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Pietro

1.

„Wie ich das hasse!“ dachte Pietro „Es ist doch immer dasselbe.“ Ca. 25 fremde Augenpaare starren ihn an und warteten auf seinen Bericht.

Pietro schwieg. Er hatte keine Lust, immer dasselbe zu erzählen.

„Na, irgendetwas wird dir doch einfallen“, meinte die Lehrerin.

Pietro schwieg immer noch. Sicher dachten sie jetzt, er wäre verstockt oder gar dumm, aber das war ihm egal. Sollten sie denken, was sie wollten, er gehörte sowieso nicht zu ihnen!

„Weißt du“, begann die Lehrerin noch mal“, die Kinder hier wissen gar nicht, wie aufregend so ein Zirkusleben sein kann.“

„Aufregend! Wenn er das schon hörte! Eher würde 'hektisch' passen. Und überhaupt, wenn die wüssten!“

Als er immer noch nicht antwortete, gab die Lehrerin auf, ihn zu befragen.

„Nun, wenn Pietro nicht erzählen mag, dann wollen wir ihn in Ruhe lassen. Vielleicht ein anderes Mal.“ Die Klasse maulte. Erzählstunde wäre viel interessanter als Mathematik. Aber Frau Siebold schrieb bereits Aufgaben an die Tafel.

Pietro schwieg den ganzen Vormittag über. In der Pause fragten ihn einige Jungen, ob er mit ihnen Fußball spielen wolle, das war schon besser als reden, fand er und ging mit.

Zu seiner Enttäuschung spielten sie nur mit einem kleinen Tennisball, aber immerhin war das besser, als allein herumzustehen, wie es in anderen Schulen schon oft der Fall gewesen war.

Fußballspielen war sein Hobby, und dass er etwas davon verstand, merkten seine neuen Mitschüler bald. Von den fünf Toren, die in dieser Pause geschossen wurden, kamen allein vier auf sein Konto.

Die Jungen waren beeindruckt.

„Wenn er auch so gut mit einem richtigen Fußball umgehen kann, wäre er in unserer Mannschaft ganz brauchbar“, meinte Udo nach der Pause.

Matze nickte. „Morgen ist wieder Training. Soll ich ihn fragen, ob er mitkommen will?“

„Na klar! Vielleicht lässt ihn der Trainer am Sonntag sogar beim Punktspiel mitmachen.“

Jetzt mischte sich Fliege ein: „Quatsch! Das geht doch gar nicht! Er gehört nun mal nicht in unseren Verein.“

„Und wenn schon“, sagte Matze, „schon mal was von Gastspiel gehört?“

„Ist ja auch egal“, mischte sich der lange Jan ein, „ zum Training kann er auf alle Fälle mitkommen; ich frage ihn jetzt.“

Er ging zu Pietro, der etwas abseits stand und fragte ihn: „Willst du heute Nachmittag mit zum Fußballtraining kommen?“

Pietro nickte. „Wann?“, fragte er.

„Um drei Uhr am Sportplatz, gleich neben der Schule!“ „Okay“, sagte Pietro und trotte hinter den anderen her, denn es hatte schon längst zur Stunde gegongt.

Am Nachmittag stand er bereits am Fußballplatz, als die anderen ankamen. Utz, der Trainer, begrüßte ihn freundlich, unterließ alle dummen Fragen über den Zirkus und behandelte ihn so wie die anderen Jungen. Er setzte ihn als Stürmer ein. Jetzt war Pietro in seinem Element. Was gab es Schöneres, als ein richtiges Fußballspiel auf einem richtigen Fußballplatz in einer richtigen Mannschaft mit Schiedsrichter! Die Jungen der gegnerischen Mannschaft spielten sehr gut. Das war eine Herausforderung für ihn, und er setzte sein ganzes Können ein. Die Abwehr auf beiden Seiten war derart gut, dass kein Tor zustande kam.

Erst gegen Ende der zweiten Halbzeit gelang es Pietro, das einzige Tor des Spiels zu schießen. Das war kein umwerfendes Ergebnis, aber immerhin hatten sie gewonnen!

Pietro wurde umjubelt. Nun drängte die gegnerische Mannschaft auf Revanche, doch so sehr sie Pietro auch baten, noch zu bleiben, er musste vor der Abendvorstellung noch proben.

Ja, so war sein Leben. Er war nie richtig frei wie andere Kinder. Bis auf wenige Ausnahmen hatte er täglich Proben und Vorstellungen, an manchen Tagen sogar zwei. Und wenn sie im Winterlager waren, wurde auch nicht gefaulenzt. Dann wurde ein neues Programm einstudiert. Die Proben dafür zogen sich meist über den ganzen Vormittag hin und am Nachmittag wurde nochmal ein bis zwei Stunden trainiert.

Von wegen freies Zirkusleben! Pietro war mehr an Termine gebunden als jedes andere Kind seines Alters. Und kneifen war absolut unmöglich, denn wenn jemand ausfiel, dann brachen oft ganze Programmteile völlig zusammen. Alles war aufeinander abgestimmt und miteinander verknüpft.

Pietro gehörte zu einer Akrobatengruppe. Sie sprangen auf Trampolinen, machten Saltos in der Luft, sprangen in verschiedene Formationen, und den Schluss ihre Nummer bildete eine Menschenpyramide. Ganz oben stand Pietro, denn er war der kleinste und leichteste in der Gruppe.

Als Pietro sechs oder sieben Jahre alt gewesen war, hatte man ihn im Voltigieren ausgebildet. Das hatte ihm viel Freude gemacht, denn er war gern mit Pferden zusammen.

In seiner Freizeit hatte er sie gefüttert und gestriegelt. Später brauchten die Springer einen Jungen in ihrer Truppe, der leicht aufzufangen war, und so kam es, dass er ein Artist geworden war. Seit mindestens drei Jahren arbeitete er mit der Gruppe zusammen, und sie verstanden sich alle gut miteinander.

Natürlich wurde die Stimmung vor einer Premiere oder Galavorstellung immer gereizter, aber das war wohl bei allen Künstlern so, nicht nur bei den Springern. Desto fröhlicher waren alle, wenn in der Vorstellung alles gut gelaufen war. Und falls nicht, dann trösteten sie sich gegenseitig.

Ja, die Kameradschaft war gut bei ihnen im Zirkus, und Pietro war nie allein. Es war immer jemand zum Unterhalten da, und trotzdem fühlte er sich oft einsam. Das lag sicher daran, dass er zu keinem Menschen richtig gehörte. Er hatte keine Eltern oder Geschwister und wohnte mit zwei jungen Männern aus der Springergruppe zusammen in einem Wohnwagen.

Die meisten Künstler lebten mit ihren Familien, die oft sehr groß waren, im Zirkus, und es gab nur wenige, die ganz allein waren so wie Pietro, und allein lebende Kinder gab es schon gar nicht.

Er war von vielen Jahren von einem Mann, es war ein Clown, in den Zirkus gebracht worden. Damals muss Pietro fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Der Mann hieß Luigi und war Italiener. Nach ungefähr zwei Jahren zog er weiter und ließ Pietro im Zirkus zurück.

Luigi war ein trauriger Mann gewesen, der nicht viel gesprochen hatte. Nur bei den Vorstellungen war er lustig, ja so spaßig, dass sich Pietro den Bauch vor Lachen hielt. Und wenn er sah, wie die Zuschauer über ihn lachten, dann war er ganz stolz, dass er zu dem Clown gehörte.

Anfangs hatte er geglaubt, Luigi sei sein Vater. Aber dann erfuhr er, dass er es nicht war, und Pietro wusste bis heute nicht einmal, ob es ein Verwandter von ihm gewesen war. Keiner im Zirkus wusste etwas über seine Herkunft. Möglicherweise kam er aus Italien, denn er konnte etwas Italienisch und hatte einen italienischen Vornamen. Vielleicht aber hatte er die Sprache nur von Luigi gelernt.

Pietro dachte viel über seine Herkunft nach. Er versuchte immer wieder, sich an seine ersten Lebensjahre zu erinnern, aber weiter als an Luigi und den Zirkus konnte er sich nicht zurückbesinnen.

Die nächsten Schultage ähnelten dem ersten Tag. In der großen Pause spielte Pietro mit den Jungen Fußball, in der übrigen Zeit blieb er weitgehend allein. Nur Jan kam hin und wieder zu ihm und sprach mit ihm.

Einmal lud er ihn zu sich nach Hause ein, doch Pietro lehnte ab.

„Du weißt doch, ich habe nicht viel Zeit. Gegen sechs Uhr beginnen die Proben für die Abendvorstellung.“

„Aber du hast doch gesagt, dass ihr nicht jeden Tag eine Vorstellung habt.“

„Nur Donnerstag habe ich frei.“

„Dann kommst du eben am Donnerstag zu uns, also übermorgen“, meinte Jan.

Pietro zögerte immer noch. Einerseits hatte er Lust, zu Jan zu gehen, denn er mochte den Jungen. Anderseits hatte er Hemmungen. Er war schon öfter von Kindern, deren Klasse er für die Dauer seines Aufenthaltes besuchte, eingeladen worden. Und jedes Mal spürte er die Geborgenheit, in der die Kinder lebten, und die Rückkehr zum Zirkus fiel ihm besonders schwer.

Warum sollte er sich jetzt wieder das ansehen, was er nun mal nicht haben konnte.

Jan drängte: „Nun sag schon ja. Im Zirkus bist du jeden Tag; sei doch froh, wenn du mal was anderes siehst!“

Pietro sah ein, dass er sich nicht länger sträuben konnte. Er sagte zu.

Am Donnerstagvormittag freute er sich plötzlich auf den Besuch bei Jan. Bevor er losging, bat er im Zirkusbüro um drei Freikarten für Jan und seine Eltern.

Jan wohnte in einem großen Haus mit Garten. Er öffnete ihm die Tür und stellte ihn seiner Mutter vor. Sie war Pietro sofort sympathisch.

Zuerst zeigte Jan ihm sein Zimmer, dann spielten sie Tischtennis, und danach wurden sie von der Mutter an den gedeckten Kaffeetisch gebeten. Am späten Nachmittag kam der Vater nach Hause.

„Na, wen haben wir denn da zu Besuch“, fragte er freundlich. Pietro fielen die Eintrittskarten ein, und er gab sie der Mutter. Sie dankte ihm herzlich.

Nach dem gemeinsamen Abendbrot verabschiedete sich Pietro. Ihm wurde das Herz schwer, weil er wusste, dass er nie wiederkommen würde. In dieser Familie hatte es ihm besonders gut gefallen.

Auf dem Heimweg stellte er sich vor, wie es wäre, wenn er ein eigenes Zuhause hätte. Es müsste nicht so ein komfortables Heim sein, wie Jan es hatte. Er würde auch in einer kleinen Wohnung glücklich sein, wenn er eine Familie hätte!

Heute war keine Vorstellung, und Pietro verbrachte den Abend bei den Pferden im Stall. Hier hielt er sich gern auf. Der Geruch der Pferde war ihm aus frühen Kindertagen vertraut.

Er hatte sich mit Carlo, dem Pferdepfleger angefreundet und half ihm beim Füttern und Bürsten der Pferde.

Es war der vorletzte Abend vor der Abreise, und Carlo traf schon die ersten Reisevorbereitungen. Er packte die geschmückten Halfter und die bunten Kopffedern ein, weil sie für die letzte Vorstellung am Nachmittag nicht mehr benötigt wurden. Die eigentliche große Abschiedsvorstellung hatte bereits am Abend zuvor stattgefunden.

„Na, Junge, da wirst du aber staunen, wenn wir in Italien sind. Du warst doch noch nie dort, oder?“

„Italien? Wieso Italien? Ich denke, unsere nächste Station ist München“, fragte Pietro verwundert.

„Was, du weißt nicht einmal, dass wir übermorgen nach Italien ziehen?“

Pietro schüttelte den Kopf.

„Die Münchner haben uns sitzen gelassen. Erst haben sie uns eine Auftrittszeit von drei Wochen zugesagt, jetzt können sie und plötzlich den Platz wegen der internationalen Freizeitausstellung nicht zur Verfügung stellen. Da hat sich der Alteso wurde der Direktor allgemein genannt-kurzerhand entschlossen, nach Italien zu fahren. Wir gastieren in verschiedenen Städten; ich glaube, unsere erste Station ist Verona.“

Italien! Pietro staunte mit offenem Mund. Das war wunderbar! Schon immer hatte er sich gewünscht, Italien kennenzulernen, das Heimatland Luigis, der ihm so viel darüber erzählt hatte. Es war das einzige Thema, an dem sich der sonst so wortkarge alte Mann begeistern konnte.

Italien, das Land, dessen Sprache er so einigermaßen sprechen konnte, und das vielleicht auch sein Heimatland war!

Der Direktor des Zirkus 'Corona' war ein Deutscher, und das Programm war in erster Linie auf deutschsprachiges Publikum ausgerichtet. Bisher hatten sie nur Deutschland, Österreich, die Schweiz und einmal die Niederlande bereist. Für Italien mussten nun die Witze des Clowns und alle Ansagen und Erklärungen ins Italienische übersetzt werden. Das geschah während der langen Reise. In den meisten Fällen bereiteten die Übersetzungen keine Schwierigkeiten, weil viele der Artisten die italienische Sprache beherrschten. Selbst deutsche Künstler benutzen während der Proben italienische Ausdrücke, das hatte sich einfach so eingebürgert.

Für Pietro war es eine angenehme Reise voller Abwechslung. Er hatte während der Vorstellung nichts zu sagen und musste daher auch kein Italienisch üben, was ihm übrigens nicht schwergefallen wäre.

Er reiste streckenweise mal in dem einen, mal in einem anderen Wagen und sah und hörte den Künstlern zu. Vor allem aber schaute er aus dem Fenster und bewunderte die herrliche Bergwelt.

Er kannte die Alpen schon von den Reisen in die Schweiz und Österreich, aber jetzt boten sie wieder einen anderen Anblick, und er konnte nicht genug von dem Schönen bekommen, das sich seinem Auge bot. Er wundere sich, dass sich die anderen lieber mit Kartenspielen und Erzählen die Zeit vertrieben, als diesen wunderbaren Anblick zu genießen.

Dort möchte ich wohnen, hoch oben in den Bergen, dachte er. Und wieder fiel ihm auf, dass er anderes empfand als die anderen. Er wollte nicht wie sie von einem Ort zum anderen ziehen, von Vorstellung zu Vorstellung eilen.

„In diesem Land möchte ich zu Hause sein“, wünschte er, und dieser Gedanke ließ ihn von nun an nicht mehr los. Der Wagentreck kam nur langsam voran. Es mussten längere Pausen für die Tiere eingelegt werden, weil jegliches Reisen für sie einen ungeheuren Stress darstellte. Tiere reagieren aufs Reisen viel sensibler als Menschen; Sie bekommen große Angst, weil sie nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Diese Angst kann sogar zu einem Kollaps, einem Zusammenbruch des Kreislaufs, führen. Und daran sind schon manche Tiere gestorben. Nun sind die Zirkustiere ans Reisen gewöhnt, aber trotzdem sind sich die Tierpfleger der Gefahr bewusst und beobachten sie ständig.

Am 11. Tage ihrer Reise erreichten sie endlich Verona. Sie steuerten den ihnen zugewiesenen Platz am Rande der Stadt an. Sofort begannen die Arbeiter mit dem Aufbau des Zeltes, damit die Artisten mit den Proben beginnen konnten. Andere kümmerten sich um ihre Tiere, und als Pietro zu den Pferdewagen eilte, traf er natürlich Carlo an. Vorher hatte Pietro selbstverständlich seinen Hund Tasso versorgt; er war ohnehin in jeder freien Minute mit ihm zusammen, nur des Nachts mussten sie sich trennen, weil im Zirkus die allgemeine Regel bestand, dass Tiere in separaten Wagen untergebracht werden müssen, und das galt ohne Ausnahme. Früher hatte Pietro Tasso einige Male neben seinem Bett schlafen lassen, weil es die beiden Brüder von der Springergruppe nicht störte. Aber andere hatten es gesehen und es wurde ihm verboten.

„Warst du schon mal in Italien?“ fragte Pietro.

Carlo lachte.“ Natürlich, was denkst denn du! Es ist meine Heimat, ich bin in Norden Italiens geboren. Du kannst mir glauben, es ist das schönste Land auf der ganzen Welt!“

Pietro hatte noch nicht viel von Italien gesehen, aber das wenige hatte ihn schon sehr begeistert.

„Und warst du schon in Verona?“

„Aber ja! Ich kenne fast alle Städte Italiens. Früher bin ich mit einem italienischen Zirkus gereist, da habe ich allerhand kennengelernt.“

„Ist Verona eine schöne Stadt?“ fragte Pietro weiter.

„Wunderschön ist sie! In der Altstadt gibt es viele Bauwerke aus der Römerzeit. Sie haben hier ein Amphitheater, es ist das zweitgrößte Italiens!“

„Das größte ist in Rom, nicht wahr?“ Pietro hatte in der Schule schon einiges über die Römer gelernt.

Carlo nickte.

„Glaubst du, dass ich auch hier zu Schule gehen muss?“ „Wohl kaum. Jetzt im Juli haben die italienischen Kinder Ferien.

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