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Plan B wie Baby

PROLOG

Juni 1992

„Molly, Sie sind eine Bereicherung für die Saint Cecilia’s Girls’ Academy. Ich bin wirklich traurig darüber, dass wir heute das letzte Mal zusammensitzen.“

Molly setzte sich gerade hin und kreuzte die Füße. Ihre Tutorin Mrs. Glass betrachtete sie stolz.

„Sicher muss ich Sie nicht fragen, was Sie studieren wollen“, fuhr die Lehrerin fort. „Wahrscheinlich wissen Sie das schon seit Langem.“

„Ich möchte Betriebswirtschaft studieren. Zuerst mache ich den Bachelor-Abschluss, dann den MBA. Anschließend gründe ich meine eigene Firma“, erwiderte Molly lächelnd.

Die ältere Frau lächelte auch, aber Molly entdeckte eine Spur Abgeklärtheit in ihrem Gesicht. Wahrscheinlich gab es auf der privaten Eliteschule jedes Jahr viele Abgänger, die später einen ganz anderen Lebensweg einschlugen, als sie sich damals an Saint Cecilia’s vorgestellt hatten.

Doch sie, Molly Jackson, würde nicht zu dieser Gruppe gehören. Nichts würde sie von ihrem Weg abbringen können. Und wenn sie, in vielen Jahren, einmal ihre frühere Schule besuchen würde – natürlich nur, wenn sie die Zeit hätte, von New York oder Europa aus nach Kalifornien zu reisen –, dann mit ihrer ganz persönlichen Erfolgsgeschichte im Gepäck. Vielleicht würde sie eine Stiftung gründen und besonders begabte Schüler mit einem Stipendium unterstützen …

„Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag hier, Molly?“, unterbrach Mrs. Glass ihre Tagträume. „Als ich Sie zum ersten Mal sah, trugen Sie einen schicken pinkfarbenen Blazer, während die übrigen Mädchen in Jeans kamen.“

Molly wusste zwar nicht mehr, was sie an jenem Tag getragen hatte, dennoch nickte sie. Worauf wollte Mrs. Glass hinaus?

„Sie kamen hier herein, setzten sich in den gleichen Stuhl und sagten: ‚Zuerst mache ich den Bachelor-Abschluss, dann den MBA, und anschließend gründe ich meine eigene Firma.‘“

Ja, und? Wahrscheinlich hatte sie das gesagt.

„Sie waren damals schon so selbstsicher“, stellte Mrs. Glass fest, „und heute sind Sie es noch mehr.“

„Oh“, entfuhr es Molly, und sie machte ein betrübtes Gesicht. „Das klingt so, als hielten Sie das für schlecht.“

„Nein, keinesfalls“, entgegnete Mrs. Glass. „Ich bezweifle überhaupt nicht, dass Sie all das erreichen, was Sie sich vornehmen. Aber ich gebe jedem meiner Schüler noch einen Ratschlag mit auf den Weg. Und Ihnen, Molly, wünsche ich, dass Sie sich manchmal auch etwas treiben und vom Leben überraschen lassen.“

Nun war Molly völlig perplex.

„Das Leben wird nicht immer so verlaufen, wie Sie es erwarten“, fuhr die Lehrerin fort, „manchmal muss man sich anpassen und seine Pläne ändern. Ich möchte nur nicht, dass Sie enttäuscht werden. Seien Sie ab und zu einmal spontan. Vielleicht einmal im Jahr? Amüsieren Sie sich! Lernen Sie Jungs kennen!“

Tatsächlich hatte Molly in den letzten Jahren an Jungs gedacht. Sie wollte Mrs. Glass aber nicht erzählen, dass sie auch für ihr Privatleben schon einen genauen Plan hatte.

Irgendwo gab es einen Jungen, der genauso war wie sie.

Ein Junge, der ehrgeizig war und für den Leistung kein Fremdwort bedeutete. Einer, der im Studentenparlament aktiv war, in einer Band spielte, ein guter Mathematiker und Sportler war. Sie hatte alles bis ins kleinste Detail überlegt. Jetzt musste sie diesen Jungen, der dazu bestimmt war, einmal ihr Ehemann zu werden, nur noch finden.

Doch das würde bestimmt ein Leichtes sein. Sie würden sich zueinander hingezogen fühlen, würden bereit sein, sich gegenseitig zu unterstützen, und perfekt Seite an Seite miteinander arbeiten.

In drei Monaten ging sie aufs College, und dort wartete ihr zukünftiger Partner vielleicht schon auf sie.

Molly stand auf, strich ihre schwarze Hose glatt und streckte die Hand aus. „Vielen Dank für alles, Mrs. Glass. Ich bin stolz, dass ich Schülerin dieser Schule war, und ich verspreche, Saint Cecilia’s nicht zu enttäuschen.“

„Machen Sie sich um uns keine Sorgen“, bat Mrs. Glass und ergriff Mollys Hand, während sie ihr tief in die Augen sah. „Denken Sie einmal an sich, und werden Sie glücklich.“

Juni 1992

„Nun, Adam, das ist heute unser letztes Treffen.“

„Richtig.“

„Mich interessiert jetzt noch, was Sie nächstes Jahr studieren wollen.“

Adam lehnte sich zurück und sah Mr. Fisher an. Sein Tutor blickte streng zurück, und Adam war sicher, dass dieser Blick zur Lehrerausbildung gehörte. Als Adam sich ein Zimmer voller Männer und Frauen vorstellte, die sich gegenseitig anstarrten, um den perfekten Blick für das Abschlussexamen zu üben, musste er grinsen.

„Schön, dass Sie so sorglos sind und sich amüsieren“, bemerkte Mr. Fisher und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Es wäre auch schlimm, wenn Ihre nicht vorhandenen Zukunftspläne Ihnen schlaflose Nächte bereiten würden.“

„Ich schlafe bestens“, erwiderte Adam und tat so, als habe er die ironische Äußerung nicht verstanden. Auf Diskussionen hatte er jetzt wirklich überhaupt keine Lust.

Es war ihm klar, dass Mr. Fisher sich nicht um ihn Sorgen machte, sondern darum, dass es auf die Grover Cleveland Highschool zurückfallen könnte, wenn einer ihrer Absolventen es nur zu einem harten, schlecht bezahlten Job bringen würde.

Nicht, dass bei ihm diese Gefahr bestand. Er, Adam Shibbs, würde bei den künftigen Ehemaligentreffen – falls ihm seine Streifzüge durch Jazzclubs und exotische Restaurants sowie seine Hobbys Zeit dazu ließen – ein Lächeln auf dem Gesicht haben, denn er wäre ein lebensfroher Mann, der all das ausprobiert, was das Leben ihm bietet.

„Ich weiß, dass Sie ein schwieriges Jahr hinter sich haben“, meinte Mr. Fisher nach einer Pause. Seine Stimme und sein Gesichtsausdruck wurden weicher.

„Den Vater zu verlieren ist eine schlimme Erfahrung.“

Jetzt blickte Adam auf den Boden. Was wollte Mr. Fisher eigentlich mit ihm besprechen?

„Trotzdem dürfen Sie Ihre Talente nicht verkümmern lassen“, fuhr der Lehrer fort. „Für einen durchschnittlichen Schüler sind Ihre Noten ganz okay, aber für einen Jungen, der so intelligent ist wie Sie, liegen sie unterhalb des Möglichen. Ich rate Ihnen, sich in den nächsten Jahren am Riemen zu reißen und sich anzustrengen. Machen Sie Gebrauch von Ihrem Verstand!“

„Ach, das mache ich durchaus“, erwiderte Adam. „Wahrscheinlich nur nicht so, wie Sie es für richtig halten. Für mich hat es keinen Reiz, erfolgreich zu werden, eine Million Dollar im Jahr zu verdienen und irgendwelche Firmen zu fusionieren. Ich setze meinen Verstand ein, um mich über Dinge zu informieren, die mich erstaunen oder mich zum Lachen bringen. Ich möchte mein Leben genießen.“ Er hielt kurz inne. „Schließlich lebt man nur einmal.“

„Dem stimme ich zu“, entgegnete der Lehrer. „Doch manchmal birgt das Leben eben nicht nur Spaß, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Unbeschwertheit ist ja schön und gut, aber sie ist nicht alles. Da draußen wartet die wahre Welt auf Sie, mit all ihren Schattierungen.“

Oh ja, und Adam freute sich auf diese Schattierungen. Vor allem die weiblichen. Er freute sich auf Frauen, die so waren wie er: lustig, sorglos, aufregend und abenteuerlustig. Er wollte so viele wie möglich kennenlernen und die Abwechslung genießen, die die Welt ihm anbot. Frauen, die wussten, wie man das Leben lebte. Sicher gab es auf diesem Planeten genug davon. Und eines Tages, wenn er dann häuslicher wurde – was er sich allerdings nicht wirklich vorstellen konnte –, könnte er sich aus der Vielzahl der Frauen die Beste aussuchen. Eine Frau, die nicht bis zum Umfallen arbeitete. Denn er wollte nicht noch einmal einen Menschen lieben und ihn dann verlieren.

Das College begann in drei Monaten, und vielleicht wartete dort schon die Richtige auf ihn.

Adam stand auf und streckte die Hand aus. „Danke für alles, Mr. Fisher. Die meiste Zeit an der G. C. High hatte ich Spaß. Ich verspreche Ihnen, dass es mir gut gehen wird.“

„Versprechen Sie mir nichts“, bat Mr. Fisher und fasste Adams Hand. „Ihre Zukunftsaussichten sind nicht schlecht. Machen Sie etwas daraus.“

1. KAPITEL

Molly Jacksons Gründe, ihren Geburtstag für sich zu behalten:

Pro:

1. Muss nicht über dumme Witze lachen wie: „Lass mich raten, wieder mal neunundzwanzig, oder?“ (Was ist so schlimm daran, zweiunddreißig zu werden?)

2. Ich kann in Ruhe arbeiten und brauche keine Angst zu haben, dass mich die Frauen von Danbury Way in eine Bar oder ein Restaurant schleppen, um zu feiern. Mir steht nicht der Sinn nach feiern.

3. Muss nicht lästige Fragen über meinen ständig dicker werdenden Bauch beantworten. Muss nicht lächeln und vage mit dem Kopf nicken, wenn der Begriff „Samenbank“ erwähnt wird. (Muss mich nicht noch schuldiger fühlen als ohnehin schon.)

4. Es regnet.

Kontra:

1. …

Molly starrte auf die Liste. Der Regen prasselte laut gegen die Fensterscheibe. Gab es wirklich keinen Grund, der dafür sprach, dass sie ihren Geburtstag feierte?

Nein, nicht wirklich.

Von ihrem Sofa aus schaute sie auf die Küchenuhr, die Punkt acht zeigte. Höchste Zeit, in ihr Büro zu gehen. Einfacher gesagt als getan. Denn von Tag zu Tag fiel es ihr schwerer, aus dem bequemen Sofa hochzukommen. Ihr Bauch hatte mittlerweile geradezu beängstigende Ausmaße angenommen. Die Jogginghose war das einzige Kleidungsstück, in dem sie noch einigermaßen normal atmen konnte.

Sie stützte beide Handflächen auf dem Sofa ab und stand so schwungvoll auf, dass sie fast gegen die Wand geprallt wäre. Dies war wieder so ein Moment, in dem sie das Gefühl hatte, dass ihr das alles zu viel wurde. Sie war Single, hatte eine eigene Firma … und war schwanger. Wie sollte sie …? Nein! Molly straffte die Schultern, ging zur Treppe und stieg die Stufen hoch. Angst war das Letzte, was sie sich erlauben konnte.

In ihrem Büro angekommen, fühlte sie sich gleich wieder besser. Stolz blickte sie auf den aufgeräumten Tisch, den Aktenschrank und den neuen Flachbildschirm. Das war Kontrolle. Genau! Sie hatte alles unter Kontrolle und konnte erreichen, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte.

Das Telefon klingelte, und Molly griff nach dem Hörer. „M. J. Consulting“, meldete sie sich routiniert. Sie liebte es, den Namen ihrer Firma auszusprechen. Ihrer Firma, in ihrem Büro, in ihrem Haus. Wovor bitte hatte sie Angst?

Wenn Molly ehrlich war, würde sie am liebsten ununterbrochen arbeiten. Und früher, vor ihrer Schwangerschaft, war das auch überhaupt kein Problem gewesen. Doch je größer ihr Bauch wurde, desto schwerer fiel es ihr, lange zu sitzen. Sie streckte die Arme über den Kopf und dehnte sich. Durch einen Spalt zwischen den zarten lilafarbenen Vorhängen des Fensters konnte sie ihre Nachbarin Sylvia Fulton sehen, die gerade von ihrem Briefkasten kam. Die ältere Frau trug einen transparenten Schal um ihr graues Haar und war mit Zeitschriften und Katalogen beladen. Molly winkte ihr zu, und Sylvia winkte zurück.

Molly stand auf und rieb sich den Rücken. Ein kleiner Ausflug zum Briefkasten würde ihr guttun.

Sie ging nach unten und holte den Regenschirm aus dem Schirmständer neben der Haustür. Es waren zwar nur wenige Schritte bis zum Briefkasten, aber wenn ihr Haar auch nur ein paar Regentropfen abbekam, kräuselte es sich sofort.

Als sie die Haustür öffnete, blies der Wind ihr den Regen ins Gesicht. Schnell hielt sie den Schirm wie ein Schild vor sich. So ging sie zum Briefkasten – und wäre beinah in Irene Dare und Rhonda Johnson hineingelaufen, die sich – natürlich rein zufällig – direkt vor ihrem Haus aufhielten.

„Hi“, grüßte Molly knapp, holte die Post und drehte sich wieder um.

Doch so leicht entkam sie nicht. „Molly!“, rief Irene. „Du siehst einfach wunderbar aus.“

„Wunderbar“, echote Rhonda.

Beide Frauen hielten jeweils einen winzigen Terrier im Arm. Und beide lächelten sie übers ganze Gesicht – ein falsches Lächeln, wie Molly wusste.

„Wir haben uns gerade gefragt, wie es dir geht“, schnurrte Rhonda. „Du bist ja so tapfer.“

„Na, ich weiß nicht“, entgegnete Molly. „Ich bin ja nicht die erste Frau, die ein Kind zur Welt bringt.“

„Ja, aber du musst das alles ohne Mann durchstehen.“

„Oh, ein Mann kann sicher nicht besser pressen als ich, wenn der große Tag gekommen ist.“

Nun mischte Irene sich ein. „Es gibt ja Leute, die es falsch finden, wenn man zu einer Samenbank geht. Aber ich sehe das anders.“

„So?“, fragte Molly sarkastisch.

„Natürlich“, fuhr Irene ungerührt fort. „Also, wenn ich in deiner Lage wäre … Ich meine, wenn man in einem bestimmten Alter ist und kein Mann ist in Sicht … was bleibt einem da anderes übrig, als zur Samenbank zu gehen? Und da sucht man sich dann das passende Sperma aus. Ein Baby nach Maß, sozusagen.“ Irene grinste falsch.

„Was habe ich gerade gehört? Irene? Ein Baby?“ Alle drehten sich um und sahen Rebecca Peters, die auf die drei zukam. „Das ist jetzt aber ein Witz, oder?“

Bevor Irene etwas erwidern konnte, fuhr Rebecca fort: „Meine Liebe, wärst du denn überhaupt in der Lage, noch eine große Klappe zu füttern?“

Nun war es an Molly zu lächeln. Allerdings war ihr Lächeln durch und durch echt.

„Rebecca, wie schön, dich zu sehen“, sagte Rhonda mit eisiger Stimme. „Schade, dass wir gerade gehen wollten.“ Die beiden drehten sich um, aber bevor sie weggingen, musste Rhonda noch eine Bemerkung loswerden. „Molly, du solltest jetzt reingehen, wenn du dein Haar retten willst. Obwohl es so aussieht, als sei es schon zu spät.“

Rebecca steckte zwei Finger in den Mund und tat so, als müsse sie sich übergeben. „Diese beiden Ratten. Und damit meine ich nicht ihre dürren Hunde.“ Sie legte Molly eine Hand auf die Schulter. „Ich habe gesehen, wie sie dir vor dem Haus auflauerten, und beschlossen, dich zu retten.“

Molly drückte Rebeccas Hand. „Ich danke dir. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie boshaft die beiden sein können.“

„Diese beiden Klatschtanten haben die Boshaftigkeit erfunden, wusstest du das nicht?“ Rebeccas blaue Augen blitzten. „Da heißt es immer, dass es in der Großstadt hart zugeht – aber ich hatte noch nie mit solchen Leuten zu tun, bevor ich in den ruhigen kleinen Danbury Way gezogen bin.“

„Lass dir Rosewood nicht von den beiden madig machen“, entgegnete Molly. „Die zwei sind eine unrühmliche Ausnahme, und das weißt du auch.“ Sie hatte recht. Rosewood, das ungefähr eine halbe Bahnstunde von New York entfernt lag, war im Großen und Ganzen ein wirklich idyllischer kleiner Ort.

„Ja, nur leider wohnt die Ausnahme ausgerechnet in meiner Nähe.“

„Aber wenigstens nicht im Danbury Way.“

Beide Frauen betrachteten die kleine Sackgasse. „Schon komisch, wie winzig unsere Häuser neben dem Palast von Carly aussehen“, bemerkte Rebecca nach einer Weile.

Molly kicherte. Sosehr sie ihr Zuhause liebte und so hübsch das Haus war, das Rebecca gemietet hatte, so flankierten beide Häuser leider das protzige Gebäude, in dem Carly wohnte.

„Gut, dass ich Carly so mag“, meinte Rebecca, „sonst könnte ich glatt neidisch werden.“

„Auf ihr Haus oder den neuen Mann an ihrer Seite?“

„Ehrlich gesagt, auf beides. Bo ist ein toller Kerl.“ Sie drehte sich zu Molly: „Genug geredet. Du gehst jetzt besser ins Haus, damit du dich nicht erkältest.“

„Oje, sind meine Haare schon so kraus?“

Rebecca lachte. „Nein. Außerdem mag ich es, wenn deine Haare ein bisschen wilder sind, und das weißt du auch.“

„Okay. Was hältst du davon, morgen zu mir zum Mittagessen zu kommen?“

„Cool, ich komme so um zwölf vorbei.“ Sie wandte sich um.

„Rebecca?“

„Ja?“

„Danke. Ich meine, für deine Hilfe gerade.“

„Keine Ursache. Du weißt doch, wir New Yorker Stadtmädchen lieben den Nahkampf.“ Sie ballte eine Hand zur Faust und boxte zweimal in die Luft.

Molly musste lachen. Rebecca winkte kurz, lief an Carlys Rasen vorbei und verschwand hinter dem Haus.

Selbst als Molly schwerfällig die Stufen zu ihrem Büro hochstieg, lächelte sie noch. Sie mochte Rebecca, die bei einer Modezeitschrift arbeitete und ähnlich ehrgeizig wie sie war, sehr. Was würde Rebecca sagen, wenn sie die Wahrheit über den Vater des Babys erfuhr? Molly konnte sich zwar nicht vorstellen, dass Rebecca sie verurteilen würde – aber sie brachte trotzdem nicht den Mut auf, die Freundin einzuweihen, dass diese Schwangerschaft nicht einer Samenbank zu verdanken war.

Selbst ihre Eltern in Kalifornien gingen davon aus, dass sie auf einer Samenbank gewesen war. Die beiden waren überhaupt nicht überrascht gewesen, als sie davon hörten. Schließlich waren sie es gewohnt, dass ihre Tochter etwas … unkonventionell war. Oder zumindest nicht „typisch Frau“. Immerhin hatte Molly sich auch ein Haus gekauft und ihre eigene Firma gegründet. Nein, Molly brauchte keinen Mann, sie konnte für sich selbst sorgen. Und dass sie das konnte, verdankte sie auch ihren Eltern. Immerhin waren sie es gewesen, die ihre Tochter immer zu Höchstleistungen angestachelt hatten. Sie standen hinter ihr, wenn auch nur aus der Ferne. So wie sie es immer getan hatten.

Der einzige Mensch, der ihr wirklich immer nahegestanden hatte, war Adam. Er war ihr bester Freund, und das, obwohl sie eigentlich unterschiedlicher nicht sein konnten. Von Mollys Schwangerschaft wusste er allerdings nicht. Seit dem Ehemaligentreffen des Colleges hatte sie ihn nicht mehr gesehen. An jenem Abend war sie so in Gedanken gewesen, dass sie vergessen hatte, sich von ihm zu verabschieden. Seitdem hatten sie nur einige belanglose E-Mails ausgetauscht. Molly nahm sich vor, Adam bald anzurufen – dass er sich nicht meldete, konnte nur daran liegen, dass er derzeit viel zu tun hatte. Adam hatte viel zu tun? Irgendwie war das ein lustiger Gedanke.

Mollys Magen knurrte, und als sie ihre Hand auf den Bauch legte, spürte sie, wie das Baby sie trat. Na, wunderbar. Nicht nur, dass sie an einem Tag mehr aß als früher in einer Woche, nun musste auch noch ihr Baby rebellieren.

Während sie noch überlegte, was sie in ihrer Küche an Essbarem hatte, klingelte das Telefon.

„M. J. Consulting“, meldete sie sich lächelnd.

Weniger als zwei Minuten später lächelte sie nicht mehr.

2. KAPITEL

Adam legte seine Füße auf das Balkongeländer und beobachtete, wie der Regen auf seine nackten Zehen tropfte. Gestern hatte er sich vorgenommen, sich heute auf dem Weg von der Arbeit thailändisches Essen mitzunehmen und draußen zu essen. Am ersten September verabschiedete sich der Sommer langsam, und Adam wollte die Wärme genießen, solange es noch möglich war. Denn die Winter in New York waren bekanntlich sehr lang und sehr kalt.

So viel also dazu, die letzten Sonnenstrahlen des Sommers zu genießen. Doch so leicht ließ sich Adam – für den es schon etwas Besonderes war, überhaupt zu planen – nicht von seinem Vorhaben abbringen. Der Balkon im Stockwerk über ihm sorgte dafür, dass er im Trockenen sitzen konnte. Und was waren schon ein paar Regentropfen auf den Füßen?

Plötzlich raste ein kleines schwarzes Knäuel aus der halb offenen Glasschiebetür und rutschte gegen die Wand unter Adams Füßen. Kaum hatte er sich gefangen, da stieß der Labrador-Welpe gegen das Stuhlbein und sprang hoch, um zu sehen, was Adam aß. Dann sprang er wieder gegen die Wand, rannte zu Adam und hechelte vor Aufregung.

„Elmer“, sagte Adam, „sag bloß, du magst thailändisches Essen!“

Molly jedenfalls liebt die thailändische Küche, dachte Adam und seufzte. Schon den ganzen Tag dachte er an sie, was natürlich auch daran lag, dass sie heute Geburtstag hatte. Wie lange wollte er eigentlich noch damit warten, sie anzurufen?

Fast ein halbes Jahr lang hatten sie nicht mehr miteinander geredet. Und überhaupt – Molly hätte sich ja auch mal melden können. Tatsächlich aber war es nicht ungewöhnlich, wenn sie mal sechs Monate nichts voneinander hörten.

Selbst auf dem College, wo sie im selben Wohnheim gelebt hatten, war ihnen immer klar gewesen, dass sie eigentlich zu verschieden waren, um ernsthaft miteinander befreundet zu sein. Adam war Molly zu lässig, und Molly war Adam viel zu ehrgeizig. Und dennoch waren sie beste Freunde. Für Adam, und wohl auch für Molly, hatte es nie jemand anderen gegeben, der diese Stelle einnehmen konnte.

Nach dem College hatten sich ihre Wege getrennt, aber ihre Freundschaft hatte fortgedauert. In manchen Wochen telefonierten sie jeden Abend, und manchmal vergingen wieder Monate, ohne dass sie voneinander hörten. Dennoch: Adam wusste immer, dass Molly für ihn da war, und das reichte ihm. Alles, was darüber hinaus ginge, klang für ihn nach Pflicht und Verantwortung – und nichts hasste er mehr.

Die letzten sechs Monate jedoch hatte Adam sich absichtlich nicht bei Molly gemeldet. Er hatte das Bild, wie sie das Nachtreffen des Colleges mit Zach Jones verließ, immer noch vor seinem geistigen Auge. Zach Jones, ihr früherer Schwarm. Sie war nicht einfach neben ihm hergegangen, sondern er hatte den Arm um sie gelegt, und Molly hatte ihn angehimmelt und den Kopf so weit zurückgelegt, dass ihre dunklen Locken fast bis zu ihrem wohlgeformten Po reichten.

Natürlich hätte Adam sie danach jederzeit anrufen können. Er hätte sagen können: „Hast du dir diesen Widerling Zach Jones endlich geschnappt?“ Sie hätte antworten können: „Was geht es dich an?“ Und vielleicht hatte er genau deshalb nie angerufen. Was es ihn anging? Das hätte er nicht sagen können.

Natürlich besaß Molly das Recht, mit jedem nach Hause zu gehen, der ihr gefiel – selbst mit einem Idioten wie Zach Jones. Aber genauso natürlich hatte Adam eben das Recht, nicht mit ihr zu reden. Deshalb hatte er den Kontakt auf einige unpersönliche E-Mails beschränkt, auf die sie nur knapp geantwortet hatte. Vielleicht ging sie ihm ja auch aus dem Weg?

Aber warum? Sie konnte keine Ahnung haben, wie verärgert er über sie war. Zach Jones – wie blöd konnte man eigentlich sein, diesen Typen gut zu finden? Aber das war kein Grund, sie an ihrem Geburtstag nicht anzurufen. Falls er Molly Jackson nicht zum Geburtstag gratulierte, dann wäre er der Idiot.

Adam stocherte noch ein bisschen in seinem Reis herum, stand auf und ging in die Küche, wo er den Rest des Essens in den Kühlschrank stellte.

Elmer stand schwanzwedelnd neben ihm, als wollte er sagen: Und was machen wir jetzt Lustiges?

„Wir beide haben unseren Spaß, nicht wahr?“ Adam streichelte den Kopf des Welpen. „Aber jetzt lass mich erst mal Molly anrufen. Die hat es nicht so mit Spaß. Eher mit Arbeit. Wahrscheinlich glaubt sie, dass Arbeit Spaß macht.“

Elmer stöhnte und legte sich auf den Boden.

„Du hast recht. Sie ist verrückt. Solche Leute …“ Auf einmal musste Adam an seinen Vater denken, der Zeit seines kurzen Lebens nur gearbeitet hatte. Am Wochenende, an Feiertagen, Tag und Nacht. „Solche Leute sterben zu früh“, sagte Adam leise. „Sie sind nichts für uns.“

Elmer starrte ihn verständnislos an.

„Molly ist … Molly muss einfach mehr ausgehen“, behauptete Adam.

Aber bitte nicht mit Zach Jones, fügte er im Stillen hinzu und wählte ihre Nummer.

„Hallo?“

Etwas stimmte nicht. Mollys Stimme klang seltsam gedämpft, so als würde sie unter Wasser reden. Hatte sie etwa geweint?

Molly? Weinen?

„Molly?“

Die Antwort war ein lautes feuchtes Schniefen.

„Mädchen, hast du etwa Probleme mit dem Älterwerden?“, versuchte er, einen Scherz zu machen.

Noch immer keine Antwort. Aber war das ein Schluchzen?

Besorgt versuchte Adam, sie aufzuheitern. „Komm schon, Molly, du magst zwar deine besten Jahre hinter dir haben, aber so klapprig bist du auch noch nicht. Als ich dich zuletzt gesehen habe, sahst du ziemlich gut aus.“ Tatsächlich hatte sie in dem kurzen schwarzen Kleid und den unverschämt hohen Absätzen mehr als nur ziemlich gut ausgesehen. Er war nicht der Einzige, der das gedacht hatte.

„Mit zweiunddreißig hat man noch längst nicht seine besten Jahre hinter sich, Shibbs“, konterte sie endlich ärgerlich.

„Natürlich, ein gutes Jahr hast du noch.“

„Ich bin gerade nicht in Stimmung für deine Scherze.“

Warum weinte sie?

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