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Plantage der Sehnsucht

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1. KAPITEL

Mit jedem ihrer Schritte wirbelte Bronte den roten vulkanischen Staub auf. Er drang in ihre teuren Sandaletten und zwischen die Zehen und knirschte unter den Sohlen. Anscheinend waren ihre Füße empfindlich geworden, seit sie den Dschungel verlassen hatte. Aber welcher vernünftige Mensch trug auch hochhackige Sandaletten auf einem Pfad quer durch den Busch?

„Verdammt!“ Sie blieb gereizt stehen und stieß einige Verwünschungen aus. Unwirsch stellte sie den kleinen Koffer, der inzwischen eine Tonne zu wiegen schien, zu Boden. Die lederne Schultertasche, die sie ein kleines Vermögen gekostet hatte, folgte. Nun endlich konnte Bronte sich den Staub und die Sandkörner von den Fußsohlen schütteln. Welche Erleichterung!

Verschwitzt wie sie war, rutschte ihr die Sonnenbrille immer wieder auf die Nasenspitze. Und obwohl sie einen breitkrempigen Hut trug, hatte sie das Gefühl, die Sonne würde ihr ein Loch in den Kopf brennen. Das ärmellose Designertop klebte ihr am Rücken.

„Kein Wunder, dass du so unglücklich bist! Du bist ein Dummkopf, Bronte!“ Sie führte oft Selbstgespräche, eine alte Angewohnheit aus ihrer einsamen Kindheit.

Ein Staubwirbel veranlasste sie, den Pfad zu verlassen und abzuwarten, bis er vorüber war. Sie war ja selber schuld, dass sie zu Fuß gehen musste. Aber der Taxifahrer hatte kein Recht gehabt, ihre Großtante Gillian eine „verrückte alte Schrulle“ zu nennen und dann auch noch zu erwarten, das sie, Bronte, in sein dröhnendes Gelächter einstimmen würde. Das hatte sie fuchsteufelswild gemacht. Also gut … groß und stattlich, bot Tante Gilly mit ihrer kaum zu bändigenden weißen Haarmähne, die einmal genauso blauschwarz gewesen war wie Brontes, und den blitzenden dunklen Augen, gelinde gesagt, einen etwas verwegenen Anblick, und sie machte keinen Hehl daraus, dass sie regelmäßig mit ihren verstorbenen Vorfahren kommunizierte.

In einer Gegend, die für ihre Originale berühmt war, galt Gilly als ganz besonderes Original: Sie war die Buschheilerin. Die Plantage, oder genauer gesagt, die zweihundert Morgen, die davon übrig geblieben waren, würden die Begierde zahlreicher Interessenten wecken, sollten sie je zum Verkauf stehen, aber Gilly brauchte nicht viel zum Leben. Dennoch hatte sie mit der Zeit den größten Teil ihres geerbten Geldes aufgebraucht. „Ich habe einfach schon zu lange gelebt!“, lautete ihre Erklärung. Zur Aufbesserung ihres spärlichen Etats verkaufte sie Kräutertinkturen, das eine oder andere als hoch wirksam gepriesene Aphrodisiakum und wunderbare Cremes und Salben für Frauen. Mit Männern hatte sie nichts mehr im Sinn, nachdem sie vor über fünfzig Jahren von einem vor dem Altar sitzen gelassen worden war.

Auch Bronte mochte die Männer nicht. Meist stellten sie sich ihrer Erfahrung nach nur als große Enttäuschung heraus. Allerdings war sie noch von keinem ausrangiert worden, sondern sie scheute einfach davor zurück, sich fest zu binden. Zum Beweis hatte sie gerade nur eine Woche vor dem großen Tag ihre Hochzeit abgesagt, die bereits als das gesellschaftliche Ereignis in den Medien angekündigt worden war, und sich damit den Zorn ihrer eitlen Mutter und ihres grobschlächtigen Stiefvaters eingehandelt. Welch eine Demütigung! Welch eine Schande! Und noch schlimmer … es war schlecht fürs Geschäft!

Ihr Verlobter Nat hatte eher verblüfft und wütend reagiert. Welches vernünftige Mädchen würde ihn abweisen? Die jungen Frauen standen sich doch auf den Füßen, um Nathan Saunders kennen zu lernen! Nats Mutter wiederum war wie eine Furie auf sie losgegangen und hatte sie mit Schimpfwörtern bedacht, die Bronte ihr gar nicht zu getraut hätte. Niemand verschmähte ungestraft den Wunderknaben von Thea Saunders, die sich für einen der Sterne der High Society hielt. Wutschnaubend forderte sie den Verlobungsring zurück, einen Solitär von drei Karat. Bronte war froh, ihn loszuwerden … ihr Finger fühlte sich ohne ihn viel leichter an. In all dem Chaos hatte sie sich mit dem Wissen getröstet, dass sie keinesfalls das erste Mädchen war, das vor seiner Hochzeit kalte Füße bekommen hatte. Das Problem war nur, dass sie bis zur letzten Minute gewartet hatte, um ihre Zweifel zu äußern. Sie verachtete sich dafür, dass sie nicht eher den Mut aufgebracht hatte, aber sie hatte vorausgesehen, welche Turbulenzen ihre Entscheidung hervorrufen würde.

Die ordinäre Standpauke durch ihren Stiefvater, den sie so verabscheute. Nat war immerhin speziell für sie ausgewählt worden. Das beschämende Gefühl, ihre Mutter enttäuscht zu haben, obwohl sie ihr, wenn sie ehrlich war, nie etwas hatte recht machen können. Ihre Absage der Hochzeit mit Nat Saunders hatte einen gewaltigen Skandal verursacht. Nur wenige ihrer so genannten Freunde hatten zu ihr gehalten. Wo sie auch auftauchte, fiel man über sie her. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Der gut aussehende und allseits beliebte Nat war der Sprössling des Medienmoguls Richard Saunders, der ein enger Freund ihres Stiefvaters Carl Brandt und dessen Partner in verschiedenen – vermutlich zwielichtigen – Geschäften war. So hatte die Sache mit der Hochzeit natürlich das Ende ihrer angehenden Karriere als Schauspielerin bedeutet. Im Verlauf des vergangenen Jahres war sie durch eine Hauptrolle in der preisgekrönten TV-Polizeiserie „Shadows“ richtig bekannt und beliebt geworden. Doch inzwischen hatte sie ein ziemlich blutiges Ende auf der Mattscheibe ereilt. Sie war im Kugelhagel getötet worden. Die Einschaltquoten waren kurzfristig in astronomische Höhen geschnellt, und ihre Fans hatten einen Proteststurm veranstaltet … sie hatte bis dahin gar nicht geahnt, dass sie überhaupt so viele Bewunderer besaß. Doch Quoten hin, Fans her, man konnte nicht zulassen, dass sie zwei steinreiche Familien vor den Kopf gestoßen hatte.

Ihre Mutter hatte kein gutes Haar mehr an ihr gelassen. „Wie konntest du das tun, du undankbare kleine Närrin, nach allem, was Carl Brandt für dich getan hat!“ war Miranda Brandts Lieblingsvorwurf gewesen.

Was aber hatte Carl Brandt wirklich für sie getan? Er hatte sie keinesfalls adoptiert. Ihr richtiger Vater hatte ihr genug hinterlassen, so dass die Kosten für Schule und Studium, Lebensunterhalt und Kleidung gedeckt waren. Denn Bronte war die Alleinerbin ihres Vaters gewesen, wobei Ross McAllister seinen Anwalt zum Testamentvollstrecker eingesetzt hatte. Offenbar hatte er seinen letzten Willen am Tage seines Todes zu ihren Gunsten geändert, und ihre Mutter, die auch jetzt noch schön und sexy war, obwohl sie ihren fünfundvierzigsten Geburtstag bereits das zweite Mal gefeiert hatte, musste sich mit der Villa und ihren beträchtlichen Juwelen begnügen. Das roch nach einem Geheimnis, aber Bronte hatte nie versucht, es zu ergründen. Denn nichts würde ihr den geliebten Vater zurückbringen, den sie immer noch vermisste.

Ihre Mutter hatte sich zweifellos stets zu Geld und Macht hingezogen gefühlt. Da kümmerte es nicht, dass Carl Brandt, ihr neuer Ehemann, ein Tyrann war, der sich wie die Axt im Walde benahm. Wehmütig dachte Bronte oft an ihren Vater, der ein feiner Gentleman gewesen war. Doch sie hatte ihn im Alter von nur sieben Jahren verloren, als er mit seinem schnellen Sportwagen gegen einen Baum geprallt war. Ihre Mutter hatte danach stets behauptet, Ross McAllister sei ein rücksichtloser Raser gewesen. Eine Ansicht, der seine zahlreichen Freunde vehement widersprachen.

Nach dem Tod des Vaters hatte sich Brontes Leben jedenfalls drastisch verändert. Ihre Mutter hatte für einige Tage die trauernde Witwe gespielt, die kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Bronte war zu ihren Großeltern mütterlicherseits geschickt worden, was jedoch nur eine Woche gut ging. Dann entschied ihre Großmutter, die auf dem Standpunkt stand, dass Kinder gesehen, aber nicht gehört werden dürften, sie könne die „Anfälle“ ihrer temperamentvollen Enkelin nicht länger ertragen. An diesem Punkt eilte Gilly McAllister Bronte zur Hilfe und bot sich an, das Kind bei sich aufzunehmen. Die gute, alte, „verrückte“ Gilly! Gilly, die insgeheim Miranda „oberflächlich und egoistisch“ nannte.

Bronte sollte bei Gilly bleiben, bis ihre Mutter den tragischen Verlust verarbeitet hatte. Sie blieb fünf Jahre! In dieser Zeit sah sie ihre Mutter nur selten … denn da Carl Brandt Miranda als seinen Besitz betrachtete, musste sie ihm jederzeit zur Hand sein. Ihre Großmutter sah Bronte überhaupt nicht mehr. „Was für ein Glück!“, spottete Gilly. Keiner der beiden wurde zu Miranda und Carl Brandts pompöser Hochzeit eingeladen, die ungebührlicherweise nur gut einen Monat nach Ross McAllisters tragischem Tod gefeiert wurde. So viel zu der trauernden Witwe.

Einige Monate später kam als angebliche Frühgeburt Brontes Halbbruder Max zur Welt. Der arme kleine Max, dessen Geburt Anlass zu so viel Klatsch und Tratsch gab, obwohl Bronte und Gilly weit oben im abgeschiedenen Norden erst ein Jahr später aus der Zeitung von Max’ Existenz erfuhren.

An Brontes zwölftem Geburtstag traf Miranda Brandt dann aus heiterem Himmel die Entscheidung, Bronte auf ein exklusives Internat in Sydney zu schicken. „Du musst weg von diesem primitiven Ort!“, hatte Miranda entsetzt konstatiert und die Plantage fluchtartig mit ihr verlassen. „Du bist eine Wilde! Wie konnte ich dich bloß Gilly überlassen … die kann sich ja nicht einmal um sich selber kümmern!“ Der verwilderte Zustand der Plantage und Brontes Anblick hatten ihr einen echten Schock versetzt. Rückblickend musste Bronte zugeben, dass sie damals etwas verwegen ausgesehen hatte. Unter Gillys Anleitung hatte sie es sich angewöhnt, wie ein Junge herumzulaufen, bekleidet mit Shorts oder Hosen, die von einem breiten Gürtel gehalten wurden, und rustikalen Stiefeln.

An dem Tag, als Bronte die Plantage verließ, hatte ihre geliebte Tante Gilly sich die Augen ausgeweint. Die tapfere, starke Gilly, die ansonsten stets dem General in der Familie alle Ehre machte: General Alexander „Sandy“ McAllister, der in den afghanischen Kriegen in Indien für die Briten gekämpft hatte und zu Ruhm und Ehre gelangt war. „Sandy“ war Gilly einer der liebsten unter den Familiengeistern.

Etwas erfrischt nach der Verschnaufpause, hängte sich Bronte die Tasche wieder um und nahm den teuren Koffer auf, der ein abgelegtes Stück ihrer Mutter war. Miranda Brandt kostete es aus, die Frau eines sehr reichen Mannes zu sein. Und Carl Brandt verwöhnte seine Frau aus gutem Grund: Miranda war für ihre Schönheit und Eleganz weithin bekannt und beneidet und damit für Carl Brandt ein Statussymbol, mit dem er prahlen konnte.

Ansonsten war er kein großzügiger oder großherziger Mensch. Bronte hatte er die meiste Zeit kaum wahrgenommen. Wer weiß, was aus ihr geworden wäre, wenn sie nicht das Erbe ihres Vaters gehabt hätte. Schlimmer aber war noch die niederträchtige Art, mit der er seinen eigenen Sohn behandelte. Er überschüttete den armen Max mit Kritik, beißendem Spott und Sarkasmus, weil der Junge nichts von dem Geschäftssinn und der hemdsärmeligen Durchsetzungsfähigkeit seines Vaters geerbt zu haben schien. Es war Bronte schwer gefallen, den fünfzehnjährigen Max jetzt allein zurückzulassen, aber das Internat bot ihm wenigstens eine gewisse Zuflucht. Er hatte sich sogar so weit durchgesetzt, dass er inzwischen die meisten Ferien dort blieb … sehr zum Leidwesen seiner Mutter, die sich einbildete, eine gute Mutter zu sein.

Meine traurige, fehlgesteuerte Familie, dachte Bronte. Praktisch jeden Tag musste man mit irgendeiner Krise rechnen. Bronte hatte sich oft gefragt, wie sie ihrer Mutter äußerlich so ähnlich und doch ihrem Wesen und Handeln nach das genaue Gegenteil sein konnte. Das, was wirklich zählte, Werte, Liebe, Verständnis, hatte sie von Gilly gelernt. Zwar hatte sie nie aufgehört, ihre schöne, aber hoffnungslos eitle und oberflächliche Mutter zu lieben, aber sie erwartete längst nicht mehr, dass diese Liebe einmal Erwiderung finden würde.

Bronte ging tapfer weiter, obwohl ihr in der drückenden Hitze jeder Schritt eine Qual war. Und trotz allem saugte sie den Anblick der Natur ringsum förmlich in sich auf. Sie liebte diesen Ort. Er war ein wahrer Garten Eden, die Schlangen eingeschlossen. Der Küstenstreifen nördlich von Caprikorn war üppig begrünt. Bronte liebte das wild wuchernde Blütenmeer der Tropen, die leuchtend bunten Vögel … diese strahlenden Farben ringsum! Prachtvolle Bougainvilleen blühten zu beiden Seiten des Privatweges, den man kaum eine Straße nennen konnte. Bei Regen war er praktisch nicht befahrbar. Die Ranken hatten sich ungehindert ausgebreitet, überwucherten Zäune, Bäume und alte Wassertanks und prunkten in leuchtendem Orange, Knallrot und Rosa. Dazwischen Kaskaden blauvioletter Prunkwinden. „Genau die Farbe deiner Augen, Bronte“, wie Gilly ihr als Kind immer versichert hatte.

Früher einmal war auf diesen Feldern Zuckerrohr angebaut worden, aber die Produktion auf der „Oriole Plantage“ war schon vor Brontes Geburt eingestellt worden, und Gilly hatte die einstmals so Gewinn bringende Plantage geerbt. Das McAllister-Land grenzte an ein Stück unberührten Regenwald, in dem noch der Gelbe Pirol sein Nest baute und unermüdlich seinen unverkennbaren Ruf über den Baumwipfeln erklingen ließ. Nach diesem typischen Regenwaldvogel war die Plantage bei ihrer Gründung Ende der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts benannt worden.

Ich habe die Gegend hier einmal wie meine Westentasche gekannt, dachte Bronte. Gilly hatte sie überallhin mitgenommen … in den Wald, wo sie die geheimnisvollen Zutaten für ihre Tinkturen fand, an den Fluss, in dem es riesige, Menschen fressende Salzwasserkrokodile gab, an die wunderschönen weißen Strände, wo das Meer türkisblau glitzerte, und natürlich zu einem der größten Wunder der Natur, dem Great Barrier Reef, wo sie geschnorchelt und die Korallenriffe erkundet hatten. Gilly hatte ihr das Reiten beigebracht: „Halt dich einfach fest, und zeig ihm, wer der Boss ist, Bronte!“ Und wie man mit einem Gewehr umgeht: „Nur für den Fall!“

„Wenn ich endlich beim Farmhaus ankomme, werde ich völlig fertig und bereit sein, mich kopfüber in den Seerosenteich zu stürzen!“ Bronte führte schon wieder Selbstgespräche. Das Farmhaus befand sich ganz am Ende des Weges. Sie konnte bereits die hohe, mit Wein berankte Einfriedungsmauer sehen. Die schweren, schmiedeeisernen Tore zierte die kunstvolle Bronzeabbildung eines Pirols.

Gilly würde erst spät nach Hause kommen, denn sie hatte einen Termin bei einem Augenspezialisten in der städtischen Klinik. Bronte hatte ihr zugeredet, den Termin unbedingt anzunehmen, denn sie würde erst frühestens in sechs Wochen einen neuen bekommen. Sie machte sich Sorgen, dass es um die Augen ihrer Tante schlechter bestellt sein könnte, als diese behauptete, denn immerhin war Gilly nicht mehr die Jüngste.

Bronte war von Sydney nach Brisbane geflogen, hatte sich dann aber entschieden, anstelle eines weiteren Flugs den „Queenslander“ nach Norden zu nehmen, weil die lange, geruhsame Fahrt mit dem bequemen Reisezug durch die malerische Tropenlandschaft von Caprikorn ihr Gelegenheit gab, über vieles nachzudenken. Vom Bahnhof aus hatte sie dann ein Taxi zur Plantage genommen und natürlich damit gerechnet, dass sie bis zur Haustür fahren würde. Doch dann hatte dieser Taxifahrer sich den Witz über „die alte Schrulle“ geleistet, und so etwas konnte Bronte unmöglich auf Gilly sitzen lassen.

Eine Schweißperle rann ihr in die Augen. „Verdammt!“ Bronte stellte den Koffer erneut zu Boden, um sich den Hut tiefer in die Stirn zu ziehen. In dem Moment hörte sie das Auto. Sie drehte sich um und sah einen Wagen von der geteerten Straße in den Privatweg zur „Oriole-Plantage“ einbiegen.

Gilly! Ihre Lebensretterin! Aber warum kam sie schon so früh zurück?

Bronte stand reglos da und beobachtete, wie der große Geländewagen in einer Wolke aus rotem Staub näher kam. Das Problem war nur, dass Gilly gar keinen Jeep besaß. Soweit Bronte wusste, fuhr Gilly immer noch den uralten Kleintransporter, der sie in über zwanzig Jahren nie im Stich gelassen hatte. Doch jetzt kam dieser große Jeep geradewegs auf Bronte zu und schien sie vom Weg fegen zu wollen. Was für eine Frechheit! Sie war eine McAllister und hatte nicht vor, sich von ihrem eigenen Grund vertreiben zu lassen.

Der Fahrer des Wagens war vernünftig genug, auf den Randstreifen auszuweichen, als sie sich so angriffslustig mitten auf dem Weg aufbaute. Das hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass sich die rote Staubwolke legte, bevor sie Bronte einhüllen konnte. Absicht oder Zufall? War es möglich, dass der Fahrer ein rücksichtsvoller Mensch war?

Es war ein junger Mann, was sie sehr überraschte. Was machte er hier auf McAllister-Land, vor allem, da Gilly gar nicht zu Hause war? Unwillkürlich dachte Bronte an Gillys altes Gewehr. Dieser Mann konnte gefährlich, womöglich ein entflohener Verbrecher sein. Auf alle Fälle befand er sich unbefugt auf Privatland, und die Plantage lag sehr abgeschieden. Bronte baute sich so herausfordernd wie möglich in ihren lächerlich hohen Sommersandaletten auf der Wegesmitte auf. Sie war entschlossen, nicht zu weichen, koste es, was es wolle.

Richte dich auf, Bronte. Blicke ihm direkt in die Augen. Männer spüren es, wenn jemand das geborene Opfer ist, ermahnte sie sich. Das hatte sie aus dem Zusammenleben mit ihrem schrecklichen Stiefvater gelernt.

Der Fahrer stieg aus dem Wagen aus und kam auf Bronte zu, die ihm argwöhnisch entgegensah. Er mochte achtundzwanzig oder dreißig Jahre alt sein. Groß, gut ein Meter neunzig. Breite Schultern. Atemberaubend gut gebaut. Er trug Safarikleidung, wie sie es getan hatte, als sie früher hier zu Haus gewesen war. Ein Krokodiljäger vielleicht? Selbst aus der Entfernung bemerkte sie seine auffallend grünen Augen. Seine Haut war sonnengebräunt, und er wirkte selbstbewusst und geradezu aggressiv männlich.

Dazu sah er geradezu sündhaft gut aus, wie Bronte zugeben musste. Eine schöne, gerade Nase, markante Gesichtszüge, ein sinnlicher Mund. Manche Frau wäre bei diesem Anblick schwach geworden. Dennoch war sie alarmiert, denn die Abwehrhaltung gegen dominante Männer war bei ihr tief verwurzelt.

„Hallo!“ Superman lächelte so warm und herzlich, dass ihr der Atem stockte.

Bronte antwortete nicht, sondern blickte ihm nur finster entgegen, damit er erst gar nicht auf irgendwelche Gedanken kommen würde.

„Steven Randolph. Ich bin ein Freund Ihrer Großtante.“ Er blieb vor ihr stehen und betrachtete sie aufmerksam.

Bronte hielt seinem prüfenden Blick entschlossen stand. Mutter Natur hatte sie neben ihren übrigen Reizen auch mit einer stattlichen Körpergröße bedacht, so dass sie ihrem Gegenüber diesbezüglich ebenbürtig war. Der Klang seiner Stimme war zugegebenermaßen angenehm, warm und kultiviert, wie man es mit Geld und Bildung assoziierte. Seine Haltung verriet weniger Arroganz als lässige Selbstsicherheit. Dieser Mann fühlte sich zweifellos sehr wohl in seiner Haut.

„Ich kenne die Namen der Freunde meiner Tante“, erwiderte Bronte so kühl, wie es ihr in dieser sengenden Hitze möglich war. „Von einem Steven Randolph habe ich noch nie etwas gehört.“

„Vielleicht wollte Gilly Sie überraschen“, schlug er lächelnd vor. Ihre Feindseligkeit schien ihn zu amüsieren. Warum nur brachte er sie so auf? Im Grunde versuchte er doch nur, freundlich zu sein. „Sie sind Bronte“, sagte er jetzt. Es war eine Feststellung, keine Frage.

„Herzlichen Glückwunsch“, antwortete sie spitz.

Erneut zuckte es belustigt um seine Mundwinkel. „Gilly hat überall im Haus Fotos von Ihnen. Außerdem habe ich Sie gelegentlich im Fernsehen gesehen. Sie waren sehr gut. Als Sie in der letzten Folge bei dem Schusswechsel sterben mussten, hat es mir fast das Herz gebrochen.“

Bronte zuckte zusammen. „Können wir meine Exkarriere bitte herauslassen?“

„Natürlich. Aber ich möchte doch noch bemerken, dass man Ihnen übel mitgespielt hat. Ich nehme an, Sie würden lieber auch nicht über Ihre gelöste Verlobung sprechen?“

Bronte schirmte die Augen mit einer Hand gegen die stechende Sonne ab. „Geben Sie sich Mühe, gemein zu sein, oder ist das einfach Ihre Art?“

Er machte ein überraschtes Gesicht. „Aber ich dachte, Sie hätten sich gegen die Heirat entschieden. Habe ich da etwas missverstanden? Das würde mir sehr Leid tun.“

„Ihnen tut überhaupt nichts Leid!“, entgegnete sie gereizt.

„Aber natürlich. Allerdings bedauere ich nicht, dass Sie sich dagegen entschieden haben, für Saunders die perfekte Ehefrau zu spielen.“

„Ach ja? Und warum nicht?“

„Ich kenne die Familie. Es würde Ihnen bei denen nicht gefallen.“

Bronte sah ihn unwillig an. „Danke für den Tipp, aber er kommt sowieso zu spät. Und Ihnen kann ich die Weiterfahrt ersparen. Gilly ist nicht zu Hause.“

„Ich weiß. Sie hat einen Termin beim Augenarzt. Ich bringe ihr nur ihre Lebensmittel. Hören Sie, Sie sollten jetzt wirklich aus der Sonne heraus. Warum laufen Sie überhaupt hier draußen herum? Und dann auch noch mit so hohen Absätzen!“ Er schnalzte missbilligend mit der Zunge.

„Ich mag die Bewegung an der frischen Luft“, antwortete sie schnippisch.

Plötzlich verfinsterte sich seine Miene. „Erzählen Sie mir nicht, dass der Taxifahrer Sie an der Straße rausgesetzt hat! Wer war es? Beschreiben Sie ihn mir!“

„Damit Sie ihm mit Ihren Fäusten Bescheid stoßen können?“, fragte sie spöttisch.

„Warum sollte ich das tun? Ich kann mich durchaus ohne Gewalt verständlich machen. Bitte, steigen Sie jetzt in den Wagen ein. Ich fahre Sie zum Haus.“

Ehe sie widersprechen konnte, hatte er bereits ihren Koffer genommen, trug ihn zu dem Geländewagen und verstaute ihn im Kofferraum. „Kommen Sie“, drängte er dann, „wenn Sie noch lange in der Sonne bleiben, bekommen Sie einen schlimmen Sonnenbrand.“

„Ich habe einen dunklen Teint und verbrenne nicht so leicht“, bemerkte Bronte, als sie auf dem Beifahrersitz saß und Steven Randolph zum Haus weiterfuhr. „Außerdem habe ich viele Jahre hier gelebt.“

„Ich weiß.“ Er lächelte. „Bronte auf dem Pferd. Bronte, wie sie ein verwaistes junges Känguru füttert. Ja, sogar Bronte mit einem Gewehr! Wie alt waren Sie da? Zehn?“ Er warf ihr einen tadelnden Blick zu. „Bronte im Regenwald inmitten der Farne. Bronte beim Vortragswettbewerb in der Schule, als sie alle Preise einheimste.“

„Und warum haben Sie sich die alten Fotos von mir angesehen?“ Die Klimaanlage im Wagen war himmlisch! Bronte lehnte sich zurück und schloss kurz die Augen.

„Nun, sie waren ehrlich gesagt recht niedlich.“ Steven ließ kurz den Blick über sie schweifen. Sie war noch schöner, noch sinnlicher, als es im Fernsehen herüberkam. Und dann diese unwahrscheinlich blauen Augen! „Gilly vergöttert Sie“, fügte er hinzu.

„Ich vergöttere Gilly“, antwortete sie angriffslustig, als hätte er ihre Gefühle infrage gestellt. „Ohne sie hätte ich nie überlebt.“ Im nächsten Moment bereute sie dieses sehr persönliche Eingeständnis.

„Wie traurig“, bemerkte er mitfühlend, und es klang ehrlich.

Doch sie wollte sein Mitgefühl nicht. „Es tut mir Leid, dass ich das überhaupt gesagt habe.“

„Warum mögen Sie mich eigentlich nicht?“, erkundigte er sich eindringlich. „Du liebe Güte, was wird Gilly sagen, wenn Sie ihr erzählen, dass Sie mich nicht leiden können? Erinnere ich Sie vielleicht an jemanden?“

Ihre Abneigung wuchs. „Verzeihen Sie mir, wenn ich unhöflich war“, antwortete sie förmlich. „Es ist die Hitze.“

Erneut ließ er prüfend den Blick über sie gleiten. Das enge, ärmellose Top schmiegte sich an ihre hohen, straffen Brüste, die mit Blumen bedruckte Stretchjeans betonte ihre langen, schlanken Beine. Sehr sexy. „Ich dachte, Sie würden die Hitze lieben?“

„Nicht, wenn ich einen Koffer schleppen muss.“

„Dann hat der Taxifahrer Sie also so aufgebracht?“

„Sie wollen es unbedingt herausfinden, ja?“

„Seltsamerweise, ja.“ Er begegnete ihrem herausfordernden Blick und ließ seinen dann kurz über ihr Gesicht und die Schultern schweifen. Es war in keiner Weise anzüglich, und dennoch erregte es sie. Der größte Fehler aber wäre es gewesen, es ihn merken zu lassen. Typen wie er würden das nur ausnutzen.

„Ich habe … vielleicht etwas überreagiert auf eine Bemerkung des Fahrers. Er nannte Gilly eine ‚verrückte, alte Schrulle‘. Wenn ich es jetzt recht bedenke, war es wohl eher liebevoll gemeint gewesen. Die Einheimischen hier haben einen etwas eigenwilligen Humor.“

„Sind Sie sicher?“

„Ich bin sicher, dass ich nicht möchte, dass Sie ihn zur Rede stellen. Was machen Sie eigentlich in dieser Gegend, Mr. Randolph?“

„Steven, bitte“, antwortete er. „Ich bin auf der Suche nach Land, das ich erschließen kann.“

Bronte verdrehte die Augen.

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