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Phönixkinder

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. PROLOG
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. 36
  43. 37
  44. 38
  45. 39
  46. 40
  47. 41
  48. 42
  49. 43
  50. 44
  51. 45
  52. 46
  53. 47
  54. 48
  55. 49
  56. 50
  57. 51
  58. 52
  59. 53
  60. 54
  61. 55
  62. 56
  63. 57
  64. 58
  65. 59
  66. 60
  67. 61
  68. 62
  69. 63
  70. 64
  71. 65
  72. 66
  73. EPILOG
  74. DANKSAGUNG

Über die Autorin

Schon während ihres Germanistik- und Psychologiestudiums arbeitete Christine Drews für diverse TV-Produktionen. Seit sie sich 2002 selbstständig gemacht hat, schreibt sie Drehbücher für Filme, Familien- und Comedyserien und wirkt als Autorin bei zahlreichen Showformaten mit. Mit ihrem Romandebüt SCHATTENFREUNDIN  begeisterte sie etliche Krimifreunde im In- und Ausland.

PROLOG

Der Lärm der Martinshörner riss ihn aus dem Dämmerschlaf. Er lauschte in den dunklen Raum hinein und versuchte, die Geräusche zu sortieren. Waren es drei oder vier Löschzüge? Mindestens vier, dachte er, und drei Notarztwagen, vielleicht auch mehr. Die Sirenen der Feuerwehr verschmolzen mit denen der anderen Einsatzfahrzeuge zu einer schrillen Melodie. Ein Laie würde den Unterschied nicht hören.

Aber er war ja kein Laie.

Er stand auf und streckte die schmerzenden Glieder. Für seinen Rücken war die billige Matratze die reinste Folter. Langsam ging er zum Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Die große Rauchsäule war höchstens einen Kilometer entfernt, schwarz und dick wand sie sich in den Himmel und verwandelte sich dort in diffuse graue Wolken.

In der Hoffnung, etwas von dem rauchigen Aroma einfangen zu können, öffnete er das Fenster und atmete tief ein und aus. Ein wohliger Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Wie sehr hatte er das vermisst. Dieser Duft! Dieser wunderbare Duft!

Er beugte sich mit geschlossenen Augen so weit wie möglich aus dem Fenster und sog so viel Luft in seine Lungen, dass sein ganzer Brustkorb schmerzte. Dann öffnete er die Augen wieder und lächelte. Es war nicht nur der Geruch von verbranntem Holz, der ihn glücklich machte. Es war vor allen Dingen der Duft von verbranntem Menschenfleisch, den zu riechen er glaubte und der die Glückshormone durch seinen Körper schießen ließ.

1

Charlotte spürte, wie ihre Unterlippe zu zittern begann, als sie aus dem Wagen stieg. Entsetzt starrte sie auf den vor ihr liegenden Gebäudekomplex. Den linken Block hatte das Feuer verschont, er sah noch genauso aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Die hellgelb gestrichene Fassade mit den weißen Fenstern, vor denen die roten Geranien blühten, erinnerte an den Namen, den das Haus trug: Haus Sonnenschein. Zum Glück war er nicht mit dem anderen Teil der Einrichtung verbunden, denn dort hatte das Feuer seine Spuren in aller Deutlichkeit hinterlassen. Die Flammen waren aus einem Fenster im zweiten Stock nach oben geschlagen und hatten innerhalb kürzester Zeit den Dachstuhl in Brand gesetzt. Auch wenn das Feuer schnell hatte gelöscht werden können, überzogen nun Rauch und schwarz verfärbtes Löschwasser die gesamte Fassade mit einem dreckigen Schmutzfilm. Das Knacken der verbrannten Dachbalken war noch vereinzelt zu hören, und wo Charlotte auch hinschaute, tropfte das allgegenwärtige Löschwasser aus Fenstern und Türen. Ein beißender Gestank lag in der Luft, der ihr sofort in die Nase stieg und das Atmen erschwerte. Charlotte rieb sich über die Augen, die zu tränen begonnen hatten. Verdammter Rauch, dachte sie.

Aber lag es wirklich nur daran?

»Erstaunlich, dass es nicht mehr Opfer gibt«, sagte ihr Kollege Peter Käfer und schaute auf die alten Menschen, die aufgeregt auf dem Parkplatz hin- und herliefen. Schwestern und Pfleger bemühten sich, die Heimbewohner zu beruhigen, und verteilten Tee und Wasser, während sich mehrere Notärzte um die Patienten kümmerten, die Rauchvergiftungen oder einen Schock erlitten hatten. Charlotte schätzte, dass gut zehn Personen ärztlich betreut wurden, weitere zwanzig waren mit dem Schrecken davongekommen.

»Bisher haben sie nur einen Toten gefunden. Zwei Heimbewohner werden allerdings noch vermisst. Gehen wir rein?«

Käfer wartete die Antwort nicht ab und ging in die verrußte Eingangshalle des Altenheims. Charlotte fuhr sich mit den Händen durch die kurzen braunen Haare und versuchte, sich zu sammeln. Dann folgte sie ihm mit zögernden Schritten. Sie musste schlucken, als sie das Haus betrat, und wurde schlagartig von ihren Erinnerungen übermannt.

Fast ein Jahr lag es zurück, dass sie das letzte Mal hier gewesen war. Damals hatte es im Haus Sonnenschein nicht nach Rauch und kalter Asche gerochen, damals war ihr nur der Geruch von Erbsensuppe und Reinigungsmitteln entgegengeweht. Der graue Linoleumboden war nicht mit schmutzigem Löschwasser überzogen, sondern auf Hochglanz geputzt gewesen, und an den weiß getünchten Wänden hatten von Patienten gemalte Aquarelle gehangen. Die meisten bestanden nur aus bunten Farbklecksen, aber bei einigen hatte Charlotte einen Baum oder ein Haus erkennen können. Jetzt lagen viele der welligen Bilder auf dem Boden, vom Löschwasser von den Wänden gerissen und von flüchtenden Patienten zertrampelt. Sie waren unwiederbringlich zerstört. Zeugnisse von Menschen, die auf einer Reise in den ewigen Sonnenuntergang waren, vielleicht die letzten Bilder, die sie noch malen konnten, bevor ihre geistige Kraft sie für immer verließ. War auch ein Bild ihrer Mutter dabei? Sie wusste es nicht. Aber allein die Möglichkeit ließ ihr erneut die Tränen in die Augen steigen.

Charlotte atmete durch den Mund, um den beißenden Gestank von verbranntem Plastik nicht riechen zu müssen. Vorsichtig folgte sie ihrem Kollegen durch das Chaos.

»Das Feuer ist in Zimmer 213 ausgebrochen«, erklärte Käfer gerade. »Ausgerechnet auf der Demenzstation. Der Feuermelder im Zimmer muss defekt gewesen sein, jedenfalls wurde der Brand erst bemerkt, als die Flammen schon aus dem Fenster schlugen. Bis die Feuerwehr da war, brannte leider schon der halbe Dachstuhl.«

Charlotte nickte. Vor einem Jahr war sie durch den gleichen Flur gegangen. Nachdem sie den Fall des verschwundenen kleinen Jungen aufgeklärt hatte, war sie hierhergekommen, um ihre Mutter zu besuchen und endlich mit ihrer Vergangenheit aufzuräumen. Aber sie war zu spät gekommen. Ihre Mutter war nur wenige Tage zuvor gestorben. Jahrzehntelang hatte sie keinen Kontakt zu ihr gehabt. Sie hatte die Erlebnisse ihrer Kindheit vollständig verdrängt, den Tod ihres kleinen Bruders und all die schlimmen Erfahrungen, die sie mit ihrer alkoholkranken Mutter gemacht hatte, in die hinterste Schublade ihres Bewusstseins geschoben und fest verschlossen. All die Jahre hatte sie geglaubt, dass das der beste Weg für sie sei, dass sie gut zurechtkomme, ohne ihre Mutter, ohne ihre Vergangenheit. Aber der Fall des verschwundenen kleinen Jungen hatte ihr in aller Deutlichkeit gezeigt, wie falsch sie gelegen hatte, und sie hatte zum ersten Mal das dringende Bedürfnis verspürt, mit ihrer Mutter zu sprechen, sie zu sehen, zu umarmen. Und dann war sie zu spät gekommen.

Charlotte putzte sich die Nase.

»Ganz schön schwarz, was?« Käfer grinste schief.

»Was meinst du?«

»Na, was aus deiner Nase kommt!«

Er hatte recht. Die verrußte Luft hatte ihre Schleimhäute geradezu verstopft. Sie warf dem Inhalt ihres Taschentuchs einen angeekelten Blick zu und war dennoch froh, dass Peter sie aus den düsteren Gedanken gerissen hatte.

»Ach, die Kollegen Schneidmann und Käfer. Tja, ist leider kein schöner Anblick«, begrüßte sie Dr. Lars Krane, der Pathologe, der zusammen mit der Spurensicherung zum Tatort gekommen war, als Charlotte und Käfer vor Zimmer 213 standen. »Ich hoffe, Sie haben gut gefrühstückt.«

Der Gerichtsmediziner und Berthold Wolske, ein Kollege der Spurensicherung, befanden sich bereits, in weiße Schutzanzüge gehüllt, in dem ausgebrannten Raum und nahmen Proben. Außer ihnen waren noch ein Polizist und ein Feuerwehrmann vor Ort, zur Tatort- und Brandsicherung. In seinem weißen Anzug wirkte Krane noch hagerer als sonst. Sein längliches blasses Gesicht wurde durch die Schutzhaube optisch noch mehr in die Länge gezogen.

»Ich hab einen robusten Magen«, antwortete Käfer und stieg vorsichtig über die Reste einer Kommode, die ihm den Weg versperrten.

Charlotte blieb einen Moment im Flur stehen und blickte den Gang hinunter. Nummer 217, nur ein paar Meter weiter, war das Zimmer ihrer Mutter gewesen. Anders als bei den meisten Demenzkranken auf der Station waren bei ihrer Mutter nicht Alzheimer oder Parkinson oder schlicht das Alter schuld an der schlechten geistigen Verfassung. Es war der jahrzehntelange Alkoholmissbrauch, der ihr Gehirn irreparabel geschädigt hatte. Der Arzt hatte Charlotte damals gesagt, sie könne sich ein paar persönliche Sachen aus dem Zimmer ihrer Mutter holen. Aber sie hatte dort nicht ein Stück gefunden, mit dem sie eine Erinnerung verband. Ihre Mutter hatte keine Fotos aufbewahrt, weder von Charlotte noch von ihren Geschwistern, keine Briefe oder Tagebücher, einfach nichts Persönliches. Als hätte ihre Familie nie existiert. War das auch die Schuld des Alkohols gewesen? Oder hatte ihre Mutter die Vergangenheit genauso verdrängt, wie sie selbst es getan hatte, weil sie anders nicht glaubte, weiterleben zu können? Charlotte würde es niemals erfahren.

»Kommst du?«, fragte Peter Käfer.

Charlotte räusperte sich und betrat, ohne zu zögern, den Raum. »Natürlich. Wer ist das?«, fragte sie und zeigte mit regungsloser Miene auf die menschlichen Überreste, die zusammengekrümmt vor ihr auf dem Boden lagen. Mechanisch krempelte sie sich die Ärmel der weißen Bluse hoch, die von dem kurzen Gang durch das vom Feuer zerstörte Haus schon einiges abbekommen hatte.

»Wahrscheinlich der Bewohner des Zimmers«, sagte der uniformierte Polizist, ein kleiner dicklicher Mann, den sie noch nie gesehen hatte. »Ludger Steinkamp, dreiundsiebzig Jahre alt und seit zwei Jahren Bewohner des Heims.«

Charlotte nickte und starrte auf das, was von Ludger Steinkamp übrig geblieben war.

Auf dem Boden vor ihr lag ein stark verbrannter Leichnam in Embryonalstellung, die Gliedmaßen angezogen, der Körper auf die rechte Seite gedreht. Der Torso war übel zugerichtet, und die Rippen ragten kalkig-weiß aus dem schwarz verkohlten Gewebe. Das Muskelgewebe, die Sehnen und die Haut waren an diesen Stellen vollkommen verschwunden, und an den Knochen klebte eine schmierige Masse. Arme und Beine des Toten waren dagegen in einem vergleichsweise guten Zustand. Hosenbeine und Hemdsärmel waren zwar ebenfalls zu größten Teilen verbrannt, die Haut war schwarz und aufgesprungen und darunter das rosafarbene Fleisch gut zu erkennen, aber die Knochen lagen immerhin nicht frei.

Anders sah es mit dem Schädel aus. Am Hinterkopf klaffte ein großes Loch. Kopf- und Gesichtshaut waren verbrannt, Augen und Nase kaum noch zu sehen, und der Mund des Mannes war weit aufgerissen, die Lippen überdimensional geschwollen.

Charlotte musste schlucken und bemühte sich, mit fester Stimme zu sprechen. »Ist das Loch am Hinterkopf durch Fremdeinwirkung entstanden?«, fragte sie und hielt sich eine Hand vor den Mund, um den aufkommenden Brechreiz zu unterdrücken.

»Kann sein, muss aber nicht«, antwortete Lars Krane ruhig. »Sieht mir eher nach einer klassischen Hitzesprengung aus.«

»Was bedeutet das?«

»In einem heißen Feuer kann ein Schädel einfach platzen. Das ist ja im Grunde ein verschlossener Behälter voller Flüssigkeit und gallertartiger Masse. Und wenn’s ordentlich heiß wird, kann das Ganze schon mal explodieren. Schauen Sie hier.« Er zeigte auf die Schultergelenke des Mannes, die durch die verbrannte Haut hindurchstachen. »Das ist eine ganz klassische Hitzesprengung der Gelenke. Würde mich nicht wundern, wenn wir das Gleiche am Schädel hätten. Die Obduktion wird Ihnen da Genaueres sagen können. Ich könnte mir vorstellen, dass wir ein paar schöne Brandhämatome im Gehirn finden, wenn wir die Schädeldecke erst mal richtig öffnen.«

Käfer schüttelte sich, und seine ansonsten immer strahlend blauen Augen sahen plötzlich ganz trüb aus. »Mann, so was gibt’s nicht oft hier. Vielleicht ist mein Magen doch nicht so robust«, sagte er und rieb sich nachdenklich über den Bauch.

»Was ist mit seinem Mund?«, fragte Charlotte. »Die Lippen sind so geschwollen … als wäre er brutal zusammengeschlagen worden.«

»Nein, das ist ein ähnliches Phänomen wie die Gelenksprengung. Die starke Erwärmung des Körpers führt zu fäulnisähnlichen Aufblähungen. Das ist einfachste Physik. Durch die Hitze kommt es zu einer Verkochung und später auch zu einer Verdampfung von Körperflüssigkeiten. Gerade Lippen und Zunge blähen sich dann gewaltig auf. Lassen Sie mich mal nachschauen.« Mit einer Taschenlampe leuchtete er in den Mundraum des Toten und nickte zustimmend. »Ja, ja. Hier sieht es nicht anders aus.«

»Was können Sie uns zur Auffindsituation der Leiche sagen?«, fragte Charlotte. Ihre Hände schwitzten, und sie wischte sie an der dunklen Jeans ab. »Gibt es Hinweise auf ein mögliches Fremdverschulden? Ist der Mann vielleicht gefesselt oder betäubt worden?«

»Zu einer möglichen Betäubung kann ich noch nichts sagen. Da werden Sie aufs toxikologische Gutachten warten müssen. Eine Fesselung halte ich aufgrund der Körperlage aber für unwahrscheinlich«, sagte Krane.

»Warum?«, unterbrach Käfer. »Vielleicht sind die Fesseln einfach verbrannt?«

»Das wäre natürlich möglich. Aber wir haben hier eine charakteristische Stellung des Leichnams infolge einer hitzebedingten Beugekontraktur. Durch das Feuer kommt es zu Muskelkontraktionen, die Gliedmaßen werden zusammengezogen. Daher liegt die Leiche in der sogenannten Fechterstellung.«

Es hatte etwas Beruhigendes, wie nüchtern und wissenschaftlich Krane über die grausamen Details sprach.

»Wenn Hände oder Füße des Opfers gefesselt gewesen wären, hätten sie sich nicht zusammenziehen können, selbst wenn das Seil später verbrannt wäre. Dafür hätte der Körper länger in den Flammen liegen müssen. Aufgrund der Verbrennungsspuren schätze ich den direkten Kontakt mit dem Feuer aber auf höchstens dreißig Minuten.«

»Verstehe. Was ist das?« Charlotte zeigte auf die schmierige Masse, die an den Rippen des Toten klebte und auch auf dem Boden zu sehen war.

»Fett.«

»Von …?« Sie zeigte auf den verbrannten Körper.

Krane nickte. »Genau. Von dem Toten. Ist bei der Hitze geschmolzen. Wieder eine klassische Verkochung des Gewebes.«

»Himmel.« Käfer strich sich erneut über den Bauch.

Charlotte bemühte sich, den Geruch von verbranntem Menschenfleisch auszublenden, den der Leichnam intensiv verbreitete, und versuchte, so analytisch wie möglich zu denken. »Sehe ich das richtig, dass der Torso stärker gebrannt hat als der Rest des Körpers?«

»Absolut richtig. So wie sich das Feuer im Zimmer ausgebreitet hat, würde ich sogar davon ausgehen, dass der Oberkörper des Toten der Brandherd war«, sagte Krane und deutete auf die Reste eines Vorhangs, der offenbar über dem Leichnam gehangen hatte. »Die Flammen haben dann vom Oberkörper aus die Vorhänge erfasst. Die müssen sofort lichterloh gebrannt haben. Und dann ging es vermutlich sehr schnell. Das ganze alte Zeugs hier brennt ja wie Zunder.«

»Der Oberkörper als Brandherd«, murmelte Käfer nachdenklich und fuhr sich mit der Hand durch die dunklen, leicht gelockten Haare.

»Das ist natürlich nur eine vorläufige Einschätzung«, sagte Krane. »Für die Details werden Sie sich noch ein bisschen gedulden müssen.«

»Wenn es aber tatsächlich so war, wie konnte so etwas ohne Fremdeinwirkung passieren? Ich meine, wenn mein Oberkörper Feuer fängt, dann unternehme ich dagegen doch etwas. Dann versuche ich doch, die Flammen zu ersticken oder ins Bad zu laufen oder wenigstens um Hilfe zu rufen«, gab Käfer zu bedenken.

»Aber nicht, wenn du dement bist«, sagte Charlotte. »Vielleicht wollte er eine Kerze anzünden, und sein Hemd hat dabei Feuer gefangen. Durch den Schock war er nicht in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen, bis es schließlich zu spät war.«

»Ist durchaus möglich«, sagte Krane. »Am besten warten Sie die Obduktion ab, dann wissen Sie genau, ob es eine Kerze, eine Zigarette oder vielleicht Franzbrantwein war, was dem armen Mann so eingeheizt hat.«

Charlotte nickte. »Gut. Sind irgendwelche persönlichen Gegenstände vom Feuer verschont worden?«

»Ja, in dem Schrank war ein alter Safe. Jeder x-beliebige Einbrecher hätte den zwar geknackt, aber das Feuer hat es nicht ganz geschafft. Die Kollegen machen Ihnen eine Liste mit allen Dingen, die wir finden.«

»Danke.«

»Gibt es irgendwelche Zeugen?«, fragte Käfer den uniformierten Polizisten. »Patienten aus den Nachbarzimmern, die irgendwas beobachtet haben?«

»Na ja, das wird vermutlich schwierig. Wir sind hier auf der Demenzstation. Ich befürchte, die meisten Patienten sind keine Topzeugen.«

»Großartig.« Käfer seufzte.

»Jakob Boßmann ist der Pfleger hier«, fuhr der Polizist fort. »Er war für Ludger Steinkamp zuständig.«

»Wo finden wir ihn?«

»Hier«, sagte plötzlich eine männliche Stimme hinter ihnen.

Charlotte drehte sich um und sah einen jungen Mann in der Tür stehen, den sie auf höchstens zwanzig schätzte. Er war groß und hager, trug sein kurz geschnittenes dunkelblondes Haar zur Seite gescheitelt und hatte sympathische Lachfältchen um die Augen. Sie erkannte ihn sofort wieder, während er sie gar nicht richtig wahrzunehmen schien.

»Ich bin Jakob Boßmann«, sagte er und hielt sich entsetzt die Hand vor den Mund, als sein Blick auf die Leiche fiel. »Mein Gott, das ist so furchtbar.« Mit blasser Miene drehte er sich zur Seite.

»Können wir uns irgendwo unterhalten?«, fragte Charlotte. »Vielleicht an der frischen Luft?«

Boßmann nickte.

»Ich werde in der Zeit die Angehörigen informieren«, sagte Käfer. »Falls es denn welche gibt.«

»Herr Steinkamp war verheiratet und hatte einen Sohn und eine Tochter«, sagte der Pfleger mit leiser Stimme. »Die Heimleitung wird Ihnen die Adressen geben können. Erdgeschoss, Zimmer 101.«

Käfer nickte ihm zu und machte sich auf den Weg zur Heimleitung, während Charlotte und Boßmann nach draußen gingen.

Als sie auf dem großen Parkplatz standen, atmete Charlotte tief durch. Endlich frische Luft, dachte sie, obwohl sie den Brandgeruch immer noch in der Nase hatte. Nach wie vor standen einige Bewohner auf dem Parkplatz, während die Pfleger und Schwestern versuchten, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen.

»Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen.«

»Okay.«

»Wir haben uns schon mal unterhalten«, sagte Charlotte und fügte auf Boßmanns fragenden Blick hinzu: »Vor einem knappen Jahr. Sie haben mich zu meiner Mutter gebracht.«

Boßmann hatte sie damals in den Verabschiedungsraum des Altenheims begleitet. Langsam war Charlotte durch den vom Neonlicht hell erleuchteten Flur gegangen. Es war kalt gewesen, und das weiße Licht hatte diesen Eindruck noch verstärkt. Als sie dann den Verabschiedungsraum betraten, konnte sie zuerst kaum etwas sehen. Bis auf zwei dicke Kerzen gab es keine Lichtquelle in dem Raum. In der Mitte des Zimmers konnte sie nur schemenhaft die Umrisse einer Person erkennen, die zugedeckt auf einer Bahre lag. Obwohl Charlotte schon unzählige Male eine Leiche gesehen hatte, war es an diesem Tag doch etwas anderes. Sie merkte, wie ihr Herz zu rasen begann, und hatte angestrengt versucht, ruhig ein- und auszuatmen und sich darauf zu konzentrieren, nicht in Tränen auszubrechen.

»Ja, ich erinnere mich«, riss Boßmann sie aus ihren Gedanken. »Ihre Mutter war viele Jahre bei uns. Eine nette Frau.«

Charlotte war überrascht. Für einen Moment überlegte sie, Boßmann über ihre Mutter auszufragen, verwarf den Gedanken dann aber schnell. Der Tote aus Zimmer 213 hatte jetzt Vorrang.

»Seit wann arbeiten Sie hier?«, fragte sie, während sie auf eine kleine Bushaltestelle zugingen.

»Seit fünf Jahren«, sagte Boßmann.

An der Bushaltestelle saß eine alte Dame auf einem der metallenen Sitze unter dem Dach aus Plastik und schaute immer wieder erwartungsvoll die Straße hinunter. In diesem Moment kam eine Krankenschwester an Boßmann und Charlotte vorbeigeeilt. Schnurstracks ging sie auf die alte Frau zu, beugte sich zu ihr hinunter und sprach kurz und eindringlich auf sie ein. Dann nahm sie die Frau am Arm und führte sie freundlich lächelnd wieder zurück zu den anderen.

»Dürfen die Patienten alleine Bus fahren?«, fragte Charlotte und schaute der alten Dame nach.

»Hier hat noch nie ein Bus gehalten«, antwortete Boßmann. »Die Heimleitung hat die Bushaltestelle bauen lassen.«

»Und warum, wenn kein Bus hält?«

»Demenzkranke Patienten sind häufig unruhig und wollen raus, nach Hause oder ins Büro, so wie früher. Bevor die Haltestelle gebaut wurde, irrten viele von ihnen ziellos durch die Gegend, und wir hatten alle Mühe, sie heil und gesund wiederzufinden«, erklärte der Pfleger. »Die Bushaltestelle gibt den Kranken etwas Vertrautes. Mit einem Bus sind sie früher selbst ins Büro oder zum Einkaufen gefahren. Und seitdem es die Haltestelle gibt, hat kein Patient das Gelände mehr verlassen. Alle halten hier an und warten auf den Bus. Dass der nie kommt, ist egal. Das vergessen die Patienten ja wieder.«

»Verstehe. Wie weit war die Demenzerkrankung bei Ludger Steinkamp denn fortgeschritten?«, fragte Charlotte.

»Schon recht weit. Er brauchte Hilfe beim Anziehen und Essen, litt unter Inkontinenz und zunehmender Orientierungslosigkeit. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Patienten war er recht lebensfroh und meistens gut gelaunt. Das kommt bei der Erkrankung nicht oft vor.«

Charlotte und Boßmann setzten sich auf die Bank an der Bushaltestelle.

»Hat er häufig Besuch bekommen?«

»Nein, praktisch nie. Seine Tochter war vielleicht einmal hier. Seine Frau und seinen Sohn habe ich nie gesehen.«

»Sollte er denn jetzt zu Ostern zu seiner Familie? Oder war er Weihnachten zu Hause?«

»Nein. Seitdem er bei uns ist, hat er das Haus eigentlich nicht mehr verlassen.«

»Wissen Sie, warum sich die Familie nicht um Ludger Steinkamp gekümmert hat?«, fragte Charlotte. »Hat er Ihnen mal was erzählt, vielleicht von Familienstreitereien oder Eheproblemen?«

Jakob Boßmann zuckte mit den Achseln. »Nein. Es ist aber auch nicht so ungewöhnlich, dass demente Patienten wenig Besuch bekommen. Für viele Angehörige sind die Zusammentreffen mit den Erkrankten nur schwer zu ertragen. Und je nach Verfassung vergisst der Patient es ja auch ganz schnell wieder. Wir haben einige Bewohner, die keinen Besuch mehr bekommen.«

Charlotte nickte nur und dachte an ihre Mutter, die sie nie im Heim besucht hatte. Genauso wenig wie ihre beiden Geschwister es getan hatten. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass Agnes Schneidmann genau wie Ludger Steinkamp nie Besuch bekommen hatte. Und obwohl Charlotte genau wusste, dass nicht sie es gewesen war, die ihre Mutter im Stich gelassen hatte, sondern dass ihre Mutter keine Verantwortung für sie und ihre Geschwister hatte übernehmen wollen, plagte sie das schlechte Gewissen.

Sie schüttelte den Gedanken ab und versuchte, sich zu konzentrieren. »War Herr Steinkamp Raucher? Dürfen die Patienten im Haus überhaupt rauchen?«

»Nein. Wir haben extra einen Rauchersalon, der von den Pflegekräften kontrolliert wird. Es wäre zu gefährlich, wenn die Patienten auf ihren Zimmern qualmen würden. Soviel ich weiß, war Herr Steinkamp aber auch Nichtraucher.«

»Kerzen gibt es vermutlich auch nicht auf den Zimmern, oder?«

»Natürlich nicht. Aber bei allen Vorsichtsmaßnahmen können wir natürlich nicht immer verhindern, dass einer der Patienten Streichhölzer oder ein Feuerzeug besitzt und damit womöglich auf seinem Zimmer zündelt. Manche wollen nur ein paar alte Briefe oder Fotos vernichten, und schon piept der Rauchmelder.«

»Verstehe. Können Sie sich erklären, warum der Rauchmelder bei Herrn Steinkamp nicht anschlug?«

Boßmann zuckte mit den Achseln. »Nein. Normalerweise werden die regelmäßig kontrolliert. Keine Ahnung, was da schiefgelaufen ist.«

»Wer führt die Kontrollen durch?«

»Hermann Diekötter, unser Hausmeister.«

Charlotte ließ sich von Boßmann den Namen buchstabieren und machte sich eine Notiz, den Hausmeister später zu befragen.

»Wie kam der Verstorbene mit den anderen Patienten zurecht? War er beliebt bei den anderen Bewohnern, oder hatte er womöglich Feinde?«

»Das kann man schwer sagen. Demente Patienten leiden häufig unter Stimmungsschwankungen – dabei ist es übrigens egal, woher ihre Demenz kommt. Mal mögen sie jemanden, mal verabscheuen sie ihn. Das ist bei allen gleich, egal, ob Alzheimer oder schlaganfallbedingte Demenz, um mal zwei Beispiele zu nennen. Das Einzige, was mir bei Herrn Steinkamp auffiel, war seine besondere Vorliebe für die weibliche Nachbarschaft. Er war ein alter Charmeur, wenn Sie wissen, was ich meine. Ich glaube, der hat in seinem Leben nie was anbrennen lassen.« Jakob Boßmann biss sich auf die Unterlippe. »’tschuldigung. Das war wohl nicht der passende Ausdruck.«

Hinter sich hörte Charlotte ein Knacken, aber bevor sie sich umdrehen konnte, hörte sie einen Ruf aus der Richtung des Altersheims. »Jakob? Kannst du mal bitte kommen?«, rief eine Schwester vom Parkplatz herüber.

»Kann ich gehen?«, fragte er Charlotte.

»Danke, fürs Erste genügen mir die Informationen. Gehen Sie ruhig. Ich weiß ja, wo ich Sie finde.«

Der junge Pfleger nickte ihr zu und ging zurück zu seinen Kollegen, die alle Hände voll zu tun hatten, die Heimbewohner im unbeschädigten Teil des Hauses unterzubringen. Während ein Pfleger versuchte, die alten Leute in einer Reihe aufzustellen, sie durchzuzählen und dann ins Gebäude zu bugsieren, war die Schwester vollends damit beschäftigt, die aus dieser Ordnung ausbrechenden Patienten wieder einzufangen.

Charlotte nahm ihr Handy aus der Tasche und wählte Käfers Nummer.

»Ich versuche, noch etwas aus den alten Leutchen hier rauszukriegen«, sagte er. »Ist nicht gerade einfach, die sind alle ziemlich durch den Wind.«

»Hast du die Angehörigen von Steinkamp erreicht?«

»Ja, zum Teil. Die Tochter ist gerade auf dem Weg zur Mutter, den Sohn hab ich nicht erwischt.«

Sie verständigten sich darauf, gemeinsam zu Maria Steinkamp zu fahren, und Peter Käfer versprach, in ein paar Minuten auf den Parkplatz zu kommen.

Charlotte machte das Handy aus und ging zurück zum Parkplatz. Als sie vor dem Wagen stehen blieb, drehte sie sich noch mal irritiert um. War da jemand? Da hatte sich doch irgendwas bewegt, oder nicht? Aber so aufmerksam sie auch schaute, sie konnte nichts Ungewöhnliches erkennen.

Charlotte zuckte mit den Schultern und schloss das Auto auf. Aber ein Gefühl des Unbehagens blieb.

2

Sie hatte Mühe, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Seit einer Stunde verspürte Annette Steinkamp einen stechenden Schmerz in der Magengegend. Ein Gefühl, als zöge sich ihr Magen zusammen wie ein Ballon, aus dem man die Luft gelassen hatte. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, seitdem dieser Kommissar in ihrem Laden angerufen hatte. Es war das irritierende Gefühl von Freude und Erleichterung, das ihr so falsch vorkam und sie belastete.

Annette fuhr von der A1 ab und bog auf die Bundesstraße Richtung Steinfurt, die auch nach Horstmar führte. Seit sieben Jahren führte sie die kleine Patisserie in Münster, die nicht nur wegen ihrer Nähe zum Prinzipalmarkt gut lief. Annette wusste, dass sie eine gute Konditorin war. Mit elf Jahren hatte sie ihren ersten Kuchen gebacken, und wenig später waren ihre Törtchen sogar in der Cafeteria der Schule verkauft worden. Heute hatte sich die Qualität ihrer süßen Leckereien längst in der Stadt herumgesprochen, und seit drei Jahren schrieb sie mit dem Petit Törtchen schwarze Zahlen. Ein Erfolg, an den ihr Vater niemals geglaubt hatte.

»Wieso studierst du nicht?«, hatte er sie gefragt, als sie nach dem Abitur ihre Ausbildung zur Konditorin anfangen wollte. »Du hast hervorragende Noten. Aber anstatt BWL zu studieren und was Richtiges zu lernen, willst du so einen Quatsch machen.«

Er hatte sich geweigert, sie während der Ausbildung finanziell zu unterstützen, und auch später, als sie sich selbstständig machte, blieb er skeptisch. Ihre Mutter hatte ihr heimlich Geld zugesteckt und ihr geholfen, wo sie nur konnte. Eine Hilfsbereitschaft, die sie ihrem strengen Vater lieber verschwiegen hatten.

Sie fuhr in den Kreisverkehr und nahm die letzte Ausfahrt nach Horstmar. Es hatte noch in Münster zu regnen begonnen, und inzwischen goss es wie aus Kübeln. Hätte es ein paar Stunden vorher so geregnet, hätte es den Brand vielleicht nicht gegeben, dachte sie und lächelte. Sofort biss sie sich auf die Unterlippe. »Er war immerhin dein Vater!«, sagte sie laut zu sich und fuhr durch den Ortskern, vorbei an den schmucken Burgmannshöfen und der beeindruckenden Kirche, die Horstmar bei den Fahrradtouristen so beliebt machte. Als sie in die kleine Straße bog, die zu ihrem Elternhaus führte, hatte sie Mühe, noch etwas zu erkennen. Die Scheiben ihres alten Rovers beschlugen schnell. Deshalb hatte sie immer ein Frottierhandtuch auf der Rückbank, um sich wenigstens ein bisschen Sicht zu verschaffen.

Während sie über die Scheibe wischte, fuhr sie die Einfahrt zu ihrem Elternhaus hoch und parkte den alten Rover neben einem schwarzen BMW, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Der hellblaue Beetle ihrer Mutter stand wie immer unter dem Carport, den ihr Vater in den Achtzigerjahren zusammen mit dem großen Anbau hatte errichten lassen und der das weiß geklinkerte Walmdachhaus noch protziger aussehen ließ. Annette dachte daran, dass früher nur sein Mercedes Coupé unter dem Dach hatte stehen dürfen, niemand sonst hatte dort geparkt. Glücklicherweise hatte er das goldfarbene Coupé zu Schrott gefahren, kurz bevor er ins Pflegeheim kam.

Mechanisch warf Annette einen Blick in den Rückspiegel und kontrollierte ihren Pferdeschwanz, zu dem sie ihr schulterlanges braunes Haar gebunden hatte. Der Kajalstift, mit dem sie die grünen Augen betonte, war etwas verschmiert. Als hätte sie geweint. Hatte sie aber nicht. Annette wischte ihn weg und dachte, dass sie nicht aussah wie eine trauernde Tochter. Und sie stellte mit einem lakonischen Lächeln fest, dass sie das ja auch beim besten Willen nicht war. Sie schnappte sich ihre Handtasche und stieg aus. Schnellen Schrittes eilte sie durch den Regen zur Haustür.

»Schatz, da bist du ja!« Ihre Mutter ging auf sie zu und nahm sie in den Arm.

»Hallo, Mama.« Annette drückte sie kurz an sich, zog dann die nassen Stiefel aus und stellte sie in die Ecke. »Alles okay?«, fragte sie und sah ihre Mutter prüfend an. Beruhigt stellte sie fest, dass sie in dem perfekt geschminkten Gesicht keine Spuren von Tränen finden konnte. Genau wie Annette hatte sie die grauen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug ein rotes, vermutlich sehr teures Kleid und eine goldene Kette um den Hals, und wie immer dachte Annette, dass ihre Mutter ausgesprochen gut aussah.

»Ja. Zwei Polizisten sind hier. Sie warten im Wohnzimmer. Komm rein, Schatz.«

Annette folgte ihrer Mutter in das großzügige Wohnzimmer, das ihr früher als Kind immer so riesig vorgekommen war. Nach wie vor empfand sie den Raum als viel zu groß, aber heute störte sie vor allen Dingen die Einrichtung, die auf den fürchterlichen Geschmack ihres Vaters zurückging. Hauptsache teuer. Der Couchtisch bestand aus einer riesigen Glasplatte, die von zwei Elefantenstoßzähnen getragen wurde, und den sie als Kind noch nicht mal hatte berühren dürfen. Er wurde von drei großen Sofas flankiert, die in dunklen Farben wild gemustert waren und auf denen sie mit Björn manchmal heimlich herumgehüpft war, damals, als sie noch klein waren und sich ihre Streitigkeiten nur darum drehten, wer am höchsten springen konnte. Zum Glück waren sie nie erwischt worden.

Zwischen den Sofas standen drei knallrote kleine Sessel, auf denen sie früher ebenfalls nicht sitzen durften, weil die Polster zu empfindlich waren. Dasselbe galt für den roten Ohrensessel und die schwarze Chaiselongue. Sie standen vor einer riesigen Bücherwand, die ihrem Vater (und vermutlich auch den seltenen Besuchern) das Gefühl vermitteln sollte, er besäße so etwas wie eine Bibliothek. Annette konnte sich allerdings nicht daran erinnern, ihn jemals mit einem Buch in der Hand gesehen zu haben.

In dem roten Ohrensessel, in dem nur ihr Vater Platz nehmen durfte, saß jetzt eine schlanke Frau mit kurzen dunklen Haaren. Sie stand auf, um Annette zu begrüßen. Annette schätzte die Frau auf Mitte dreißig, vielleicht auch ein bisschen älter, und staunte über ihren sehnigen Unterarm, der zum Vorschein kam, als sie ihr die Hand reichte. Sie schien eine Menge Sport zu treiben.

»Guten Tag, Charlotte Schneidmann, Kripo Münster. Mein Beileid.«

Annette schüttelte ihr die Hand und nickte.

»Das ist mein Kollege, Hauptkommissar Peter Käfer.«

»Wir haben telefoniert. Noch mal mein Beileid«, sagte der Mann und schüttelte ihr ebenfalls die Hand.

Annette musterte ihn. Im Gegensatz zu seiner Kollegin wirkte er weniger drahtig und durchtrainiert, aber trotzdem schlank. Wie alt mochte er sein? Keine vierzig, dachte Annette, dafür hatte er zu wenig Falten. In erster Linie waren es aber seine strahlend blauen Augen, die ihr sofort auffielen. Selten hatte sie ein solch strahlendes Blau gesehen.

»Danke.«

»Haben Sie Ihren Bruder inzwischen erreichen können?«, fragte Kommissar Käfer.

»Ja. Er müsste gleich hier sein«, sagte Annette. »Wissen Sie schon mehr über die Umstände, wie mein Vater ums Leben kam?«

»Bisher noch nicht. Wir wissen nur, dass er bei dem Brand starb. Wann haben Sie Ihren Vater zum letzten Mal gesehen?«, fragte Charlotte Schneidmann.

Annette zuckte mit den Schultern. »Weiß ich nicht genau. Vor einem Jahr vielleicht.«

Die Kommissarin warf ihrem Kollegen einen bedeutungsvollen Blick zu.

Natürlich, dachte Annette. Jetzt bin ich wieder die Rabentochter, die ihren pflegebedürftigen Vater nie besucht hat.

»Gibt es einen Grund, warum Sie ihn nicht häufiger gesehen haben?«

»Ist das wichtig?«

»Vielleicht«, sagte die Kommissarin. »Im Moment kann alles wichtig sein.«

Annette setzte sich seufzend und suchte nach den richtigen Worten.

»Meine Tochter ist beruflich stark eingespannt«, kam ihre Mutter ihr zu Hilfe. »Sie hat ein eigenes Geschäft, was sehr zeitintensiv ist. Und durch die Erkrankung meines Mannes konnte man ihn nicht einfach mal so zwischendurch besuchen.«

»Warum nicht?«, fragte der Kommissar. »Er hat Sie doch noch erkannt, oder?«

»Ja, schon. Glaube ich jedenfalls. Aber Alzheimer ist eine Krankheit, die auch oder vielleicht sogar in erster Linie die Angehörigen belastet. Das war für uns alle nicht leicht. Zuerst hat er nur häufiger was vergessen, Sachen durcheinandergebracht und rechts mit links verwechselt. Doch dann wurde es immer schlimmer. Manchmal konnte er richtig aggressiv werden.«

»Als wenn das an der Krankheit lag«, unterbrach Annette sie empört. »Die Krankheit hat ihn doch eher milde gestimmt.«

Kommissar Käfer sah sie überrascht an, aber Annette wich seinem Blick aus.

Klar, dachte sie. Die kommen hier hin und denken, sie müssen eine traurige Nachricht überbringen, und dann ist keiner traurig. An deren Stelle würde ich mich auch wundern.

Während die Kommissare ihre Mutter nach dem genauen Krankheitsverlauf ihres Vaters befragten, dachte Annette daran, wie die letzte Begegnung mit ihm verlaufen war. Wie sie ihm den dicken Wintermantel gebracht hatte, den er bei seinem Auszug nicht hatte mitnehmen wollen, weil er sich sicher war, im Winter wieder zu Hause zu sein. Wie sie ins Pflegeheim kam und sein Zimmer betrat.

»Papa?«, hatte sie vorsichtig in das leere Zimmer gerufen.

»Ich bin hier!«

Annette hatte die Badezimmertür geöffnet und gesehen, wie ihr Vater mit heruntergelassenen Hosen vor der Toilette stand und versuchte, seine Windel mit der Klobürste in die Schüssel zu stopfen. Dabei hatte er so energisch und ernsthaft ausgesehen, als würde er gerade eine wichtige Aufgabe erledigen.

Sie erinnerte sich noch genau daran, wie sie ihrem Vater die Klobürste aus der Hand gerissen hatte. »Was machst du denn da?«

»Wieso?«, hatte er gefragt. »Das muss doch ins Klo! Das muss doch weg!« Seine Stirn hatte sich in Falten gelegt, und in seinen Augen hatte Annette die aufkommende Verzweiflung sehen können.

»War das etwa falsch?«, hatte er sie leise und unsicher gefragt, und Annette hatte ihm dann schweigend eine neue Windel angezogen und ihn zum Waschbecken geführt. Sie hatte seine Hände gewaschen und ihn dann aus dem Badezimmer gebracht, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Sie hatte gespürt, dass sie Mitleid mit ihrem Vater bekam, und das hatte sie auf jeden Fall verhindern wollen. Nur weil er krank war, wollte sie ihm nicht einfach verzeihen. Wortlos hatte sie ihren Vater dem Pfleger übergeben und ihn danach nie wieder besucht.

»Können Sie mir das Verhältnis zu Ihrem Vater beschreiben?«, fragte die Kommissarin und riss sie aus der Erinnerung.

»Es gab kein Verhältnis. Er war nur auf sich fixiert.«

Annette hörte, wie ihre Mutter schwer ausatmete.

»Tut mir leid, Mama, aber so war es doch. Wenn irgendetwas nicht so lief, wie er es wollte, hat er uns alle zusammengebrüllt und …« Ihr versagte die Stimme.

»War Ihr Vater ein gewalttätiger Mann?«, fragte Charlotte Schneidmann.

Annette liefen jetzt doch erste Tränen über die Wangen, aber sie schüttelte den Kopf. Ihre Mutter drückte sie an sich.

»Ist ja gut, mein Schatz, jetzt ist ja alles gut. Nein, mein Mann war nicht gewalttätig. Er hat uns nie geschlagen«, sagte sie. »Er war halt sehr streng …«

»Streng!« Annette schüttelte verärgert den Kopf. »Zu dir war er doch auch so. Zu seiner eigenen Frau!«

Ihre Mutter guckte betreten zu Boden.

»Warum haben Sie sich das gefallen lassen?«, fragte die Kommissarin.

Für einen Moment sagte niemand etwas.

»Sie können sich das nicht vorstellen«, sagte Annette dann leise. »Er konnte Sachen sagen, die genau ins Herz trafen. Keiner hat gewagt, sich ihm zu widersetzen.«

»Was hat Ihr Mann beruflich gemacht?«, fragte der Kommissar ihre Mutter.

»Mein Mann war früher Schadensregulierer für eine Versicherung. Meistens hat er von zu Hause aus gearbeitet«, antwortete sie.

»Sie können sich nicht vorstellen, wie er war«, flüsterte Annette und wischte sich die Tränen weg. »Es war für uns alle eine riesige Erleichterung, als er ins Pflegeheim kam. Ich weiß, das klingt hart, aber es war so. Sie wissen nicht, wie das ist, wenn man von seinem eigenen Vater nur Kälte und Ablehnung erfährt.«

Annette stiegen wieder die Tränen in die Augen, und sie bemerkte überrascht, dass auch Charlotte Schneidmann berührt wirkte.

In dem Moment hörte sie die Haustür ins Schloss fallen. An dem metallischen Klackern erkannte sie sofort ihren Bruder Björn, der Metallplättchen unter seinen Absätzen trug, genau wie ihr Vater. Angeblich sollte das die teuren Ledersohlen schützen. Aber Annette war sich sicher, dass beide es nur aus einem Grund taten: damit jeder schon von Weitem wusste, wer im Anmarsch war.

»Wer hat denn hier die Einfahrt so zugeparkt?«, hörte Annette die verärgerte Stimme ihres Bruders. Wenig später erschien Björn mit angesäuerter Miene in der Tür. »Gehört Ihnen der BMW? Schon mal was von Privatparkplatz gehört?«

»Sind Sie Björn Steinkamp?«, fragte der Kommissar und ging überhaupt nicht auf Björns Bemerkung ein.

»Wer will das wissen?«

»Käfer, Kripo Münster. Das ist meine Kollegin Charlotte Schneidmann.«

»Und was wollen Sie hier? Ich dachte, der Alte hatte einen Unfall. Müssen dafür gleich die Bullen kommen?«

Björn ließ sich auf die Chaiselongue fallen und legte seine Füße auf das edle Leder. Von seinen nassen Schuhen tropfte es, und Annette sah ihrem Bruder an, wie sehr er diesen Frevel genoss.

Er hat wirklich viel Ähnlichkeit mit ihm, dachte sie. Das markante Gesicht mit dem ausgeprägten Kinn, die gerade Nase und die hohen Wangenknochen hatte er eindeutig von seinem Vater geerbt. Genau wie seinen Charakter. Jahrelang war jedes Gespräch zwischen ihr und ihrem Bruder schon nach wenigen Sätzen zu einem handfesten Streit ausgeartet. Waren es am Anfang noch normale Geschwisterrivalitäten gewesen, harmlose Streitigkeiten über die Höhe des Taschengelds oder die Wahl des Fernsehprogramms, artete es schon bald in ein gegenseitiges Runtermachen der übelsten Sorte aus. Unglücklicherweise war Björn darin immer besser gewesen als sie. In der Regel war es Annette, die schließlich heulend den Raum verlassen und vor den Gemeinheiten ihres Bruder geflohen war. Zumindest früher. Heute sprachen sie gar nicht genug miteinander, um sich derart streiten zu können.

»Ihr Vater ist bei einem Zimmerbrand gestorben. Und ja, dafür müssen die Bullen kommen«, sagte die Kommissarin ruhig.

»Dass er ausgerechnet jetzt über den Jordan geht«, ärgerte sich Björn.

»Junge«, sagte ihre Mutter vorwurfsvoll. »Wie redest du denn?«

»Ach, Gottchen, nun tu mal nicht so! Wir wissen doch alle, dass er sein Testament noch ändern wollte. Und jetzt nippelt er vorher ab. Das ist doch scheiße.«

»Björn …« Annette schüttelte den Kopf. Ihr Bruder konnte so ein Widerling sein. Sie musste sich zurückhalten, wollte sie doch keinen Streit vor den Kommissaren anfangen.

»Was hat es mit dem Testament auf sich?«, fragte der Kommissar.

»Wie ich eben schon sagte, mein Vater wurde durch seine Erkrankung etwas milder. Ursprünglich wollte er sein gesamtes Vermögen der Stadt Horstmar vermachen«, erklärte Annette. »Aber kurz nachdem er mit seinem Wagen verunglückte und dann ins Heim kam, hat er angedeutet, das Testament zu unseren Gunsten zu ändern. Mir war das egal. Ich wollte eh nichts von seinem Geld.«

»Na klar«, sagte Björn spöttisch. »Du hättest natürlich das Erbe ausgeschlagen. Schwachsinn. Hör bloß auf, dich hier als Sauberfrau darzustellen! Ich weiß noch, wie angepisst du warst, als Papa dir kein Geld für die Ausbildung geben wollte. Du warst doch schon immer scharf auf seine Kohle! Im Gegensatz zu mir willst du es bloß nicht zugeben.«

»Er hätte das Testament in seinem Zustand doch eh nicht mehr ändern können! Das hätte vor keinem Gericht der Welt Bestand gehabt.«

»Offiziell war er immer noch geschäftsfähig«, entgegnete Björn. »Sind noch persönliche Unterlagen von meinem Vater im Heim?«, fragte er dann die Kommissare. »Oder ist alles zerstört worden?«

»Ein paar Dinge scheinen das Feuer überstanden zu haben«, sagte Charlotte Schneidmann kühl, die von dem plötzlichen Ausbruch zwischen den Geschwistern überrascht schien. »Wir haben aber noch keine Übersicht.«

»Dann verschaffen Sie sich die doch bitte schnell«, fiel Björn der Kommissarin ins Wort. »Vielleicht hat er sein Testament ja doch noch geändert und es irgendwo bei sich aufbewahrt.« Er zog eine Packung Gaulouises Blondes heraus und steckte sich eine in den Mund.

»Bitte nicht im Haus«, sagte ihre Mutter.

»Ja, ja, ja. Ihr könntet ja alle spontan Lungenkrebs bekommen. Mann!«

Er stand auf und öffnete die Terrassentür. Noch bevor er richtig draußen war, hatte er die Zigarette angezündet und demonstrativ eine Wolke ins Wohnzimmer geblasen. Mit einem lauten Knall machte er die Tür hinter sich zu.

Während die Kommissare ihre Mutter darüber informierten, dass es zunächst eine Obduktion geben würde, bevor der Leichnam beerdigt werden konnte, beobachtete Annette ihren Bruder. Er hatte ihnen den Rücken zugewandt, saß auf dem großen grauen Findling, den ihr Vater vor einigen Jahren mit einem gewaltigen Aufwand in den Garten hatte bringen lassen, und rauchte. Dann sah sie, wie seine Schultern zuckten und er sich immer wieder mit der Hand über das Gesicht fuhr.

Weinte er? Ihr Bruder, Björn Steinkamp? Nein, das konnte nicht sein. Das war ein Ding der Unmöglichkeit.

Und doch sah es so aus.

»Wir melden uns, sobald es etwas Neues gibt«, sagte Kommissar Käfer da plötzlich.

Die beiden Beamten verabschiedeten sich, und als sie vor dem Haus standen, konnte Annette durchs offene Fenster hören, wie der Kommissar sagte: »Scheint so, als wenn der Tote nicht besonders nett war.«

Nein, dachte Annette. Ganz im Gegenteil.

3

Charlotte hatte ihn wieder am Altenheim abgesetzt und war zu einer Verabredung gefahren, die, wie Käfer wusste, schon seit Wochen mit knallroter Signalfarbe in ihrem Terminkalender im Büro umkringelt war. Er wollte noch schnell den Hausmeister befragen, um eine fahrlässige Wartung der Brandschutzmelder auszuschließen, bevor auch er für heute Feierabend machte.

Abgesehen von dem dunklen Kastenwagen der Spurensicherung waren ein hellgrüner Passat und ein weißer Van die einzigen Fahrzeuge, die noch auf dem Parkplatz standen, der inzwischen menschenleer war. Es wurde langsam dunkel, wahrscheinlich saßen die alten Herrschaften im unversehrten Teil des Hauses gerade beim Abendbrot. Zum Glück war der Brand in einem separaten Flügel ausgebrochen, sodass im intakten Gebäude keine Einsturzgefahr bestand.

Käfer machte einen kleinen Bogen, um nicht durch das Löschwasser zu gehen, das auf dem Parkplatz eine große Pfütze gebildet hatte. Charlotte muss es schwergefallen sein, heute hierherzukommen, dachte er. Er selbst war es gewesen, der damals bei den Recherchen um den verschwundenen kleinen Jungen auf die Adresse von Agnes Schneidmann gestoßen war. Nach all den Jahren, in denen Charlotte das Trauma mehr oder weniger erfolgreich verdrängt und ihre Mutter nicht gesehen hatte, schaffte sie es endlich, ihre Ängste zu überwinden und sich auf den Weg zu machen, um einen Neuanfang zu wagen. Und dann war sie zu spät gekommen. Wie ungerecht das Leben doch manchmal sein konnte.

Käfer dachte an Annette Steinkamp. Auch sie hatte nun keine Möglichkeit mehr, sich mit ihrem Vater zu versöhnen. Aber hatte sie das überhaupt gewollt? Sie schien sehr unter ihm gelitten zu haben, hatte dabei aber nicht verbittert gewirkt. Im Gegenteil. Ihr Gesicht wirkte offen und sympathisch, und obwohl sie geweint hatte, wirkten ihre Augen auf eine ganz ungewöhnliche Art auf ihn. Waren sie grün oder blau? Auf jeden Fall waren sie schön, so viel stand fest.

Käfer schüttelte über sich selbst den Kopf. Mit was für Fragen beschäftigte er sich hier eigentlich?

Er betrat das Altenheim und wandte sich an eine der Schwestern, die gerade damit beschäftigt war, die Scherben auf dem Boden zusammenzufegen.

»Wo finde ich denn den Hausmeister …« Er zog den Zettel hervor, den Charlotte aus ihrem Notizbuch gerissen hatte. »… Hermann Diekötter?«

»Der ist oben, im zweiten Stock, wo es passiert ist«, antwortete die Schwester. »Die Feuerwehr hat gesagt, dass wir mit dem Aufräumen anfangen können. Ist das nicht in Ordnung?«

»Doch, doch. Wenn die Feuerwehr das gesagt hat, dann stimmt das.«

Er zwinkerte der Schwester freundlich zu und ging ins Treppenhaus, da der Fahrstuhl aus Sicherheitsgründen gesperrt worden war. Der Geruch nach Verbranntem wurde mit jeder Stufe durchdringender und hinterließ einen schalen Geschmack auf der Zunge. Widerlich. Zum Glück hatte er noch ein Kaugummi in der Tasche, sodass wenige Sekunden später eine Welle künstlicher Pfirsicharomen durch seinen Mund schwappte.

Auf dem Flur, der den Flammen und dem Löschwasser ebenfalls zum Opfer gefallen war, herrschte noch reges Treiben. Die Kollegen von der Spurensicherung packten gerade ihre Sachen zusammen, der Pfleger Jakob Boßmann wischte vor Zimmer 213 den Boden, und am Ende des Ganges konnte Käfer einen Mann in einem grauen Hausmeisterkittel sehen, der zusammen mit zwei Schwestern dabei war, die von Löschwasser durchnässten Sitzkissen eines Sofas vom Polster zu hieven.

»Na, Feierabend?«, fragte er Berthold Wolske von der Spurensicherung, der gerade seinen Koffer zuklappte.

»Ja, wir sind fast durch. Dr. Krane ist schon weg. Ich schicke Ihnen dann eine Liste mit den Gegenständen, die das Feuer überlebt haben.«

»Wissen Sie, ob ein Testament oder ein vergleichbares Schriftstück gefunden wurde?«

In diesem Moment kamen zwei Kollegen aus der Gerichtsmedizin mit einem Zinksarg den Gang entlang.

»Können wir?«, fragte der eine und wies mit dem Kinn auf die sterblichen Überreste von Ludger Steinkamp.

»Ja«, sagte Wolske. »Ihr könnt ihn mitnehmen.«

Die beiden Männer breiteten eine Plastikfolie auf dem Boden aus und legten den Leichnam vorsichtig darauf.

»Was für ’ne Sauerei«, murmelte der eine dabei leise.

»Also?«, fragte Käfer noch mal.

»Ach so, Schriftstücke.« Der Kollege schien sich zu sammeln. »Ja. Also nein. Kein Testament. Die einzigen Papiere, die das Feuer überstanden haben, waren in diesem kleinen Safe da hinten.« Wolske wies auf einen zerstörten Wandschrank, in dem ein kleiner Tresor zu sehen war. »Die Sachen liegen da vorne auf dem Tisch. Ein gerahmter alter Stich und ein paar Männermagazine. Das war’s.«

»Männermagazine?«

»Harmloses Zeug. Playboy, Penthouse, so ’n Kram. Hat er wahrscheinlich vor den Schwestern versteckt.«

»Und was ist das für ein alter Stich?«

»Keine Ahnung. Ich glaube, von Horstmar. Ich hab ihn mir noch nicht so genau angesehen. Scheint mir nicht mehr im besten Zustand zu sein.«

»Also doch vom Feuer angegriffen?«

»Nee, nee. Moment.«

Wolske ließ die Kollegen von der Gerichtsmedizin vorbei, die den geschlossenen Zinksarg aus dem Zimmer trugen, und ging zurück zum Klapptisch, der von der Spurensicherung in der Mitte des Raums aufgebaut worden war. Ein altes angeschmortes Radio stand dort, und noch einige Gegenstände mehr, die Käfer auf die Schnelle aber nicht einordnen konnte. Mit einem einfachen Bilderrahmen in der Hand kam Wolske wieder zu ihm. Hinter dem Glas war ein verblichener alter Kupferstich zu sehen, der die Stadt Horstmar im 19. Jahrhundert zeigte.

»Sehen Sie? Völlig unversehrt. Das Glas, der Rahmen, alles ist heile. Aber bevor das Bild gerahmt wurde, muss es einiges mitgemacht haben. Sehen Sie hier die Knickfalten? Sieht fast so aus, als hätte es jemand jahrelang in der Hosentasche rumgetragen. Wer weiß das schon. Das ist jedenfalls alles, was an Papieren überlebt hat. Die Kollegen packen es nachher zusammen und bringen es ins Präsidium.«

»Alles klar. Wissen Sie, warum der Rauchmelder nicht anschlug?«

»Die Batterien fehlten.«

»Ach. Sind sie gewaltsam entfernt worden?«

»Nein. Der Melder ist jedenfalls nicht aufgebrochen worden. Vielleicht hat jemand auch nur vergessen, neue einzusetzen. So geht es mir jedenfalls immer. Ich will bei meinen zu Hause schon seit Monaten die Batterien auswechseln, aber irgendwie verschwitze ich es dauernd.«

»Verstehe. Danke. Bis später dann.«

»Nee, bis morgen. Ich geh jetzt nämlich nach Hause. Ich brauche dringend eine Dusche. Dieser Geruch macht mich fertig. Brandleichen sind echt nicht mein Fall.«

Käfer grinste ihm verständnisvoll zu und klopfte dann Jakob Boßmann aufmunternd auf die Schultern, der neben ihm stand und eine pechschwarze Brühe aus seinem Wischmopp wrang. »Sie sollten auch mal Feierabend machen.«

Boßmann nickte nur müde, und Käfer ging zu dem Mann in dem grauen Kittel, der niemand anderes als der Hausmeister sein konnte. Er schätzte ihn auf Ende fünfzig, ein untersetzter Mann mit einem rundlichen Gesicht, der seine Haare seitlich über die Halbglatze gekämmt hatte.

»Sind Sie Hermann Diekötter?«, fragte er den Mann.

»Ja, Moment«, ächzte Diekötter und ließ stöhnend ein fast zwei Meter großes Sitzkissen fallen. Dann wandte er sich an die Frauen, die neben ihm standen. »Das hat keinen Zweck, Schwester. Die Kissen haben sich vollgesogen, die sind viel zu schwer. Wir versuchen es morgen noch mal. Dann sind sie vielleicht schon etwas getrocknet.«

Die beiden Schwestern wischten sich den Schweiß von ihren Gesichtern und verließen den Flur, nicht ohne vorher noch ein paar zerbrochene Blumentöpfe und Vasen einzusammeln.

»So, jetzt bin ich ganz Ohr. Ja, ich bin Hermann Diekötter. Sie sind doch einer der Polizisten, die heute schon den ganzen Tag hier herumlaufen, oder?« Er trocknete sich die Hand an seinem Kittel ab und reichte sie Käfer lächelnd.

»Ja, Kommissar Käfer, Kripo Münster. Sie sind für die Wartung der Feuermelder verantwortlich, richtig?«

»Ja, das stimmt. Als Hausmeister bin ich hier praktisch das Mädchen für alles. Aber ich will mich nicht beklagen, es ist ein schöner Job. Die meisten Patienten sind wirklich ganz liebe Leute.«

Er nickte freundlich einem älteren Mann zu, der gerade an ihnen vorbeiging.

»Sie dürfen hier noch gar nicht sein, mein Lieber«, sagte Diekötter zu dem Patienten. »Hier ist noch alles gesperrt, ja?«

Freundlich schob er den Alten in die andere Richtung des Flures. Der Mann machte ein irritiertes Gesicht, sagte aber nichts.

»Da können Sie hingehen. Ja? Prima, bis später.«

Der alte Mann wich dem Hausmeister aus, als dieser ihm gerade freundlich auf die Schulter klopfen wollte, und verschwand schlurfend im Gang.

Diekötter lachte. »Ja, lieb sind sie. Manchmal ein bisschen durcheinander, aber wirklich liebe Leute.«

»Warum hat der Feuermelder in Zimmer 213 nicht funktioniert?«

Der Hausmeister machte urplötzlich ein nachdenkliches Gesicht. »Das frage ich mich schon die ganze Zeit. Aber ich weiß es nicht. Ich kann mir das überhaupt nicht erklären. Erst letzte Woche habe ich alle Batterien auf dieser Etage ausgetauscht.«

»Es wurden aber keine Batterien im Feuermelder von Zimmer 213 gefunden.«

»Ich habe aber welche reingetan. Das weiß ich genau.«

»Könnte es sein, dass Sie das in der Hektik vielleicht vergessen haben?«

Der Hausmeister schüttelte energisch den Kopf. »Nein. Das ist unmöglich. Ich weiß, was ich tue. Und ich weiß, welche Verantwortung ich hier habe. Die alten Leutchen liegen mir wirklich am Herzen. Wenn sie durch mein Verschulden in Gefahr kommen würden – nein, das würde ich mir niemals verzeihen. Ich bin da wirklich sehr sorgfältig.«

»Müsste es nicht ein Notsignal geben, wenn die Batterien fehlen?«

»Nein. Die Dinger sind so konstruiert, dass sie sofort anfangen zu piepen, sobald etwas mit den Batterien nicht stimmt. Aber wenn sie komplett ohne Energie sind, können sie natürlich auch keinen Ton mehr von sich geben. Das ist aber nie der Fall, weil ich die Batterien ja regelmäßig wechsele.«

»Ist es eigentlich einfach, die Batterien zu entfernen?«

»Na ja.

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