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Pips Physiologie

Cosima Thomas

Pips Physiologie

Pips Anatomie, Teil 2


Für Anna, Rebecca und Chrissy (die bessere Audrey!), die so begeistert von Band 1 waren. Für Anja (weltbester Muckel), die meine ersten Gehversuche in Sachen Roman gelesen und mich immer bestärkt hat. Für einfach alle Mädels aus der Lyse - und diesmal explizit auch für die Jungs, insbesondere für Christian, die beste Werbetrommel der Welt. Auch dieser Band ist für Beate und Kate, für meine Familie und alle, die sich dazu zählen. Außerdem für alle, die Regenbögen, Zuckerwatte und fluffiges Zeug lieben - weil das richtige Leben schon hart genug ist.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1

Der Badesee glitzerte im Licht der Morgensonne, die ersten Windsurfer waren bereits unterwegs, ein paar Frühaufsteherfamilien sicherten sich die besten Plätze unter den Bäumen, im Dreieck zwischen dem flachen Nichtschwimmerbereich, dem Spielplatz und dem modernisierten Beach-Club, der in Pips Kindertagen ein einfacher Flachbau gewesen war, an dessen Fenstern man Pommes, Bratwurst und Eis kaufen konnte. Pip hielt Flint an der kurzen Leine, lief zur Wasserkante, ging in die Knie und steckte die Finger der linken Hand ins Wasser. Das Wasser war angenehm temperiert und fühlte sich weich und verlockend an. Pip seufzte und sah über den See. Er würde gerne wieder schwimmen gehen, doch die Hemmungen waren zu groß. Noch zu groß. Pip hatte zwar den Eindruck, dass die Therapie half, sich mit seinem entstellten Körper anzufreunden – da war es wieder, das böse Wort: ‚entstellt‘ –, doch davon, sich in der Öffentlichkeit ohne Bein und dafür mit den Narben zu zeigen, war er noch weit entfernt. Der Unfall war nun etwas über zweieinhalb Jahre her und Pip begann, mit Hilfe von Ronja und der Therapie, sich in seinem stark veränderten Körper zuhause zu fühlen. Der Selbsthass war nicht mehr so brennend wie am Anfang, der Selbstekel ließ nach, langsam, aber sicher. Von einem gesunden Verhältnis zu seinem Aussehen und seiner Vergangenheit konnte zwar noch nicht die Rede sein, doch Pip arbeitete daran.

„Wenn ich dir jetzt in den Hintern trete, liegst du im Wasser, Großer“, grinste Ronja und hielt ihn an seinem T-Shirt fest.

„Trau dich“, antwortete er und blinzelte zu ihr nach oben.

Sie lachte und gab ihm einen kleinen Schubs. Pip stützte sich mit der Hand ab, richtete sich auf und spritzte Ronja nass.

„Oh, Mann, Pip! Das hier ist eine Hunderunde, kein Wet-T-Shirt-Contest!“, rief Ronja und sprang einen Schritt zurück, als Pip Anstalten machte, noch einmal eine Handvoll Wasser auf sie zu schleudern.

„Selbst schuld. Seit wann bist du denn wasserscheu?“

„Bin ich gar nicht. Guck mal, da drüben!“

Ronja zeigte in Richtung Nichtschwimmerbereich und Pip ließ den Blick relativ ziellos über die Familien mit Kindern wandern.

„Ein Drogendealer?“

„Nein. Ein Rollstuhlfahrer.“

„Und? Kennst du ihn? Kenne ich ihn?“

„Keine Ahnung, ob du ihn kennst, ich kenne ihn nicht. Aber der Rollstuhl hat mich an etwas erinnert, was ich dir sagen wollte.“

„Ah. Und was?“

„Opa Erwin hat gestern Abend angerufen, als du unter dem Absingen schmutziger Lieder durch die Kneipen gezogen bist“, grinste Ronja und knuffte ihn in die Seite.

„Ich kenne keine schmutzigen Lieder, Goldschatz. Was wollte er? Geht es ihm gut?“

„Er ist fit wie ein Turnschuh, sagt er, und will mit dir am Samstag zum Handball gehen.“

„Zum Handball? Die Saison ist doch vorbei.“

„Ja, aber es gibt ein Freundschaftsturnier zugunsten der Kinderkrebsstation. Opa Erwin findet das unterstützenswert und möchte mit dir als fachlich kompetentem Begleiter hingehen.“

„Aha?“

„Ja. Er sagt, es gibt Kaffee, Kuchen und Bratwurst. Der Eintritt kostet drei Euro, der Erlös geht zu 100 Prozent an die Kinderkrebsstation. Er wünscht, von dir abgeholt zu werden, verlangt zwei Tassen Kaffee, Kuchen und Bratwurst, bis er satt ist. Er meinte, du schuldest ihm noch ein Geburtstagsgeschenk.“

„Opa hat sich noch nie für Handball interessiert. Er ist Fußballfan, schon immer.“

„Er interessiert sich für dich, Pip. Er will Zeit mit dir verbringen. Du sollst ihn heute im Laufe des Tages anrufen und gefälligst zusagen.“

„Okay, ich rufe ihn an.“

„Und?“

Pip seufzte tief und zuckte mit den Schultern: „Und ich gehe mit ihm am Samstag hin.“

„Sehr schön. Er wird sich freuen. Komm weiter, Pip, ich will noch vor den Langschläfern im Supermarkt sein, sonst hat sich das frühe Aufstehen ja gar nicht gelohnt.“

„Ganz ruhig, Ronja, es ist Samstag, wir haben Zeit, oder?“

Pip zog Flint vom Wasser weg, legte seinen Arm um Ronjas Schultern und lief mit ihr in Richtung Parkplatz.

„Ich muss aber einkaufen, backen und kochen und …“

„Ich lade dich zum Essen ein. Morgen Abend.“

Ronja blieb stehen und lachte: „Ich habe zehn Euro gegen mich selbst gewettet, dass du es vergessen würdest. Verdammt, Pip! Wie kannst du mich nur so enttäuschen?“

„Tut mir leid. Wirklich. Soll ich es nächstes Jahr vergessen? Dann schreibe ich es mir sofort in den Kalender. Andreas Hochzeitstag: Unbedingt vergessen!“

„Haha. Andrea hat dir eine Mail geschrieben, stimmt’s?“, fragte Ronja und setzte sich wieder in Bewegung.

„Hat sie. Und vorsichtshalber noch die beiden Fotos von uns angehängt, als ob ich einen Beweis dafür bräuchte oder schon völlig senil wäre“, seufzte Pip und schüttelte den Kopf.

Er würde eher seinen eigenen Geburtstag vergessen als den Tag, an dem er Ronja zum ersten Mal gesehen hatte, ein Jahr zuvor, auf der Hochzeit seiner Cousine Andrea.

„Das hat sie bestimmt gemacht, weil du Polizist bist, Großer. Ihr seid doch immer ganz scharf auf handfeste Beweise. Einfach behaupten, wir hätten uns da kennengelernt, kann ja jeder. Aber ein Foto ist ein Beweis. Verstehst du?“

„Natürlich. Aber ihr Motiv …“

„Uh“, unterbrach ihn Ronja, „noch so ein Polizisten-Ding!“

„Ihr Motiv“, fuhr Pip fort, nachdem er Ronja in den Nacken gegriffen und sie sanft geschüttelt hatte, was sie mit einem Lachen quittierte, „ist wenig edel: Sie wollte mir nur unter die Nase reiben, dass sie einen nicht unwesentlichen Teil zu meinem Glück beigetragen hat.“

„Das darf sie doch. Immerhin bist du jetzt ein bisschen glücklicher als noch vor einem Jahr“, stellte Ronja fest und bog auf den schmalen Pfad zum Parkplatz ein, „Nein, nein, Pip, hier lang. Wir müssen doch noch einkaufen …“

„Wir brauchen doch aber gar nichts, Goldschatz. Wir können noch eine Runde laufen.“

„Was soll das denn heißen?“

„Heute Abend sind wir bei Jochen eingeladen – falls du dich erinnerst –, morgen gehen wir essen. Es stehen noch mindestens fünf Kilo Müsli im Schrank, das reicht für zweimal Frühstück.“

„Wir sind bei Jochen eingeladen? Heute?“, fragte Ronja und runzelte die Stirn, ließ sich von Pip aber zurück auf den Hauptweg ziehen.

„Ja. Ich habe dir eine Mail geschrieben, hast du sie nicht gelesen?“

„Du schläfst mit mir in einem Bett, wieso zum Teufel schreibst du mir Mails, Pip?“

„Weil ich auf der Arbeit war und wusste, ich würde es vergessen haben, bis ich zuhause bin.“

„War das die Mail mit dem ‚Dinner für Spinner‘-Betreff?“

„Ja. Wieso liest du deine Mails nicht?“

„Oh, Mann, Pip! Die hab ich nicht gelesen, die ist als Spam sofort im Papierkorb gelandet.“

„Na bravo. Klingt philipp-steiner@p-i-…“

„Ja, ja, schon gut. Ich habe nicht auf den Absender gesehen, ich gucke immer nur auf den Betreff.“

„Klingt ‚Dinner für Spinner‘ nach Potenzmittelchen-Werbung, Goldschatz?“

„Nein. Ich hab’s trotzdem für Spam gehalten. Ich bin schuld. Wie immer. Wo gehen wir am Sonntag zum Essen hin, Großer?“

„Wohin wohl? Dorthin, wo wir uns kennengelernt haben.“

„Sehr schön. Weißt du, warum ich aber trotzdem unbedingt einkaufen muss?“

„Nein, warum?“

„Weil ich Limetten brauche. Für die …“

„Sag nichts. Für die Limetten-Kokos-Torte.“

Pip lachte und drückte sie an sich. Er hatte das Bild glasklar vor Augen, wie Ronja ihn damit fütterte und musste schlucken, als er sich erinnerte, wie furchtbar schlecht es ihm damals gegangen, wie einsam er gewesen war.

„Genau. Ich wollte heute Abend backen, nachdem du auf dem Sofa eingeschlafen bist, Long John Silver. Aber Jochen macht mir jetzt einen sauberen Strich durch die Rechnung …“

„Tut mir leid. Aber ich schlafe nie abends auf dem Sofa ein, wie kommst du denn auf diese Idee?“

„Oh, ich habe ein paar interessante Mails bekommen, da konnte man super-billig rezeptpflichtige Narkotika im Ausland bestellen, die garantieren sogar, dass der Ehemann nicht einmal aufwacht, wenn eine Nashornherde das Auto zertrampelt. Einfach die Pillen zerstoßen, unter den Abendbrei mischen – gerne auch den Kindern – und abfeiern was das Zeug hält. Die Reste, die man nicht braucht, kann man auf Flohmärkten verhökern.“

Ronja grinste, Pip nahm den Arm von ihrer Schulter und haute ihr auf den Hintern.

„Was hatten die für einen Betreff, diese Mails?“

„Warum?“

„Ach, nur so …“

„Wolle Mann slafe weil Party macke“, grinste Ronja, rieb sich über den Po und knuffte Pip in die Seite.

„Ich hasse dich“, murmelte Pip und küsste sie auf den Scheitel.

„Ich weiß. Willst du Hafer- oder Grießbrei heute Abend?“

Ronja entzog sich seinem neuerlichen Griff in ihren Nacken, riss sich von ihm los, rannte ungefähr zehn Meter, blieb stehen und streckte ihm die Zunge heraus.

„Bleiben Sie stehen, Sie sind verhaftet.“ Pip lief ohne Hast auf sie zu und streckte die Hand nach ihrer aus.

Ronja stöhnte und warf theatralisch die Arme in die Luft.

„Ein Candlelight-Dinner?“, flüsterte Ronja und nahm auf dem Stuhl Platz, den Pip ihr anbot.

Der ganze Innenhof des Restaurants war auch diesmal mit Lampions und Kerzen beleuchtet, es sah fast genauso aus wie ein Jahr zuvor.

„Ja. War aber nicht meine Idee, das machen die hier immer so.“

Pip setzte sich und beugte sich vor, griff nach Ronjas Hand.

„Danke für die Torte, übrigens. Sie schmeckt noch besser als das Original.“

„Es ist das Original, ich habe mir das Rezept von deiner Mutter geben lassen, Long John Silver. Außerdem hast du dich schon dreimal bedankt.“

„Kann man sich zu oft bedanken?“

„Ich weiß nicht. Habe ich dir schon gedankt?“

„Du? Mir? Ich wüsste nicht, wofür“, sagte Pip, zog die Augenbrauen nach oben und griff zur Speisekarte.

„Für ein sehr schönes Jahr mit dir, zum Beispiel.“

Pip atmete tief durch. Eigentlich wusste er immer noch nicht, warum sie bei ihm war, was sie an ihm fand. Und doch war sie immer noch hier, trug das hellgrüne Kleid, das sie im Jahr zuvor auch getragen hatte, sah genauso umwerfend aus und blätterte völlig entspannt durch die Speisekarte. Sie war angekommen, bei ihm. Zumindest wirkte sie so, fühlte sich so an. Genau wie umgekehrt auch. Pip ging wieder gerne nach Hause, verbrachte weniger Zeit im Fitnessstudio und konnte, so es denn einmal still war, diese Stille auch genießen. Weil die Stille in ihrem Haus eine ganz andere war, als die in seiner Wohnung. Sie hatte nichts mehr Deprimierendes an sich. Seit Ronja Teil seines Lebens war, fühlte er sich wieder als Mensch.

„Nun, mhm, bitte. Gerne. Allerdings bin ich derjenige, der …“, fing Pip an, wurde aber von Ronja unterbrochen.

„Nein, musst du nicht. Ich will heute keinerlei Dankesreden mehr hören.“

„Sondern was?“

„Komplimente, Liebesbezeugungen, Zukunftspläne.“

„Du siehst hinreißend aus. Ich liebe Dich.“

„Check.“ Ronja malte einen Haken in die Luft, „Geht’s noch romantischer, Herr Steiner?“

„Hey, ich erfülle nur deine Wünsche.“

„Da fehlt aber noch was. Zukunftspläne, Großer“, grinste sie und trommelte mit den Fingern auf der Karte herum.

„Nächsten Samstag gehen wir zum Handball.“

„Gott, das haut mich jetzt um. Wahnsinn. Wo sehen Sie sich in einem Jahr, Herr Steiner?“

„Tja. Beruflich oder privat?“

„Beides.“

„In einem Jahr sitzt Kommissar Philipp Steiner oben ohne auf der Wiese im Park und macht ein Picknick.“

„Oh. Ich bin beeindruckt. Kurze Hose?“

„Nein. Ich muss mir ein paar Ziele aufheben, für die fernere Zukunft.“

Ronja lächelte und klappte die Speisekarte zu.

„Und du?“, fragte Pip und griff nach ihrer Hand.

„Ich möchte, dass du glücklich bist. Das ist das Nah- und Fernziel.“

„Du drückst dich vor einer Antwort, Goldschatz.“

„Gut erkannt, Pip. Wenn du eine konkrete Antwort haben willst, brauchst du einen Verhörraum, fürchte ich.“

„Nichts leichter als das. Das hier ist einer.“

„Ich habe noch nie einen Verhörraum mit Kerzenlicht gesehen.“

„Jetzt siehst du einen. Romantische Candlelight-Vernehmungen sind meine Spezialität.“

„Na schön. In einem Jahr sitze ich mit dir auf der Picknickwiese, esse Kuchen und starre dabei auf das freiliegende Sixpack. Das an deinem Bauch. Bier passt ja nicht zu Kuchen.“

„Das ist gemogelt.“

„Das ist die Wahrheit. Ich wette, du isst wieder nur Salat?“

„Wette verloren. Und Deine Themenwechselversuche sind erbärmlich, Ronja.“

Ronja seufzte: „Meine Zukunftspläne sind … nicht spruchreif. Nicht jetzt. Bitte, Pip.“

„Ich wüsste zu gerne sofort, was in deinem hübschen Kopf vorgeht, aber ich gehe davon aus, dass ich diese Pläne als Erster erfahre, oder?“

„Natürlich.“

Pip lehnte sich zurück, legte den Kopf schief und betrachtete sie nachdenklich.

„Was?“, fragte sie und rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her.

„Du bist wunderschön, Goldschatz.“

Sie lachte leise und deutete mit dem Finger auf ihn: „Und du bist der netteste bad cop in der Geschichte der Menschheit.“

„Ist das ein Kompliment oder ein Beleidigung?“, fragte Pip nach und rollte mit der Schulter – was ihm nur auffiel, weil das Gelenk leise knackste.

„Kompliment. Fehlt noch die Liebeserklärung, dann bin ich auch durch.“

„Ich höre …“

Am Samstag darauf holte Pip seinen Großvater zuhause ab und fuhr dann mit ihm und Ronja zu der Halle, in der das Turnier stattfand. Erwin war glänzender Stimmung und flirtete ein bisschen mit Ronja, machte ihr Komplimente und erzählte die eine oder andere Geschichte aus Pips Kindheit.

„Apropos Kindheit“, sagte er, als Pip auf den Parkplatz des Sportzentrums fuhr, „Wie lange muss ich noch warten, bis du diesem bezaubernden Geschöpf ein Baby machst? Meine Uhr tickt, Pip, und du wirst auch nicht jünger.“

Pip sah im Rückspiegel, dass Ronja rot wurde und sich auf die Lippe biss. Sie blickte angestrengt aus dem Fenster und sagte: „Da drüben steht der Oberbürgermeister.“

„Für den interessiert sich doch kein Mensch, Liebelein. Möchtest du keine Kinder?“, fragte Erwin, drehte sich auf dem Beifahrersitz um und zwinkerte Ronja aufmunternd zu.

„Doch, schon, aber …“

„Aha. Mehr muss ich gar nicht wissen. Woran scheitert es denn?“

„Opa, wir kennen uns gerade mal ein Jahr und …“, sagte Pip, fuhr in eine Parklücke und machte das Auto aus.

„Na, und? Ihr liebt euch doch. Du willst Kinder, Ronja will Kinder. Wieso müsst ihr alles immer so kompliziert machen?“

„Weil wir sicher sein wollen, dass wir …“

„Sicher? Im Leben ist nichts sicher. Sieh uns beide an, Pip. Wir waren uns beide sicher, dass unsere linken Füße gleichzeitig mit dem ganzen, faltigen Rest beerdigt werden. Und was ist? Pustekuchen. Mein linker Fuß verrottet seit über sechzig Jahren in einem Massengrab irgendwo in Russland, dein linker Fuß ist ein Häufchen Asche auf der Sondermülldeponie. Es gibt keine Sicherheit, für nichts. Man muss sich einfach mal trauen und sich zugestehen, dass man sich Wünsche erfüllt. Was sagst du dazu, Ronja?“

„Ich weiß nicht … Wir haben noch nie darüber gesprochen und …“

„Jetzt haben wir. Ich schlage vor, du hörst sofort damit auf, die Pille zu nehmen und verkündest dann auf Mareikes Geburtstag hoffentlich eine Schwangerschaft.“

„Opa, das reicht jetzt. Ob und wann ich mit Ronja ein Kind bekomme, bespreche ich mit Ronja alleine. Unter vier Augen. Ich brauche dafür keine Hilfe, vielen Dank auch.“

Pip klang genauso angepisst wie er sich fühlte. Erwin hob die Hände und tat unschuldig.

„Ich wollte nur helfen.“

„Schon klar, Opa.“

Pip stieg aus und holte den Rollstuhl aus dem Kofferraum, faltete ihn auseinander und half Erwin dann hinein. Es stand wahrlich nicht zum Besten mit seiner Laune, nicht nur Opas Babythema ging ihm tierisch an die Substanz, auch die Aussicht darauf, einen ganzen Tag lang gesunde Männer Handball spielen zu sehen, zerrte an seinen Nerven. Ronja lief schweigend neben ihm her und warf ab und zu einen verunsicherten Blick in seine Richtung. Pip wusste, dass ihre feinen Antennen sehr wohl wahrnahmen, dass er kurz vor der Explosion stand. Er verfluchte sich dafür, Opa Erwin zugesagt zu haben. Er hätte sich ja denken können, worauf das hinauslief. Am Eingang angekommen, zahlte Pip dreimal Eintritt und schob Erwin dann auf die Tribüne, während Ronja zum Kaffeestand flüchtete und für seinen Großvater Kaffee und Kuchen organisierte. Es würde ihn nicht wundern, wenn sie eine ganze Stunde wegbleiben würde, nur um seine Scheiß-Laune nicht ertragen zu müssen. Doch er kam nicht dagegen an.

„Ach, nun sieh mal einer an …“, sagte Opa Erwin, kaum, dass sich Pip neben ihn gesetzt hatte, und deutete auf das Spielfeld, „Der mit der Nummer 7 in blau, was ist das für einer?“

Pip warf einen Blick auf das Spielfeld, suchte die Nummer 7 in blau, sah ein paar Sekunden zu und antwortete: „Das ist der Kreisläufer. Auf der Position habe ich gespielt. Der Kreisläufer befindet sich meist in der gegnerischen Abwehr und versucht Lücken zu schaffen, durch die man dann zum Beispiel aus dem Rückraum werfen kann.“

„Ich sehe es nicht so genau, aber ist mit dem nicht irgendwas … anders?“, fragte Opa und Pip sah, dass er grinste.

„Was soll denn mit dem anders …“, fing Pip an und betrachtete den Spieler genauer.

Von oben nach unten. Vom Kopf über den Oberkörper, über die blaue Hose, die bis zur Mitte des Oberschenkels reichte, zu dem sichtbaren Silikonliner, bis zur Prothese.

„Was ist das hier?“, fragte er und sah Erwin aus schmalen Augen an.

Ronja ließ sich auf seiner anderen Seite nieder und reichte Erwin über Pips Beine hinweg eine große Tasse Kaffee.

„Milch, zwei Stück Zucker, bitte schön. Pip, das ist deiner“, sagte sie und drückte Pip eine warme Tasse in die Hand.

Pip ignorierte sie ebenso wie den Kaffee. Er stellte die Tasse vor sich auf den Boden, denn er würde beide Hände brauchen, um sie zu erwürgen. Ronja und Erwin. Falls er noch vor zwei Minuten gedacht hatte, er hätte schlechte Laune, wurde er jetzt gerade eines besseren belehrt. Pip unterdrückte den Impuls aufzustehen und zu gehen, sie beide einfach hier sitzen zu lassen. Sollten sie sehen, wie sie nach Hause kamen.

„Na, ein Benefizturnier zugunsten der Kinderkrebsstation“, antwortete Erwin und trank einen Schluck Kaffee. „Oh, der ist köstlich, Ronja, vielen Dank.“

„Ich hab ihn nur gekauft, nicht gekocht, Erwin. Aber ich kann’s gerne ausrichten, wenn ich dir nachher noch eine Tasse hole.“

Pip drehte sich um und betrachtete Ronja, die ihn fragend ansah, keinen Blick für das Spielfeld hatte.

„Hast du das gewusst?“, fragte er leise und legte den Kopf schief.

Er würde sehen, wenn sie log.

„Was? Dass das ein Benefizturnier ist? Ja, das habe ich dir doch erzählt, weißt du nicht mehr? Ist alles in Ordnung, Pip?“

„Nein. Sieh dir den Kreisläufer an. Den blauen.“

Ronja richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Spielfeld und fragte: „Welche Nummer hat der Kreisläufer?“

„Die 7. Der Typ mit der Prothese.“

„Oh …“, machte sie, als sie ihn entdeckte, und fuhr dann fort: „Die 11 von der weißen Mannschaft hat auch eine Prothese. Sind das gemischte Mannschaften?“

„Ja, sind es. Es gibt aber auch zwei reine Behindertenmannschaften, die spielen um zwei …“, sagte Opa Erwin und zwinkerte Ronja zu.

„Hast du das gewusst?“, fragte Pip noch einmal und konnte den Ärger in seiner Stimme mit jeder Sekunde weniger unterdrücken.

„Nein“, antwortete Ronja, die Hände zu einer unschuldigen Geste erhoben, „Ich wusste das nicht.“

„Oh, komm schon, Pip. Sieh dir an, wie der spielt, der Kerl mit der 7. Ich habe keine Ahnung von Handball, aber ich finde, es sieht gut aus“, grinste Opa Erwin und fuhr, als er Pips Verärgerung merkte, fort: „Ronja hat es nicht gewusst. Meine Idee, mein Plan. Es ist für einen guten Zweck, weißt du? Für mehrere auf einmal.“

Ronjas Hand legte sich auf seinen Rücken, streichelte ihn, zwei, drei Minuten, in denen Pip auf die Kaffeetasse auf dem Boden starrte und an den Schmerz dachte, der an ihm nagte, an die zarte Hoffnung auf eine Familie, an all das, was er aufgegeben hatte, aufgeben musste. Er dachte an unzählige solcher Turniere, an denen er teilgenommen hatte, an die Stunden in miefigen Umkleidekabinen, auf unbequemen Tribünen, Nächte in billigen Hotels. Pip sah sich selbst in einer Umkleidekabine sitzen, völlig durchgeschwitzt, absolut fertig, den Kopf in den Nacken gelegt, die Beine an den Knöcheln überkreuzt, ein beeindruckendes Hämatom am linken Unterschenkel. Günni, ihr Trainer, der Bier aus einer Kühlbox holte und ihm eine Flasche in die Hand drückte. Pip hatte verächtlich geschnaubt, als er die Marke erkannte, es dann aber trotzdem getrunken, sich immer wieder den linken Unterschenkel massierend. Dort, wo heute nur Luft war. Oder eine Prothese. Dort, wo es nichts mehr zu massieren gab, wo nur noch Schmerzen waren, Schmerzen ohne sichtbare Ursache.

Pip wurde aus seiner Erinnerung gerissen, als sich Ronjas Hand in seine schob. Pip hob den Blick, sah dem Spiel zu und schluckte den Ärger mit dem Kaffee fürs Erste hinunter – es blieb ihm auch kaum etwas anderes übrig. Sein Großvater hatte ihn sauber über den Tisch gezogen. Im Augenwinkel sah er ihn zufrieden lächeln.

„Also“, sagte Erwin, „Ich bin hier um noch was zu lernen. Was treiben die da unten? Erklär mal, Pip.“

Pip riss sich zusammen und erklärte Erwin und Ronja das Spiel, konnte dabei aber kaum die Augen von dem Kreisläufer mit der Nummer 7 wenden. Er war gut. Er war richtig gut. Und die Prothese schien ihn nicht im Geringsten zu stören oder zu bremsen.

Ob ich das auch könnte?, dachte er und warf Opa Erwin einen Blick zu.

„Ich wette, du wärst besser als der Kerl da unten. Du bist mindestens zehn Zentimeter größer als er und kräftiger“, lächelte Erwin und klopfte Pip aufmunternd auf die Schulter.

Das müsste man ausprobieren, dachte er und erschrak über den Gedanken.

2

Wie kaum anders zu erwarten – und von Pip fast genauso gewünscht wie befürchtet – traf er im Laufe des Tages auf mehrere, ehemalige Mannschaftskollegen seines Handballvereins. Pip fand sich bereits nach einer Stunde mit einer Tasse Kaffee in der Hand am Spielfeldrand wieder und diskutierte mit Christian und Matthias über das laufende Spiel zweier Jugendmannschaften. Er blickte hoch zur Tribüne und sah Ronja und Erwin in ein angeregtes Gespräch vertieft. Für das Spielfeld, für Pip, hatten beide keinen Blick in diesem Moment. Pip war immer noch sauer auf Erwin, irgendwie. Aber sein Zorn verrauchte. Dass Ronja nichts damit zu tun hatte, glaubte er ihr. Sie hatte nicht gelogen. Erwin hatte den Bogen allerdings deutlich überspannt, erst das Babythema, dann die Behindertenmannschaft – Pip schluckte seinen Ärger zum wiederholten Mal hinunter und konzentrierte sich auf die Diskussion um eine gelbe Karte, die Christian und Matthias ebenso hitzig wie engagiert führten. Pip hielt sie für berechtigt und erklärte, warum. Der Spielverlauf ergab mehrere, strittige Situationen und Pip hatte kurz darauf alles vergessen, genoss die Zeit mit den beiden ehemaligen Teamkameraden, die kein Wort über den Unfall verloren, die sich einfach nur auf das Thema Handball konzentrierten. In der Halbzeitpause erzählten die beiden, was in der Zwischenzeit so alles im Verein passiert war, wie es den anderen Teammitgliedern ging und wer das Team mittlerweile warum verlassen hatte.

„Günni hat sich von seiner Frau scheiden lassen, aus heiterem Himmel, hat eine zehn Jahre jüngere Norwegerin angeschleppt und ist mit ihr nach … wohin? Philippinen?“

„Ja. Erst nach Manila, dann nach Singapur.“

„Günni wohnt jetzt in Singapur?“, fragte Pip und hätte sich fast an seinem Kaffee verschluckt.

„Ja. Seit knapp einem Jahr. Und er trainiert dort mehrere Jugend- und drei Herrenmannschaften. Der ist jetzt tatsächlich hauptberuflicher Handballtrainer. Geht da wohl ganz einfach.“

„Ich fasse es nicht …“, murmelte Pip, schüttelte den Kopf und musste lachen, „Ausgerechnet Günni, der schon gemotzt hat, wenn wir die Stadt für ein Auswärtsspiel oder ein Turnier verlassen mussten …“

„Unglaublich, oder? Seine neue Frau ist schwanger, hat er mir vor ein paar Wochen gemailt“, erzählte Matthias und seufzte. „Naja, jedenfalls ist der Günni-Ersatz eine ziemliche Pflaume. Günni fehlt mindestens genauso wie du, Pip …“

„Ich habe nicht freiwillig aufgehört“, antwortete Pip schulterzuckend und trank den Kaffee leer.

„Schon klar, Pip. Du fehlst jedenfalls, genau wie Günni. Ist nicht mehr dasselbe wie früher.“

Die zweite Halbzeit wurde angepfiffen und Pip konzentrierte sich auf das Spiel, genoss die Atmosphäre und die wieder aufgenommene Diskussion über den Spielverlauf. Er spürte, wie er sich entspannte und die Zuschauerrolle wandelte sich im Lauf des Nachmittags von einer Belastung in Vergnügen.

Als das Turnier am frühen Abend endete, hatte Pip den Tag wider Erwarten mehr genossen, als er sich vorher hatte vorstellen können. Er brachte Opa Erwin in seine Wohnung, bedankte sich und versprach, bald wiederzukommen. Dann fuhr er mit Ronja nach Hause und ging mit Flint spazieren, während Ronja das Abendessen vorbereitete. Pip dachte nach, wie so oft, wenn er mit dem Captain unterwegs war, intensiv und gründlich. Er ließ die Gespräche, die er geführt hatte, noch einmal Revue passieren, dachte an die behinderten Spieler, die teilweise wirklich gut, teilweise erbärmlich schlecht gespielt hatten.

Nein, dachte er, das ist nicht das, was ich will. Ich würde nie wieder an meine alte Form herankommen, so gut kann ich mit der Prothese nicht werden. Denn ich war verdammt noch mal verdammt gut. Mein Ehrgeiz würde mir immer im Weg stehen, mir den Spaß daran nehmen. Ich wäre jedes einzelne Mal stinkwütend darüber, dass ich nicht mehr so gut bin wie früher. Ich will keinen Behindertensport machen. Das Fitnessstudio reicht, in einer Behindertenmannschaft zu spielen, würde mich deprimieren, wahrscheinlich sogar quälen.

Obwohl Pip wusste, was für eine großartige Sache Selbsthilfegruppen und Interessenverbände jeglicher Art sein konnten, hatte er diesen Weg von Anfang an kategorisch abgelehnt. Er wollte auf gar keinen Fall mit anderen Menschen, die sein Schicksal mehr oder weniger teilten, in einem Raum sitzen und lahme Mutmachparolen, halbgare Erfolgsgeschichten oder tieftraurige Schicksalsschläge vorgebetet bekommen. Alleine der Gedanke daran ließ ihn schaudern. Das war nicht seine Welt, seine Art, damit umzugehen. Er musste seinen eigenen Weg finden, das war ihm klar. Doch bis jetzt hatte er – bis auf Ronja – nichts, was auch nur als Trampelpfad durchgehen würde. Ronja hatte ihn auf ihrem Weg mitgenommen, bis jetzt. Er ließ sich mitziehen, empfand das auch durchaus als erholsam, aber irgendwann würde es lästig werden. Pip brauchte einen eigenen Plan, einen eigenen Weg.

Pip beschloss, in der kommenden Woche ein paar Anrufe zu tätigen, ein paar Erkundigungen einzuziehen, ein paar alte Kontakte auszugraben. In seinem Kopf reifte eine Idee, die sich entweder als glorreich oder als großer Mist herausstellen würde, doch Pip war gewillt, sie glorreich werden zu lassen.

Seine gute Laune war noch nicht vollständig wiederhergestellt, aber er fühlte sich deutlich besser als am Vormittag, als er die Haustür aufschloss und Flint von der Leine ließ.

„Ronja?“, fragte er, als alles still blieb, als ihn niemand begrüßte.

Pip drehte eine Runde durch das Haus, aber sie war nicht da. Er sah nach, ob auf dem Küchentisch ein Zettel lag. Nichts. Dafür sah die Küche aus, als hätte Ronja sie fluchtartig während des Kochens verlassen. Pip wunderte sich, nahm es aber schulterzuckend zur Kenntnis. Er griff sich die Zeitung und begann, sie durchzublättern, las den Artikel, der das Benefizturnier ankündigte – und beschloss, in Zukunft vorher die Zeitung zu lesen. Denn in dem Artikel stand, dass es gemischte Mannschaften geben würde, sowohl Männer und Frauen gemischt, als auch Teams, die aus gehandicapten Spielern und nicht-gehandicapten Spielern bestanden.

Die Haustür klappte, Flint rannte aus dem Wohnzimmer zur Tür und bellte. Sekunden später betrat Ronja die Küche, in der Hand einen Stoffbeutel.

„Hey“, sagte sie, „Du bist ja wieder da.“

„Ja. Wo warst du?“

Ronja seufzte tief: „Einkaufen. Ich habe den Sahnebecher aufgemacht und das Zeug war total verschimmelt, das war wirklich ekelhaft. Und wir hatten keinen Käse mehr, keine Ahnung, wie das passieren konnte. Die Frau an der Kasse war extrem angepisst, aber fünf vor acht ist fünf vor acht und da hat der Laden noch offen.“

Ronja nahm zwei Becher Sahne und drei Packungen Käse aus dem Beutel, außerdem Bananen und einen kleinen Berg Äpfel. Sie wusch sich die Hände und Pip lehnte sich zurück, sah ihr wie so oft beim Kochen zu.

Nach ein paar Minuten Stille, die Ronja sichtlich unangenehm war, räusperte sie sich und sagte: „Pip, ich wollte meinen Geburtstag doch nachfeiern. Ich dachte an das letzte Juli-Wochenende. Was hältst du davon?“

Pip zuckte mit den Schultern: „Wie du willst. Ist ja dein Geburtstag und du hast die meiste Arbeit damit.“

„Meinst du, wir kriegen 70 Leute im Hof unter?“

„70? Du willst ernsthaft 70 Leute zu deinem Geburtstag einladen?“

„Naja, ich dachte, wir machen gleich noch eine Hauseinweihungsparty und …“

„Nein, Ronja, ohne mich. Diesen Wahnsinn tue mich mir nicht an. Und du tust ihn dir auch nicht an. Wenn du 30 Leute zu deinem Geburtstag einlädst, ist das weiß Gott mehr als genug. Eine Hauseinweihungsparty braucht kein Mensch. Es ist ja nicht einmal unser Haus, es ist nur gemietet.“

Ronja schwieg und füllte den Auflauf in die Form.

„Ich würde mich freuen …“

„Ja, weil du für 70 Personen backen willst.“

„Das auch. Aber hauptsächlich, weil das bestimmt lustig wird.“

„Wen willst du denn da alles einladen?“

„Na, alle unsere Freunde samt Anhang, unsere Familien, meine Arbeitskollegen, deine Arbeitskollegen, die Nachbarn …“

„Nein. Definitiv nein. Kommt nicht infrage. Das ist viel zu viel Arbeit, zu viele Leute.“

Pip graute es alleine bei dem Gedanken an so viele Leute – er hatte nichts gegen Partys, aber das waren für seinen Geschmack viel zu viele Gäste.

„Du musst doch nichts weiter tun, ich mache das alles alleine.“

„Das schaffst du doch gar nicht. Das ist wirklich extrem viel Arbeit, Ronja, und das weißt du auch.“

Ronja stellte den Auflauf in den Backofen und aktivierte den Küchenwecker. Dann lehnte sie sich mit verschränkten Armen an die Arbeitsplatte und betrachtete Pip aus zusammengekniffenen Augen.

„Nein“, sagte er, „Einfach nein. Vor allem um deinetwillen. Du brauchst mich gar nicht so anzusehen, das wird nichts ändern.“

„Ich mache es einfach. Ich brauche deine Erlaubnis nicht.“

Pip zog die Augenbrauen nach oben und schwieg.

„Ich mache es“, sagte sie noch einmal bekräftigend.

„Wenn das so ist, warum fragst du dann überhaupt?“

„Aus reiner Höflichkeit.“

„Aha. Na, dann. Viel Spaß dabei. Ich bin nicht da.“

Pip hob die Hände zu einer abwehrenden Geste und lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust.

„Pip, das ist doch albern.“

„Nicht so albern wie der Gedanke, du könntest hier 70 Leute reinquetschen, sie ohne Hilfe verpflegen und dabei auch noch Spaß haben. Ronja, ich war schon auf Hochzeiten eingeladen, auf denen weniger als 70 Leute waren. Hast du eine Ahnung, wie viel 70 Leute essen? Mach doch 30, das kriegen wir hin. Ohne Platzproblem und ohne allzu großen Stress.“

„Pip, ich koche lieber ein Drei-Gänge-Menu für 70 Personen alleine, als einen Gang für 30 mit deiner lustlosen und unwilligen Hilfe.“

Ronja kniff die Augen zusammen und funkelte ihn wütend an. Er runzelte die Stirn, so kannte er Ronja nicht, so aufgebracht und vorwurfsvoll, so geradewegs auf Konfrontationskurs.

„Könnte daran liegen, dass ich an solchen Veranstaltungen keinen Spaß habe.“ Pip zuckte mit den Schultern und fragte sich, warum Ronja so sehr auf diesem illusorischen Quatsch beharrte.

„Ist es eigentlich zu viel verlangt, wenn ich mir wünsche, dass du auch mal was für mich tust?“

„Wenn dieser Wunsch darin besteht, dass ich dich bei einem derartigen Irrsinn unterstütze, dann ja.“

Ronja warf ihm einen bösen Blick zu und verließ die Küche. Schweigen legte sich über das Haus, Pip griff zur Zeitung und las weiter. Als der Küchenwecker klingelte, holte Pip den Auflauf aus dem Ofen und deckte den Tisch, ging dann auf die Suche nach Ronja.

Er fand sie wie erwartet im Wohnzimmer. Sie hockte mit angezogenen Beinen auf dem Sofa, das Kinn auf die Knie gestützt und starrte ins Leere. Pip sah, dass sie geweint hatte, doch er ging nicht darauf ein. Er reagierte nicht mehr auf weinende Frauen, seit er damals erkannt hatte, dass Leo ihre Tränen als Waffe gegen ihn einsetzte. Trotzdem wunderte er sich ein wenig, denn erstens war Ronja nicht sonderlich nah am Wasser gebaut, zweitens war diese kleine Diskussion keine Träne wert.

Da haben wir uns schon viel schlimmer gezofft, ohne, dass Tränen geflossen sind, dachte Pip.

„Essen ist fertig, Goldschatz“, sagte er und bekam ein gemurmeltes „Leck mich“ zur Antwort.

Pip zuckte mit den Schultern und ging zurück in die Küche. Er aß, räumte dann die Küche auf und betrat das Wohnzimmer, wo Ronja immer noch ins Leere starrte.

„War lecker“, sagte er und setzte sich neben sie aufs Sofa, „Danke fürs Kochen.“

„Ich bin sauer. Lass mich in Ruhe.“

„Scheiß-Tag, heute, oder? Erst war ich stinksauer, jetzt du.“

„Ja. Und du willst auch in Ruhe gelassen werden, wenn du sauer bist. Gleiches Recht für alle, oder?“

„Gleiches Recht für alle, ja.“

Pip griff zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein, bevor er aufstand, die Hose herunterließ und sie auszog. Dann nahm er die Prothese ab und begann sein abendliches Ritual. Ronja schwieg hartnäckig, griff sich die Fernbedienung und schaltete um. Pip seufzte, als sie bei einem Liebesfilm stoppte, die Fernbedienung außerhalb seiner Reichweite ablegte und sich dann eine Decke heranzog.

Captain Flint trottete aus der Küche ins Wohnzimmer, betrachtete die Szenerie und ließ sich in seinem Körbchen nieder.

„Wollen wir morgen mit ihm …“, fing Pip an und Ronja hob die Hand.

„Wir?“

„Ja. Wir. Wer sonst?“

„Nein, danke.“

Damit gab Pip auf und verbrachte den Rest des Abends schweigend. Als Ronja am Ende des Films ein paar Tränen verdrückte, wunderte sich Pip abermals, legte den Arm um sie und zog sie an sich.

Erst drei Tage später, am Abend nach seiner Therapiesitzung, sprach er das Thema noch einmal an. Ronja verhielt sich seit dem Samstagabend ziemlich seltsam, ihre ausdauernd schlechte Laune war ungewöhnlich und Pip wunderte sich fast stündlich über das für ihre Verhältnisse exzentrische Benehmen.

„Meine Geburtstagsfeier?“, fragte Ronja spöttisch, ließ Pip den Satz nicht einmal beenden, „Die fällt aus.“

„Ronja, bitte. Können wir uns nicht auf einen Kompromiss einigen?“

„Nein. Ich habe keine Lust mehr. Das Thema ist gestorben, Pip.“

„Überleg es dir nochmal. Du hast dich so darauf gefreut und …“

„Ja. Hatte ich. Jetzt habe ich keinen Bock mehr auf eine Party. Mir ist die Lust gründlich vergangen, vielen Dank auch. Sei so nett und akzeptier das“, zischte Ronja und vergrößerte den Abstand zwischen ihnen.

„Sicher“, antwortete Pip – und wunderte sich, zum wiederholten Mal in den letzten Tagen. „Tut mir leid. Ich hab’s nur gut gemeint. Ich wollte nicht, dass es dir zu viel wird. Denn es ist wirklich viel.“

„Zwischen gut gemeint und gut gemacht ist eben doch ein himmelweiter Unterschied, Pip.“

Ronja schnaubte, hob den Wäschekorb vom Boden auf und ging die Treppe nach oben. Pips Handy klingelte und er nahm es von der Kommode, las die eingegangene SMS und beantwortete sie. Seine Verabredung für Samstag stand – und er freute sich. Die Freude überwog die Angst deutlich und Pip vermutete, dass das ein erster, kleiner Therapieerfolg war. Dass es sich lohnte, den Presslufthammer zu ertragen.

Eine halbe Stunde später saß Ronja auf der Couch, sah die Nachrichten und aß einen Apfel.

„Das ist heute der dritte Apfel, den ich dich essen sehe. Ich komme mit dem Kaufen gar nicht mehr hinterher. Seit wann isst du denn so viele Äpfel? Sonst esse ich die Äpfel fast alleine, seit ein paar Tagen muss ich mich beeilen, wenn ich noch einen haben will.“

„Keine Ahnung. Ich hab einfach Lust darauf. Gott, ist das nicht furchtbar?“, fragte sie und deutete mit dem angebissenen Apfel in Richtung Bildschirm.

Pip sah erst zum Fernseher, dann zu ihr, weil ihre Stimme so wackelig klang. Ronjas Augen glitzerten feucht und ihre Lippe zitterte. Sie griff haltsuchend nach Pips Hand und drückte sie.

„Das fängt aber früh an“, murmelte er, nachdem er kurz überlegt hatte, „Ganz schön schlimm dieses Mal, mhm?“

Immerhin war ihm jetzt die Überreaktion wegen der Geburtstagsfeier klar. Er würde das Thema Ende nächster Woche noch einmal ansprechen. Dann hätte sich die Hormonsituation wieder beruhigt.

„Was?“, fragte Ronja und wandte ihre Aufmerksamkeit ihm zu.

„PMS?“

„Ich habe nie PMS“, fauchte Ronja und Pip grinste, hob seinen Arm und klopfte sich einladend auf die Brust.

„Komm her, Goldschatz. Wann kriegst du deine Tage?“

„Freitag oder Samstag.“

„Komm her, komm schon. Wir kuscheln ein bisschen.“

Ronja seufzte, rutschte auf ihn zu und ließ sich mit einem gottergebenen Gesichtsausdruck an seine Brust ziehen. Sie biss in ihren Apfel, während Pip eine Decke über sie breitete und eine Locke aus ihrer Stirn strich. Er kannte das schon – Doro hatte ihren Zyklus immer in vollen Zügen ausgelebt, die ganze Palette Klischee geboten, ihre Weiblichkeit zelebriert – zumindest hatte das seine Mutter immer augenzwinkernd so genannt.

Sascha tut mir wirklich leid, der muss echt hart im Nehmen sein, denn der hat diesen Zirkus jeden Monat und zwar noch schlimmer. Bei Ronja hält sich das doch sehr in Grenzen, so schlimm war es in dem ganzen Jahr, das ich sie kenne, noch nicht, dachte Pip und küsste Ronja auf den Scheitel.

Der Nachrichtensprecher sprach über einen Bürgerkrieg in Afrika und zeigte dazu Bilder halbverhungerter Kleinkinder, die in den Armen ihrer Mütter dem Tod entgegendämmerten. Ronja heulte Rotz und Wasser, leise, aber die Tränen flossen ungehemmt. Pip reichte ihr stumm ein Taschentuch und zog sie enger an sich, verbiss sich jeden Kommentar.

Freitag oder Samstag würde wieder alles in bester Ordnung sein. Bis dahin würde er sie mit Samthandschuhen anfassen, Taschentücher, Äpfel und Pralinen reichen und sie sich ausweinen lassen.

Vielleicht, dachte er, hat sie auch einfach sehr viel Stress auf der Arbeit, macht sich zu viele Sorgen um mich und die Therapie.

Um halb zehn schlief Ronja völlig erschöpft ein, nutzte Pips Oberschenkel als Kissenersatz. Er streichelte ihren Nacken, kraulte sie, während er an seine Verabredung am Samstag dachte. Pip beschloss, Ronja nichts zu erzählen, erst hinterher würde er mit ihr reden– dann würde sie sich sicherlich freuen, ihre Laune wäre wieder besser und er könnte noch einmal die Sache mit der Geburtstagsparty zur Sprache bringen.

3

Ronja arbeitete am Samstag bis 16 Uhr, Pip ging morgens zum Einkaufen, räumte ein wenig auf, machte einen ausgedehnten Spaziergang mit Flint und fuhr dann zu seiner Verabredung. Pünktlich um halb drei stand Pip mit Thomas, Jochen und Clemens vor der einer Wand in der Kletterhalle. Pip sah sich diese erste, einfache Wand sehr genau an, plante die Route im Kopf durch und fühlte sich ebenso gelassen wie entspannt. Er empfand keine Panik, keine Abneigung, er hatte keinerlei Bedenken, er freute sich einfach nur, konnte kaum erwarten, oben anzukommen. Pip überprüfte den Sitz der Gurte und rollte mit der Schulter, mehrmals, dehnte das Gelenk vorsichtig. Er hatte tatsächlich das Gefühl, als würde ihm die linke Schulter beim Klettern sogar mehr Probleme machen als die Prothese.

„Ich wette“, grinste Pip, als alles zu seiner Zufriedenheit vorbereitet war, „Ich schaffe es weiter als Thomas.“

„Davon träumst du, Kollege. Du warst schon lange in keiner Wand mehr.“

„Jepp. Aber dir fehlt die Kraft. Und das ganze Bami Goreng und der Karamellpudding schlagen an …“

„Die Wette gilt, Steiner. Wer verliert, zahlt nächste Woche das Bami Goreng und den Karamellpudding.“

„Abgemacht.“

Pip trat an die Wand und fing an zu klettern. Er spürte, dass tatsächlich die Schulter das größere Problem darstellte, die fehlende Unterschenkelmuskulatur glich er durch die Arme gut aus. Es war zwar schwerer, als er es in Erinnerung hatte, aber lange nicht so schwierig, wie es in seiner Vorstellung gewesen war. Pip musste sich ab und zu nur mit rechts festhalten und die linke Schulter ein wenig rollen, doch abgesehen von dem Zeitverlust fiel das nicht ins Gewicht. Da sie nicht auf Zeit kletterten, war das sowieso egal. Beide, Thomas und Pip, schafften es bis ganz oben und einigten sich auf ein Unentschieden. Breit grinsend kam Pip unten auf dem Boden an, unterdrückte mühsam einen Triumphschrei. Jochen, der seit Jahren regelmäßig kletterte und die meiste Erfahrung hatte, schlug ihm anerkennend auf die rechte Schulter.

„Gut gemacht, Pip. Richtig klasse. Jetzt gegen mich in der Wand auf der anderen Seite?“

„Lass mich fünf Minuten ausruhen und die Schulter dehnen, dann können wir loslegen.“

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