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Perfect Passion - Feurig

Über die Autorin

Jessica Clare lebt mit ihrem Mann in Texas. Ihre freie Zeit verbringt sie mit Schreiben, Lesen, Schreiben, Videospielen und noch mehr Schreiben. Sie veröffentlicht Bücher in den unterschiedlichsten Genres unter drei verschiedenen Namen. Als Jessica Clare schreibt sie erotische Liebesgeschichten. Ihre Serie PERFECT PASSION erschien auf den Bestseller-Listen der New York Times und der USA Today. Mehr Information unter: www.jillmyles.com

1

Das Timing von Griffin Verdis persönlichem Assistenten Schrägstrich Diener hätte nicht schlimmer sein können. »Was soll das heißen, du hast die Windpocken?«

»Es heißt genau das, was es heißt«, sagte Kip Rothwell ins Telefon und klang entsprechend betreten. »Der Arzt hat mir versichert, dass ich in zehn Tagen nicht mehr ansteckend bin. Seiner Meinung nach sollte ich so lange in ein Hotel gehen, da Sie jetzt auf gar keinen Fall krank werden dürfen.«

»Das kann nicht Ihr Ernst sein!«, erwiderte Griffin. »Sie sind zehn Tage lang ansteckend? Wir wollen morgen nach Bellissime. Ich kann nicht ohne meinen Assistenten reisen.«

»Das ist mir bewusst, Sir, aber ich kann leider nichts dagegen tun.«

Vor lauter Wut auf seinen langjährigen persönlichen Assistenten legte Griffin auf. Kip arbeitete jetzt seit zehn Jahren für Griffin, seit Griffin sich damals als Achtzehnjähriger entschieden hatte, in den Staaten zu studieren. Griffins Mutter hatte darauf bestanden, ihm einen Haufen Dienstboten an die Seite zu stellen, wie es sich für seinen Stand geziemte, doch bis auf Kip hatte er alle entlassen. Irgendjemand musste schließlich seine Kleidung aufhängen und ihn herumfahren.

Und jetzt, wo er seinen Assistenten am dringendsten brauchte, ließ dieser ihn im Stich.

Griffin starrte den Zeitschriftenstapel auf seinem mit Papieren überladenen Schreibtisch an. Unter einer Ausgabe von Scientific American und Archaeology Today lag ein Heft der Bellissime National News, die er importiert hatte. Das Time Magazine obendrauf machte mit derselben verdammten Schlagzeile auf.

COUNTDOWN ZUR HOCHZEIT DES JAHRHUNDERTS stand da in dicken Großbuchstaben. Darunter prangte ein Foto seiner Cousine, der Kronprinzessin Alexandra Olivia III., Herzogin von Beaulac und rechtmäßige Erbin des Throns von Bellissime, und ihres Verlobten, des Hollywood-Actionstars Luke Houston.

Ihre Königliche Hoheit heiratete nicht nur einen bürgerlichen Amerikaner, sondern überdies noch einen sehr berühmten, was wiederum bedeutete, dass sowohl die amerikanischen als auch die Zeitungen aus Bellissime ausgiebig über dieses Ereignis berichten würden.

Was ausgesprochen nervtötend war.

Da es sich bei dem bevorstehenden Event um die Hochzeit der Prinzessin von Bellissime handelte, war jeder Verdi, Griffin eingeschlossen, zu sämtlichen Feierlichkeiten eingeladen. Zwar konnte er sich der meisten seiner mit seinem Titel verbundenen Pflichten entziehen, da er der unbedeutende jüngere Sohn war und in den Staaten lebte, aber zu der Hochzeit musste er hingehen. Die Königsfamilie würde sich bis zum letzten, um mehrere Ecken entfernten Verwandten, der eigentlich etwas Besseres zu tun hatte, in Bellissime versammeln und Hoheit Alexandras Hochzeit feiern. Griffin rechnete damit, sich eine Woche lang erbärmlich zu fühlen, Paparazzi auszuweichen, für Fotos zu lächeln (er hasste es, fotografiert zu werden) und allen Prinzessinnen aus dem Weg zu gehen, die seine Mutter in seine Richtung dirigierte.

All das würde jetzt noch sehr viel schlimmer werden, da sein treuer Assistent und Reisegefährte nicht an seiner Seite war. Er brauchte jedoch einen Assistenten. Griffin konnte seine eigenen Termine nicht im Kopf behalten, außerdem ziemte es sich laut seiner Mutter für ein Mitglied des Königshauses nicht, sich um so etwas selbst zu kümmern. Hätte seine Mutter gewusst, dass sein einziger Assistent ihn soeben im Stich gelassen hatte, dann hätte sie sofort wieder ihre Bemühungen aufgenommen, ihm den Lebensstil aufzuzwingen, den er so sehr hasste. Seine Mutter, Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Sybilla-Louise, war der Ansicht, dass zu einem königlichen Lebensstil ein Gefolge gehörte, und sie hatte nie weniger als sechsundvierzig Angestellte.

Aber Griffin verabscheute diese Art zu leben. Solange er alles unter Kontrolle hatte, konnte er wunderbar in seinem kleinen, mit Büchern vollgestopften Stadthaus am Rande des Central Parks leben – nur zusammen mit Kip als seinem Assistenten und einer Putzfrau, die an den Wochenenden für Ordnung sorgte. Genau so gefiel ihm sein Leben. Er konnte es nicht ausstehen, wenn ihm jeder Handschlag abgenommen wurde oder er ständig Menschen um sich hatte. Außerdem hasste er es, wenn so viel Aufhebens um ihn gemacht wurde.

Wohingegen Griffins Mutter der Meinung war, dass genau das eine Königsfamilie erst ausmachte.

Verdammt.

Er musste eine Lösung finden, und zwar schnell. Seine Mutter würde ihn durchschauen, sobald sie auch nur einen Blick auf seine Krawatte warf. Saß diese auch nur ein kleines bisschen schief, würde sie sofort zu hyperventilieren beginnen und ihm mehrere Dienstboten aufzwingen. Das ist nicht standesgemäß, würde sie dann sagen. Sieh nur, wie du dein Leben ruinierst. Ihrer Ansicht nach wäre es sehr viel leichter, wenn er einen Adlatus, einen Diener, einen Fahrer und mehrere Dienstmädchen einstellte, und schon würde Griffin bei jedem Schritt über Menschen stolpern, die sich nützlich machen wollten. Er hätte überhaupt keine Ruhe mehr. Sein Loft wäre voller Zimmermädchen, Butler und … Er schauderte bei der Vorstellung.

Griffins Handy summte. Er griff rasch danach, weil er hoffte, Kip hätte ihm eine SMS geschickt, weil er nach dem Gespräch mit Griffin noch einmal mit dem Arzt gesprochen hatte und jetzt doch mitfliegen konnte. Weil er jetzt in Griffins Stadthaus zurückkehren würde und das alles ein riesiges Missverständnis war.

Sir, ich habe die Agentur angerufen und um eine Vertretung gebeten. Ich halte Sie auf dem Laufenden. Und ich habe eine Reihe von hochwertigen Clipkrawatten bestellt, die heute Nachmittag geliefert werden.

Großer Gott. Es gab nur eine Sache, die seine Mutter noch schlimmer finden würde als eine schief sitzende Krawatte: eine Clipkrawatte.

Er musste dringend etwas unternehmen.

***

»Ich bitte um die Einsätze, meine Herren.« Reese warf seine Spielchips in die Tischmitte. »Wir sollten mal in die Gänge kommen. Manche von uns wollen nicht die ganze Nacht hier verbringen.«

»Früher hat dich das nie gestört«, knurrte Jonathan und machte ebenfalls seinen Einsatz. »Hat dich die Ehe etwa zu einem alten Mann gemacht?«

»Nein«, erwiderte Reese amüsiert. »Ich bin nur begierig darauf, nach Hause zu kommen und meine Wildkatze zu sehen. Die Schwangerschaft regt die Hormone einer Frau unglaublich an, müsst ihr wissen.« Er wackelte suggestiv mit den Augenbrauen.

»Bitte erspar uns die Einzelheiten«, flehte Cade und schnitt eine Grimasse, während er seinen Einsatz in die Tischmitte schob. »Ich kenne Audrey von klein auf, und ich möchte wirklich nichts über ihre Hormone hören.«

»Bist du eifersüchtig?«, fragte Reese grinsend und stieß Griffin an, der auf seiner anderen Seite saß. »Bist du dabei, Kumpel?«

»Hm?« Griffin sah von seinem Handy auf, da er gerade mit gerunzelter Stirn Kips SMS gelesen hatte. Sie bestand aus zwei einfachen Worten: kein Glück. Verdammt noch mal! »Ich gehe mit.« Nur mit Mühe konnte er sich auf das Kartenspiel konzentrieren.

Logan machte ebenfalls seinen Einsatz und musterte Griffin mit irritierter Miene. »Ist alles okay?«

»Nur kleinere Familienprobleme«, erwiderte Griffin säuerlich und griff nach hinten, um die Cognacflasche vom Tisch mit den Getränken zu nehmen. Die anderen bevorzugten Whisky, aber er trank lieber etwas Sanfteres. Er machte sich nicht die Mühe, sich etwas einzuschenken, sondern schraubte nur die Flasche auf, wirbelte die Flüssigkeit darin herum und trank einen Schluck.

Jetzt zog Logan beide Augenbrauen hoch. »Ich bin mir ziemlich sicher«, begann er, »dass es so etwas wie ›kleinere‹ Familienprobleme nicht gibt. Zumindest nicht meiner Erfahrung nach. Geht es um Geld?«

»Wenn’s das doch nur wäre.« Könnte er seiner Familie ein paar Millionen Dollar zuwerfen, damit sie daraufhin verschwände, er würde es mit Freuden tun. Wieder trank Griffin einen Schluck Cognac und überlegte, ob Whisky nicht doch die bessere Entscheidung gewesen wäre.

Reese teilte die Karten aus. »Wo steckt Hunter heute eigentlich?«

»Gretchen sagte, er wäre unterwegs«, antwortete Logan achselzuckend. »Vermutlich steckt er im Verkehr fest.«

Jonathan nahm seine Karten in die Hand und warf Griffin einen neugierigen Blick zu. »Bist du nervös wegen der Ortsbegehung?«

»Welcher Ortsbegehung?«

»Bei der Ausgrabung, die wir finanzieren. In Spanien.« Jonathan schien überrascht, dass Griffin das vergessen hatte. »Wir wollten doch morgen früh hinfliegen und uns die Fortschritte ansehen. Du weißt doch, dass sie einen vielversprechenden Münzsatz gefunden haben.«

»Verdammt.« Daran hatte er gar nicht mehr gedacht. »Ich kann nicht mitkommen, ich muss zu dieser königlichen Hochzeit.«

Die anderen Männer stöhnten mitfühlend. »Mann, das wird vermutlich eine üble Tortur«, meinte Reese.

Griffin konnte ihm nur zustimmen.

Jonathan runzelte die Stirn. »Du lässt mich hängen, Mann? Aber ich …«

Die Tür am oberen Ende der Treppe wurde geöffnet, und die fünf Männer drehten sich um und hatten die Unterhaltung auf einen Schlag vergessen.

Hunter kam in einer dicken Jacke, mit einem Schal um den Hals und mit einer Packung Taschentücher in der Hand die Treppe herunter. Seine Nase war rot, seine Augen wirkten trübe, und die hässlichen Narben in seinem Gesicht traten deutlich hervor. Er nieste.

Direkt hinter Hunter kam seine Freundin Gretchen herein, die ein besorgtes Gesicht machte. »Brauchst du noch mehr Grippemedizin, Schatz?«

Sie sah aus, als wäre eigentlich sie die Kranke. Ihr leuchtend rotes Haar war zu einem zerzausten Knoten hochgebunden, und sie trug ein ausgebeultes Sweatshirt und eine Yogahose. Wäre er ihr auf der Straße begegnet, dann hätte sich Griffin gefragt, ob sie möglicherweise obdachlos war. Er konnte es noch immer nicht fassen, dass sich Hunter in sie verliebt hatte. Auf ihn wirkte sie ungemein … ungehobelt.

»Es geht mir gut«, erwiderte Hunter, der jedoch ganz und gar nicht so klang wie sonst. Seine Stimme war heiser und rau.

»Ja, ganz offensichtlich«, sagte Gretchen mit sarkastischem Unterton. Sie stapfte hinter ihm herein, wickelte ihren Schal vom Hals und zog die Jacke aus. »Hallo, Leute. Entschuldigt, dass wir spät dran sind.«

Griffin stöhnte in seine Karten. Das war nicht das erste Mal, dass Hunter seine vorlaute Freundin zu einem ihrer angeblich geheimen Treffen mitbrachte, und Griffin hatte sich jedes Mal darüber geärgert. »Ist das dein Ernst, Hunter? Hättest du nicht ohne sie herkommen können?«

Gretchen zeigte Griffin den Mittelfinger, während sie Hunter aus der Jacke half. »Er ist wirklich krank, du Arsch. Ich habe ihm gesagt, er soll im Bett bleiben, aber das wollte er nicht, daher habe ich ihn begleitet. Also halt einfach die Klappe.«

»Ganz großartig«, murmelte Griffin. »Eine Xanthippe hat mir an diesem Abend gerade noch gefehlt.«

»Das ist meine Schwägerin«, meinte Reese zu ihm. »Könntest du also bitte den Mund halten, bevor ich mir zu Hause deswegen noch was anhören muss?«

Griffin warf Reese einen eisigen Blick zu. »Nicht du auch noch! Bin ich denn hier der Einzige, der ein Problem damit hat, dass unsere ›Geheimgesellschaft‹ ganz und gar nicht mehr geheim ist?«

Jonathan musterte ihn mitfühlend und lächelte ihn über den Tisch hinweg an, aber Griff bemerkte, dass er ihm nicht mit Worten beistand. Dieser Feigling.

»Ja, ja, ich weiß«, sagte Gretchen, sah Griffin mit großen, unschuldigen Augen an und ließ Hunter auf dem einzigen freien Stuhl am Tisch Platz nehmen. »Warum hältst du nicht einfach die Klappe, damit ich mich um meinen Mann kümmern kann?«

Der Anstand gebot es Griffin, nichts darauf zu erwidern. Er beschränkte sich darauf, sie mit seinem besten kalten aristokratischen Blick anzustarren, doch seine Mühe hätte er sich sparen können, da Gretchen nur an Hunter herumhantierte, der das widerspruchslos geschehen ließ. Es war erbärmlich. Als Gretchen zufrieden war, setzte sie sich auf Hunters Schoß. »Und, was spielen wir?«

Griffin starrte sie an und wartete darauf, dass einer der anderen sie für ihre Dreistigkeit zurechtwies.

»Texas Hold ’Em«, antwortete Cade, der alte Schleimer, sofort.

»Cool«, meinte Gretchen, griff nach Hunters Chips und zappelte auf seinem Schoß herum. »Ich werde Hunter beim Spielen helfen.«

»Wieso, sind seine Hände etwa auch krank?«, wollte Jonathan mit leichtem Anflug von Humor in der Stimme wissen.

Gretchen wackelte drohend mit einem Finger in der Luft, und Hunter legte ihr einen Arm um die Taille und sah ganz zufrieden aus, als er sich die Nase mit einem Taschentuch abwischte. Es schien ihm zu gefallen, dass Gretchen da war.

Dieser Verräter.

Selbst Logan, der Kopf ihrer Gesellschaft, schien es nichts auszumachen, dass Gretchen mit ihnen am Tisch saß. Gut, sie hatte eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschrieben und versprochen, kein einziges Detail über ihre geheime Bruderschaft zu verraten, aber hier ging es doch ums Prinzip, oder nicht?

»Wir werden die geschäftlichen Dinge in dieser Woche weglassen«, erklärte Logan und zündete sich eine Zigarre an.

War ja klar. Dabei hatte er sich darauf gefreut, über die Geschäfte zu reden und so auf andere Gedanken zu kommen. Es machte fast den Anschein, als hätte sich gerade alles gegen ihn verschworen. Schweigend nahm er seine Karten in die Hand und ging mit Cades Einsatz mit.

»Ich gehe mit«, sagte Gretchen und schob ihre Chips vor. »Und ich erhöhe um den riesigen Stock, der in Griffins Arsch steckt.«

Griffin warf seine Karten auf den Tisch. »Jetzt reicht es aber. Das ist doch lächerlich!«

»Kinder, Kinder«, mischte sich Reese ein. »Beruhigt euch doch wieder.«

»Er hat angefangen«, meinte Gretchen schmollend. »Das liegt nur an seinem hochnäsigen Akzent. Alles, was er sagt, klingt zehn Mal so dämlich.«

Griffin starrte die gehässige Frau an. »Wenn dir mein Akzent nicht gefällt, kannst du gerne gehen. Ich wüsste ohnehin nicht, dass dich jemand eingeladen hätte.«

Hunter legte den Arm nur enger um Gretchens Taille und sah Griffin mit kaum merklichem Kopfschütteln an, als wollte er ihn warnen, bloß keinen Streit anzufangen. Großer Gott. Ein Mann verliebt sich, und schon übernimmt seine Frau das Kommando. Griffin schwor sich, dass ihm so etwas nie passieren würde.

Cade sah Griff über seine Karten hinweg an. »Ist alles okay? Du bist heute ziemlich schlecht gelaunt.«

Griffin rieb sich das Gesicht. »Es geht gerade irgendwie alles schief, wenn du es genau wissen willst.«

Logan knurrte als Reaktion darauf nur.

»Wo ist das Problem?«, hakte Jonathan nach. »Kann ich dir irgendwie helfen?«

»Nur, wenn du zufällig einen Assistenten hast, den du mir leihen kannst«, antwortete Griffin. Er legte die Karten wieder hin, die er gerade aufgehoben hatte, da er sich ohnehin nicht darauf konzentrieren konnte. »Mein Assistent Schrägstrich Diener ist krank und kann mindestens eine Woche lang nicht reisen, und ich fliege morgen Abend nach Bellissime zu diesem Zirkus, den sie aus Cousine Alexandras Hochzeit machen.«

Gretchen keuchte auf. »Meine Fresse. Prinzessin Alexandra von Bellissime ist deine Cousine?« Sie wedelte sich mit einer Hand Luft zu und schien ganz aufgeregt zu sein. »Das erklärt deine hochnäsige Art! Du gehörst zur Königsfamilie!«

Er kniff die Augen zusammen und musterte sie. In den Staaten erwähnte er seinen Titel nur selten, damit sich die Leute ihm gegenüber nicht unterlegen vorkamen, aber in diesem Moment war er sehr versucht, diese Karte auszuspielen. »Ich wüsste nicht, was das für einen Unterschied macht.«

»Diese Hochzeit ist eine Riesensache!«, rief Gretchen. »Und es ist ziemlich cool, dass du da eingeladen bist.«

»Abgesehen davon, dass Griffin in etwa so gern in Gesellschaft ist wie Hunter«, gab Jonathan zu bedenken und warf Griffin einen Blick zu. »Und dass es anderen Projekten in die Quere kommt.«

Verdammt. Griffin würde es wochenlang bereuen, diese Ausgrabung nicht gesehen zu haben, das war ihm jetzt schon klar. Er würde sich nach seiner Rückkehr natürlich alles ansehen, aber war nicht dasselbe, das wie bei der ersten Begehung dabei zu sein und mitzuerleben, wie alles lief.

»Es ist völlig unwichtig, ob ich hingehen möchte oder nicht«, sagte Griffin. »Auch wenn ich auf gar keinen Fall dorthin will. Aber wenn ich keinen Assistenten habe, muss ich auf die Dienstboten meiner Mutter zurückgreifen.« Auf einmal kam ihm sein Kragen viel zu eng vor, und er zerrte daran und an seiner Krawatte. »Daher brauche ich einen Assistenten.«

Die Männer stöhnten mitfühlend.

»Wieso? Was ist denn?«, erkundigte sich Gretchen neugierig.

»Seine Mutter ist ziemlich …«, begann Cade und schien dann nach dem passenden Wort zu suchen.

»Unangenehm«, fiel Hunter ein, der endlich die Sprache wiedergefunden hatte.

»Dieser Stock in Griffins Arsch? Ihre Königliche Hoheit Sybilla-Louise hat stattdessen einen ganzen Mammutbaum«, steuerte Jonathan bei.

Gretchen riss die Augen auf. »Heilige Scheiße.«

»Danke für diese freundliche Erinnerung, Männer«, sagte Griffin gereizt. »Sehr nett von euch, wirklich.« Er schwenkte wieder die Cognacflasche herum. Scheiß auf die Manieren, er brauchte das Brennen des Alkohols, und zwar eher früher als später.

»Tja«, meinte Gretchen mit süßlicher Stimme. »Hunter hat eine zusätzliche Assistentin im Büro, die er dir bestimmt ausleiht. Er ist ja sowieso krank und kann nicht arbeiten.«

Daraufhin bekam Hunter einen Hustenanfall. Er hob eine Hand, und Gretchen zog sie an ihre Taille, wobei sie ihr zuckersüßes Lächeln die ganze Zeit aufrechterhielt.

Griff musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. Warum wollte sie ihm auf einmal helfen? Gerade eben hatten sie sich doch noch über den Tisch hinweg angefaucht. »Wirklich?«

Gretchen nickte und hielt Hunters Arme fest, während er hustete. Der Mann schien wirklich ernsthaft krank zu sein. »Sie ist sehr süß und arbeitet hart. Ich schätze, dass sie auch derart kurzfristig bereit wäre, mit dir zu verreisen, wenn du sie gut bezahlst.«

»Ich brauche jemanden, der meinen übervollen Kalender für mich organisiert, während ich in Bellissime bin. Ich muss dort an sehr vielen wichtigen Events teilnehmen.«

»Das ist bestimmt kein Problem. Maylee ist sehr … dienstbeflissen. Und sie macht sich sehr viele Notizen.«

Griffin dachte darüber nach. Dann sah er Hunter an. »Und du hast nichts dagegen, dass ich sie mir für ein paar Wochen ausleihe?«

»Natürlich nicht«, stieß dieser zwischen zwei Hustenanfällen hervor.

Gretchen stieß ihn mit einem Ellbogen an. »Er ist krank und sollte eigentlich im Bett liegen«, stellte sie fest. »Daher wird er ganz bestimmt nicht arbeiten. Und wenn er Hilfe braucht, kann er sich immer noch auf mich verlassen.«

Griffin musterte Gretchens nicht gerade geschäftsmäßige Erscheinung. »Vermutlich.«

Ihr Lächeln wurde noch breiter. »Soll ich sie anrufen?«

Er dachte darüber nach. Eigentlich vertraute er Gretchen nicht besonders … aber Hunter würde niemals mit ineffizienten Angestellten zusammenarbeiten. Er hatte gesehen, wie der Haushalt des Mannes geführt wurde. Außerdem hatte er auch keine andere Option, wie er sich eingestehen musste. »Ich werde nachher noch mal mit Kip reden und sage dir dann Bescheid, ob ich ihre Dienste in Anspruch nehmen möchte.«

»Natürlich«, erwiderte Gretchen trällernd. »Sag mir einfach Bescheid. Ich kann es kaum erwarten.«

***

Diese ganze Maylee-Situation machte Gretchen schrecklich nervös. Sie war unruhig und sah alle paar Minuten auf Hunters Handy, um den Anruf ja mitzubekommen. Die Pokerrunde hatte sich früh aufgelöst, da sie keine Geschäfte besprechen konnten, solange Gretchen anwesend war, und Hunters Husten ohnehin alle ablenkte.

Eine Stunde, nachdem Hunter und Gretchen nach Hause gekommen waren, schickte Griffin Hunter eine SMS.

Anscheinend muss ich mir deine Assistentin doch ausleihen. Kann sie um 18 Uhr mit ihrem Pass am Flughafen sein, so viel Businesskleidung mitbringen, wie sie besitzt, und mit der Arbeit anfangen? Ich bezahle ihr das Doppelte von dem, was sie sonst bekommt.

Gretchen riss Hunter das Handy aus der Hand, zog seine Bettdecke hoch, las die Nachricht und kicherte amüsiert. »Oh Mann, das wird so gut. Ich wünschte, ich könnte sein Gesicht sehen, wenn du ihm Maylee schickst.«

Hunter schnitt zwischen den Hustenanfällen eine Grimasse. »Er wird mich umbringen, wenn er nach Hause kommt, Gretchen. Du weißt, dass sie Probleme mit der richtigen Etikette hat und dass Griff sehr großen Wert auf so etwas legt.«

»Maylee hat nicht die geringste Ahnung von Etikette«, stimmte ihm Gretchen zu. »Aber sie ist freundlich und ungemein süß. Das ist die perfekte Situation, weil sie so schrecklich in allem sein wird, aber auch zu nett, als dass er auch nur ein unfreundliches Wort zu ihr sagen kann. Dann wird er sie nicht mehr los.«

»Du hast Glück, dass ich dich liebe«, sagte Hunter. »Denn sonst könnte ich dich nicht vor seinem Zorn retten.«

Sie grinste ihn spitzbübisch an. »Dann darf ich sie anrufen? Darf ich? Bitte!«

Er nieste und wedelte mit einer Hand in der Luft herum. »Bring mir auf dem Rückweg einfach meine Medikamente mit.«

Wieder lachte Gretchen erfreut auf.

***

Maylee Meriweather sah sich gerade eine Folge Duck Dynasty auf ihrem kleinen Fernseher an, als ihr Telefon klingelte. Es war nicht ungewöhnlich, dass ein Familienmitglied zu dieser Uhrzeit noch anrief, denn so war ihre Familie nun einmal. »Hallo?«

»Maylee? Hier ist Gretchen Petty.«

Sie stellte ihre Popcornschüssel zur Seite und leckte sich die Finger ab. »Oh! Hallo, Miss Gretchen. Wie geht es Ihnen?« In ihrer Magengrube machte sich Angst breit. Wenn die Freundin des Chefs einen unter der Woche nach 21 Uhr anrief, dann … war das nicht gut. Vielleicht wollte sie ihr mitteilen, dass Mr Hunter sie nicht länger ertragen konnte und jetzt entließ. Das hätte sie nicht einmal überrascht, da Mr Hunter nie wirklich zufrieden mit ihr war, auch wenn sie sich stets die größte Mühe gab. Aber sie neigte nun mal dazu, Dinge zu vergessen.

»Gut, und Ihnen?«

»Mir auch!« Sie fügte nicht hinzu, dass sie sich »wohlfühlte wie ein Schweinchen im Schlamm«, weil sie das einmal zu Miss Gretchen gesagt und diese sie daraufhin mit weit aufgerissenen Augen angestarrt hatte. In der Großstadt sagte man so etwas offenbar nicht, wie sie gelernt hatte. Je länger sie in New York City lebte, desto härter arbeitete sie daran, ihre Ausdrucksweise anzupassen. Inzwischen war sie nur noch »größtenteils« ein Mädchen vom Land anstatt eines, das gerade erst vom Rübenlaster gefallen war.

»Tja, Maylee, der Grund für meinen Anruf …«

Maylee kniff die Augen zusammen und befürchtete das Schlimmste.

»… ist, dass Hunter und ich Sie um einen Gefallen bitten möchten. Haben Sie einen Pass?«

Sie runzelte die Stirn. »Das ist eine sehr merkwürdige Frage, Miss Gretchen, aber ja, ich habe einen Pass. Meine Mama sagt, dass man immer auf alles vorbereitet sein soll, daher habe ich mir einen Pass besorgt, bevor ich hierher in die große Stadt gezogen bin.« Sie war ziemlich stolz auf ihren Pass, da in ihrer Heimatstadt nur sehr wenige Leute einen hatten. Aber nur sehr wenige Einwohner ihrer Heimatstadt verließen jemals den Staat, geschweige denn das Land.

»Oh, das ist ja wunderbar«, meinte Gretchen, und Maylee hätte schwören können, dass die andere Frau ein Lachen unterdrückte. Miss Gretchen war ein fröhlicher Mensch und ständig am Lächeln oder Lachen. Maylee freute sich sehr darüber, dass sie jetzt mit Mr Hunter zusammen war, da dieser früher nur sehr wenig zu lachen gehabt hatte.

»Benötigen Sie noch mehr Papiere? Ich habe Kopien aller Akten dem Arbeitsamt …« Sie sprach nicht weiter. Benötigte man weitere Unterlagen, wenn man entlassen wurde? Sie biss sich auf einen Fingernagel und wurde ganz deprimiert. Schließlich hatte sie sich so große Mühe gegeben. Sie beschwerte sich nie über die langen Arbeitszeiten oder die Leute, die nicht nett zu ihr waren, sondern ertrug einfach alles. Dennoch war sie nicht gut genug, um für Mr Hunter zu arbeiten, vermutete sie. Er wollte jemanden mit besseren Umgangsformen, der keine Fragen stellte, aber das traf definitiv nicht auf Maylee zu. Gerade ihr Benehmen ließ doch häufig zu wünschen übrig.

»Nein, nein. Entschuldigen Sie, ich habe Ihnen gerade bestimmt einen Schreck eingejagt, nicht wahr?«

»Stimmt, nach diesem Anruf muss ich mir erst einmal ein frisches Höschen anziehen«, gab Maylee grinsend zu. »Aber das ist schon okay. Damit komme ich klar. Worum geht es denn eigentlich?«

»Ich möchte Sie in Hunters und meinem Namen um einen Gefallen bitten. Ein Freund von Hunter benötigt so schnell wie möglich einen Assistenten, weil seiner krank geworden ist und er auf eine sehr wichtige Reise gehen muss.«

»Oh.« Augenblick mal … Sie wurde nicht gefeuert? Gott sei Dank!

»Ja. Sein Name ist Griffin Verdi. Haben Sie schon mal von ihm gehört?«

»Ich glaube nicht, Miss Gretchen. Er klingt ein wenig wie eine Figur aus Harry Potter.« Maylee liebte die Harry-Potter-Bücher und hätte bestimmt zum Haus Hufflepuff gehört.

Jetzt kicherte Gretchen laut. »Das ist er leider nicht. Eigentlich kann man ihn eher als Arschloch bezeichnen. Aber er hat angeboten, Ihnen das Doppelte zu zahlen, wenn Sie ihn auf dieser Reise begleiten und als seine persönliche Sekretärin fungieren. Er braucht jemanden, der seine Termine verwaltet und sich um Organisatorisches kümmert, da er immer ein wenig geistesabwesend ist und man ihn Hunters Worten zufolge ohne einen Assistenten zu nichts gebrauchen kann.«

Maylee hatte nach den magischen Worten »das Doppelte« schon nicht mehr zugehört. Sie sah sich in ihrem kleinen, mit Secondhand-Möbeln zugestellten, schrankgroßen Apartment um und verschränkte auf der Matratze, die sie auf den Boden gelegt hatte und die als Bett diente, die Beine. Etwas mehr Geld konnte sie gut gebrauchen, allerdings hätte sie es nie gewagt, Mr Hunter um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Sie war keine Bettlerin, selbst wenn die New Yorker die Menschen vom Land als solche ansahen. »Dann ist er also ein Blödmann und braucht auf der Reise jemanden, der seine Hand hält? Das kriege ich hin, Miss Gretchen.«

»Das fasst es ganz gut zusammen«, erwiderte Gretchen amüsiert. »Ich wusste, dass Sie perfekt für diesen Job geeignet sind, als ich davon erfahren habe. Dann können Sie das also übernehmen? Sie müssen sich morgen mit ihm am Flughafen treffen.« Rasch teilte sie Maylee einige Details mit, die diese sich auf einen Notizzettel schrieb. »Ich kann Ihnen eine E-Mail mit allen Einzelheiten schicken, wenn Sie möchten«, fügte sie dann hinzu.

»Das wäre super, Miss Gretchen. Aber … sind Sie sich wirklich sicher, dass Sie mich dafür empfehlen wollen?«

»Oh ja, auf jeden Fall«, versicherte Gretchen ihr. »Ich habe sofort an Sie gedacht, als ich davon erfahren habe.«

»Wirklich?« Maylee runzelte die Stirn. »Warum?«

»Oh. Ähm, Sie sind jung und ungebunden, daher war ich der Ansicht, dass Sie auch so kurzfristig aufbrechen können. Da habe ich doch recht, oder nicht?«

»Ja.«

»Okay, großartig. Ich werde Griffin per SMS benachrichtigen, dass Sie den Job übernehmen. Er wird überglücklich sein. Packen Sie einfach Ihre normale Bürokleidung ein.«

Sie würde sich ein Taxi zum Flughafen nehmen müssen. Nein, lieber nicht. Taxis waren teuer. Vielleicht konnte sie ja auch mit der U-Bahn hinfahren. Das war deutlich billiger. »Darf ich erfahren, wo es hingeht, Miss Gretchen? Nach England? Oder Italien?« Oh, sie hatte schon immer gern nach Italien reisen wollen! Sie wurde immer aufgeregter. Doppelte Bezahlung und Urlaub? Das war ja wie Weihnachten. Wie nett von Miss Gretchen, dass sie sofort an sie gedacht hatte!

»In ein sehr kleines Land namens Bellissime, das an Italien und Frankreich grenzt. So ähnlich wie Monaco. Sagt Ihnen das was?«

»Ähm.« Maylee dachte kurz nach und steckte sich dann etwas Popcorn in den Mund. Geografie war nicht gerade eine ihrer Stärken. »Findet dort nicht diese königliche Hochzeit statt?« Sie las zwar nicht viele Klatschzeitungen, aber dieses Thema beherrschte momentan die Schlagzeilen. Eine hübsche blonde Prinzessin aus irgendeinem europäischen Land heiratete den Hollywoodschauspieler Luke Houston, der ein markantes Kinn und ein verträumtes Lächeln hatte und den man aus sehr vielen schlechten Filmen kannte. »Das ist so süß.«

»Ja, genau da geht es hin«, entgegnete Gretchen. »Griffin ist auf der Hochzeit eingeladen.« Maylee verschluckte sich und schnappte nach Luft.

»Wie bitte?«

»Königliche Hochzeit. Ganz große Sache. Ein Haufen hochnäsiger Arschlöcher, die ständig geknipst werden.«

Maylee hustete hilflos; das Stück Popcorn klebte noch immer in ihrer Kehle.

»O heiliger Jesus!«, keuchte sie, während ihr gleichzeitig wieder bewusst wurde, dass dies einer der Gründe war, aus denen sie Miss Gretchen so mochte. Diese Frau war definitiv bodenständig. »Und Sie wollen wirklich, dass ich da hinfahre?«

»Sie kommen schon klar«, versicherte Gretchen ihr mit schmeichelnder Stimme. »Das wird bestimmt lustig. Überlegen Sie nur, was Sie danach für Geschichten erzählen können! Und Sie bekommen auch noch das Doppelte Ihres normalen Gehalts! Alles, was Sie tun müssen, ist, dafür zu sorgen, dass Griffin immer rechtzeitig zu seinen Terminen kommt, und seine Anrufe entgegenzunehmen. Das wird ganz einfach.«

Und Miss Gretchen wollte, dass sie diesen Job bekam? Maylee strahlte, als ihr dieser Gedanke durch den Kopf schoss. »Dann sagen Sie Mr Griffin, dass er seine Assistentin gefunden hat.«

»Perfekt!« Gretchen schien sich wirklich zu freuen. »Ich schicke Ihnen eine E-Mail mit allen Einzelheiten. Vielen Dank, Maylee. Sie sind die Beste!«

Sie legten auf, und Maylee sprang sofort auf und hastete durch ihr winziges Apartment zu ihrem klapprigen alten Desktop-Computer. Sie konnte sich noch keinen Laptop leisten, und irgendjemand hatte ihr diesen tollen, wenn auch lauten Computer an einer Straßenecke verkauft. Nachdem er hochgefahren war, wählte sie sich in einen Hotspot ein und versuchte, im Internet so viel wie möglich über Bellissime herauszufinden.

Die Wikipedia-Seite war schon sehr faszinierend.

Bellissime ist eine der ältesten konstitutionellen Monarchien Europas. Das kleine bergige Land grenzt im Osten an Italien, im Westen an Frankreich, im Norden an die Schweiz und liegt in den Alpen. Die offizielle Landessprache ist Französisch, aber da die Monarchie seit dem Mittelalter enge Verbindungen zu Großbritannien hat, spricht der Großteil der Bevölkerung auch Englisch. Bellissime ist vor allem für drei Dinge bekannt: seine Monarchie, die Schokolade und die geringe Größe des Landes. Nur Monaco und der Vatikan sind noch kleiner.

Ein winziges Land in den Alpen mit einer Prinzessin, die eine Märchenhochzeit feierte? Und sie durfte hinfahren? Und wurde auch noch dafür bezahlt?

Maylee kniff sich einmal, um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte.

2

Heiliger Jesus«, hauchte Maylee, als der Zubringerwagen über die Startbahn auf den Jet zufuhr. Sie umklammerte die Taschen auf ihrem Schoß.

»Wir sind gleich da, Miss Meriweather«, sagte der Fahrer.

»Das ist ein ziemlich kleines Flugzeug, nicht wahr?« Es sah zumindest nicht sehr groß aus. Auch nicht sehr sicher. Sie war in einem sehr großen Flugzeug nach New York gekommen, das drei Sitzreihen nebeneinander und wer weiß wie viele hintereinander hatte. Dieses hier jedoch … Das war etwas ganz anderes.

»Das ist ein Privatjet, Madam«, erklärte der Fahrer, ein älterer Mann, der sich großartig zu amüsieren schien, während er ihre Reaktionen auf alles, was auf dem Flughafen zu sehen war, beobachtete. »Einige sind kleiner als andere. Dieser hier ist einer der größeren.«

Im Ernst? Sie starrte ihn mit offenem Mund an. »Dann sind wir die einzigen Passagiere?«

»Ja, Madam. Mr Verdi würde nie einen Linienflug nehmen.« Sie hätte schwören können, dass der Fahrer bei diesen Worten grinste.

»Oh. Okay.« Das hier war wirklich zu viel für sie. Maylee umklammerte ihr Gepäck noch fester, da sie das Ganze auf einmal überforderte.

Doppelter Lohn, sagte sie sich immer wieder. Doppelter Lohn. Gretchen war der Ansicht gewesen, dass sich Maylee perfekt für diesen Job eignete, und eigentlich tat sie Mr Griffin ja sogar einen Gefallen, indem sie ihn derart kurzfristig auf diese Reise begleitete. Das durfte sie nicht vergessen.

Er brauchte Maylee und nicht sie ihn. Also reckte Maylee das Kinn in die Luft und beschloss, diese Reise zu genießen. Sie hatte die Vereinigten Staaten noch nie verlassen, daher erwartete sie ein einmaliges Abenteuer.

Der Wagen hielt vor dem Jet, und eine Treppe auf Rädern wurde vor die Tür gerollt. Oben wartete bereits eine Stewardess. Der Fahrer nahm Maylee das Gepäck ab und runzelte ein wenig die Stirn, als er das knallrote Karomuster sah sowie die flatternden Bänder, die sie an die Griffe gebunden hatte. Er berührte eines davon. »Müssen Sie die hier sichern, Miss?«

»Oh nein«, erwiderte sie fröhlich. »Die habe ich nur angebracht, damit ich meine Sachen auf dem Gepäckband schneller finde.«

»Bei einem Privatjet gibt es kein Gepäckband«, erwiderte er und lächelte sie an. »Aber ansonsten ist das eine sehr gute Idee.«

Sie strahlte ihn an und freute sich über das Kompliment. »Ich kann den Koffer tragen. Sie müssen nicht die ganzen Stufen hochlaufen.«

»Das macht mir nichts aus. Es gehört zu meinem Job.«

»Sie sind so süß«, meinte sie, und der Mann grinste sie an. Ihre Mutter hatte ihr immer gesagt, dass man mit Honig mehr Fliegen fängt als mit Essig, daher war Maylee immer freundlich zu allen Angestellten. Verdammt, sie gehörte ja selbst dazu. Das waren ihre Kollegen. »Ich kann Ihnen gar nicht genug für die Fahrt hierher danken.«

»Ich mache nur meine Arbeit, Madam«, wiederholte er und bedeutete ihr, sie möge vor ihm die Stufen hinaufgehen.

Maylee drückte ihre Handtasche an ihre Brust, rückte den Rucksack auf ihrer Schulter zurecht und überließ dem Fahrer den Koffer. Sie war froh, dass sie die flachen Schuhe und ihr Kostüm angezogen hatte, weil die Treppe verdammt steil aussah. Gab es bei den meisten Flügen nicht so einen Tunnel, durch den man gehen musste, um ins Flugzeug zu gelangen? Sie vermutete allerdings, dass dieses winzige Flugzeug dafür einfach zu klein war.

In der Nähe stand eine weitere Stewardess und lächelte Maylee an. Sie trug einen dunklen Hosenanzug, der viel schicker aussah als alles, was Maylee besaß. Das blonde Haar der Frau war zu einer eleganten Frisur hochgesteckt, und sie trug viel mehr Make-up als Maylee. Dennoch sah sie wunderschön und wie ein Model aus. »Herzlich willkommen. Mr Verdi hat schon Platz genommen. Kann ich Ihnen etwas abnehmen?«

»Oh, das wäre wunderbar«, antwortete Maylee und nahm ihren Rucksack ab. »So ein nettes Angebot! Und Sie sind wirklich ungemein hübsch, muss ich sagen.« Das war keine Lüge, da die Frau einfach umwerfend aussah.

Sie nahm dieses Kompliment kichernd entgegen und schulterte Maylees Rucksack. »Vielen Dank. Folgen Sie mir bitte, dann zeige ich Ihnen Ihren Platz.«

Das Innere des Jets ähnelte in keiner Weise dem des Flugzeugs, mit dem Maylee zuletzt geflogen war. Damals hatte sie ganz hinten im Flieger gesessen, und der Flug war derart holprig gewesen, dass sie das Gefühl gehabt hatte, auf einem Bullen nach New York zu reiten. Immer wieder waren sie in Turbulenzen geraten, und danach hatte sie derart schlimme Albträume bekommen, dass sie sich vom Arzt für den nächsten Flug vorsichtshalber ein Beruhigungsmittel besorgt hatte, das sich jetzt in ihrer Handtasche befand. Zu allem Überfluss hatte sie auch noch den mittleren Sitz gehabt und den gesamten Flug zwischen zwei dicken Geschäftsmännern sitzen müssen, die dem Anschein nach höchst erbost darüber waren, dass jemand auf dem Mittelsitz saß. Als ob sie etwas dafür konnte!

Dieses Erlebnis wollte sie auf gar keinen Fall wiederholen. Ihre Flugangst war ihr auch an diesem Morgen beim Packen nicht aus dem Kopf gegangen, aber das Argument »Doppelter Lohn« hatte alle anderen überwogen. Sie hatte schließlich ihre Tabletten und würde schon klarkommen.

Die lächelnde Stewardess führte sie ins Flugzeuginnere. »Der erste Flug dauert acht Stunden bis Heathrow. Dort werden wir nachtanken und dann direkt nach Bellissime weiterfliegen.«

»Acht Stunden? Heiliger Jesus«, erwiderte Maylee. »Das ist ja länger als die erste Ehe meines Cousins Bobbie Joe.«

Die Stewardess kicherte. »Es ist wirklich ein langer Flug, aber dafür dauert der Anschlussflug nur vier Stunden. Und wir fliegen über Nacht, sodass Sie schlafen können.«

»Ach, ich bin viel zu aufgeregt, als dass ich schlafen könnte«, gestand Maylee. Dann trat die Stewardess zur Seite, sodass Maylee einen ersten Blick in den Privatjet werfen konnte. »Heiliger Jesus.«

Sie hatte das Gefühl, in einen Hollywoodfilm getreten zu sein.

Sanftes goldenes Licht erfüllte die Kabine, und die Decke war in einem dekorativen Muschelmuster gestaltet, sodass das Innere viel größer wirkte, als es eigentlich war. Hier gab es keine völlig überfüllten Deckenfächer, die die Klaustrophobie noch verstärkten. Stattdessen waren in die Decke weitere Lampen eingelassen, und der Boden war mit einem weichen, braunen Teppich mit hellem Muster ausgelegt. Die wenigen Sitze innerhalb der Kabine waren riesig und mit butterweichem Leder bezogen, und an jeder Wand waren ein hübscher Tisch sowie ein ausziehbarer Flachbildfernseher angebracht, sodass jeder Fluggast sein eigenes Programm ansehen konnte. Maylee zählte acht Sitze, und weiter hinten gab es noch eine Tür, die in einen Privatraum führen musste. In der Hauptkabine standen außerdem Blumen in kleinen Vasen auf den Tischen.

Hier sah es ja viel schöner aus als in ihrer Wohnung. Heiliger Jesus!

»Was denken Sie?« Die Stewardess lächelte sie an und konnte Maylee die Verwunderung anscheinend ansehen.

»Es ist so … mondän. Damit fliegen wir?« Um Himmels willen, man bezahlte sie, damit sie in diesem Jet mitflog? Und eine Reise nach Europa machte? Sie wusste wirklich nicht, womit sie dieses Glück verdient hatte, und konnte gar nicht mehr aufhören zu grinsen.

Die Stewardess lachte. »Das stimmt. Mr Verdi hält sich im hinteren Zimmer auf und möchte momentan nicht gestört werden.« Bei diesen Worten deutete sie auf die geschlossene Tür. »Ich werde Ihr Gepäck unterbringen und zeige Ihnen dann, wo Sie das Badezimmer finden. Suchen Sie sich einfach einen Platz aus.«

Maylee ging durch die geräumige Kabine und strich mit einer Hand über das seidige, glatte Leder jedes Sitzes, bevor sie sich für einen im hinteren Teil entschied. Sie war sich nicht ganz sicher, wo die Angestellten zu sitzen hatten, aber sie vermutete, dass es nicht der vordere Teil war. Schließlich war der Flug hinten doch immer holpriger, oder nicht? Zumindest war sie sich sicher, dass der Boss dort nicht sitzen wollte. Also ließ sich Maylee auf einem Sitz nieder und verschränkte die Hände im Schoß.

»Das hier ist kein normaler Flug«, teilte ihr die Stewardess mit. »Sagen Sie mir einfach Bescheid, wenn Sie irgendetwas brauchen.«

Maylee tätschelte ihre Handtasche, die auf dem Sitz neben ihrem lag. »Ich habe meine Paniktabletten dabei.«

Die Stewardess lachte und musterte sie mitfühlend. »Flugangst?«

»Eigentlich habe ich eher Angst vor einem Absturz«, gab Maylee zu. »Ich bin noch nicht oft geflogen und bekomme Herzrasen wie ein aufgescheuchtes Huhn.«

»Möchten Sie etwas trinken? Ich könnte Ihnen einen leckeren Cocktail zubereiten.«

Einen Cocktail? »Das wäre sehr nett von Ihnen.«

Die Frau zwinkerte Maylee zu. »Wie wäre es mit einem Mojito?«

Maylee hatte noch nie einen Mojito getrunken, wie konnte sie das Angebot da ausschlagen? »Sehr gern.« Sie öffnete ihre Handtasche. »Möchten Sie meinen Ausweis sehen?«

Wieder kicherte die Stewardess. »Das ist nicht nötig. Dies ist ein Privatflugzeug, und ich gehe davon aus, dass Sie alt genug sind.«

»Ich bin vierundzwanzig«, erklärte Maylee. Normalerweise musste sie immer ihren Ausweis vorzeigen, wenn sie etwas Alkoholisches trinken wollte. Das lag vermutlich an ihren albernen Locken, die sie sehr jung aussehen ließen, an ihrer mit Sommersprossen übersäten Stupsnase, die das Ganze auch nicht besser machte, sowie ihren runden Wangen, die den Eindruck noch verstärkten. Ohne Make-up sah sie immer aus wie ein Teenager.

»Ich bin Megan«, stellte sich die Stewardess vor und ging dann weg, wobei ihre Hüften in dem wundervollen Hosenanzug hin und her schwenkten. Maylee glättete ihr Polyesterkleid. Sie hatte es im Sonderangebot gekauft. Es hatte von oben bis unten Knöpfe an einem falschen Saum, und das Oberteil war am Rock festgenäht, sodass man alles mit einem Reißverschluss am Rücken verschloss. Zwar saß es nicht wirklich gut, aber es war preiswert gewesen, und sie konnte sich nun einmal nichts Besseres leisten. Daher hatte sie es an den weitesten Stellen mit Sicherheitsnadeln enger gemacht und musste nun mit dem Gesamteindruck leben. Da sie die Nadeln bei der Sicherheitskontrolle hatte herausnehmen müssen, saß das Kleidungsstück im Moment allerdings sehr locker.

Während sie auf ihren Drink wartete, ließ Maylee ihre Hände über die glatten Ledersitze wandern und spielte an den Knöpfen herum, die sie erreichen konnte. Mit einigen bediente man die Luftdüsen und die Lampen, und mit einem rief man die Stewardess, aber diesen Knopf drückte sie nicht. Sie entdeckte auch eine Steuerung für den Fernseher, Kopfhörer, die seitlich am Sitz in einer Tasche untergebracht waren, und ein schönes kleines Kissen mit dazu passender Decke, auf die sie zurückgreifen konnte. Das alles war sehr beeindruckend. Himmel, es war besser als die Ausstattung einiger Motelzimmer, in denen sie schon übernachtet hatte. Das Motel, in dem sie wohnte, als sie in New York auf Wohnungssuche gewesen war, hatte einen Wasserschaden an der Decke, und sie hatte sich das Bad mit allen anderen auf dem Flur teilen müssen.

Einige Minuten später kehrte Megan mit dem Drink zurück. »Bitte sehr.« Der Cocktail sah aus wie eine Sprite mit einigen durchgekauten grünen Blättern darin. Okay. Den Drink hatte sie sich dann doch weitaus glamouröser vorgestellt.

Maylee nahm das Glas. »Sie sind sehr freundlich. Vielen Dank.« Sie nippte daran und lächelte Megan an. »Wunderbar.« Das Getränk schmeckte wirklich sehr gut. Sie trank noch einen Schluck und lehnte sich zurück.

Die Minuten verstrichen, aber die Kabine blieb leer. Maylee versuchte, vor dem Start schnell ihr Glas auszutrinken, aber sie hatten es anscheinend nicht besonders eilig. Sie standen einfach nur da und warteten auf Mr Verdi. Maylee fischte einen Eiswürfel aus ihrem Glas und kaute darauf herum, um auch noch die letzten Überreste des Mojitos herauszulutschen.

Schließlich kehrte Megan zurück und nahm lächelnd Maylees Glas entgegen. Bevor Maylee protestieren konnte, hatte sie ihr auch schon einen zweiten Cocktail gebracht. Na gut, noch einer konnte ja nicht schaden. Schließlich schmeckte er dank der vielen Pfefferminze richtig gut. Das Flugzeug rollte über die Startbahn, als Maylee den ersten Schluck nahm, und sie trank große Schlucke, damit sie ihr Glas vor dem Abheben geleert hatte. Das machte man doch so, oder nicht?

Als sie den zweiten Mojito ausgetrunken hatte, fühlte sie sich etwas … schwummerig. Nicht wirklich betrunken, aber ein wenig benebelt und beschwipst. Das lag bestimmt daran, dass sie so schnell getrunken hatte. Das Flugzeug hielt wieder an, und erneut warteten sie.

Maylee sah aus dem Fenster. Sie konnte nur den Nachthimmel und die Lichter entlang der Startbahn erkennen. Warum hoben sie denn nicht ab?

Die Stewardess schwebte erneut vorbei, und Maylee sah, wie sie zur Tür ging und anklopfte. »Wir sind startbereit, wenn Sie es sind, Mr Verdi.« Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern kehrte zu Maylee zurück und lächelte sie an. »Noch etwas zu trinken?«

»Nein, danke«, erwiderte Maylee. »Lieber nicht. Trotzdem vielen Dank.«

Megan nahm das Glas vom Tisch. »Schnallen Sie sich bitte an. Wir starten, sobald Mr Verdi seine Besprechung beendet hat.«

Maylee fummelte an ihrem Sicherheitsgurt herum, legte ihn um ihre Taille und zog ihn fest. Nach und nach machte sich Nervosität in ihrer Magengrube breit. Sie würde gleich dem reichen Mr Verdi begegnen, und dann würden sie losfliegen – und beides machte sie sehr nervös. Dazu noch die beiden Cocktails – sie hatte Angst, sich übergeben zu müssen.

Es war Zeit für ihre Pillen.

Sie holte das Döschen aus ihrer Handtasche und sah auf das Etikett, da sie nicht genau wusste, wie viele Tabletten sie nehmen musste. Eine oder zwei? Da klebte ein knallgelber Aufkleber, auf dem stand: »Nicht zusammen mit Alkohol einnehmen«, aber dafür war es jetzt etwas zu spät, nicht wahr? Rasch warf sie sich eine Tablette in den Mund und schluckte sie herunter.

Fünf Minuten später fühlte sie sich gut.

So richtig entspannt.

Locker.

Ganz gelassen und wunderbar.

Hmmmmmmm.

Durch einen sanften Nebel beobachtete sie, wie sich Megan am anderen Ende der Kabine anschnallte, und dann warteten sie beide darauf, dass Mr Verdi auftauchte. Maylee blinzelte langsam, und das war eigentlich ganz witzig, daher tat sie es erneut und beobachtete, wie sich ihre Wimpern bewegten.

Wow. Wer hätte gedacht, dass Wimpern so interessant sind?

»Es könnte noch einige Minuten dauern«, meinte Megan. »Kann ich Ihnen noch etwas bringen?«

Maylee strahlte sie an und reckte einen Daumen in die Luft. Aber einer schien ihre gute Stimmung bei Weitem nicht adäquat auszudrücken, daher hielt sie auch noch den zweiten hoch. »Es geht mir großartig. Ganz großartig.«

Dann wackelte sie mit den Daumen und strahlte die Frau an.

Das Lächeln der Stewardess verblasste ein wenig. »Ähm. Okay. Sagen Sie mir einfach Bescheid, wenn Sie noch etwas brauchen.«

Maylee überlegte kurz, was ihr aufgrund der Tablette und des Alkohols nicht gerade leichtfiel. »Strickzeug«, sagte sie dann.

»Wie bitte? Ich glaube, ich habe Sie nicht richtig verstanden.«

Maylee wedelte mit den Händen – genauso, wie es ein Kind tun würde – und sagte: »Die langweilen sich.«

»Sie langweilen sich?« Megan sah sie irritiert an.

»Ja. Und mein Strickzeug ist in meinem Koffer.« Maylee verzog enttäuscht das Gesicht. »Es ist bestimmt sehr einsam.« Sie starrte auf ihre Hände herab. »Ich wette, es vermisst sie.«

»Ihr Koffer ist gleich da vorne«, erwiderte Megan, deren Miene immer noch höchst irritiert wirkte. »Möchten Sie es herausholen?«

»Oh, das wäre fein.« Maylee stand auf – zumindest versuchte sie es. Aber sie war noch immer angeschnallt, sodass sie auf den Sitz zurückfiel. Sofort begann sie, heftig zu kichern. »Upsie.«

»Ich kann es Ihnen bringen«, schlug Megan vor.

»Das wäre auch fein«, entgegnete Maylee mit trägem Grinsen. »Es ist in der Seitentasche.« Mann, in Privatflugzeugen war es wirklich angenehm. Hier gefiel es ihr.

Einen Augenblick später reichte Megan ihr das Strickzeug, und Maylee stieß ein zufriedenes Glucksen aus. Einfach perfekt. Jetzt konnte sie den ganzen Weg bis Bellissime stricken. Vielleicht strickte sie ja eine Mütze für ihren neuen Arbeitgeber. Würde ihm das wohl gefallen? »Jeder mag Mützen«, murmelte sie und setzte die Stricknadeln in Bewegung.

***

»Wenn du die Gelegenheit hast, vorher zu verschwinden«, sagte Jonathan gerade am Telefon zu Griffin, »dann solltest du auf jeden Fall nach Spanien kommen. Sie haben einige interessante Tonscherben an einer Stelle entdeckt, und es gibt einige weitere, an denen sie auch gerne graben würden, doch dafür müssen wir erst die Genehmigungen besorgen und die Finanzierung sichern, daher wird hier ohne dich ohnehin nicht mehr viel passieren.«

Verdammt! Er wäre so gerne dort. »Ich werde einfach ein paar Wochen warten müssen. Wenn ich meine Familie und die Krone nicht beleidigen und brüskieren will, kann ich unmöglich früher verschwinden.«

»Ich beneide dich kein bisschen«, meinte Jonathan. »Aber ich lade heute Abend die Fotos hoch, dann kannst du dir wenigstens ansehen, was sie mir hier alles gezeigt haben. Sie sagen, dass die Ausgrabungen wegen des sumpfigen Bodens nur langsam vorangehen, aber meiner Meinung nach macht das die Sache noch spannender.«

»Können wir sicher sein, dass es sich um Atlantis und nicht nur um Tarshish handelt?«

»Ich weiß es nicht. Der Projektleiter Doktor DeWitt sagt, er hätte etwas Bedeutendes entdeckt, aber da du der Kostenträger bist, will er mir erst mehr verraten, wenn du ebenfalls hier bist.«

Das erfüllte Griffin dann doch mit Zufriedenheit, auch wenn er sofort Gewissensbisse bekam. Jonathan war einer seiner besten Freunde und vertrauenswürdig, aber dieses Projekt war nun einmal Griffins Baby. »Verstehe. Ich werde wie gesagt erst in ein paar Wochen hinkommen können.«

»Cadiz ist nicht so weit von Bellissime entfernt, oder? Kannst du dich nicht einfach ins Flugzeug setzen und mal für einen Tag rüberkommen?«

»Du hast keine Ahnung, wie ein Terminkalender während einer königlichen Hochzeit aussieht, oder?«, fragte Griffin schlicht.

»Nein, natürlich nicht.«

»Ich kann von Glück reden, wenn ich mal eine Stunde für mich habe.«

»Verdammt, das klingt echt anstrengend.«

Das war es auch. Aus genau diesem Grund machte Griffin am liebsten keinerlei Aufhebens, wenn er alleine war, und zog die Einsamkeit vor. Darum hatte er auch nur einen Assistenten und nicht sechsundvierzig Angestellte wie seine Mutter.

Es klopfte leise an die Tür. »Wir sind startbereit, wenn Sie es sind, Mr Verdi«, sagte die Stewardess.

Griffin ignorierte sie und unterhielt sich noch einige Minuten lang mit Jonathan. Er war verdammt neidisch auf seinen Freund, weil der einige Wochen lang in den Sumpfgebieten in Spanien die Ausgrabungen beaufsichtigen konnte, während Griffin in steifen Anzügen herumlaufen, Babys küssen und sich achthundert Mal am Tag fotografieren lassen musste.

Reese hätte Viscount Montagne Verdi sein sollen und nicht Griffin. Reese liebte den Umgang mit anderen Menschen, während Griffin sie nur mit Mühe und Not tolerierte.

Als er das Unausweichliche nicht länger aufschieben konnte, beendete Griffin den Anruf, klappte seinen Laptop zu und verließ seinen Privatraum. Er nickte der Stewardess zu, die am anderen Ende der Kabine saß, nahm auf seinem Sitz Platz und rieb sich über das Gesicht. Auf das, was ihm bevorstand, freute er sich so sehr wie auf einen Besuch beim Zahnarzt oder eine Vasektomie. Oder eine Darmspiegelung. Er ging im Kopf eine Liste mit schrecklichen Dingen durch, die seiner Meinung nach erträglicher waren als eine königliche Hochzeit, die eine ganze Woche dauern würde.

Dann legte er den Gurt an, schloss die Augen und lehnte sich zurück. Das Flugzeug rollte an. Griffin hielt die Augen geschlossen und entspannte sich, während sie abhoben und das Dröhnen der Motoren alles bis auf seine Gedanken übertönte. Schließlich wurde es wieder ruhiger, und auf einmal bemerkte Griffin noch ein anderes Geräusch.

Ein Klappern.

Er runzelte die Stirn und öffnete gerade rechtzeitig die Augen, um zu sehen, wie die Stewardess näher kam. »Kann ich Ihnen etwas bringen, Mr Verdi?«

»Nein, danke«, antwortete er und schüttelte den Kopf.

Sie nickte und verschwand wieder, und das Klappern setzte erneut ein. Er sah nach links, aber da war nichts. Schließlich drehte er sich um.

Und erstarrte.

Was in aller Welt …?

Hinter ihm saß eine Frau. Eine Blondine. Und sie strickte.

Das war … seltsam.

Das musste Hunters Assistentin sein. Gretchen hatte ihm am Vorabend per SMS mitgeteilt, dass die Frau ihn direkt im Flugzeug treffen würde, aber er war derart auf seine Misere fixiert gewesen, dass er alles andere ausgeblendet hatte. Schließlich ging ja alles seinen Gang.

Aber das hier irritierte ihn schon.

Diese Frau sah schlimm aus. Ihr Haar war ein unordentlicher Haufen weißblonder Korkenzieherlocken, die ihren Kopf wie ein zerzauster Heiligenschein umgaben und kaum auf ihre ...

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