Logo weiterlesen.de
Piraten vor Fuerteventura

Inhaltsverzeichnis

1. Gestern

2. Die „Matata“

3. Badestrand an der Costa Calma

4. Die 7. Zerstörerflottille

5. Rückkehr auf die „Matata“

6. Der Kampf

7. Neues Opfer, neues Glück?

8. Die List

9. Die Falle wird aufgestellt

10. Die Falle schnappt zu

11. Der Untergang

12. Es ist noch nicht vorbei

13. Epilog

Piraten vor Fuerteventura

1. Gestern

„Meine Damen und Herren, bitte klappen Sie Ihre Tische ein und bringen Sie Ihren Sitz in eine aufrechte Position, wir landen in wenigen Minuten auf Fuerteventura.“ Der Ferienflieger näherte sich dem ersehnten Ziel. „Auf diesen Augenblick hatte ich mich nun wochenlang gefreut, auf die Insel ewiger Sonne – und wo war sie nun? Verborgen hinter Regenwolken, der erste richtige Regen seit Monaten, na toll. Gut getimet!“

„Freuen Sie sich doch“, sagte die Reiseleiterin am Transferbus, „morgen wird alles frisch und sauber sein und – machen Sie nicht so verdrießliche Gesichter.“ Der Bus verließ den Flughafen und bog zunächst auf eine vierspurig ausgebaute Inselautobahn ein. Später fuhr er über eine Landstraße zu den Ortschaften mit den Touristenhotels. Die Landschaft sah jetzt in der Dämmerung, aber auch sonst, das hatte ich schon im Reiseführer gelesen, wenig attraktiv aus und ähnelte in ihrer Trostlosigkeit der von Süd-Texas, die man mit dem amerikanischen Schnellzug „Sunset Limited“ durchfährt. Nur eine Eisenbahnstrecke fehlte eben dazu.

Um 20: 30 Uhr erreichte ich mein Hotel an der Costa Calma, andere Urlauber waren vorher in anderen Hotels unterschiedlicher Preisklassen abgesetzt worden. Ich ging sogleich zum Abendessen, weil ab 21: 00 Uhr in den Speisesaal, wie man mir an der Rezeption gesagt hatte, nur noch ungern Gäste eingelassen werden. Ich stellte meinen hellblauen Schalenkoffer in eine Ecke des Foyers und überquerte die Straße zum Restaurant. Der erste Blick ließ hoffen: eine gute Auswahl in den Vor-, Haupt- und Nachspeisenbuffets. Ich checkte erst nach dem Abendessen ein und erhielt das obligatorische Kunststoff-Armband eines All-Inklusive-Gastes angelegt. Dann machte ich mich auf die Suche nach meinem Appartement.

Der mir an der Rezeption mitgegebene Plan der weitverzweigten Hotelanlage half mir in keiner Weise. Die inzwischen hereingebrochene Dunkelheit trug auch nicht zur schnelleren Auffindung des gesuchten Appartements bei. Ungefähr 40 min irrte ich mit meinem Koffer durch die Wege und Gässchen zwischen den flachen Hotelbauten auf und ab bis ich jemanden fand, der ortskundig war und mich schließlich in die Nähe meines Appartements am südwestlichen Ende der Hotelanlage brachte. Endlich fand ich es. Es war in einer Art Souterrain gelegen, aber mit davor gelegener Terrasse angelegt und bestand aus zwei Schlafzimmern mit Deckenventilator, Innen-Bad und -WC sowie einem großen Wohnzimmer. Alle Böden waren gefliest. Dass keines der beiden Schlafzimmer ein Fenster hatte, durch das man nach draußen sehen konnte, irritierte mich zunächst. Sie waren durch den Aufenthaltsbereich von der Terrassentür getrennt und lagen wie an einem langen Schlauch hintereinander, so dass das Appartement eine Gesamtlänge von etwa 15 m erreichte. So weit war es auch von der Terrasse bis zum Bad. Obwohl ich durchaus noch eine Flasche Mineralwasser hätte vertragen können, die ich jedoch nicht hatte, ging ich gleich zu Bett. Trotz des sirrenden Deckenventilators und seinem kühlenden Arbeitsergebnis konnte ich nicht sogleich einschlafen. Seit dem Überflug über die nur 95 km breite Wasserstraße zwischen der afrikanischen Westküste und der Insel Fuerteventura ging mir der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, ob man hier auch sicher vor den afrikanischen Piraten war, die die Handelschifffahrt auch an den Küsten Westafrikas seit einiger Zeit in Angst und Schrecken versetzten und die von einer multinationalen Einheit von Kriegsschiffen unter Kontrolle gehalten werden sollten …

2. Die „Matata“

„Kapitän bitte auf die Brücke!“, Leutnant zur See Bergers Stimme vibrierte vor Aufregung, als er seinen Kapitän über Schiffslautsprecher bat, auf die Brücke zu kommen. Seit Stunden hatte die Fregatte „Bremen“ einen Oberflächenkontakt verfolgt, der ein Piratentender sein konnte, also ein Mutterschiff, von dem aus die afrikanischen Piraten ihre schnellen Schlauchboote längsseits der, mit wertvoller Fracht beladenen, Handelsschiffe steuerten.

Die Fregatte „Bremen“ war seinerzeit als Mehrzweckkampfschiff mit der Hauptaufgabe der U-Boot-Bekämpfung beschafft worden, als sie 1982, zu Zeiten des Kalten Krieges, in Dienst gestellt wurde. Sie war auch das erste Schiff der neuen Baureihe F-122 gewesen und als erstes deutsches Kriegsschiff mit einem neuartigen kombinierten Antriebssystem ausgerüstet worden. Dies bedeutet, dass sich der Antrieb, nicht mehr allein auf Dampfturbinen stützte, sondern auf die Kombination von Dieselmotoren und einer Gasturbine, die kurzfristig auf die beiden Antriebswellen zugeschaltet und eine deutlich höhere Geschwindigkeit erzeugen kann. So werden Geschwindigkeiten von bis zu 30 Knoten möglich (1 Knoten = 1 Seemeile = 1,852 km). Die Gesamtleistung, die das 130 m lange und mit 200 Mann Besatzung ausgestattete Schiff bei voller Kraft voraus erreichen kann, waren 50.000 PS. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs waren die Fregatten der sog. Bremen-Klasse zu den Arbeitspferden der Marine geworden, die man bevorzugt auf Auslandseinsätze, wie diesen entsendete. Für die hohe See, auf der sich die Fregatte „Bremen“ der Deutschen Bundesmarine gerade befand, waren die Schlauchboote der Piraten alleine nicht geeignet und daher auf ein Begleitschiff angewiesen, wie es dieser alte Frachter sein könnte, der sich jetzt in Reichweite des Buggeschützes befand (worauf Leutnant Berger schon lange spekuliert hatte). „Was haben wir denn „Berg“?“, unterbrach die vertraute Stimme des Kapitäns zur See Klaus Dessau die Gedanken seines 1. Offiziers. Die Anwendung seines Spitznamens durch den Kapitän ließ Martin Berger lächeln. „Berg", dies bezog sich u.a. auf seine massige Erscheinung, die der 1,95m große und 240 Pfund schwere Berufsoffizier darstellte. Sein, für einen Durchschnittstypen, großes Gewicht verteilte sich bei Leutnant Berger auf seine ganze Länge.

Nicht nur die muskulösen Oberarme und der gedrungene Brustkasten sprachen davon, auch seine massiven Oberschenkel und muskulösen Waden ließen erkennen, dass Leutnant Berger kräftig zupacken und große Lasten tragen konnte, wenn es erforderlich war. Ganz im Gegenteil zu seinem Spitznamen war Berger ein fähiger und gewissenhafter Offizier, der die See, sein Schiff und seinen Beruf liebte und mit niemandem hätte tauschen wollen. Dass er auch ein Kenner von Seefahrtsromanen war, wie jenen von C.S. Forester oder Alexander Kent, zeigte er durch seine Liebe zum Segeln und der Kenntnis der Bedienungsweise historischer Vorderlader-Geschütze sowie der Handhabung von Segelkriegsschiffen, wie sie heute zu seinem Bedauern leider nicht mehr im Einsatz waren.

Mit einem Blick hatte Kapitän zur See, Klaus Dessau, 46 Jahre alt, 1,80 m groß, die Situation erfasst, die sich ihm auf der Brücke darbot. Der vor Stunden gesichtete Oberflächenkontakt war auf dem Radar deutlich zu erkennen und auch schemenhaft an Backbord voraus in etwa 3 Seemeilen. Starker Dunst ließ eine genauere Untersuchung per Fernglas nicht zu, obwohl der Frachter nun von der untergehenden Sonne beleuchtet wurde. Doch der nordöstliche Horizont wurde schon dunkler. „Vorschläge?“, sagte Dessau und demonstrierte auf diese Weise seinen kooperativen Führungsstil, der durchaus Raum für Ideen seiner Brückencrew ließ. „Schneiden wir ihm den Weg ab und untersuchen ihn.“, ließ sich der 1. Wachoffizier von Wegener vernehmen und senkte sein Fernglas, durch das er bis zu diesem Moment das fremde Schiff beobachtet hatte. „Ein paar Minuten Höchstfahrt und wir haben ihn.“, fügte er noch hinzu. „Herr K..“ weiter kam Berger nicht, der vor Ungeduld angehört zu werden unruhig auf der Stelle trat und seit Dessaus Aufforderung, Vorschläge zu unterbreiten, diesen mit seinen Augen fixiert und versucht hatte, dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Berger, ich weiß schon, was Sie vorschlagen wollen. Wir sollen denen einen Schuss vor den Bug setzen, sie zum Stoppen auffordern und das Schiff untersuchen, sobald sie dem nachgekommen sind. Aber ich kann mir auch lebhaft die Alternative vorstellen, die Sie gleich vorschlagen werden, wenn die nicht stoppen.“, sagte Dessau und deutete mit ausgestrecktem rechten Arm auf das fremde Schiff, das mehr und mehr im Dunst zu verschwinden begann.

Wieder einmal wünschte sich Leutnant Berger in die Zeit zurück, als Segelkriegsschiffe der heldenhaften britischen Marine noch die Weltmeere befuhren und weniger Technik, aber mehr Mut und Entschlossenheit, das von Wasser umgebene Vereinigte Königreich durch seine 400 Kriegsschiffe schützten. „Damals hätte ich….“ Hier erwachte Berger wieder aus seinem kurzen Tagtraum, denn er hatte nun die volle Aufmerksamkeit des Käpt’ns, der ihm anscheinend eine Frage gestellt hatte, die ihm aber entgangen war. Zu seiner Erleichterung erkannte Berger, dass es sich wohl nur um eine rhetorische Frage gehandelt haben musste, denn Dessau wandte sich gerade von ihm ab und dem fremden Schiff wieder zu, um es nun ebenfalls durch das Fernglas in Augenschein zu nehmen. Kapitän Dessau war ein guter Vorgesetzter, gerecht und auf Ausgleich bedacht. Die Uniform eines Kapitäns zur See saß dem schlanken Seeoffizier als ob sie ihm auf den Leib geschneidert wäre. Das kantige Gesicht, das trotz ihres Einsatzes vor Afrika und in Wind und Wetter ungebräunt, aber nicht bleich war, wurde von den beiden hellblauen Augen dominiert, die es einem Gesprächspartner schwer machten, sich zu konzentrieren, wenn er sie auf sich gerichtet sah. Wenn auch erst 46 Jahre alt, sprach doch der Ansatz grauen Haars über den Ohren davon, dass die Arbeit eines Fregattenkapitäns auch viele Probleme und Sorgen mit sich brachte.

„Meine Herren, ich verstehe Ihrer beiden Aktionsvorschläge und begrüße sie, weil ich darin Ihr Engagement erkenne,“, sagte nun Dessau und wandte sich nun den beiden Offizieren zu, „aber zu ihrer voraussichtlichen Überraschung muss ich Ihnen leider mitteilen, dass keiner von beiden akzeptabel ist.“ Mit erhobener rechter Hand beschwichtigte er die Versuche beider Offiziere, unmittelbar auf seine Antwort zu reagieren. „Bitte lassen Sie mich ausreden! Wir sind nicht mehr im 19. Jahrhundert oder im 2. Weltkrieg, in dem solche Vorstöße, wie Sie sie eben vorgeschlagen haben, machbar waren. Insofern wundere ich mich auch, dass Sie, Herr von Wegener so einen Vorschlag machen. Ich muss von meinen Offizieren erwarten können, dass sie in jeder Minute die Bedeutung unseres Einsatzes im Auge behalten und so handeln, wie es sich für einen Angehörigen der Deutschen Bundesmarine ziemt. Darum wiederhole ich Ihnen heute erneut, was ich Ihnen bereits vor dem Auslaufen zu dieser Mission gesagt hatte.“ Der gelangweilte Blick zum Himmel, den Berger andeutete, entging dem Kapitän. „Man hat uns mit diesem Auftrag eine große Verantwortung übertragen, der wir uns stellen müssen und die wir nicht enttäuschen dürfen. Statt mit langweiligen Auslandsfahrten in befreundete Häfen beauftragt zu werden, hat uns das deutsche Parlament mit diesem Schutzauftrag in einen echten Kampfeinsatz geschickt. Das ist ein Test, den wir nicht vermasseln dürfen und mit dem wir zeigen können, dass wir keine schießwütigen See-Cowboys, sondern verantwortungsvolle Offiziere sind – auch wenn wir“ und das sagte er nun in halblautem Ton und mit einem Blick auf seine beiden Offiziere, „manchmal anderer Ansicht sind.“

Horst von Wegener war das genaue Gegenteil von Leutnant Berger, trotzdem verstanden sich die beiden ausgezeichnet und bewiesen wieder einmal, dass sich Gegensätze anziehen. Trotz seines Adelstitels war von Wegener ein umgänglicher Typ, wenn er seinen Gesprächspartner kannte und einzuschätzen wusste. Er verstand es aber auch, von oben herab mit seinem Gegenüber zu sprechen und ihn dadurch zu provozieren. Ein von oben herab kam ihm zwar eigentlich nicht mehr zu, denn die Familie von Wegener, alter ostpreußischer Adel, hatte am Ende des Zweiten Weltkrieges alle ihre Besitzungen verloren und nur noch ihr Name zeugte von dem Rittergut ihrer Vorfahren. Trotzdem hatte das Blaue Blut seine Spuren hinterlassen: In der ruhigen Art, mit leiser Stimme zu sprechen oder laut zu kommandieren, wenn es sein musste. Und in seinem Auftreten, das diskret und gemessen war. Hier zeigte sich nicht nur die Schule, die er durchlaufen hatte, sondern auch das Elternhaus. Aber die jahrhundertelange Tradition seiner Familie bei der Führung eines Rittergutes in unmittelbarer Nähe zur Ostsee und die Erfahrungen, aus der Beherrschung kleiner Segler auf diesem Meer hatten sich auch auf seinen Charakter ausgewirkt. Das war eine Ansprache, wie sie die beiden Offiziere erwartet hatten und mit dem Nachsatz verstärkte Dessau noch die unbedingte Loyalität der beiden Offiziere, deren er sich sicher war.

„Wenn ich Ihrem Vorschlag folge, Herr Berger“, und damit kam er wieder auf den Ausgangspunkt zurück, „riskiere ich einen internationalen Zwischenfall, wenn sich hinterher herausstellt, dass es nicht der gesuchte Piratentender ist. In beiden Fällen und damit komme ich zu Ihrem Vorschlag, Herr von Wegener zurück“, dem sich Dessau nun zuwandte, „läuft es auf eine Untersuchung eines verdächtigen Schiffes bei hereinbrechender Dunkelheit hinaus. Ich setze weder Ihr Leben noch das unserer Besatzung auf´s Spiel, in dem ich die Verfolgung heute noch abschließe. Machen Sie eine Eintragung im Logbuch: Verfolgung eines verdächtigen Frachters wegen hereinbrechender Dunkelheit abgebrochen, Schiff weit außerhalb des Einsatzgebietes, kehren in Einsatzgebiet zurück, gez. Dessau. Rudergänger, gehen Sie auf:“, er blickte schnell auf die ausliegende Seekarte, „Kurs 200, guten Abend meine Herren.“ und damit verließ der Kapitän die Brücke und ließ die beiden betreten drein blickenden Offiziere und einen befriedigt blickenden Rudergänger zurück. „Denen hat er´s gegeben.“, dachte sich dieser.

Auch der unbekannte Frachter und mutmaßliche Piratentender wandte seinen Bug wieder auf die offene See hinaus. Die See unterhalb der Hotelanlage an der Costa Calma war leer, als ich an meinem ersten Urlaubstag gegen 09: 00 Uhr mein Zimmer verließ und auf einem ersten Rundgang durch die Hotelanlage auch an den Strand kam. Von den Regenwolken des vorangegangenen Tages war nichts mehr zu sehen, es versprach, ein Tag zu werden, wie ihn sich die hier her gekommenen Urlauber und ich mir erträumt hatten.

Verschlafen döste zu diesem Zeitpunkt die zusammengewürfelte Mannschaft der „Matata“ auf deren Decks dahin, die in der Straße von Fuerteventura kreuzte und auf ein vorbeifahrendes, lohnenswertes Handelsschiff lauerte. Die Verfolgung durch eine Fregatte am Spätnachmittag des Vortages hatte alle an Bord beunruhigt. Nachdem am Abend klar geworden war, dass das Kriegsschiff endgültig abgedreht und die Verfolgung abgebrochen hatte, war allgemein Erleichterung und Freude ausgebrochen. N´goro, der mit sechs anderen jungen Männern seines Dorfes an Bord der „Matata“ gekommen war, zeigte sich sehr erleichtert. Es war nicht einfach gewesen und schon gar nicht billig, in die Mannschaft dieses Schiffes aufgenommen zu werden. Aber nur so hoffte er, etwas Geld für seine notleidende Familie zusammen bringen zu können, die am Hungertuch nagte, seit die anhaltende Dürre die Felder seiner Familie zu staubigen, harten Flächen hatte werden lassen, auf denen nichts mehr wachsen wollte. N´goro war ein 16 Jahre alter, schlaksiger, etwa 1,80 m großer junger Mann, dunkler Hautfarbe mit schwarzen, krausen Haaren. Meistens trug er ein paar helle Shorts, die mit einem zusammengeknoteten Stück Juteschnur an seiner schlanken Gestalt befestigt waren. Ein hellrotes Hemd, das er nur mit zwei oder drei Knöpfen asymmetrisch mittig verschlossen trug, verbarg nur ungenügend, wie sehr sich seine dunkle Haut über die hervortretenden Rippen spannte. Fast einen Monat hatte N´goro gebraucht, um sich an dieses scheinbar ständig schwankende große Schiff zu gewöhnen und nicht mehr Übelkeit zu verspüren, wenn der Bug des Schiffes eine Welle erkletterte oder das Schiff im Seegang rollte (rollen = Drehung um die Längsachse des Schiffes). Der alte, noch aus hartem Tropenholz gebaute Frachter war viele Jahre im Einsatz zur Versorgung der Küstendörfer gewesen und hatte Nahrungsmittel und Handelsgüter entlang der afrikanischen Küste befördert. Eine wichtige Aufgabe, denn der Landweg war ebenso gefährlich wie langsam und Nahrungsmittel überstanden den langen Transport in der Tageshitze nicht unbeschadet. Nun musste der Stammesgott, den man für einen Erfolg anzubeten hatte, nur noch ein Schiff senden, für das dann ausreichend Lösegeld gefordert werden konnte. Es war N´goros erste Seefahrt und er wusste noch nichts von den Gefahren, die mit dieser Form des Broterwerbs einhergingen. Aber es hatte alles einleuchtend geklungen, als der Freund ihres Stammesältesten den jungen Männern die goldene Zukunft ausgemalt hatte, die sie erwarte. Das gute Geld, das ihre Familien aufgebracht hatten, würde, wie jeder hoffte, gut angelegt sein. Sie taten ja eigentlich nichts Böses, wenn sie die Schiffe der Reichen anhielten und bis zur Bezahlung des Lösegeldes nicht weiterfahren ließen. Es wurde niemand verletzt, Schiffe beschweren sich nicht, sie sterben nicht, wenn sie kein Wasser bekommen, wie es den Ochsen eines Gespanns ergehen würde, wenn sie einen Überlandtransport in gleicher Weise anhalten würden. N´goro verstand es daher nicht, warum ihnen Kriegsschiffe hinterher gesandt wurden und ihre Arbeit behinderten. Sie waren nicht auf Reichtum aus, nur auf etwas Geld, um Nahrung für ihre Familien zu kaufen. Das Heimweh wühlte in N´goros Magen, wenn er an sein Dorf, seine Eltern und Freunde dachte, die daheim geblieben und nun so weit entfernt waren. Es war alles so schnell gegangen. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass seine Eltern seine Zukunft ohne sein Wissen geplant hatten und ihre Ersparnisse dafür zurückgelegt hatten, ihm die Aufnahme in die Mannschaft der „Matata“ zu ermöglichen. Von jetzt auf dann hatte er seine Heimat verlassen müssen. Er kam gerade mit seinen Freunden von der Jagd, lustig, ausgelassen, stolz auf ihre Beute, als er einen Fremden im Beisein seiner Eltern erblickte, der ihn interessiert musterte und dann wie ein Tier auf dem Markt untersuchte. Da seine Eltern keinen Einspruch erhoben, nahm er an, dass alles mit ihnen besprochen war. Aber als er dann sein Bündel in die Hand gedrückt bekam, seine Mutter zu weinen anfing und auch sein Vater bedrückt zu Boden sah, nahm diese „Überraschung“ plötzlich Formen an, auf die er nicht vorbereitet gewesen war. Der Fremde, den seine Eltern mit einem ehrfurchtsvollen Ton in der Stimme „Batanga“ nannten, ergriff ihn am Arm und zog ihn mit sich fort zur Dorfmitte. Hier warteten bereits ein paar von seinen Freunden, gleichaltrige und einige jüngere, auf ihn. Sie zeigten die gleichen Mienen, in denen sich Angst, Misstrauen und Überraschung widerspiegelten.

„Es ist wie verhext!“, dachte sich Batanga, der Schiffsführer der „Matata“. Seit sie gestern die allgemeine Schiffsroute auf der Flucht vor dieser verfluchten Fregatte hatten verlassen müssen, war kein Schiff mehr in Sicht gekommen. Dabei hatte er sein Glück kaum fassen können, als die Fregatte, als sie fast schon in Schussweite war, wieder abgedreht hatte. Noch einmal küsste er seinen Fetisch, den er um seinen Hals trug und spuckte in den Wind, wie es in seinem Dorf Brauch war, auch wenn es den Gebräuchen eines Seemanns widersprochen hätte. Batanga nickte nachdenklich vor sich hin. Sein früheres Leben lag nun schon viele Jahre zurück. Im gleichen Alter wie die jungen Burschen, die vor zwei Monaten an Bord gekommen waren, hatte auch er damals sein Dorf verlassen müssen. „Aber es war letztlich richtig gewesen!“, sagte er sich. Die Lehrjahre auf verschiedenen Schiffen, die er in der Folge durchlaufen hatte, befähigten ihn heute dazu, dieses Schiff zu kommandieren und die Kerle zum Glück zu führen. Er hatte ihre Unterhaltung belauscht. „Sie glaubten, was er ihnen erzählt hatte und dass sie reich in ihr Dorf heimkehren würden – diese Narren!“

Er war ein großes Risiko eingegangen, als er beschlossen hatte, nicht an der Süd-Ostküste Afrikas, sondern im Westen Afrikas nach potentiellen Opfern zu suchen. Die Bewachung der Schiffsrouten am Horn von Afrika durch internationale Kriegsschiffe war in den letzten Monaten vor dem Auslaufen der „Matata“ so perfektioniert worden, dass es wahrscheinlicher geworden war, einem Bewacher vor den Bug zu laufen, als ein Handelsschiff zu erobern. Hier im Westen Afrikas konzentrierte sich die Schifffahrt nicht so stark und die Einzelfahrer, die das Horn von Afrika runden wollten, konnten über weite Strecken nicht auf den Schutz durch Kriegsschiffe hoffen. Batanga war eigentlich nicht sein richtiger Name, den er in seinem Heimatdorf erhalten hatte. Aber so hatte man ihn gerufen, auf den verschiedenen Schiffen, auf denen er gefahren war, nachdem er von seinem ersten Schiff, der „Batanga“ abgemustert hatte. Der Name war ihm geblieben und er hatte sich letztlich damit identifiziert und seinen Stammesnamen inzwischen praktisch vergessen. Der Name Batanga hatte an der afrikanischen Küste inzwischen einen Klang, auf den er stolz war. Wenn er jedoch jetzt sein Spiegelbild in der Windschutzscheibe des Ruderhauses der „Matata“ betrachtete, sah er, was dieses Leben aus ihm gemacht hatte. Der schlanke Körper, der bei den Frauen nie seinen Eindruck verfehlt hatte, war auseinander gegangen. Er war nicht fett, aber viel fehlte nicht mehr. Seine Gesichtsfarbe war fleckig geworden und durch die einst dunkelbraunen Kraushaare zogen sich graue Strähnen. Sein Haar war zu lang. Seine ganze Erscheinung mit den abgerissenen und verblichenen Klamotten, die einmal zur Uniform eines Seeoffiziers gehört hatten, war desolat. Aber es steckte mehr in ihm, als man von außen sehen konnte und „hatte nicht die letzte Fahrt ordentlich Geld in die Kasse gebracht?“ Batanga lächelte in sich hinein und schob die Gedanken über sein Aussehen in jenen Bereich seines Gehirns, wo das Vergessen auf sie wartete.

Ein Ruf vom Ausguck pflanzte sich zu ihm durch: „Schiff in Sicht!“ Alle waren sogleich wie elektrisiert. Ein Schiff! Das bedeutete vielleicht Geld, Reichtum, die Erfüllung ihrer Träume, das Ziel ihrer Fahrt! Batanga nahm sich das einzige Fernglas an Bord von seinem Haken an der linken Brückenwand und enterte in den Mast zum Mann im Ausguck auf. Der wies nach achtern. Und richtig ein kleiner dunkler Umriss unterbrach die ansonsten gerade Linie des Horizonts. Batanga hob das Fernglas an die Augen und stellte es scharf.

„Schiff steuerbord voraus.“, meldete in diesem Moment Lt. Charles Dever an seinen Captain, der sich im Rahmen seines morgendlichen Schiffsrundganges zufällig gerade auf der Brücke aufhielt. Sir Archibald Long KB (KB = Knight of the Bath, Ritter des Badeordens, Adelstitel für verdiente britische Offiziere), Kapitän des britischen Zerstörers H.M.S. (Her Majesty Ship= Ihrer Majestät Schiff) „Dartmouth“, 64 Jahre, befand sich in seinem letzten Dienstjahr, der Ruhestand drohte und damit der Abschied von der See und seiner geliebten Marine. Alle seine Jahrgangskameraden waren im Anschluss an ihre Seedienstzeit sowie nach langjähriger Beschäftigung in Landkommandos längst im Admiralsrang in den Ruhestand gegangen und hatten die Marine frohgemut hinter sich gelassen. Nicht so Sir Archibald. Das ihm jüngst angebotene Landkommando im Materialdepot des Heimathafens seines Zerstörers hatte er unwirsch zurückgewiesen. Er stammte aus einer alten Seefahrerfamilie und war das letzte Glied einer langen Kette von Seeoffizieren, die in der Geschichte Großbritanniens nie entscheidende, aber doch hilfreiche Beiträge zur Erhaltung des Königreiches, seiner Kolonien und der Flotte erbracht hatten. Bislang war es ihm versagt geblieben, ein größeres Schiff als einen Zerstörer oder ein Geschwader zu kommandieren und in den Rang eines Flaggoffiziers aufzusteigen. Aber er gab die Hoffnung noch nicht auf. Irgendwann würden seine Bemühungen vielleicht auch einmal Erfolg zeitigen. Man konnte Sir Archibald ansehen, dass er Jahrzehnte in der Britischen Marine gedient hatte. Ein von roten Äderchen durchzogenes Gesicht, das den häufigen Konsum harter Getränke, vornehmlich Rum, nicht verbergen konnte, der zur Tagesroutine auf einem britischen Kriegsschiff gehörte und eine dazu passende Nase. Sir Archibald war nicht groß, 1,65 m, aber er würde der Aussage widersprochen haben. Er war, obwohl er Long mit Nachnamen hieß, eben nicht long. Aber Größe konnte man ihm nicht absprechen. Was bedeutete schon Körpergröße. Admiral Nelson war auch klein gewesen und zu einem der größten Admirale geworden, die England in seiner Seefahrtsgeschichte hervor gebracht hatte. Darauf kam es nun wirklich nicht an. Sir Archibald war aber auch kein typischer Seemann, man sah ihm seine Beschäftigung eigentlich nicht an. Er war feingliedrig und das Alter und die Zurückhaltung von Sport hatten das Ihre dazu getan, ihn ein wenig schwächlich wirken zu lassen. Sein Haar war grau und dünn, wo es noch aufzufinden war und die Dienstmütze, die er daher auch nur selten abnahm, bedeckte die schlimmsten Kahlstellen. Der goldene Ring, der auf seinen Abschluss an der Marineakademie hinwies, hob sich seltsam farbig ab von seinen hell-häutigen, von blauen Äderchen durchzogenen Händen. Wenn er auch an seinem Körper nichts ändern konnte, der Zustand seiner Uniform war erstklassig, von den glänzenden Schuhen bis zu den vier goldenen Streifen auf seinen Schultern und an seinen Ärmeln, die glänzten, als ob sie ihm erst am Vortag verliehen worden wären.

„Was für ein Schiff?“, fuhr er den Leutnant daher gleich an, der auf diese Frage noch keine Antwort geben konnte. „Himmelherrgott nochmal, “, donnerte Sir Archibald nun los, „Was schlagen Sie vor, wie Sie das herausfinden könnten?“ „Anfunken?“, stammelte der Leutnant. „Und was, wenn er nicht antwortet oder keinen Funk hat? Morsetelegraph? Flaggensignale? In Ordnung, regen Sie sich ab.“, beruhigte Sir Archibald seinen 3. Offizier, machen Sie erforderlichenfalls alles drei und melden Sie mir das Ergebnis in meine Kajüte, ich brauch´ einen Schluck, sagte er mehr zu sich selbst, als zu seinem 3. Offizier, den dies ja eigentlich auch nichts anging. „Kapitän verlässt die Brücke!“, meldete der Wachoffizier und alle Anwesenden auf der Brücke atmeten auf.

Der Zerstörer H.M.S. „Dartmouth“ der Daring-Klasse, ausgerüstet mit Buggeschütz, Kaliber 114 mm, sowie Anti-U-Boot-Bewaffnung und Lenkraketenwerfer gehörte zur internationalen Atalanta-Mission der Europäischen Gemeinschaft, die die Aufgabe hatte, u.a. die westlichen Küsten Afrikas unter Beobachtung und Ausschau nach Piratenschiffen zu halten. Fregatten und Zerstörer aller beteiligten europäischen Marinen hatten sich einem gemeinsamen Oberkommando in Brüssel unterstellt, das ihren Einsatz koordinierte. Wie der Antrieb der Fregatte „Bremen“ stützte sich auch der Antrieb der „Dartmouth“ auf Dieselmotoren und Gasturbinen, die in ihrem Fall natürlich von Rolls-Royce gebaut worden waren. Der, mit 150 m Länge, um 20 m längere Zerstörer der Royal Navy schaffte mit seinem kombinierten Antrieb bei einer Leistung von 63.000 PS bis zu 32 Knoten.

Piraten im 21. Jahrhundert? Wer dabei an einbeinige und einäugige wilde Gestalten dachte, mit schief sitzendem Dreispitz, rot-weiß quergestreiftem Hemd und Augenklappe sowie einer fehlenden, durch einen Haken ersetzten, Hand, die auf einem unter Totenkopfflagge fahrenden Seelenverkäufer die Meere kreuzten, hatte eindeutig zu viele Seeräuberfilme gesehen.

Die Piraten unserer Tage fuhren meist alte Frachtschiffe, die als Transporter und Mutterschiff der mit Außenborder bestückten schnellen Schlauchboote und als Behausung der Piraten dienten. Was sich seit der Frühzeit der Piraten nicht geändert hatte, war die zeitweilige Brutalität, mit der die Piraten mit den Besatzungen der von ihnen geenterten und aufgebrachten Schiffe umgingen. Allerdings hatten sie es in diesem Jahrhundert nicht mehr ausschließlich auf die wertvolle Fracht sondern auf die Schiffe selbst abgesehen, die auch ohne Ladung einen Wert von mehreren hundert Millionen Euro darstellten. Ziele der Geiselnahmen waren die Schiffe, Opfer die Besatzung, die im Vergleich zum Wert des Schiffes aus Sicht der Reeder vernachlässigt werden konnte und meistens auch wurde…

Obwohl es Batanga bewusst hätte sein müssen, dass alle vom Oberdeck voll Interesse zu ihm hinaufblickten und versuchten, an seinem Gesicht abzulesen, ob sie auf Beute hoffen durften, dachte er im Moment der Erkenntnis nicht daran. Ein lauter Schrei „Destroyer!“, entfuhr seiner Kehle. Er riss sich das Fernglas vom Hals und fuhr sich vor Verzweiflung mit seiner rechten Hand durch die Haare. Wild um sich blickend musterte er den Zustand seines Oberdecks an Bug und Heck. Nichts deutete auf seinem Deck darauf hin, dass er kein Küstenfrachter mehr war. Dieses Mal würde es wohl kein Entkommen mehr geben. Die Sonne stand hoch am Himmel. Hier half wohl nur noch, sich dumm zu stellen.

Die schwarze Rauchwolke, die sich jetzt aus dem Schornstein der „Matata“ heraus wälzte, gab über viele Dinge gleichzeitig Auskunft: Die Fahrtstufe war aus welchem Grund auch immer auf volle Kraft voraus erhöht worden, der Rudergänger, der diesen Befehl an die Maschine gegeben hatte, musste die Nerven verloren und ohne Auftrag gehandelt haben. Kapitän Batanga sah es mit Entsetzen, konnte es aber nicht mehr rückgängig machen. Durch die schwarze Qualmwolke, die langsam achteraus trieb, erkannte er in seinem Fernglas deutlich die Blinksignale und die weiß-rote Marineflagge mit dem roten St. Georgs Kreuz und dem Union Jack als Gösch (als Gösch bezeichnet man das mastseitige, obere Eck einer Flagge. Die Gösch wirkt oft wie eine Flagge in der Flagge) des herankommenden Zerstörers und er meinte sogar eine ebenfalls angehobene Fahrtstufe an dem „weißen Schnurrbart“ ablesen zu können, den die Gischt am Bug des Zerstörers bildete.

Batanga enterte eilig nieder und rannte auf die Brücke, hier waren alle in Aufregung und es wurde ihm klar, dass er mit diesen Pappkameraden die Engländer nicht würde täuschen können. Er legte zunächst den Maschinentelegrafen zurück auf halbe Kraft voraus und besah sich dann die Seekarte auf der Suche nach einem Ausweg oder einer Zuflucht. Fuerteventura lag recht voraus und dieser Idiot von Rudergänger hielt darauf zu, ja, wie lange schon? Den vorgegebenen Kurs hatte er wahrscheinlich in der Aufregung vergessen. Eben passierten sie die Grenze des Festlandsschelfs, der Meeresboden stieg hier sehr schnell an. „Das konnte ihre Rettung sein!“, ging es ihm durch den Kopf. Die „Matata“ war ein alter Küstenfrachter mit hölzernem Rumpf, der dafür konstruiert worden war, in die oft versandeten kleinen Flussmündungen und schlecht unterhaltenen Häfen der afrikanischen Küstenstädte einzulaufen. Die „Matata“ war daher flach gebaut und hatte nur geringen Tiefgang. Der Name „Matata“, den man am Bug noch halbwegs entziffern konnte, war der letzte Rest des ursprünglich auf „Hakuna Matata“ (Keine Probleme) lautenden Schiffsnamens, der von den Elementen inzwischen auf „Matata“ reduziert worden war und sich an diesem Tag leider bewahrheitete. Er ließ sein Schiff daher weiter laufen und gab dem Rudergänger vor, weiter in Richtung Strand zu laufen, auch wenn er nicht vorhatte, dort vor Anker zu gehen. Sein Blick richtete sich wieder auf das englische Kriegsschiff in ihrem Kielwasser.

„Ja was hat denn der Kerl vor? Will der sein Schiff auf Dreck setzen?“ („Auf Dreck setzen“ = seemännischer Ausdruck für auf Grund laufen lassen) Der 1. Wachoffizier der „Dartmouth“, mit dem Auftrag, das fremde Schiff weiter zu beobachten und zu verfolgen – bisher war keines der gegebenen Stopp-Signale beantwortet worden – war außer sich. Leutnant Richard Masterson ging an die Sprechstelle, um seinen Captain zu informieren. Sir Archibald meldete sich sofort. „Was gibt’s? Veränderungen? Stand der Verfolgung?“, schallte es ihm aus dem Sprechgerät entgegen, bevor er nur ein Wort heraus gebracht hatte. „Das unbekannte Schiff reagiert auf keines unserer Stopp-Signale, bitte um Feuererlaubnis für einen Schuss vor den Bug.“, unterbrach Lt. Masterson den weiteren Redefluss seines Captains. „In Ordnung“, bellte Sir Archibald, „machen Sie klar zum Feuern, ich komme selbst rauf!“ und hängte ein. „Der Alte kommt selbst rauf, klarmachen zum Feuern eines Warnschusses!“, gab Masterson an den Feuerleitoffizier, Lt. Decker weiter. Per Decker, oft scherzhaft als Peer Decker (Peer bezeichnet einen Angehörigen des britischen Hochadels) angesprochen, hielt sich im Hintergrund der Brücke auf, wo er die Einstellung der Geschütze kontrollieren konnte und mit der Feuerleitabteilung im 2. Unterdeck in Telefonverbindung stand. Decker war eigentlich Mathematik-Student gewesen, als ihn der Ruf zur Marine erreicht hatte, um seinen Wehrdienst abzuleisten. Die mathematischen Herausforderungen, die sich ihm bei der Lenkung der Schiffsartillerie entgegenstellten, hatten ihn begeistert und bewogen, die Offizierslaufbahn einzuschlagen und Feuerleitoffizier zu werden. Äußerlich war er jedoch der Mathematiker geblieben, der er vorher war. Er sah immer noch so aus, als ob er in einem Hinterzimmer am Computer Zahlen jonglierte. Mit seinen 1,75m und seiner bleichen Gesichts- und Hautfarbe war er der Inbegriff eines Wissenschaftlers oder Stubenhockers, wie er von den Mannschaften hinter seinem Rücken genannt wurde. Das konnte er ertragen. Dass man ihn wegen seiner bleichen Hautfarbe manchmal auch als Schafskäse bezeichnete, würde den Offizier in ihm hervorgekehrt haben, der eigentlich meistens verborgen war, aber doch situationsbedingt auch zum Vorschein kommen konnte. Die Disziplin der Marine, ihre Wertschätzung für ein tadelloses Äußeres hatten ihn immer befremdet und wäre er nicht so ein Genie auf dem Gebiet der Feuerleitung geworden, er hätte weder einen Arbeitsplatz bei der Marine noch auf diesem Schiff bekommen. Dass er mit seiner lässigen und meist unvollständigen Dienstkleidung bei Sir Archibald nicht gut ankam, war ihm ebenso bewusst, wie egal. Obwohl er sich insgeheim wünschte, Sir Archibald zufrieden zu stellen.

„Endlich gibt’s was zu tun!“, murmelte Sir Archibald vor sich hin, rieb sich aus Vorfreude die Hände, als er seine Kajüte verließ und zur Brücke eilte. „Position?“, war sein erster Ruf, als er die Brücke betrat. „Querab von Fuerteventura, Entfernung ca. 1 Meile, das fremde Schiff macht immer noch langsame Fahrt und hält auf den Strand zu.“, meldete der 1. Wachoffizier. „Tiefe?“, fragte nun Sir Archibald. Das verdutzte Gesicht seines 1 WO ließ ihn Schlimmes ahnen. „Ja hat denn keiner daran gedacht, mal auf das Lot zu achten, während wir uns einer unbekannten Küste nähern?“ Sir Archibald standen buchstäblich die Haare zu Berge und seine Nerven schienen nun auch um den empfindlichen Kiel seines Zerstörers herum zu laufen. Mit einem schnellen Blick erfasste er die Gesamtlage, in der sich alle zusammen gerade befanden: Ein britischer Zerstörer dabei, vor einer spanischen Insel in voller Fahrt auf Grund zu laufen, die Brückencrew unerfahren, ihm würde man es zur Last legen, ihn im letzten Jahr seiner bislang makellosen Karriere noch vor ein Kriegsgericht bringen. Wie in Zeitlupe traf er die nötigen Entscheidungen und führte sie zum Erstaunen seiner, wie vom Donner gerührten Brückenbesatzung gleich selbst aus. Maschinentelegraph auf Stopp, hart Steuerbord. Der Rudergänger ließ das Ruder erstaunt fahren, als der Captain persönlich in die Speichen griff. Es war noch nicht zu spät, aber knapp gewesen. „Tiefe 4 Faden (1 Faden= 1,83 m), jetzt zunehmend.“, kamen jetzt die Meldungen, die vom Lotgerät abgelesen wurden. Damit auch langsam wieder Leben in die, auf der Brücke versammelten, Seeleute und Offiziere. „Buggeschütz klar zum Feuern!“, meldete sich in diesem Moment die Feuerleitung über Funk. Ihr waren die Veränderungen von Fahrt und Kurs nicht verborgen geblieben, doch das Ziel war mitgekoppelt worden und konnte immer noch unter Feuer genommen werden. Sir Archibald, wieder im Besitz der vollen Kontrolle über sein Schiff nach überstandener Notsituation gab sofort den Feuerbefehl. Das Buggeschütz brüllte auf und wenige Sekunden später sprang etwas Steuerbord des Vorschiffes des fremden Schiffes eine Wasserfontäne auf. „Mit langsamer Fahrt Verfolgung aufrechterhalten!“, befahl Sir Archibald und nahm sich ein Fernglas, um das fremde Schiff genauer zu betrachten. Dieses lief immer noch auf die Küste Fuerteventuras zu, die sich vor seinem Bug mit Badestränden erstreckte, ein Hafen, eine Pier oder ein Landeplatz als Ziel der Annäherung des fremden Schiffes waren nicht zu erkennen.

„Klar machen zum Ankern!“, ließ sich Sir Archibald nach einem Blick auf Seekarte und Echolot nun erneut vernehmen. In der momentanen chaotischen Situation schien es ihm das Richtige zu sein, um erst mal wieder alles ins Lot zu bringen. Von der jetzigen Position konnte das fremde Schiff gut unter Kontrolle gehalten werden und der nun fällige allgemeine Anschiss war vor Anker auch besser durchzuführen.

Leutnant Richard Masterson sah betreten zu Boden. Wie hatte ihm das passieren können. Vielleicht war die plötzliche Aktion schuld, die auf eine lange und langweilige Routinepatrouille gefolgt war. Solche Landfälle hatte er schon Hunderte Male durchgeführt, nie war ihm der kleinste Fehler unterlaufen, als Decksoffizier ebenso wenig wie als Offizier. Richard Masterson, 1,70 m groß, rundlich, sah aus wie ein englischer Bobby, mit Schnurrbart, nur der typische Helm fehlte. Er hatte sich aus dem Mannschaftsstand bis in den unteren Offiziersrang hochgedient. Alles an ihm war rund, auch der Kopf, der nun vor Anspannung kräftig schwitzte.

Eine Flut von Befehlen mit einhergehenden Verwünschungen brach aus Batanga hervor, als er sah, dass der Zerstörer feuerte. Da er sich gerade auf der Steuerbord-Brückennock der „Matata“ befand, hörte er die vorbeifliegende Granate und sah sofort ihren Einschlag Steuerbord voraus. Nun würde wohl gleich eine Untersuchung durch Marinesoldaten der Fregatte folgen und ihr Unternehmen ein schnelles Ende finden. Er sprang zum Brückenmikrofon und schaltete es ein. Knatternd erwachten die Lautsprecher an Deck als er ins Mikrofon schrie: „Alle in die Schlauchboote, Schlauchboote über Bord, alle bewaffnen!“ und zur Brückencrew gewandt erteilte er den Befehl zum Ankern. Polternd rauschte die schwere Kette hinter dem Anker her, die „Matata“ hatte einen vorläufigen Endpunkt erreicht und drehte schwojend in den leichten Ostwind. Die Decks wimmelten wie ein Ameisenhaufen und die Besatzung versuchte mit noch ungewohnten Handgriffen die an Deck gestapelten Schlauchboote mit angehängten Außenbordern über die Reling ins Meer hinab zu fieren. Das war noch nie unter Zeitdruck geübt worden und manches ging daher schief bis endlich alle Schlauchboote zu Wasser gelassen waren. Batanga hatte wegen der kleinen Reibereien, die manchmal unter den Mitgliedern seiner jungen Besatzung stattfanden, bisher darauf verzichtet, Waffen auszugeben. Dieses eigentlich umsichtige und kluge Vorgehen rächte sich jetzt jedoch durch die völlige Unkenntnis seiner Männer im Umgang mit den Waffen. Vor allem automatische Waffen, Maschinenpistolen, AK 47-Sturmgewehre hatte ihr Verbindungsmann geliefert, was mit dem Versprechen auf einen 30 % Anteil an der Beute „bezahlt“ worden war, als das Schiff klar zum Auslaufen gemacht wurde.

„Ja, Westindien.“, sinnierte Sir Archibald vor sich hin, als er in seiner Kajüte ein Glas puren Rum hinunter kippte. Gleich sah die soeben abgeschlossene Aktion nicht mehr so schlimm aus. Einen allgemeinen Rüffel musste er jedoch geben, das konnte er ihnen nicht ersparen. Schließlich war die „Dartmouth“ ja kein Schulschiff sondern ein Zerstörer der britischen Marine, auf den er mächtig stolz war. Sir Archibald hatte es der Marineleitung hoch angerechnet und darin auch eine gewisse Anerkennung sehen wollen, dass sie ihn mit dem Kommando über den als letzten in Dienst gestellten Zerstörer der Daring-Klasse betraut hatten.

Die Rufanlage summte und unterbrach die Überlegungen des Captains. „Ja, was denn noch?“, rief Sir Archibald, als er den Ruf entgegen nahm. „Sir, Sie sollten sofort auf die Brücke kommen“, ließ sich die erregte Stimme Lt. Mastersons vernehmen, „die gehen in die Boote und sind alle bewaffnet!“ „Jetzt schlägt´s 13!“, dachte sich Sir Archibald, griff sich seine weiße Dienstmütze sowie seine daneben hängende Dienstwaffe von der Garderobe und eilte, nun schon zum zweiten Mal an diesem Tag in einer für einen Captain der Royal Navy unziemlichen Hast auf die Brücke. Der Rum hatte seine Bewegungen nicht gerade beschleunigt und ihm stand auch nicht der Sinn nach weiterer Aufregung. Doch das lag jetzt nicht mehr in seiner Hand. Der Meldung, seines 1 WO war nichts hinzuzufügen, wie er feststellen musste, als er die Brücke betrat. Nur, dass das erste Schlauchboot gerade von dem Frachter abstieß und versuchte, seinen Außenborder zu starten. Im Boot saßen schätzungsweise 15 bewaffnete dunkelhäutige Männer. Sir Archibald befahl sofort, ohne zu zögern:„Funkspruch ans NATO-Oberkommando: Piraten vor Fuerteventura! Schätzungsweise 50 Mann, versuchen in Schlauchbooten die Ostküste Fuerteventuras in Höhe der Costa Calma zu erreichen. Erbitten weitere Befehle zum Vorgehen und um Unterstützung, gezeichnet Kapitän Sir Archibald Long, Zerstörer H.M.S. Dartmouth – und raus mit dem Funkspruch!“

Der Funkspruch wurde auch vom Funker der „Bremen“ empfangen, die sich gerade etwa 100 sm entfernt am südöstlichen Rand ihres Patrouillengebietes befand. Walter Träger, der Funkoffizier, schrieb den Funkspruch auf ein Formular und eilte zu seinem Kapitän. „Scheiße!“, war die meistverwendete Reaktion auf den eingegangenen Funkspruch auf der “Bremen“ und bei allen weiteren Empfängern auf den Schiffen der Atalanta-Mission, die sich nicht in Reichweite befanden.

„Was ist denn jetzt los?“, dachte sich Jack Robson, gebürtiger Engländer und Kellner im Restaurant des Golden Sun-Hotels an der Costa Calma, als er die sich dem Strand nähernden Schlauchboote und die darin sitzenden Gestalten erkannte. Robson, hier im Hotel der einfacheren Aussprache halber, allgemein „Roberto“ gerufen, war gebürtiger Brite und nicht immer in seinem Leben im Hotelfach tätig gewesen. Als Kind einer Seefahrernation hatte er nach der Schule seinen Weg in die Marine gefunden und war dort bis zum Rang eines Bootsmanns gekommen. Befehlsverweigerung in Tateinheit mit einem Trunkenheitsdelikt hatte zu einer unehrenhaften Entlassung und seinem persönlichen Absturz geführt. Nur die Fürsprache seiner Verwandten, die seit Jahren auf Fuerteventura in diesem Hotel Urlaub machten, hatte ihm diesen Job eingebracht. Robson war ein schlanker, durchtrainierter, 1,80 m großer Mann von 29 Jahren, mit dunkelblonden, kurz geschnittenen Haaren. Nicht nur dadurch stach er aus der Menge der übrigen im Allgemeinen schwarzhaarigen Kellner hervor. Aber jetzt erwachten alle seine militärischen Instinkte auf einen Schlag. Wie ein Schläfer, der nach der Nennung des Codewortes seinen einmal eingeschärften Befehl ausführt, so tappte nun Robson, taub für alle Anrufe seiner Vorgesetzten im Restaurant, so schnell er konnte aus dem Bedienungsbereich. Er riss seinen Spind im Umkleideraum auf und hängte sich ganz in Gedanken wie in alter Zeit seine alte Erkennungsmarke um. Und noch ein Souvenir aus seiner aktiven Zeit begleitete ihn aus dem Umkleideraum – seine alte Dienstpistole.

„Die Situation ist völlig unerwartet eingetreten, wir konnten daher keinerlei Vorkehrungen treffen!“, berichtete in diesem Moment Captain Peter T. Howard im NATO-Hauptquartier in Brüssel seinem Vorgesetzten Admiral Rensselaer von der Marine der Vereinigten Staaten. Dieser absolvierte gerade den zweiten Monat seines Aufenthaltes im NATO-Hauptquartier im Rahmen des internationalen Austauschprogrammes für Stabsoffiziere der Marine. Admiral John B. Rensselaer, 44 Jahre alt, braun gebrannt, hochgewachsen, mit einem leichten Bauchansatz und ersten grauen Haaren zwischen seinen blonden, verbrachte normalerweise seine Zeit im Marine Hauptquartier in Washington D.C. damit, die Eignung von Flottenoffizieren für den Aufstieg in den Flaggrang zu prüfen. Nach Brüssel, ja nach Europa, hatte er sich zum Zwecke eines Offiziersaustausches versetzen lassen, weil er noch nie hier gewesen war und seine Vorfahren ursprünglich aus Europa stammten. Die Abteilung Atalanta im NATO-Hauptquartier, die die Einsätze der internationalen Einheit koordinierte, welche die Kaperung von Handelsschiffen durch afrikanische Piraten vermeiden helfen sollte, war ihm von Kollegen als „ruhige Kugel“ beschrieben worden, als Einsatz innerhalb klarer, von demokratischen Regierungen verfasster Regelungen. Nicht im Traum, nicht einmal in einem Alptraum hätte er so eine Entwicklung erwartet. „Hm, mal überlegen, was tut man in so einem Fall?“, sagte Rensselaer zu sich. „Erst mal eine Besprechung der Vertreter aller beteiligten Nationen mit Kriegsschiffen in dieser Einheit einberufen, das verschaffte Zeit. Heute war Freitag, vor Montag konnte wohl keiner da sein.“ „Lt. Waters bitte berufen Sie eine Konferenz aller Beteiligten für Montag, 10: 00 Uhr ein und bitten Sie auch den spanischen Botschafter dazu!“, fügte Rensselaer, einer plötzlichen Eingebung folgend dem Befehl an seinen Flaggleutnant hinzu, auf die er noch den ganzen restlichen Tag stolz war. „Was soll ich nun dem Kommandanten der “Dartmouth“ mitteilen?“, insistierte der Flaggleutnant. „Das ist doch dieser Lord Long, oder nicht?“, fragte Rensselaer mit einem Unterton in der Stimme, der seinem Flaggleutnant, der ihm von der Marine ihrer britischen Majestät beigeordnet worden war, sehr missfiel. „Sir Archibald Long, um es genau zu sagen, Sir.“, korrigierte der Flaggleutnant, ebenfalls mit einem Unterton, aber einem belehrenden. Er konnte es nun mal nicht leiden, wenn amerikanische Offiziere (aus den ehemaligen Kolonien) die geheiligte Ordnung Britanniens auf die Schippe nahmen. „Na dann eben „Sir“ und Rensselaer betonte das „Sir“, als ob es etwas obszönes wäre. „Ich kann mich an Sir Long erinnern, habe ihn auf der letzten Konferenz kennengelernt, hochnäsiger Kerl. Tut so, als ob er schon alle Seeschlachten der Geschichte mitgemacht hätte. Lassen Sie ihn noch ein paar Stunden zappeln und benachrichtigen Sie inzwischen die anderen Schiffe des Kontingents. Sie sollen ihre bisherigen Patrouillengebiete verlassen und Fuerteventura ansteuern. Das teilen Sie dann später auch seiner „Longschaft“ mit.“ Den tadelnd pikierten Blick seines Flaggleutnants übersah er dabei bewusst. „Longschaft“, sagte sich Rensselaer vor sich hin kichernd, „das ist doch ein Spitzen-Joke.“, nach dem Leutnant Waters hinaus geeilt war.

3. Badestrand an der Costa Calma, Fuerteventura

„Kiek mal die Männeken in den Schlauchbooten da draußen, was die wohl vorhaben?“, sagte in diesem Moment einige Tausend Kilometer entfernt, am Strand der Costa Calma auf Fuerteventura Herr Egon Schwarze, von Beruf Straßenbahnschaffner in Berlin, zu seinem Nachbarn Heinz Tabbert, mit dem und dessen Frau er schon seit Jahren hierher in Urlaub fuhr. „Ha´ se schon die ganze Zeit beobachtet, die kommen aus der ollen Dampfschachtel da draußen, sehen nicht jeheuer aus.“, entgegnete Tabbert und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf um seinen vorgewölbten Bauch besser in der Sonne platzieren zu können. Egon Schwarze, als Schaffner im Dienst eine Respektsperson und als jahrelanger Besucher Fuerteventuras fast allen Einheimischen an diesem Küstenabschnitt bekannt und entsprechend behandelt, fühlte sich schon fast als Strandaufseher. Aus Unterhaltungen mit seinem Kumpel Fernandez von der örtlichen Policia wusste er, dass das Ankern in der Bucht vor den Hotels verboten war, ebenfalls mit Schlauchbooten an den Strand zu kommen. Schwarze setzte sich in Bewegung „Na, denen würde er gleich mal was erzählen.“

Als erstes Schlauchboot erreichte Nr. 3 den Strand. Nr. 1 mit dem Führer der Landeabteilung hatte Probleme mit seinem Außenborder gehabt und war daher zurückgefallen. So kam es, dass ausgerechnet die unerfahrenste Gruppe ohne jegliche Fremdsprachenkenntnisse als erste am Strand anlangte. N´goro und seine Kumpels hatten die Überfahrt im Schlauchboot Nr. 3 mehr schlecht als recht überstanden. Gerade an die Bewegungen des Frachters gewöhnt, hatte das Geschaukel des Schlauchbootes die überstanden geglaubte Seekrankheit wieder zurück kommen lassen. Kotzübel mit Schweißtropfen auf der Stirn und fast bleich unter ihrer dunklen Haut fielen sie mehr aus dem Boot, als dass sie sprangen, nachdem sie die Brandung durchfahren hatten. Nervös hatten sie auf der kurzen Überfahrt mit ihren Waffen gespielt und sie, ohne dazu den Befehl erhalten zu haben, fertig geladen und entsichert. So war das alles nicht geplant gewesen und jetzt trafen sie auch noch auf Weiße, die sie am Strand schon erwarteten.

„Na kiek mal eener an!“, rief Schwarze, der sich genau an den Punkt gestellt hatte, an dem das erste Boot an den Strand kommen musste. „Dat sin ja alles Negerküsse oder wie man heute sagt, Schladower Küsschen!“, meckerte Schwarze vor Lachen und streckte dabei seinen Finger nach der ankommenden Gruppe aus. „Wat globt ihr, wo ihr seid?“, redete er jetzt Z´butu an, der sich von seinen scheuen Kameraden in die erste Reihe hatte drängen lassen. Z´butu war schon 14 ½ wie er gerne betonte, aber da er etwas klein gewachsen war, nahm man ihm das meist nicht ab. Er war genauso mager wie N´goro. Im Gegensatz zu diesem trug er nicht einmal Sandalen, weil er sie in der Hektik des Vonbordgehens nicht hatte finden können. Seine roten Shorts, die er schon nahezu sein ganzes Leben zu tragen glaubte, wurden durch ein zerfetztes weißes Unterhemd ergänzt, das er an Bord gefunden und notdürftig gewaschen hatte, als ihm seine „lieben“ Kameraden wieder einmal seine Sachen versteckt hatten. Er war auch nicht mutiger, aber seinen Kameraden auch intellektuell nicht gewachsen. Aber da er nun bewaffnet war, fühlte er sich trotz seiner Angst etwas stärker. Das abschätzige Lachen dieses braungebrannten Fettwanstes entging ihm nicht, so hatte ihn auch immer sein Onkel ausgelacht, wenn er mal wieder etwas nicht gleich begriffen hatte. Aber sein Onkel war ein wichtiger Mann im Dorf gewesen und als Medizinmann unangreifbar. Der hier dagegen, würde gleich nicht mehr lachen. Er hob die Maschinenpistole, die er umgehängt trug und drückte den Abzug. Ein Feuerstoß der, fälschlicherweise auf Dauerfeuer gestellten, Waffe verließ ihr Rohr.

Das tackende Geräusch der automatischen Waffe war weit zu hören. „Sir, Sir, Feuer aus automatischen Waffen an Land!“, rief der Wachoffizier der „Dartmouth“ Captain Long zu, mit dem er im Gang vor dessen Kajüte beinahe zusammengestoßen war. „Danke, ich habe es selbst gehört, haben Sie sonst etwas beobachten können? Haben wir schon Antwort vom Hauptquartier erhalten?“, fragte Sir Archibald den Wachoffizier auf der Brücke, die er unterdessen erreicht hatte. „Leider Fehlanzeige!“, meldete der Wachoffizier Mr. Steven Bush, der soeben die Wache von Lt. Masterson übernommen hatte und bisher nur oberflächlich über die taktische Lage informiert worden war. „Wie lange ist es jetzt her, dass wir den Funkspruch abgesetzt haben, vier Stunden?&

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Piraten vor Fuerteventura" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen