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Petronella Apfelmus

Über die Autorin

Sabine Städing wurde 1965 in Hamburg geboren und hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Nach ihren drei Büchern rund um die Hexe Magnolia hat sie jetzt das erste Abenteuer aufgeschrieben, dass die kleine Hexe Petronella Apfelmus zusammen mit ihren Freunden erlebt. Die Autorin sitzt schon an der Fortsetzung der Reihe.

Über die Illustratorin

SaBine Büchner, geboren 1964 in Wuppertal, arbeitete als Sozialpädagogin in einem Kinderheim, bevor sie Kommunikationsdesign in Wuppertal und Animation an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg studierte. Sie hat zahlreiche Bücher illustriert und auch eigene Bilderbücher veröffentlicht. Ihre Arbeiten wurden bereits mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet.

Sabine Städing

Petronella Apfelmus

Verhext und festgeklebt

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Mit Illustrationen von
SaBine Büchner

BASTEI ENTERTAINMENT

Apfelhaus und Gurkenhut

Petronella Apfelmus traute ihren Augen nicht. Energisch nahm sie ihr goldenes Piratenfernrohr von ihrem linken Auge und polierte die Linse mit dem Zipfel ihres Ärmels.

»Unmöglich«, murmelte sie. Dann schaute sie noch einmal hindurch.

»Tatsächlich!« Da schlichen wahrhaftig fünf Gestalten durch ihren Garten und um die alte Mühle herum. Hatten die bei diesem Wetter nichts Besseres zu tun?

Der erste Herbststurm fegte über das Land, rüttelte an Türen und Fenstern, zauste die Blätter und fegte die ersten reifen Äpfel von den Bäumen.

Verbissen versuchte Petronella das Fernrohr ruhig zu halten, was bei diesem Sturm gar nicht so einfach war. Schon gar nicht, wenn man in einem schwankenden Apfel saß. Ungeduldig schnippte sie mit den Fingern, und augenblicklich hatte das Schaukeln ein Ende. Denn Petronella Apfelmus war eine Hexe.

Keine gewöhnliche Hexe, wie man sie in jedem Märchen oder in jeder Geisterbahn findet. Nein, Petronella Apfelmus war eine Baumhexe. Genauer gesagt, eine Apfelbaumhexe. Und wie es sich für eine Apfelbaumhexe gehört, lebte sie nicht in irgendeiner windschiefen Hütte oder einem angeknabberten Lebkuchenhaus, sondern ganz standesgemäß in einem Apfel. Ihr Apfelhaus hing hoch oben in einem prächtigen Apfelbaum, mitten in dem verwilderten Garten einer alten Mühle.

Seit Petronella den letzten Müller vergrault hatte, stand die Mühle still und das dazugehörige Müllerhaus leer. Petronella brauchte den Garten mit niemandem mehr zu teilen.

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Aber jetzt waren da plötzlich diese fünf Menschen. Drei große und zwei kleine.

»Lucius!«, rief sie nervös. »Lucius, wo steckst du? Verflixt, nie bist du da, wenn man dich braucht!«

»Na, na, wo brennt’s denn?« Verschlafen schob sich ein Hirschkäfer in Petronellas gute Stube.

»Es brennt nicht«, antwortete Petronella ungeduldig. »Aber da sind Menschen vor dem Müllerhaus.«

Umständlich drängte Lucius die Apfelhexe zur Seite und sah aus dem Fenster. »Warum nimmst du nicht ein anderes?«, murrte Petronella und rückte selbst einen Fensterplatz weiter. Jetzt war nicht die Zeit, mit Lucius zu streiten, denn das, was dort vor sich ging, bedeutete gewiss nichts Gutes. Angestrengt sah sie durch ihr Fernrohr.

»Den Mann im dunklen Anzug habe ich schon einmal gesehen«, sagte sie. »Damals, als Giesbert Mühlstein die Mühle verlassen hat, hat er ihm seinen Schlüssel gegeben.«

Jetzt schloss der Anzugmann mit einer großen Geste die Haustür zur Mühle auf und bat die anderen hinein.

»Den beiden kleinen Menschen ist kalt«, kommentierte Petronella weiter.

»Das sind Kinder.«

»Was?« Petronella sah Lucius ungeduldig an.

»Die kleinen Menschen sind Kinder«, erklärte er.

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»Ihnen ist aber trotzdem kalt«, sagte Petronella.

Die beiden Kinder hatten die Schultern zu den Ohren hochgezogen und standen fröstelnd im kalten Wind. Trotzdem schüttelte die Frau, die zu der Gruppe gehörte, den Kopf. Sie wollte das Müllerhaus nicht betreten.

»Sehr vernünftig, die Gute«, kommentierte Petronella weiter. Doch dann zog sie der zweite Mann einfach am Ärmel hinein, und die Kinder trotteten hinterher.

»Es scheint sich um eine Familie zu handeln«, gab Lucius seine Eindrücke wieder.

»Mir egal«, schnaubte Petronella und ließ das Haus nicht aus den Augen.

Zwei Minuten später flog die Haustür wieder auf, und die Frau stürmte hinaus. Ihr Mann und die beiden Kinder folgten mit hastigen Schritten. Ganz zuletzt verließ der Mann im dunklen Anzug das Müllerhaus. Er schloss sorgfältig ab und ging der Familie nach.

Mit einem Stirnrunzeln nahm Petronella das Fernrohr von ihrem Auge. Langsam fing sie an, sich wirklich Sorgen zu machen. Nur zu gut war ihr noch in Erinnerung, wie schwierig es gewesen war, Gisbert Mühlstein aus seiner Mühle zu vertreiben.

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»Was hältst du davon?«, fragte sie.

Lucius wackelte mit dem Kopf. Er hatte sich noch keine endgültige Meinung gebildet.

»Wir müssen auf jeden Fall verhindern, dass sie dort einziehen«, erklärte Petronella bestimmt.