„Kann ich Ihnen etwas bringen, Mr. Orsini?“, fragte die freundliche Stewardess.

Ja, jemanden, der mich auf meine Zurechnungsfähigkeit untersucht, dachte er grimmig.

„Sir? Vielleicht etwas zu trinken?“

Er bestellte ein Glas Rotwein, und sie erging sich in einer Auflistung der an Bord vorhandenen Auswahl. Er riss sich zusammen und knurrte sie nicht an, wie er die arme Frau im Reisebüro angeknurrt hatte. „Wählen Sie etwas aus“, sagte er nur und öffnete seinen Aktenkoffer, um die Unterlagen zu studieren, die sein Vater ihm überlassen hatte.

Viel Neues erfuhr er nicht. Die Viera-Ranch hielt Tausende von Rindern und züchtete ein paar Pferde. Seit Generationen wurde sie von derselben Familie geführt. Eine Visitenkarte lag dabei, mit dem Namen und der Telefonnummer von Juan Vieras Anwalt. Und eine handschriftliche Anmerkung von Cesare: „Wende dich an ihn, nicht an die Vieras.“

Auch gut. Er würde den Mann also anrufen, wahrscheinlich heute Abend noch. Die Brasilianer waren ein Völkchen, das bis spät in die Nacht aufblieb. Bei seiner Geschäftsreise damals hatten die Dinner meist erst um zehn Uhr abends stattgefunden. Er würde dem Mann den Grund seines Besuchs erklären und ein Angebot für die Ranch machen.

Wie lange konnte das schon dauern? Er würde nicht einmal die zwei eingeplanten Tage benötigen.

Seine Stimmung hob sich. In Nullkommanichts wäre er wieder in New York zurück.

Es war schon spät, als Dante aus dem Flugzeug stieg. Zu spät, um den Anwalt noch zu kontaktieren. Durch die Zeitumstellung hatte er zwei Stunden verloren.

Auch gut.

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