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Pips Anatomie

Cosima Thomas

Pips Anatomie


Für meine Familie und alle, die sich dazu zählen. Für Kate. Für Beate. Für die Mädels aus der Lyse. Und für alle, die manchmal traurig sind.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1

Sie fielen übereinander her, kaum, dass Pip die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte. Hungrig, gierig, heiß. Pip wurde am Kragen durch den Flur gezogen, einen Arm um ihre Taille gelegt, eine Hand haltsuchend an der Wand. Ihre Küsse schmeckten nach Rotwein, ihre Haut roch nach Kokosnuss und Vanille. Gott, er hatte schon so lange nicht mehr mit einer Frau geschlafen und jetzt, jetzt wäre es endlich wieder so weit. Sie war fantastisch – lange, schwarze Locken, eine schmale Taille und ein sehr tief ausgeschnittenes, volles Dekolleté.

„Wie heißt du eigentlich?“, keuchte sie zwischen zwei Küssen und ließ sich von ihm ins Schlafzimmer dirigieren.

Er drückte auf den zweiten Lichtschalter von oben, den für das sanfte, warme und gedämpfte Licht in der Ecke. Nicht die Deckenlampe, bloß nicht. Der Schock wäre sonst zu groß. Völlige Dunkelheit wäre zwar besser für ihn, aber erstens machten das Frauen bei One-Night-Stands nicht gerne, zweitens wollte er sie sehen. Er hatte schon so lange keine reale, nackte Frau mehr betrachtet, die Augen über die weichen, sanften Linien wandern lassen. Er musste nur noch geschickt diese eine Hürde überwinden, diese große Hürde, die verdammte chinesische Mauer unter den Hürden. Diesmal war er zuversichtlich, denn er hatte eine Frau kennengelernt. Kein Mädchen. Und von einer Frau konnte man erwarten, dass sie mit einer chinesischen Mauer umzugehen wusste. Treppe rauf, umgucken, aha, ja, wow, beeindruckend, Treppe runter, weiter im Text. Nächster Halt: Orgasmus für Pip. Das war der Plan.

Sie zog sich die Bluse aus, ohne den Kuss zu unterbrechen, und warf sie hinter sich auf sein Bett. Das Bett war nicht gemacht, aber das war jetzt nicht mehr zu ändern. Und egal war es außerdem.

„Pip. Ich heiße Pip“, antwortete er leise und schob seine Hände unter ihr Hemdchen, während er sich fragte, ob sie doch betrunkener war, als sie wirkte.

„Das sagtest du schon. Aber das ist ja wohl kaum dein richtiger Name, oder?“

Er grinste an ihrem Mund: „Stimmt. Ich heiße Philipp. Aber die meisten Menschen nennen mich Pip.“

„Philipp“, seufzte sie, „Hast du Kondome?“

„Klar“, antwortete er und schob seine rechte Hand höher, umfasste ihre Brust und stöhnte leise.

Zwar schon lange keines mehr benutzt, aber das werde ich noch hinkriegen, fügte er in Gedanken hinzu.

Ihre Finger wanderten zum Gürtel seiner Jeans und öffneten ihn geschickt. Verdammt, dachte Pip, die chinesische Mauer. Jetzt schon. Der Bus ist wirklich schnell unterwegs. Innerhalb von fünf Sekunden war er seine Hose los, er küsste sie immer weiter, gab ihr keine Gelegenheit, die Augen zu öffnen. Pip spürte ihre Finger an den Knöpfen seines Hemdes und kniff während des Küssens die Augen zusammen. Scheiße. Sie zog ihn aus, sein Hemd flog zu ihrer Bluse auf das Bett. Jetzt stand er da: Die Jeans an den Knöcheln, der Oberkörper nackt. Konnte er den Lichtschalter noch erreichen? Nein. Und selbst wenn, es hätte nichts genützt. Sie löste sich von ihm, sie wollte ihre Beute betrachten. Sie erwartete einen perfekt gebauten, durchtrainierten Kerl. Sein Gesicht und seine Statur versprachen das. Aber Pip war eine Mogelpackung und das wusste er.

Sie schrie tatsächlich auf. Leise, aber sie konnte es nicht unterdrücken. Entsetzt wanderten ihre Augen von Pips Brandnarben auf der linken Schulter über die Brandnarben am Bauch, die im Bund der Boxershorts verschwanden und am Beinausschnitt wieder hervorkrochen. Weiter nach unten. Pips Anatomie. Die unterhalb des linken Knies in einer High-Tech-Prothese endete. Er seufzte. Er hatte ein Mädchen aufgerissen. War er komplett angezogen, war er ein Frauenmagnet. Gewesen. Bis zu dem Unfall vor eineinhalb Jahren. Verbrennungen, Unterschenkelamputation. Und seitdem nie wieder eine Freundin, eine Frau. Er kam sich vor wie ein verdammtes Monster. Sie ekelten sich alle miteinander vor den Brandnarben, die sich so seltsam anfühlten, vor dem Stumpf, vor dem Gedanken, sich von einem einbeinigen, entstellten Kerl vögeln zu lassen, der einen Hocker und einen Behindertengriff in der Dusche hatte, weil er im Sitzen duschen und sich beim Aufstehen festhalten musste.

„Ich …“, stammelte sie und griff nach ihrer Bluse, „Ich …“

„Schon okay“, antwortete Pip leise, „Tut mir leid. Ich hätte es dir vorher sagen sollen.“

Du blöde, eingebildete Schlampe. Hau ab. Hau ab. Sofort.

Sie zog sich hastig an, ohne ihn noch einmal anzusehen, und war in Rekordzeit verschwunden. Pip hörte die Wohnungstür zuschlagen und blieb stehen, wo er war. Er sah sich im Spiegel, der in der Ecke stand. Er hatte immer noch eine Erektion. Es war erbärmlich, einfach nur erbärmlich. Er wollte auf etwas einschlagen, etwas zerstören. Er griff nach der Achselstütze, die neben der Kommode lehnte und drosch mit ihr auf das Bett ein. Der Effekt war allerdings gleich null. Er dachte an die Dienstwaffe, die er getragen hatte, dachte an Manuel, seinen Kollegen, der bei dem Unfall gestorben war. Er dachte an die Unterhaltung, die er irgendwann einmal mit Manuel geführt hatte. Über Behinderungen, bleibende Behinderungen. Manuel hatte zu Pips großem Entsetzen gesagt, er würde sich mit der Dienstwaffe den Schädel wegpusten, sollte ihm jemals so etwas passieren. Pip hatte ihn damals zurechtgewiesen. Und würde jetzt alles dafür geben, noch eine Dienstwaffe zu besitzen, mit der er diesem Elend ein Ende machen könnte. Pip schmiss die Krücke in die Ecke und ließ sich aufs Bett fallen. Seine Hand befühlte vorsichtig die Brandnarben, deren Muster er auswendig konnte, sein Blick war fest auf die Prothese geheftet. Wie sehr ihm dieses Ding verhasst war. Manchmal fragte er sich, wo sein linker Fuß jetzt war. Verbrannt, ein Haufen Asche. Aber wo?

Er hatte keine Erinnerung, ihm fehlte eine ganze Woche komplett und an die zweite Woche nach dem Unfall erinnerte er sich nur verschwommen. Er war sieben Wochen im Krankenhaus gewesen, dann sechs Wochen auf Reha und noch einmal vier Wochen zuhause. Er hatte mit der Prothese laufen gelernt und er konnte es so gut, dass niemand merkte, dass er eine Prothese trug. Er lief völlig normal. Seine Narben sah man nur, wenn er nackt war – auch das eigentlich eine Gnade. Pip war eine klassische Mogelpackung. Polizist, riesig groß, 190 cm, starke Arme, breite Brust, dunkelblonde Haare, Sommersprossen – aber nicht zu viele – lange, schlanke, durchtrainierte Beine. Stopp. Ein langes, schlankes durchtrainiertes Bein. Und ein nicht ganz so langer, durchtrainierter Stumpf. Pip ging ins Fitnessstudio. Irgendetwas musste er mit seiner freien Zeit ja anfangen. Es gab weder eine Frau noch ein Kind und da die meisten seiner Freunde mittlerweile Familie hatten, war Pip mit viel freier Zeit ausgestattet.

Er ließ sich zurückfallen, starrte an die Decke und versuchte sich daran zu erinnern, wie es war, mit einer Frau zu schlafen. Tränen stiegen ihm in die Augen, die Demütigung des heutigen Abends war unerträglich. Er schämte sich vor sich selbst. Die Frau war bereits betrunken gewesen und trotzdem vor ihm geflüchtet. Was sollte er machen, zum Teufel? Musste er tatsächlich mit Weibern vorliebnehmen, die sich bereits ins Koma gesoffen hatten? Dann konnte er es sich auch selbst machen, dabei würde vermutlich doch mehr Zärtlichkeit herauskommen. Oder würde er doch für Sex bezahlen müssen? Er hatte bislang davor zurückgescheut, aber, verdammt noch mal, langsam glaubte er, dass das vielleicht doch die einzige Möglichkeit war, wenn er eine wache, ansprechbare und einigermaßen nüchterne Frau vögeln wollte. Er kannte das Milieu aus seinem Beruf, aber er bezweifelte, dass dabei Liebe und Zärtlichkeit für ihn drin waren. Schon gar nicht, wenn herauskam, dass er ein Bulle war, der zu Prostituierten ging. Auch, wenn er nur noch am Schreibtisch saß. Bulle war Bulle.

Er rieb sich mit der Hand verzweifelt über das Gesicht, dann stand er auf, zog sich die Jeans wieder hoch und holte sich ein Bier aus der Küche. Als er am Fernseher vorbeikam, blieb er stehen, überlegte. Er könnte sich einen Porno ansehen, ein Bier trinken und es sich selbst machen. Keine ist so eng wie meine Hand. Ein Spruch, der auch nur dann witzig ist, wenn man keine andere Wahl hat. Erbärmlich, dachte er, absolut erbärmlich. Wo habe ich die Taschentücher hingelegt?

Pip sah sich dann doch keinen Porno an. Er blieb bei einer Comedy-Sendung hängen, amerikanische Comedy, wunderschöne junge Menschen ohne wirkliche Probleme. Pip bewegte die Schulter vorsichtig, weil die Narben spannten. Als die Sendung fünf Minuten später vorbei war, schaltete er weiter und landete bei „Supernatural“. Zwei attraktive Typen, die Monster jagten. Monster wie Pip, die entstellt, hässlich und einsam böse geworden waren und junge Frauen entführten, abschlachteten, zerfleischten.

Okay, dachte er, ich bin noch nicht tot, ich bin ein lebendes Monster, aber innerlich bin ich schon so gut wie verfault.

Er schaute auf den Bildschirm ohne wirklich hinzusehen, seine Gedanken wanderten zu einer Frau ohne Gesicht, die einfach nur Körper war, ein weicher, weiblicher Körper mit blasser Haut und einem runden Po, nicht allzu großen Brüsten. Er sah, wie sie die Hände über den Kopf nahm, küsste sich von ihrem Ellenbogen über die weiche, empfindliche Haut an der Oberarminnenseite zu ihrer Achselhöhle, vergrub die Nase darin, atmete ihren Duft ein. Er strich mit den Lippen weiter nach unten, bis er die Brustwarze erreichte, die er sanft zwischen die Zähne nahm, mit der Zunge darüber strich. Er konnte fast spüren, wie sie ihre Hand auf seine Schulter legte – ohne vor den Narben zurückzuzucken. Blut spritzte über den Bildschirm und Pip weinte.

Schon wieder, dachte er. Das wievielte Mal diese Woche?

Er versank in einem Meer aus Selbstmitleid. Er hatte so viel zu geben – aber niemand wollte es haben. Weil er nur noch ein halbes Bein hatte, ein halbes Selbstwertgefühl und einen Scheiß-Job an einem verdammten Schreibtisch. Ein halbes Leben.

In der Werbepause ging Pip zur Toilette, holte sich die Krücken aus dem Schlafzimmer und nahm dann, zurück auf dem Sofa, die Prothese ab, legte sie quer über den Sessel. Er massierte seinen Stumpf, der ihm manchmal weh tat, der ihn manchmal quälte, ebenso wie der nicht mehr vorhandene Fuß. Es war irre, wie unheimlich drängend und quälend ein großer Zeh jucken konnte, der vor über eineinhalb Jahren in einem Sondermüllcontainer gelandet war. Er betrachtete den sauberen Schnitt und griff dann zu der Cremedose, die auf dem Wohnzimmertisch stand. Pip cremte sich den Stumpf vorschriftsgemäß ein, massierte ihn, wie er es gelehrt bekommen hatte, automatisch, während er der Serie jetzt aufmerksamer folgte. Danach reinigte er die Prothese, ebenfalls, ohne hinzusehen. Er konnte das im Schlaf. Die Utensilien standen alle hier, er erledigte das abends, beim Fernsehen und humpelte dann nur noch mit den Achselstützen durch die Wohnung. Wenn er sich etwas aus der Küche holte, hängte er sich einen Stoffsack um den Hals und transportierte damit Schokolade, Bier, Gummibärchen, Bücher, Zeitungen und dreckige Wäsche durch die Wohnung. Im Moment brauchte er nichts. Das Bier war noch nicht mal wirklich angetrunken und schon fast wieder warm. Er unterbrach seine Massage und nahm einen tiefen Schluck.

Wieder ein einsamer Abend vor dem Fernseher. Pip fragte sich, warum er überhaupt noch ausging. Alle seine Abende endeten so. Die Demütigung davor konnte er sich eigentlich sparen. Er würde zukünftig zuhause bleiben. Und wenn er so viel Druck hatte, dass er es nicht mehr aushielt, würde er in sein Auto steigen, in die nächstgrößere Stadt fahren, dorthin, wo ihn niemand kannte, und würde dann eben für Sex bezahlen.

Er stellte sich vor, wie er in einem billigen Hotelzimmer die Kleider fallen lassen würde. Die abgewetzte Tapete aus den 70ern. Die dünne Polyester-Tagesdecke, die an manchen Stellen schon durchgescheuert war. Sperrholzmöbel aus den 80ern. Ein rauer Teppich, der Flecken aufwies, die jeden von der SpuSi in die Verzweiflung getrieben hätten. Flecken, von denen man wirklich nicht wissen wollte, woher sie stammten. Eine osteuropäische Prostituierte im Heroin-Chic, der der Entzug schon aus den Augen sprang, die ihn ansah, den Kopf schüttelte und ihm sein Geld zurückgab.

„No. So verzweifelt ich nix bin, Großa. Gehst du zu Kollega. Versuch dort. Irina bumst alles. Äkelt sich vor nix. Aba: Ist sich teua, Irina.“

Pip rieb sich mit der Hand über die Brust. So ähnlich würde das vermutlich enden. Vermutlich musste er – wenn er denn Sex haben wollte – mit einer Zwanzig-Euro-Nummer im Stehen in einem Hinterhof vorlieb nehmen. Eigentlich keine schlechte Idee. Dafür müsste er sich nicht ausziehen, die Mogelpackung bliebe unbemerkt. Oder er öffnete einfach die Hose und ließ sich einen blasen. Ginge auch. Gott, wie gerne würde er mal wieder einen Blowjob haben. Vielleicht wäre es aber auch klug, das Geld für den käuflichen Sex zu sparen und sich auf dem Schwarzmarkt eine vernünftige Waffe zu kaufen. Er würde sich in die Dusche setzen, das Wasser andrehen und sich den Schädel wegpusten. Das Wasser deswegen, damit die Sauerei überschaubar bliebe. Pip wollte keine Arbeit machen. Nicht mal im Tod. Der Kollege von der SpuSi wäre sicherlich dankbar. Für heute würde er aber einfach hier sitzen bleiben. Pip griff zu der Packung Taschentücher und machte sich einen Porno an. Wenn schon erbärmlich, dann richtig. Das Monster war tot, die Nacht aber erst zur Hälfte vorbei. Der Mann, der mit der üblichen Ausdauer eine dumpf dreinblickende Silikonbusenträgerin vögelte, war heftig tätowiert. Tribals. Der übliche Quatsch. Pip dachte, dass seine Narben doch auch irgendwie wie Tribals aussahen. Aus Tinte waren sie der letzte Renner, waren die Muster aus fester Haut, ekelten sich die Frauen davor. Auch nach zehn Minuten hatte Pip noch nichts, das auch nur ansatzweise als Erektion durchgehen könnte und schaltete frustriert den Fernseher aus. Erbärmlich, dachte er, ich bin so unendlich erbärmlich. Er angelte nach seinen Krücken und humpelte ins Bad, putzte sich die Zähne und ging mit dem Gedanken ins Bett, dass der nächste Tag eigentlich nur besser werden konnte. Doch tief im Inneren wusste Pip, dass Sonntage die schlimmsten Tage waren. Die Allerschlimmsten.

2

Am Sonntagmittag lief Pip durch den Park vom Fitnessstudio nach Hause. Er ging fast jeden Sonntag um die Mittagszeit zum Sport, wenn die meisten Menschen mit ihren Familien aßen. Je weniger Menschen, desto besser. Heute war er fast alleine gewesen. Sehr angenehm. Er hatte sich verausgabt und geschwitzt und wieder einmal über den Umstand geflucht, dass er im Fitnessstudio nicht duschen konnte. Er musste zuhause duschen – was ihm auf der anderen Seite aber auch neugierige und mitleidige Blicke ersparte. Pip kam an der großen Liegewiese vorbei und setzte sich auf eine Bank. Das Wetter war fantastisch und etliche Pärchen lagen und saßen auf ihren Picknickdecken, unterhielten sich, aßen und tauschten Zärtlichkeiten aus. Pip blieb jeden Sonntag in der Picknicksaison hier sitzen, eine Viertelstunde, ungefähr. Er ließ seine Blicke über die frischverliebten Paare wandern, über die Männer in kurzen Hosen, aus denen zwei gesunde Beine schauten, über die Frauen, die ihren Freund ohne jede Scheu anfassten.

Ich habe das noch nie gemacht, dachte er, ich habe noch nie mit einer Frau in einem Park gepicknickt. Ich habe überhaupt noch nie ein Picknick gemacht.

Er beobachtete ein Pärchen ganz in der Nähe. Sie lag auf dem Rücken, er auf der Seite, dicht neben ihr. Er hatte seinen Kopf auf eine Hand gestützt und die andere auf ihren Bauch gelegt. Ihre Beine hatten sie miteinander verknotet. Er lächelte auf sie hinunter und sagte etwas, dass sie laut lachen ließ. Pip wandte den Blick ab und betrachtete lieber einen Hund, der an einem Papierkorb herumschnüffelte, bevor er noch in der Öffentlichkeit anfing zu heulen.

„Hi“, keuchte eine weibliche Stimme, „Ist hier noch frei?“

Pip sah nach links oben und erkannte eine Joggerin, die ihm öfter begegnete, wenn er durch den Park nach Hause lief. Sie joggte jeden Sonntag um die Mittagszeit, nur, wenn es wirklich brüllend heiß war, sah er sie nicht.

„Ja“, sagte er kurz angebunden und wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Picknickern zu.

Allerdings sicherheitshalber nicht den knutschenden Pärchen, sondern den Familien mit Kindern. Er beobachtete eine Mutter, die ein hartgekochtes Ei von der Schale befreite und es ihrem Sohn in die Hand drückte. Er überlegte, wie uralt die Eier in seinem Kühlschrank wohl sein mochten und beschloss, sie wegzuschmeißen, sobald er zuhause war.

„Ich heiße Ines“, sagte die Frau neben ihm, als sie wieder Luft bekam.

Er drehte den Oberkörper ein wenig, um sie besser betrachten zu können. Sie war klein und drahtig, blond und sonnenverbrannt. Typ Ironman-Läuferin. Er würde wetten, dass sie für den Triathlon trainierte. Das würde auch erklären, warum sie in der größten Hitze lief.

„Pip“, antwortete er und brachte ein schiefes Lächeln zusammen.

„Pip? Bist du Holländer?“, fragte sie und strahlte ihn an, bevor sie ihre Wasserflasche hervorzog und einen großen Schluck trank.

„Nein. Ist nur ein Spitzname. Eigentlich heiße ich Philipp.“

„Gehst du zum Sport?“

Sie zeigte auf Pips lange Trainingshose und lehnte sich entspannt zurück, streckte die Beine aus.

„Nein. Ich komme vom Sport. Ich gehe jetzt nach Hause.“

Pip erhob sich, murmelte „Schönen Tag noch“ und lief in Richtung Parkausgang.

Eine Stunde später hatte er geduscht und humpelte mit den Achselstützen durch die Wohnung. Er räumte ein bisschen auf, bezog sein Bett frisch – einbeinig eine echte Herausforderung, aber Pip hatte keine Lust, die Prothese nochmal anzuziehen – und machte die Waschmaschine an. Dann hatte er keine Lust mehr auf Hausarbeit und ging in die Küche. Er kochte sich einen Kaffee und schmiss die Eier weg, die tatsächlich bereits sechs Wochen über dem Mindesthaltbarkeitsdatum waren. Er fragte sich, warum er die Eier überhaupt gekauft hatte, konnte sich aber nicht daran erinnern. Auf dem Küchentisch lagen noch die Zeitung vom Vortag und die ungeöffnete Post der gesamten Woche und Pip beschloss, dass jetzt der Moment war, die Briefe zu öffnen und anschließend die Zeitung zu lesen. Er hatte ja eh nichts Besseres zu tun. Mit seiner Tasse Kaffee nahm Pip am Küchentisch Platz und machte den ersten Brief auf. Autoversicherung. Okay. Werbung, Werbung, Gehaltsabrechnung, Werbung. Der letzte Umschlag war mit der Hand beschriftet. Ungewöhnlich, heutzutage. Er öffnete ihn und seufzte. Eine Hochzeitseinladung. Samstag in sechs Wochen. Seine Cousine Andrea heiratete ihren Freund Paul. Er hatte Andrea schon ewig nicht mehr gesehen und er hatte keine Ahnung, wer dieser Paul war. Er glaubte nicht, dass er den glücklichen Bräutigam bisher überhaupt kennengelernt hatte. Wieso lud sie ihn zu ihrer Hochzeit ein? Vermutlich, weil Andrea ganz dick mit Pips Mutter war und diese das Brautpaar gebeten hatte, Pip doch auch einzuladen. Er verspürte nicht die geringste Lust, anderen Menschen bei ihrem Glück zuzusehen. Andererseits hatte er absolut nichts anderes vor und er wäre einen ganzen Tag lang beschäftigt, unter Menschen, die wussten, was passiert war, die ihn trotzdem noch in den Arm nahmen. Oder gerade deswegen. Er las die Einladung bis zum Ende durch. Er kannte das Lokal, in dem gefeiert wurde. Das Ambiente dort hatte ihm immer gefallen und das Essen war gut. Das Programm sah folgende Punkte vor: Standesamtliche Trauung im Rathaus, Sektempfang, Kaffee und Kuchen, Abendessen, Gulaschsuppe um Mitternacht. Das übliche eben.

Pip lauschte auf die Stille in seiner Wohnung, hörte das Ticken der Küchenuhr und starrte an die Wand. Er würde ein Geschenk kaufen müssen. Er drehte die Einladung um und sah nach, ob irgendwo Informationen die Geschenke betreffend notiert waren. Andrea und Paul wünschten sich Gutscheine eines recht noblen Einrichtungshauses.

Gut, dachte Pip, das liegt direkt auf dem Weg zur Arbeit. Ich muss nicht mal einen Umweg fahren. Sehr praktisch.

Er sah, dass aus dem Umschlag noch ein Zettel schaute und zog ihn hervor. Eine Antwortkarte. Bitte per Mail oder Post Bescheid sagen, ob du kommst und ob du noch eine Begleitung mitbringst. Darunter die Mail- und die Postadresse.

Begleitung, dachte Pip, dass ich nicht lache. Wen sollte ich denn mitbringen?

Er legte die Antwortkarte mit der Mailadresse zur Seite und überlegte, ob er wirklich auf die Hochzeit gehen sollte. Ob er eine geschätzte Meute von 200 glücklichen, gut gelaunten Menschen den ganzen Tag ertragen konnte, ob er zwölf Stunden lang Small Talk durchhielt. Auf diesen Hochzeiten gab es meistens einen Kindertisch und vielleicht machten Andrea und Paul ja auch einen Invalidentisch. Dann konnte er mit Opa Erwin und Tante Hildegard den ganzen Tag über ihre Krankheitsgeschichten reden.

Interessanterweise, dachte Pip, haben wir alle drei das linke Bein verloren. Scheint in der Familie zu liegen. Haha.

Er spürte die Bitterkeit, die von ihm Besitz genommen hatte, überdeutlich durch seine Adern pulsieren. Er sah seinen Opa vor sich, der sein Bein im Krieg verloren hatte, der seit über sechzig Jahren ohne sein linkes Bein lebte und nie eine Prothese trug, nie eine getragen hatte. Seit ein paar Jahren saß er im Rollstuhl, vorher hatte er sich mit Gehstützen fortbewegt. Er hatte sich den Bemühungen seiner Frau entzogen, die ihm, nachdem er keine Prothese tragen wollte, die Hosenbeine alle kürzen und unten zusammennähen wollte. Opa schlug die Hose um und machte sie mit Sicherheitsnadeln fest. „Opas Hasenohr“ hatten sie das als Kinder genannt.

Trotz des fehlenden Beines hatte Opa in Rekordzeit nach Kriegsende eine Frau gefunden und ihr sieben Babys gemacht. Allerdings waren das andere Zeiten gewesen. Die Männer waren knapp und Einbeiner quasi Alltag. Die Frauen heute waren viel verwöhnter. Oder Opa Erwin verfügte über beträchtlich mehr Charme als Pip. Oder beides.

Am Sonntag darauf beantwortete Pip dann die Einladung per Mail, bevor er ins Fitnessstudio aufbrach. Er bedankte sich, sagte zu und notierte sich den Termin im Kalender, der in der Küche an der Pinnwand hing. Auf dem Schrank im Flur lagen der Gutschein, den Pip bereits besorgt hatte, und der Zettel von der Reinigung, zu der er seinen Anzug gebracht hatte. Nach über zwei Jahren im Schrank konnte der dunkelgraue Dreiteiler eine Auffrischung vertragen.

Er fuhr den Laptop wieder herunter, nahm seine Sporttasche, die bis auf die Schuhe, das Getränk und ein Handtuch leer war und ging in das wie immer wenig besuchte Studio. Auf dem Rückweg hielt er wieder an seiner Bank an, betrachtete die neuen Familien, die neuen Pärchen und den Hund von letzter Woche, der den Papierkorb auch an diesem Tag unendlich interessant fand.

„Hi“, sagte Ines und ließ sich neben ihm auf die Bank fallen.

„Hi“, antwortete er und lehnte sich zurück.

„Schöne Woche gehabt?“, fragte sie, immer noch hektisch atmend.

„Ging so. Und selbst?“

„Prima, danke.“

Sie schwieg, bis sie ruhig atmete und fragte dann: „Warum sitzt du jeden Sonntag hier?“

Pip zuckte mit den Schultern: „Einfach so. Ich beobachte die Menschen.“

„Was sagt deine Frau dazu, wenn du zu spät zum Essen kommst?“

Sie kniff die Augen zusammen und blinzelte gegen die Sonne, während sie ihn prüfend betrachtete. Seine Reaktion abschätzte.

„Ich lebe alleine und esse mittags nie.“

„Oh“, machte sie und grinste. „So wie ich.“

Er betrachtete sie genauer. Hochprofessionelle Funktionskleidung, bestimmt teuer. Heute ein Baseballcap und eine Sonnenbrille. Sie war sicherlich jünger, als sie aussah. Das exzessive Training und die langen Aufenthalte in der Sonne hatten ihrer Haut nicht unbedingt gut getan. Dazu der asketische Lebensstil – sie sah aus wie 35, war aber bestimmt mindestens sieben Jahre jünger.

„Triathlon?“, fragte er, als er mit seiner Musterung fertig war.

„Sieht man, ich weiß.“

„Welche Zeit?“

„Zehneinhalb.“

„Wow. Respekt.“

„Schon mal versucht?“, fragte sie und legte den Arm über die Lehne der Bank.

„Nein. Ich bin Handballer.“

Gewesen, fügte er in Gedanken hinzu. Einem Behindertensportverein beizutreten, dazu konnte er sich nicht überwinden.

„Was hältst du davon, wenn wir unser Gespräch heute Abend fortsetzen? 20 Uhr im Schuster? Weißt du, wo das ist?“

„Ja, weiß ich. Okay. Ich bin da.“

„Freut mich“, grinste sie, gab ihm einen Klaps auf die Schulter und stand auf. „Bis heute Abend.“

„Bis heute Abend“, wiederholte Pip leise und sah ihr nach, wie sie davonsprintete.

Pip hatte wenig Lust auf einen Abend mit Ines, aber er war Willens, jede sich bietende Chance zu nutzen. Er fand sie ganz nett und einigermaßen attraktiv – wenn auch für seinen Geschmack deutlich zu wenig weiblich, aber Pip war absolut nicht in der Position, um wählerisch zu sein. Wenn Ines sich von ihm flachlegen lassen wollte: Bitte, gerne. Nur zu. Stets zu Diensten, Ma’am.

Also betrat Pip pünktlich die Bar namens Schuster und setzte sich an den Tresen. Ines kam fünf Minuten zu spät, aber sie versetzte ihn wenigstens nicht. Noch hatte sie ja auch noch keinen Grund dazu. Pip war fest entschlossen, je nachdem, wie sich der Abend entwickeln würde, mit der Wahrheit herauszurücken. Diesmal bevor er mit einem Ständer in der Hose im Schlafzimmer stand. Taktikänderung. Ob es etwas bringen würde, würde sich zeigen. Aber er machte sich keine großen Hoffnungen.

Das Gespräch verlief erwartungsgemäß eher zäh. Er fuhr einfach nicht auf sie ab. Sie langweilte ihn, er langweilte sie. Pip hatte immer viel gesprochen, als er noch etwas zu erzählen hatte, aber seit dem Unfall war er wortkarg. Was sollte er auch erzählen? Ich war auf der Arbeit, ich habe letztes Wochenende mein Bett frisch bezogen und sechs uralte Eier weggeworfen. Ach, ja, und: In fünf Wochen bin ich auf die Hochzeit meiner Cousine eingeladen. Toll, oder? Und du so?

Ines hatte es anscheinend ähnlich nötig wie er, denn obwohl die Chemie nicht wirklich stimmte, machte sie ihn an, suchte Körperkontakt. Als sie ihm die Hand auf den Oberschenkel legte, fühlte Pip, dass jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, um mit der Wahrheit herauszurücken.

„Also …“, begann er, doch sie legte den Finger auf seine Lippen.

„Psst. Wo wohnst du, Pip? Hier in der Nähe?“

„Ja, aber …“

„Wir könnten zu dir gehen und ein wenig Spaß haben. Ich bin so verspannt nach dem Training, fühl mal …“

Ines nahm Pips Hand in ihre und legte sie auf ihre Schulter.

„Ganz hart, oder?“, fragte sie leise und beugte sich weiter vor, brachte ihre Lippen nah an Pips Ohr. „Hast du auch was Hartes, das ich massieren könnte?“

Oh, Himmel, dachte Pip.

„Ich bin unterschenkelamputiert und durch Brandnarben am Oberkörper völlig entstellt“, platzte es aus Pip heraus und Ines zuckte zurück.

„Was?“, fragte sie und Pip nahm die Hand von ihrer Schulter.

„Links. Du kannst ja mal dagegentreten.“

Ines war so verdattert, dass sie es tatsächlich machte.

„Klonk“, hörte er und konnte spüren, wie sie gegen die Prothese trat.

„Und das solltest du auch vorher sehen …“

Pip hob sein Hemd ein wenig an, entblößte ein Stück der vernarbten Haut am Bauch und ließ den Stoff wieder fallen, als Ines scharf die Luft einsog.

„Oh“, machte sie und Pip wusste: Auch die Offensive führte nicht zum Ziel.

Zumindest nicht bei der Hardcore-Triathletin Ines, der man ansehen konnte, dass ihr jegliche Lust gründlich vergangen war.

„Schon okay, das dachte ich mir schon. Passiert mir immer“, murmelte Pip und fragte sich, warum er eigentlich klang, als müsse er sich entschuldigen.

Ines starrte ihn immer noch an, als sei er eine Art Alien und Pip versuchte, das Gespräch wieder in neutrale Bahnen zu lenken.

„Für welchen Triathlon trainierst du eigentlich?“

„Ironman. Hawaii. Da will ich unbedingt hin und … oh, mein Handy …“

Ines zog das Mobiltelefon aus ihrer Tasche und Pip wusste, dass es nicht geklingelt oder vibriert hatte. Sie würde sich entschuldigen und gehen. Die Demütigung war die Gleiche. Nur diese hier war öffentlich. Auch nicht viel besser als die Abfuhr erst im Schlafzimmer zu kassieren.

„Ich …ähm, tut mir leid, aber …“

„Geh ruhig. Ist okay.“

Ines sprang auf und war ebenso schnell verschwunden wie ihre Geschlechtsgenossin am Samstag zuvor. Pip trank langsam sein Wasser aus und ging nach Hause, setzte sich vor den Fernseher und nahm die Prothese ab. Pips unzureichende Anatomie hatte einen weiteren Sieg zu verbuchen, seine Seele einen weiteren Tiefschlag wegzustecken.

3

Die fünf Wochen bis zur Hochzeit schleppten sich für Pip dahin. Er versuchte nicht mehr, eine Frau kennenzulernen, er blieb zuhause. Zwei deutlich entsetzte Körbe in acht Tagen hatten ihm gereicht. Während er die schwarzen Schuhe putzte, die er anziehen wollte, dachte er darüber nach, ob er Hilfe brauchte. Nein, er brauchte keine Hilfe. Er brauchte einfach nur eine Frau in seinem Leben, jemanden, der unkompliziert genug war, um mit einem entstellten Krüppel das Bett zu teilen. Er ließ den Schuh sinken und starrte an die Wand, sah wieder die Pärchen im Park vor sich, die ihre Liebe zueinander so offen zeigten. Er glaubte nicht, dass er eine Frau finden würde, die sich öffentlich zu ihm bekennen würde, aber mit ein bisschen Glück fand sich ein … ein weiblicher Fuck-Buddy. Es wäre besser als nichts.

Nur einen Abend im Monat, dachte er, nur einen einzigen Abend im Monat möchte ich nicht alleine einschlafen müssen.

Er erinnerte sich an die vielen, vielen Abende, an denen er mit seiner damaligen Freundin Leo im Bett gelegen hatte. Er hörte das Rascheln der Seiten, wenn Leo in ihrem Buch umblätterte, sah ihr wohliges Lächeln, wenn sie das Buch zur Seite legte und ihre Brille abnahm. Leonora war süß gewesen, süß, anschmiegsam und leider untreu. Mehrfach. Aber das war nicht der Punkt. Der Punkt war das sanfte Licht, der warme Körper einer Frau, kleine, zarte Hände, die unter der Bettdecke nach ihm suchten.

„Ich liebe dich, Pip“, hatte sie ihm ins Ohr gehaucht, jeden Abend.

Und hatte sich am nächsten Tag in der Mittagspause von einem anderen Kerl befriedigen lassen. Wie oft lag Pip abends auf seiner Seite des Bettes und starrte auf die seit zwei Jahren leere, andere Seite. Er würde sogar Leo zurücknehmen, würde die ständige Fremdgeherei akzeptieren, wenn sie ihm nur das Gefühl gab, wenigstens ein bisschen geliebt zu werden. Aber Leo hatte geheiratet und ein Kind bekommen, zumindest hatte ihm das ein gemeinsamer Bekannter erzählt.

Pip seufzte und putzte die Schuhe fertig, dann duschte er, rasierte sich und machte sich schick. Die Mogelpackung, Luxusausgabe. Dreiteiliger Anzug, weißes Hemd, Seidenkrawatte, schwarze Schuhe, Aftershave, Parfum, ein bisschen Gel in die Haare.

Der Spiegel im Schlafzimmer zeigte ihm, dass die Mogelpackung gut gelungen war. Niemand käme auf die Idee, hinter dieser Fassade die arme Sau zu vermuten, die vor eineinhalb Jahren mehr tot als lebendig aus einem brennenden Polizeiauto gezogen worden war. Gerettet von einem beherzten Ersthelfer, der sich heute noch Vorwürfe machte, weil er so lange gebraucht hatte, um den großen, muskulösen Pip aus dem Auto zu ziehen. Dabei war der Mann nur 1,70 m groß und wog gerade mal 60 Kilo. Es war eigentlich ein Wunder, dass er Pip überhaupt aus dem Beifahrersitz herausbekommen hatte. Pip war dem Mann zutiefst dankbar, ohne jeden Zweifel. Für Manuel war alles zu spät gewesen – doch das Wissen, dass sein Partner bereits tot gewesen war, als das Auto anfing zu brennen, tröstete ihn ein bisschen.

Ich war schon lange nicht mehr auf dem Friedhof, dachte er. In der Reha hatte ich mir noch geschworen, dass ich regelmäßig an sein Grab gehe. Morgen Nachmittag gehe ich zu Manuel. Ich habe ja sowieso nichts Besseres vor.

Mit diesen düsteren Gedanken nahm sich Pip Schlüsselbund, den Gutschein und seinen Geldbeutel und verließ die Wohnung.

Die standesamtliche Trauung war erwartungsgemäß geradezu spektakulär langweilig und nach einem Blick auf den Bräutigam wusste Pip, dass er ihn tatsächlich noch nie gesehen hatte. Er reihte sich beim Sektempfang in die lange Schlange der Gratulanten ein, unterhielt sich mit Onkeln, Tanten und irgendwelchen Menschen, die er zwar vom Sehen kannte, zu denen er aber keinen Namen parat hatte. Dann machte sich die versammelte Meute auf und fuhr in das Restaurant, in dem die Feierlichkeiten fortgesetzt wurden. Pip blieb vor dem Gebäude stehen und wartete, nachdem alle hineingegangen waren, noch weitere zehn Minuten. Er genoss die Sonne auf seinem Gesicht und beobachtete die Menschen, die auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig unterwegs waren. Als er den festlich geschmückten Innenhof betrat, hatten die meisten Gäste bereits Platz genommen. Pip schlenderte an den Tischen entlang, sagte etliche Male „Hallo, wie geht’s?“, machte nach Leibeskräften charmanten Small-Talk und suchte nach seinem Namensschildchen. Offenbar hatten die Brautleute ein ganz eigenes Konzept der Tischordnung und hatten die Gesellschaft bunt durcheinander gewürfelt. Pip saß weder mit seinen Eltern noch mit seiner Schwester an einem Tisch – nicht, dass ihm das allzu viel ausgemacht hätte, aber ungewöhnlich war es schon. Er nahm gezwungen lächelnd Komplimente für sein gutes Aussehen entgegen und fand dann schließlich, im hinterletzten Eck, ein Tischkärtchen auf dem „Pip“ stand.

Der Invalidentisch, dachte er, und winkte Tante Hildegard zu, die ein paar Plätze von ihm entfernt saß.

Am Kopfende, im Rollstuhl, thronte Opa Erwin und hielt Hof. Pip winkte auch ihm zu und der alte Mann winkte begeistert zurück, wobei Pip ganz kurz den Eindruck hatte, als wüsste Opa Erwin nicht im Geringsten, wem er da überhaupt winkte. Er setzte sich und begrüßte seine Nachbarn, die, wie er erfuhr, zur Familie des Bräutigams gehörten. Der Platz gegenüber war noch frei, aber es hatten sich auch noch nicht alle gesetzt.

„Hi“, sagte eine Stimme und eine Frau Mitte Zwanzig ließ sich auf den Stuhl gegenüber plumpsen.

Sie streckte ihm die Hand hin und Pip ergriff sie, stand aus Gründen der Höflichkeit auf und nahm erst wieder Platz, als sie richtig saß und sich die Haare aus der Stirn strich.

„Ronja. Ohne Räubertochter“, sagte sie und strahlte ihn an. „Ich bin eine Freundin der Braut.“

„Freut mich. Ich bin Pip, ein Cousin der Braut.“

Sie stellte sich den anderen um sie herum vor und Pip betrachtete sein Gegenüber. Ronja war mit rotbraunen, schulterlangen Locken gesegnet, Sommersprossen, großen, grünen Augen mit langen Wimpern, einer ganz geraden Nase und einem etwas zu großen Mund, was ihr den Zugang zur Kategorie „Klassische Schönheit“ unmöglich machte, der aber wunderbar in ihr Gesicht passte. Sie gehörte definitiv nicht zur Kategorie „Hungerhaken“ und trug ein hellgrünes Sommerkleid, das perfekt zu ihrer Haarfarbe und dem hellen Hautton passte. Pip sah die Sommersprossen auf ihren Schultern und in ihrem Dekolleté und lächelte. Er hatte den Hauptgewinn in der Tischnachbarnlotterie gezogen. Ronja war in seinen Augen ziemlich nahe an der Perfektion, sie war weich und weiblich und hatte – als Sahnehäubchen – Locken und Sommersprossen. Pip war sehr zufrieden. Alleine für diese Augenweide hatte es sich gelohnt, an der Hochzeit teilzunehmen. Mit ein wenig Glück war sie auch noch eine eloquente Gesprächspartnerin.

„Gott, ich verhungere …“, stöhnte Ronja und drehte sich nach dem Kuchenbüffet um. „Ich habe heute noch nichts gegessen.“

„Wieso nicht?“, fragte Pip und beugte sich ein wenig weiter vor, parkte seinen linken Unterschenkel unter dem Stuhl, damit Ronja nicht aus Versehen an die Prothese stoßen und sich erschrecken würde.

„Ich arbeite in einer Buchhandlung, ich bin Buchhändlerin. Wir sind heute regelrecht überrannt worden. Keine Ahnung, was da wieder los war. Es war fast so schlimm wie damals, als der letzte Harry-Potter-Band erschienen ist. Ich hatte gerade mal Zeit, mich umzuziehen und hierher zu fahren – deswegen habe ich auch die Trauung verpasst. Was arbeitest du?“

„Ich bin Polizist. Dezernat für Wirtschaftskriminalität.“

„Uh, Polizist. Klingt nach einem gefährlichen Job.“

„Geht so. Es gibt gefährlichere Jobs bei der Polizei.“

Zum Beispiel Streife fahren, dachte Pip.

„Heißt du wirklich Pip?“, fragte Ronja, griff nach seinem Tischkärtchen und betrachtete es.

„Nein, Philipp. Aber die ganze Familie und die meisten anderen Menschen nennen mich Pip.“

„Woher kommt das? Phil wäre ja die einleuchtendere Variante.“

„Siehst du da hinten die Frau in dem gelben Kleid?“, fragte er und zeigte in die Richtung.

Ronja drehte sich um und nickte, während Pip ihre schöne Rückansicht bewunderte und tief durchatmete.

„Ja, sehe ich.“

„Das ist meine kleine Schwester Doro. Sie konnte meinen Namen nicht aussprechen als sie ganz klein war. Sie hat Pip erfunden. Und der Name ist geblieben. Den werde ich nie wieder los. Auch meine Eltern sagen nur Pip zu mir.“

„Gut zu wissen. Darf ich auch Pip sagen?“

„Sicher. Ich glaube, man hat gerade das Kuchenbuffet eröffnet …“

„Oh, dem Himmel sei Dank!“, stöhnte Ronja, schnappte sich ihren Teller und stand auf.

Pip wartete, bis der erste Ansturm vorbei war, dann holte auch er sich ein Stück Kuchen. Als er wieder zurück zu seinem Platz kam, musste er sich ein lautes Lachen verkneifen. Ronja hatte zugeschlagen.

„Sieht nach original Räubertochter aus“, grinste er und blickte zwischen seinem einsamen Stück Kuchen und dem Tortenberg auf Ronjas Teller hin und her.

Sie machte eine kreisende „Warte bitte kurz“- Bewegung mit der linken Hand und schluckte.

„Ich bin ja auch am verhungern.“

„Hier verhungert niemand“, sagte Pip und schenkte sich Kaffee ein. „Nicht, solange meine Mutter federführend ist – und das war sie, soweit ich weiß. Sie plant pro Gast einen ganzen Kuchen, wenn nicht mehr. Du kannst den Rest meines Kuchens haben. Dann hast du schon zwei.“

„Und die langen nur die nächste halbe Stunde“, grinste Ronja, „Was esse ich danach, hm?“

„Du stehst auf Kuchen und Torten, oder?“

„Mehr, als auf alles andere. Torten, egal, welcher Art, sind mein Untergang, ich schwöre es.“

In der nächsten Viertelstunde lernte Pip zwei grundlegende Dinge über Ronja: Sie konnte essen wie ein Scheunendrescher und reden wie ein Wasserfall. Er amüsierte sich prächtig, ohne allzu viel zur Unterhaltung beitragen zu müssen. Ronja unterhielt den ganzen Tisch problemlos alleine, Pip lehnte sich zurück und hörte zu. Er trank Kaffee, beobachtete sie, weidete sich an ihrem Anblick. Innerlich fluchend bereute er, dass er keinen Fotoapparat mitgenommen hatte. Nicht mal sein Mobiltelefon hatte er dabei. Er hätte gerne heimlich ein Foto von ihr gemacht. Oder zwei. Oder eine ganze verdammte Speicherkarte voll.

Ronja redete nicht nur mit ihrem schönen Mund, sondern auch mit ihren nicht weniger schönen Händen. Ihre Nägel – keine Krallen, sondern relativ kurze Fingernägel, zum Glück – waren tatsächlich jeder einzelne in einem anderen Grünton lackiert. Pip mochte das, ohne sich jemals vorher Gedanken um Nagellackfarben gemacht zu haben.

„Hast du diese Limetten-Kokos-Torte probiert?“, seufzte Ronja verzückt und sah auf ihren Teller.

„Wer? Ich?“, fragte Pip und runzelte die Stirn.

Er hatte ein Stück Obstkuchen gegessen, mehr nicht.

„Ja, natürlich. Ich gucke dich an, ich rede mit dir …“

Ronja lächelte ihr breites Lächeln und legte den Kopf schief.

„Ähm, nein, habe ich nicht.“

Sie nahm Pips Kuchengabel von seinem Teller, lud ein kleines Stückchen Torte darauf und hielt ihm die Gabel hin.

„Probier mal. Oder magst du keine Kokosnuss?“

„Doch, schon …“

Pip beugte sich nach vorne und öffnete den Mund. Ronja schob ihm die Gabel zwischen die Lippen und sah ihn erwartungsvoll an.

„Und?“

Er kaute, schluckte, leckte sich über die Lippen und nickte.

„Sehr lecker.“

„Noch mehr?“

„Hm, ich weiß nicht, iss du doch, du hast doch Hunger.“

„Ich teile gerne“, antwortete sie und lächelte ihn an.

Pip hatte plötzlich das Bild der Picknicker vor Augen, ein Mädchen, das ihren Freund mit Kuchen fütterte. Da war das hier schon recht nahe dran. Näher würde er an diese harmlose, kleine Fantasie wohl nicht hinkommen, nicht in diesem Leben. Er würde die Chance nutzen und sie genießen.

„Darf ich noch mal?“, fragte er deswegen und zeigte auf ihren Teller.

„Sicher. Amaretto?“

„Egal. Was du für gut befindest.“

Er lächelte sie an, nachdem er ein bisschen von der Amaretto-Torte probiert hatte. Er würde alles nehmen, egal was. Hauptsache, es kam von ihr.

„Und? Welche schmeckt dir besser?“

„Das Limetten-Kokos-Zeug war besser, finde ich.“

„Mhm, ich auch.“

„Rutsch mal rum, zu Pip, Ronja“, sagte eine Stimme und Pip sah hoch.

Die Braut persönlich, mit einem Fotoapparat in der Hand, stand hinter Ronja und gestikulierte ungeduldig. Offenbar wollte sie von allen Gästen Fotos haben, bevor der Großteil völlig betrunken und derangiert war. Der Stuhl neben Pip war seit ein paar Minuten leer, Ronja stand auf und setzte sich neben ihn.

„Enger zusammen, wir wollen ein schönes Foto, na los!“

Ronja rutschte näher an ihn heran, legte die Hand auf seinen Oberschenkel und lachte in die Kamera. Pip erstarrte regelrecht, als er sie riechen konnte, ihre Wärme spürte, die Hand auf seinem Oberschenkel.

„Pip, verdammt noch mal! Du siehst aus, als müsstest du kleine Kätzchen schlachten! Lachen, bitte!“, kommandierte Andrea und blickte konzentriert auf den Bildschirm der Digitalkamera.

Er atmete tief durch und setzte sein strahlendes Mogelpackung-mir-geht’s-super-Lächeln auf.

„Leg doch mal den Arm um Ronja, Pip. Und nochmal so schön lachen wie gerade eben.“

Andrea war unerbittlich. Schon immer gewesen.

„Zeigen!“, rief Ronja, bevor Andrea weiterziehen konnte.

Sie nahm die Kamera und betrachtete gemeinsam mit Pip die beiden Bilder.

„Sieht toll aus“, merkte Ronja an. „Kannst du mir die Fotos schicken? Per Mail?“

„Mir auch, bitte!“, beeilte sich Pip zu sagen.

Er wollte diese beiden Fotos haben. Unbedingt. Sie waren zum Heulen schön. Andrea nahm die Kamera zurück und betrachtete mit dem kritischen Blick der Fotografin nacheinander die Bilder.

„Ja, die sind super. Ihr zwei würdet ein sehr fotogenes Pärchen abgeben. Ihr seht toll zusammen aus. Das liegt an den Sommersprossen“, grinste Andrea und ging einen Tisch weiter.

Pip fiel auf, dass sein Arm immer noch um Ronjas Schultern lag und beeilte sich, ihn wegzunehmen. Ronja erhob sich und grinste ihn an, ging zu ihrem Platz und aß den Kuchen fertig, während sie Pip von einem Fotokurs erzählte, den sie gemeinsam mit Andrea besucht hatte.

Während er ihr zuhörte, konnte er nur an die beiden Fotos denken. Er würde sie aufhängen. Oder sie auf den Wohnzimmertisch stellen.

„Was sind deine Hobbies?“, fragte Ronja gerade und Pip riss sich zusammen.

Tja. Hobbies. Er hatte mal Handball gespielt, aber die Zeiten waren ja vorbei. Nichtsdestotrotz brauchte er eine Antwort.

„Mhm, ich mache viel Sport …“

„Das sieht man …“, warf Ronja ein und lächelte ihn an, bevor sie sich das letzte Stückchen Torte in den Mund schob und zufrieden seufzte.

„… und ich backe für mein Leben gern Torten.“

„Wirklich?“, fragte sie und lachte dieses bezaubernde Lachen.

Pip schüttelte den Kopf.

„Leider nicht. Aber ich könnte damit anfangen. Jederzeit.“

„Das könntest du …“, grinste sie und schenkte sich Kaffee nach.

4

Pip war klar, dass Ronja ihn attraktiv und anziehend fand. Sie fiel auf die Mogelpackung herein, wie eben alle Frauen. Es gab da keinen Unterschied, in der Beziehung waren sie alle gleich. Groß, sportlich, ein einigermaßen annehmbares Gesicht, ein gut sitzender Anzug: Jackpot. Die Damenwelt war begeistert. Single? Auf ihn mit Gebrüll. Polizeibeamter und Single? Hedwig, meine Tropfen!

Aus ihrem Verhalten schloss er, dass ihr niemand etwas von ihm erzählt hatte. Sie hatte keine Ahnung, wie er unter den Kleidern aussah. Gut. Wenn er es sich aussuchen konnte, erzählte er es sowieso lieber selbst. Dann wusste er wenigstens, dass nichts weggelassen und nichts hinzugedichtet wurde.

Nachdem das Kaffeegeschirr abgeräumt war, wurde Ronja von diversen Freundinnen der Braut rekrutiert, um irgendwelche Spielchen vorzubereiten. Der unangenehme Teil einer Hochzeitsfeier – nur getoppt von selbstgeschriebenen Gedichten. Das war der Gipfel des Grauens, der bei Pip immer sofort das Verlangen nach einer Flasche Wodka auf ex auslöste. Pip gesellte sich zu seiner Familie und hörte sich den neuesten Klatsch und Tratsch an, setzte sich dann zu Opa Erwin und lauschte geduldig, welche neuen Beschwerden dem alten Mann zu schaffen machten.

„Wie geht’s dir, mein Großer?“, fragte Erwin, als er mit seiner Litanei fertig war, und lächelte Pip liebevoll an.

„Geht schon irgendwie, Opa“, antwortete er und versuchte, möglichst aufrichtig zu zurückzulächeln.

Opa Erwins knorrige, faltige, fleckige Hand legte sich an Pips Wange und er streichelte ihn, kurz, aber sehr zärtlich.

„Die ersten fünf Jahre sind die schlimmsten, Pip. Dann hast du dich daran gewöhnt und fängst an zu vergessen, dass du mal ein ganzes Bein hattest. Es wird Alltag, weißt du?“

Pip lachte freudlos auf und zuckte mit den Schultern. Was sollte er darauf schon sagen?

„Was macht die Liebe, mein Junge? Ich hab nicht mehr lange Zeit und ich hätte gerne noch einen Urenkel von dir.“

„Nichts. Tut mir leid, aber ich fürchte, diesen Wunsch werde ich dir nicht erfüllen können.“

Pip sah sich um, aber es war niemand in Hörweite. Die Gelegenheit war günstig und er hatte das dringend Bedürfnis, mit jemandem zu reden, der aus eigener Erfahrung nachvollziehen konnte, wovon Pip sprach.

„Ich habe ab und zu mal Verabredungen. Aber wenn sie dann erfahren, wie ich unter den Kleidern aussehe, sind sie alle schneller weg, als man sich anständig verabschieden kann.“

„Das ist bitter. Tut mir leid, Pip. Das war damals bei uns noch anders.“

„Ich weiß, Opa.“

„Lass dich nicht unterkriegen.“

„Fand Oma … es schlimm dich anzusehen oder anzufassen, Opa? Und ich will keine Details wissen!“

„Nein, keine Sekunde. Und falls doch, hat sie es sehr gut versteckt.“

Pip ließ den Kopf hängen und sah auf den Boden, atmete tief durch und stützte dann seine Schläfe auf die Hand.

„Ich glaube, solche Frauen gibt es heute nicht mehr.“

„Uh, sag das nicht. Irgendwo gibt es eine. Was ist zum Beispiel mit dem Lockenkopf, der da drüben sitzt, und dich keine Sekunde aus den Augen lassen kann?“, grinste der alte Mann und schlug Pip aufmunternd auf die Schulter.

„Das ist Ronja. Wir haben uns beim Kaffee unterhalten. Sie hat keine Ahnung, was mit mir los ist. Sie glaubt, ich wäre ein gute Partie.“

„Und das bist du zweifellos. Die beste Partie von all den ganzen Schnarchnasen, die hier durch die Gänge schlappen, inklusive dieser Trantüte von Ehemann, die sich Andrea da geangelt hat.“

Erwin schnalzte missbilligend mit der Zunge und Pip schüttelte den Kopf.

„Ich bin keine …“

„Du bist. Glaub deinem alten Großvater nur einmal. Sieh dich mal um. Sieben Kinder. 17 Enkel, vier Urenkel. Und warum? Weil ich die beste Partie von allen war. Und das, obwohl mir ein Haxen gefehlt hat. Ich war mir immer etwas wert, Pip. Ich wusste, was zählt. Weißt du, was zählt?“

„Sag’s mir, Opa“, lächelte Pip und lehnte sich weiter vor.

„Was wirklich zählt, ist das, was du im Kopf hast, was du im Herzen fühlst und was du mit deinem Schwanz anstellst, Pip. Und ob man dabei zehn Zehen hat oder nur fünf, das ist völlig egal.“

„Opa“, grinste Pip, „Du bist unmöglich.“

„Ich sag nur die Wahrheit, mein Großer. Und du hast einen entscheidenden Vorteil mir gegenüber.“

„Der wäre?“

„Du hast eine Prothese mit der du zurechtkommst. Hatte ich nicht. Das heißt, du kannst deine Liebste sogar problemlos im Stehen …“

„Stopp!“, fiel ihm Pip ins Wort und lachte, „Kein Wort mehr, Opa, das war deutlich genug.“

„Wir verstehen uns.“

„Ja, Opa. Wir verstehen uns.“

„Dann halt dich dran. Oder ich leg dich über mein eines Knie und versohl dir den Hintern mit meiner Krücke. Jetzt schnapp dir diese Ronja und beweise ihr, dass du tatsächlich die beste Partie in diesem ganzen Haufen Irrer bist.“

„Dieser Haufen Irrer …“, sagte Pips Mutter, die die letzten Worte gehört hatte, „… ist zu einem Großteil dein Genpool, Papa.“

„Das ist richtig und ich könnte stolzer nicht sein, mein Schatz. Trotzdem ist Pip die beste Partie. Denn er ist mir am ähnlichsten von allen.“

Pip lächelte seiner Mutter zu und ging zurück zu seinem Platz. Er brauchte etwas zu trinken. Nachdem er sich eine Flasche Wasser vom Tisch genommen hatte, ging er durch ein kleines Tor in den stilleren Hinterhof, in dem erst am Abend Gäste sitzen würden. Er suchte sich einen Platz in der Sonne, öffnete die Flasche und trank. Das Stimmengewirr drang nur gedämpft zu ihm und er dachte über die Worte seines Großvaters nach. Das Tor quietschte leise und er hörte Schritte auf dem Kies.

„Pip“, sagte Ronja, „Deine Mutter fragt, ob sie dir ein Kuchenpaket zum Mitnehmen machen soll.“

„Bloß nicht!“, antwortete er und hob abwehrend eine Hand. „Sie soll lieber dir ein bisschen mehr einpacken. Ich schmeiße den Kuchen zum Großteil doch sowieso weg. So viel Kuchen kann ich nicht essen.“

„Okay.“

Ronja drehte sich um und ging wieder nach vorne. Pip runzelte die Stirn. Er hätte wetten mögen, dass sie bei ihm bleiben würde. Aber gut: Vielleicht hatte sie wirklich alle Hände voll zu tun. Und woher kannte Ronja überhaupt seine Mutter?

Es dauerte ungefähr zehn Minuten, dann quietschte das Tor wieder.

„Hey“, sagte Ronja und ließ sich neben ihm auf einen Stuhl fallen. „Ist alles in Ordnung?“

„Will das meine Mutter wissen, oder du?“

„Ich. Deine Mutter gibt sich kryptisch und orakelt vor sich hin, schweigt aber im Endeffekt wie ein Grab.“

„Das ist nicht meine Mutter, meine Mutter schweigt nie“, grinste Pip und hielt ihr die Wasserflasche hin. „Ich habe aber schon daraus getrunken …“

„Macht nichts“, antwortete sie und trank. „Schön hier. So ruhig.“

„Ja. Ich bin früher gerne hier gewesen.“

„Jetzt nicht mehr?“

Pip zuckte mit den Schultern, spürte sofort die spannende Haut an der linken Seite.

„Schon. Aber ich gehe nie alleine essen. Und die Leute, mit denen ich essen gehe, finden das hier nicht so gut wie ich.“

„Mit wem warst du früher hier?“

Ronja reichte ihm die Wasserflasche und lehnte sich bequem zurück, überkreuzte die Beine an den Knöcheln, verschränkte die Hände über ihrem Bauch.

„Mit Leo, meiner damaligen Freundin.“

„Und jetzt bist du solo?“

„Ja, bin ich.“

„Mhm. Gerne und aus Überzeugung?“

„Nein und nein.“

„Pip!“, rief es vom Tor her, „Du sollst dich nicht immer verstecken. Schwing deinen Knackarsch zu uns. Wir brauchen noch einen Spieler!“

Pips Schwester Doro kam den Weg entlang, die Arme in die Seiten gestützt.

„Was spielt ihr denn?“, fragte er und seufzte gottergeben.

„Poker, was sonst?“

„Um Geld?“

„Natürlich um Geld. Alles andere ist doch Kinderkacke.“

„Illegales Glückspiel. Ihr seid alle verhaftet“, grinste Pip und stand auf. „Spielst du Poker?“

„Nein. Aber ich wollte es schon immer mal lernen.“

„Dann los.“

„Ich fürchte, ich kann nicht, ich muss mit den anderen Hühnern …“

„Gut, dann nächstes Mal.“

„Gerne“, antwortete Ronja und ging an Doro vorbei durchs Tor.

„Herzlichen Dank auch“, murmelte er, als er an seiner Schwester vorbeilief.

„Läuft da etwa was?“, fragte Doro erstaunt und folgte ihm.

„Dank dir und deinen Pokerfreunden nicht.“

„Sorry, Pip. Wusste ich ja nicht. Mir erzählt ja keiner was.“

Er schnaubte nur.

Eine Stunde später war er fünf Euro los und überließ seinen Stuhl am Pokertisch Andreas Schwiegervater. Ronja saß auf ihrem Platz und hatte sich so gedreht, dass sie alles überblicken konnte.

„Gewonnen?“, fragte sie, als sich Pip langsam auf einen freien Stuhl neben ihr setzte.

„Nein. Fünf Euro verloren. Ich hätte die ganze Bande doch verhaften sollen.“

Sie schwiegen ein paar Minuten und sahen den verschiedenen Gästen zu, die Kindern nachjagten, lauthals lachten, immer noch Poker spielten oder – im Fall von Opa Erwin – ein kleines Schläfchen machten.

„Ich bin auch solo“, sagte Ronja dann leise und warf ihm einen kurzen Blick zu.

„Dachte ich mir. Sonst hättest du eine Begleitung.“

Pip lächelte, ohne den Blick von seinem Großvater zu nehmen. Sein Stumpf zuckte im Schlaf und er fragte sich, ob er träumte, er könne noch laufen. So, wie er selbst immer träumte, dass er noch beide Beine hatte. Vollständig. Ob diese Träume irgendwann aufhörten? Ob man irgendwann anders träumte? War man dann mit seinem Schicksal versöhnt, wenn man sich im Traum mit Narben und ohne Bein sah?

Ronja folgte seinem Blick: „Ihr mögt euch und steht euch nahe.“

„Ja. Wir sind uns ähnlich.“

„Er ist noch ziemlich fit für sein Alter und sein … sein Handicap.“

Pip zuckte mit den Schultern.

„Er lebt damit schon über sechzig Jahre. Vielleicht kann er sich schon gar nicht mehr erinnern, wie es war, zwei Beine bis zum Boden zu haben.“

„Das ist traurig, finde ich.“

„Was?“, fragte er, löste den Blick von seinem Großvater und sah sie an.

„Mit so einer Behinderung leben zu müssen. Es nimmt einem so viele Möglichkeiten und …“

„Ja“, unterbrach Pip, „Ich verstehe, was du meinst.“

Nein, sie hatte wirklich keine Ahnung, was seine Vergangenheit betraf.

„Ja, es ist traurig. Aber Mitleid hilft niemandem“, fuhr er fort und stand auf.

Sie legte den Kopf schief und betrachtete ihn nachdenklich.

„Habe ich dich verärgert?“

„Nein, es ist … nichts. Schon okay.“

Sein Standardsatz. Ist schon okay. Macht euch keine Umstände, keine Gedanken. Ich komme schon klar. Es ist okay. Und dabei war nichts okay, gar nichts.

„Was ist besser als Mitleid?“, fragte Ronja und klopfte einladend auf den Stuhl neben sich.

Pip nahm doch wieder Platz und atmete tief durch.

„Akzeptanz.“

„Okay. Einverstanden. Du hast recht.“

„Die Scheu abzulegen, sich damit zu beschäftigen. Man sollte seine Berührungsängste überwinden, nicht nur im übertragenen Sinn.“

„Das ist schwer, glaube ich.“

„Wieso sollte das schwer sein?“

Pip zog die Augenbrauen nach oben und sah sie fragend an.

„Es ist eine Gratwanderung, zumindest stelle ich mir das so vor. Was ist okay, was ist nicht mehr okay? Ich hätte Angst, dass … dass ich mein Gegenüber verletze, auf welche Art auch immer.“

„Also würdest du auf Körperkontakt lieber verzichten?“

„Am Anfang auf jeden Fall. Ich glaube, wenn ich eine solche Behinderung hätte, würde ich nicht wollen, dass jemand mich berührt. Es wäre, als ob man den Finger auf die Wunde legt, im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Wenn dir nächste Woche etwas passieren würde, würdest du dann bis zum Ende deines Lebens auf Nähe verzichten wollen?“

„Nein, vermutlich nicht.“

„Siehst du? Das Bedürfnis nach Nähe und Liebe ist ein Grundbedürfnis. Je verletzlicher jemand ist, desto dringender braucht er beides.“

„Mhm-mhm. Klingt nachvollziehbar. Hat dein Großvater Probleme damit gehabt?“

„Mein Großvater? Nein, der nicht“, antwortete Pip und ließ seinen Blick starr auf dem alten Mann im Rollstuhl ruhen.

„Du hast dich mit dem Thema beschäftigt, oder?“

„Ja, habe ich.“

„Ich hatte noch nie mit … mit gehandicapten Menschen zu tun, zumindest privat nicht. Ich kenne eigentlich niemanden, der … der meine Unterstützung brauchen könnte.“

„Ist dir der Gedanke unangenehm?“

„Nicht direkt unangenehm. Aber ich wäre vermutlich nicht ganz so selbstsicher wie sonst.“

Pip nickte und lächelte ihr zu.

„Du würdest das gut machen, ich bin mir sicher.“

„Danke. Kommst du morgen mit?“, fragte sie und schlug die Beine übereinander, richtete sich den Rock ihres Kleides.

„Mit? Wohin?“

„Andrea braucht nach der Hochzeitsnacht maximale Entspannung, sagt sie, also gehen wir in die Therme und lassen uns verwöhnen. Whirlpool, Sauna, Massagen, das ganze Programm. Hat dir das noch keiner gesagt? Wir sind alle herzlich eingeladen uns anzuschließen.“

„Oh. Nein, hat mir noch keiner gesagt.“

„Und? Kommst du mit?“

Vor zwei Jahren hätte er „Ja“ gesagt. Er war gerne schwimmen gegangen, gerne in die Sauna, er liebte Massagen. Jetzt konnte er das niemandem zumuten. Weder sich selbst noch unbeteiligten Badegästen. Pip atmete tief durch und schüttelte den Kopf.

„Sorry. Ich habe morgen schon was anderes vor.“

Manuel auf dem Friedhof besuchen. An die Wand starren. Ins Fitnessstudio gehen. Glückliche Pärchen beim Picknicken beobachten. An die Wand starren. Das übliche eben.

„Nächstes Mal?“

„Mal sehen“, antwortete er ausweichend und kratzte sich am Hals.

„Was hast du morgen vor?“

„Ich … ich wollte einen alten Freund besuchen, zum Sport gehen und mich … im Park auf eine Bank setzen und naja … nichts tun. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“

„Meinst du, ich könnte dir am späten Nachmittag auf dieser Bank Gesellschaft leisten?“

„Bist du nicht in der Therme?“

„Ich würde mich ein wenig früher verabschieden und …“

„Nein, mach das nicht. Genieß den Tag dort und lass dich verwöhnen.“

„Okay, wenn du das sagst …“

Ronja verschränkte die Arme vor der Brust. Und Pip brauchte dringend einen Alternativvorschlag.

„Gehst du gerne ins Kino?“

Sie sah ihn an und ihre Augen begannen zu leuchten. „Ja, sehr gerne.“

„Hast du nächstes Wochenende schon was vor?“

„Nein, noch nicht. Wollen wir Samstag ins Kino gehen?“

„Klar“, sagte Pip und lächelte. „Gerne.“

„Welcher Film?“, fragte sie und die Freude war ihr so deutlich anzusehen, dass Pip tief durchatmen musste, um sich zu beruhigen.

Es war verlorene Liebesmüh. Sie würde gehen, wenn sie ihn sehen würde, wenn sie die Wahrheit über seinen Zustand wüsste. Wie sie alle immer gingen.

„Mir egal, ich sehe mir alles an. Such du den Film aus.“

„Okay. Ich rufe dich an, wenn ich mir einen Film ausgesucht habe. Wenn du mir deine Telefonnummer gibst …“

„Natürlich.“

Ronja zog ihr Handy aus der Handtasche und war wenige Sekunden später soweit. Pip diktierte ihr Handy- und Festnetznummer und rollte dabei möglichst unauffällig mit der linken Schulter, an der die Haut wieder spannte.

„Willst du meine Nummer haben?“

„Ja, aber ich habe mein Handy nicht dabei. Entweder schreibst du mir eine SMS oder wir müssen altmodisch Stift und Papier besorgen und sie so aufschreiben.

„Ich hole Stift und Papier und schreibe dir eine SMS“, grinste Ronja und sprang auf, um sich von der Theke ein Blatt Papier zu nehmen.

Sie steht ziemlich auf mich, dachte Pip, als er ihr nachsah. Der Aufprall in der Realität wird sie hart treffen. Das hat sie nicht verdient, sie ist so süß, offen, so lieb und großzügig. Es tat ihm leid, sie so hart enttäuschen zu müssen, denn er mochte sie wirklich.

5

Das Essen war wirklich gut und die Stimmung hervorragend. Pip fragte sich, wann er zuletzt so gut gegessen hatte. Schon lange nicht mehr. Er beteiligte sich ein wenig an den Tischgesprächen und hatte dabei immer ein Auge auf Ronja, die der Mittelpunkt der Gespräche war.

„Musst du noch fahren?“, fragte sie, nachdem das Dessert abgeräumt worden war und zeigte auf Pips Wasserglas.

„Ja. Muss ich. Musst du noch fahren?“, fragte er zurück und deutete seinerseits auf Ronjas Weinglas.

„Nein. Ich habe ein Zimmer im Hotel um die Ecke gebucht. Der ganze Hühnerhaufen übernachtet da.“

„Gut. Ich kann Menschen nicht ab, die Alkohol trinken und sich dann in ein Auto setzen.“

Pip dachte an den betrunkenen Idioten, der sich der Polizeikontrolle entziehen wollte und mit mehr als zwei Promille im Blut über die Landstraße gerast war. Er war schuld an dem Unfall, der Manuels Leben beendet und Pips Leben zerstört hatte. Ronja runzelte die Stirn über die hörbare Schärfe in Pips Worten und beeilte sich zu versichern, dass sie niemals, nie, nie, nie, fahren würde, wenn sie auch nur einen einzigen Tropfen Alkohol getrunken hätte.

„Du lügst. Du hast schon mal ein Glas getrunken und bist dann gefahren.“

„Okay, erwischt.“

Ronja hob entschuldigend die Hände und senkte schuldbewusst den Blick.

„Haben wir alle schon mal gemacht.“

Pip bemühte sich, versöhnlich zu klingen und sie lächelte ihn an: „Ist das die „good cop, bad cop“-Nummer? Und wenn ja, welcher bist du und wer ist der andere?“

„Ist es nicht. Ich bin ja alleine hier.“

„Funktioniert das wirklich? Gibt’s das überhaupt?“

„Was? Die „good cop, bad cop“-Nummer?“ Pip grinste und lehnte sich zurück. „Verrate ich nicht.“

„Komm schon!“, lachte sie und Pip griff nach rechts, nahm die Flasche aus dem Weinkühler und schenkte ihr noch einmal ein.

„Machst du mich betrunken?“

Pip zuckte mit den Schultern: „Das Hotelzimmer muss sich doch gelohnt haben.“

„Ich wüsste wesentlich lohnenderes mit einem Hotelzimmer anzustellen, als mich zu besaufen und das Bett nur zum Schlafen zu benutzen …“, grölte der Typ neben Ronja und legte ihr den Arm um die Schultern.

Er gehörte zur Familie des Bräutigams und Pip hatte seinen Namen bereits wieder vergessen. Er war definitiv betrunken und täte ebenfalls gut daran, nicht mehr zu fahren. Oder alleine auf ein Hotelzimmer zu verschwinden. Am besten sofort, dachte Pip.

Ronja lächelte ihn an, nahm seinen Arm weg und sagte sehr freundlich: „Ja, man kann auch seine Leidenschaft in Hotelzimmern ausleben. Man braucht nur das richtige Werkzeug …“

„Uh, Süße … Das klingt verlockend. An welches Werkzeug denkst du denn da?“

Er, eher der Typ Schmierlappen und mindestens zwanzig Jahre älter als Ronja, legte seinen Arm wieder um sie, ließ seine Fingerspitzen über ihren nackten Oberarm wandern.

„Einen Stuhl, ein Seil …“

„Oh, das hört sich gut an, nur weiter, nur weiter …“

Gleich fängt er an zu sabbern, dachte Pip und sah den Kerl mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Gleichzeitig fragte er sich, was für ein Spielchen Ronja da trieb.

„… und eine Brotschneidemaschine“, fuhr Ronja fort und grinste Pip an.

„Eine Brotschneidemaschine?“, fragte ihr Nachbar nach und runzelte die Stirn.

„Genau. Um übergriffigen Grapschern nacheinander scheibchenweise die Finger abzuschneiden. Einen. Nach. Dem. Anderen.“

Die Hand verschwand von Ronjas Oberarm und sie lächelte ihren Nebenmann an. Pip biss sich auf die Lippe, um ein allzu fettes Grinsen zu verbergen. Am liebsten hätte er laut gelacht.

„Danke schön“, sagte sie freundlich und rutschte ein Stück weiter von ihm weg.

„Der war gut …“, murmelte er, stand auf und ging ein paar Tische weiter.

„Hast du öfter solche Fantasien?“, grinste Pip und beugte sich interessiert weiter vor.

„Ja. Immerzu. Am intensivsten dann, wenn Kunden vor mir stehen, die Dinge sagen wie …“, Ronja setzte einen affektierten Gesichtsausdruck auf und verstellte die Stimme, „Entschuldigen Sie, Frollein, eine Frage. Meine Schwägerin hat mir von einem Buch erzählt. Da geht’s um eine Liebesgeschichte. Sie war total begeistert. Ich weiß leider nicht, wie es heißt oder wer es geschrieben hat, aber der Einband ist mehr so blau. Haben Sie das?“

Pip lachte und Ronja ballte die linke Hand zur Faust und biss sich gespielt verzweifelt hinein.

„Orrr, da krieg ich Plaque. Jedes Mal aufs Neue …“

„Du Arme …“, spottete er, „Willst du Mitleid?“

„Nein“, lächelte sie, „Kein Mitleid. Akzeptanz.“

„Treffer, versenkt.“

„Ich lerne schnell. Hast du schon mal auf jemanden schießen müssen?“

„Nein. Noch nie. Zum Glück.“

„Hast du Angst davor, dass du irgendwann mal musst?“

Pip schüttelte den Kopf: „Passiert nicht. Ausgeschlossen.“

„Wieso nicht? Was macht dich so sicher?“

„Ich habe meine Dienstwaffe vor über einem Jahr abgegeben. Ich trage keine mehr. Weil ich nur noch hinter dem Schreibtisch sitze.“

„Nur Schreibtisch? Keine Vernehmungen?“

„Doch, das schon.“

„Aha. Also doch! Ich wette, du bist immer der nette von beiden.“

Pip legte den Kopf schief und grinste.

„Ich kann auch böse. Und ich mache von meinen Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.“

„Darf ich fragen, warum du nur noch …“

Pip schüttelte den Kopf: „Aussageverweigerungsrecht.“

„Ich sage nur noch ein Wort: Anwalt! So ungefähr?“

„Richtig. Anwalt.“

Pip sah ihr lange in die Augen und lächelte. Der intensive Blickkontakt wurde dann durch laute „Ronja“-Rufe unterbrochen. Pip sah Andreas Freundinnen hektische Handzeichen geben, eine der Damen lief eilig auf Ronja zu, um sie ihm zu entführen. Der Spaß ging jetzt erst so richtig los. Pip seufzte tief.

„Du gehst jetzt aber nicht, oder?“, fragte sie leise, während sie aufstand.

„Nein. Ich bleibe noch.“

„Schön. Bis später.“

Sie schenkte ihm im Weggehen ein strahlendes Lächeln über die Schulter und Pip lehnte sich zurück, bewunderte ihren grazilen Hüftschwung und starrte ihr auf den Hintern – in der Hoffnung, seine Augäpfel würden nicht in der nächsten Brotschneidemaschine enden. Sie brachte ihm zum Lachen, sie war charmant, klug, schlagfertig und verdammt noch mal wunderschön. Wäre ich nicht auf Akzeptanz angewiesen, dachte er, hätte ich sie in ihrem Hotelzimmer gevögelt. Noch bevor die Gulaschsuppe serviert wird. Heute jedoch würde die Gulaschsuppe der Höhepunkt der Nacht sein. Irgendwann später würde er nach Hause fahren, in die leere, stille Wohnung, den Anzug ausziehen und dabei auf das leere, ungemachte Bett blicken. Sein Kopfkino zeigte ihm eine Alternativversion: Hände, mit in verschiedenen Grüntönen lackierten Nägeln, die seine Krawatte aufzogen, die Weste und das Hemd aufknöpften, während er den Reißverschluss ihres Kleides öffnete.

Pip schüttelte den Kopf und vertrieb die Bilder, bevor sie noch eine sichtbare Wirkung zeigten. Das folgende Spektakel beobachtete er aus seiner Ecke, ohne jemals den Blick länger als fünf Sekunden von Ronja zu nehmen. Als sie nach einer guten Dreiviertelstunde wieder zurückkam, lachte sie und schwankte ein bisschen. Sie war betrunken. Circa drei Meter von ihrem Tisch entfernt hielt sie eine der Frauen am Arm fest und flüsterte ihr etwas zu. Ronja lachte laut und umarmte ihre Gesprächspartnerin. Dann kam sie auf Pip zu und ließ sich auf ihren Stuhl fallen, immer noch lachend. Sie griff nach ihrem Weinglas und trank es leer. Auf ex. Sie angelte nach der Flasche und schenkte sich ein.

Als das Glas halbvoll war, streckte Pip die Hand aus und nahm ihr sanft die Flasche ab.

„Nicht so gierig“, lächelte er und Ronja beugte sich ein Stück über den Tisch, bedeutete ihm mit dem Finger, näher zu kommen.

„Was?“, fragte er grinsend und beugte sich noch weiter nach vorne.

Ihre Nasen waren nur noch zehn Zentimeter voneinander entfernt und Pip blickte Ronja in die Augen, die glänzten, vor Freude, durch den Alkohol, vor Leben.

„Ich bin immer gierig. Nach dem Leben. Man hat nur eines. Und ich will meines genießen.“

„Gute Einstellung“, sagte er leise.

Er konnte sehen, dass sie überlegte, ob sie ihn küssen sollte.

„Ich habe ein wenig Angst, dass meine Lippen in einer Brotschneidemaschine landen, weißt du?“, grinste er und Ronja lächelte strahlend, stützte ihren Kopf in die Hand.

„Du bist gut“, antwortete sie, „Du kannst Gedanken lesen …“

„Kann ich. Meine geheime Superkraft.“

„Das ist sexy.“

Pip lachte und schüttelte den Kopf.

„Du bist sexy.“

„Ich bin betrunken.“

„Ohne jeden Zweifel.“

Ronja lachte leise und lehnte sich zurück.

„In welcher Buchhandlung arbeitest du?“, fragte er und stellte die Weinflasche, die er immer noch in der Hand hielt, zurück in den Kühler.

„In der Buchhandlung in der alten Schreinerei. Weißt du, wo das ist?“

„Klar. Ich kenne jeden Winkel in der Stadt. Ich bin lange Streife gefahren.“

Die alte Schreinerei lag in einem kleinen, verwinkelten Eck der Altstadt, direkt an einem Platz, auf dem ein alter Brunnen stand. Es war idyllisch und wunderschön dort. Ronja passte dort hinein.

„Das könnte ich nicht …“, sagte Ronja und schüttelte den Kopf.

„Was? Streife fahren?“

„Ja.“

„Warum nicht?“

„Weil mich das unheimlich nerven würde, mir den ganzen Tag dumme Ausreden anzuhören, mich in völlig verworrene Sachverhalte hineinzudenken und mich mit Typen abgeben zu müssen, die schon rot sehen, nur weil ich eine Uniform trage.“

„Mir hat das immer Spaß gemacht. Man muss da drüber stehen.“

„Und ich würde mich vor den ganzen Leichen gruseln. Noch schlimmer stelle ich mir Autounfallopfer vor, schwerstverletzt, mit Verbrennungen und so …“

Ronja stockte und suchte nach Worten. Sag jetzt nichts falsches, bitte, dachte Pip. Nichts, was mich dazu bringt, dich abzuschreiben. Nimm das Wort „Ekel“ in den Mund und wir sind fertig.

„Ich würde mir solche Sorgen machen, dass ich nachts nicht mehr schlafen könnte. Da würde ich mitleiden, glaube ich, mitfühlen.“

„Ja, verstehe ich“, antwortete Pip und atmete tief durch.

„Ging dir das auch so?“

„Bei Erwachsenen nicht, das lernt man relativ schnell, dass man eine neutrale Sichtweise braucht, sonst geht man kaputt. Aber immer, wenn Kinder beteiligt waren, konnte ich das nicht mehr. Das hat mich dann auch wachgehalten.“

„Oh, Gott! An Kinder hatte ich jetzt nicht mal gedacht. Nein, ich könnte das definitiv nicht. Ich würde auf der Straße stehen und heulen, wenn da ein Kind beteiligt wäre.“

„Dann wärst du im Dezernat für Wirtschaftskriminalität besser aufgehoben“, lächelte er.

Ronja schüttelte den Kopf: „Ich wäre ein furchtbare Polizistin geworden. Ich bleibe in der Buchhandlung, danke.“

Sie trank einen Schluck Wein und drehte sich dann ein bisschen auf ihrem Stuhl, weil jemand über Mikrofon eine Rede angekündigt hatte. Der Trauzeuge würde sprechen. Ronja hörte zu, ihre Finger spielten gedankenverloren mit einer Serviette und Pip bewunderte ausgiebig ihr Profil. Das sanfte Licht aus indirekter Beleuchtung, vielen Kerzen und Lampions ließ ihre Haare leuchten und gab ihren Konturen etwas noch sanfteres, weicheres, als sie im Tageslicht sowieso schon hatte. Sie lachte, als der Redner einen Witz machte, und Pip bewunderte die kleinen Lachfältchen an ihren Augen. Ronja lachte viel und hatte diese warme, tröstliche Ausstrahlung. Sie wäre eine gute Polizistin geworden, dachte er. Denn sie hatte etwas, das jegliche Aggression ihr gegenüber abblockte. Man konnte ihr nicht böse werden, dachte er, nur ein bisschen vielleicht und das nur kurz.

Nach den Reden – der Trauzeuge hatte nur den Anfang gemacht und das selbstgeschriebene Gedicht von Andreas Schwiegermutter hatte Pip sofort wieder an eine Flasche Wodka denken lassen – wurde Ronja wieder von ihrem Platz geholt. Diesmal, um zu tanzen. Lange konnte Pip nicht zusehen, denn dann setzte sich sein Cousin Alex auf Ronjas Stuhl und verwickelte ihn in ein langatmiges Gespräch über Computerkriminalität. Als Ronja mit geröteten Wangen zurückkam, setzte sie sich neben Pip und reichte Alex die Hand über den Tisch.

„Hi“, sagte sie, „Ronja.“

„Alex“, antwortete er und lächelte sie an.

Alex wedelte mit dem Finger zwischen Pip und Ronja hin und her: „Ihr zwei …?“

„Nein“, antwortete Pip.

„Ja“, sagte Ronja gleichzeitig und stupste Pips rechtes Knie mit ihrem linken an.

„Ja“, wiederholte Pip und grinste, weil Alex so verwirrt aussah.

„Gut, dann störe ich euch nicht länger.“

Alex stand auf und ging. Ronja machte keine Anstalten, sich auf ihren wieder freigewordenen Platz zu setzen.

„Also“, sagte sie, „Wer ist die, die sich gerade mit Andrea unterhält?“

„Moment“, antwortete Pip, „Wir waren gerade bei „ja“. „Ja“, was?“

„Wir haben ein Date nächsten Samstag, oder? Hört sich für mich nach einem „Ja“ an.“

„Aber … Ist das nicht ein bisschen schnell?“

„Die Gier, weißt du?“, grinste sie und sah ihn ernst an – so ernst, wie es ihr Alkoholpegel eben zuließ. „Ich würde noch heute Nacht mit dir ins Bett gehen. Aber du willst nicht, weil du ein netter Kerl bist. Ein Gentleman. Oder weil es gegen deine Ehre verstößt, eine betrunkene Frau flachzulegen. Egal, was auch immer. Wir mögen uns, ohne jeden Zweifel. Das macht es zu einem ‚Ja‘. Oder siehst du das anders?“

Pip lachte: „Nein, ich sehe das auch so. Und ich frage mich, ob du das auch so geradeheraus gesagt hättest, wenn du nüchtern wärst.“

„Hätte ich. Ich bin immer so. Also, wer ist jetzt die Frau da?“

„Eine meiner zahlreichen Cousinen. Ich habe zwölf davon. Sie heißt Maren.“

„Hat sie sich die Brüste vergrößern lassen?“

„Was?“

„Das sieht so unecht aus, finde ich.“

„Mhm. Keine Ahnung. Vielleicht. Ich kann’s wirklich nicht sagen.“

„Der Typ in Jeans und T-Shirt, der die Fotos macht – wer ist das?“

„Keine Ahnung. Gehört zum Bräutigam, nehme ich an.“

„Ich mag deine Familie, Pip. Deine Mutter ist eine Granate.“

„Ich mag meine Familie auch. Solange sie einzeln auftreten und …“

Und mich nicht allzu offen bemitleiden und verhätscheln und sich benehmen, als würde ich nächste Woche beerdigt werden.

„Und?“, fragte Ronja nach, als Pip nicht weitersprach.

„Und mich nicht über Gebühr nerven.“

„Womit nerven sie dich denn?“

„Oh, das übliche. Pip, du wirst bald 30, willst du nicht auch mal heiraten und Kinder haben?“

„Wann wirst du 30?“

„Am 17. Oktober.“

„Hast du was geplant? Für den 30.?“

Wenn ich mir was wünschen dürfte, würde ich den Tag gerne mit dir verbringen, dachte er. Alleine, vorzugsweise zu großen Teilen im Bett.

„Nein. Gar nichts. Ich feiere nie Geburtstag. Wann hast du?“

„8. Februar. Ich bin 27 geworden. Und ich schmeiße immer riesige Partys, wenn ich Geburtstag habe.“

Nichts anderes hätte ich erwartet, dachte Pip.

Drei Stunden später fuhr er nach Hause und schloss die Wohnungstür auf. Die Stille empfing ihn und die Dunkelheit projizierte Bilder des Tages in seinem Kopf. Ronja hatte ihren Kopf an seine Schulter gelegt und sich mit ihm über Gott und die Welt unterhalten. Sie hatte keinen Alkohol mehr getrunken und war nicht mehr von seiner Seite gewichen. Er hatte den Geruch ihrer Haare noch in der Nase, spürte noch die erstaunten Blicke auf sich – Pip saß dort mit einer Frau, die sich an ihn lehnte und das, obwohl sonst niemand Pip zu nahe kam. Seine Mutter lächelte ihn an und er hatte die Freude in ihrem Gesicht sehen können. Dass Ronja keine Ahnung hatte, wussten sie ja nicht. Pip hatte beschlossen, die fragile, sowieso nur kurz währende Nähe zu genießen. Er wollte es nicht zerstören, indem er ihr die Wahrheit erzählte. Das konnte er am Samstag nach dem Kinobesuch immer noch tun. Er hatte sehr mit sich kämpfen müssen, um nicht seinen Arm um sie zu legen, sie nicht zu küssen, sie nicht einmal zu küssen, als ihre Freundinnen kamen, um sie mit ins Hotel zu nehmen.

„Bis Samstag“, hatte sie gesagt, „Ich schreibe dir, wann und wo.“

„Okay. Ich freu mich.“

Pip löste die Krawatte und warf sie auf die Kommode. Er hängte den Anzug ordentlich auf und ging dann ins Wohnzimmer. Stumpfpflege und Prothesenpflege. Doch diesmal ließ er den Fernseher aus. Die Bilder, die sein Kopfkino ihm zeigte, waren besser als alles, was im Fernsehen laufen konnte.

6

Am Mittwochabend bekam er eine SMS von Ronja. Er hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschrieben. Wenn sie so auf ihn stehen würde, wie er sich eingebildet hatte, hätte sie sich vermutlich am Sonntagabend das erste Mal gemeldet. Aber es kam nichts. Der Montag ging vorbei, der Dienstag auch und gerade, als er am Mittwochabend ins Bett humpeln wollte, hörte er das Handy klingeln.

„Hi, Pip!“, schrieb sie, „Samstag, 20 Uhr, Tivoli. Treffen wir uns an der Bar?“

„Ja. Machen wir“, tippte er, drückte auf „Senden“ und nahm das Handy mit ins Schlafzimmer.

 

Fünf Minuten später klingelte das Telefon. Pip lag bereits im Bett und hatte das Licht ausgemacht. Er tastete im Dunkeln nach dem Handy und nahm das Gespräch an. Er musste nicht nachsehen, er wusste, wer dran war.

„Hey“, sagte er und rieb sich mit der freien Hand über die Augen.

„Hey“, antwortete sie. „Schön, dass du noch wach bist.“

„Gerade noch so. Ich wollte gerade schlafen gehen.“

„Was hast du am Sonntag vor?“

„Wieso?“

„Weil ich noch nichts vorhabe. Ich mache dir ein Angebot, dass du nicht abschlagen kannst, Pip.“

„Gehen wir in eine ‚Der Pate‘-Retrospektive?“

„Nein, keine Angst. Ich entscheide mich spontan, in welchen Film wir gehen. Retrospektiven sind aber sowieso gerade out. Was ist jetzt mit Sonntag?“

„Willst du nicht abwarten, wie das am Samstag … mhm … läuft?“

„Wie soll das schon laufen?“ Ronja lachte leise. „Wir gehen ins Kino, gehen anschließend noch was trinken, haben sehr viel Spaß, lachen viel, reden uns den Mund fusselig und treffen uns Sonntag wieder.“

„Kannst du hellsehen?“

„Ja, das ist meine geheime Superkraft.“

„Das ist sexy …“, murmelte Pip und rieb sich über die Brandnarben am Bauch.

„Du bist sexy, Pip.“

„Naja, geht so. Danke. Was hast du für ein Angebot am Sonntag?“

„Wir gehen in den Park und beobachten Leute. Tada! Das magst du doch, oder? Hast du letzten Sonntag auch schon gemacht.“

„Das kann ich ja kaum ablehnen, allerdings. Ein quasi unwiderstehliches Angebot.“

Pip lachte und schloss die Augen.

„Wirklich? Ich frage mich, was du dann zu meinem ursprünglichen Angebot gesagt hättest, wenn du die Sache mit dem Park schon so toll findest.“

„Keine Ahnung. Was wäre das denn gewesen? Die Therme?“

„Nein. Ich wollte eigentlich vorschlagen, wir suchen uns ein Bett und vögeln uns das Hirn raus, aber ich wollte nicht zu sehr mit der Tür ins Haus fallen. Du scheinst mir der amerikanische Typ zu sein, der drei Dates bis zum ersten Kuss braucht. Nach dem wievielten Date wirst du mit mir schlafen, Pip?“

Pip schwieg einen Moment und brach dann in lautes Lachen aus.

„Oh, Mann …“, keuchte er, als er sich langsam wieder in den Griff kriegte, „Du bist wirklich ein Knaller.“

„Also? Wie viele Dates?“

Pip atmete tief durch und als er antwortete, war seine Stimme unerwartet ernst und leise.

„Ich weiß es nicht, Ronja. Das lasse ich auf mich zukommen.“

„Wie kannst du das nicht wissen?“

„Weil ich immer einen Schritt nach dem nächsten mache. Ich plane nicht so lange im Voraus, ich … brauche ein bisschen Zeit.“

„Pip“, antwortete sie, „Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Wenn du aber zu dem Schluss kommst, dass du lieber gar nicht mit mir …“

„Nein“, unterbrach Pip, „Das ist nicht das Problem. Wirklich nicht.“

„Dann ist ja gut.“

Ronjas Stimme klang zärtlich und liebevoll.

„Ich freue mich auf Samstag“, sagte sie leise. „Schlaf schön, Pip.“

„Du auch.“

Pip legte auf und starrte in die Dunkelheit. Er hätte ihr sagen müssen, dass er dieses kleine Problem hatte, die chinesische Mauer unter den Problemen. Er richtete sich auf und fuhr mit der Hand über den Stumpf. Am Samstag würde er es ihr sagen. Ganz bestimmt. Pip schlief lange nicht ein, weil er an Ronja dachte, an das Date am Samstag, an eine mögliche Verabredung am Sonntag, daran, dass sie wieder ganz offen gesagt hat, was sie wollte. Er hatte noch nie eine Frau getroffen, die so offen war, so geradeheraus, ohne dabei billig und vulgär zu wirken. Ronja schaffte die Gratwanderung mit Leichtigkeit, sie fiel weder auf der einen noch auf der anderen Seite herunter.

 

Der Samstag war wahnsinnig heiß und schwül und Pip blieb den ganzen Tag in seiner Wohnung, zog die Prothese nicht an. Erst am Abend, nachdem er geduscht hatte, als er tatsächlich spürte, dass er aufgeregt war, nahm er das verhasste Teil und zog den Liner aus Silikon über die Haut, ließ die Schraube in den Prothesenkörper einrasten. Er zog sich eine lange Jeans an und eines der sorgfältig ausgewählten T-Shirts, die immer ein bisschen länger an den Armen und am Bauch waren, als es gerade Mode war – nur um zu verhindern, dass jemand zufällig die Narben sehen würde.

Als er das Haus verließ, traf ihn die Hitze wie ein Dampfhammer. Er fluchte innerlich, dass er keine kurzen Hosen tragen konnte, keine ärmellosen Shirts – oder, wie der Typ, der ihm gerade entgegen kam, einfach gar kein Shirt.

Okay, dachte er, oben ohne geht wirklich niemand ins Kino, das gehört sich nicht – und ich war immerhin den ganzen Tag über oben ohne.

Er setzte sich ins Auto und fuhr zum Kino, fand sofort einen Parkplatz, vermutlich, weil bei dieser Hitze kein Mensch ins Kino ging, und betrat wenige Minuten später pünktlich die Bar. Ronja saß schon auf einem Barhocker und strahlte ihn an, als sie ihn erblickte. Er musste schlucken, er fand sie wirklich umwerfend. Sie trug knielange Jeans, ein dunkelblaues Spaghettiträger-Shirt und hatte Chucks an den Füßen.

„Hey“, sagte sie und sprang auf. „Schön, dass du da bist!“

Sie streckte sich und umarmte ihn herzlich.

Wieso auch nicht, dachte er, als er seine Arme um sie schloss, sie hat ihre Position ja auch deutlich gemacht. Sie will mit mir ins Bett und Schüchternheit oder scheue Zurückhaltung würde ich ihr spätestens nach dem Telefonat am Mittwoch sicher nicht mehr abkaufen. Das weiß sie auch. Sie kann mich ganz offen anmachen. Sie hat nichts zu verlieren. Ich habe gesagt, dass ich sie attraktiv finde, dass ich gerne mit ihr Sex haben möchte. Zwar nicht ganz so deutlich und direkt wie sie, aber ich habe es gesagt. Ich bin ein Idiot.

„Wie geht’s dir? Schöne Woche gehabt? Alle Kunden am Leben gelassen?“, fragte er und ließ sie wieder los, brachte ein wenig Luft zwischen ihre Körper.

„Mir geht’s hervorragend. Die Kunden leben alle noch. Manche nur knapp, aber ich wollte nicht riskieren, den Samstag in U-Haft zu verbringen, weißt du?“

„Klar, verständlich.“

„Und bei dir?“

„Alles gut. Welchen Film sehen wir uns an?“

„Ich habe mich für das große Gemetzel entschieden. Ich liebe Horrorfilme. Sind spritzendes Blut und durch die Gegend fliegende Gliedmaßen für dich okay?“

„Ja, ist okay.“

„Wirklich? Es gibt auch eine Hollywood-Rom-Com nach Schema F. Die anderen Filme überzeugen mich noch weniger. Ich steh nicht so auf Science Fiction und Fantasy.“

„Ja, wirklich. Ich verfüge über ein profundes Vorwissen, was Blut und fliegende Gliedmaßen angeht, und bin gerne bereit, den Realitätsgehalt dieses Gemetzels zu überprüfen.“

„Lästerst du gerne über die Filme? Während sie laufen?“

„Ja. Wenn ich die Klappe halten soll, musst du es nur sagen.“

„Wehe, du hältst die Klappe. Ich zerreiße mir mit dem größten Vergnügen das Maul und finde nur selten jemand, der das abkann. Wenn du gut im Lästern bist, gehe ich mit dir jede Woche ins Kino.“

„Wir haben einen Deal, würde ich sagen“, grinste Pip und ließ sich von Ronja zum Popcornverkauf ziehen.

„Popcorn, Gummibärchen, M&M’s? Oder was ganz anderes?“, fragte er und zog seinen Geldbeutel aus der Jeans.

„Gummibärchen.“

„Hervorragende Wahl.“

„Ich sehe schon, das wird lustig“, lächelte Ronja und deutete auf die Kasse. „Ich gehe die Karten holen.“

„Okay. Und, Ronja?“

„Ja?“, fragte sie und drehte sich noch einmal um.

„Danke für die Einladung.“

Sie strahlte und warf ihm einen Luftkuss zu.

Ich sitze so tief in der Scheiße, dachte Pip, während er ihr lächelnd nachsah. So verdammt tief.

 

Der Film war gut gemacht, Pip und Ronja waren sich einig. Es gab tatsächlich ein paar echte Überraschungsmomente, die so gruselig waren, dass sogar Pip erschrak. Und er hielt sich in dieser Beziehung für ziemlich hart im Nehmen. Er hatte Ronja sehr geschickt auf seiner rechten Seite platziert und war ziemlich alleine mit ihr. Bei dem schönen Wetter gingen die Leute erst später ins Kino. Jetzt saßen sie alle noch in Biergärten oder in Parks oder auf ihren Balkonen oder Terrassen. Insgesamt vier Mal griff Ronja erschrocken und haltsuchend nach seiner Hand und er lehnte sich zu ihr, flüsterte irgendeinen Blödsinn oder leichten Spott und kassierte jedes Mal einen Knuff auf die Schulter. Die rechte, die gute. Die, die sie knuffen konnte, ohne etwas zu merken. Als der Film zu Ende war wusste Pip, dass er es ihr nicht sagen würde. Er würde es ihr nie sagen, wenn er es vermeiden konnte, würde sie hinhalten, bis sie irgendwann frustriert ging. Sie musste es nie erfahren. Auf diese Art konnte er maximal lange Ronjas Gesellschaft genießen, die Gefühle, die sie in ihm auslöste. Pip wusste, dass er sich in sie verliebte, er kannte dieses Wunder nur zu gut. Er steckte mittendrin und er konnte nicht aufhören.

 

Nach dem Kino gingen sie in eine Kneipe mit Außenbewirtung und unterhielten sich wirklich prächtig, lachten viel und Pip genoss jede Sekunde. Er schaffte es mit geradezu übermenschlicher Anstrengung, seine Finger bei sich zu behalten.

„Du bist tatsächlich eine Hellseherin“, grinste er, als er zahlte. „Der Abend war wirklich sehr lustig. So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr.“

„Der Tag morgen wird noch besser. Wir gehen in den Park. Eingang Kaiserstraße, halb drei?“

„Okay. Ich bin dabei.“

„Zählt die Hochzeit schon als Date?“

„Ich weiß nicht, wieso?“

„Weil man nach dem dritten Date geküsst wird. Das wäre, wenn die Hochzeit mitzählt, dann morgen, Pip.“

„Mach mir nicht so einen Stress“, grinste er und ließ ihr galant den Vortritt nach draußen auf den Bürgersteig, „Ich kann ja sonst vor Aufregung kaum schlafen.“

„Soll ich dich anrufen und dich in den Schlaf singen?“

„Uh, lieber nicht. Ich brauche absolute Ruhe, wenn ich schlafen will.“

„Genau wie ich.“

„Du? Wirklich? Du wirkst so, als bräuchtest du pausenlos Party in deinem Leben.“

„Nein“, sagte Ronja leise und lächelte Pip an, sah ihm in die Augen, „Ich kann auch ganz anders.“

„Schön“, sagte er und trat einen Schritt zurück, gerade noch rechtzeitig, bevor die Situation richtig gefährlich werden konnte. „Ich überlege mir das bis morgen, ja?“

„Ja. Ich freu mich.“

Sie warf ihm wieder eine Kusshand zu und ging zu ihrem Auto. Pip blieb stehen und sah ihr nach, stand noch da, als sie an ihm vorbeifuhr und den Arm aus dem Fenster streckte, um ihm zuzuwinken. Er überlegte, was er morgen tun sollte. Sie wollte ihn, sie hatte Lust auf ihn. Und er hatte wieder nichts gesagt, sie hatte wieder nichts gemerkt, weil er so unendlich geschickt darin war, sein Handicap zu verstecken. Wieso versteckte er es eigentlich? Pip wusste es selbst nicht. Aber er konnte sich nicht überwinden, kurze Hosen zu tragen, egal, wie heiß es war. Oder seine Narben zu zeigen. Er wollte nicht, dass man ihn so sah. Seitdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte nicht mal jemand aus seiner Familie die Narben oder den nackten Stumpf zu Gesicht bekommen. Sie kannten alle nur die frischen Narben.

 

 

Am nächsten Nachmittag, pünktlich um halb drei, stand er am Eingang des Parks und wartete auf Ronja, die kurz nach seiner Ankunft am Treffpunkt schwer beladen um die Ecke kam. Sie trug wieder kurze Jeans, diesmal noch kürzer als am Tag zuvor und wieder ein ärmelloses Top mit Spaghettiträgern. Auf dem Rücken hatte sie einen Rucksack, in der Hand einen Korb.

„Hi, Großer“, sagte sie, als er ihr entgegenkam und ihr den erstaunlich schweren Korb aus der Hand nahm.

„Hi. Gehst deine Oma besuchen, Rotkäppchen?“, fragte Pip und wickelte sich eine ihrer Locken um den Finger.

„Nein. Ich habe ein paar Leichenteile dabei und dachte, du könntest mir helfen, sie unauffällig im See zu versenken.“

„Vom Gewicht her würde ich dir das sogar glauben“, grinste Pip und zog seinen Finger aus ihren Haaren, „Aber im Ernst: Was ist das alles?“

„Picknick. Nach was sieht es denn aus?“

„Picknick?“, fragte er und sah sie fassungslos an.

Hatte er, ohne es zu merken, eine Fee getroffen, die ihm drei Wünsche erfüllte?

„Klar. Ich liebe Picknicks. Dachtest du, ich setze mich ohne Verpflegung mit dir auf die Wiese und sehe tatenlos zu, wie mich die Mücken auffressen?“

„Du hättest was sagen können, dann hätte ich …“

„Männer können kein Picknick“, wies sie ihn zurecht und stupste ihn in die Seite.

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