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Pete Hackett - Drei Western, Sammelband 4

Pete Hackett

Pete Hackett - Drei Western, Sammelband 4

Der Härteste von allen/ Der Trapper und die weiße Squaw/ Jeder ist sich selbst der Nächste: Cassiopeiapress Western





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Drei Western – Sammelband 4

von Pete Hackett

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

Das Ebook enthält drei Western

Der Härteste von allen

Der Trapper und die weiße Squaw

Jeder ist sich selbst der Nächste

Der Härteste von allen

"Er ist nach Süden geritten", knurrte Captain John Bennett. "Sicher versucht er, sich nach Mexiko durchzuschlagen."

"Das ist sehr wahrscheinlich", pflichtete Sergeant Hank Colbright bei. Er nickte wiederholt. "Sicher. Auch ich würde versuchen, nach Mexiko zu verschwinden."

"Reiten wir weiter."

"Eskadron, Marsch!", rief der Sergeant.

Die Kavalkade setzte sich wieder in Bewegung. Die Kavalleristen ritten in Zweierreihe. Insgesamt waren es 12 Reiter. Sie folgten der Fährte eines einzelnen Mannes. Sein Name war Amos McKinney. McKinney hatte der Armee den Rücken gekehrt. In den Augen der Männer war er ein dreckiger Deserteur...

Ein heißer Südwind trieb den Staub in Fontänen vor sich her. Die Sonne brannte auf die Männer hernieder und höhlte sie aus. Die Pferde gingen mit hängenden Köpfen. Staub und Schweiß verklebten die Poren. Das karge, zerklüftete Land ringsum war von der unablässig sengenden Sonne verbrannt und tot, und glich mit seinen ruinenähnlichen Felstürmen und -monumenten einem riesigen Trümmerfeld.

Der Pulk ritt im Schritt. Er befand sich zwischen hohen Kakteen mitten in einer staubigen Senke. Nur ein paar Felsen gaben im Falle des Falles Deckung. Harte, dornige Comas hatten sich neben den Felsen eingenistet. Die Spur McKinneys zog sich vor den Reitern durch den Sand.

Der Deserteur hatte nicht mehr als eine Stunde Vorsprung. Fort Apache lag 15 Meilen hinter ihnen. Sie befanden sich mitten im Indianerland. Die Chiricahuas waren auf dem Kriegspfad. Die Soldaten wussten, dass ihre Skalps ziemlich locker saßen.

Meile um Meile zogen sie dahin.

Es ging auf den Abend zu. Bei einem schmalen Fluss hielten sie an. Der Wind hatte sich verstärkt und die Fährte McKinneys ausgelöscht. Immer wieder glitten rötliche Staubwolken heran und hüllten die Kavalleristen ein.

Die Soldaten tränkten die Pferde. Sergeant Colbright wusch sich Staub und Schweiß aus dem Gesicht. Er schaute über den Fluss. Ein Staubwirbel, den der Wind über den Creek trieb und der ihn einhüllte, nahm ihm sekundenlang die Sicht. Er hielt die Luft an, um nicht allzuviel Staub einatmen zu müssen. Dennoch hüstelte er krampfhaft.

Captain Bennett trat neben den Sergeant. "Was mag den Narren dazu getrieben haben, zu desertieren? Hatte er Angst, gegen die Chiricahuas eingesetzt zu werden?"

Der Sergeant zuckte mit den Schultern und antwortete mit staubheiserer Stimme: "McKinney gehörte zu meiner Gruppe, Sir. Feigheit war es ganz sicher nicht." Der Sergeant spitzte die Lippen, schien seine nächsten Worte im Kopf vorzuformulieren, dann setzte er hinzu: "Er ist in den vergangenen Wochen ziemlich in sich gekehrt gewesen. Man hat ihn öfter mal in der Nähe von Liz Mallory gesehen. Vielleicht..."

Der Sergeant brach vielsagend ab.

"Sie denken, dass eine Frau dahintersteckt?", fragte der Captain ungläubig. "Liz Mallory?"

"Wer weiß das schon?" Colbright wiegte den Kopf. "Ich schätze, Sir, wir haben die Fährte verloren. Auf's Geratewohl nach Süden zu reiten wird nicht viel bringen. Außerdem scheint sich ein Sandsturm anzubahnen. Wir sollten ihn hier abwarten und dann umkehren."

Im Gesicht des Captains arbeitete es. Auch er starrte nach Süden, wo sich eine flache Felsenkette von Westen nach Osten zog. Dunkle Schluchten und Spalten zerklüfteten sie. Immer wieder nahm ihm treibender Staub die Sicht. Im Westen türmte sich ein furchtbarer, drohender Horizont auf. Die Wolken falteten sich zu formlosen, tiefdunklen Bergen zusammen und wurden von einem ungeheuren Sturm herangetrieben. Ein ferner Pfeifton strich über die Ebene, die sich nach Westen dehnte, heran.

"Yeah", murmelte der Captain. "Es wird kaum Sinn haben, mit einem Dutzend Reitern McKinney zu folgen. Wir kommen nicht schnell genug voran. Ich werde, sobald der Sturm vorbei ist, alleine weiterreiten, Sergeant. Sie kehren mit den Männern um und reiten zurück zum Fort..."

Das Pfeifen wurde lauter und schriller, dann ging es in ein durchdringendes Heulen über. Das unheimliche Geräusch schwoll weiterhin an, und dann kam der Sturm mit brachialer Gewalt. Er fegte wie ein wildes Ungeheuer über die Ebene heran und trieb eine rötlich-graue Wand aus Staub vor sich her, die alles unter sich zu begraben schien. Er nahm den Kavalleristen fast den Atem. Sie hockten zwischen Felstrümmern, hatten die Halstücher über Mund und Nase gezogen, um die Atemwege gegen den Staub zu schützen, und hielten ihre scheuenden Pferde fest.

Die Wildnis hatte sich in einen tosenden Hexenkessel verwandelt, aus dem es kein Entrinnen zu geben schien. Immer neue Sand- und Staubmassen jagte der Sturm heran. Der Staub wirbelte so dicht, dass man fast die Hand vor den Augen nicht mehr erkennen konnte.

Der Sturm tobte länger als eine halbe Stunde. Doch dann flaute er ab. Die Welt allerdings mutete nach wie vor düster und drohend an. Schließlich legte sich der Staub. Die Luft wurde klar. Das Unwetter verzog sich nach Osten. Die tiefhängenden Wolken zogen ab. Im Westen färbte die Abendsonne den Horizont blutrot. Die Schatten waren lang und unscharf.

"Sergeant, führen Sie die Männer ins Fort zurück", ordnete der Captain an. "Wenn Sie sich beeilen, können sie es in drei Stunden schaffen."

"Denken Sie nicht, Captain, dass es sinnlos ist, McKinney weiterhin zu folgen?", kam es skeptisch von Colbright. "Der Sandsturm hat seine Spur ausgelöscht. Möglicherweise hat er die Südroute verlassen und reitet nach Osten, nach New Mexiko. Wer weiß schon, was in seinem Kopf vorgeht."

"Ich bringe ihn zurück", knurrte der Captain. "Wenn ich eines hasse auf der Welt, dann sind das Deserteure. Ich schnappe mir den Burschen..."

Es klang wie ein Schwur.

"Aufsitzen!", rief der Sergeant.

Die Kavalleristen schwangen sich auf die Pferde. In Reih und Glied warteten sie auf den Befehl zum Abmarsch.

Sergeant Hank Colbright kletterte auf's Pferd. Er legte die Hand an die Feldmütze. "Geben Sie auf sich Acht, Captain", stieß er hervor. "Gott sei mit Ihnen."

"Danke, Sergeant."

"Abrücken!", schrie Colbright.

Der Trupp setzte sich in Bewegung. Die Kavalleristen zogen in dichtgeschlossener Gruppe nach Norden. Captain John Bennett blieb allein zurück. Er blickte den Reitern hinterher, bis sie zwischen den Hügeln und Felsen verschwunden waren und nur noch aufgewirbelter Staub ihren Weg markierte.


*


Captain Bennett ritt nach Süden. Es war sinnlos, nach Spuren Ausschau zu halten. Sand und Staub hatten alles zugedeckt. Die Augen des Captains brannten. Sand knirschte zwischen seinen Zähnen. Die Felsenkette rückte näher. Dann ritt der Captain zwischen die Felswände. Es war zwischenzeitlich ziemlich düster geworden. Zwischen den Felsen woben die Schatten der Abenddämmerung. Bennett hielt an, saß ab, hakte die Wasserflasche vom Sattel und trank einen kleinen Schluck. Dann schüttete er etwas Wasser in die Krone seines Feldhutes und tränkte das Pferd.

Der Captain schaute sich um. Er befand sich im Maul einer engen Schlucht. Felsklötze, die in die Tiefe gestürzt waren, säumten die Felswände. Ein geeigneter Platz für einen Hinterhalt. Der Blick des Captains strich die Felswände hinauf, tastete sich über Risse, Simse und Vorsprünge und glitt über die Felsränder, über die ein lauer Wind feinen Sand trieb, so dass unablässiges, feines Geprassel die Luft erfüllte.

Alles mutete wie ausgestorben an. Die Einsamkeit, die den Captain umgab, war nahezu erdrückend.

Bennett griff nach dem Sattelhorn und stellte seinen linken Fuß in den Steigbügel. Als er sich in den Sattel ziehen wollte, peitschte der Schuss. Es war das trockene Wummern eines schweren Armeecolts. Wie es schien, rettete die Bewegung des Aufsitzens Bennetts Leben. Die Kugel verfehlte ihn nur knapp.

Geistesgegenwärtig sprang der Captain zurück. Er versetzte seinem Pferd einen harten Schlag auf die Kruppe und griff gleichzeitig nach seinem Gewehr, das im Sattelholster steckte. Als der zweite Schuss donnerte, rannte Bennett schon in Deckung. Die Kugel pflügte nur den Sand und ließ ihn spritzen. Aus dem Schutz einiger übereinandergetürmten Felsen spähte John Bennett nach oben.

Der Schütze hatte sich auf dem Rand eines der Felsen, die die Schlucht säumten, verschanzt.

Wühlender Zorn erfüllte John Bennett. Was war nur in diesen Narren gefahren? McKinney hatte nicht die geringsten Skrupel, jedweden Verfolger aus dem Hinterhalt mit heißem Blei zu bedienen.

Doch da schrie McKinney: "Ich hätte Sie treffen können, Bennett! Verschwinden Sie und lassen Sie mich in Ruhe. Beim nächsten Mal schieße ich nicht mehr vorbei."

Bennett schwieg verbissen und schaute sich um nach einem Aufstieg. Ein natürlicher, geröllübersäter Pfad schwang sich etwa 50 Schritte weiter nach oben. Er verschwand zwischen Felsen und Gestrüpp. Der Captain setzte alles auf eine Karte und verließ seine Deckung.

Sofort stimmte der Revolver auf dem Felsen sein tödliches Intermezzo an. Kugeln klatschten gegen Gestein, Querschläger quarrten durchdringend. Der Captain duckte sich. Einige Geschosse lagen ziemlich nahe.

Der Felsen war etwa 50 Fuß hoch. Der Pfad stieg steil an. Geröll löste sich unter den Füßen des Captains und polterte in die Tiefe. Bennett schaute nach unten. Da stand sein Pferd und witterte mit erhobenem Kopf zu ihm herauf. Hart an den Fels zu seiner Linken geschmiegt stieg der Captain höher und höher. Den Springfield-Karabiner hielt er in der linken Hand. Atmung und Herzschlag beschleunigten sich bei ihm. Salziger Schweiß rann ihm in Bächen über das Gesicht. Schweiß färbte auch die Feldbluse unter den Achseln und zwischen den Schulberblättern dunkel.

Amos McKinney würde ihn dort, wo der Pfad endete, erwarten. Der Captain stellte sich darauf ein. Ihm stand ein Kampf auf Leben und Tod bevor. Er wusste es. Einige Felsblöcke versperrten ihm den Blick nach oben. Er schob sich um einen der Felsen herum. Jetzt hielt er den Colt in der Rechten. Der Hahn war gespannt. Die Mündung wies nach oben.

Da stand McKinney. Auch er war mit dem Colt bewaffnet. Er hatte zwischenzeitlich nachgeladen. Als er Bennett sah, schoss er sofort. Der Captain warf sich zur Seite und feuerte. Sie schossen beide daneben. McKinney war hinter einem Felsen verschwunden. Der Captain rannte die letzten Yards des steilen Aufstiegs nach oben und schmiegte sich gegen raues Felsgestein. Seine Bronchien pfiffen.

"McKinney!", rief der Captain mit rasselnder Stimme.

"Ja."

"Sie sollten aufgeben."

"Niemals, Captain. Lebend bringen Sie mich nicht nach Fort Apache zurück."

"Doch, McKinney, das werde ich. Ich habe es mir geschworen."

Ein klirrendes Lachen ertönte. "Sie machen die Rechnung ohne den Wirt, Captain."

Bennett schob sich an der Felswand entlang. Kleidungsstoff schabte über Gestein. Leise knarrte das Stiefelleder. Dann konnte der Captain um den Felsvorsprung lugen.

McKinney hatte etwa 15 Schritte weiter hinter einem yardhohen Felsquader Stellung bezogen. Bennett konnte ihn sehen. Der Deserteur verschmolz zwar in der Dunkelheit mit dem Hintergrund, aber sein gelbes Halstuch verriet ihn.

Der Captain lehnte das Gewehr weg, hob die Faust mit dem Colt, zielte kurz und drückte dann ab. Trocken donnerte der Schuss, die Detonation schien sich zwischen den Felsen zu stauen. Brüllend antworteten die Echos. McKinney hatte einen wilden Satz zur Seite vollführt. Und in den verhallenden Klang des Schusses hinein brüllte sein Colt auf. Er feuerte wie von Sinnen. Und dann schlug der Hammer auf eine leere Hülse.

Mit einem wüsten Fluch schleuderte McKinney den wertlosen Colt fort. Er rannte nach links davon.

Bennett stieß sich ab. Er flankte über einen hüfthohen Felsen hinweg und näherte sich im spitzen Winkel zu der Felswand, an der entlang McKinney floh, dem Deserteur. McKinney rannte wie von Furien gehetzt. Und dann sah Bennett das Pferd McKinneys. Es stand zwischen einigen Felsen. Im Scabbard steckte der Karabiner. Ein letzter, kraftvoller Sprung brachte McKinney an das Tier heran. Er griff nach dem Gewehr...

Da war auch Bennett heran. Er riss McKinney am Kragen der Feldbluse zurück. Die Hände des Deserteurs griffen ins Leere. Bennett wirbelte ihn herum. Und McKinney schlug ansatzlos zu. Seine Faust donnerte gegen Bennetts Brustbein, nahm dem Captain die Luft und ließ ihn zurücktaumeln. McKinney hechtete hinter ihm her. Mit beiden Händen klammerte er sich an den Captain. Er riss ihn zu Boden. Bennett verlor den Colt. Eng umschlungen rollten die beiden Männer über den Boden. Bei Bennett kam der befreiende Atemzug, dann gelang es ihm, sich von McKinney zu lösen. Fast gleichzeitig kamen sie hoch.

McKinney schickte einen wilden Schwinger auf die Reise. Bennett reagierte instinktiv. Er tauchte blitzartig ab und die Faust pfiff über seinen Kopf hinweg. McKinney wurde von der Wucht seines Schlages halb herumgerissen, geriet ins Taumeln und hatte Mühe, sein Gleichgewicht zu bewahren.

Sofort wuchs der Captain zu seiner vollen Größe in die Höhe. Er machte einen halben Schritt auf McKinney zu, knallte ihm einen Haken auf die kurzen Rippen und ließ sofort die Linke fliegen, mit der er McKinney am Kinnwinkel erwischte. Einen Herzschlag lang hatte Bennett das Gefühl, seine Handknochen zersplitterten unter der Wucht des Treffers.

Aber McKinney zeigte kaum Reaktion. Er schüttelte sich nur, ihm entrang sich ein abgerissenes Grunzen, und dann warf er sich mit ausgebreiteten Armen Bennett entgegen, als wollte er ihn umschlingen und zerquetschen. Bennett sprang zurück und entging der Umklammerung. Er hatte die Arme angewinkelt und die Fäuste gehoben. Wild mit den Armen schwingend folgte ihm McKinney. Es war die blinde Wut, die ihn trieb. Er zwang Bennett immer weiter zurückzuweichen.

In McKinneys Gesicht glitzerte Schweiß. Seine Miene war eine Grimasse des Hasses und Vernichtungswillens, sein Atem ging stoßweise und rasselnd.

McKinney kam mit erhobenen Fäusten. Er ließ sie pendeln wie ein professioneller Faustkämpfer und begann Bennett zu umrunden, belauerte ihn und suchte nach einer Blöße bei seinem Gegner. Seine blinde Wut schien kühler Überlegung gewichen zu sein. Er war jetzt bei weitem gefährlicher als in der Anfangsphase des Kampfes. Der Deserteur zwang sich dazu, seinen Verstand einzusetzen. Er entging vielen Schlägen durch leichte Drehungen in der Hüfte. Seine Angriffe waren schnell und überraschend.

Der Captain drehte sich auf der Stelle. Und unvermittelt unternahm er einen Ausfallschritt. Seine Linke zuckte nach McKinneys Kopf, und der Bursche riss unwillkürlich beide Fäuste zur Deckung hoch. Da bohrte sich ihm Bennetts Rechte in die Magengrube. In diesem Schlag lagen all die bösen Empfindungen, die Bennett beherrschten.

Ein wilder Schrei löste sich aus McKinneys Mund. Sein Oberkörper krümmte sich nach vorn, genau in Bennetts hochgezogenen Schwinger hinein. Dieser knallharte Haken ließ den Schädel des Deserteurs wieder hochsausen, und Bennett schoss eine kerzengerade Rechte mitten in das Gesicht seines Gegners ab.

McKinney ächzte. Blut rann aus seiner Nase und aus einer Platzwunde auf seiner Unterlippe. Die Benommenheit nach den unerbittlichen Treffern ließ seinen Kopf von einer Seite auf die andere pendeln. Er war angeschlagen.

Dennoch stürzte er sich Bennett entgegen. Seine Fäuste wirbelten. Er kämpfte mit Kraft und Verbissenheit. Seine Zähne waren fest aufeinandergepresst, seine Lippen in der Anspannung verzogen. Er hatte die Umwelt vergessen. Nur der eine Gedanke beherrschte ihn: Er wollte sich unter keinen Umständen von Bennett festnehmen lassen. Im Fort erwartete ihn die Hölle...


*


McKinneys Angriff kam wie eine Explosion. Doch Bennett blieb in den Knien elastisch. Er federte zurück, steppte zur Seite, duckte sich ab, tauchte unter McKinneys Heumachern hinweg, und bald spürte der Deserteur, wie seine Arme ermüdeten. Der Rhythmus seiner Schwinger kam längst nicht mehr so rasend, und die Erkenntnis, dass er seinen Gegner noch kein einziges Mal ernstlich getroffen hatte, nagte in ihm.

Er hielt inne und japste nach Luft. Im unwirklichen Licht sah er Bennett, der zwei Schritte auf Distanz gegangen war. Und jetzt begann Bennett, ihn zu umtänzeln. Er bewegte sich leichtfüßig und pantherhaft. Plötzlich schnellte er auf McKinney zu. Er warf sich mit der linken Schulter gegen dessen Leib und feuerte ihm gleichzeitig die geballte Faust ins Gesicht. McKinney stolperte rückwärts, ein Gurgeln quoll aus seinem Mund, mit letzter Willenskraft schickte er seine Rechte noch einmal auf die Reise, im nächsten Moment die Linke.

Und sie traf.

Bennett, der dem ersten Schwinger ausweichen konnte, beugte sich genau in den zweiten Haken hinein. Er hatte das Gefühl, der Kopf würde ihm von den Schultern geschlagen. Er flog regelrecht zur Seite, Blitze zuckten vor seinen Augen, und die Welt schien sich um ihn herum zu drehen. Er wankte und spürte, wie seine Beine unter ihm nachgeben wollten. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen.

McKinney entging Bennetts momentane Schwäche nicht. Er wandte sich ihm schnell und wild zu. Wie durch Nebelschleier sah Bennett ihn vor sich auftauchen. Mit einer einzigen, kraftvollen Bewegung, an der sein ganzer Körper beteiligt zu sein schien, rammte McKinney ihm das Knie von der Seite her gegen die Rippen. Es gab einen Laut, der an das Bersten einer Melone erinnerte.

Bennett stöhnte mit weitaufgerissenem Mund. Der Atem entwich seinen Lungen wie einem Blasebalg. Er sah nur noch feurige Garben, und dann traf ihn McKinney mit aller Härte am Ohr. Sein Kopf wurde auf die linke Schulter gerissen, er sank auf die Knie und war in diesem Augenblick vollkommen orientierungslos, wusste nicht mehr, wo hinten oder vorne war.

"Ich zertrete dich wie ein lästiges Insekt!", hechelte McKinney. Seine Stimme klang kratzend, seine Worte fielen abgehackt. Er war erschöpft und die Treffer, die er einstecken musste, zeigten Wirkung. Im Moment aber triumphierte er.

Er ließ seine rasselnde Stimme wieder erklingen. "Du wirst diesen Platz nicht mehr verlassen, Bennett. Ich werde dich den Aasgeiern und Coyoten zum Fraß vorwerfen. Hast du wirklich gedacht, du kannst mich nach Fort Apache zurückschleppen? Ich habe lange genug für ein paar Dollar im Monat meine Haut zu Markte getragen. Ich habe die Schnauze voll. Du wirst tot sein, Captain. Deine Knochen werden hier draußen verrotten..."

Er wollte sich abwenden um sich den Colt Bennetts zu holen und seine Drohung in die Tat umzusetzen.

Aber er hatte mit seinen gehässigen Tiraden Bennett die Zeit verschafft, die er brauchte, um seine Benommenheit zu überwinden und neue Energien zu mobilisieren. Die Nebelschleier vor Bennetts Augen rissen. Verschwommen sah er McKinney einen Schritt vor sich.

Sein Widerstandswille überwand die bleierne Erschöpfung, in der er trieb. In seinen Augen glühte der Wille auf, McKinney auszuschalten.

Und dann sah Bennett wieder klar. Sein Verstand funktionierte wieder. Seine Muskeln und Sehnen reagierten wieder auf die Signale, die sein Gehirn aussandte. Aus seiner knienden Haltung warf er sich nach vorn. Seine Hände erwischten McKinneys Beine dicht über den Knöcheln. Mit einem kraftvollen Ruck riss Bennett die Füße des Gegners vom Boden weg. McKinney war total überrumpelt. Seine Arme ruderten haltsuchend, aber da war nichts, woran er sich klammern konnte. Der Länge nach krachte er auf den Bauch.

Bennett kämpfte sich hoch.

McKinney kroch auf allen vieren durch den Sand. Bennetts Colt lag nicht weiter als fünf Schritte von ihm entfernt. Der Blick des Deserteurs hatte sich regelrecht an der Waffe festgesaugt, die schwach schimmerte.

Bennett wischte sich mit dem Ärmel seiner blauen Feldbluse Staub und Schweiß aus den Augen. Steifbeinig setzte er sich in Bewegung.

McKinney vernahm das Knirschen von Sand und Kies unter den harten Ledersohlen, und das leise, melodische Klirren der Sporen. Flüchtig wandte er den Kopf, sein hasserfüllter Blick tastete sich an Bennett in die Höhe. Dann kroch er schneller auf den Revolver zu. Seine Finger krallten sich in den Untergrund, seine Nägel brachen, Speichel rann aus seinem Mundwinkel.

Noch zwei Schritte trennten McKinney von dem Colt. Er war besessen von dem Gedanken, Bennett zu erschießen. Sein Gesicht fieberte vor Hass und Mordgier. Seine Bronchien pfiffen.

Er kam auf die Knie und warf sich nach vorne. Seine Rechte stieß wie eine Klaue auf das Eisen zu.

Doch da senkte sich Bennetts staubiger Stiefel schwer auf die Waffe.

McKinneys Blick zuckte hoch. Aus dieser Perspektive kam ihm Bennett riesengroß und gewaltig vor. McKinneys Zahnschmelz knirschte. Er stemmte sich in die Höhe. Aber ehe er die Knie durchdrücken und sich zu seiner vollen Größe aufrichten konnte, landete Bennett eine knochentrockene Doublette an seinem Kinn. Der Kopf des Deserteurs flog in den Nacken. Er sank auf die Knie zurück, ein ersterbender Ton brach über seine Lippen. Und als ihn Bennetts weit aus der Hüfte gezogener Schwinger genau auf den Punkt traf, kippte er hinüber und blieb verkrümmt liegen.

McKinney war fertig. Er hob den Kopf, versuchte, sich noch einmal hochzurappeln, fiel aber kraftlos zurück. In seinem zerschlagenen, schweiß- und blutverschmierten und staubbedeckten Gesicht zuckten die Nerven.

Bennetts Arme schmerzten bis in die Schultergelenke. Er spürte schmerzhafte Verspannungen in seinen Händen. Seine Atmung beruhigte sich, das Herz fand wieder zu seiner regulären Schlagfolge zurück.

Er hob seinen Colt auf, blies den feinen Staub ab und stieß ihn ins Holster. Dann ging er zu McKinneys Pferd und öffnete die Satteltaschen. Bennett fand, was er suchte. Es war eine dünne Lederschnur. Damit ging er zu McKinney und fesselte ihm die Hände auf den Rücken.

McKinney ließ es geschehen. Er war war zu keiner Reaktion mehr fähig. Wie betäubt lag er am Boden.

"Sie hätten es auch einfacher haben können, McKinney", knurrte Bennett, als er fertig war. Er überprüfte noch einmal die Fessel, dann kehrte er in die Schlucht zurück, um sich um sein Pferd zu kümmern und den Aufstieg zu suchen, der es McKinney ermöglicht hatte, samt Vierbeiner auf den oberen Rand der Schlucht zu gelangen. Irgendwie musste er den Deserteur samt Pferd in die Tiefe bekommen.

Bennett fand die Rinne, die den Fels spaltete und nach oben führte. In der Dunkelheit war der Weg ziemlich halsbrecherisch. Aber der Captain schaffte es, den gefesselten Mann und das Pferd nach unten zu bringen. Er brachte das Tier zu seinem in das Maul der Schlucht, hobelte beiden Pferden die Beine und leinte sie an einem Strauch fest.

McKinney hatte er an den Felsen gesetzt.

Der Deserteur hatte seine Benommenheit abgeschüttelt und zerrte an den Fesseln.

"Vergessen Sie es", knurrte Bennett. "Sie schaffen es nicht."

"Zurück zum Fort sind es mehr als 20 Meilen", knirschte McKinney. "Du schaffst es nicht, Bennett. Verdammt, warum lässt du mich nicht laufen? Was hast du davon, wenn du mich zurückschleppst? Ich werde für einige Tage im Bau verschwinden und dann..."

"Damit ist es nicht getan, McKinney. Wir befinden uns im Krieg mit den Apachen. Es herrscht Kriegsrecht. Du weißt, was mit Deserteuren geschieht?" Jetzt hatte auch Bennett die Formalitäten weggelassen. "Warum spielst du plötzlich verrückt?"

"Ich sagte es schon: Ich habe die Schnauze voll. Immer nur Hitze, Staub und wildgewordene Apachen. Ich will nicht mehr. Fünf Jahre reichen, finde ich."

"Du hast dich für acht Jahre verpflichtet."

Darauf schwieg McKinney.

Bennett fesselte ihm auch die Beine zusammen. Dann warf er eine Decke über den Deserteur. "Versuch zu schlafen", riet Bennett. "Morgen haben wir einen harten Ritt vor uns."

"Du schaffst es nicht, Bennett", versprach McKinney.

Der Captain schenkte ihm lediglich einen geringschätzigen Blick.


*


Der Morgen graute. Der Captain erhob sich und rollte seine Decke zusammen. Es war kühl. Zwischen den Felsen wob der Morgendunst. Bennett fröstelte es. Die Tage waren heiß, die Nächte waren kalt. Der Captain dehnte und reckte sich. Das Blut begann schneller zu zirkulieren und wärmte ihn. Er zog die Decke von McKinney und schleuderte sie zur Seite. Dann löste er die Fußfesseln des Deserteurs. "Hoch mit dir, McKinney."

Der Gefangene kämpfte sich auf die Beine.

Der Captain befreite die Pferde von ihren Fußfesseln. Dann öffnete er McKinneys Handfesselung. "Versuch lieber nichts mehr, McKinney", warnte er. "Es wird ganz an dir liegen, wie du Fort Apache erreichst. Entweder aufrecht im Sattel sitzend, oder quer über dem Pferderücken liegend. Du solltest es dir überlegen."

Sie aßen Dörrfleisch und tranken dazu Wasser. Dann trieb der Captain den Deserteur in den Sattel seines Pferdes. Den Karabiner McKinneys hatte Bennett in seine Deckenrolle geschoben.

Die Helligkeit nahm zu. Die Sonne ging auf und schickte ihre wärmenden Strahlen über das Land. Bennett und sein Gefangener ritten nach Norden. Stunde um Stunde zogen sie dahin. Der Captain ritt immer eine Pferdelänge hinter McKinney. Sie folgten den Windungen zwischen Felsen und Geröllhängen. Die Sonne stieg höher und höher und setzte sowohl den beiden Männern wie auch ihren Pferden zu. Es wurde heiß wie in einem Backofen.

Es ging einen Hang hinauf. Die beiden Reiter bewegten sich schräg zum Abhang, um den Pferden den Aufstieg zu erleichtern. Plötzlich hallte dumpfes Hufgetrappel an John Bennetts Gehör. Es sickerte über den Kamm des Hügels, der vor ihnen lag. Der Captain griff nach dem Gewehr, repetierte und legte die Waffe vor sich quer über den Mähnenkamm seines Pferdes. Und dann trieben fünf Reiter ihre Tiere auf die Kuppe.

Apachen!

Sie rissen überrascht die Tiere zurück.

Die beiden Weißen auf dem Abhang hatten angehalten. Bennett zielte auf den Pulk der Rothäute. Sie trugen keine Kriegsfarben in den Gesichtern. Rote Tücher wanden sich um ihre Köpfe. Lange, blauschwarze Haare vielen über ihre Schultern. Sie trugen Leinenhemden und -hosen und kniehohe Mokassins. Ihre Bewaffnung bestand aus Gewehren und Tomahawks, zwei von ihnen trugen Lanzen.

"Spricht einer von euch meine Sprache?", rief Bennett.

Die fünf gaben keine Antwort. Sie drängten die Pferde zurück und verschwanden.

"Zurück, McKinney!", knirschte der Captain.

Sie zerrten die Pferde herum und stoben hangabwärts.

Schrilles Geschrei erschallte. Und dann donnerten die fünf Apachen wieder auf den Kamm. Staub wallte unter den Hufen ihrer Pferde. Einige Gewehre krachten.

Aber Bennett und McKinney sprengten unten schon zwischen die Felsen und verschwanden aus dem Schusssektor der Rothäute. Im Schutz der Felsen sprang John Bennett ab. McKinney jagte weiter. "Stopp, McKinney!", brüllte der Captain.

Aber der Deserteur dachte nicht daran, anzuhalten.

Die fünf Apachen galoppierten in auseinander gezogener Linie den Abhang hinunter. Ihr Geschrei vermischte sich mit dem dumpfen Hufschlag, den ihre Pferde verursachten.

McKinney verschwand um einen Hügel, aus dessen Kuppe ein Felsen ragte. Bennett biss die Zähne zusammen, ging bei einem Felsen in Deckung und nahm einen der Apachen auf's Korn. Der Karabiner peitschte. Der Krieger warf beide Arme hoch und stürzte rücklings vom Pferd. Das hassvolle Geschrei der anderen nahm an Vehemenz zu. Sie sprangen von ihren Mustangs und hetzten in Deckung. Ihre Gewehre begannen zu schmettern.

Plötzlich kam McKinney in halsbrecherischer Karriere wieder zurück. Im vollen Galopp sprang er bei Bennett vom Pferd. "Da kommen noch ein halbes Dutzend!", brüllte er. "Gib mir mein Gewehr, Captain."

Bennett kniff die Lippen zusammen. Ohne ein Wort zu verlieren wirbelte er das Gewehr herum. Er traf mit dem Kolben McKinney an der Schläfe. Wie vom Blitz getroffen brach der Deserteur zusammen. Verkrümmt lag er am Boden.

Bennett wandte sich den Apachen zu.

Jede mögliche Deckung ausnutzend huschten sie heran.

Der Captain vernahm die Hufschläge der Pferde jener Krieger, die McKinney angekündigt hatte. Er gab zwei Schnappschüsse ab. Dann wuchtete der McKinney quer über den Rücken seines Pferdes. Der Captain schwang sich in den Sattel. Der besinnungslose Deserteur hing vor ihm über den Pferderücken. McKinneys Pferd ließ der Captain einfach stehen. Er trieb seinen Vierbeiner an. Die Hufe des Tieres begannen zu wirbeln.

Wütendes, enttäuschtes Geheul folgte Bennett, als er zwischen Felsen und Hügel stob. Einige Schüsse peitschten hinter dem Captain her. Die Hufe seines Pferdes schienen kaum den Boden zu berühren. Die Umgebung flog regelrecht an ihm vorbei.

Bennett zügelte erst, als das Pferd nur noch dahintaumelte und dicke Schaumflocken von seinen Nüstern wehten. Er lauschte hinter sich. Von etwaigen Verfolgern war nichts zu hören. Doch der Captain gab sich keinen Illusionen hin. In diesem Land wimmelte es von streunenden Apachenhorden, die aus dem Reservat ausgebrochen waren.

Er saß ab. Felsen umgaben ihn. Er fasste unter McKinneys Beine und schleuderte sie in die Höhe. Schwer krachte der Deserteur auf den Boden. Der Aufprall holte ihn aus der Besinnungslosigkeit. Mit dem stupiden Ausdruck des Nichtbegreifens starrte er zu Bennett in die Höhe. Dann schien die Erinnerung einzusetzen. "Zur Hölle mir dir, Captain", ächzte McKinney. Er rollte sich auf den Bauch und drückte sich hoch.

"Wenn du noch einmal versuchst, zu fliehen, McKinney", knurrte Bennett, "dann schleppe ich dich am Lasso zurück ins Fort. Mein Wort drauf."

McKinney hockte am Boden und hielt sich den Kopf. Wo ihn Bennett mit dem Gewehr getroffen hatte, bildete sich eine Beule. In Gedanken verfluchte McKinney den Captain. Schließlich blickte er ihn aus unterlaufenen Augen an. "Wo ist mein Pferd?"

Bennett schaute nach Süden. Dort erhob sich eine Rauchsäule. Sie wurde unterbrochen, erhob sich erneut, um wieder unterbrochen zu werden. Der hochsteigende Rauch ballte sich am Himmel und zog träge nach Osten.

"Auf die Beine, McKinney!", gebot Bennett. "Es geht weiter!"

"Mein Pferd..."

Bennett wandte sich dem Deserteur wild zu, packte ihn am Kragen und zerrte ihn auf die Beine. "Schwing die Hufe, McKinney!"

Der Captain stieg auf sein Pferd. Er trieb es auf den Deserteur zu. McKinney stieß hervor: "Du elender Hundesohn hast meinen Gaul den Apachen überlassen. O verdammt! Die Pest an deinen Hals dafür..."

Mit dem letzten Wort schwang McKinney herum. Er marschierte los. Sein Kopf schmerzte von dem Schlag, den ihm der Captain verpasst hatte. Er spürte Schwindelgefühl. Seine Beine waren schwer wie Blei.

Bennett trieb ihn unerbittlich durch die Ödnis. Bald brannten McKinneys Füße wie Höllenfeuer. Er schleppte sich nur noch vorwärts. Schweiß rann ihm über das Gesicht, brannte in seinen Augen und entzündete sie. Seine Lippen waren trocken und rissig. Mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen.

Eine Stunde war verstrichen. Sie hatten etwa drei Meilen zurückgelegt. Das Wasser war alle. Staub scheuerte unter der Kleidung die Haut wund. Bennett sicherte immer wieder um sich. Die Rauchzeichen waren hoch oben im Norden beantwortet worden. Deshalb hatte Bennett sich nach Osten gewandt. Den direkten Weg nach Fort Apache, so fürchtete er, würden ihm die Chiricahuas verlegen. Darum hatte er sich für den Umweg entschieden.

McKinney stapfte dahin. Seine Muskeln arbeiteten nur noch automatisch, von keinem bewussten Willen gesteuert. Nach weiteren zwei Meilen aber war er am Ende. Er brach zusammen. "Du bist ein dreckiger Menschenschinder!" Er brachte nur noch ein verstaubtes Krächzen zustande und blinzelte durch den Schweiß, der in seine Augen rann, sie brennen ließ und ihm die Sicht vernebelte.

Bennett saß ab.

McKinney riss sich die Stiefel von den Füßen. Seine Socken waren voll Blut und zerrissen. Er zog auch sie aus. Die Blasen an seinen Fersen und auf seinen Zehen waren aufgeplatzt. Die Haut hatte sich in mehreren Schichten abgeschält. Die Füße begannen anzuschwellen. Im schmerzverzerrten Gesicht McKinney zersprang die Schicht aus Schweiß und Staub. Er stöhnte langanhaltend.

"In der Nähe muss der Black River sein", kam es staubheiser von Bennett. "Wenn wir den Fluss erreichen, haben wir gewonnen."

"Ich kann keinen Schritt mehr laufen", krächzte McKinney.

Der Captain dachte kurz nach. Dann sagte er: "Ich versuche den Fluss zu erreichen, McKinney. Dir rate ich, hier liegen zu bleiben. Alleine bist du chancenlos. Und du willst deinen Skalp doch noch eine Weile behalten."

"Lass mir mein Gewehr hier, Captain", schnappte McKinney. "Ich muss mich wenigstens verteidigen können, falls mich ein paar Rothäute hier aufspüren."

Bennetts Miene verschloss sich. Dann aber entschied er sich. Mit einem Ruck zog er den Karabiner aus der Deckenrolle. Er warf ihn McKinney zu. "Solltest du dich mit krummen Gedanken tragen, dann mach dich darauf gefasst, dass ich entsprechend reagieren werde, McKinney."

"Geh zur Hölle, Bennett!"

Der Captain kletterte aufs Pferd. Es war eine Anstrengung, eine Mühe, die all seinen Willen erforderte. Müde zog das Tier die Hufe über das Geröll und durch den Staub. Es ließ den Kopf hängen. Das Fell war staub- und schweißverklebt.

McKinney starrte hinter dem Captain her, bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Nur noch das Pochen der Hufe war zu hören, aber auch dieses Geräusch versank bald in der Stille.

McKinney saß an einem Felsen. Neben ihm lehnte das Gewehr. Seine Füße brannten fürchterlich. Sein Blick war verschwommen, so sehr waren seine Augen entzündet. Mit jedem Gedanken, jedem Atemzug verfluchte er den Captain.

John Bennett aber lenkte das Pferd nach Norden. Er erreichte eine knappe Stunde später den Fluss. Am flachen Ufer stieg er vom Pferd. Seine Beine gaben nach und er brach auf die Knie nieder. Ein gurgelnder Ton kämpfte sich in seiner Brust hoch und brach aus seiner Kehle. Dann warf er sich einige Hände voll Wasser ins Gesicht. Staub und Schweiß wurden weggewaschen. Der Captain trank. Sein Pferd stand bis zu den Sprunggelenken im Wasser und löschte ebenfalls seinen Durst.

Das Wasser belebte den Captain. Er erhob sich und holte die Wasserflasche vom Sattel. Gleich darauf hängte er sie gefüllt zurück. Bennett war nass bis über die Oberschenkel. Dort, wo das Wasser den rötlichen Staub aus seiner Hose gewaschen hatte, war der Stoff dunkelblau.

Bennett rastete eine Viertelstunde am Fluss.

Dann machte er sich auf den Rückweg...


*


McKinney war fort. Er saß nicht mehr am Felsen, wo ihn der Captain zurückgelassen hatte. Bennetts Zähne knirschten übereinander. Er schalt sich einen Narren, weil er McKinney alleine zurückgelassen hatte, und ließ seinen Blick schweifen. Da trat McKinney schon, das Gewehr im Anschlag, hinter einem Felsen hervor. Hart krümmte sich sein Finger um den Abzug.

Der Captain war zusammengezuckt. Es kostete ihn große Beherrschung, die Hand nicht unwillkürlich zum Holster niedersausen zu lassen, in dem der langläufige 45er steckte. Sein Verstand holte den jähen Impuls ein...

"Runter vom Gaul, Captain!", hechelte McKinney. Er stand barfuß neben dem Felsen, nur noch ein Schatten seiner selbst. Es war deutlich, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Ihn beherrschte nur noch ein nahezu dämonischer Wille, durchzuhalten und sich des Captains zu entledigen.

John Bennett hatte das Pferd pariert. Das Tier trat unruhig auf der Stelle. Bennett sagte abgehackt: "Sei vernünftig, McKinney. In deinem Zustand kommst du keine Meile weit, dann fällst du vom Pferd. Willst du dich selbst den Aasgeiern zum Fraß vorwerfen."

"Absteigen habe ich gesagt", röhrte McKinneys Organ.

Achselzuckend ließ sich der Captain vom Pferd rutschen. Er überlegte fieberhaft, wie er das Ruder herumreißen konnte. Aber angesichts der auf ihn angeschlagenen Waffe und der unumstößlichen Entschlossenheit McKinneys war es nicht ratsam, einen entsprechenden Versuch zu unternehmen.

Bennett seufzte. Er fühlte sich wieder gut in Form. Ihm entging nicht, dass McKinney schwankte wie ein Schilfrohr im Wind. Einer jähen Eingebung folgend hakte Bennett die Wasserflasche vom Sattel und schraubte sie auf. Er kippte die Flasche. Wasser ergoss sich auf den Boden. "Du wirst kein Wasser haben, McKinney. Ich gebe dir nicht mal eine ganze Meile..."

"Du verdammter Hund!" Die Worte zerplatzten regelrecht in McKinneys Mund. Er schluckte mühsam. Das Wasser plätscherte und versickerte im Boden. McKinney ließ das Gewehr sinken, gab sich einen Ruck und taumelte näher. Er sah ein, dass der Captain recht hatte. Trotz seines mitgenommenen Zustandes wusste er, wann er verloren hatte.

Bennett nahm ihm den Karabiner weg. Dann reichte er ihm die Wasserflasche. McKinney trank gierig. Der Captain ließ ihn. Er verstaute den Karabiner wieder in der Deckenrolle. McKinney hatte sich mit der Flasche in den Schatten eines Felsen gesetzt. Mit dem Wasser hatte er sich wieder ein paar frische Energien eingeflößt. Er schielte nach dem Gewehr in der Deckenrolle. Dem Captain entging es nicht. Er sagte zwischen den Zähnen: "Du solltest es aufgeben, McKinney."

"Solang ein Funken Leben in mir ist..."

Bennett winkte ungeduldig ab. "Ich bringe dich zurück, ich habe es geschworen. Okay, McKinney. Wir haben gerastet, du hast getrunken. Es geht weiter."

"Ich gehe keinen Schritt mehr. Die Haut hängt in Fetzen an meinen Füßen. Keinen Schritt, Bennett. Du musst mich schon am Lasso hinter dir herschleifen."

"Denkst du, ich habe Skrupel, es zu tun? Deinetwegen mussten ein Dutzend Reiter ausrücken. Das Leben eines jeden dieser Männer war gefährdet. Hast du dich was drum geschert? Wieso sollte ich deinetwegen besondere Gewissensbisse haben?"

Der Captain nahm das Lasso vom Sattel. Es gehörte nicht zur Standardausrüstung der Kavallerie. Es war privater Besitz des Captains. Er legte die Schlinge um McKinneys Oberkörper.

McKinney warf sich mit dem Mut der Verzweiflung auf Bennett, als er diesen für einen Moment abgelenkt glaubte. Die Wasserflasche hatte er achtlos fallen lassen. Glucksend lief das kostbare Nass aus. Die beiden Männer gingen zu Boden. McKinneys Hände verkrampften sich um den Hals des Captains. Der Deserteur hatte sich schnell wieder erholt von seiner Schwäche. Vielleicht beflügelte ihn auch die wenig verheißungsvolle Aussicht, vor das Kriegsgericht gestellt zu werden. Jedenfalls wuchs er noch einmal über sich hinaus. Es war, als hätte ihm das Wasser übermenschliche Kraft verliehen.

Er kniete über dem Captain und drückte diesen mit seinem Gewicht zu Boden. Brutal würgte er ihn. Bennett schnappte nach Luft. Seine Lungen fingen schon an zu schmerzen. In seinem Schädel dröhnte es. Die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn war unterbrochen. Bennett spürte Schwindelgefühl.

Er hämmerte McKinney die Faust von der Seite gegen den Kopf, gegen die Rippen, er zog ruckhaft das Knie an und rammte es McKinney in den Rücken. McKinney aber schien das alles nicht zu erschüttern. Wie die Backen eines Schraubstocks lagen seine Hände um den Hals Bennetts.

Der Mund des Captains klaffte auf. Alles in ihm schrie nach lebenserhaltendem Sauerstoff. Vor seinen Augen begannen rote Nebel zu wallen. Wieder donnerte er die Faust gegen McKinneys Rippen, wieder und immer wieder.

Endlich beugte sich McKinney zur Seite. Er keuchte. Speichel tropfte von seinen Lippen. In seinen Augen irrlichterte das düstere Feuer der Besessenheit. Erneut traf ihn ein Rammstoß in den Rücken. Die Schmerzen wurden unerträglich...

McKinney ließ den Hals Bennetts los und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Die Lungen des Captains füllten sich mit derartiger Vehemenz, dass ihm schwarz wurde vor Augen. Sein Kehlkopf schmerzte. Den Schlag ins Gesicht nahm er kaum wahr. Er konnte wieder atmen...

Da erklang spitzes, hochträllerndes Geschrei.

Die Apachen mussten sich mit der Lautlosigkeit von Schatten angeschlichen haben. Sie warfen sich auf die beiden Weißen, rissen McKinney von Bennett herunter. Es waren ein halbes Dutzend. Einer kümmerte sich um das tänzelnde Pferd des Captains, das vom schrillen Geschrei nervös gemacht wurde.

Bennett riss es hoch. Sein Widerstandswille überwand Angeschlagenheit, Schwäche und Erschöpfung. Er griff nach dem Revolver. Ehe sich die Rothäute versahen, hatte er ihn aus dem Holster. Seine Schüsse krachten in blitzschneller Folge, zwei Krieger brachen zusammen. Die anderen ergriffen die Flucht und verschwanden zwischen den Felsen.

Und nun nahmen sie Bennett und McKinney unter Feuer. Die beiden waren in den Schutz niedriger Felsen gekrochen. Geschosse strichen über das Gestein und hinterließen helle Kratzspuren. Querschläger quarrten nervtötend. Das Pferd des Captains drehte sich auf der Stelle.

Der Captain hatte keine andere Wahl. Er reichte McKinney den Colt. "Gib mir Feuerschutz."

McKinney nickte. Und dann jagte er Schuss um Schuss in die Richtung der Indsmen, die zwischen den Felsen lauerten.

Bennett war aufgesprungen und zu seinem Pferd gelaufen. Zwei Handgriffe, und er hatte die beiden Gewehre. Damit rannte er zu McKinney zurück. Ein Geschoss fuhr ihm glühendheiß über den Oberarm. Ein anderes zupfte über den Rippen an seiner Feldbluse. Er glaubte den sengenden Strahl auf seiner Haut zu spüren...

Aber dann war der Captain wieder in Deckung. Er warf McKinney eines der Gewehre zu. McKinney fing es geschickt auf. Die unmittelbare Gefahr und das genossene Wasser vorher hatten ihn wieder auf Vordermann gebracht. Er feuerte über seine Deckung hinweg. Ein schriller Schrei ertönte, dann ein dumpfer Fall.

Bennett bedeutete ihm, an diesem Platz zu bleiben und die Stellung zu halten.

McKinney nickte zum Zeichen dafür, dass er verstanden hatte.

Bennett pirschte fort. Er schlich zwischen Felsen hindurch, erklomm einen steilen Abbruch, legte sich flach auf den Bauch und bewegte sich schlangengleich. Dann hatte er die Apachen unter sich. Sie wandten ihm die Rücken zu und feuerten dorthin, wo Amos McKinney hin und wieder einen Schuss abgab.

Der Captain jagte eine Kugel nach unten. Er wollte keinen der Krieger in den Rücken schießen. Es gelang ihm nicht, diese Hemmschwelle zu überschreiten. Die Kugel pflügte zwischen den dreien den Boden und ließ das Erdreich spritzen. Sie warfen sich herum. Und sie nahmen den Weißen wahr, der geduckt auf dem Felsen stand und den Karabiner an der Hüfte hielt. Sie rissen die Gewehre hoch.

Die Kugeln Bennetts schüttelten sie, wirbelten sie herum. Tot und sterbend sanken die drei Krieger zu Boden. Der letzte Schuss zerflatterte in der Wildnis. Die Stille, die einkehrte, mutete fast greifbar an. Sie senkte sich wie ein Leichentuch zwischen die Hügel und Felsen und wirkte schrecklicher als das Krachen der Schüsse vorher.

"Bist du in Ordnung, McKinney?", rief der Captain.

Hufschlag erklang.

Bennett zerkaute eine Verwünschung und setzte sich in Bewegung. Er sprang von dem Felsen, kam geschmeidig auf, rannte los und erreichte den Platz, an dem er McKinney und sein Pferd zurückgelassen hatte.

Beide waren fort.

McKinney hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt und war mit dem Pferd geflohen. Der Captain hätte aufschreien mögen vor Wut und Enttäuschung. Die Verbitterung kam. Jetzt stand er mit leeren Händen da, viele, viele Meilen vom Fort entfernt, ohne Pferd, ohne Revolver, mit einem Karabiner ohne Reservemunition.

Er schalt sich einen Dummkopf, weil er McKinney bewaffnete und ihn alleine mit dem Pferd zurück ließ. Dann aber gewann der kühle Verstand bei ihm wieder die Oberhand, und er sagte sich, dass die Apachen sicherlich nicht zu Fuß gekommen waren.

Er machte sich auf die Suche nach den Pferden der Krieger. Bei einem der toten Apachen fand er einen Remington-Revolver samt Patronengurt. Der Captain hängte ihn sich über die Schulter, so dass der Gurt schräg über seine Brust lief und das Holster vor seiner Brust baumelte.

John Bennett stieß auf die Pferde der Apachen. Sie standen zwischen den Hügeln und grasten.

Auf einem gescheckten Mustang nahm Bennett die Verfolgung McKinneys auf. Er musste ohne Sattel reiten. Ein aus Rohleder geflochtener Zügel gestattete es ihm, das Tier zu lenken. Der Mustang stapfte dahin. Die Fährte zeichnete sich im Staub ab. McKinney nahm den Weg zum Fluss.

Ob McKinney mit Verfolgung rechnete, wusste Bennett nicht. Doch er stellte sich darauf ein. McKinney war ein mit allen Wassern gewaschener Bursche. In den vielen Jahren, die er im Indianerland verbrachte, waren ihm genügend Lektionen erteilt worden, aus denen er gelernt hatte. Und in diesem Land lernte eine Mann seine Lektionen entweder schnell, oder er verschwand in einem namenlosen Grab...


*


"Wir müssen raus hier!", knurrte Jack Howard. "Verdammt! Amos McKinney hat vorgemacht, wie es geht. Er ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Die Patrouille ist ins Fort zurückgekehrt. Die Narren haben McKinney nicht erwischt."

"Der Unterschied ist, dass wir in diesem verdammten Loch sitzen", blaffte Bill Sloane. "McKinney musste nicht erst eine Gittertür und ein halbes Dutzend Wachposten überwinden, um zu verschwinden. Er setzte sich einfach bei einem Patrouillenritt ab. Wir aber..."

"Wir hatten Pech, Bill. Wir wurden verraten. Man hat uns eine Falle gestellt." Jack Howard nahm eine unruhige Wanderung in der Zelle auf. Sie war fünf mal fünf Schritte groß. Am Boden lag eine Schicht fauligen Strohs. Moder- und Schweißgeruch hingen in der Luft und der Geruch des Latrineneimers, der zur Hälfte mit einer Mischung aus Chlorkalk und Wasser gefüllt war.

Es waren vier Männer, die die Arrestzelle von Fort Apache bevölkerten. Auch sie hatten versucht, zu desertieren. Doch ein Kamerad hatte sie verraten. Und als sie sich auf den Weg machen wollten, liefen sie direkt vor die Mündungen einer halben Kompanie. Bis zu ihrer Aburteilung sollten sie in diesem stinkenden Loch verbringen. Das Zellenfenster war klein und vergittert und ebenerdig. Wenn draußen jemand vorbeiging, konnten sie lediglich die Stiefel sehen.

Die Männer lauschten den knirschenden Stiefeltritten der Wachposten. Die Augen in ihren unrasierten, von Hoffnungslosigkeit gezeichneten Gesichtern glommen lauernd, fast gierig wie die Lichter von hungrigen Wölfen.

Jack Howard ging zum Fenster. Seine Hände umklammerten zwei der soliden Gitterstäbe. Er starrte nach draußen. Auf der anderen Seite der staubigen Straße, die am Wachgebäude vorbeiführte, begann der Paradeplatz. Einige Schluter-Wagen standen am Rand des tafelebenen Platzes. Das Sternenbanner hing schlaff am Fahnenmast. Kein Windzug bewegte es. Die Hitze ballte sich über dem Fort. Die Luft in der Zelle war stickig.

"Ich gehe hier drin vor die Hunde", presste Howard zwischen den Zähnen hervor. Er spuckte zum Fenster hinaus.

Außer Jack Howard und Bill Sloane befanden sich noch Joe Sanborn und Henry Welsh in der Arrestzelle.

An der Tür war ein Geräusch zu hören. Die Riegel wurden geöffnet. Es schepperte und klirrte. Dann wurde die Tür aufgezogen. Eine barsche Stimme rief: "An die Wand ihr vier Halunken. Und bleibt dort. Ich warne euch."

Zwei Kavalleristen mit angeschlagenen Gewehren betraten die Zelle. Ihnen folgten zwei weitere Wachsoldaten. Jeder von ihnen trug ein Tablett, auf dem das Mittagessen für die Gefangenen stand. Vier Tonschüsseln mit einem undefinierbaren Pampf aus Gemüse und Pökelfleischbrocken. Vier Scheiben trockenes, sprödes Brot lagen daneben. In jeder der Schüsseln steckte ein Holzlöffel. Die beiden Soldaten stellten die Tabletts am Boden ab. Dann verließen sie die Zelle. Auch die beiden Kavalleristen mit den Gewehren zogen sich zurück. Die Tür wurde wieder geschlossen. Die Riegel schepperten. In dem niedrigen Kellergewölbe muteten alle Geräusche dumpf und besonders intensiv an.

Howard hatte sich von der Wand abgestoßen. Er beugte sich über eines der Tabletts und nahm eine der tönernen Schüsseln sowie eine Scheibe Brot. "Schlangenfraß", knurrte er. "Gut genug für Schweine..."

Er zog sich in eine der Ecken zurück, kauerte nieder und begann, den Pampf in sich hineinzulöffeln. "Dieser Fraß ist ein Grund mehr, von hier zu verschwinden", sagte er kauend.

Auch die anderen bedienten sich.

"Wie stellst du dir das vor?", fragte Joe Sanborn.

"Wir müssen die Wachen überlisten."

"Das wird nicht so einfach sein."

"Ich weiß. Aber sieht einer von euch eine andere Möglichkeit?" Howard stieß es herausfordernd, fast aggressiv hervor.

"Sitzen wir einfach unsere Strafe ab und versuchen es dann noch einmal", schlug Henry Welsh vor.

"Es kotzt mich verdammt noch mal an!", presste Jack Howard hervor. "Ich will nicht Wochen oder Monate in diesem Loch verbringen."


*


Amos McKinney erreichte den Fluss. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand längst überschritten. Am Flussufer glitt der Deserteur vom Pferd. Sofort tauchte das Tier seine Nase in das kühle Nass. McKinney nahm den Revolver John Bennetts aus dem Hosenbund und verstaute ihn in der Satteltasche. Dann lief er ein Stück in den Fluss, bis ihm das Wasser bis an die Hüften reichte. Er tauchte unter. Nachdem er wieder hochkam, strich er sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht. Die Kleidung klebte ihm am Körper. Er fühlte sich wie neu geboren.

Aber er vergaß nicht, dass er sich mitten im Feindesland bewegte. Und er hatte den Captain nicht vergessen. McKinney ahnte, dass Bennett alles daransetzen würde, um ihn wieder einzufangen. John Bennett war der härteste Bursche, den McKinney in seinem Leben kennengelernt hatte. Hart und kompromisslos...

Wasser lief aus McKinneys Kleidung. Einen Moment lang dachte er an Liz Mallory, die Tochter des Storebesitzers im Fort. Er hatte ihr geschworen, sie nachzuholen. Ja, zusammen mit Liz hatte er den Plan gefasst, die Armee zu verlassen. Er liebte sie, und Liz liebte ihn. Solange er bei der Armee war, gab es keine Zukunft für sie beide. Mit dem kargen Sold war es unmöglich, eine Familie zu gründen. Außerdem hing sein Leben hier im Indianerland ständig an einem seidenen Faden.

Liz' Vater wusste nichts von der Liaison seiner Tochter mit dem einfachen Trooper. Er hätte sicher eine Menge dagegen einzuwenden gehabt. Liz jedoch hatte versprochen, ihm überall hin zu folgen.

O verdammt! McKinney wurde es beim Gedanken an Liz schwer um's Herz. Auf seiner Fährte saß ein verdammter Bluthund. Und um ihn herum wimmelte es von feindseligen Apachen. Seine Situation war nahezu hoffnungslos. Er war sich seiner Einsamkeit voll bewusst.

Er ließ das Pferd am Flussufer stehen und stieg, den Karabiner in der Faust, auf einen Hügel. Seine Füße schmerzten. Über ihm spannte sich blauer, wolkenloser Himmel. In der Ferne wehte Staub über die Hügel. Ihn konnte der Wind aufgewühlt haben. Es konnte auch Wild sein, das ihn aufwirbelte, ebenso gut aber auch ein Reiter. Die Luft waberte und die Konturen verschwammen. Das Land lag schimmernd unter einem Hitzeschleier. Die Sonne drohte Mensch und Tier das Mark aus den Knochen zu ziehen.

McKinney ließ sich bei einem Felsen nieder. Er zog die Beine an und bohrte seine nackten Fersen in den sandigen Untergrund. Er spürte Erschöpfung. Die Staubwolke im Süden war verschwunden. McKinney schloss die Augen. Sofort aber riss es ihn wieder hoch. Er durfte nicht einschlafen. Nicht hier und jetzt. Er sicherte noch einmal nach Süden, dann verließ er die Kuppe. Er kehrte zum Pferd zurück. Das Tier hatte seinen Durst gelöscht und stand schnaubend am Flussufer.

Rastlosigkeit trieb McKinney. Er stieß das Gewehr in den Scabbard, griff nach dem Sattelhorn und stellte seinen linken Fuß in den Steigbügel.

Da erklang eine frostige Stimme: "Okay, McKinney. Das war's. Weg vom Pferd und Hände in die Höhe!"

Es traf den Deserteur wie ein eisiger Guss. Captain Bennett trat mit dem Gewehr an der Hüfte um einen Felsen herum. In seinem Gesicht zuckte kein Muskel. Es war verschlossen und kantig wie aus Granit gemeißelt.

McKinney starrte den Captain an wie einen Geist. Aber dann schüttelte er seine Fassungslosigkeit ab. "Du bist schlimmer als ein Puma, Bennett", knirschte er. Dann machte er einen Schritt zur Seite und hob die Hände in Schulterhöhe.

Der Captain näherte sich ihm, ging um ihn herum, und als er sich in McKinneys Rücken befand, schlug er zu. McKinney brach zusammen. Der Captain sicherte kurz in die Runde, dann fesselte er McKinneys Hände auf den Rücken und nahm ihm den Revolver weg. Und dann holte er den Apachenmustang. Er wuchtete den Besinnungslosen quer über den Rücken des Tieres und band ihn fest, so dass er nicht herunterrutschen konnte.

Eine Viertelstunde später verließ der Captain, das Indianerpferd an der Longe, den Fluss. Sein Colt steckte im Holster und war nachgeladen.

Es war später Nachmittag. Die Sonne stand im Südwesten. Die Schatten wuchsen bereits. McKinney kam zu sich. Das erste, was er begriff, war die Tatsache, dass er wieder Gefangener des Captains war und dass er quer über einem Pferd hing. Sein Schädel brummte. Der Druck in seinem Kopf schien sein Hirn einzuengen. Immer wieder wurde es ihm schwarz vor Augen. Übelkeit krampfte ihm den Magen zusammen und stieg sauer in ihm empor.

"Lass mich wenigstens aufrecht auf dem Pferd sitzen, Bennett!", krächzte McKinney.

"Nichts zu machen", versetzte der Captain kalt. "Du hast es dir selber zuzuschreiben."

"Du verfluchter Hurensohn!"

"Hüte deine Zunge, McKinney!"

Im Schritttempo zogen sie dahin. Sie ritten nach Nordosten. Die Beine McKinneys standen schräg vom Pferdekörper ab und wippten bei jedem Schritt des Tieres. Der Kopf des Deserteurs baumelte nach unten.

"Mir platzt der Schädel!", presste McKinney irgendwann hervor. "Bitte, Bennett..."

Der Captain hielt an und saß ab. Er war zwar hart, aber nicht unmenschlich. Daher schnürte er McKinney los und zog ihn vom Pferd. McKinney stand vor ihm. Der Captain sagte: "Eigentlich hast du es nicht verdient, McKinney. Aber..."

Er brach ab, machte eine wegwerfende Handbewegung, und half dann McKinney, aufzusitzen. Das war nicht einfach, denn McKinneys Hände waren auf den Rücken gefesselt, und es gab keinen Steigbügel, der das Aufsitzen unterstützt hätte.

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