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Pipaponien

Prinz Pipapo und andere bei Hofe

Schon als Kind peinigten ihn große Ängste. Er war ein richtiger Angsthase. Vor allem und vor jedem fürchtete er sich. Selbst ein selbstgelassener Pups erschreckte ihn heftig. Man fragt sich, wie ein solcher Waschlappen Prinz sein konnte. Die Antwort ist einfach. Er war der einzige Sohn des Königs Pipapo I. und musste als solcher, dem Grundgesetz des Königreichs folgend, sein Nachfolger werden. Viel lieber wäre er Eremit geworden, doch das verbot die Erbfolge und der von einem Untier bewohnte Wald. In ihm hauste, man mag es kaum glauben, ein Drache. Eigentlich war er kein Drache, sondern ein aus der Urzeit stammender Dinosaurier, der es verpasst hatte, mit seinen Artgenossen vom Erdboden zu verschwinden. Er diente der Hexe Abrakadabra als Haustier. Die war keine richtige Hexe, sondern eine verzauberte Prinzessin. Als solche hatte sie es abgelehnt, die Gemahlin des Zauberers Hokuspokus zu werden. Enttäuscht verformte er sie deshalb in eine unansehnliche Hexe. Hokuspokus war anfangs kein Zauberer, sondern ein mittelloser Landstreicher, der zufällig das verschollen geglaubte Zauberbuch 'Wie räche ich mich erfolgreich?' gefunden hatte. Das sagte er aber niemandem. Hätte er's getan, wäre er vermutlich kein Zauberer geworden, weil man ihm das Buch gestohlen hätte. Prinzessin Tausendschön wäre dann vermutlich von einem anderen verhext worden, so er sich in sie verliebt hätte, sie aber nicht in ihn. Eigentlich war das Buch kein richtiges Zauberbuch, sondern ein Ratgeber für enttäuschte Herzen. In ihm fanden sich konkrete Hinweise zur Behebung seelischer Nöte. Unter anderem auch der Trick, wie man eine hübsche Jungfer zu einer von allen geschmähten schrulligen Schachtel macht. Auch der Rückverwandlung zur Ausgangsgestalt war eine Formel beigegeben, von der Hokuspokus aber keinen Gebrauch machte. Keinen Gebrauch machen konnte, wie gleich zu lesen sein wird.

Weil er – und hier beginnt der spannende Teil der Geschichte – kein geborener Zauberer war, sondern ein Mensch wie jeder andere, mit schlichten Gefühlen und ähnlichem seelischen Schnickschnack, trieb es ihn eines Tages in ein Wirtshaus. Hier wollte er dem Volk aufs Maul schauen und hören, was im Königreich Pipapos I. so vor sich geht. Er hatte dem Land nämlich für einige Zeit den Rücken gekehrt, um in einem anderen mit einer anderen den Liebesschmerz zu lindern, den ihm Prinzessin Tausendschön zugefügt hatte. Ihre Verwandlung in eine grundhässliche Hexe hätte ihn eigentlich beruhigen müssen, doch war er, wie schon erwähnt, ein Mensch mit menschlicher Belastung. Hierzu gehörte für ihn die nicht verblasste Liebe zu Tausendschön. Es wäre ihm zwar möglich gewesen, sie in sie zurück zu zaubern, doch machte das notwendig, ihr einen Verwandlungskuss zu geben. Wie eklig! Einer von Gesichtswarzen bedeckten Hexe mit scheußlichem Mundgeruch einen Kuss auf die schleimigen Lippen zu drücken. Wer wäre dazu imstande? Auch wenn er wüsste, dass die Abrakadabra im Grunde genommen ein hübsches Fräulein ist. Nein – war! Ein noch größeres Hindernis als der Verwandlungskuss war der Drachen Beißdichtot. Schon sein Name machte schaudern. Ganz zu schweigen von dessen messerscharfen Zähnen in seinem weit aufgerissenem Rachen. Dieses Horror-Gemälde hatte ein Künstler geschaffen, der mit dem Namen Namenlos unterzeichnete. Aus gutem Grund. Hätte Abrakadabra erfahren, wer ihr Lieblingstier so scheußlich dargestellt hatte, hätte sie ihm ihn zum Fraß vorgeworfen. Das gruselige Gemälde hing neben dem Porträt des regierenden Königs in jedem öffentlichen Gebäude. Es sollte abschrecken, wachsam machen, auch wütend auf diesen unerwünschten Waldbewohner und seine Besitzerin.

Stellt sich an dieser Stelle als weitere Frage, ob es Hokuspokus nicht möglich war, Beißdichtot mittels Zaubertrick in ein harmloses Schmusekätzchen zu verwandeln. Antwort: Ging auch nicht, denn dem Urvieh einen Verwandlungskuss zu geben war noch beschwerlicher als der für die Hexe. Der Verwandlungskuss war unabdingbare Voraussetzung für eine wirkungsvolle Ver- oder Entzauberung.

Als dritte, recht wesentliche Frage stellt sich, ob Abrakadabra nicht von sich aus in der Lage war, sich ihre vorherige Gestalt zurückzugeben. Von Hexen weiß man, dass auch sie über beachtliche Zauberkräfte verfügen. Doch nur im Märchen. Diese Geschichte ist aber kein Märchen, sondern bittere Realität. Hätte Abrakadabra den Ratgeber 'Wie räche ich mich erfolgreich?' zur Hand gehabt, wäre ihr die Rückverwandlung eventuell geglückt. Doch auch nur unter der Bedingung, dem verflixten Hokuspokus einen Verwandlungskuss zu geben. Mit dem Ergebnis vielleicht, dass sie am Kusse solchen Gefallen gefunden hätte, dass der mit einer Eheschließung beschlossen worden wäre. Abrakadabra wusste von dieser Möglichkeit jedoch nicht. Wie auch? Deshalb sann sie, wie sie dem Zauberer das Leben nehmen könnte. Beißdichtot sollte ihr dabei behilflich sein. Sie glaubte, Hokuspokus' Ende werde ihr automatisch die ursprüngliche Gestalt wiedergeben.

Trugschluss!

Wie sie es tun wollte, war es kaum machbar. Der ihr zugedachte Lebensraum war der Wald des Königreichs. Wagte sie sich aus ihm, setzte sie sich der Gefahr aus, als Hexe ergriffen, gefoltert und verbrannt zu werden. Denn: Niemand wusste von ihr als vormalige Prinzessin. Auch wenn sie beteuert hätte, die verzauberte Cousine des regierenden Königs zu sein, würde man ihr nicht geglaubt haben. Man wusste nur, dass sie entführt worden war. Wer das getan hatte, entzog sich der Kenntnis. Den Entführer und sie zu finden war eine hohe Belohnung ausgesetzt. Auch mit dem Anreiz versehen, der Finder dürfe sie ehelichen. So er das wolle. Die Prinzessin war zwar schön, doch nicht gänzlich makellos. Sie hatte einen kleinen Schönheitsfehler. Ihr fehlte ein oberer Schneidezahn. Den hatte sie beim Nüsseknacken eingebüßt. Sie war leidenschaftliche Nussesserin.

Der Weihnachtsmann schenkte ihr als Knackhilfe einen hölzernen Nussknacker. In den verliebte sie sich, weil er wie ein Prinz aussah. Mit ihm schlief sie auch.

Als ihr ein Schneidezahn aus Elfenbein - aus dem Bein einer Elfe gefertigt -, eingesetzt werden sollte, wehrte sie sich mit der Behauptung, ihr geliebter Holzprinz, der Nussknacker, möge sie dann nicht mehr. Schwuppdiwupp war der Nussknacker eines Tages verschwunden. Wer ihn verschwinden ließ, wusste man nicht. Prinzessin Tausendschön weinte daraufhin mehrere Kopfkissen nass und äußerte, als ihr Tränenfluss versiegt war, sich das Leben nehmen zu wollen. Wie, das sagte sie nicht. Tags darauf lag der Nussknacker wieder in ihrem Bett.

Bei Hofe tuschelte man, sie habe neben der Zahnlücke auch eine Lücke im Gehirn. Laut lobte man die Zahnlücke als Zeichen vollendeter Schönheit. Eingefleischte Fans bei Hofe und im Volk ließen sich einen oberen Schneidezahn aus dem Gebiss entfernen, um ihrem Idol ähnlich zu sein.

Hokuspokus hatte die Zahnlücke nicht als Liebeshemmnis empfunden. Er war aber auch nicht so töricht, sich ebenfalls schneidezahnlos zu machen. Vielleicht hätte ihm Tausendschön Gleichmacherei vorgeworfen. Hätte!

Auch Drache Beißdichtot war nicht gewillt, den Wald zu verlassen. Sein Platz war der an der Seite seiner Herrin. Ihr Wille war ihm Befehl.

Manchmal spazierte sie mit ihm an den Rand des Waldes. Dabei jammerte sie ständig, wie sehr es sie zurück ins Königsschloss verlange. Beißdichtot verstand zwar nur Bahnhof, doch sah er, wie bekümmert die Herrin war. Wenn sie zu weinen begann, entwurzelte er mit mächtigem Tatzenschlag einige Bäume. So tat er sein Mitempfinden kund. Über das Gefühlsleben eines zum Drachen gewordenen Dinosauriers könnte ein promotionssüchtiger Student erfolgreich eine Doktorarbeit schreiben.

Hokuspokus in der Spelunke

Hokuspokus betrat das bereits erwähnte Wirtshaus, das eigentlich eine Spelunke war. In ihr traf sich des Königreichs Unterschicht zum Saufen und Raufen. Der einstige mittellose Landstreicher und jetzige Zauberer Hokuspokus hatte ganz bewusst diese Lokalität gewählt. Er wollte Bereitwillige finden, die geneigt wären, dem Drachen Beißdichtot an die Hornhaut zu gehen. Einfach war diese Werbung nicht, das wusste Hokuspokus. Doch würde er die Zurückhaltung der Zauderer mit Zaster, der gültigen Währung des Königreichs, beseitigen wollen. Um bei den Säufern nicht den Eindruck zu erwecken, er sei ein reicher Adliger, musste er geschickt vorgehen. Tat er das nicht, würde man ihn vielleicht erpressen und dann ermorden.

D

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