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Pinienträume

Über dieses Buch

Sophie Winter kann die Liebe ihres Lebens nicht vergessen: den italienischen Pianisten Raffaele de Nardis. Unentwegt berichten die Medien über den großen Künstler. Und noch immer spielt er bei seinen Konzerten in aller Welt nur eine Zugabe: eine vertonte Liebeserklärung an Sophie. Und das, obwohl er seit Jahren von ihr geschieden ist.

Auf der Hochzeit ihrer Schwester trifft Sophie den attraktiven Mann wieder. Er wirbt erneut um die junge Frau, aber sie kann und will ihren Gefühlen nicht nachgeben. Zu tief sind die seelischen Verletzungen, die sie an seiner Seite erlitten hat. Als in ihre Edinburgher Wohnung eingebrochen und ihrer Familie übel mitgespielt wird, bietet Raffaele seine Hilfe an. Er weiß inzwischen, dass er Sophie unter allen Umständen zurückgewinnen muss. Doch als seine Mutter, Contessa Gabriella, schwer erkrankt, kommen Dinge ans Licht, die eine Versöhnung nahezu unmöglich machen.

Mit duftigen Bildern und zarten Tönen erzählt Eileen Ramsay von der Macht der Sehnsucht und dem Zauber einer Liebe, die längst als verloren galt.

Über die Autorin

Eileen Ramsay, in Schottland geboren und aufgewachsen, arbeitete in Washington, DC, und Kalifornien als Lehrerin. Neben der Liebe zur klassischen Musik war das Schreiben schon immer ihre Leidenschaft, die sie inzwischen zu ihrem Beruf gemacht hat.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Angus, Schottland, einer Landschaft, deren Reiz sie in ihren epischen Romanen »Schetterlingstage« und »Sternschnuppennächte« aufs Schönste entfaltet. In »Pinienträume« bezaubert sie ihre Leser nicht nur mit der herben Schönheit von Edinburgh, sondern entführt sie auch in die sanften Hügel der Toskana.

EILEEN RAMSAY

PINIENTRÄUME

Roman

Aus dem Englischen
Rita Seuß und von Sonja Schuhmacher

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Helen und Tommie Allan

KAPITEL 1

Die Brancaccio-Vallefredda zahlen dafür, dass andere Klavier spielen und singen. Sie selbst werden keine Entertainer.«

»Papà, ich liebe die Musik. Bitte, mir zuliebe, nur zu meinem eigenen Vergnügen.«

»Ich werde dich auf eine gute Schule nach England schicken. Akzentfreies Englisch kann dir gesellschaftlich nur nützen. Du bist noch jung, tesoro, aber die Welt verändert sich. Wer weiß, was die Zukunft bringt? Besuche meinetwegen Konzerte, wenn du willst, aber lerne vor allem Englisch.«

Sie hatte die gute englische Schule nicht besucht, denn der Krieg brach aus und ihr Haus wurde zerstört, ebenso die Fabriken und Weinberge, durch die ihre Familie reich geworden war. Doch am härtesten traf es sie, dass ihr Vater fort war, verschwunden, und Ludovico tot. Wenn sie ins Dorf kam, sah sie, und nur sie, sein Blut auf der Piazza. Vielleicht sahen die anderen das Blut ihrer eigenen Toten.

Sie konnte unmöglich nach Italien fahren.

Sophie Winter stand am Fenster ihres Schlafzimmers mit Blick auf die berühmte Skyline von Edinburgh. Aber die im Regen verschwimmende historische Front gegenüber nahm sie genauso wenig wahr wie die Dächer der inzwischen ebenfalls betagten Neustadt in der graublauen Ferne, denn Tränen strömten über ihre blassen Wangen. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Farben, die selbst in der Erinnerung noch so intensiv waren, dass sie förmlich geblendet war. Sie spürte die heiße Sonne des italienischen Sommers auf ihrer Haut. Ach, wie sehnte sie sich nach dieser Wärme und Kraft! Seufzend überließ sich Sophie ihren Erinnerungen.

Sie war wieder sechzehn, hatte gerade ihr erstes Schuljahr an der Queen-Margaret-Mädchenschule hinter sich und ahnte, dass die Kindheit vorüber war. Nachdem sie die Prüfungen bestanden hatte, hatte sie endlich nach Italien aufbrechen können, und sie wollte die Ferien in vollen Zügen genießen. La bella Toscana, einen schöneren Ort gab es für sie auf der ganzen Welt nicht. Im Oktober würde sie die Oberstufe besuchen. Dann würde sie mit dem nötigen Ernst Zukunftspläne schmieden. Aber jetzt lag der Sommer noch vor ihr wie ein Versprechen – ein ereignisreicher, aufregender Sommer, eine Zeit des Abschieds von der Kindheit.

Als ihr Vater vor Jahren eine Tätigkeit in der Finanzverwaltung des Marinestützpunkts in La Spezia übernommen hatte, hatten ihre Eltern ein Haus hoch oben in den Hügeln über der Stadt gemietet. Nun war sie den ganzen Weg von dort bis hinunter an den Strand von Lerici mit dem Fahrrad gefahren. Verschwitzt und staubig wie sie war, träumte sie von einem großen Glas eiskalter Limonade. Doch statt sich einen Tisch im Schatten zu suchen, blieb sie wie angewurzelt stehen: Dort, auf der Mauer, saß jemand. Es war wie eine Erscheinung. Er war groß und schlank, trug eine strahlend weiße Freizeithose und ein blaues Hemd und blickte unverwandt hinaus auf die vielen Boote, die in der geschützten Bucht vor Anker lagen. Zuerst fiel ihr sein schönes Gesicht auf, dann bemerkte sie seine Hände, und ein nie gekanntes Prickeln durchströmte sie. Er ähnelt der Statue auf der Piazza della Signoria in Florenz, schoss es ihr durch den Kopf, nur dass er bekleidet ist. Seine Haare reichten ihm bis zum Hemdkragen. Er musste ein Engel sein. Die Engel auf den Gemälden hatten alle langes Haar.

Er lachte, als er merkte, wie sie ihn anstarrte. Demnach war er weder eine Statue noch ein Engel – sondern ein Mensch. Und Sophie fühlte sich erwachsen genug, um weder gekränkt zu sein noch verlegen zusammenzufahren.

»Ich weiß«, sagte sie in der Annahme, dass er über ihr verschwitztes und schmutziges Äußeres lachte, »aber so weit bringt einen die Eitelkeit. Ich bin mit dem Fahrrad von dort oben bis hierher gefahren.« Sie streckte ihren rundlichen weißen Arm aus und zeigte auf die Hügel.

»Eitelkeit, Signorina?«, fragte er und schaute sie keineswegs unfreundlich an.

»Ich habe ein grauenvolles Schuljahr hinter mir mit schwer verdaulichem schottischem Essen und schier endloser Büffelei. Prüfungen machen einfach dick.« Sie folgte seiner einladenden Geste und setzte sich neben ihn auf die Mauer. Zwar hatte sie die mahnende Stimme ihres Vaters im Ohr, aber es war nicht das erste Mal, dass sie seine guten Ratschläge in den Wind schlug. »Und da habe ich mir vorgenommen, mir in diesem Sommer die überflüssigen Pfunde abzustrampeln, indem ich alle Ausflüge mit dem Fahrrad mache.«

»Ein löblicher Vorsatz«, sagte er und winkte einen Kellner herbei. »Eine Limonade, Signorina? Oder lieber ein paar Kugeln von diesem köstlichen Eis?«

Sie wurde wütend. Er hielt sie wohl für ein kleines Mädchen! »Ich bin kein Kind mehr, Signore, und ich kann mir meine Limonade selbst kaufen – und wenn ich will, sogar ein Bier«, fügte sie trotzig hinzu.

Er neigte den Kopf. Die Haare fielen ihm ins Gesicht, und in Sophie wurde eine flüchtige Erinnerung wach. »Mi dispiace, signorina. Ich hatte gehofft, Sie würden mir bei einem Eis Gesellschaft leisten. Aber Sie erlauben mir doch bestimmt, Sie zu einer kühlen Limonade einzuladen?«

Sie schwieg und überlegte angestrengt, an wen er sie erinnerte, aber es war zwecklos.

»Ich dürfte eigentlich nicht«, sagte sie, als die Getränke serviert waren und sie mit Schrecken feststellte, dass seine blütenweiße Hose etwas von dem rötlichen Staub ihrer Shorts abbekommen hatte. Wenn er es bloß nicht merkt, dachte sie. »Ich darf mich nicht von Fremden einladen lassen. Meine Eltern haben uns das verboten, meiner Schwester Ann und mir.«

»Aber wir werden uns nicht fremd bleiben.« Er streckte ihr die Hand entgegen. »Ich bin … Raffaele. Und du …?«

»Sophie.«

»Sophie. Freut mich, dich kennen zu lernen.« Er nahm ihre Hand, führte sie, schmutzig wie sie war, an seine Lippen und strahlte sie aus seinen wunderschönen Augen an. Sie waren keineswegs dunkel wie die des typischen Italieners, sondern tiefblau wie das Meer weit draußen vor der Bucht. Sie ahnte noch nicht, dass sie sich in diesem Moment unsterblich verliebte.

Sie unterhielten sich angeregt, und Sophie fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft. Die Zeit verging wie im Flug, und ehe sie sich’s versah, hatte sie ihre Limonade ausgetrunken. Gern wäre sie geblieben, um noch ein Weilchen seinem Englisch zuzuhören, das er mit einem leichten Akzent sprach, und zu beobachten, wie er seine Worte mit lebhaften Gesten untermalte. Doch die Einladung zu einem zweiten Glas Limonade anzunehmen war ausgeschlossen. Sophie stand auf, um sich zu verabschieden.

Ihre Eltern konnten es nicht fassen, als sie ihnen später gestand, dass ein Fremder ihr staubiges Fahrrad auf den Rücksitz seines flotten Sportwagens verfrachtet und sie nach Hause gefahren hatte.

»Ich weiß nicht genau, aber es könnte ein Ferrari gewesen sein, einer dieser tollen roten Flitzer.«

Ihre Eltern interessierten sich nicht für Automarken. »Wer ist der Mann?«

Sophie konnte es ihnen nicht sagen. Sie wusste lediglich, dass er Raffaele hieß und dass sie sein Gesicht und die Sonne und die glitzernden Farben des Meeres niemals vergessen würde.

Raffaele. Der Erzengel Rafael.

Nun stand Sophie im kalten, verregneten Edinburgh am Fenster, wischte sich die Tränen aus den Augen und verscheuchte die nostalgischen Gedanken. Zweimal war sie an diesem Tag bereits von Erinnerungen überwältigt worden, die nicht alle angenehm waren. Zuerst durch die Begegnung mit Simon. Sophie hatte den ganzen Nachmittag im Plenarsaal des schottischen Parlaments verbracht und eine Wählergruppe betreut, die auf Einladung ihres Chefs, des Parlamentsabgeordneten Hamish Sterling, der Fragestunde beiwohnte. Wie immer hatte sie anschließend im Büro mehrere Nachrichten vorgefunden und jede Menge E-Mails, die alle beantwortet sein wollten. Eine dieser Mails stammte von Simon Beith:

»Gehen wir im Atrium was trinken, so gegen sieben?«

Gern.

Simon war Kurator des Museum of Scotland und ein guter Freund, auch wenn er gern mehr als das wäre, wie er ihr gestanden hatte. Sophie mochte ihn, aber seit sie die Stelle bei Hamish angetreten hatte, blieb ihr wenig Zeit für andere Männer. Sie lächelte wehmütig. Für einen schottischen Parlamentsabgeordneten zu arbeiten bedeutete, dass das Privatleben hintanstehen musste. Sie hatte rasch die übrigen Nachrichten durchgesehen und war kurz nach sieben im Atrium.

Simon wartete bereits an einem kleinen Tisch in der Mitte, fast direkt unter dem höchsten Punkt der beigen Stoffplane, die wie ein Zelt unter die Decke des Szene-Lokals gespannt war. Die Kerze in dem schmiedeeisernen Ständer beleuchtete sein rundliches Gesicht. »Ich habe dir ein großes Glas Weißwein bestellt«, verkündete er.

Sophie lächelte. Obwohl er sich um Selbstbeherrschung bemühte, verriet seine ganze Körperhaltung und Gestik eine unterdrückte Spannung. »Jetzt sag schon! Heraus mit der Sprache!«

»Du kennst mich gut, Sophie, aber nicht gut genug.« Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen.

»Jetzt sag schon!«

Er beugte sich über den Tisch. Sein liebenswürdiges, ehrliches Gesicht glühte vor Begeisterung. »Es hat geklappt, Sophie. Drei Monate im Metropolitan in New York.«

»Großartig! Das ist wirklich eine tolle Chance für dich.«

»Ja, drei volle Monate in einem der besten Museen der Welt … Sophie, du hast doch gesagt, dass du noch nicht weißt, was du in der Sommerpause machst. Warum kommst du nicht für ein paar Wochen mit? Dort gibt’s jede Menge Galerien, Museen und Konzerte.«

Sie schaute in eine andere Richtung. »Hört sich an wie das gute alte Edinburgh.«

Er runzelte die Stirn. »Nein, ich spreche von New York.«

»Es freut mich wirklich sehr für dich, Simon. Das Metropolitan ist mein Lieblingsmuseum.« Vor ihrem geistigen Auge sah sie Porzellanengelchen, die um einen riesengroßen Weihnachtsbaum schwebten: Engel mit Trompeten auf dem im Lichterglanz erstrahlenden Platz vor dem Rockefeller Center, und sie hörte himmlische Klänge, die die Luft erfüllten.

»Ich hab dich überrumpelt. Aber du musst mir versprechen, dass du es dir durch den Kopf gehen lässt. Du warst schon mal in New York, nicht wahr?«

»Ja«, erwiderte sie knapp. In der Avery Fisher Hall. Der Carnegie Hall. Umgeben von Musik und von Engeln. »Und gerade deshalb möchte ich meine zwei wertvollen Urlaubswochen nicht unbedingt dort verbringen, Simon. Ich weiß, du würdest dich freuen, wenn ich mitkäme, und die Museen sind klimatisiert. Aber in New York herrscht im Sommer eine brütende Hitze. Nicht gerade der ideale Ort für die Ferien. Für dich ist das was anderes, du wirst dort schließlich arbeiten. Und ich kann dir versichern, die New Yorker sind die freundlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Du wirst im Nu Leute kennen lernen. Könnte sein, dass ich noch den einen oder anderen Reiseführer habe.« Sie stand auf. »Ich werd sie dir raussuchen.«

Obwohl es inzwischen regnete, beschloss sie nach dem Abschied von Simon, zu Fuß nach Hause zu gehen. Als Fußgänger kam man um diese Zeit schneller voran als mit dem Bus. Außerdem war es immer ein Vergnügen, in dieser herrlichen Stadt spazieren zu gehen. Sie wanderte die Cambridge Street entlang und bog am Ende von Castle Terrace in die King’s Bridge ein, die die talwärts gelegene King’s Stables Road schnitt. Die königlichen Ställe, nach der die Straße vor Jahrhunderten benannt worden war, gab es längst nicht mehr. Der Hufschlag der Pferde wäre bestimmt angenehmer als das unaufhörliche Rauschen des Edinburgher Verkehrs. Hoch oben ragte die gewaltige alte Burg im kühlen Nieselregen empor, ein Anblick, der Sophie aus unerklärlichen Gründen stets tröstete. Sie folgte Johnston Terrace zu Füßen der Burg bis zum Lawnmarket, jenem Teil der Royal Mile, wo die Altstadt ihren Charakter am eindrucksvollsten bewahrt hat. Die Straßen waren belebt, auch wenn es nicht annähernd so hektisch und bunt zuging wie in den Sommermonaten, wenn das internationale Theater-, Film- und Musikfestival stattfand. Sophie überquerte mit ihren Stöckelschuhen vorsichtig das Kopfsteinpflaster und trat auf den Bürgersteig. Sie musste lachen, befand sie sich doch haargenau an derselben Stelle, von wo sie vor gut einer Stunde aufgebrochen war: vor dem Abgeordneteneingang des neuen schottischen Parlaments.

Sie beschleunigte die Schritte, als sie sich dem renovierten Stadthaus in einem der ältesten Viertel näherte, in dem sie wohnte. Auch diesmal blickte sie hinauf zu dem Fenster mit den kleinen Wimpeln an den Fensterläden. Sie verschwand in dem Hof, der zum Writers’ Museum und zu den Pflastersteinen mit den Zitaten schottischer Schriftsteller aus allen Jahrhunderten führt, wandte sich dann aber nach rechts zum Turm. Die schwere Eichentür sollte eigentlich abschreckend wirken, aber der leuchtend rote Anstrich verlieh ihr eher etwas Heiteres. Sophie steckte den Schlüssel Nummer eins ins Schloss, öffnete, trat ein und ließ damit die Welt mit all ihren Problemen hinter sich. Sie holte tief Luft, denn vor ihr lagen fünf Stockwerke, verbunden durch eine steinerne Wendeltreppe. Auf jeder Etage befanden sich zwei Wohnungen. Hier lebten Leute, die bereit waren, für das Privileg, im historischen Teil der Stadt zu wohnen, etwas tiefer in die Tasche zu greifen.

Die Stufen waren feucht, aber nicht rutschig. Ihre Mutter konnte sagen, was sie wollte, die Treppe war ungefährlich. Nur eben feucht an regnerischen Tagen wie diesem. Zwei Tauben, die ins Treppenhaus gelangt waren, als ein unachtsamer Mieter die Tür offen gelassen hatte, saßen an einem Fenster und gurrten, und Sophie versuchte über ihre Hinterlassenschaft hinwegzusehen. Heute Abend würde sie sich nicht damit befassen.

Oben angelangt, blieb sie, das Eisengeländer umklammernd, stehen. Mit Schlüssel Nummer zwei öffnete sie die blaue Tür mit den lustigen kleinen Wasserspeiern aus Metall, die maliziös grinsten. Jetzt war sie auf ihrer Etage. Von hier aus konnte man bei klarem Wetter über die ganze Stadt bis zum Firth of Forth sehen und noch weiter bis zum alten Königreich von Fife. Selbst an einem regnerischen Abend wie diesem hielt sie inne, um zu verschnaufen, bevor sie mit Schlüssel Nummer drei die grüne Tür aufschloss und endlich auf dem Flur stand, der zu ihrer Wohnung und der Nachbarwohnung führte, deren Besitzer sie noch nie getroffen hatte.

Ihre Wohnungstür war anheimelnd dunkelbraun.

Wenn Sophie diese Tür öffnete, durchströmte sie ein tiefes Glücksgefühl. Sie war zu Hause, sicher und geborgen in einer Wohnung, die sie mit ihrem eigenen, hart verdienten Geld abbezahlte. Sie summte vor sich hin, während sie sich die Schuhe abstreifte und die Briefe durchsah, die auf den Steinfliesen des kleinen Flurs lagen. Noch immer leise summend, öffnete sie die Kühlschranktür, um sich kulinarisch inspirieren zu lassen. Eine halbe Packung Roquefort, ein paar kläglich welke Zuckerschoten und eine Tüte Orangensaft erinnerten sie daran, dass sie die Vorräte dringend auffüllen musste. Aber sie war erschöpft und sehnte sich nach einer Dusche oder einem Bad. Ja, ein schäumendes, duftendes, heißes Bad, in dem sie sich wohlig räkeln konnte. Dieses Vergnügen würde sie sich gönnen und dann Haferkekse, Käse und Obst essen, eine sehr vernünftige Abendmahlzeit für eine berufstätige junge Frau, die schon ausgiebig zu Mittag gegessen hatte. Die Kantine im Parlament war ausgezeichnet, und da sie mit Hamish und den Besuchern aus seinem Wahlkreis den Tag verbracht hatte, war sie in den Genuss eines richtigen Mittagessens gekommen.

Während sie überlegte, ob sie sich auch gleich die Haare waschen sollte, läutete das Telefon. Sie hatte keine Lust ranzugehen. Sie fühlte sich viel zu behaglich und entspannt. Schließlich hatte sie einen Anrufbeantworter. Sie tauchte unter, und als sie wieder auftauchte, hörte sie die Worte: »Ruf mich an, sobald du nach Hause kommst.«

Sie schoss aus der Wanne wie die Vulkaninsel Krakatau aus dem Pazifischen Ozean und eilte ohne Badetuch ans Telefon. Doch es war zu spät. Zoë hatte bereits aufgelegt. Sophie wählte die Nummer ihrer jüngeren Schwester in Italien und wartete, bis die Verbindung über die große Entfernung hergestellt war. »Hallo, Zoë, ich war gerade in der Wanne, als du angerufen hast. Warte einen Augenblick, ich hole mir nur schnell meinen Bademantel.« Sie legte den Hörer auf das Bett und lief ins Bad. »So, da bin ich wieder. Was wolltest du? Gibt’s was Besonderes?«

Zoë bemühte sich zwar offenkundig, ruhig zu sprechen, aber Sophie entging nicht, wie aufgeregt ihre Schwester war. »Nichts weiter. Nur, dass ich dich zu meiner Hochzeit einladen möchte.«

»Zu deiner Hochzeit! Zoë, das ist ja wunderbar. Erzähl mal.«

Die Stimme ihrer kleinen Schwester klang jetzt durchaus ernst. »Jim, erinnerst du dich? Ich hatte dir schon von ihm erzählt. Er studiert mit mir. Der Gedanke an eine Trennung ist für uns so unerträglich, dass wir beschlossen haben, gleich nach der Uni zu heiraten. Ich kann dich zwar nicht zu meiner Abschlussfeier einladen, weil ich nur zwei Gäste mitbringen darf, aber zu meiner Hochzeit kommst du doch, nicht wahr?«

Zoës Hochzeit in einer hübschen kleinen Kirche in Surrey. Selbstverständlich würde sie hinfahren.

»Klar komme ich zu deiner Hochzeit. Aber was sagen Dad und Mum dazu? Sind sie glücklich, überrascht, wütend?«

»Alles zusammen. Sie haben wohl gedacht, wir verloben uns zunächst einmal, aber das reicht uns nicht. Seitdem ich ihn kenne, Sophie, hat es für mich keinen anderen gegeben. Verstehst du?«

Sophie war zu Tränen gerührt, aber sie zwang sich, sich nichts anmerken zu lassen. »Natürlich verstehe ich dich. Die Frage ist, ob Mum und Dad dich verstehen.«

Zoë seufzte. »Für sie muss alles nach Schema F laufen. ›Du wirst im geeigneten Augenblick schon einen netten jungen Mann kennen lernen. Du wirst dich verlieben, aber bevor du etwas überstürzt, bringst du ihn mit nach Hause und stellst ihn uns vor. Zum Glück ist er wenigstens Engländer.‹« Sie hielt inne, und weil Sophie schwieg, fuhr sie hastig fort: »Das wollte ich nicht sagen. Du weißt schon, was ich meine.«

»Aber ja.« Sie versuchte unbeschwert zu lachen, aber da sie trotz des dicken Bademantels fror, gelang es ihr nicht. »Das spricht also für ihn, aber wahrscheinlich finden sie trotzdem ein Haar in der Suppe?«

»Sogar mehrere. Zuallererst natürlich die Tatsache, dass er mich heiraten will. Und dass er eine Stelle in Australien gefunden hat, weckt bei Mum nicht unbedingt Sympathien für ihn. Es ist ein Zwei-Jahres-Vertrag. In Australien werden wir sozusagen unsere Flitterwochen verbringen.«

»Phantastisch.« Ein kluger Schachzug von Jim. In der Heimat der Kängurus würden sie zwar auf die Unterstützung ihrer Familien verzichten müssen, aber sie würden sich auch deren Einfluss entziehen. »Australien ist ein aufregendes Land. Und was sagen Jims Eltern dazu?«

»Er hat nur noch seine Mutter, und die ist reizend. Jim ist natürlich ihr Ein und Alles. Und eine siebzehnjährige Schwester, Penny. Maude, das ist Jims Mutter, findet es gut, dass wir unser gemeinsames Leben weit weg von der Familie beginnen. Mum dagegen hat nur aufgezählt, was alles schief gehen kann – wie du dir denken kannst. Sie war beim Buchstaben ›S‹ wie Skorpione und Schlangen angelangt, als ich ihr sagte, dass ich jetzt dich anrufen müsse.«

Sie lachten verschwörerisch.

»O ja, das Unken ist ihre Spezialität. Aber sag mal, Zoë, wann genau ist denn die Hochzeit? Gleich nach deiner Abschlussfeier im Juli, oder? Und dann trifft sich die ganze Familie?«

»Ja«, erwiderte ihre Schwester schnell, und Sophie registrierte die Ängstlichkeit in Zoës Stimme.

»Du bist ein tapferes Mädchen. Lädst du Onkel David, das Ekel, auch ein?«, fügte sie hinzu. Zoë lachte.

»Ja, natürlich. Er ist mein Patenonkel und unter der rauen Schale eigentlich ganz nett.«

»Fragt sich nur, ob du die entfernen kannst«, gab Sophie zurück. »Hast du auch Brautjungfern?«

»Jede Menge. Alle meine Freundinnen, die es irgendwie schaffen, werden kommen. Ich möchte alle dabei haben. Und Ann will, dass die Zwillinge die Ringe tragen.«

Ann. Dann hatte sie Ann also bereits eingeweiht. Warum auch nicht? Zoë hatte schließlich keinen Streit mit ihrer ältesten Schwester. »Sind sie nicht ein bisschen zu alt für weißen Satin?«

Zoë fing an zu lachen. »Woher weißt du, dass sie weißen Satin vorgeschlagen hat?«

»Jahrelange Erfahrung, meine Liebe. Sag mir das genaue Datum, dann nehme ich mir ein paar Tage frei.«

Zoë zögerte. Anscheinend den Tränen nahe, antwortete sie schließlich: »Sei mir bitte nicht böse, Sophie, und sag bloß nicht, dass du nicht kommst. Du hast es versprochen. Du hast gesagt: ›Klar komme ich.‹«

Zoë, liebes kleines Schwesterchen! Frierend stand Sophie da. »Wo findet die Hochzeit statt, Zoë?«

»In der Toskana«, erklärte Zoë und fuhr dann hastig fort: »Jim und ich haben eine Aufenthaltserlaubnis, Sophie, deshalb können wir in Italien heiraten. Du weißt ja, wie mir diese Gegend ans Herz gewachsen ist. Hier, wo wir immer die Ferien verbracht haben, wo unser Haus ist, wo ich Jim kennen gelernt habe. Verstehst du?«

O ja, sie verstand es nur zu gut. Die Toskana: Hügel mit leuchtend roten Mohnfeldern, in der Ferne blaue Berge mit weiß verschneiten Kuppen, Kirchenglocken, die nie zur gleichen Zeit die Stunde schlugen – eine hinkte immer ein paar Minuten hinterher –, Holzrauch, der aus Olivenhainen herüberwehte, und der würzige Duft sonnengereifter Zitronen.

»Ich verstehe dich, Zoë, aber du weißt doch, dass ich nicht in die Toskana zurückkehren kann, auch nicht zu deiner Hochzeit.«

»Sophie, bitte.« Zoë weinte jetzt, und Sophie blutete das Herz, weil sie ihrer Schwester wehgetan hatte. »Das Schreckliche, was geschehen ist, ist vorbei. Niemand erinnert sich mehr daran.«

Ich erinnere mich.

»Ich hab dich gern, Schwesterchen, aber ich kann nicht kommen. Es sind zu viele unschöne Dinge passiert, an die ich nicht erinnert werden will.« Auch viel Schönes, aber das war vorbei. Rafael hatte nicht an sie geglaubt. Er hatte sie nicht genug geliebt.

»Die Menschen, auf die es ankommt, vermissen dich, Sophie. Stella und Giovanni. Immer wenn ich sie sehe, fragen sie nach dir.«

»Verzeih mir, Zoë«, flüsterte sie. »Ich würde überall auf der Welt hinkommen, nur nicht in die Toskana.«

Später saß Sophie in dem großen Sessel am Fenster und starrte hinaus, ohne etwas zu sehen. Allmählich wurde es dunkel, die Straßenlampen brannten schon. In ein paar Wochen würde es hell genug sein, um abends am Fenster zu lesen. Das war Sophies liebste Jahreszeit, der Frühling mit den langen milden Abenden. Oder doch der Sommer, wenn es in Schottland nachts gar nicht richtig dunkel wurde? Aber all das half nichts, wenn einem das Herz schwer war. Erst Simon, jetzt Zoë – beide hatten Erinnerungen geweckt, die sie bewusst verdrängte. Sophie beschloss, sich ihren Gefühlen zu stellen. New York und Italien – an beiden Orten hatte sie mit Rafael gelebt. Eine Geschichte, wie sie überall auf der Welt tausendmal passiert: Zwei Menschen lernen sich kennen, verlieben sich, heiraten, hören auf, sich zu lieben, und lassen sich scheiden. Aber warum sollte sie all die vergangenen Jahre vergessen wollen? Sie war zwar geschieden, aber sie war glücklich in ihrem neuen Leben. Wie dumm von ihr, fünf Jahre ihres Lebens ausradieren zu wollen, als habe es sie nie gegeben! Rafael?

Sophie lehnte sich in ihrem Sessel zurück, bereit, sich ihren Dämonen, diesen kleinen, lächerlichen Plagegeistern, zu stellen. Was noch, so fragte sie sich, was erinnert mich noch alles an Rafael?

Musik. Ein Topf Basilikum auf dem Fensterbrett, Schneefall im Mondschein, Engel, die um einen großen Weihnachtsbaum schweben, Sonnenhitze und der Duft reifer Aprikosen, Spaziergänge im Regen. Alles erinnert mich an ihn.

Es war schon spät. Sie musste schlafen gehen, wenn sie am nächsten Tag fit sein wollte. Sie betrat ihr winziges Schlafzimmer. Das Bett, eine Spezialanfertigung, war höher als moderne Betten und so konstruiert, dass man aus dem Fenster sehen konnte, wenn man sich darin aufsetzte. Man konnte über den Hof hinweg auf die belebte Princes Street und die Dächer der Neustadt bis hin zum Fluss sehen und bei klarer Sicht sogar bis zum sanften Grün der Halbinsel Fife. Sophie holte sich ein Nachthemd aus der Kommode neben dem Bett, stieg die bemalten Holzstufen hoch, legte sich in das märchenhafte Bett, das sie nie mit Rafael geteilt hatte, und dachte an das unaussprechliche Glück, das es bedeutete, zu lieben und geliebt zu werden.

Zoë liebte Jim, und Jim liebte Zoë, und Zoë wollte, dass ihre Schwester diesen glücklichsten Tag ihres Lebens mit ihr teilte.

Sophie hörte die Glocke der St.-Giles-Kathedrale schlagen. Vier Uhr morgens. Sie lächelte. Worauf kam es letztlich eigentlich an? Es kam darauf an, dass niemand den Hochzeitstag ihrer Schwester verdarb. In die Toskana zurückzukehren, wo sie, Sophie, geliebt hatte und geliebt worden war, würde wehtun, wenn Rafael ihr noch etwas bedeuten würde. Dann wären die Erinnerungen noch lebendiger, schmerzlicher.

»Ich bin darüber hinweg«, sagte Sophie in die Stille ihres Zimmers hinein. »Morgen früh werde ich als Erstes Zoë anrufen.«

KAPITEL 2

Das konnte nicht wahr sein.

Sophies Herz raste wild. Nach einer albtraumhaften Reise ab Edinburgh war sie nun endlich in der Toskana und suchte verzweifelt ihr gemietetes Domizil. Schon oft war sie von Mailand aus in den Süden zum Haus ihrer Eltern in Comano gefahren, aber diesmal hatte sie hinter dem Dorf Licciana Nardi nicht geradeaus fahren dürfen, sondern hatte nach links auf die strada statale 63 abbiegen müssen; die kurvenreiche Straße führte in die Hügel hinauf, durch kleine Dörfer mit hübschen Namen wie Gabbiana und Bagnone. Sie war bestimmt falsch abgebogen, jedenfalls hatte sie sich komplett verirrt. Es war mitten in der Nacht, und plötzlich galoppierten Pferde auf sie zu. Was um Himmels willen sollte sie nun tun? Wie sollte sie ihnen ausweichen? Die Tiere würden in den Wagen laufen, ihn die Böschung hinunterschieben und in die Schlucht befördern. Sophie schloss die Augen.

In ungebremstem Galopp wichen die Pferde dem Fahrzeug aus, das mit abgewürgtem Motor stand, während Sophie mit geschlossenen Augen dasaß, bis der Hufschlag nicht mehr zu hören war. Die Tiere waren verschwunden.

»Ich hasse Pferde«, schluchzte sie, und zu dieser späten Stunde stimmte das sogar. Eigentlich hätte sie wissen müssen, dass verantwortungslose Bauern ihre Herden manchmal unbeaufsichtigt ließen. Wenn sich dann am Morgen so manch einer wunderte, was in der Nacht mit dem Gemüse in seinem Garten passiert war, erntete er nur ein unschuldiges Schulterzucken. Das war Italien.

Es war wieder ganz still. Sophie hob den Kopf und atmete tief ein, drehte sich um und erforschte die Dunkelheit. Nichts. Es war, als habe sie sich alles nur eingebildet. Mit angehaltenem Atem drehte sie den Schlüssel im Zündschloss. Der Motor stotterte. Sie zählte bis zehn und probierte es erneut. Wieder dieses deprimierende Geräusch.

Ein Italiener würde in dieser Situation einen Heiligen um Hilfe anflehen. Sophie verwarf den ersten Namen, der ihr einfiel. »Hilf mir, irgendein Heiliger, der um die Uhrzeit wach ist«, presste sie hervor, drehte den Schlüssel noch einmal um und lachte erleichtert, als der Motor tatsächlich ansprang. Sie legte den Gang ein und fuhr weiter. Irgendwo musste die Villa doch sein!

Tatsächlich gelangte sie kurz nach zwei Uhr morgens ans Ziel, und es ging ihr durch den Kopf, dass eine achtstündige Verspätung für italienische Verhältnisse eigentlich nichts Besonderes war. Obwohl niemand anders als sie selbst schuld daran war, dass sie in stockfinsterer Nacht in einer ihr völlig unbekannten Gegend umherirrte.

Sie hatte es sich selbst zuzuschreiben, dass sie sich verfahren hatte, denn wenn sie sich früher dazu entschlossen hätte, ihre Reise zu buchen, hätte sie wahrscheinlich einen Direktflug nach Pisa bekommen und nicht Brüssel in Kauf nehmen müssen, einen Flug mit vierstündiger Verspätung. Die Fluggesellschaft hatte ihrerseits die Flugsicherung für die Verspätung verantwortlich gemacht. Jedenfalls hatte Sophie ihren Anschlussflug nach Mailand verpasst und war deshalb gezwungen, mitten in der Nacht nach einem ihr unbekannten Haus zu suchen. Wer den Verlust ihres Gepäcks zu verantworten hatte, wusste sie nicht, und es interessierte sie auch nicht.

Die Toskana, dachte Sophie, ist eine Spielwiese der Götter, aber bestimmt nicht im Dunkeln.

Den Angaben der Agentur zufolge sollte der Hausschlüssel unter dem Blumentopf auf der Treppe liegen. Fehlanzeige. Sophie widerstand tapfer der Versuchung, in hysterische Tränen auszubrechen, ging zum Auto zurück, rollte sich auf dem schmalen Rücksitz zusammen und schlief ein.

Im Juli beginnt der Tag in der Toskana gegen fünf Uhr. Auch Sophie erwachte um diese Zeit, mit steifen Gliedern, verspannt und hungrig. Trotz ihrer Erschöpfung ließ sie erst einmal die atemberaubende Schönheit des Bergpanoramas in der Ferne auf sich wirken. Unten im Tal befand sich ein Dorf. Aus den Schornsteinen der Häuser mit ihren roten Dachziegeln stieg Rauch auf. Allmählich wurde es hell. Die Rebstöcke, die sich Reihe um Reihe in den Weinbergen erstreckten, wiegten sich in einer leichten Brise. Hinter Sophies Anwesen plätscherte das klare, kühle Wasser einer Quelle. Vermutlich hatten Menschen mit zerfurchten Gesichtern dieses Haus mit der Treppe aus grob gehauenen Steinen gebaut, ein Unterschlupf, der Schutz vor den Naturgewalten bot. Schönheit hatte für sie bestimmt keine Rolle gespielt, denn schön war die Landschaft, die sie umgab. Ursprünglich hatte eine Bauernfamilie darin gewohnt. Die wuchtigen Mauersteine im Erdgeschoss waren nicht gleichmäßig behauen. Eine klapprige Tür, die in den Angeln quietschte, öffnete sich zu einem Holzschuppen, der einst als Kuhstall gedient haben mochte. Im klaren Morgenlicht sah Sophie, was ihr in der Dunkelheit entgangen war: eine zweite Treppe auf der Rückseite des Hauses. Sie ging hinauf und befand sich auf einer neu angelegten Terrasse mit einem riesigen Terrakottakübel, in dem üppige Geranien blühten. Darunter lag – ein Schlüssel.

Sie sperrte auf und trat ein. Im Innern war es dunkel und kühl, denn alle Fensterläden waren geschlossen. Sie tastete nach einem Lichtschalter, entdeckte ein Bad mit neuesten Sanitäranlagen und daneben ein großes Schlafzimmer. Sie ließ sich auf das Bett fallen und schlief sofort ein. Als die Kirchenglocken sie um acht Uhr weckten, saß sie einen Augenblick wie benommen da und überlegte, wo sie war.

Gabbiana in der Toskana, Italien. Zu Hause.

Nein, sie war nicht zu Hause. Sie wollte sich nicht an frühere Aufenthalte in Italien erinnern, an die Limousinen mit Chauffeur, an das Personal, das ihr all die Unannehmlichkeiten abgenommen hatte, mit denen sich andere Reisende abplagen mussten. Als sie noch mit Raffaele verheiratet gewesen war, war ihr Fluggepäck kein einziges Mal verloren gegangen. Aber das war schließlich kein Grund, an der Ehe festzuhalten.

Sie würde zuerst duschen, dann einen Kaffee trinken und anschließend eine farmacia aufsuchen, um Zahnbürste, Seife und Deodorant zu kaufen. Danach würde sie telefonieren. Sie musste ihrer Familie mitteilen, dass sie angekommen war. Aber vorher würde sie sich umsehen, wofür sie vorhin zu müde gewesen war. Das Haus war innen völlig umgebaut worden, nur die alten Fensterrahmen hatte man erhalten. In diesem Stockwerk gab es nur ein spärlich möbliertes Wohn- und Speisezimmer, das die gesamte Breitseite des Hauses einnahm. Sophie stieß die Fensterläden auf und blickte auf die Quelle, die in dem Olivenhain hinter dem Haus munter plätscherte. Aus den Fenstern der Vorderseite sah man in der Ferne die Apuanischen Alpen. Auch das große Schlafzimmer bot einen wunderbaren Blick auf die Berge. Das Haus verfügte außerdem über eine kleine, aber moderne Küche und ein nicht minder kleines, aber mit allem Notwendigen ausgestattetes Bad. Zuerst würde sie duschen.

Das Wasser war bräunlich und sehr heiß. Sie stellte sich unter den Strahl, bis sie richtig wach war, trocknete sich mit einem frischen Frottiertuch ab, das an einem Handtuchhalter hing, und schlüpfte wieder in die Kleider vom Vortag. Dann stieß sie im ganzen Haus die Fensterläden auf. Anerkennend begutachtete sie die geschmackvolle Innenausstattung, von der die Agentur gesprochen hatte. Sie würde später alles genau inspizieren; jetzt wollte sie erst einmal einkaufen und telefonieren. Einen Moment lang blieb sie auf der Terrasse stehen und blickte über das Tal auf die Berge. Irgendwo dort hinten in dem nebligen Blau lag Carrara. Vielleicht blieb ihr ja genug Zeit für einen Ausflug. Ein hübsches Marmortischchen fehlte noch in ihrer Edinburgher Wohnung.

Sie ging hinunter zum Auto, lief dann aber zum Haus zurück, um abzuschließen. Das war nicht Rafaels Italien, in dem kein Mensch in ein fremdes Haus eindringen würde, selbst wenn Türen und Fenster offen standen. Das war die Toskana des einundzwanzigsten Jahrhunderts, in dem eine offene Tür Diebe geradezu anlockte. Seufzend ging sie die breiten Steinstufen hinunter, aber ob dieser Seufzer tatsächlich dem veränderten Land Italien galt, wusste sie nicht zu sagen.

Kaffee und Brot. Auf dem Weg ins Dorf fiel Sophie ein, dass sie seit der Zwischenlandung in Brüssel am Vortag keinen Bissen mehr zu sich genommen hatte. Zuerst hatte sie am Flughafen etwas essen wollen, dann aber beschlossen, unterwegs mit dem Auto irgendwo Rast zu machen. Aber nichts hatte so geklappt, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Auf der gewundenen Straße, die sie jetzt entlangfuhr, ergossen Bougainvilleen ihre üppige lila Blütenpracht über weiß getünchte Mauern, und die Schwertlilien standen so kerzengerade, als missbilligten sie diese Verschwendung. Sophie parkte neben knorrigen alten Olivenbäumen, die ihre Äste über die Tische ausbreiteten, an denen käsig weiße Touristen schon bald Schutz vor der Sonne suchen würden. Der Dorfplatz von Licciana Nardi war menschenleer. Nur ein abgemagerter Hund ließ Sophie nicht aus den Augen, wedelte aber freundlich mit dem Schwanz, als sie an ihm vorbei durch die geöffnete Tür in die pasticceria schlüpfte.

Der Cappuccino und das Hörnchen schmeckten so gut wie noch nie. Ob es daran lag, dass Kaffeeduft in der Luft gelegen hatte, als sie von dem staubigen Platz in den kühlen, schwarz-weiß gekachelten Raum getreten war? Die Erwartung und dann das Glück der Erfüllung. Sie wusste, dass man in Italien bis halb elf, höchstens bis elf Uhr Cappuccino trank. Ein Italiener würde mittags niemals einen Cappuccino trinken. Um diese Zeit war starker schwarzer Kaffee angesagt. »Espresso ist immer corretto.« Diese kulturellen Unterschiede waren ihr früher einmal wichtig erschienen, heute waren sie ihr gleichgültig. Sie spielte mit dem Gedanken an eine zweite Tasse, aber damit zögerte sie nur das Unvermeidliche hinaus. Außerdem freute sie sich schon darauf, ihre Familie zu sehen und auch das Haus, die Villa Minerva.

»Vorrei fare una interurbana, per favore.«

Der Mann hinter der Theke erwiderte ihr Lächeln. Mit ihrem zarten, rosigen englischen Teint und dem schmalen Gesicht war sie ausgesprochen hübsch. Er konnte nicht wissen, dass sie deshalb lächelte, weil sie zwar beinahe täglich Italienisch sprach, aber zum ersten Mal nach fünf Jahren in Italien.

Mit den gettoni, die er ihr gab, rief sie in Mailand an.

Ihr Gepäck war noch nicht wieder aufgetaucht. Womöglich lag es immer noch in Brüssel oder war in Mailand zum falschen Flughafen befördert worden. »Mi dispiace, signorina. Sobald wir es gefunden haben, bringen wir es Ihnen.«

Damit musste sie sich vorerst zufrieden geben. Es hatte keinen Sinn, ihrem Ärger Luft zu machen, der Angestellte konnte ja nichts dafür. Sie gab ihm die Adresse ihrer Eltern, die vermutlich leichter zu finden war als ihr eigenes gemietetes Haus, und überquerte den Platz, um Zahnbürste und Zahncreme zu kaufen.

Die farmacia auf der anderen Seite des Platzes unterschied sich, wie es schien, in nichts von jeder anderen Drogerie auf der Welt, doch plötzlich fiel ihr ein, dass sie alles, was sie brauchte, im Haus ihrer Eltern bekommen hätte – beinahe hätte sie gesagt »zu Hause«, aber die Villa Minerva war schon lange nicht mehr ihr Zuhause. Sie zuckte die Schultern, zahlte und ging zum Wagen zurück.

»Sophie, Sophie, wie schön, dass du gekommen bist!« Das war Stephanie Wilcox, eine Nachbarin ihrer Eltern. »Ich freue mich, dich zu sehen. Du hast dir Strähnchen machen lassen, das steht dir wirklich gut. Aber schmal bist du geworden, meine Güte!« Stephanie sah an sich hinunter. Sie selbst war ziemlich füllig. »Ich wusste, dass du kommen würdest. Sophie kommt bestimmt, habe ich gesagt. Wir haben dich so vermisst!«

Diese Bemerkung war so unaufrichtig, dass Sophie sich beinahe umgedreht und Stephanie stehen gelassen hätte. Aber sie nahm sich zusammen. Es lohnte sich nicht, sich mit der ältesten Freundin ihrer Mutter anzulegen. »Schön, dich zu sehen, Stephanie, aber ich muss weiter. Meine Eltern warten schon.«

Ihre Eltern erwarteten sie seit gestern, wussten aber nicht, wann genau sie ankommen würde. Sophie wollte trotzdem zuerst mit ihnen sprechen, bevor sie sich mit anderen Leuten abgab.

Aber Stephanie ließ nicht locker. »Du kommst doch zu dem Essen, zu dem Giovanni eingeladen hat? Dann sehen wir uns. Du musst mir alles erzählen.« Sie lächelte und wirkte doch wie ein gefräßiges Raubtier, das sein unglückliches Opfer fest in den Klauen hält. »Ciao.«

Giovanni? O ja, Sophie freute sich darauf, ihn wiederzusehen. Aber Stephanie alles erzählen? Nein, wohl eher nicht.

Die Straße zur Villa ihrer Eltern war kurvenreich und genau so schön, wie sie es in Erinnerung hatte. Sophie hielt das Lenkrad mit beiden Händen fest umklammert und konzentrierte sich ganz auf die Straße, die sich an der Bergflanke hinaufwand. Wie leicht war es, sich von den Blumen ablenken zu lassen, die von der Böschung her die Fahrbahn zu überwuchern drohten, oder von dem atemberaubenden Blick nach jeder Wegbiegung, die von Madonna- oder Herz-Jesu-Bildern beschützt wurde. Pkws und klapprige Lieferwagen donnerten bergab und überholten ältere Frauen auf Fahrrädern.

Noch schlimmer ist es, wenn man den Radfahrern bergauf begegnet, erinnerte sich Sophie, denn bergab baumelten zumindest keine ausgebeulten Einkaufstüten mit Brot und Obst an den Lenkstangen. In Italien muss die Madonna Überstunden machen. Sophie hielt an der Straße unterhalb der Auffahrt zum Haus ihrer Eltern. Fünf Jahre war sie nicht in Italien gewesen, fünf Jahre hatte sie dieses Haus nicht gesehen, das sie so liebte. Ihre Eltern hatte sie in dieser Zeit natürlich gelegentlich gesehen, denn sie verbrachten den Winter nicht in der Toskana. Kathryn hasste Schnee.

»Da ich Winter heiße, sollte ich Schnee eigentlich mögen, nicht?«, sagte sie mindestens einmal im Jahr. Es gab immer irgendjemanden, der wissen wollte, warum sie vier Monate im Jahr in England verbrachten, wo sie doch ein so wunderschönes Haus an einem so ausgesprochen reizenden Ort besaßen.

»So kann nur jemand fragen, der die Berge im Winter nicht kennt«, entgegnete ihr Vater stets trocken.

Sophie warf rasch einen Blick in den Spiegel. Sie fühlte sich unwohl. Zwar war sie frisch geduscht, aber sie hätte sich liebend gern erst noch die Zähne geputzt. Aber es war albern, sich mit solchen Kleinigkeiten aufzuhalten. Sie ließ den Motor an und fuhr widerstrebend die Auffahrt hinauf. Drei Autos standen dort. Sie erkannte den Wagen ihres Vaters, der kleine Fiat gehörte bestimmt ihrer Mutter und das dritte, ein sehr teures neueres Modell, zweifellos Ann. Es half nichts. Sie würde ihr nicht aus dem Weg gehen können, vielleicht würde sie ihr ja sofort in die Arme laufen. Sophie parkte neben dem Range Rover ihres Vaters, ohne auszusteigen. Auf dem Terrassendach lag ein Kinderball, der ohne akrobatische Verrenkungen nicht herunterzuholen war. Alles war noch weit schöner, als sie es in Erinnerung hatte. Wie konnte es auch anders sein? Die Zeit blieb nicht stehen, und die toskanischen Gärten entfalteten von Jahr zu Jahr eine üppigere Pracht.

Einst hatte auf diesem Hügel ein blühendes Kastanienwäldchen gestanden. Um Platz für die Häuser zu machen, hatte man zahlreiche der stattlichen Bäume gefällt. Diejenigen, die man verschont hatte, boten Schutz vor der glühenden Hitze und den Winterstürmen. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, und die Blätter der Kastanien bewegten sich sacht in einer leichten Brise.

Wie dumm, dass ich mir auch dieses Haus hier habe abspenstig machen lassen, dachte Sophie und betrachtete die niedrige graue Villa mit dem roten Ziegeldach, die sich perfekt in die toskanische Landschaft einfügte. Aber es war unfair, anderen die Schuld zu geben. Sie selbst hatte beschlossen, nach ihrer Scheidung nie mehr in die Toskana zurückzukehren. Rafael hatte nicht gesagt: »Komm nicht mehr«, ebenso wenig jene Unbekannten, die Hass und Zwietracht gesät hatten. Sie schüttelte den Kopf, um diese unerfreulichen Gedanken zu verscheuchen.

Der Tisch unter den ausladenden gelben Sonnenschirmen auf der Terrasse war zum Frühstück gedeckt: mit blauen Gläsern, blauen Tellern und einer Schüssel mit frischem Obstsalat, den ihr Vater so gern mochte. Sophie stieg aus dem Auto.

»Archie, Frühstück!« Ihre Mutter trat soeben aus der Küche, ein schwer beladenes Tablett in den Händen. Wie adrett sie aussah und wie typisch englisch in ihrer hübschen weißen Bluse und der gut geschnittenen marineblauen Hose! Ihr dauergewelltes, inzwischen ergrautes Haar war perfekt frisiert. Kathryn stellte das Tablett auf den Tisch und sah auf, als spüre sie, dass sie beobachtet wurde. Sophies Herz hüpfte vor Freude. »Sophie, mein Liebes, du bist hier!« Ihre Mutter rannte beinahe die Stufen hinab zu ihrer Tochter, die ihr entgegeneilte. »Archie.« Ihre Stimme klang aufgeregt. »Sophie ist da.«

Sie umarmten und küssten sich auf beide Wangen, wie es in Italien üblich ist. »Wie froh ich bin, dass du da bist!« Sie nahm Sophies Gesicht in beide Hände und studierte es, als wolle sie es sich ins Gedächtnis einprägen. »Wir haben dich so vermisst.«

»Aber wir haben uns doch erst letzten Winter gesehen, Mum.«

Kathryn Winter zuckte mit den Schultern und machte eine ausladende Geste, die den Garten und das Haus einschloss. »Hier, Liebling, hier haben wir dich vermisst.«

Sophie hörte einen Ruf und entdeckte ihren Vater, dessen Haare und Bart noch wilder wucherten und der wie seine Frau noch stärker ergraut war. Er eilte vom oberen Teil des Gartens hinunter zum Pool.

»Hallo, mein Engel«, sagte er.

Sophie ließ sich in die Arme schließen, roch die Seife und einen Hauch von Chlor.

»Du bist geschwommen«, sagte sie unbekümmert, obwohl ihr durchaus aufgefallen war, wie schmal er seit Weihnachten geworden war. »Der Vater der Braut hat doch keine Zeit zum Schwimmen!«

»Das hält mich gesund. Oh, du kennst Harry noch nicht. Harry, das ist unsere mittlere Tochter, Sophie. Harry Forsythe, Liebling.«

Sophie blinzelte in die Sonne und entdeckte einen Mann, der sich dezent im Hintergrund gehalten hatte. Mittelgroß, nachlässig, ja, unachtsam gekleidet, das blonde Haar von Silberfäden durchzogen. Wer mochte das sein? Sie kam nicht darauf. Zoës Verlobter? Nein, der hieß Jim. Sie lächelte und streckte ihm die Hand entgegen. »Hallo, Harry.«

»Ich unterrichte an der Universität«, erklärte er und drückte ihr die Hand. »Ich freue mich, dass ich zur Hochzeit eingeladen bin.«

Jetzt fiel es ihr ein. Zoës Beschreibungen nach musste Harry der »tolle Professor« sein. Aber Zoë hatte nicht erzählt, wie unpassend ihr Lieblingsdozent sich kleidete. Er trug – mitten im toskanischen Juli – ein leichtes Tweedjackett. Es war angegraut wie sein Besitzer und trug sich wegen des Alters vermutlich sehr angenehm. Sophie verstand, warum selbst eine junge Frau wie Zoë ihn mochte.

»Setzt euch zum Frühstück.« Kathryn Winter war sichtlich nervös. »Die arme Sophie hat eine albtraumhafte Reise hinter sich, Harry. Wann bist du angekommen, Sophie? Wir haben bis Mitternacht auf dich gewartet.«

Ich habe euch doch gesagt, ihr sollt nicht aufbleiben, lag Sophie auf der Zunge, aber ihre Mutter ließ sie nicht zu Wort kommen: »Harry hat eine Wohnung in Florenz.«

»Sie Glücklicher«, sagte Sophie und schenkte Kaffee ein. »Wo sind denn … die anderen?«

Jetzt schaltete sich ihr Vater ein. Für ihn war es einfacher, denn er hatte sich von Anfang an aus dem Familienstreit herausgehalten. Der Bruch zwischen den Schwestern existierte für ihn schlichtweg nicht. Das war seine Art, mit der Situation umzugehen. »Sie haben einen wunderbaren neuen Friseur in Aulla gefunden, Claudio. Sie probieren ihn heute aus – gewissermaßen der Härtetest vor der Hochzeit.«

Dann würde sie zumindest vorerst noch nicht mit Ann konfrontiert sein. Sophie entspannte sich ein wenig. »Ach, übrigens, mein Gepäck ist verschwunden. Die Fluglinie hat versprochen, es mir nachzuschicken. Ich habe eure Adresse angegeben.« Pannen auf Flugreisen – das war ein dankbares Gesprächsthema, während sie die erste Tasse Kaffee tranken und köstliche Feigen aßen. Dann entschuldigte Sophie sich und verschwand im elterlichen Bad, um sich die Zähne zu putzen und ein Deo zu benutzen. Sie wollte den »tollen Professor« schließlich nicht durch schlechten Körpergeruch verprellen.

Das Gespräch stockte, als sie zurückkam. Hatten sie ihm etwa rasch ein paar Dinge über sie erzählt? Unsere Tochter, die Karrierefrau … Sie war verheiratet – ein Desaster. Er hat ihr das Herz gebrochen, aber inzwischen ist sie darüber hinweg.

Harry Forsythe erhob sich, als sie Platz nahm. »Ihre Eltern haben mir gerade erzählt, dass Sie eine Villa in der Nähe von Gabbiana gemietet haben. Dort gibt es an der Hauptstraße eine ausgezeichnete Trattoria, die müssen Sie unbedingt einmal ausprobieren.«

Sophie verzichtete darauf zu erklären, warum in diesem riesigen Haus kein Platz für sie war, und lächelte. »Das tue ich.«

»Man hat einen herrlichen Blick auf die Berge. Selbst wenn das Essen furchtbar wäre, würde ich mich auf die Terrasse setzen, um die Aussicht zu genießen.«

»Aber es ist nicht … furchtbar?«

»Nein, es ist ausgezeichnet. Wenn Sie Zeit haben … Vielleicht könnten wir einmal zusammen hingehen?«

Das beste Essen schmeckt noch besser in der Gesellschaft eines schönen Mädchens. Das hätte sie von einem Italiener zu hören bekommen, aber er war ja Engländer. »Ja, das wäre nett. Wenn ich lange genug bleiben würde.«

»Sophie?«, begann ihre Mutter.

»Lass nur, Kathryn.«

Sophie sah von ihren Eltern zu Zoës Professor. Er zog ein verlegenes Gesicht. »Im Juli kann ich es mir beruflich nicht leisten, Urlaub zu machen, Mum. An der Universität ist doch jetzt bestimmt auch viel zu tun, nicht wahr, Harry?«

»Während des Lehrbetriebs fahre ich nach Möglichkeit nicht weg, aber es finden immer wieder Tagungen statt, die man nicht versäumen möchte. In den Semesterferien ist es auch nicht viel besser, denn dann möchte ich wissenschaftlich arbeiten.«

»Man kann einen Professor nicht mit einer Bürohilfe vergleichen«, warf Kathryn giftig ein. Die Bemerkung war vollkommen deplatziert.

Sophie verschlug es die Sprache, und auch den anderen fiel nichts dazu ein.

Harry trank seinen Kaffee aus, schaute auf die Uhr und stand auf. »Ich muss mich leider verabschieden. Schade, dass ich die Braut verpasst habe, aber ich sehe sie ja am Samstag oder sogar noch früher bei einer der Festivitäten.«

»Er ist nicht verheiratet«, flüsterte Kathryn, als Archie den Besucher zu seinem Wagen begleitete, »obwohl Zoë sagt, dass er eine … Beziehung hat.«

»Mit einer Frau?«, fragte Sophie ungezogen und lachte, als ihre Mutter errötete.

»Natürlich mit einer Frau, was redest du denn da!«

»Das hab ich von meiner Mutter gelernt.«

Kathryn streckte den Arm aus und erwischte Sophie am Ärmel. »Tut mir Leid, Schatz. Du führst einfach nicht das Leben, das ich mir für dich erträumt habe.«

»Assistentin für Europafragen ist kein Job für eine Bürohilfe, Mum. Und hör bitte auf. Ich bin nicht gekommen, um zu streiten.« Sie nahm sich noch eine weiche reife Feige, legte sie jedoch bedauernd auf den Teller zurück. »Ich habe schon drei gegessen – eine zu viel.«

Kathryn lächelte, als sei sie erleichtert, dass Sophie nicht gekommen war, um »zu streiten«. »Alles wird gut, Liebes«, sagte sie, und Sophie fragte sich, welche Gedanken ihre Mutter wohl quälen mochten.

»Komm, gehen wir zum Pool«, schlug Kathryn vor. »Ich möchte sehen, wie meinen Sträuchern diese Hitze bekommt.«

»Wer ist denn schon da?«, fragte Sophie, als sie die breiten weißen Stufen hinabgingen.

»Fast alle«, erwiderte Kathryn. Nach einer Pause fügte sie hinzu: »Judith kommt auch. Das macht dir doch nichts aus, Sophie? Schließlich ist sie Vaters Schwester.«

»Stiefschwester«, korrigierte Sophie mechanisch. »Nein, es macht mir nichts aus, Mum, obwohl ich mich manchmal frage, wie es diese Familie fertig bringt, so viel mehr Schnorrer als andere an sich zu ziehen.«

»Sie meint es gut, Sophie«, entgegnete Kathryn. »Und sie hat es im Leben nicht leicht gehabt.«

Ohne auf diese Bemerkung einzugehen, blieb Sophie überrascht stehen. »Traumhaft. Ist das Ricos Werk?«

Kathryn nickte zufrieden. »Seine Söhne, Cousins und Neffen haben ihm dabei geholfen. Du weißt ja, wie das ist in Italien. Wie findest du Daddys neuestes Spielzeug?«

Sophie lachte. In der Mitte eines Blumenbeets stand ein mit Sonnenenergie betriebener Springbrunnen.

»Je wärmer das Wasser wird, desto mehr schießt heraus, theoretisch zumindest«, erläuterte Kathryn. »Deswegen war Professor Forsythe hier. Er hat uns übrigens etwas mitgebracht, ein hübsches venezianisches Glas.«

»Hast du vielleicht einen Badeanzug, der mir passt, Mum? Ich würde so gern ein paar Runden schwimmen.«

Kathryn sah sich suchend um, als wüchse Badekleidung auf den Sträuchern neben dem Pool. Und tatsächlich, darauf waren zwei Kinderbadehosen ausgebreitet.

»Die Zwillinge. Ich freue mich so darauf, sie zu sehen. Wo stecken sie eigentlich?«

»Sie haben gestern bei Giovanni übernachtet und verbringen heute den ganzen Tag mit ihm. Sie waren hin- und hergerissen, ob sie bleiben sollen, wenn ihre Tante kommt, oder ob sie lieber Giovanni in der Küche helfen sollen.«

»Der arme Giovanni.«

»Er vergöttert sie. Du weißt ja, dass er Ann immer noch liebt.«

»Das bildest du dir nur ein, Mum. Du brauchst ihn nicht zu bedauern.«

Kathryn ließ erneut suchend den Blick schweifen. »George ist ein guter Ehemann, und … Na ja, vielleicht ist es wirklich besser, wenn man seinesgleichen heiratet.« Sophie blieb verlegen stehen.

»Ich habe einen Fehler gemacht, Mum. Das heißt aber nicht, dass es auch für Ann ein Fehler gewesen wäre, einen Italiener zu heiraten.«

»Als sie Nein sagte, konnte sie nicht wissen, dass er einmal das Nobelrestaurant von La Spezia führen würde.«

Wie oberflächlich – und typisch Mutter. »Mum, Ann war mit Giovanni befreundet, aber dann hat sie sich in George verliebt.«

»George ist so …«

»Englisch.«

»Dad auch, aber Dad ist nicht …«

»Dröge.«

Sie lachten.

»Ich hatte schon ganz vergessen, wie gut du meine angefangenen Sätze zu Ende führst.«

»Nur die, die du selbst nicht zu Ende führen willst.« Sophie betrachtete ihre Mutter besorgt. »Dad hat stark abgenommen.«

Kathryn lächelte vergnügt. »Gut, dass es dir aufgefallen ist. Vor der Hochzeit hat er sich ein paar Kilo heruntergehungert. Wenn er sich gerade halten würde, sähe er noch genauso aus wie damals, als wir uns kennen lernten. Abgesehen von den grauen Haaren natürlich.«

»Die stehen ihm doch ausgezeichnet.«

Kathryn ergriff Sophies Hand. »Es wäre so schön, wenn du hier bei uns bleiben würdest. Verstehst du?«

»Ich bin zu alt, um auf der Couch zu schlafen, Mum. Die Villa ist herrlich, und ich will, dass alle kommen und sie genießen können. Sag, hast du denn einen Badeanzug für mich?«

»Aber ja. Im Poolhaus wahrscheinlich. Da liegt, glaube ich, ein blau-grüner, den niemand benutzt.«

Der Badeanzug war ihr zwar zu groß, aber es war niemand da außer ihrem Vater, der einen Blick auf unschickliche Blößen hätte erhaschen können. Er saß in seinem Sessel und las die Times vom Vortag, ohne auf Sophie zu achten, die in kräftigen Zügen ihre Bahnen zog.

»Harry hat die Zeitung mitgebracht«, erklärte er, als sie aus dem Wasser kletterte. »Damit hat er mir den Weg runter nach La Spezia erspart. Wir haben dich hier vermisst, mein Engel.«

Sophie schlang das Handtuch fester um sich. »Ich habe es nicht fertig gebracht herzukommen. Hier habe ich einfach zu viele glückliche Stunden erlebt, verstehst du? Nicht nur mit Rafael, sondern auch früher in den Sommerferien, als wir klein waren.«

»Wirst du dich mit Ann versöhnen?«

Das hatte sie keinesfalls vor. Sophie beabsichtigte, die Höflichkeit in Person zu sein. »Mach dir keine Sorgen, Dad. Ich werde Zoës Hochzeit schon nicht verderben. Wie war die Abschlussfeier?«

»Phantastisch. Ich war so stolz. Eines meiner Mädels hat die Universität absolviert. Und deine Mutter erst! Los, zieh dich an, dann zeige ich dir die Fotos von der Feier, bevor die anderen eintreffen. Du hättest deine Mutter sehen sollen! Stolzgeschwellt. Ich dagegen sehe ein bisschen mitgenommen aus, ziemlich runzelig …«

»Aber distinguiert.«

Er lachte. »Wenn du es sagst. Wir haben zu Hause gefeiert, weißt du. Um Geld zu sparen für diese überraschende Hochzeit. Stella war großartig.«

»Stella, ja natürlich. Wo ist sie eigentlich?«

»Beim Friseur. Die Putzfrau bei der Hochzeit der Tochter – das gehört sich eigentlich nicht. Aber sie stand auf Zoës Gästeliste ganz oben. Du weißt ja, wie Zoë ist.«

»Stella kann man wohl kaum als Putzfrau bezeichnen, Dad«, wies sie ihn zurecht. »Fast zwanzig Jahre lang hat sie alles für diese Familie getan. Auch für mich.«

Er stand auf und ging den mit weißen Steinfliesen gepflasterten Weg entlang. »Darüber wollen wir jetzt nicht sprechen. Geh und zieh dich um. Ich hole inzwischen die Fotos.«

Auch sie hatte keine Lust, »darüber« zu sprechen, und ging los, um sich erneut die alten Kleider überzustreifen.

KAPITEL 3

Sophie, deine Koffer sind da!«

Sophie lief zu ihrem Vater. Sie hatte das Auto gehört und befürchtet, es sei ihre Schwester. »Dann geh ich mich rasch duschen und umziehen, Daddy. Und meine Haare in Ordnung bringen.«

Er drehte sich zu ihr um. Er war mittelgroß, und da sie ein Stück erhöht stand, befanden sie sich jetzt fast auf Augenhöhe. »Ich finde, du siehst tadellos aus.«

Mit der einen Hand das Badetuch festhaltend, drückte sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und lief schnell ins Haus. Ann konnte jeden Augenblick da sein, und Sophie wollte nicht, dass ihre Schwester sie nach all den Jahren ausgerechnet in einem schlecht sitzenden Badeanzug zu Gesicht bekam.

Als sie aus dem Bad trat, hörte sie Stimmen. Ann kam den Flur entlang. Es war zu spät, um wieder im Bad zu verschwinden, sie musste sich der Begegnung stellen. Ihre Schwester hatte zugenommen und wirkte älter. Das lag vielleicht daran, dass ihr Haar dunkler als je zuvor und viel zu kurz geschnitten war. Die beiden Frauen taxierten sich, als begegneten sie sich zum ersten Mal. Das ist meine Schwester. Sophie war erstaunt, dass sie plötzlich von allen möglichen widersprüchlichen Gedanken und Gefühlen überflutet wurde: Wut, Ernüchterung, Enttäuschung, Bedauern – und Zuneigung. »Hallo, Ann«, sagte sie.

Ann ging es offenbar auch nicht viel besser. Sie blieb verlegen stehen, als sei auch sie von Erinnerungen überwältigt. Ihre Schwester, fand Sophie, sah aus, als wolle sie sagen: Es ist vorbei, und ich habe auch gelitten. Doch Ann sagte nur mit tonloser Stimme: »Sophie, unpünktlich wie immer.«

Vier Jahre, vier lange Jahre waren vergangen, seit sie zum letzten Mal miteinander gesprochen – nein, sich unter Tränen und Schluchzen angeschrien hatten –, und die ersten Worte, die Ann nach all dieser Zeit an sie richtete, war ein ungerechter Vorwurf: unpünktlich wie immer. Halt dich zurück, dachte Sophie. Bleib einfach stumm und zucke nur mit den Schultern. Es muss eine Zeit gegeben haben, da Ann und ich uns nicht gestritten, sondern gemocht haben. Ich liebe meine Schwester doch, oder nicht? Ich habe mir Sorgen gemacht, als Ann vor zwei Jahren eine Lungenentzündung hatte; also bedeutet sie mir etwas.

»Ich hab in Brüssel den Anschlussflug verpasst«, gab Sophie mit strahlender Miene zurück, »und dann habe ich in Linate drei Stunden vergeblich auf mein Gepäck gewartet.« Sie vermied es, ihre Schwester anzublicken. Sie wollte ihr nicht in die Augen sehen.

»Wie ärgerlich!« Eine höfliche Floskel. Wie Fremde, die sich in einem Zug begegnen.

Die Worte bedeuteten nichts. Ann hätte genauso gut sagen können: toter Fisch.

Nun schaute Sophie ihrer Schwester doch ins Gesicht. Wie alt war Ann eigentlich? Doch nur ein paar Jahre älter als sie selbst. Ob sie selbst sich auch so verändert hatte? »Ist George auch mitgekommen – und Zoë?«, fragte sie. Zoë, meine geliebte kleine Schwester.

Die Antwort erübrigte sich, denn in diesem Moment kam Zoë um die Ecke. Sie trug fast unanständig kurze Shorts, die ihre schlanken braunen Beine gut zur Geltung brachten, zu ihrer kunstvollen Frisur aber nicht so recht passen wollten. »Sophie, da bist du ja!«, rief sie begeistert, lief zu ihrer Schwester, umarmte sie und küsste sie innig auf beide Wangen. »Ist das nicht phantastisch? Wieder eine Hochzeit am schönsten Ort der Welt.«

»Hoffen wir, dass diese Ehe glücklicher wird als die erste«, warf Ann giftig ein und verschwand in ihrem Zimmer. Offenbar hatte sie nicht die Absicht, sich zu zügeln.

Zoë streckte kindisch die Zunge heraus, als Ann die Tür hinter sich geschlossen hatte. Sie hatte nicht bemerkt, dass Sophie bei Anns Bemerkung regelrecht zusammengezuckt war. »Mach dir nichts draus«, sagte sie und legte ihrer Schwester den Arm um die Schulter. »Sie hat schlechte Laune, weil Claudio meint, ihr Londoner Nobelfriseur hätte ihr die Haare verschnitten und der Schaden sei bis Samstag nicht zu beheben.«

Sophie musterte Zoë von oben bis unten. »Wo ist bloß meine kleine Schwester geblieben? Wer ist diese strahlende junge Frau? Sag bloß nicht, dass der Friseur diese Haarpracht aus deinen zerrupften Zöpfen gezaubert hat!« Zärtlich berührte sie die goldenen Locken, die sich auf Zoës Kopf ringelten.

Zoë strahlte vor Freude. »Ist Claudio nicht ein Künstler?«

Sophie nickte. »Ja, aber bei dem Material konnte er nicht viel falsch machen!«

Zoë errötete. »Du siehst auch gut aus, Sophie.« Sie bedachte ihre Schwester mit einem kritischen Blick. »Ich habe wie verrückt Sport getrieben, damit ich in mein Hochzeitskleid passe, aber du bist immer noch dünner als ich. Los, komm mit. Mum hat auf der Terrasse etwas zu trinken bereitgestellt, und ich möchte ein wenig mit dir plaudern, bevor die Zwillinge kommen. Das ist ein echtes Problem. Sie wollen auf keinen Fall die Ringe tragen. Deshalb hat Ann vorgeschlagen, sie sollen Platzanweiser spielen, aber dafür sind sie wirklich noch zu klein.«

»Müssen sie denn unbedingt etwas machen?« Sophie spürte, dass sich eine Kopfschmerzattacke anbahnte.

»Ann will es unbedingt, aber für die Jungs ist das alles nicht so wichtig. Haben sie dir von ihrem Rennen erzählt?«

»Ich habe sie noch gar nicht gesehen«, erwiderte Sophie. Inzwischen waren sie in dem weitläufigen Wohnraum angelangt, dessen hohe Türen auf die Terrasse führten. Hier sah sich Sophie ihrem Schwager gegenüber.

Sie tauschten einen forschenden Blick. George nahm gleichsam Witterung auf, um eine mögliche Gefahr zu erspüren. Sophie hatte ihn lange nicht gesehen, doch es schien, dass die Zeit ihm nichts hatte anhaben können. George hatte noch immer dichtes braunes Haar und machte auch in Shorts eine gute Figur. Aber ihm fehlte Zoës Sonnenbräune.

»George«, sagte Sophie freundlich und küsste ihn auf die Wange. »Schön, dich zu sehen. Es ist …« Nein, sag’s lieber nicht, schoss es Sophie durch den Kopf. Die Flut der Vorwürfe wäre nicht zu stoppen.

George lächelte. » … viel zu lange her. Du siehst gut aus, schlank wie nie zuvor.«

Das war genau die falsche Bemerkung.

»Sie ist viel zu dünn«, erklärte Ann, die mit einer weißen Strickjacke über dem Arm aus dem Schlafzimmer kam.

»Ich habe Sophie gerade von dem Rennen erzählt, Ann, das die Zwillinge veranstalten wollen«, fuhr Zoë hastig dazwischen.

Anns Miene belebte sich. »Die beiden sind wunderbar, Sophie. Nicht wahr, George?« Sie ging in die Küche und kam mit einem Krug Limonade zurück. »Sie sammeln Geld für einen gemeinnützigen Zweck«, setzte sie hinzu, als sei sie gar nicht fort gewesen. »Ein Entenrennen auf dem Fluss, am Tag nach der Hochzeit. Irgendetwas müssen wir den Leuten ja bieten, die von so weit anreisen.«

»Im Unterschied zu deiner Hochzeit« hatte mitgeschwungen. Nach dem großartigen Festessen bei Sophies Hochzeit waren die Gäste sich selbst überlassen geblieben. Sophie hatte sich ausschließlich für Rafael interessiert, für seine strahlend blauen Augen, seine schönen Hände, seine Zärtlichkeiten. Warum auch nicht? Die Gäste brauchten doch keine Betreuung. Sophie erinnerte sich, dass Rafael und sie nach dem mehrstündigen Dinner und anschließenden Tanz in seinem silbergrauen Sportwagen nach Monte Carlo aufgebrochen waren.

Sophie schwieg, George zuckte nur die Schultern und ging mit seiner Frau in den Garten hinaus. Zoë hakte sich bei Sophie unter und folgte ihnen. Das grelle Sonnenlicht traf Sophie so unvermutet, dass sie einen Augenblick wie geblendet stehen blieb. Kathryn saß am Tisch, das Handy am Ohr, und unterhielt sich in fehlerhaftem Italienisch.

»Der Florist«, flüsterte Zoë. Sie hatte vergessen, dass Sophie besser Italienisch sprach als sie alle. »Benutzt du es manchmal, dein Italienisch, nur so zum Spaß?«, fragte sie, als es ihr wieder einfiel.

Sophie ließ sich auf einen mit Kissen gepolsterten schmiedeeisernen Stuhl sinken und schüttelte den Kopf. Ein schwerer Fehler. Sie rang um Fassung. »Nur beruflich.«

»Professor Forsythe spricht zwar auch ganz gut, aber er hat einen grauenhaften Akzent. Er unterrichtet italienische Literatur an der Universität.«

Italienische Literatur. »Welche Epoche?«

»Er ist ein anerkannter Experte für mittelalterliche Handschriften. Mum sagt, du hast dich mit ihm zum Essen verabredet?«

Sophies Kopfschmerzen waren inzwischen unerträglich geworden. Ob sie es schaffen würde, zu ihrer Villa zurückzufahren? Schuld war nur der Stress. Mit zitternden Händen nahm sie ein Glas Limonade.

»Du zitterst ja, Sophie. Du schluckst doch nicht etwa noch Tabletten?« Hatte Anne absichtlich diesen gehässigen Ton gewählt?

Sieben schlichte, kleine Wörter. Einfach so dahin gesagt, konnten sie einen Menschen vernichten. Alles war stressbedingt, ganz bestimmt. Oder war sie etwa krank? Vorsichtig stand sie auf. »Entschuldige, Mum. Ich habe bohrende Kopfschmerzen. Ich habe zu wenig geschlafen.«

Ihre Mutter war sofort in heller Aufregung. »Ich hole dir Aspirin, Sophie. Du solltest dich ein bisschen hinlegen.« Aber wo? Sämtliche Gästezimmer waren für Zoës Brautjungfern hergerichtet. Plötzlich hatte sie einen genialen Einfall. »Unser Bett! Da kannst du dich ausruhen und ein wenig schlafen. Mit Kopfschmerzen kannst du unmöglich Auto fahren, Liebling. Und Dad hat keine Zeit, dich hinzubringen.«

»Ich fahre dich, Sophie«, erbot sich George. »Zoë, du kommst mit meinem Wagen nach, und wir fahren zusammen zurück. Eine halbe Stunde wirst du die Braut wohl entbehren können, Kathryn.«

Sophie warf ihrem Schwager einen dankbaren Blick zu. »Das wäre mir lieber, Mum. Tut mir Leid. Ein paar Stunden im abgedunkelten Schlafzimmer, dann geht es mir wieder gut, ganz bestimmt.«

Ihr Gepäck wurde ins Auto geladen, dazu eine Kiste mit Lebensmitteln, die ihre Mutter vorsorglich aus dem Supermarkt hatte bringen lassen. »Du isst hoffentlich mit uns zu Abend. Das hier sind nur ein paar Kleinigkeiten. Wein, Obst, Cracker und der Käse, den du so magst, Taleggio.«

Sophie lächelte dankbar, brachte aber kein Wort heraus. Sie hatte nur einen Wunsch: in die kühle Dunkelheit ihrer Villa zu flüchten.

»Mach keine Umstände, Mum. Du hast bestimmt nichts vergessen. George, bleib nicht zu lange weg. Hier wartet noch jede Menge Arbeit«, mahnte Ann.

Schon wieder diese unterschwellige Kritik, die besagte: Diesmal ist es anders; diesmal gibt es kein Personal, das uns die Arbeit abnimmt. Und: Wir brauchen jeden, der mit anpackt, und du verdrückst dich, um Siesta zu halten.

George sagte während der Fahrt kein Wort. Er erkundigte sich nur nach dem Weg zur Villa. Ob es ihm schwer fiel, nach all den Jahren mit ihr zu sprechen, oder ob er nur Rücksicht auf ihre Kopfschmerzen nahm? Vermutlich Letzteres.

Schweigend reichte Sophie ihm das Fax mit der Wegbeschreibung. Bei Tag war das Haus mühelos zu finden.

George folgte Sophie die Steintreppe hinauf und stellte die Koffer mitten im Wohnzimmer ab. Einen Augenblick blieb er unschlüssig stehen. »Ich geh gleich wieder, Sophie. Zu Hause gibt’s dann Abendessen. Stella hat Lasagne vorbereitet, die nur noch in den Ofen geschoben werden muss. Morgen geht’s ja erst richtig los. Ich werde Archie sagen, dass du heute Abend die Fotos von der Abschlussfeier anschauen willst, ja?« Er blickte sie an und trat zögernd einen Schritt auf sie zu. »Ist alles okay? Du siehst mitgenommen aus.«

»Danke.« Sie nickte und bereute es im nächsten Augenblick, denn ihr Kopf pochte zum Zerspringen. Sie ging ins Schlafzimmer und legte sich ins Bett. Von draußen war die besorgte Stimme ihrer Schwester, Georges tiefere Stimme und dann das Schlagen von Autotüren zu hören. Ein Wagen wurde gestartet, der Motor brummte, dann war es plötzlich still. Sophie seufzte erleichtert und ließ sich von der Dunkelheit umfangen. Dann hörte sie es. Jemand spielte Klavier. Beethoven, Mozart, Schumann? Nein, es war Mussorgski. Trotz der bohrenden Kopfschmerzen lächelte sie. Wie wunderbar, bei klassischer Musik auszuruhen! Aber die Häuser im näheren Umkreis waren nicht bewohnt. Sophie schluchzte, als sie sich eingestand, dass die Triller und Läufe in ihrem Kopf erklangen.

Stunden später erwachte sie und stellte erleichtert fest, dass ihre Kopfschmerzen verschwunden waren. Ihr Mund war trocken, als habe sie zu viel Wein getrunken. Vorsichtig drehte sie sich auf den Rücken und blickte hoch. Eine kleine Eidechse huschte über die Zimmerdecke. Sophie lächelte. Italien. Sie war in Italien, in der Toskana, die ihr so ans Herz gewachsen war! Sie hatte sich geschworen, nie wieder hierher zurückzukehren, sich von dem magischen Zauber dieser Landschaft nie wieder in Bann schlagen zu lassen. Sie war hier, um die Hochzeit ihrer Schwester mitzuerleben, mehr nicht. Sie würde Ann aus dem Weg gehen und ihr so wenig Beachtung wie möglich schenken. Denn die Vergangenheit war noch immer gegenwärtig. Was Ann gesagt und getan hatte – Sophie würde es niemals vergessen und vergeben können. Das Beste war, einfach nicht an Ann zu denken. Sophie wollte auch keine alten Freunde besuchen, keine Bekanntschaften erneuern. In zwei Tagen würde alles vorbei sein. Sie würde ihren Eltern, so gut es ging, bei den Vorbereitungen helfen und sich bei der Hochzeit möglichst im Hintergrund halten. Und am Sonntag würde sie abreisen.

Das Entenrennen?

Woher um alles in der Welt wollten Anns achtjährige Zwillinge Enten nehmen? Und wie brachte man sie dazu, auf dem Fluss um die Wette zu schwimmen? Das würde sie bald erfahren. Sophie freute sich schon darauf, die beiden Kinder wiederzusehen, die ihr nicht fremd waren, da sie sich gelegentlich bei den Großeltern der Zwillinge trafen. Der Bruch betraf nur Ann.

Erleichtert setzte Sophie sich auf. Sie fühlte sich wie neu geboren. Wenn sie sich frisch gemacht hatte, würde sie aufbrechen. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es fast vier war. Nach dem Schlaf hatte sie einen Bärenhunger. Zähne putzen, Kaffee kochen, auspacken, die Villa noch einmal genau inspizieren. Nein, zuerst die Villa erkunden und dann auspacken.

Das Haus verfügte über zwei Schlafräume. Das größere befand sich im zweiten Stock, zusammen mit dem Esszimmer, der Küche und dem Bad. Das kleinere, das die Zwillinge benutzen könnten, falls sie bei ihr übernachten wollten, lag einen Stock tiefer. Es war über eine Außentreppe sowie über eine Wendeltreppe vom Esszimmer aus erreichbar, was für die Kinder womöglich noch aufregender war. Im ersten Stock war außerdem ein großes Wohnzimmer. Wenn sie länger bliebe, würde sie die ganze Familie zu einem Essen al fresco einladen.

Mit einer Kaffeetasse in der Hand stieg sie die Treppe hinunter, öffnete die Tür und trat hinaus in den Sonnenschein. Von der kleineren Terrasse aus hatte man einen traumhaften Blick auf die Berge. Sophie ging die Außentreppe hinunter und stieg die Wendeltreppe hoch ins Esszimmer. Sie prustete los. Auf dieser Treppe kann ich mir Mum oder Ann oder die unausstehliche Tante Judith überhaupt nicht vorstellen.

Das Esszimmer erstreckte sich über die ganze Breite des Hauses. Von den hinteren Fenstern aus hatte man eine wunderschöne Aussicht auf die terrassenförmig angelegten Weinberge und auf Feigenbäume. Von den vorderen Fenstern aus blickte man auf die Berge – ein Panorama, so traumhaft schön wie auf einer Postkarte. Vor zweihundert Jahren hatte eine Bauernfamilie mit ihren Tieren in diesem Haus mit den dicken Steinmauern gelebt. Ein Schweizer Industrieller hatte das Anwesen später von Grund auf modernisiert. Es war eine geglückte Mischung aus Alt und Neu. Einst hatte der Bauer mit einem Glas selbst gekelterten Weins hier gestanden und die Aussicht genossen. Heute öffnete Sophie an derselben Stelle eine Flasche Wein der Region und empfand eine tiefe Verbundenheit mit all den Menschen, die einmal hier gelebt hatten. Er hat die Annehmlichkeiten eines Kühlschranks noch nicht gekannt, dachte Sophie, aber den wunderbaren Blick hat er bestimmt genauso genossen, wie ich ihn genieße.

Lange saß sie da und blickte auf die Berge. Sie beobachtete die Eidechsen, die die Mauern hinauf- und hinunterflitzten, und genoss die Wärme der Sonne auf der Haut. Sie aß ein Stück Brot mit Käse und trank ein Glas Wein. Hier könnte ich für immer bleiben, schoss es ihr durch den Kopf, aber sie vertiefte diesen Gedanken nicht. Sie wusch sich das Gesicht und schminkte sich sorgfältig. Dann schlüpfte sie in eine Caprihose und zog ein gestreiftes Baumwolltop an.

Unterwegs zur Villa ihrer Eltern nahm sie sich Zeit, die Trattoria an der Hauptstraße nach Gabbiana genauer in Augenschein zu nehmen. Die Terrasse im Schatten üppiger Reben und reifer Kiwis war bereits gut besucht, und wie immer in Italien waren die Gäste eine bunte Mischung aus Menschen jeden Alters, meist Großfamilien. Ein Großvater, so knorrig und hart wie der holzige Stamm eines Weinstocks, überquerte die Straße, ohne sich um Sophies Wagen zu kümmern. Sie bremste ab, damit er in Ruhe seinen Weg fortsetzen konnte. Am Straßenrand entdeckte sie eine Tafel zum Gedenken an den Zweiten Weltkrieg, von denen es in der Toskana so viele gab. An dieser Stelle, verkündete die Inschrift, sei ein Dorfbewohner von den deutschen Besatzungstruppen getötet worden. Konnte man überhaupt von Besatzungstruppen sprechen, wo Italien doch Deutschlands Verbündeter gewesen war? Sophie zuckte die Achseln und fuhr weiter.

Vor der Villa ihrer Eltern parkte ein weiteres Auto. Aus dem italienischen Nummernschild schloss Sophie, dass es Giovanni Piola gehörte. Das Haus war leer, und so folgte sie den Stimmen, die vom Swimmingpool herüberdrangen. Eine Weile konnte sie die Szenerie in aller Ruhe betrachten – wie ein Gemälde. Zwei kräftig gebaute braunhaarige Jungen, ihre Neffen, versuchten einander im Pool unterzutauchen. Sophies Eltern wässerten die Rosen, in der Hoffnung, dass sie am Samstag ihre ganze Pracht entfalten würden, und Ann, George und Giovanni standen da, die Sonnenbrillen über die Stirn geschoben, und gingen Listen durch. Von Zoë keine Spur.

Die Jungs entdeckten Sophie zuerst und begrüßten sie mit Freudenschreien.

»Sophie, geht es dir besser?« Das war ihre Mutter.

»Carissima!« Giovanni.

»Einen Drink, Sophie?« George.

»Peter, Danny, Vorsicht! Bleibt bloß weg von eurer Tante! Ihr macht sie ganz nass.« Das war Ann.

Sophie reagierte nicht. Auf Anns Bemerkung wusste sie keine passende Antwort. Sie schloss die sonnengebräunten Jungen in die Arme, die sich sogar ein Küsschen aufdrücken ließen, nahm von George ein Glas Wein entgegen und von Giovanni eine Umarmung, dass ihre Rippen nur so knackten. Der berufliche Erfolg zeigte sich bei Giovanni auch an den Hüften. Aus dem schlanken Jüngling von einst war ein fülliger Mann geworden. Er trug einen Schnauzbart, und sein Gesicht war zwar rundlicher geworden, strahlte aber wie eh und je.

»Du musst ein bisschen Fleisch ansetzen, principessa. Warte nur, bis du das Bankett siehst, das ich für die kleine Zoë vorbereiten werde. Deine eigene Hochzeit verblasst dagegen.«

»Wir haben dir doch gesagt, Sophie, dass Giovanni kocht, nicht wahr?«

»Natürlich, Mum. Es wird die Hochzeit des Jahres.«

»Des Jahrhunderts«, korrigierte der Küchenchef in aller Bescheidenheit. »Ich muss gehen, Sophie. Noch ein Abschiedsküsschen, und morgen kommt ihr alle zu mir zum Essen, auch Jims Mutter und seine Schwester. Ein hübsches Mädchen, die kleine Penny.«

Sophie hakte sich bei ihm unter und begleitete ihn zu seinem Wagen.

»Bist du glücklich, principessa

»Aber ja, Giovanni«, erwiderte sie heiter. »Ist der Garten nicht wunderschön?«

Giovanni überhörte die Frage. »Und warum strahlst du dann nicht so wie früher?«

»Ich bin älter geworden, amico

»Ich auch, meine Süße, aber meine Augen funkeln. Siehst du?« Er riss die dunkelbraunen Augen weit auf. »Das Castello war ein paar Wochen zur Besichtigung freigegeben, ist aber wieder geschlossen.«

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