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Pip rettet den Wald

Die Sommersonne scheint hell und heiß auf meine Blätter und doch friert es mich im Innersten meines Stammes. Die Gewissheit, dass das Ende näher rückt, lastet auf meinen uralten knarrenden Ästen.

Die Vorzeichen sind mir im Lauf der letzten Jahreszeiten nicht entgangen. Ich habe sie in meinen eigenen Wurzeln gespürt und in den Wurzeln aller anderen Bäume in meinem Hoheitsgebiet. Ich habe ihren Widerhall im Gesang der Vögel und im Summen der Bienen vernommen, im Raunen der Blätter von Esche und Buche.

Denn am äußersten Rand meines Waldes herrscht grausamer Durst. Sommergrüne Blätter welken und sterben, fallen viel zu früh auf ausgedörrten Boden. Bleiche Wurzeln suchen verzweifelt nach Wasser, finden aber nur Steine und staubtrockene Erde. Der Tod schleicht sich in meinen Wald …

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1. Kapitel

Die weise Eiche

Ein kühler Wind zerzauste Pips Fell, als er von Baum zu Baum sprang. Dünne Äste bogen sich unter dem Gewicht des jungen Eichhörnchens, schnellten wieder zurück und schleuderten ihn durch die Luft, sodass sein Magen Purzelbäume schlug.

Er hielt mit dem langen Schwanz das Gleichgewicht und streckte die Pfoten vor, um den nächsten Ast zu packen. So durchquerte er den Wald.

Bald hatte er die vertrauten Buchen seines Heimatreviers hinter sich gelassen. Erst wichen die Tannen und Kiefern schlanken Birken, dann hohen alten Eiben und Kastanien.

Während Pip von einem Baum zum nächsten wechselte, sog er immer wieder prüfend die Luft ein und spitzte die Ohren. Waren die Jäger des Himmelsvolks mit ihren spitzen Schnäbeln und scharfen Krallen in der Nähe? Jedes Rascheln im Farnkraut ließ seine Barthaare kribbeln, denn es flüsterte ihm zu, dass kleine Geschöpfe durchs Unterholz huschten. Und auch wenn die Füchse und Dachse des Dunklen Volks noch in ihren Höhlen schliefen, nahm er ihre moschusgetränkten Spuren so deutlich wahr, als könnte er sie sehen.

Als plötzlich ein Wirbelwind aus schwarzen Federn vor ihm landete, hielt er schlitternd an.
Es war eine Amsel.

„Was hast du hier zu suchen?“, krächzte sie. „Bleib gefälligst in deinem eigenen Revier!“

„Ich will deinen Kindern nichts tun“, versicherte ihr Pip rasch. „Ich bin bloß auf der Durchreise.“

Die Amsel plusterte sich auf, was Pip so deutete, dass sie gleich angreifen würde. Mit einem großen Satz sprang er über den Vogel hinweg auf einen schwankenden Ast höher oben.

Während er davonflitzte, zuckte sein Schwanz ärgerlich – dabei hatte die Amsel im Grunde recht. Eigentlich waren die oberen Äste dem Himmelsvolk der Vögel vorbehalten. Die Eichhörnchen, das Baumvolk, sollten sich auf die unteren Äste und die Stämme beschränken.

Ins Revier eines anderen Volkes einzudringen, führte fast immer zu Auseinandersetzungen. Doch für Pip, der weiter springen konnte als alle anderen Eichhörnchen – seinen Vater natürlich ausgenommen –, war der Weg durch die Baumwipfel nun mal der kürzeste.

„Verschwindet!“, zeterte jemand unter ihm.
„Die gehören uns!“

Als Pip durch die Blätter spähte, entdeckte er das braunrosa Gefieder einer Gruppe Eichelhäher. Die Vögel saßen auf einem Brombeerstrauch, der voller dicker, reifer Früchte hing. Darüber hockten mehrere Eichhörnchen auf einem Ast und schlugen empört mit den Schwänzen.

„Wir haben die Beeren zuerst gesehen!“, kreischte ein großer Häher und attackierte die Eichhörnchen mit seinen blau gestreiften Flügeln. Die keckerten zwar erbost, wichen aber zurück.

Pip sträubte sich das Nackenfell. Das einzige Essbare, was er selbst heute Morgen hatte auftreiben können, waren ein paar vertrocknete Löwenzahnpflanzen mit haarigen Wurzeln gewesen.

Doch er setzte seinen Weg fort. In dieser Gegend standen die alten Bäume so dicht, dass dazwischen grünliches Zwielicht herrschte. Pip verlangsamte sein Tempo, schlüpfte geschmeidig von Ast zu Ast.

Dann streckte er die Nasenspitze durch eine Lücke im dichten Laubdach. Streifen hellen Sonnenlichts fielen auf eine große grasbewachsene Lichtung. In der Mitte stand Pips Ziel: eine riesige uralte Eiche. Ihre Äste waren krumm und knorrig, manche streiften fast den Boden. Tiefe Furchen zogen sich durch die Rinde des mächtigen Stammes.

Pip huschte an einer Birke hinab und landete weich im Gras. Unter seinen Pfoten schlängelten sich die wulstigen Wurzeln der Eiche quer über die Lichtung und verschwanden im Dickicht.

Doch er war nicht allein hier. Neben der Eiche stand ein Reh vom Erdvolk und spähte in die Krone empor. Auf einem Erdhügel hockte ein Maulwurf und schaute blinzelnd ebenfalls nach oben, und ein paar Pfotenlängen von Pip entfernt saß eine Waldmaus und hob hoffnungsvoll das Schnäuzchen der Baumkrone entgegen. Eigentlich waren die Tiere der vier Waldvölker verfeindet, doch auf der Lichtung der weisen Eiche herrschte zwischen ihnen vorübergehend Friede.

Als Pip vor dem Stamm haltmachte, hüllte ihn der würzige Duft des alten Holzes ein und versetzte ihn an jenen Tag zurück, als er das erste Mal hier gewesen war. Er war noch klein gewesen und sein Vater hatte neben ihm gesessen. Blitzpfote war muskulös, hatte einen buschigen Schwanz und die gleiche Fellfärbung – schwarz mit weißer Brust – wie Pip. Damals war die Lichtung mit blauen Glockenblumen übersät gewesen und an den Zweigen der Eiche hatten sich frische grüne Knospen geöffnet.

„Aber wie kann ein einziger Baum über den ganzen Wald wachen?“, hatte Pip gefragt.

Blitzpfote hatte ihn mit ernsten schwarzen Augen angeblickt. „Schau noch einmal genau hin“, hatte er geantwortet. „Siehst du, dass kein anderer Baum in der Nähe der Eiche wächst? Entdeckst du in ihrer Krone Vögel oder klettern andere Tiere über ihren Stamm?“

Pip hatte den Baum und seine ausladende Krone mit zusammengekniffenen Augen gemustert. „Stimmt! Nicht mal Insekten.“

Als sein Vater anerkennend genickt hatte, war ihm vor Stolz ganz warm geworden.

„Richtig. Keiner Pflanze und keinem Tier ist es gestattet, die weise Eiche zu berühren. Sie ist etwas Besonderes – das Herz des Waldes und unsere Hüterin“, hatte ihm sein Vater erklärt. „Die alten Geschichten behaupten, dass sie mithilfe ihrer Wurzeln mit den anderen Bäumen spricht, aber auf jeden Fall sprechen ihre Blätter mit uns Tieren. Jedes abgefallene Blatt birgt eine Botschaft. Es teilt uns mit, wo wir Nahrung suchen und unsere Kobel bauen sollen. Ohne die klugen Ratschläge der Hüterin würde sich der Wald wieder in den finsteren Ort voller Kummer und Leid zurückverwandeln, der er einst war.

Die Legenden schildern, wie es damals vor vielen, vielen Jahreszeiten – lange bevor die ältesten Bäume des heutigen Waldes Schösslinge waren – hier zuging. Geschöpf kämpfte gegen Geschöpf, und das ohne triftigen Grund. Die Bäume waren schwächlich und krank, nur wenige erreichten ein ausgewachsenes Alter. Es herrschte Chaos. Doch die weise Eiche befriedete die verschiedenen Völker und stellte Ordnung her. Die Bäume wurden groß und stark, ihre Zweige bogen sich unter Früchten und Nüssen, und auch die Tiere gediehen. Wir verdanken der Eiche unser Leben. Ohne sie müsste der Wald sterben.“

Sterben … so wie Pips Mutter.

„Schau mich an, Pip“, hatte sein Vater gesagt. „Der weisen Eiche die Treue zu halten, ist das Wichtigste überhaupt. Sogar noch wichtiger als meine Aufgabe in Rostas Leibwache. Vergiss das nie.“

Pip seufzte und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Gegenwart. Auf der Lichtung war es immer noch friedlich. Die Eiche trug üppiges Laub und Blitzpfote war nicht mehr da.

Pip hockte sich auf die Hinterläufe und sprach die eine Frage aus, die er der Hüterin schon so oft gestellt hatte. „Weise Eiche, bitte sage mir, was meinem Vater zugestoßen ist.“ Seine Stimme hallte laut über die stille Lichtung.

Während er auf eine Antwort wartete, ließ er den Blick über die breite Baumkrone wandern. Nichts rührte sich.

Dann raschelte es über seinem Kopf und er fuhr mit erwartungsvoll gespitzten Ohren herum. Zwischen den Zweigen bewegte sich etwas – etwas Weißes. Vor Aufregung begann er zu zittern. War das etwa ein Vogel? Ein Vogel in der weisen Eiche?

Doch da war das Weiße auch schon wieder verschwunden und er stieß den angehaltenen Atem aus. Ich muss es mir eingebildet haben, dachte er. Kein Tier darf die Hüterin berühren.

Die Sonne stieg höher. Die gesprenkelten Schatten im Gras wurden erst kürzer und dann wieder länger, als der Tag verstrich. Der frische Duft des Morgens wich dem trockenen Geruch sonnenverbrannter Erde.

Pip wartete geduldig. Sein dunkles Rückenfell wurde heiß, seine Muskeln verkrampften sich vom langen Stillsitzen. Weitere Tiere erschienen auf der Lichtung. Erst ein junges Kaninchen aus dem Dunklen Volk, das sich mit schwarz geränderten Augen ängstlich umsah, dann ein schnaufendes Wildschwein und sogar eine Blindschleiche mit kupferbraun glänzenden Schuppen.

Nach einer Weile verschwanden sie eines nach dem anderen wieder. Manche hatten Glück gehabt und hielten Blätter mit den Antworten der Eiche in den Schnauzen oder Pfoten. Doch die meisten wurden enttäuscht und zogen mit hängenden Köpfen ab.

„Die Hüterin ist auch nicht mehr das, was sie mal war“, brummte das Wildschwein mürrisch, als es davontrabte. „Früher wurden alle meine Fragen beantwortet, aber die Zeiten sind vorbei. Und geblüht hat sie dieses Jahr auch nicht. Wo soll das noch hinführen?“

Pip knurrte der Magen, aber er wartete weiter, gab die Hoffnung nicht auf, dass ein Blatt herabtrudeln und ihm endlich offenbaren würde, was mit seinem Vater passiert war.

Ein Fuchs konnte ihn nicht erwischt haben. Dazu war Blitzpfote viel zu flink. Und er war in seinem ganzen Leben nicht einen Tag krank gewesen. Die Ungewissheit war qualvoll für Pip.

Als alle anderen Tiere längst weg waren, saß er immer noch unter dem Baum. Schließlich stieß er einen abgrundtiefen Seufzer aus. Ich versuch’s bald wieder, Papa, gelobte er. Ich gebe nicht auf.

Die Enttäuschung stach ihn wie Brennnesseln, als er endlich den Rückweg antrat. Es dämmerte schon. Bald würden die Jäger des Dunklen Volks erwachen. Zeit heimzukehren.

Er huschte quer über die Lichtung, kletterte an einem Baum hoch und sprang durch die in Zwielicht getauchten Zweige. Dabei witterte er wieder nach feindlichen Gerüchen und drehte bei jedem Rascheln die Ohren herum.

Seine Anspannung ließ erst nach, als die Baumkronenpfade seines Heimatreviers in Sicht kamen – ein Gehölz aus ausgewachsenen, eng zusammenstehenden Buchen, deren Zweige sich in dichten grünen Lagen übereinanderschoben.

In die Astgabeln schmiegten sich die Kobel der Eichhörnchen. Von außen glichen sie zufälligen Ansammlungen von Blättern und abgefallenen Ästchen, innen jedoch waren sie mit weichem Moos und trockenem Gras ausgepolstert und sehr gemütlich.

Jedes Eichhörnchen kümmerte sich rund ums Jahr um seinen Kobel, sorgte dafür, dass er wasserdicht und vor Räubern geschützt war.

Pips Kobel hatte seine Mutter gebaut. Als sie gestorben war, war er noch ganz klein gewesen. Trotzdem stellte er sich gern vor, dass der Kobel noch ihren Geruch verströmte.

Seine Nase zuckte. Was war das? Sonst roch es hier immer leicht faulig nach dem Schilf am nahen See, doch jetzt nahm er noch einen anderen Geruch wahr, einen beißenden, öligen …

Ihm stand das Fell zu Berge. Es roch nach Dachsen!

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