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Picknick mit einem Playboy

Donna Alward

Picknick mit einem Playboy

1. KAPITEL

„Ms. Ross? Mr. Fiori ist soeben eingetroffen.“

Da war er also.

„Danke, Becky. Führen Sie ihn bitte herein.“

Mari strich glättend über ihr makellos frisiertes Haar und kämpfte gegen die spontane Abneigung, die sie schon vor der ersten Begegnung gegenüber diesem Mann empfand. Luca Fiori, der Goldjunge des Fiori-Resort-Imperiums. Reich, mächtig und ihren Internetrecherchen zufolge ein richtiger Playboy.

Genau das, was sie – und das Hotel – ganz sicher nicht brauchten.

Seine dunkle, warme Stimme drang von der Rezeption herüber und löste ein Kribbeln in ihrem Bauch aus. Vielleicht sollte sie ihn im Foyer begrüßen, ja, vermutlich wäre das sogar genau das Richtige und äußerst professionell. Doch sie blieb sitzen. Stattdessen versuchte sie, ihr Büro mit den Augen eines Besuchers zu betrachten. Ihr neues Büro, in dem sie sich selbst noch wie ein Eindringling fühlte. Dabei sollte Fiori eine selbstbewusste Frau sehen, die sich in ihrer neuen Rolle absolut wohlfühlte. Zumindest den Anschein musste sie erwecken, auch wenn sie sich eigentlich gar nicht so fühlte.

Nun, alles war an seinem Platz, nirgends Unordnung, kein Staubkörnchen, kein Stück Papier, alles war perfekt.

Sie atmete tief durch und probierte sich an einem Lächeln. Sie würde ihm beweisen, dass sie dieser Position gewachsen war … der Position, die sie seit genau zwei Wochen und drei Tagen innehatte.

Als Luca Fiori in ihr Büro geführt wurde, machte ihr Herz einen kräftigen Satz, und ihre einwandfrei einstudierten Begrüßungsformeln waren plötzlich wie weggeblasen.

„Mr. Fiori.“

Die Fotos, die sie im Internet gesehen hatte, wurden ihm nicht im Geringsten gerecht. Allein schon, weil er viel größer war, als er auf den Bildern wirkte. Sein italienischer Anzug war derart leger, dass sie nicht wusste, ob der Begriff „Anzug“ überhaupt gerechtfertigt war. Denn unter dem lässigen schwarzen Jackett trug er ein am Kragen offenes Hemd, sodass seine braungebrannte Haut zu sehen war. Eine Hand hatte er in die Tasche seiner ebenfalls schwarzen Hose gesteckt.

Als sie wieder in sein Gesicht sah, fühlte sie sich ertappt. Seine funkelnden Augen sagten alles, und sein schiefes Grinsen bestätigte ihre Befürchtung. Errötend schaute sie zur Seite.

„Ms. Ross, die Managerin, nehme ich an?“

Flüchtig fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen und setzte ihr Lächeln auf. „Richtig. Herzlich willkommen im Bow Valley Inn.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen und versuchte, die Hitze zu ignorieren, die ihr beim Klang seiner Stimme erneut in die Wangen stieg.

„Sie meinen das Fiori Cascade.“

Mari zuckte zusammen. Natürlich. Wie hatte ihr die Namensänderung nur entfallen können? Sie sah Mr. Fiori an, aber er lächelte und schien wegen dieses Fauxpas nicht verärgert.

Sie ließ seine Hand wieder los. „Ja, natürlich. Alte Gewohnheit.“ Sie deutete auf eine kleine Sitzecke. „Nehmen Sie doch bitte Platz.“

„Warum gehen wir nicht in eine der Lounges?“, fragte er. „Das wäre doch viel gemütlicher, finden Sie nicht auch?“

Mari erstarrte. So hatte sie den Ablauf nicht geplant, und allein das Wort „gemütlich“ ließ ihren Puls ansteigen. Sie hatte nur eine kurze Präsentation der Vorzüge des Hotels und einige grundsätzliche Vorschläge für Änderungen und Verbesserungen vorgesehen. Stunden hatte sie an dem Konzept herumgefeilt, bis alles so war, wie sie es wollte – makellos. Und mit angemessenem Abstand zwischen ihnen beiden.

„Stimmt etwas nicht, Ms. Ross?“

„Nein, alles in Ordnung“, erwiderte sie mit schwacher Stimme. Sie presste kurz die Lippen zusammen, räusperte sich und lächelte wieder. „Dann schlage ich den Athabasca Room vor.“

„Ich bin schon sehr gespannt auf Ihre Ideen. Vielleicht möchten Sie später einen Rundgang mit mir machen?“ Er trat zur Seite, um ihr den Vortritt durch die Tür zu lassen. Seine Stimme klang sanft, und sein Lächeln war charmant. Mari atmete erneut durch. Sie würde das hinkriegen, auch wenn diese Art zu arbeiten etwas gewöhnungsbedürftig war. Sie durfte einfach nur nicht an seinen Ruf denken. Oder daran, wie mühelos er seinen Charme versprühte.

Um zehn in der Früh war die Lounge so gut wie leer. Mari führte ihn zu einer kleineren Nische, wo sie sich an dem Tisch niederließ, sorgfältig darauf bedacht, genügend Abstand zwischen ihnen zu halten. Als er sich neben sie setzte, drang ihr der Duft seines teuren Aftershaves in die Nase. Seine ungezwungene, selbstbewusste Art ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass dieser Mann in einer ganz anderen Klasse spielte als sie. Nicht, dass sie einen Mann suchte, ganz im Gegenteil! Schon der bloße Gedanke an die körperliche Nähe zu einem Mann machte sie nervös.

„Von hier aus hat man einen wunderschönen Ausblick“, sagte sie, ganz konzentriert auf ihre Arbeit und fest entschlossen, ihm das Hotel von der besten Seite zu präsentieren. Durch die Panoramafenster konnten sie hinab auf das Tal und den türkisblauen Bow River sehen, der sich wie ein glitzerndes Band durch die golden und rot gefärbte Herbstlandschaft schlängelte. „Und unser Kaffee ist erste Qualität, wir importieren …“

„Der Anblick ist wirklich fantastisch“, unterbrach er sie, und erst jetzt fiel ihr auf, dass er gar nicht die Aussicht betrachtete, sondern sie ansah. Mari verstummte einen Moment. Vermutlich hielt er sie für reichlich provinziell und nicht auf dem Niveau, das der Fiori-Konzern für gewöhnlich von seinem Führungspersonal erwartete. Und bestimmt für unfähig, mit lockerem Geplänkel umzugehen.

Es spielte keine Rolle. Das hier war ihr Job, und sie wollte ihn behalten. Mehr als alles andere in der Welt.

„Kaffee, Mr. Fiori?“ Mari nahm die Kanne entgegen, die gerade von einem Kellner gebracht wurde. Als er nicht antwortete, hob sie den Kopf und blickte direkt in seine Augen.

Er sah sie unentwegt und derart unverblümt an, dass ihre Hand an dem Kannengriff zu zittern begann und sie sich innerlich verkrampfte. Mit aller Kraft redete sie sich ein, dass er sie nur aus der Fassung brachte, weil er ihr Chef war; er konnte schließlich nichts für seine eindrucksvolle Erscheinung. Auch nichts für seine karamellfarbenen Augen, die nur einen Hauch dunkler waren als sein Haar, oder seine perfekt geformten Lippen oder die Art, wie er sprach, fließend, gewandt und nur mit dem Anflug eines italienischen Akzentes. Er war noch anziehender als auf den Bildern, die sie gesehen hatte. Vermutlich öffneten sich ihm allein schon durch sein Äußeres und seinen Charme viele Türen. Aber nicht in diesem Hotel, mit ihr nicht. Für sie stand zu viel auf dem Spiel.

Er hielt ihr die Tasse hin und sagte: „Nennen Sie mich doch Luca.“

Mari musste sich zwingen, den Kaffee einzuschenken.

„Also dann, Luca.“

„Wollen Sie mir Ihren Vornamen nicht auch verraten?“

Sie hob eine Augenbraue. „Dieses Hotel gehört Ihnen, Sie sollten wissen, wie ich heiße.“

Er lachte. Ein ehrliches, echtes Lachen, das ihr Innerstes mit Wärme erfüllte. „Helfen Sie mir auf die Sprünge.“

Unwillkürlich musste sie lächeln. Sie war davon ausgegangen, seine Art wäre nur eine Masche, doch alles an ihm war absolut natürlich. Sein Kleidungsstil, sein Verhalten, das alles war unverstellt. Luca Fioris Charme war angeboren und vollkommen authentisch.

Und genau darin lag die Gefahr. Für sie bedeutete Charme Schwierigkeiten, und die konnte sie nicht gebrauchen. In keiner Weise.

„Mari. Ich heiße Mari.“

„Oh, Mari, ich glaube, Sie flunkern ein bisschen.“

„Flunkern? Wieso?“

„Weil ich weiß, dass Ihr Name Mariella ist.“

Mari verkrampfte sich. Sie war Mari, schon seit Langem! Mariella war verängstigt, gehorsam und gesichtslos gewesen, ein Niemand, ohne Persönlichkeit.

„Ich ziehe Mari vor. Sie könnten mich natürlich auch weiterhin Ms. Ross nennen“, erwiderte sie kühl.

„Mariella ist ein hübscher italienischer Name. Meine Großmutter hieß Mariella.“

Hastig nahm Mari einen Schluck Kaffee und verbrannte sich prompt die Zunge. Der Name seiner Großmutter war ihr gerade ziemlich gleichgültig. Sie war Mari, Managerin eines Vier-Sterne-Hotels, und hatte, um es so weit zu bringen, einige schmerzvolle Erfahrungen verarbeiten müssen. Trotzdem erinnerte sich die Mariella in ihr an alles, was Mari zu vergessen versuchte.

„Mr. Fiori …“ Als sie seinen Blick bemerkte, korrigierte sie sich widerwillig: „Luca, ich möchte nicht unhöflich klingen, aber Sie sind als Repräsentant der Fiori Resorts hier, um Ihr neues Hotel in Augenschein zu nehmen. Mein Vorname ist dabei nicht relevant, vielleicht sollten wir jetzt gleich mit der Tour beginnen.“

Die Geschäftsführerin war etwas reizbar, aber sehr hübsch, und er war noch nie vor einer Herausforderung zurückgeschreckt. „Und diesen hervorragenden Kaffee stehen lassen? Nein, wir werden schon alles erledigen… aber zu seiner Zeit.“

Während er ein paar Schlucke trank, ließ er seinen Blick über Mari gleiten. Ihr dunkles Haar hatte sie zu einem einfachen, aber eleganten Knoten zusammengesteckt, bei dem jede Strähne perfekt an ihrem Platz saß, und ihre Beine waren teilweise unter einem konservativen marineblauen Rock versteckt, zu dem sie über einer Hemdbluse ein ebenso schmuckloses Jackett trug. Dazu schlichte dunkelblaue Schuhe. Die Kombination unterstrich ihre Effizienz und ihre bemerkenswerte Persönlichkeit. Allerdings schrie ihre Aufmachung förmlich: „Bleib mir vom Leib!“

Und dann sah er in ihre Augen.

Sie waren umwerfend, nicht zu vergleichen mit ihrem kalten, geschäftsmäßigen Äußeren. Graublau, geheimnisvoll, sanft und sexy.

„Mariella …“, sagte er warm und sah zufrieden, dass sie seinen Blick erwiderte. Sie bedeutete für ihn mehr als nur eine Herausforderung; auf einmal war pure Neugier in ihm erwacht, für ihn völlig ungewöhnlich. Normalerweise reichte es ihm, an der Oberfläche zu kratzen, und gemeinhin ließ er keine Frau näher als nötig an sich heran. Doch in ihren Augen lag etwas, das ihn anzog, ein Geheimnis, das gelüftet werden wollte.

„Mari“, korrigierte sie ihn kühl.

Verwundert runzelte er die Stirn. Eigentlich wirkte dieser sanfte Ton immer. Auch in dieser Frau steckte mehr als effizientes Management und funktionales Schuhwerk, das spürte er. Aber ihr funkelnder Blick, als sie ihm untersagte, ihren vollen Namen zu benutzen, bewies, dass sein Charme ihn dieses Mal im Stich gelassen hatte. Beinahe hätte ihn die kleine Niederlage zum Lachen gebracht, und widerwillig zollte er ihr Respekt.

Wer hätte gedacht, dass sich seine Reise nach Kanada als so faszinierend erweisen würde? Aber er war aus anderen Gründen hergekommen. Er hatte Italien verlassen, um den permanenten Anforderungen zu entkommen, um endlich eigenständig und ohne die Vorschriften seines Vaters bestimmen zu können. Schon einmal hatte er sich durch Frauengeschichten von der Arbeit abhalten lassen, und das war ihn teuer zu stehen gekommen. Nicht so teuer wie seinen Vater, als seine Mutter sie verlassen hatte, aber es war nicht weniger verfahren gewesen. Er hatte sich für Ellie zum Idioten gemacht. Er hatte sein Herz eingesetzt und verloren. Seither hatte er beschlossen, sich mit Frauen nur noch zu amüsieren, und das war’s.

Er war hier, um aus dem einstigen Bow Valley Inn das Fiori Cascade zu machen, und dafür musste er mit Mariella Ross zusammenarbeiten, also würde er sich zurückhalten. „Zeigen Sie mir die übrigen Räume, Mariella, dann werden wir sehen, wie wir dem Fiori Cascade zu neuer Pracht verhelfen können.“

Luca hatte es sich auf dem Sofa seiner Suite bequem gemacht, während er noch einmal die Unterlagen durchsah. Im großen Ganzen stimmte alles mit dem Hotel. Es war ein gutes Haus, elegant und trotzdem gemütlich, mit gutem Service.

Aber Fiori bedeutete nicht bloß gut, wie sein Vater ihn gelehrt hatte.

Und da war noch die neue Managerin. Mariella. Ganz offensichtlich war sie in einem starren Gerüst von Regeln und Grenzen gefangen. Während der Tour erwähnte sie wiederholt, wie effizient hier gearbeitet wurde und dass das Hotel Gewinn machte. Was alles schön und gut war – schließlich wollte er auch Profit machen, aber das durfte nicht alles sein. Hinter der Marke Fiori steckte weit mehr als nur eine gute Bilanz. Eben das gewisse Etwas, was Fiori von allen anderen Konkurrenten unterschied.

Er legte die Akten zur Seite. Die Managerin ging ihm nicht aus dem Kopf. Nachdem sie sich zur Begrüßung die Hände geschüttelt hatten, war ihm nicht entgangen, wie sie sich bemüht hatte, die Distanz zwischen ihnen zu wahren. Diese Frau wirkte wie von einer unsichtbaren Mauer umgeben. Sie war ein einziger Widerspruch, unglaublich attraktiv und zugleich mit einer undurchdringlichen Mauer umgeben. Er fragte sich, wieso.

Besser, er hörte endlich auf, die ganze Zeit an sie zu denken.

Versonnen schaute er aus dem Fenster. Auf den Spitzen der imposanten Bergkette am Horizont lag schon Schnee.

Gleich beim ersten Anblick hatte er die dicken grauen Steinmauern des Hotels gemocht, die wie ein Teil der Berge wirkten und an eine kleine Burg denken ließen; ein Rückzugsort, wie in die Felsen gemeißelt. Eine Festung.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken, und er ging hin, um nachzusehen, wer es war.

Mari riss die Augen auf, als er die Tür öffnete, und sie vergaß augenblicklich, weshalb sie hergekommen war. Anstelle des Anzugs trug er jetzt verwaschene Jeans und einen braunen Pullover, der seinen schlanken Körper betonte und seinen dunklen Teint unterstrich. Er sah zum Anbeißen aus. Umwerfend.

Es war absolut lächerlich. Sie starrte einen völlig Fremden an, als wäre er ein köstliches Stück Sachertorte. Aber gutes Aussehen hin oder her, das Äußere sagte rein gar nichts über den Menschen selbst aus. Hinter einem hübschen Gesicht konnten Männer so einiges verbergen. Ein Gedanke, der einen altbekannten Schmerz in ihrer Brust auslöste.

„Mari. Kommen Sie herein.“

Er benutzte tatsächlich die Abkürzung ihres Namens, sprach ihn jedoch auf eine so verführerische Weise aus, dass ihr ein Kribbeln über die Haut rann, was jedoch sofort verschwand, als er ihre Hand ergriff. Reflexartig zog sie sie fort und wich einen Schritt zurück.

Natürlich verwirrte ihn ihre Reaktion, wie sie an seiner gerunzelten Stirn sehen konnte.

Sich zur Begrüßung die Hände zu reichen gehörte zu den unvermeidlichen gesellschaftlichen Umgangsformen, denen sie sich beugen musste, aber alles, was darüber hinausging, konnte sie nicht tolerieren; es war für sie ein Übergriff auf ihren persönlichen Freiraum. An ihrer Reaktion darauf konnte sie ebenso wenig etwas ändern, wie sie ihre Vergangenheit ändern oder ihre irrationale Angst unterbinden konnte, die sie selbst in einer so harmlosen Situation wie dieser überkam. Ganz gleich, wie viel Zeit auch verging, sie konnte diese Reflexe nicht abstellen, die durch körperliche Berührungen ausgelöst wurden, selbst wenn die betreffende Person sie gewiss nicht verletzen wollte.

„Ich wollte Ihnen den Bericht über den finanziellen Status bringen.“ Sie reichte ihm den Ordner und überging so die unangenehme Lage schlichtweg.

„Ist das Ihr Ernst?“

Jetzt war sie verwirrt und klammerte sich dankbar an das Geschäftliche. „Natürlich, ich dachte, Sie brauchen ihn.“

„Schreiben wir schwarze Zahlen?“

„Selbstverständlich!“ Sie ließ den Ordner sinken, als er ihn nicht nahm, und drückte ihn schützend gegen ihre Brust.

„Gut, mehr muss ich nicht wissen.“

„Nicht?“

„Bitte, setzen Sie sich. Möchten Sie etwas trinken?“

„Nein, danke.“

Sie hockte sich ganz vorn auf die Kante eines Sessels, als wollte sie gleich wieder aufspringen, während Luca zu der kleinen Bar hinüberging. Er war barfuß, und einen Moment lang betrachtete sie gedankenverloren den ausgefransten Saum seiner Jeans, der über die leicht gebräunte Haut seiner Ferse fiel.

Sie durfte sich von seinem guten Aussehen nicht verwirren lassen. Gewiss wusste er um seine Wirkung und setzte seine Attraktivität gezielt ein. Aber bei ihr würde ihm das nicht gelingen, so naiv war sie nicht.

Etwas ganz anderes sollte sie kümmern. Wenn ihn die Zahlen nicht interessierten, was, um alles in der Welt, würde er dann mit dem Hotel anstellen? Es zu Grunde richten? Während der letzten zweieinhalb Jahre hatte sie immerzu, bei jeder Entscheidung, das Für und Wider ganz genau abgewägt. Was sie tun sollte, wo sie leben, was sie anziehen und sagen sollte … Und er tat so, als wäre das alles keine große Sache. Damit bestätigte er ihre anfänglichen Bedenken, dass das Hotel für ihn nur das Spielzeug eines reichen Jungen war. Für sie aber stellte es die Lebensgrundlage dar, das Hotel war alles, was sie hatte. Er dagegen hatte sein Leben lang alles auf einem Silbertablett serviert bekommen.

„Wie sehen Ihre Pläne für das Cascade aus?“, fragte sie, während er erst ein, dann, entgegen ihrer Ablehnung, auch ein zweites Glas mit Wein füllte.

Er kehrte zurück, reichte ihr eines der Gläser und setzte sich auf die Armlehne des Sofas. „Ich habe viele Pläne. Es wird bestimmt Spaß machen, das Hotel ordentlich aufzumöbeln.“

Spaß machen? Allmählich verließ sie der Mut. Das war ja großartig! Er war charmant und gut aussehend, daran bestand kein Zweifel, und seit sie Toronto verlassen hatte, war er der einzige Mann, zu dem sie sich körperlich hingezogen fühlte. Was aber nur besagte, dass sie noch Augen im Kopf hatte. Das gab ihm nicht das Recht, ihre Existenzgrundlage als sein Spielzeug zu betrachten.

„Sollten solche Entscheidungen nicht rational durchdacht werden?“

„Wo bleibt denn da der Spaß? Meinen Sie, Sie hätten keinen daran?“ Er hob das Glas an die Lippen und trank einen Schluck.

Pflichtbewusst nahm auch sie einen kleinen Schluck und genoss den vollmundigen, weichen Geschmack.

„Ich nehme meine Arbeit sehr ernst, Mr. Fiori. Für mich ist das hier kein Spaß, keine bloße Laune.“

„Manchmal ist es aber sehr wichtig, Spaß an der Arbeit zu haben.“ Bei seinem entwaffnenden Lächeln beschloss sie sofort, dass sie sich nicht davon bezaubern lassen durfte. Zum Teufel mit ihm!

Abermals trank sie einen Schluck, rutschte tiefer in den Sessel und schlug die Beine übereinander. „Ich mag meine Arbeit.“ Aber sie würde sie kaum als Spaß bezeichnen; sie gab ihr das Gefühl, etwas zu leisten, eine Art Erfüllung. In diesem Hotel in den herrlichen Bergen zu arbeiten passte zu ihrer zurückgezogenen Lebensweise bis aufs i-Tüpfelchen. Sie hatte eine Märchenwelt vor Augen, ohne sich hineinstürzen zu müssen, fühlte sich gleichzeitig behütet und hatte Raum zum Atmen. Aber Spaß?

Wusste sie überhaupt, was Spaß war?

„Das ist aber nicht das Gleiche. Erzählen Sie mir, was Sie antreibt. Wofür lohnt es sich für Sie, morgens aufzustehen?“

Sie sprach nicht aus, was ihr als Erstes durch den Kopf schoss, schließlich musste sie ihre Entscheidungen nicht vor ihm rechtfertigen. Es ging ihn nichts an, dass sie vor vielen Jahren gerade noch einmal davongekommen war und dass es auch ganz anders hätte ausgehen können.

„Es geht hier nicht um mich, sondern um das Hotel. Als Sie es gekauft haben, hat mein Vorgänger gekündigt, und das Personal ist ohnehin schon verunsichert wegen der vielen Veränderungen. Wenn ich anfange, Kündigungsschreiben zu verteilen, geht die Arbeitsmoral bald den Bach hinunter.“

„Der erste Punkt, in dem ich Ihnen zustimmen kann.“

Ihr sträubten sich die Nackenhaare. Er kam hier hereingeplatzt und entschied nach kaum vier Stunden, dass sie absolut falsch lag. Sie wusste, wie sie ihren Job zu machen hatte, und sie machte ihn gut, auch wenn sie noch nicht lange dabei war. Sollte es so sein, dass der neue Besitzer jemanden vorschickte, der alles auf den Kopf stellte, und es dann dem Management überließ, das Chaos wieder in Ordnung zu bringen? Sie seufzte. Es war doch alles gut gelaufen! Musste das ausgerechnet jetzt kommen?

„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Offensichtlich sind wir in einigen Dingen unterschiedlicher Meinung, aber natürlich möchte ich keinen Anlass zu Zwistigkeiten geben. Sie sind der Chef.“ Sie faltete die Hände im Schoß. Wenigstens einer von ihnen sollte weiterhin Vernunft walten lassen.

„Beschreiben Sie das Cascade in drei Worten.“

Unsicher presste sie ihre Finger zusammen. „Ist das Ihr Ernst?“

„Absolut. Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an dieses Hotel denken?“

„Effizienz. Klasse. Rentabilität“, sagte sie voller Überzeugung. Sie rühmte sich – und das Hotel – für diese Qualitäten. Genau dieses Image mühte sie sich tagtäglich aufrechtzuerhalten.

„So etwas habe ich befürchtet“, seufzte er.

„Was ist daran falsch? Wir haben tüchtiges Personal, ein elegantes Ambiente, und wir machen Profit. Damit müssten Sie doch zufrieden sein.“

„Kommen Sie mit.“ Er führte sie auf den Balkon hinaus.

Unsicher ging sie mit. Was hatte er jetzt vor?

„Sehen Sie sich das an.“

Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu, die letzten Sonnenstrahlen schimmerten durch die im Herbstschmuck stehenden Bäume und warfen lange Schatten. Mari fröstelte in der kühlen Abendluft.

„Einen Moment“, murmelte er. Er verschwand wieder im Zimmer und kam mit einer weichen Decke zurück, die er ihr um die Schultern legte. Eine nur flüchtige Berührung, bei der sie sich sogleich verspannte.

„Nun schauen Sie. Sagen Sie mir, was Sie sehen.“

„Das Tal, Pappeln, den Fluss.“

„Nein, Mari.“

Er stand so nah bei ihr, dass sie die Panik niederkämpfen musste, die in ihr aufkeimte. Bitte fass mich nicht an, flehte sie innerlich, gefangen zwischen ihrer Angst und dem ungewohnten Verlangen, er möge ihrem stummen Wunsch nicht nachkommen. Was würde sie fühlen, wenn er seine Arme um sie legen würde? Qual oder Wonne? Das heftige Pochen ihres Herzens gab ihr die Antwort – Angst!

Offenbar bemerkte er ihre Anspannung, denn er ging einen Schritt zur Seite und lehnte sich gegen das Geländer. Dann schloss er die Lider, atmete tief die kalte Luft ein und schlug die Augen wieder auf. Lange blickte über das Tal.

„Freiheit. Ich empfinde Freiheit.“ Er lächelte zufrieden. „Sehen Sie sich um. Kein Ort auf der Welt ist wie dieser hier. Das Cascade könnte das glänzende Juwel in einem wunderschönen Märchenreich sein. Die Umgebung wild und frei … und drinnen ein Ort der Ruhe, der Erholung, zum Verlieben. Können Sie die Verführung nicht spüren, Mari?“

Ihr stiegen Tränen in die Augen, doch sie blinzelte sie fort und zog die Decke schützend um ihre Schultern.

Freiheit. Ruhe. Neue Kraft. All die Dinge, nach denen sie jahrelang gesucht und die sie an diesem Ort gefunden hatte.

Und mit seinen guten Absichten war Luca Fiori dabei, all das zu ruinieren.

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