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Pete Hackett - Drei Western, Sammelband 3

Pete Hackett

Pete Hackett - Drei Western, Sammelband 3

Dem Colt gehört das letzte Wort/ Mit eiserner Faust /Pulverdampf am Minam River: Drei Cassiopeiapress Western





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Drei Western – Sammelband 3

von Pete Hackett

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

Das Ebook enthält drei Western

Dem Colt gehört das letzte Wort

Mit eiserner Faust

Pulverdampf am Minam River

Dem Colt gehört das letzte Wort

Als Jonathan Kincaid das Rudel Reiter über dem Hügelkamm auftauchen sah, fiel er seinem Grulla-Hengst in die Zügel. Das müde Tier blieb augenblicklich stehen und ließ den Kopf hängen. Jonathan kniff die Augen eng. Es waren vier Männer in Weidereitertracht, die jetzt den Abhang herunter und direkt auf Jonathan zustoben. Der Hufschlag rollte vor ihnen her wie eine Brandungswelle.

Bei Jonathan rissen sie die Pferde in den Stand. Die Tiere tänzelten. Ohne jede Freundlichkeit musterten die vier Kerle Jonathan. Dieser erwiderte ihre Blicke ruhig. Er sah ihre gebräunten, von Wind, Sonne und Regen gegerbten, derben Gesichter, die Lassoschwielen an ihren Händen, und ihm entging auch nicht, dass sie die Revolver ziemlich hochgeschnallt trugen.

Das waren keine Outlaws, keine Wegelagerer, die harmlose Reisende überfielen und Postkutschen ausraubten, das waren Cowboys, deren Job es war, den Sattel zu quetschen und das Lasso zu schwingen.

Die Art aber, wie sie ihn anstarrten, sagte Jonathan, dass diese Burschen ihm nicht freundlich gesinnt waren. Eine Warnung seines Instinkts durchzuckte seinen Verstand, seine Schultern strafften sich, die Anspannung in ihm wuchs und ergriff bis in die letzte Nervenfaser von ihm Besitz.

Sie zwangen ihre Pferde, ruhig zu stehen. Einer, ein breitschultriger, stiernackiger Bursche mit eingeschlagener Nase und narbigem Gesicht, ergriff das Wort. Er sagte unheilvoll grollend:

„Du reitest über Jim Murphys Land, Stranger, und die Nase deines Gauls zeigt nach Norden. Dort liegt Tulsa. Was willst du in der Stadt?“

Jonathans Brauen schoben sich zusammen. Über seiner Nasenwurzel entstand eine steile Falte. „Ich bin seit vielen Tagen auf dem Trail“, antwortete er, ohne einen der vier aus den Augen zu lassen. „Ist es nicht ganz normal, dass ich in eine Stadt möchte, an einem Tisch essen, in einem Bad entspannen und in einem richtigen Bett schlafen?“

Der Stiernackige grinste flüchtig. Der brutale Zug um seinen Mund löste sich dabei nicht. „Ist das der einzige Grund, der dich nach Tulsa treibt?“

„Sicher.“ Jonathan nickte.

„Wir wollen wissen, wer sich auf unserem Land herumtreibt. Sag mir deinen Namen.“

„Gerne“, murmelte Jonathan. „Ich heiße Kincaid - Jonathan Kincaid.“

Der Vierschrötige verschränkte seine Hände über dem Sattelhorn und krümmte seinen Oberkörper etwas nach vorne. Misstrauen flackerte in seinen Augen. Sein Gesicht war plötzlich wie versteinert. „Noch einmal“, bellte sein Organ, „was treibt dich über das Weideland der Broken Arrow? Weshalb benutzt du nicht die Poststraße? Hast du keines der Warnschilder gesehen, die wir an den Weidegrenzen aufgestellt haben? Darauf steht, dass es Unbefugten verboten ist, das Land der Broken Arrow zu betreten.“

„Tut mir leid, ich sah kein derartiges Schild. Es gab auch keinen Zaun, der mich abgehalten hätte, über diese Weide zu reiten. Ich habe auch keine Ahnung, dass ich mich auf Broken Arrow-Land befinde. Ich dachte immer, das wäre ein freies Land...“

„Sagt dir der Name Mackensy etwas?“ So fuhr der Stiernackige Jonathan ins Wort.

In Jonathans Zügen zuckte kein Muskel. „Nein.“

Einer der anderen mischte sich ein. „Was redest du so lange mit ihm, Cash? Nehmen wir ihm den Gaul und seine Waffen ab und jagen wir ihn zum Teufel. Sollte ihn tatsächlich Mackensy ins Land geholt haben, dann weiß er wenigstens gleich, woher hier der Wind weht.“

„Ich kenne diesen Mackensy nicht!“, stieß Jonathan mit Nachdruck und ziemlich ungeduldig hervor.

Cash McLaren - so hieß der Vierschrötige -, fixierte ihn nachdenklich. An Jonathans tiefsitzendem 45er blieb sein Blick länger als normal hängen. McLaren nagte an seiner Unterlippe. Plötzlich gab er zu verstehen: „Wir bringen ihn auf die Ranch. Soll sich der Boss selbst mit ihm befassen. Er wird ihm die Wahrheit schon aus der Nase ziehen. Es gibt Mittel und Wege...“ Er schaute in Jonathans Gesicht. „Gnade dir Gott, wenn du auf dem Weg zu Mackensy bist, Kincaid. - Dan, Fred, nehmt ihn in die Mitte. Und entwaffnet ihn.“ Ein kaltes Lächeln umspielte seinen Mund. „Wir wollen doch kein Risiko eingehen.“

Dan Harvey und Fred Moore trieben ihre Pferde an. Doch plötzlich lag in Jonathans Faust der Colt. Blitzschnell und glatt hatte er ihn gezogen. Es knackte trocken, als er den Hahn spannte. Dan und Fred zerrten an den Zügeln. Cash McLarens Rechte fuhr zum Coltknauf, als aber Jonathan die Waffe auf ihn anschlug, erstarrte McLaren.

„Haltet eure Hände lieber still, Amigos!“, klirrte Jonathans Stimme. „Andernfalls schieße ich dir die Ohren ab, Dicker. Und das ist keine leere Drohung. Jetzt wendet eure Pferde und zieht Leine. Ich habe nichts übrig für Leute, die mir ihren Willen aufzwingen wollen.“

Unverrückbar und voll tödlicher Bedrohung war der Sechsschüsser auf Cash McLaren gerichtet. Der bullige Mann spürte, wie heißer Zorn in ihn hineinkroch, in die Höhe stieg und sein Denken und Fühlen zu beherrschen begann. Er setzte, als die Wut ihn übermannte, alles auf eine Karte und drosch seinem Pferd die Sporen in die Seiten. Gleichzeitig riss er den Colt aus dem Halfter.

Das Tier unter McLaren sprang erschreckt aus dem Stand vorwärts. Die Absicht des grobschlächtigen Burschen war, Jonathans Pferd zu rammen und Jonathan aus dem Sattel zu werfen. McLaren verschwendete keinen einzigen Gedanken daran, dass seine Aktion selbstmörderisch war. Sein Verstand wurde vom Jähzorn ausgeschaltet.

Aber Cash McLaren war an den Falschen geraten. Jonathan handelte gedankenschnell. Als McLarens Pferd wie von einem Katapult geschleudert heranschoss, war er schon nicht mehr im Sattel. Er brachte sich mit einem Hechtsprung in Sicherheit, rollte über die Schulter ab und kam augenblicklich wieder hoch.

Wie eine Naturgewalt prallte der schwere Braune gegen seinen Grulla-Hengst. Gequält aufwiehernd ging der Hengst zu Boden. Er keilte voll Panik mit den Hufen um sich, kam vorne hoch und warf den Kopf in den Nacken.

Von McLaren kam ein lästerlicher Fluch. Breitbeinig stand Jonathan einige Schritte von dem sich am Boden windenden Pferd entfernt. Jonathan hatte seinen Hut verloren. Er lag im Gras. McLaren schlug den Colt auf ihn an. Da stieß eine ellenlange Mündungsflamme aus dem Lauf von Jonathans Eisen. Die Kugel pflügte vor den Hufen des Braunen in den Boden, ließ Erdreich und Gras spritzen. Die Detonation schlug auseinander und entsetzte den Braunen McLarens noch mehr. Er stieg auf die Hinterhand. Unwillkürlich griff McLaren nach dem Sattelhorn. Er ließ den Revolver einfach fallen. Noch einmal feuerte Jonathan. Das Tier schnellte nach vorn. McLaren verlor das Gleichgewicht und flog rücklings vom Pferd. Krachend landete er am Boden. Verzweifelt japste er nach Luft, die ihm beim Aufprall aus den Lungen gedrückt worden war. Sein Gesicht verfärbte sich dunkel.

McLarens Begleiter waren wie gelähmt. Sie mussten das, was sich ihnen eben innerhalb weniger Sekunden geboten hatte, erst verstandesmäßig verarbeiten. Als sie aber begriffen und reagieren wollten, sprang sie Jonathans eisige und schneidende Stimme an:

„Der nächste, der es versucht, hat mein Blei in der Figur! - Abschnallen, Amigos. Meine Geduld mit euch Narren ist zu Ende. Abschnallen und runter von den Pferden. Ein kleiner Spaziergang wird eure erhitzten Gemüter sicherlich etwas abkühlen.“

McLaren stemmte seinen Oberkörper mit den Ellenbogen vom Boden weg. Er hustete erstickend, aber dann füllten sich mit einem befreienden Atemzug seine Lungen wieder mit frischem Sauerstoff. Aus unterlaufenen Augen starrte er Jonathan an - aus Augen, in denen mörderischer Hass glomm.

Wie hineingeschmiedet lag in Jonathans Faust der Sechsschüsser.

„Tut was er sagt!“, keuchte McLaren rasselnd. „Er ist ein verdammter Schießhund. Das ist mir jetzt klar. Und es ist kein Zufall, dass er nach Tulsa will. - Noch ist nicht aller Tage Abend, Kincaid“, drohte er. „Wirf Mackensy das Geld, das er dir bezahlt, vor die Füße und reite dorthin zurück, wo du hergekommen bist. Hier hast du die Broken Arrow zum Feind, und die Broken Arrow wird dich zerschmettern.“

Jonathan zeigte sich unbeeindruckt. Er wartete, bis die Gurte mit den Colts und die Gewehre im Gras lagen. Die drei Cowboys saßen ab. Ihre Mienen waren Spiegelbild ihrer Empfindungen. Zwei von ihnen halfen McLaren auf die Beine. Jonathan holte seinen Stetson und stülpte ihn sich auf den Kopf. Der Grulla-Hengst hatte sich erhoben. Mit zitternden Flanken und rollenden Augen stand er da und schielte fast tückisch in die Runde.

„Dieser Mackensy bezahlt mich nicht“, betonte Jonathan noch einmal. Und barsch fügte er hinzu: „Haut ab, ihr Dummköpfe. Und nehmt meinen Rat mit auf den Weg: seht euch die Leute, denen ihr auf die Zehen treten wollt, das nächste Mal besser an. Nicht jeder ist so nachsichtig wie ich.“

Sie antworteten nichts mehr. Aber in den Augen eines jeden war ein stummes Versprechen zu lesen, lag die düstere Prophezeiung, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen. Sie wandten sich um und stapften davon. Jonathan ahnte, dass sie hinter dem nächsten Hügel warteten, bis er diesen Platz verlassen hatte, um sich ihre Waffen und Pferde zu holen. Er würde also öfter einmal hinter sich blicken müssen auf seinem Weg nach Tulsa.

Als sie über dem Scheitelpunkt einer Anhöhe verschwunden waren, kletterte er aufs Pferd und setzte seinen Weg fort.


*


Jonathans Vermutung traf nicht zu. Die vier Kerle, die er zurechtgestutzt hatte, folgten ihm nicht. Er ließ seinen Gedanken freien Lauf. Es waren wenig erfreuliche Gedanken. Es ging um Tulsa und seinen Stiefbruder, der in der Stadt Sheriff gewesen war und der auf offener Straße aus dem Hinterhalt ermordet wurde...

Jonathan erreichte Tulsa am späten Nachmittag. Tulsa war eine verhältnismäßig große Stadt. Sie lag an der Überlandstraße von St. Louis nach Albuquerque in New Mexiko und war neben Oklahoma City ein wirtschaftlicher Knotenpunkt des Territoriums. Wells & Fargo unterhielt in Tulsa eine Station, eine Nebenstrecke der Union Pacific Railway, die von Omaha herunter führte, endete hier.

Auf der breiten, staubigen Main Street herrschte reger Betrieb. Auf den Bohlengehsteigen hasteten, schoben und drängten die Menschen. Hunde bellten, spielende Kinder lärmten. Auf der Fahrbahn wuchsen die Schatten. Im Westen begann sich der Himmel blutrot zu färben. Rötlicher Schein legte sich auf das Land. Abgesehen von der Hektik der Stadt wirkte alles ruhig und friedlich.

Jonathan wurde kaum beachtet. Fremde kamen und gingen. Bei einem Tränketrog hielt Jonathan an. Er wusch sich das Gesicht, trocknete es mit seinem Halstuch ab, dann ließ er das Pferd trinken. Aufmerksam schaute Jonathan sich um. Dann sah er das Schild mit der Aufschrift ‘Livery Stable’. Die Buchstaben waren schon ziemlich verwaschen. Der Name des Besitzers, der darunter gepinselt worden war, lautete Jack Mackensy. Harte Linien kerbten sich in Jonathans Mundwinkel.

Das Pferd hatte seinen Durst gestillt. Jonathan zog es am Zügel hinter sich her auf das geöffnete Tor des Mietstalles zu. Im Hof standen einige Wagen. Leichte Buggys, aber auch schwere Fuhrwerke. Neben dem Stall gab es einen Korral, in dem sich fast zwei Dutzend Pferde tummelten. Das hohe Stalltor stand ebenfalls offen. Drinnen war es düster. In den Boxen stampften und schnaubten Pferde. Ein Stallmann schleppte gerade einen Ballen Stroh durch den festgestampften Mittelgang. Er warf ihn neben einer Box zu Boden, als Jonathan ihn anrief: „Hallo, Stall, gibt es noch einen Platz für mein Pferd?“

Der Stallbursche musterte Jonathan scharf, durchdringend und helläugig wie ein jagender Bussard, schätzte ihn ein und knurrte knapp: „Gewiss, Stranger.“ Er wies mit der linken Hand auf eine leere Box.

Jonathan übergab dem Mann die Zügel. „Versorgen Sie ihn gut. Und füttern Sie ihn nicht nur mit Heu, sondern geben Sie ihm Hafer.“

Der Help nickte. „Bleiben Sie länger?“, fragte er fast beiläufig.

Jonathan zuckte mit den Achseln. Er schnallte die Satteltaschen los und warf sie sich über die Schulter. Dann zog er die Winchester aus dem Scabbard. „Das kommt ganz darauf an“, murmelte er ausweichend.

Die Brauen des Stallmannes zuckten in die Höhe. „Worauf?“

„Ob ich hier einen Job finde.“

„Sie sind Texaner, nicht wahr?“

„Yeah.“

Der Stallmann maß Jonathan von oben bis unten. „Die Art, wie Sie den Colt tragen, lässt darauf schließen, dass Sie es verstehen, damit umzugehen, Mister. Wenn Sie einen Revolverjob suchen, dann sollten Sie mal bei Jack Mackensy anklopfen. Er sucht Leute Ihres Schlages.“

Die letzten Worte hatten fast geringschätzig und herablassend geklungen.

„Ist Mackensy nicht auch Ihr Boss?“

Der Stallbursche lachte sarkastisch auf. „Natürlich. Der Stall gehört Mackensy, und ich versorge hier die Gäule. Mackensy gehört noch eine ganze Menge mehr in dieser Stadt. Das größte Hotel, die Spielhalle, der Cristal Palace... Er bekleidet das Amt des Town Majors und hält überhaupt die Fäden in dieser Stadt in seinen Händen. Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn - und das kann sehr unangenehm werden.“

Der Stallmann schielte zum Tor, als fürchtete er einen unliebsamen Lauscher.

„Als ich von Süden heraufkam, ritt ich über Broken Arrow-Land“, erklärte Jonathan. „Vier Gentlemen stellten sich mir in den Weg und wollten mir heilige Mannesfurcht einjagen. Sie warnten mich, in Mackensys Sattel zu steigen. Mir scheint, die Leute von der Broken Arrow-Ranch sind nicht gut auf Mackensy zu sprechen. Und auch Sie sprechen nicht gerade mit Begeisterung von Ihrem Boss.“

„Ich arbeite für ihn, und er bezahlt mich“, sagte der Stallmann ausweichend. „Dass Mackensy und Jim Murphy von der Broken Arrow sich nicht freundlich gesonnen sind, rührt daher, dass Mackensy das Land zu beiden Seiten des Arkansas besiedeln möchte. Dagegen hat Murphy eine Menge einzuwenden. Er beansprucht das Weideland in dem Dreieck zwischen der Überlandstraße und dem Arkansas River für sich. Wenn sich am Fluss Heimstätter breitmachen, kann er einpacken. Es verläuft zwar weiter östlich noch ein kleinerer Creek, aber der trocknet in den heißen Sommern aus.“

„Das Land, auf dem Murphy sein Vieh stehen hat, gehört der Regierung, wie?“

„So ist es. Ich schätze, es wird hier bald Krieg geben. Immer mehr Burschen von Ihrer Sorte tauchen auf, Burschen von der schnellschießenden Gattung. Wir sitzen hier in Tulsa sozusagen auf einem Pulverfass, und die Lunte brennt bereits. Wenn der Zwist eskaliert, dann denke ich, bleibt kein Auge trocken.“

Grimmig verstummte der Stallmann und machte sich daran, die Sattelgurte zu lösen.

Lauernd sagte Jonathan: „In einer Stadt wie Tulsa muss es doch einen Sheriff geben. Sieht er tatenlos zu, wie sich hier eine wahrscheinlich blutige Auseinandersetzung anbahnt?“

Der Stallmann verzog den Mund. „Es gab mal einen Sheriff hier. Vor fünf Wochen wurde er am helllichten Tag auf der Main Street aus dem Hinterhalt niedergeknallt. Mackensy schiebt den Mord auf Murphy, Murphy schiebt ihn auf Mackensy.“

„Wem stand der Sheriff im Wege?“ Seltsam eindringlich fiel Jonathans Frage.

„Sowohl Murphy wie auch Mackensy. Lee Anderson behielt nämlich seine Neutralität. Er sorgte für Ruhe und Ordnung in der Stadt, er verschaffte dem Gesetz Geltung, und zwar ohne Ansehen der Person. Das war sein Todesurteil. Wer ihn ermordet hat, wird wohl niemals ans Licht kommen.“

„Gibt es keinen Nachfolger?“ fragte Jonathan.

„Wer ist schon verrückt genug, sich angesichts der drohenden Entwicklung den Stern anzustecken? Wer wahnsinnig genug ist, es dennoch zu tun, steht bereits mit einem Bein in der Grube.“

Jonathan versetzte dem Hengst einen leichten Schlag auf die Kruppe, wandte sich um und stakste zum Tor.

Nachdenklich blickte der Stallmann hinter ihm her.


*


Jonathan begab sich in einen kleinen Saloon, aß zu Abend, trank dazu ein Bier und beglich dann seine Rechnung. Das Wechselgeld ließ er dem Keeper. Er hielt den Mann am Ärmel zurück und fragte leise: „Wo finde ich das Haus John McAllisters?“

Die Brauen des Keepers zuckten überrascht in die Höhe. „Möchten Sie bei ihm wohnen?“, kam die Gegenfrage.

Jonathan schaltete schnell. „Ja. Seine Pension wurde mir empfohlen, für den Fall, dass ich einmal nach Tulsa komme.“

„Pension!“, lachte der Keeper verächtlich auf. „Sicher, er vermietet in seinem Haus Zimmer an Gäste, sonst müsste er verhungern. Kein Hund mehr in der Stadt nimmt noch ein Stück Brot von ihm, seit er sich öffentlich gegen den Town Major stellte und behauptete, dass Mackensy sein Amt missbrauche, um reich und mächtig zu werden. Sicherlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Mackensy ihn und seine Familie aus der Stadt jagt.“

„Das heißt, die Stadt duckt sich vor Mackensy“, knurrte Jonathan, zeigte aber sonst keine Reaktion.

Der Keeper hob die Schultern, wich Jonathans Blick aus, räusperte sich. „Wenn Sie länger bleiben möchten und Ärger vermeiden wollen, dann rate ich Ihnen, nicht bei McAllister abzusteigen, Mister“, sagte er mit verschwörerischem Gesichtsausdruck. „Es spricht sich nämlich schnell in Tulsa herum, wenn sich jemand mit einem Gegner Mackensys einlässt. Und es könnte auch Mackensys Gehör erreichen...“

Vielsagend und bedeutungsvoll brach der Keeper ab.

Jonathan machte eine wegwerfende Handbewegung. „Mackensy muss es schon mir überlassen, wo ich wohne. Also, wo finde ich McAllisters Haus?“

„Ich habe Sie gewarnt“, murmelte der Keeper, dann beschrieb er Jonathan den Weg.

Das Haus lag ziemlich am Ende einer Seitenstraße, die nach Norden aus der Stadt führte. Nicht weit davon entfernt war der Bahnhof. Es war jetzt ziemlich dunkel. Das glühende Rot über dem westlichen Horizont war verblasst. Einsam funkelte der Abendstern am Himmel. In den Häusern brannten die Lichter. Auch eines der Fenster von McAllisters Haus war erleuchtet. Die Vorhänge waren zugezogen. Ein Gartenzaun schloss das Grundstück zur Straße hin ab. Ein Schild an einem hohen Pfahl wies darauf hin, dass McAllister Zimmer vermietete.

Jonathan schritt über den Kiesweg zur Haustür und pochte einige Male dagegen.

„Wer ist da?“, klang es gleich darauf durch die Tür.

„Ich will ein Zimmer mieten!“, antwortete Jonathan.

Ein Riegel knirschte, die Tür wurde einen Spalt aufgezogen. Leise, aber dennoch deutlich vernehmbar, sagte Jonathan: „Mein Name ist Jonathan Kincaid. Machen Sie auf.“

Zischend stieß John McAllister die Luft durch die Nase aus. Dann zog er schnell die Tür auf. Laut gab er zu verstehen: „Wenn Sie ein Zimmer wollen, sind Sie bei mir richtig. Treten Sie näher, Stranger.“

Seine Stimme entfernte sich vom Haus, sickerte hinaus auf die Straße und versank in all den unbestimmbaren Geräuschen, die von der Main Street heranwehten.

Als Jonathan im Haus und die Tür wieder verriegelt war, stieß McAllister hervor: „Mein Brief hat Sie also erreicht. Sie haben sich Zeit gelassen, Kincaid. Ich befürchtete schon, das Schicksal Ihres Stiefbruders interessiert Sie nicht.“

„Ich erhielt den Brief erst vor zwei Wochen“, erwiderte Jonathan, „und ehe ich losreiten konnte, gab es noch einige Dinge zu regeln.“

„Es spielt auch keine Rolle“, murmelte McAllister. „Lee ist tot. Nichts mehr kann ihn lebendig machen. Hauptsache ist, dass Sie da sind, um seinen Mörder zu überführen und zur Rechenschaft zu ziehen.“

John McAllister nahm Jonathan die Satteltaschen und das Gewehr ab, deponierte die Dinge im Flur und geleitete Jonathan in die geräumige, gemütlich eingerichtete Wohnstube. Zwei Öllampen leuchteten den Raum bis in die Ecken aus. Mrs. McAllister saß in einem Sessel und blickte voller Erwartung auf die hohe Gestalt, die den Raum betrat. Vor ihr auf dem Tisch lag Strickzeug.

Carol McAllister, die Tochter Johns, hatte es sich im anderen Sessel bequem gemacht. Sie hatte in einem Buch gelesen. Jetzt legte sie es auf den Tisch und erhob sich langsam. Sie sah den Mann und wusste, dass Lees Stiefbruder gekommen war. In ihrem hübschen Gesicht arbeitete es. Ihre Atmung beschleunigte sich, Erregung hatte sie ergriffen.

„Jonathan?“, entrang es sich ihr fragend, mit zuckenden Lippen.

Ihre Blicke begegneten sich. Ihr Haar leuchtete im Licht wie reifer Weizen. Ihr Gesicht war schmal und gleichmäßig geschnitten. Jonathan nahm verlegen seinen Hut ab. „Ja“, murmelte er rau, „Jonathan Kincaid. Und Sie sind gewiss Carol, von der mir Lee schrieb.“

„Wir - wir wollten uns demnächst verloben“, erklärte Carol, und ihre Stimme klang belegt. Die Erinnerung übermannte sie und ihre Augen schwammen unvermittelt in seinem See aus Tränen.

„Setzen Sie sich, Jonathan“, sagte John McAllister rau und wies auf das Sofa. „Möchten Sie einen Drink?“

Jonathan lehnte dankend ab, begrüßte Mrs. McAllister, und ließ sich dann nieder. Auch Carol setzte sich wieder. John nahm neben Jonathan auf dem Sofa Platz.

„In Ihrem Brief stand nicht viel, John“, begann Jonathan. „Weshalb musste Lee sterben?“

„Weil er es ablehnte, für Jack Mackensy zu arbeiten“, kam es wie aus der Pistole geschossen. John McAllister machte eine kurze Pause, dann sprach er grimmig weiter: „Mackensy will diese Stadt beherrschen. Und nicht nur die Stadt. Er will die Macht in diesem Landstrich übernehmen. Dazu ist ihm jedes Mittel recht. Mackensy streckt seine schmutzigen Finger nach dem fruchtbaren Land südlich der Stadt zu beiden Seiten des Arkansas River aus. Dazu holt er mit allen möglichen Versprechungen Siedler ins Land und setzt sie Jim Murphy und der Broken Arrow-Ranch vor die Nase.“

„Was ist schlecht daran?“ Jonathan hatte sich vorgebeugt und stemmte die Arme auf seine Oberschenkel.

Carol beobachtete ihn aufmerksam. Es war als studierte sie jeden Zug in seinem Gesicht, als versuchte sie, darin zu lesen und seine geheimsten Gedanken zu ergründen und zu analysieren.

„Gegen die Besiedlung an sich wäre nichts einzuwenden“, sagte John McAllister. „Sie brächte der Stadt noch mehr Aufschwung, noch mehr Blüte. Doch darum geht es Mackensy nicht. Er benutzt die Farmer nur, um die Broken Arrow-Ranch fertig zu machen, bietet ihnen billige Kredite an und macht sie völlig von sich abhängig. Er spannt die Heimstätter vor seinen Karren. Eines Tages aber gräbt er ihnen unerbittlich das Wasser ab. Er wird sie zur Aufgabe zwingen und am Ende Herr über das Land hundert Meilen den Fluss hinunter sein.“

„Was bringt ihm das?“, fragte Jonathan.

„Es handelt sich um ausgesprochen fruchtbares Land. Es ist für die Besiedlung bestimmt und weder Mackensy noch Murphy können es käuflich erwerben. Um in den Besitz des Landes zu gelangen, muss Mackensy den Umweg über die gesetzmäßige Besiedlung gehen. Mackensy will auf Weizenanbau umsteigen, und zwar im ganz großen Stil. Der Weizen gedeiht hier wie sonst nirgends auf der Welt, denke ich. Und Mackensy wird damit ein Millionenvermögen scheffeln.“

„Woher haben Sie Ihr Wissen, John?“ Jonathan schaute skeptisch. Das alles klang ihm ziemlich fantastisch.

„Seinen Plan mit dem Weizengeschäft vertraute er Lee an, als er ihn für sich ködern wollte. Den Rest habe ich mir an fünf Fingern abgezählt. Es ist ganz einfach. Er lockt die Heimstätter mit dubiosen Kreditversprechungen her und garantiert ihnen die Abnahme ihrer Erzeugnisse. Was aber ist, wenn es keine Ernte gibt, weil die Mais- und Weizenfelder niedergebrannt werden, weil wildgewordene Rinder die Kartoffeläcker zertrampeln?“

„Dann sind die Siedler nicht in der Lage, die Hypotheken abzulösen und...“ Jonathan schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Ein Plan von teuflischer Perfektion!“, stöhnte er. „Bei Gott, Mackensy wird das Siedlungsland für ein Butterbrot zufallen, und wenn er es richtig nutzt, kann er einer der reichsten Männer der Vereinigten Staaten werden.“

„Genau das ist das Bestreben dieses skrupellosen Schuftes. Und weil Ihr Bruder nicht mitspielte, wurde er abserviert. Das ist die Art Mackensys, die Dinge zu regeln und seinen Willen durchzusetzen.“

„Also halten Sie Mackensy für den Mörder meines Bruders!“ Das kam nicht als Frage, sondern war eine glasklare, präzise Feststellung.

„Der Mörder ist ein anderer“, presste John zwischen den Zähnen hervor. „Den Auftrag für den Mord aber gab Mackensy.“

Die Bestimmtheit im Tonfall Johns verriet, wie sehr er von seinen Worten überzeugt war. Für ihn kam niemand anderes als Jack Mackensy für den Mord in Frage.

„Ich werde es herausfinden“, dehnte Jonathan und es klang wie ein Schwur. „Und ich werde demjenigen, der Lee auf dem Gewissen hat, eine höllische Rechnung präsentieren.“ Er lehnte sich zurück, schaute Carol an, dann Mrs. McAllister und schließlich blieb sein Blick wieder an John hängen. „Mackensy macht Ihnen Schwierigkeiten? Ich hörte, dass Sie sogar befürchten müssen, von ihm aus der Stadt getrieben zu werden.“

John McAllister schürzte die Lippen. „Ich habe versucht, seine schmutzigen Machenschaften anzuprangern, bin aber in dieser lausigen Stadt auf taube Ohren gestoßen. Mackensy setzt alles daran, mich fertig zu machen. Ich betrieb einen Store und musste ihn schließen, weil plötzlich die Kunden ausblieben. Jetzt vermiete ich Zimmer in meinem Haus. Damit ist kaum etwas verdient. Wer von den Fremden, die nach Tulsa kommen, verirrt sich schon in diese Seitenstraße? Weder in den Mietställen noch in der Poststation wird mein Haus empfohlen. Auf allen liegt der unheilvolle Schatten Mackensys. Es reicht hinten und vorne nicht, um über die Runden zu kommen. Wenn unsere Ersparnisse aufgebraucht sind, dann...“ John brach ab, seufzte ergeben und schloss voll Bitterkeit: „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Solange Mackensy in der Stadt den Ton angibt, kriege ich kein Bein mehr auf die Erde.“

„Gibt es noch mehr Männer in der Stadt, die ähnlich über Mackensy denken wie Sie, John?“, erkundigte sich Jonathan.

John lachte grimmig auf. „Ich weiß es nicht. Vielleicht. Ich war bisher der einzige, der seine Meinung über den Schurken laut äußerte.“ John McAllister starrte kurze Zeit versonnen vor sich hin, sein Gesicht hatte sich verkniffen und wirkte plötzlich um Jahre gealtert. „Es war ein Fehler. Das sehe ich jetzt ein. Es ist jedoch nicht mehr rückgängig zu machen.“ Er hob das Gesicht, blinzelte, und der grüblerisch-schwermütige Ausdruck in seinen Augen wich einer stählernen Härte. „Ich werde kämpfen müssen, um meinen Platz in Tulsa zu behaupten, Jonathan. Und ich bin bereit, mit dem Gewehr in den Händen an Ihre Seite zu treten, wenn Sie den Mörder Ihres Bruders zur Rechenschaft ziehen. Es wird nicht einfach sein für Sie, an Mackensy heranzukommen. In seinem Sold stehen ein ganzes Rudel Revolvermänner und Schläger. Sie müssten auch im Hinterkopf Augen haben...“

„Ich will Mackensy zunächst einmal ganz vorsichtig auf den Zahn fühlen“, erklärte Jonathan. „Und ich will auch Jim Murphy von der Broken Arrow-Ranch einen Blick unter den Hutrand werfen. Wenn ich alles richtig verstanden habe, dann stand mein Bruder auch ihm im Weg.“

John McAllister fixierte Jonathan, als hätte dieser etwas vollkommen Unsinniges, Verrücktes von sich gegeben. Seine Reaktion war die eines Mannes, der diese Vermutung in seinen kühnsten Gedanken noch nicht in Erwägung gezogen hatte.

Auch Carol, die bisher kein einziges Wort gesprochen hatte, schaute überrascht, ebenso ihre Mutter, schließlich entrang es sich Carol: „Jonathan hat recht, Dad. Murphy hat versprochen, die Siedler mit Pulver und Blei vom Arkansas River zu vertreiben. Lee hätte niemals zugelassen, dass der Rancher mit seiner raubeinigen Mannschaft das Gesetz selbst in die Hand nimmt, und wäre eingeschritten. Murphy musste in Lee also einen Gegner sehen. Das kann ihn auf die Idee gebracht haben, Lee aus dem Weg zu räumen.“

„Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, sinnierte John. „Aber es ist nicht von der Hand zu weisen.“ John kratzte sich am Kinn, hinter seiner Stirn arbeitete es fieberhaft. „Yeah, beim Henker. Lee war nicht nur für Mackensy unbequem. Er stellte auch für Murphy ein Hindernis dar. Denn wenn es hier zum Krach kommt, dann hält Murphy sich gewiss nicht an das Gesetz. Er will mit denselben Mitteln kämpfen wie Mackensy, ohne das Gesetz fürchten zu müssen. - Dennoch kann ich es mir nicht vorstellen.“

„Wie gedenken Sie vorzugehen, Jonathan?“, wollte Carol wissen.

Jonathan erwiderte ohne zu zögern: „In dieser Stadt ist der Job des Sheriffs frei. Ich werde mich beim Town Major darum bewerben. Und dann will ich weitersehen.“

Er löste mit seiner Eröffnung Verwirrung, Bestürzung und fassungsloses Erstaunen aus. Schließlich platzte es aus John heraus: „Damit springen Sie dem Teufel geradewegs in den Rachen, Jonathan!“

„Nur so kann man den Teufel aus der Reserve locken“, konterte Jonathan und grinste kantig.

„Sie werden nicht bei uns wohnen können!“, ließ sich zum ersten Mal Mrs. McAllister vernehmen, und es klang bedrückt.

Jonathan erhob sich. „Nein, das wird nicht möglich sein. Denn ich habe die Absicht, zunächst auf das höllische Spiel, das hier inszeniert wird, einzugehen.“ Er wandte sich John zu. „Ich quartiere mich in irgendeiner Absteige ein. Wir bleiben jedoch miteinander in Verbindung. Es darf nur nicht publik werden.“


*


Jonathan kehrte in den Saloon zurück, in dem er schon sein Abendessen eingenommen hatte. Zwischenzeitlich hatte sich eine ganze Reihe von Gästen eingefunden. Der typische Lärm schwappte Jonathan entgegen; Stimmengewirr, Gelächter, das Scharren von Stuhlbeinen, das Gegröle eines Burschen, der lautstark nach Brandy verlangte. Der Keeper hatte alle Hände voll zu tun. Das Licht der Laternen, die über den Tischen von der Decke hingen, umfloss die Anwesenden und warf ihre Schatten auf den Bretterboden.

Jonathan suchte sich einen Platz am Tresen. Er lehnte die Winchester dagegen und legte seine Satteltaschen auf die Dielen. Zu seiner Rechten standen drei Kerle, die ihm keine Beachtung schenkten und sich halblaut unterhielten. Der Keeper kam hinter den Schanktisch sah Jonathan und fragte: „Ist wohl nichts geworden mit dem Zimmer bei McAllister, wie?“

Jonathan winkte ab. „Nicht das richtige für mich. Kann man hier ein Zimmer mieten?“

Die drei neben Jonathan waren verstummt. Sie musterten ihn von der Seite.

Der Keeper nickte. „Sicher. Bleiben Sie länger?“

„Das wird sich zeigen.“ Jonathan bemerkte natürlich, dass er die Aufmerksamkeit des Trios neben sich erregt hatte, als der Name McAllister fiel. Er beugte sich etwas über den Schanktisch. „Ich bin auf Jobsuche. Wie sieht es aus hier in Tulsa? Hat ein Fremder eine Chance, einen gutbezahlten Job zu ergattern?“

„Es kommt ganz darauf an, was Sie können, Mister“, knurrte der Keeper und wandte sich einem Gast zu, der nach einem frischen Bier verlangte. Als er sich wieder Jonathan widmete, fragte er: „Was können Sie denn?“

Jonathan schürzte die Lippen. „Ein Handwerk habe ich leider nicht erlernt. Nun, ich habe beschlossen, einige Tage in Tulsa zu bleiben und mich umzusehen. Kann ich nun ein Zimmer haben?“

Der Keeper holte aus einer Schublade einen Schlüssel und gab ihn Jonathan. „Zimmer vier. Die Treppe hinauf, das letzte Zimmer rechts.“

Als Jonathan die Treppe hinaufstieg, presste einer der drei Männer am Tresen hervor: „Er war bei McAllister. Er kommt in diese Stadt und begibt sich sofort zu McAllister. Das kann doch kein Zufall sein. Oder hast du ihn zu McAllister geschickt, Howard?“

„Denkst du im Ernst, dass ich mich mit deinem Boss anlegen will, O’Donnel?“ fragte der Keeper respektlos.

„Was weißt du von diesem Fremden, Howard?“

Sie starrten den Keeper mit den Augen einer Schlange an, die ein Opfer hypnotisieren will.

„So gut wie gar nichts, außer, dass ihm empfohlen worden sein soll, bei McAllister abzusteigen, wenn er mal nach Tulsa kommen sollte.“

Howard, der Keeper wandte sich ab, als könnte er dem Druck, den ihre Blicke auf ihn ausübten, nicht länger standhalten.

Als Jonathan nach zwanzig Minuten in den Schankraum zurückkehrte, standen die drei nach wie vor an der Theke. Sie vermittelten den Anschein, als interessierten sie sich nicht für ihn. Tatsächlich aber beobachteten sie ihn scharf und aufmerksam.

Jonathan hatte sich gewaschen und ein frisches Hemd angezogen. Satteltaschen und Gewehr hatte er im Zimmer gelassen. Bei jedem seiner Schritte streifte sein Handgelenk den Griff des langläufigen 45ers, der tief an seinem Oberschenkel hing. Er durchquerte den Inn und trat in die Seitenstraße. Jonathan wandte sich zur Main Street, auf der die Lichter, die aus den Fenstern fielen, die Dunkelheit lichteten. Ehe er die Seitenstraße verließ, sah er über seine Schulter zurück.

Die drei Kerle folgten ihm.

Jonathan ahnte, dass es sich um Männer Jack Mackensys handelte. Er hatte ihr Misstrauen erregt. Es konnte ihm nur recht sein. Es schadete nichts, wenn er Jack Mackensy auf sich aufmerksam machte.

Er ging in den Cristal Palace, einen Nobelsaloon, zu dem eine Spielhöhle und eine Tanzhalle gehörten. Als Besitzer war auf einem großen Schild Jack Mackensy ausgewiesen. Aus der Tanzhalle drang laute Musik. Der Spielsaloon war durch eine Doppeltür vom Schankraum getrennt. Hübsche, junge Mädchen bedienten die Gäste. Sie geizten nicht mit ihren Reizen.

Bald, nachdem Jonathan an einem leeren Tisch Platz genommen hatte, tauchten seine Verfolger auf. Sie gingen zum Tresen. Jonathan beobachtete sie unauffällig. Sie stellten sich so, dass sie ihn im Auge hatten. Ein blondes Girl kam zu Jonathan und fragte ihn mit einem verführerischen Lächeln in den Mundwinkeln nach seinen Wünschen. Er bestellte sich ein Bier. Bis das Mädchen zurückkam, drehte er sich eine Zigarette und brannte sie an. Der bläuliche Rauch stieg vor seinem Gesicht in die Höhe und sammelte sich um die Lampe, wo er langsam zerflatterte. Jonathan trank einen Schluck. Er dachte nach, holte sich noch einmal alles, was er von John McAllister gehört hatte, ins Gedächtnis. Der Betrieb um ihn herum erreichte nur den Rand seines Bewusstseins. Um die drei Kerle beim Tresen kümmerte er sich nicht mehr. Er achtete auch nicht auf den Hufschlag, der von der Straße hereinsickerte. Erst, als die Türpendel auseinanderflogen und eine Gruppe Männer hereindrängte, wurde er aus seiner Versunkenheit gerissen.

Es waren Weidereiter. Es handelte sich um mehr als ein Dutzend. Schon die Art, wie sie hereinströmten, ließ vermuten, dass sie provozieren wollten. Rücksichtslos bahnten sie sich einen Platz am Tresen, mit polternder Stimme brüllte einer nach Brandy für alle.

Und den Mister mit der Polterstimme kannte Jonathan. Erst vor wenigen Stunden hatte er mit ihm das Vergnügen - draußen auf der Weide, auf dem Gebiet der Broken Arrow-Ranch.

Es war Cash McLaren, der vierschrötige, stiernackige Bursche, der gewiss nicht gut auf ihn zu sprechen war.

Die drei Kerle, die Jonathan in den Cristal Palace gefolgt waren, verzogen sich schnell. Einige spöttische Bemerkungen von Seiten der Weidereiter folgten ihnen, welche die drei allerdings ignorierten. Sie zogen die Köpfe ein wie geprügelte Straßenköter.

Jonathan war gespannt wie eine Feder. Die Erkenntnis, dass es ziemlich übel für ihn kommen konnte, legte sich sekundenlang auf sein Gemüt und krampfte seinen Magen zusammen. Er verdrängte diese Empfindung jedoch augenblicklich und zwang sich zu Gelassenheit.

Jetzt drehten sich einige der Weidereiter um. Auch Cash McLaren. Er hielt sein Glas in der Linken und schaute herausfordernd in die Runde. Da sah er Jonathan. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, zwischen denen es unvermittelt unheilvoll glitzerte. Seine Gestalt straffte sich, seine Züge nahmen einen bösen Ausdruck an. McLaren stellte das Glas hinter sich auf den Schanktisch und setzte sich ruckhaft in Bewegung.

Jonathan bereitete sich auf Verdruss vor. Er wurde kalt wie ein Eisblock.


*


Unter McLarens Gewicht ächzten die Fußbodendielen. Seine Arme pendelten locker von den massigen Schultern. Seine Kiefer mahlten.

Am Tresen knirschte einer der Weidereiter mit wildem Unterton: „Jetzt gibt’s Zunder, Leute. Das ist dieser Jonathan Kincaid, der uns am Nachmittag ziemlich übel mitgespielt hat. Diesmal fällt Cash gewiss nicht mehr auf seine hinterhältigen Tricks herein.“

Es war einer der Burschen, die dabei waren, als Cash McLaren bei dem Fremden auf Granit gebissen hatte. Mit einem Ruck trank er sein Glas leer. Währenddessen erreichte McLaren den Tisch, an dem Jonathan saß. Der Strom von Feindseligkeit, der von McLaren ausging, berührte Jonathan fast körperlich. McLaren stemmte die Arme in die Seiten, seine Stimme röhrte: „So sieht man sich wieder, Kincaid.“

„Ja, so ist das Leben“, versetzte Jonathan unbeeindruckt und furchtlos. „Und weil du diesmal ein Dutzend Männer dabei hast, die dir den Rücken stärken, fühlst du dich stark und unüberwindlich. Na schön. Du forderst sicherlich Revanche für die schmachvolle Niederlage vom Nachmittag. Guten Ratschlägen bist du ja nicht zugänglich.“

Jonathan erhob sich langsam. Seine Hände lagen auf dem Tisch. Ringsum waren die Gespräche verstummt. Nur noch die Musik aus der Tanzhalle erfüllte den Schankraum. Plötzlich aber brach auch sie ab. Das Klatschen der Tanzpaare, mit dem sie den Musikern applaudierten, brandete auf, dann war das Trampeln von Schritten zu hören, als die Tänzer ihre Partnerinnen zu den Tischen geleiteten, und schließlich trat eine gefährliche Stille ein.

McLaren legte den Kopf schief. Seine dünnen Lippen klafften auseinander, klirrend stieg es aus seiner Kehle: „Yeah, ich will Revanche. Und diesmal werde ich aufpassen, dass du nicht in deine Trickkiste greifen kannst. Ich schlage dich in tausend Stücke. Komm hervor hinter deinem Tisch, Kincaid. Oder willst du kneifen?“

„Du willst es also mit den Fäusten austragen?“

„Wie es sich unter richtigen Männern gehört.“ McLaren grinste überheblich, aber ohne jede Freundlichkeit.

Jonathan maß ihn mit einem schnellen Blick von oben bis unten. Sie hatten ungefähr dieselbe Größe und Reichweite. Allerdings wog McLaren gut und gerne fünfzig Pfund mehr als er. Und sicherlich verfügte er über die Kraft eines Bären. Sorgenvoll fragte Jonathan sich, ob dieser herkulische Mann im Faustkampf zu schlagen war.

Von seinen Zügen war nicht die geringste Gemütsregung abzulesen. Er verstand es meisterlich, seine Zweifel nicht zu zeigen. Er verließ sich auf seine Schnelligkeit und Wendigkeit. Brachiale Kraft alleine hatte noch selten einen Kampf entschieden, wenn sie nicht mit Verstand eingesetzt wurde.

Im Obergeschoss erklangen Schritte. McLaren nahm ein wenig den Kopf herum, schielte aber weiterhin tückisch auf Jonathan. Drei Männer erschienen auf der Treppe. Sie waren mit dunklen Anzügen und weißen Rüschenhemden bekleidet. Drei große, schlanke Burschen um die dreißig, deren Jackenschöße sich über den tiefsitzenden Colts bauschten und in deren Händen abgesägte Shotguns lagen, die sie auf die Cowboy-Mannschaft am Tresen gerichtet hielten.

Langsam, mit geschmeidigen Bewegungen, kamen sie die Treppe herunter. Unten blieben sie nebeneinander stehen. Jene Gäste, die sich zwischen ihnen und der Broken Arrow-Mannschaft befanden, beeilten sich, aus der Schusslinie zu gelangen. Für kurze Zeit entstand ein heilloses Durcheinander. Stühle kippten polternd um, einige Gläser klirrten zu Boden. Dann wurde es wieder still. Einer der drei Männer vor der Treppe rief brechend: „In diesem Saloon brichst du keinen Streit vom Zaun, McLaren. Sicher, es ist mir klar, ihr Kerle von der Broken Arrow würdet den Cristal Palace gerne in ein Schlachtfeld verwandeln. Und jeder Anlass, hier den Teufel aus dem Sack zu lassen, kommt euch sturen Kuhtreibern gerade recht. Aber da haben wir ein Wort mitzureden.“

Zornig stieß McLaren die Luft durch die Nase aus. „Nimm den Mund nur nicht so voll, Hamilton!“, bellte sein Organ. „Ihr werdet euch hüten, eure Bleistreuer abzudrücken. Also haltet euch heraus, wenn ich diesem Mister eine Lektion erteile, die er sein Leben lang nicht vergisst.“

„Was hat dir der Fremde getan, McLaren?“, fragte Hamilton fast sanft.

„Seit wann bin ich einem Hampelmann Mackensys Rechenschaft schuldig?“, spuckte McLaren böse und unbeherrscht hinaus.

„Der Hampelmann ist immerhin der Geschäftsführer dieses Etablissements“, versetzte Hamilton mit unerschütterlicher Ruhe, aber eisiger Kälte im Tonfall.

Äußerlich vermittelte er den Eindruck, als würde er die Beleidigung einfach schlucken. Aber das täuschte. Jonathan hatte diesen Mann auf den ersten Blick eingeschätzt. Es handelte sich um einen eisenharten, gnadenlosen und wahrscheinlich sogar skrupellosen Burschen, der von der Schnelligkeit seiner Colthand lebte.

McLaren lachte höhnisch auf. Er hatte die Arme sinken lassen, und seine Rechte hing dicht neben dem Colt. Die Situation spitzte sich zu, die Atmosphäre war plötzlich wie mit Elektrizität geladen. McLaren belauerte Hamilton und dessen Begleiter wie ein in die Enge gedrängtes Raubtier. Seine Hand neben dem Coltknauf öffnete und schloss sich. Rasselnd gab er zu verstehen: „Nicht mehr lange, Hamilton, nicht mehr lange bist du hier das Sprachrohr Mackensys. Wie wir hörten, sind die ersten Siedler mit ihrem Gerümpel in Anmarsch. In drei, vier Tagen treffen sie in Tulsa ein. Sie kommen gerade zur rechten Zeit, um mitzuerleben, wie wir mit euch Typen aufräumen werden. Das wird dem Squattervolk das Bleiben mit Sicherheit verleiden.“

„Danke für den Hinweis, McLaren“, sagte Hamilton mit klarer, präziser Stimme. „Wir werden uns auf euch einstellen. Doch nun solltet ihr bezahlen und verschwinden. Unruhestifter sind im Cristal Palace nicht willkommen. Das ist ein Hausverbot, McLaren. Ich warte genau drei Minuten.“

„Du solltest ihm gehorchen, McLaren“, knurrte Jonathan mit einem zynischen Unterton. „Er ist imstande, und spickt dir den dicken Hintern mit gehacktem Blei.“

Ein Knurren kämpfte sich in McLarens Brust hoch, brach aus seinem Mund, ähnlich dem wütenden Grollen einer zornigen Dogge. Und völlig überraschend stieß er sich ab. Den Tisch, der zwischen ihm und Jonathan war, schleuderte er fast spielerisch zur Seite. Mit einem fürchterlichen Schwinger wollte er Jonathan schon beim ersten Ansturm von den Beinen fegen. Seine überraschende Attacke ließ keine Reaktion von Seiten der drei Revolvermänner Mackensys zu. Die Broken Arrow-Reiter beim Schanktisch waren wie erstarrt. Ein erschrecktes Stöhnen ging durch den Saloon, in das sich der erregte Aufschrei eines der Mädchen mischte.

Jonathan reagierte instinktiv. Er tauchte ab, und die Faust McLarens pfiff über seinen Kopf hinweg. McLaren wurde von der Wucht seines Schlages halb herumgerissen, geriet ins Taumeln und hatte Mühe, sein Gleichgewicht zu bewahren.

Sofort kam Jonathan wieder hoch. Er machte einen halben Schritt auf McLaren zu und knallte ihm einen Haken auf die kurzen Rippen und ließ sofort die Linke fliegen, mit der er McLaren am Kinnwinkel erwischte. Einen Herzschlag lang hatte Jonathan das Gefühl, seine Handknochen zersplitterten unter der Wucht des Treffers.

Aber McLaren zeigte kaum Reaktion. Er schüttelte sich nur, ihm entrang sich ein abgerissenes Grunzen, und dann warf er sich mit ausgebreiteten Armen Jonathan entgegen, als wollte er ihn umschlingen und zerquetschen. Jonathan sprang zurück und entging der Umklammerung. Er hatte die Arme angewinkelt und die Fäuste gehoben. Wild mit den Armen schwingend folgte ihm McLaren. Ein einziger Treffer mit seinen Fäusten hätte ein Longhorn umgeworfen. Es war die blinde Wut, die ihn trieb. Er zwang Jonathan, immer weiter zurückzuweichen. Und er kam damit Jonathans Absicht entgegen, den Kampf nach draußen zu verlegen. Hier, zwischen Tischen und Stühlen, hatte er nicht die Bewegungsfreiheit, die er benötigte. Hier konnte er nicht frei agieren und fintieren, und es bestand die Gefahr, dass ihn McLaren irgendwo festnagelte. In einem blindwütigen Schlagabtausch mit dem schwergewichtigen Burschen aber würde er unweigerlich den Kürzeren ziehen.

Also näherte Jonathan sich der Tür, darauf bedacht, Hindernissen auszuweichen und nicht getroffen zu werden. Er stieß gegen einen Stuhl, stieß ihn mit dem Fuß zur Seite, spürte die Kante eines Tisches und glitt nach links. Und es gelang ihm, sich McLaren vom Leibe zu halten.

In McLarens Gesicht glitzerte Schweiß. Die Anstrengung hatte sein Gesicht gerötet. Sein hässliches Gesicht war eine Grimasse des Hasses und Vernichtungswillens, sein Atem ging stoßweise und rasselnd.

Und plötzlich spürte Jonathan die Tür im Rücken. Er drückte sie mit seinem Körper auf und sprang rückwärts ins Freie, schleuderte sich herum, überquerte mit zwei Sätzen den Vorbau und sprang in die Straße. Dort wartete er auf McLaren.


*


McLaren kam wie ein angeschossener Bisonbulle. Die Türflügel drohten aus den Angeln gerissen zu werden, als er sie nach außen stieß. Mit zwischen die Schultern gezogenem Kopf stürmte er über den Vorbau, und dann spritzte der Staub unter seinen Sohlen auseinander, als er zwei Schritte von Jonathan entfernt auf der Straße landete.

„Stell dich endlich!“, keuchte er zwischen zwei hechelnden Atemzügen. „Oder bist du zu feige?“

Die Gäste quollen auf den Vorbau. Unter sie mischten sich die Keeper und leichtgekleideten Bedienungen. Schreck und Entsetzen waren verflogen, sie wurden nur noch von der Sensationsgier getrieben. Eine eisige Stimme peitschte: „Rührt euch nicht von der Stelle und haltet die Hände von den Knäufen fern, sonst wird’s rau für euch!“

Einige derbe Flüche quittierten den unmissverständlichen Befehl. Jonathan war zufrieden. Hamilton und die beiden anderen Revolverschwinger Mackensys hielten die Broken Arrow-Crew in Schach und verhinderten, dass die Burschen sich einmischten.

McLaren begann ihn zu umrunden. Er belauerte ihn und suchte nach einer Blöße bei Jonathan. Seine blinde Wut schien kühler Überlegung gewichen zu sein. Er war jetzt bei weitem gefährlicher als in der Anfangsphase des Kampfes. McLaren zwang sich dazu, seinen - wenn auch ziemlich trägen - Verstand einzusetzen.

Jonathan drehte sich auf der Stelle. Und unvermittelt unternahm er einen Ausfallschritt. Seine Linke zuckte nach McLarens Kopf, und der Bursche riss unwillkürlich beide Fäuste zur Deckung hoch. Da bohrte sich ihm Jonathans Rechte in die Magengrube. In diesem Schlag lagen alle Empfindungen, die Jonathan beherrschten.

Ein wilder Schrei löste sich aus McLarens Mund. Sein Oberkörper krümmte sich noch vorn, genau in Jonathans hochgezogenen Schwinger hinein. Dieser knallharte Uppercut ließ den vierkantigen Kopf McLarens wieder hochsausen, und Jonathan schoss eine kerzengerade Rechte mitten in das Gesicht McLarens ab.

McLaren ächzte. Blut rann aus seiner Nase und aus der Platzwunde auf seiner Unterlippe. Einen Herzschlag lang wurde sein Blick glasig. Die Benommenheit nach den unerbittlichen Treffern ließ seinen Kopf von einer Seite auf die andere pendeln. Er war angeschlagen, die Flamme der Furcht, dass er diesen Kampf verlieren könnte, loderte in ihm empor. Und sie riss ihn aus der Betäubung.

Er stürzte sich Jonathan entgegen. Seine Fäuste wirbelten. Er kämpfte mit Kraft und Verbissenheit. Seine Zähne waren fest aufeinandergepresst, seine Lippen in der Anspannung verzogen. Er hatte die Umwelt vergessen. Nur der eine Gedanke beherrschte ihn: er wollte seinen Widersacher zertrümmern, in Fetzen reißen - ihn mit seinen Fäusten töten.

Sein Angriff kam wie eine Explosion. Doch Jonathan blieb in den Knien elastisch. Er federte zurück, zur Seite, duckte sich ab, tauchte unter McLarens Heumachern hinweg, und bald spürte McLaren, wie seine Arme ermüdeten. Der Rhythmus seiner Schwinger kam längst nicht mehr so rasend, und die Erkenntnis, dass er seinen Gegner noch kein einziges Mal ernstlich getroffen hatte, fraß sich in sein Gemüt wie ätzende Säure.

Er hielt inne und japste nach Luft. Im diffusen Licht auf der Straße sah er Jonathan, der zwei Schritte auf Distanz gegangen war. Und jetzt begann Jonathan, ihn zu umtänzeln. Er bewegte sich leichtfüßig und pantherhaft. Plötzlich schnellte er auf McLaren zu. Er warf sich mit der linken Schulter gegen den Leib des Schlägers und feuerte ihm gleichzeitig die geballte Faust ins Gesicht. McLaren stolperte rückwärts, ein Gurgeln quoll aus seinem Mund, mit letzter Willenskraft schickte er seine Rechte noch einmal auf die Reise, im nächsten Moment die Linke.

Und sie traf.

Jonathan, der dem ersten Schwinger ausweichen wollte, beugte sich genau in den Haken hinein. Er hatte das Gefühl, der Kopf würde ihm von den Schultern geschlagen. Er flog regelrecht zur Seite, Blitze zuckten vor seinen Augen, und die Welt schien sich um ihn herum zu drehen. Er wankte und spürte, wie seine Beine unter ihm nachgeben wollten. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen.

McLaren entging Jonathans momentane Schwäche nicht. Er wandte sich ihm schnell und wild zu. Wie durch Nebelschleier sah Jonathan ihn vor sich auftauchen. Mit einer einzigen, kraftvollen Bewegung, an der sein ganzer Körper beteiligt zu sein schien, rammte McLaren ihm das Knie von der Seite her gegen die Rippen. Es gab einen Laut, der an das Bersten einer Melone erinnerte.

Jonathan stöhnte mit weitaufgerissenem Mund. Der Atem entwich seinen Lungen wie einem Blasebalg. Er sah nur noch feurige Garben, und dann traf ihn McLaren mit aller Härte am Ohr. Sein Kopf wurde auf die linke Schulter gerissen, er sank auf die Knie und war in diesem Augenblick vollkommen orientierungslos, wusste nicht mehr, wo hinten oder vorne war.

„Ich zertrete dich wie ein lästiges Insekt!“, hechelte McLaren. Seine Stimme klang kratzend, seine Worte fielen abgehackt. Er war erschöpft und die Treffer, die er einstecken musste, zeigten Wirkung. Im Moment aber triumphierte er. Und er weidete sich an der Hilflosigkeit Jonathans, wollte seinen Triumph auskosten.

Damit aber verschaffte er Jonathan die Zeit, die er brauchte, um seine Benommenheit und die aufkommende Panik zu überwinden und neue Energien zu mobilisieren. Die Nebelschleier vor Jonathans Augen rissen. Verschwommen sah er McLaren einen Schritt vor sich. In seinem Schädel dröhnte und hämmerte es. In seinen Ohren rauschte das Blut, sein Puls raste.

Zwischenzeitlich hatten sich viele Neugierige auf der Straße eingefunden. Die Nachricht von dem Kampf musste durch die Saloons und anderen Vergnügungsbetriebe gegangen sein wie ein Lauffeuer. Die Gaffer standen Schulter an Schulter, drängten sich auf den Bohlengehsteigen und Vorbauten, schoben, stießen und traten sich gegenseitig auf die Füße.

„Ich werde anschließend jemand schicken, der deine Überreste zusammenfegt“, höhnte McLaren. „Und ich werde dafür sorgen, dass man sie an die Schweine verfüttert.“

Plötzlich sah Jonathan wieder klar. Sein Verstand funktionierte wieder. Seine Muskeln und Sehnen reagierten wieder auf die Signale, die sein Gehirn aussandte. Aus seiner knienden Haltung warf er sich nach vorn. Seine Hände erwischten McLarens Beine dicht über den Knöcheln. Mit einem kraftvollen Ruck riss Jonathan die Füße des Gegners vom Boden weg. McLaren war total überrumpelt. Sekundenlang schien er quer in der Luft zu hängen. Seine Arme ruderten haltsuchend, aber da war nichts, woran er sich klammern konnte. Der Länge nach krachte er auf den Rücken. Jonathan kämpfte sich hoch. „Gib es diesem Broken Arrow-Bastard anständig!“, hörte er jemand rufen.

McLaren rollte auf den Bauch und stemmte sich in die Höhe. Aber ehe er die Knie durchdrücken und sich zu seiner vollen Größe aufrichten konnte, landete Jonathan eine knochentrockene Doublette an seinem Kinn. McLarens Kopf flog in den Nacken. Er sank auf die Knie zurück, ein dumpfer Ton brach über seine Lippen, und als ihn Jonathans weit aus der Hüfte gezogener Schwinger genau auf den Punkt traf, kippte er hintenüber und blieb verkrümmt liegen.

McLaren war fertig. Er hob den Kopf, versuchte, sich noch einmal hochzurappeln, fiel aber kraftlos zurück. In seinem zerschlagenen, schweiß- und blutverschmierten und staubbedeckten Gesicht zuckten die Nerven.

Jonathans Arme schmerzten bis in die Schultergelenke. Er spürte schmerzhafte Verspannungen in seinen Händen, und nur langsam legte sich in ihm der Aufruhr seiner Empfindungen. Seine Atmung beruhigte sich, das Herz fand wieder zu seiner regulären Schlagfolge zurück.

„Dieser Kampf geht in die Annalen der Stadt ein!“, rief ein Mann voll Genugtuung und Anerkennung. „Endlich hat McLaren seinen Meister gefunden.“

Jonathan wischte sich über die Augen. Seine Rechte tastete nach dem Colt. Er steckte noch im Halfter. Steifbeinig stieg er die wenigen Stufen zum Vorbau hinauf. Respektvoll machte ihm die Menge Platz. Fast ehrfurchtsvolle Blicke trafen ihn. Er betrat den Inn und sah die Broken Arrow-Männer an der Theke stehen. Nach wie vor wurden sie von Steve Hamilton und seinen beiden Begleitern in Schach gehalten. Auch sie staunten Jonathan an wie ein Schaf mit zwei Köpfen. Es wollte einfach nicht in ihre Köpfe, dass dieser hagere Bursche, den sie für einen Gunslinger hielten aber nicht für einen Mann, der sich auch mit den Fäusten behaupten konnte, den als unschlagbar geltenden Cash McLaren so fürchterlich verprügelt hatte.

Mit angegriffener Stimme rief Jonathan: „Euer Freund liegt draußen im Dreck und schafft es wohl nicht, von alleine auf die Beine zu gelangen. Helft ihm. Setzt ihn auf sein Pferd und bringt ihn nach Hause. Zieht schon Leine, Leute.“

„Ja, verschwindet!“, stieß Steve Hamilton hart und unduldsam hervor. „Und bestellt eurem Boss, dass wir euch einen ziemlich heißen Empfang bereiten, falls ihr tatsächlich kommt, um die Stadt niederzureißen.“

Die Cowboys zahlten ihre Zeche und marschierten zum Ausgang. Ehe der letzte von ihnen den Saloon verließ, rief er rau über die Schulter zurück: „Ja, Hamilton, Jim Murphy lässt diese Stadt niederreißen, und ihr werdet es nicht aufhalten können. Murphy bringt alles in allem vierzig Reiter in den Sattel. Wenn er sie von der Leine lässt, kommen sie wie eine Naturgewalt über dieses Rattennest von einer Stadt.“

Dann war der letzte Broken Arrow-Reiter aus dem Schankraum. Hinter ihm schlugen die Batwings aus. Hohnvolle und schadenfrohe Bemerkungen wurden auf der Main Street laut. Es war ein regelrechter Spießrutenlauf für die Weidereiter, die nach Tulsa gekommen waren in der Absicht, für Verdruss zu sorgen. Jetzt zogen sie als schmählich geschlagenes Rudel wieder ab.


*


Jonathan ging zum Schanktisch. Er nahm eine der Flaschen, die da stand, und schenkte sich ein Glas halbvoll mit Brandy. Mit einem Zug trank er es leer. Die scharfe Flüssigkeit brannte wie Feuer in seiner Kehle und ließ ihn hüsteln, aber dann fühlte er, wie sich von seinem Magen aus Wärme in seinem Körper ausbreitete und wie neue Kraft in ihn hineinfloss.

Hamilton und die beiden anderen Männer, die ihm den Rücken freigehalten hatten, indem sie verhinderten, dass sich die Cowboys in den Kampf einmischten, kamen heran und Hamilton sagte mit deutlicher Anerkennung in der Stimme: „Alle Achtung, Mister. Ich hätte keine fünf Cent auf Sie gesetzt. Sie haben heute all den armen Burschen, die irgendwann an McLaren geraten sind und von ihm zerbrochen wurden, Genugtuung verschafft. Wirklich, Mister, meine Hochachtung. - Mein Name ist Steve Hamilton. Ich bin Mackensys Geschäftsführer in diesem Laden.“

Jonathan stellte sich vor. Er erfuhr auch die Namen der beiden anderen Kerle. Sie hießen Brad Barrow und Al Farrell. Hufschlag auf der Straße verkündete, dass die Broken Arrow-Mannschaft wegritt. Der Schankraum füllte sich wieder. Dort, wo ihn McLaren getroffen hatte, zeigte Jonathans Gesicht einen schwärzlichen Bluterguss, und die Stelle war angeschwollen. In der Tanzhalle setzte die Musik wieder ein. Die Tür zum Spielsaloon wurde geschlossen.

„Männer wie Sie könnte Mackensy brauchen, Kincaid“, erklärte Hamilton. „Wahrscheinlich haben Sie es schon mitgekriegt, dass Jim Murphy von der Broken Arrow verrückt spielen möchte. Er ist drauf und dran, einen Krieg zu entfachen, weil er sich gegen die Besiedlung des Landes zu beiden Seiten des Arkansas River zur Wehr setzt. Er will sich gegen Fortschritt und Entwicklung stemmen und pocht auf sein Gewohnheitsrecht.“

Aufmerksam und irgendwie erwartungsvoll fixierten die drei Jonathan. Dieser erwiderte: „Ja, ich suche einen Job. Ich hörte bei meiner Ankunft, dass die Stelle eines Sheriffs frei ist. Das wäre etwas für mich.“

Hamilton schaute ihn nach diesen Worten fast mitleidig an. „Ein Stern ist derzeit in diesem Landstrich nicht besonders erwünscht“, murmelte er schließlich. „Es sei denn...“ Abrupt brach er ab.

„Was?“ fragte Jonathan.

Hamiltons Lippen zogen sich in den Mundwinkeln nach unten. Fast flüsternd antwortete er: „Es sei denn, er stellt sich auf die richtige Seite.“

„Und wenn nicht?“

Hamilton lachte kehlig. „Dann wird er wie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben.“ Er schnippte mit den Fingern und grinste vielsagend.

Jonathan hatte diese Antwort erwartet. „Ich werde mich an den Town Major wenden“, gab er zu verstehen. „Und da ich weiß, dass das Stadtoberhaupt und Jack Mackensy identisch sind, wird er mir schon erklären, wo es hier langgeht.“

„Sie alleine haben Ihre Zukunft in dieser Town in der Hand“, bemerkte Hamilton, und es klang ernst. Sein Grinsen war erloschen. Er nickte Jonathan zu, machte kehrte, winkte seinen Begleitern und sie gingen zur Treppe. Sie schauten sich nicht mehr nach Jonathan um.

Eines der hübschen Girls hängte sich an Jonathans Arm. „Auf einen Burschen wie dich habe ich gewartet“, flötete es und schenkte ihm ein verführerisches Lächeln. „Bleib, bis...“

„Ein andermal vielleicht“, sagte Jonathan, tätschelte ihr die gepuderte Wange, machte sich sanft von ihr frei und verließ den Cristal Palace.

Draußen sog er die frische Luft gierig in seine strapazierten Lungen. Seine Linke tastete über die schmerzende Schwellung an seinem Kinn. Ohne jede Hast schlenderte er die Straße hinunter, dann bog er in die Seitenstraße ein, in der der Saloon lag, in dem er sich eingemietet hatte. Dunkelheit wogte in den Gassen und Durchlässen zwischen Häusern und Schuppen. Im sachten Nachtwind raschelten die Blätter der Büsche, die hier und dort wucherten.

Plötzlich wurde Jonathan aus einer der stockfinsteren Gassen angesprochen. „Sie haben sich ja prächtig eingeführt, Jonathan.“

Seine Hand zuckte zum Colt, er war halb herumgewirbelt und duckte sich, doch die Stimme klang in ihm nach und er erkannte sie. Sie gehörte John McAllister.

Ein Schemen schälte sich aus der Nacht, nahm Formen an, Jonathan entspannte sich und nahm die Hand vom Griff des Revolvers. „Man soll niemals einen Mann aus der Finsternis ansprechen, der sich kurz vorher die Feindschaft einer ganzen Reihe raubeiniger Kerle zugezogen hat“, stieß er schroffer hervor, als er es beabsichtigt hatte.

„Schon gut, schon gut“, besänftigte ihn John McAllister. „Ich will Sie auch nicht aufhalten, Jonathan. Es wäre auch nicht gut, wenn wir zusammen hier gesehen würden. Carol hat mir keine Ruhe gelassen. Sie ist voll Sorge um Sie. Aber ich kann sie beruhigen. Wie es aussieht, haben Sie den Kampf ziemlich unversehrt überstanden. - Morgen wird Mackensy Ihnen ein Angebot unterbreiten, Jonathan. Dessen bin ich mir sicher. Wenn Sie in seiner Nähe bleiben möchten, um Ihre Ermittlungen voranzutreiben, sollten Sie es annehmen.“

„Ich habe Mackensy bereits einen Köder hingeworfen“, berichtete Jonathan und sicherte nach allen Seiten. Es war seinen Plänen wohl tatsächlich nicht zuträglich, wenn er zusammen mit McAllister gesehen wurde. Mackensy hatte in dieser Stadt sicherlich überall seine Zuträger sitzen.

McAllister trat in die Finsternis zurück. „Alles Gute, Jonathan“, murmelte er und versank, als hätte es ihn nie gegeben.

Jonathan stapfte weiter. Er wollte jetzt nur noch schlafen. Der lange Ritt saß ihm noch in den Knochen. Der unerbittliche Fight mit Cash McLaren hatte ihm den Rest gegeben. Die Müdigkeit hatte ihn mit bleierner Schwere überfallen.


*


Jim Murphy war ein Mann Mitte fünfzig, wuchtig, von natürlicher Autorität und achtungsgebietend. Sein zerklüftetes, kantiges Gesicht verriet ein beträchtliches Maß an Härte, Energie und einem eisenharten Willen. Jetzt war Big Jim ausgesprochen wütend. Es war Mitternacht vorbei. Das Licht im Ranch Office warf düstere Schatten in sein scharfgeschnittenes Gesicht und vertiefte die Linien und Furchen. Sein weißes, straff zurückgekämmtes Haar gleißte wie Silber. Er stand hinter dem schweren Schreibtisch und stemmte sich schwer mit den Armen ab. Er grollte unheilverheißend: „Ich glaube, ich habe den falschen Mann zu meinem Vormann gemacht.

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