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Perdido - Im Bann des Vampirjägers

Über den Autor

Rob Stevens ist Pilot bei British Airways. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Bücher schreibt er meistens, wenn er beruflich unterwegs ist. In den Hotelzimmern findet er alles, was er zum Schreiben braucht: Ruhe, Papier und Gratis-Kugelschreiber.

Rob Stevens

Perdido

Im Bann des Vampirjägers

Aus dem Englischen
von Katharina Orgaß und Gerald Jung

BASTEI ENTERTAINMENT

Prolog

Marcello schlich geduckt, die Schultern an die kalte Wand gedrückt, durch den schummrigen Flur. Dabei hielt er den Blick fest auf das Ende des Ganges gerichtet, wo eine hoch aufragende, vermummte Gestalt vor einer wuchtigen Tür Wache hielt. Im Schutz des Halbdunkels wagte sich Marcello bis auf Armeslänge an den nichts ahnenden Posten heran, ließ sich auf ein Knie nieder und wartete.

Er war fest überzeugt, dass sich das Gesuchte hinter der Tür befand, und er würde nicht eher fortgehen, bis er sich mit eigenen Augen davon überzeugt hatte. Über eine Stunde lang verharrten sowohl Marcello als auch der Wachposten in völliger Reglosigkeit. Marcello vernahm keinen Laut, hörte nur das Blut in seinen Ohren rauschen, bis auf einmal …

»Barbarus!«

Die barsche Stimme kam aus dem Raum hinter der Tür. Der Posten fuhr zusammen und stieß einen ärgerlichen Laut aus, weshalb er nicht hörte, dass Marcello erschrocken nach Luft rang.

»Ja, Herr?«

»Komm unverzüglich her!«

Der Posten rührte sich nicht vom Fleck und legte fragend die bleiche Stirn in Falten.

»Das bedeutet sofort, du Dummkopf!«

»Sag das doch gleich«, brummelte der Posten gedämpft und verdrehte die roten Augen. Laut antwortete er: »Sehr wohl, Herr!«

Die massive Tür quietschte in den Angeln, als der Posten sie aufdrückte, den dahinterliegenden Raum betrat und die Tür hinter sich zuwarf. Marcello ergriff die Gelegenheit beim Schopf, hastete hinterher und stellte seinen Tornister in den Spalt, bevor sich die Tür ganz schloss. Dann spähte er mit angehaltenem Atem durch den Spalt.

Die wenigen Wandfackeln erleuchteten den Raum nur spärlich und warfen flackernde Schatten an die hohe, gewölbte Decke. Es war kaum heller als draußen im Flur. Mitten im Raum ruhte auf einem hohen Granitsockel ein Steinsarkophag, in den fremdartige Schriftzeichen eingemeißelt waren. An der gegenüberliegenden Wand stand ein hochlehniger Sessel. Außer dem Posten war kein Mensch zu sehen.

Marcello beobachtete den Mann gespannt.

»Guten Abend, Exzellenz«, grüßte der Posten. »Habt Ihr ausgeschlafen?«

Daraufhin setzte sich in dem offenen Sarg jemand auf. Marcello schlug die Hand vor den Mund, damit man nicht hörte, wie er abermals nach Luft rang.

»Ja. Danke der Nachfrage. Wie spät ist es?«

»Fast Mitternacht.«

Wie der Posten war auch die Gestalt im Sarkophag in einen schwarzen Umhang gehüllt. Der hohe Kragen verdeckte das Gesicht, das Marcello sein Profil zuwandte, nahezu vollständig. Der obere Teil des Kopfes, der kaum über den Kragen hinausragte, war mit kurzem schwarzen Fell bewachsen und mit zwei flauschigen schwarzen Ohren ausgestattet. Am Ende der schwarzen Schnauze sah man gerade noch eine blanke schwarze Nase aufblinken.

»Ich habe Durst!«, blaffte das Scheusal. »Hol mir was zu trinken! Und wehe dir, es ist nicht frisch gepresst!«

»Sehr wohl, Herr Graf!«

»Ich brauche dir ja wohl nicht zu erzählen, was mit deinem Vorgänger passiert ist, der mir heimlich ein Glas im Keller gezapft hat.«

Um der Warnung Nachdruck zu verleihen, griff das Scheusal beim Reden in den Sarkophag, holte ein Schwert heraus und schwenkte es in den schwarzen Pranken. Trotz der schlechten Beleuchtung konnte Marcello erkennen, dass der Schwertknauf aus einem einzigen riesigen Diamanten geschnitten war.

Diesmal war deutlich zu vernehmen, wie er nach Luft schnappte.

Er wartete nicht ab, ob ihn die beiden gehört hatten. Er griff sich seinen Tornister und rannte zur Wendeltreppe am anderen Flurende.

Als er aus dem Schloss ins Freie stürmte, hinterließ er im frisch gefallenen Schnee tiefe Fußstapfen. Bestimmt waren ihm die Verfolger bereits auf den Fersen. Er rannte am Ufer des zugefrorenen Sees entlang und drehte sich erst um, als er die gegenüberliegende Seite erreicht hatte.

Er sah niemanden.

»Ganz ruhig, Marcello«, sprach er sich im Flüsterton Mut zu. »Die Luft ist rein.«

Um wieder zu Atem zu kommen, kniete er sich kurz hin. Die Kälte stach ihm bei jedem Luftholen in die Brust. Er schaute über den See zum Schlosstor hinüber und versuchte zu begreifen, was seine jüngste Entdeckung zu bedeuten hatte, aber er war so aufgeregt und der Schreck saß ihm immer noch derart in den Gliedern, dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Schon seit vielen Jahren waren immer wieder einmal Abenteurer auf die Suche nach dem Schwert gegangen, aber keiner hatte es je entdeckt – zumindest war keiner von einer solchen Unternehmung zurückgekehrt.

Rasch nahm er einen Schluck Wasser aus dem ledernen Trinkbeutel, stöpselte ihn wieder zu und hängte ihn um. Dann holte er eine Landkarte und einen Stift aus dem Tornister, faltete die Karte auf und kritzelte drauflos.

»Scheißkälte!«, schimpfte er, auch wenn ihm bewusst war, dass seine Hände nicht deswegen zitterten.

Er faltete die Karte wieder zusammen, steckte sie weg und stand auf. Im Laufschritt hielt er auf den schmalen Pfad zu, der hinauf zur Hügelkuppe führte. Der pralle Trinkbeutel schlug ihm bei jedem Schritt rhythmisch gegen die Hüfte wie ein stetig schlagendes Herz.

Marcello war oben auf dem Hügel angekommen und wähnte sich bereits in Sicherheit, glaubte schon, auf dem Rückweg nach Lovdiv könne ihm nichts mehr passieren, da packte ihn jäh und unerwartet eine eiskalte Angst. Er fuhr herum und erkannte sofort, dass er verloren war.

»Ciao, Signor Blanco.« Er rang sich ein schiefes Lächeln ab. »Ich hab nichts Böses gemacht. Hab dem Schloss nur einen kurzen Besuch abgestattet.«

Doch der Wachposten packte ihn blitzschnell mit beiden Händen am Kragen und hob ihn hoch.

»Niemand stattet diesem Schloss einen Besuch ab!«, knurrte er.

»Wenn alle Besucher so empfangen werden, wundert mich das nicht«, entgegnete Marcello heiser.

»Du bleibst jetzt hier.«

»Ich würde furchtbar gern zum Abendessen bleiben«, gab Marcello mit zittriger Stimme zurück, »aber ich habe leider schon etwas anderes vor. Vielleicht ein andermal … sagen wir, wenn die Hölle zugefroren ist?«

Auf den bleichen Schläfen des Postens zeichneten sich kleine blaue Adern ab. Er packte fester zu und drückte Marcello die Luft ab.

»Es heißt, dass euresgleichen ziemlich hässlich ist«, krächzte Marcello trotzig, »aber das stimmt nicht. Ihr seid abstoßend hässlich.«

»Was unsere Grausamkeit betrifft, sind die Gerüchte jedenfalls nicht übertrieben.«

»Aha … gut zu wissen! Was wollen Sie denn nun eigentlich von mir?«

»Mein Herr hat Durst.«

»Sagen Sie das doch gleich. Hier ist mein Wasserbeutel, bedienen Sie sich!«

»Haha.« Der Posten verzog die blauschwarzen Lippen zu einem boshaften Grinsen.

Marcello spürte seine Lebenskräfte schwinden. Er streifte den Tornister ab und schleuderte ihn weit fort. Der Tornister segelte lautlos durch die Luft und über den zerklüfteten Rand des Abgrunds. Der Schulterriemen flatterte wie eine Papierschlange im Wind, dann war der Tornister nicht mehr zu sehen. Mit letzter Kraft schlug und trat Marcello um sich, doch schon wurden seine Arme schlaff, seine Beine baumelten in der Luft und sein Herz hörte auf zu schlagen.

1. Kapitel

Hugo Bailey stand am Kai und wartete darauf, dass das nächste Schiff Segel setzte. Eigentlich sollte er die Stadtpläne verkaufen, die sein Onkel Walter als Andenken für Reisende anfertigte, aber er hatte den Tag hauptsächlich damit zugebracht, sehnsüchtig aufs Meer hinauszuschauen.

»Das hier segelt bestimmt nach Indien«, sagte er halblaut vor sich hin. Eine leichte Brise zauste ihm den widerspenstigen Blondschopf.

Er stellte sich vor, wie er an der Reling stand und wie das Schiff über die Wogen des Ozeans hüpfte, von den geblähten Segeln in Richtung ferner, unbekannter Länder befördert. Als jetzt ein Matrose mit einer schweren Kiste auf der Schulter auf das Fallreep des Schoners zustapfte, fasste sich Hugo ein Herz und sprach ihn an.

»Entschuldigung, Sir.« Der sommersprossige Junge strahlte den Seebären zahnlückig an. »Wo soll’s denn hingehen? In ein aufregendes fernes Land wie Afrika oder Ostindien?«

Der Mann blieb stehen und drehte sich zu Hugo um. Die Kiste drückte gegen seine Wange, und er erwiderte lachend: »Noch viel aufregender!«

Hugo riss gespannt die blauen Augen auf.

»Unsere Mannschaft geht auf die Suche nach ’ner untergegangenen Kultur … wie heißt sie doch gleich? Ach ja, Grimsby!«

Damit drehte er sich um und marschierte kichernd und unter seiner Last schwankend das Fallreep hoch. Hugo verdrehte belustigt die Augen.

Ganz in der Nähe hatten sich sechs graubraune Mäuse um ein paar aufgestapelte Holzfässchen versammelt. In ihrer Mitte stand ein weißer Mäuserich mit einem schwarzen Streifen von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel auf den Hinterbeinen.

Der Mäuserich fiel nicht nur durch seine Fellzeichnung, sondern auch durch seine ungewöhnlich großen, rosafarbenen, unbehaarten Ohren auf. Aber das Ungewöhnlichste an ihm war, dass er seinen Artgenossen eine Ansprache hielt.

»… und dann, ohne dass ich auch nur einen Augenblick um mein eigenes Leben gefürchtet hätte, bin ich dem Büffeloger auf den Kopf geklettert und hab ihm eins über die Rübe gezogen!« Zur Veranschaulichung hieb er mit der geballten Pfote in die Luft. »Ihr müsst euch vorstellen, dass das Ungeheuer fast vier Meter groß war! Aber Körpergröße ist eben nicht alles. Jedenfalls ist das Vieh umgekippt wie ein nasser Sack.«

Der weiße Mäuserich blickte in die Runde. Zwölf schwarze Knopfaugen waren unverwandt auf ihn gerichtet.

»Muss ich noch deutlicher werden? Das Vieh war riesengroß! Ein echtes Scheusal!«

Sechs Schnäuzchen zuckten gespannt.

»Ich meine, das hört man doch schon am Namen: ›Büffel-Oger‹! Ihr wisst ja wohl, dass ein Oger ein grausamer, gefräßiger Riese ist, oder?«

Keine Antwort.

»Soll heißen, wenn ich einen fürchterlichen Büffeloger besiegen kann, braucht ihr euch ja wohl nicht vor Ratten zu fürchten. Und vor Katzen auch nicht. Noch Fragen?«

»…«

»Keine Fragen? Überhaupt keine?«

»…«

»Euch hat’s wohl die Sprache verschlagen, wie?«

Eine Maus scharrte mit dem Pfötchen auf dem Boden.

»Na schön, Jungs. War wirklich nett, sich mit euch zu unterhalten, aber ich muss jetzt weiter. Und nicht vergessen: bloß keine Bange vor Katzen. Im Grunde ihres Herzens sind das alles liebe kleine Miezekätzchen.«

Er legte die Ohren an und flitzte los.

Eine Frau kreischte: »Iiihhh – eine Ratte!«

Hugo beobachtete belustigt, wie die Leute nacheinander die Köpfe drehten, aufschrien und beiseitesprangen. Der kleine Nager kam auf Hugo zugetrippelt, huschte an der Kniebundhose des Jungen hoch und schlüpfte in seine Wamstasche.

Einige der Umstehenden sahen Hugo mit finsteren Mienen nach, als er sich umdrehte und davonschlenderte. Nachdem er sich weit genug von der Menge entfernt hatte, hielt er die Tasche auf und spähte hinein. Zwei schwarze Knopfaugen blinzelten ihn an, ein rosiges, schnurrbärtiges Schnäuzchen zuckte.

»Tag, Herkules!«, begrüßte Hugo seinen Freund. »Mach doch nicht immer so einen Wirbel! Warum kannst du nicht wie andere Mäuse und Ratten unauffällig den Rinnstein entlanghuschen?«

»Weil ich nicht wie andere Mäuse und Ratten bin«, gab Herkules spöttisch zurück. Die beiden hatten sich vor einem Jahr auf einer kleinen, verzauberten Insel mitten im Meer kennengelernt. Seither war Herkules dem Jungen nicht mehr von der Seite gewichen und sein allerbester Freund geworden.

»Schon, aber jedes Mal, wenn du eine Menschenmenge durchquerst, ist es, als würde sich das Rote Meer teilen.«

»Vielleicht war Moses ja in Wirklichkeit eine Maus.«

»Vielleicht hieß er in Wirklichkeit ›Mauses‹!« Hugo lachte und kraulte seinen Freund unterm Kinn. »Und was hast du den ganzen Tag so getrieben?«

»Ach, das Übliche«, erwiderte Herkules. »Mit ein paar Feldmäusen ein Schwätzchen gehalten.«

»Aber du probst hoffentlich nicht wieder den Aufstand, oder?«

»Kann’s mir verkneifen.« Herkules zwinkerte dem Jungen zu. »Trotzdem – die Katzen haben lange genug ein schönes Leben geführt. Ich sehe nicht ein, warum immer wir die Gejagten sein müssen! Höchste Zeit, dass meine verzagten Vettern etwas dagegen unternehmen. Aber die Mäuse in dieser Stadt sind so was von begriffsstutzig – ich könnte ebenso gut Selbstgespräche führen.«

»Vielleicht trauen sie sich bloß vor lauter Bewunderung nicht, das Maul aufzumachen«, meinte Hugo. »Oder es liegt daran, dass die Tiere in diesen Breiten nicht sprechen können.«

Inzwischen war es schon später Nachmittag. Die Budenbesitzer auf dem Marktplatz hatten bereits zusammengepackt. Nur ein einziger Obst- und Gemüsestand war noch da, außerdem eine kleine Schar spielender Jungen. Einer tat so, als stünde er am Schandpfahl, die anderen bewarfen ihn mit matschigem Obst. Hugo blieb kurz stehen und schaute zu.

»Na, wie viele Stadtpläne hast du heute verkauft?«, erkundigte sich Herkules und kletterte auf die Schulter seines Freundes.

»Meinst du insgesamt?«

»Ja.«

»Auch die, die ich schon heute Morgen losgeworden bin?«

»Klar.«

»Keinen einzigen.«

»Keinen einzigen?«

Hugo schüttelte betrübt den Kopf. »Dabei habe ich mir heute solche Mühe gegeben. Ich wollte etwas zu essen einkaufen. Onkel Walter sollte stolz auf mich sein. Aber ich habe wieder den ganzen Tag nur am Hafen gestanden und von Entdeckungsreisen in ferne Länder geträumt.«

»Der Tag ist noch nicht um«, tröstete ihn Herkules. »Ich wette mit dir, dass es dir gelingt, dem nächsten Menschen, der des Weges kommt, einen Stadtplan zu verkaufen.«

»Meinst du das ernst?«

»Todernst.«

Hugo gab sich einen Ruck. »Also gut! Dem Nächsten, der des Weges kommt.«

2. Kapitel

Herkules stellte die Ohren auf, als er Hufschläge hörte. »Aus dem Weg!«, rief eine herrisch näselnde Stimme. »Bedeutender Edelmann im Anzug! Platz da!«

Noch ehe er den Reiter erblickte, fiel Hugo der überhebliche Tonfall auf. Da kam auch schon Rupert Lilywhite auf den Platz geritten, auf dem Kopf einen breitkrempigen Filzhut mit einer prächtigen hellblauen Feder. Er trug die Nase hoch und eine verächtliche Miene zur Schau. Als sein Ross mit zehn Metern Abstand an den spielenden Jungen vorbeitrabte, wich die Verachtung blankem Entsetzen. »WEG DA!«, kreischte er. »Fasst mich ja nicht an!«

Die Jungen hielten verdutzt inne, und der sonderbare Edelmann ritt ängstlich vorbei und machte einen großen Bogen um den Schandpfahl.

Hugo musste lachen. »Der glaubt wohl, Armut sei ansteckend!«

»Wenn je ein Mensch einen Stadtplan gebraucht hat, dann er«, erwiderte Herkules. »Warum gehst du nicht einfach hin und sagst Guten Tag?«

»Glaubst du, er weiß noch, wer ich bin?«

»Du bist beinahe ein ganzes Jahr mit ihm und seiner Besatzung übers Meer gesegelt. Klar weiß er noch, wer du bist.«

Hugo schwenkte beide Arme.

Rupert Lilywhite hüpfte ungeschickt im Sattel auf und nieder und sah gar nicht hin.

»Er hält nicht an«, sagte Hugo seufzend.

»Das wollen wir doch mal sehen!«, entgegnete Herkules.

Der kleine Mäuserich sprang von Hugos Schulter und flitzte los. Dicht vor den Hufen des Pferdes machte er halt, stellte sich auf die Hinterpfoten, stellte die Ohren auf und quiekte ohrenbetäubend laut. Nun ja … so laut, wie ein kleiner Mäuserich eben quieken kann.

Das Pferd wieherte schrill und bäumte sich auf. Dann drehte es sich im Kreis wie ein Hund, der seinem eigenen Schwanz hinterherjagt, wobei es abwechselnd buckelte und sich wieder hoch aufbäumte. Die Hufe trommelten aufs Kopfsteinpflaster. Rupert reagierte sofort und spontan. Er bot alle seine Reiterkünste auf, klammerte sich mit beiden Armen an den Pferdehals, kniff die Augen zu und rief gellend um Hilfe.

Hugo rannte los und packte das Pferd am Zügel. Das Tier bäumte sich noch ein paarmal auf, allerdings nicht mehr so hoch, dann beruhigte es sich und wieherte freundlich, als Hugo ihm die Kruppe tätschelte.

»Alles in Ordnung, mein Herr?«, erkundigte sich der Junge und spürte, wie Herkules an seinem Wams hochkletterte und wieder auf seiner Schulter Platz nahm.

»Selbstverständlich!«, erwiderte Rupert unwirsch, setzte sich gerade hin und rückte seinen Hut zurecht. »Und jetzt geh mir aus dem Weg, Kleiner!«

»Kennen Sie mich nicht mehr, Herr Admiral?«

Rupert Lilywhite blickte stirnrunzelnd auf den Jungen herunter.

»Warst du das, den ich letzte Woche hier auf dem Markt beim Rübenklauen erwischt habe?«

»Nein, Sir. Ich habe zur Besatzung der El Tonto Perdido gehört. Ich bin der Gehilfe des Kartenmachers.«

»Ach, richtig …«, sagte Rupert zerstreut. »Du heißt Hector, nicht wahr?«

Hugo schüttelte den Kopf.

»Äh, ich meinte ›Henry‹. Auch nicht? Harry? Humphrey? Horace?« Bei jedem Namen wurde Rupert lauter und sein Ton schriller.

»Nein, ich heiße Hugo. Hugo Bailey.«

»Hugo – wusste ich’s doch!«, wiederholte Rupert triumphierend. »Ich habe ein unfehlbares Namensgedächtnis.«

»Kann man wohl sagen«, raunte Herkules seinem Freund ins Ohr. »Er hat alle möglichen Namen im Gedächtnis. Leider hat er vergessen, welcher Name zu wem gehört.«

Hugo täuschte einen Hustenanfall vor, damit Rupert nicht merkte, dass er sich das Lachen verbeißen musste. »Planen Sie schon eine neue Entdeckungsreise, Herr Admiral?«, erkundigte er sich.

Rupert strich sich mit dem behandschuhten Zeigefinger das Schnurrbärtchen und lächelte blasiert. »Nun ja, Hubert«, erwiderte er, »wer so ein bedeutender Entdecker ist und solche bedeutenden Entdeckungen gemacht hat wie ich, dessen Tatendrang und Abenteuerlust sind irgendwann gestillt.«

»Aber Sie haben doch erst eine einzige Entdeckungsreise unternommen«, sagte Hugo verwundert.

Darauf ging Rupert nicht weiter ein. »Ich vergleiche das Leben gern mit einer Obstschüssel. Es gilt viele verschiedene Früchte zu kosten. Mal ist einem nach Äpfeln, dann wieder nach Trauben.«

»Und manche Leute haben einen Sprung in der Schüssel«, raunte Herkules.

»Ich will ja nicht überheblich klingen, aber es lässt sich nun mal nicht leugnen, dass ich der größte Entdecker meiner Zeit bin, der größte Entdecker in meiner ganzen Familie, wenn man meinen Vetter und mich vergleicht. Aber mein Vetter hat lange genug in meinem Schatten gestanden, und darum hänge ich nunmehr mein Entdecker…, äh, Sternmessdingsbums an den Nagel und lasse ihn ans Steuer.«

»Und? Bricht Ihr Vetter bald zu einer Reise auf?«, fragte Hugo gespannt.

»Ach, nur über den Ärmelkanal. Dann geht es auf dem Landweg weiter nach Osten. Er hofft, irgendwann nach China zu gelangen. Morgen Mittag segelt er los. Warum er allerdings derart früh am Tag aufbrechen muss, ist mir unverständlich.« Rupert verzog das Gesicht. »Wie dem auch sei, ich muss jetzt weiter. Mein Vater veranstaltet heute Abend ein Festessen, um Sebastian zu verabschieden, und ich will mir die Hummersuppe nicht entgehen lassen.«

Rupert zog an den Zügeln, das Pferd machte kehrt und trabte davon.

»Halt, Herr Admiral!«, rief ihm Hugo nach. »Wenn Sie zu Ihrem Vater wollen, reiten Sie in die falsche Richtung.«

Rupert brachte das Pferd zum Stehen und schaute verunsichert auf die vielen engen Gassen, die sternförmig vom Marktplatz abgingen. »Himmel!«, sagte er. »Ich habe völlig die Orientierung verloren. Wahrscheinlich, weil Bessie so ein Theater gemacht hat. Das passiert mir sonst eigentlich nie!«

Hugo witterte seine Chance. »Möchten Sie mir vielleicht einen Stadtplan abkaufen?«, fragte er und hielt Rupert den Stadtplan mit schwungvoller Geste hin. »Kostet nur zwei Groschen, und Sie werden sich in Zukunft immer und überall zurechtfinden!«

3. Kapitel

Hugo stand vor dem Marktstand und hielt die beiden Münzen in der Faust. Herkules klammerte sich mit den Pfötchen an seinen Ärmel. Seine Barthaare bebten, als er hungrig den Obstduft einsog. Der Händler, ein großer Mann mit dickem Bauch und wulstigem Specknacken, rückte die Kohlköpfe in der Auslage zurecht und schien Hugo gar nicht zu sehen.

Schließlich blickte er doch auf und sagte: »Der Nächste, bitte!«

Hugo sah sich um. Außer ihm und dem Händler war der Marktplatz menschenleer.

»Ich glaube, ich bin dran«, sagte Hugo. »Was bekomme ich denn für zwei Groschen?«

Der Dicke musterte ihn argwöhnisch. »Euch Bürschchen kenn ich! Du legst es drauf an, dass ich dir den Rücken zukehre, und dann klaust du ’ne Handvoll Pflaumen. Aber darauf fall ich nicht rein!«

»Nein, ich bin kein Dieb!«, widersprach Hugo energisch. »Ich habe zwei Groschen zum Einkaufen.«

Der Mann lachte schallend. »Zwei Groschen? Na, ein Festmahl kannst du dir davon nicht leisten. Mal sehen …«

Er ließ den Blick über die Auslage schweifen und wischte sich dabei mit einem schmuddeligen Taschentuch die Stirn. Obwohl es ein kühler Herbstabend war, war sein Gesicht schweißüberströmt. Sein kahler Schädel glich einer Melone mit Wassertröpfchen drauf. Nach eingehender Prüfung ergriff er einen prächtigen, dicken Blumenkohl mit leuchtend grünen Blättern und schneeweißen Röschen.

»Der sieht aber gut aus!«, sagte Hugo erfreut. Seine Augen leuchteten, als er sich ausmalte, was für eine köstliche Suppe Onkel Walter aus dem Blumenkohl zaubern würde. »Den nehme ich!«

»Macht fünf Groschen, bitte sehr«, sagte der dicke Händler hämisch grinsend.

»Ich hab aber nur zwei.«

»Tja, dann kannst du dir dieses Prachtstück wohl nicht leisten.« Der Wanst des Dicken wackelte, als er in sich hineinlachte.

»Ich mag den Kerl nicht«, raunte Herkules. »Ich glaub, der hat nicht alle Pflaumen in der Tüte.«

Der Händler legte den Blumenkohl wieder weg und nahm zwei angestoßene, schon ein bisschen runzlige Äpfel von der Auslage. »Die beiden gibt’s für zwei Groschen, und das auch nur, weil ich heut die Spendierhosen anhab. Willst du sie?«

Hugo musste erst überlegen. Weil ihm aber klar wurde, dass ihm der Mann kein besseres Angebot machen würde, und weil er seinem Onkel unbedingt etwas mitbringen wollte, griff er zu.

Der Dicke zog die Äpfel rasch weg. »Nicht so voreilig! Darauf fall ich nämlich auch nicht rein. Gib mir erst das Geld, bevor du die schmutzigen Pfoten nach meinen Äpfeln ausstreckst, du Rotzbengel!«

Seufzend reichte ihm Hugo die Münzen. Der Händler ließ sie in die pralle Lederbörse fallen, die er um den Bauch gebunden trug, und legte die beiden Äpfel wieder zurück.

»Entschuldigung, kann ich bitte meine Äpfel haben?«, sagte Hugo mit Nachdruck.

»Äpfel? Welche Äpfel?«

»Die beiden Äpfel, für die ich Ihnen gerade das Geld gegeben habe.«

»Geld? Kann mich nicht erinnern.« Der Händler tat so, als müsste er angestrengt nachdenken.

»Ich hab dir doch gesagt, dass der Kerl nicht alle Tomaten im Salat hat!«, raunte Herkules.

Hugo ließ sich nicht abwimmeln. »Ich habe Ihnen eben zwei Groschen gegeben.«

Der Dicke beugte sich herab und schob sein Gesicht dicht vor das des Jungen. Warmer Zwiebelatem schlug Hugo entgegen. »Du und ich, wir beide wissen, dass du recht hast«, sagte der Händler hämisch kichernd. »Aber mein Wort steht gegen deines, und wer wird einem Knirps wie dir schon glauben?«

»Ich!«, donnerte da jemand mit Bassstimme. Es klirrte metallisch, dann erschien zwischen Hugos Gesicht und dem des Händlers eine krumme, silberblitzende Klinge. Die Spitze zeigte auf den Tränensack unter dem linken Auge des Dicken.

Im selben Augenblick fuhr ein Windstoß durch Hugos blonde Locken und er erschauerte. Er drehte sich um. Wer war ihm da so unerwartet zu Hilfe gekommen? Der Fremde hatte dunkle Haut und selbstbewusst funkelnde grüne Augen. Sein schwarzer Schnurrbart war an den Spitzen hochgezwirbelt, das Ziegenbärtchen glich einem kühnen Pinselstrich auf dem markanten Kinn. Er war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet – schwarzer Umhang, schwarze Lederhandschuhe, schwarze Lederstiefel, dazu hatte er ein schwarzes Tuch so um den Kopf geschlungen, dass ihm ein Ende lose über die Schulter hing wie ein Schal. Als er die Todesangst in den Augen des dicken Händlers sah, grinste der Fremde so breit, dass seine weißen Zähne aufblinkten.

»Donnerwetter!«, sagte Herkules, der das Geschehen von Hugos Schulter aus verfolgte. »Der Bursche sieht ja fast so gut aus wie ich.«

»Ich würde vorschlagen, du gibst dem Jungen jetzt die bezahlte Ware. Oder du hast gleich ein Auge weniger«, sagte der Fremde herrisch und fuhr mit der Säbelspitze behutsam die Augenhöhle des Dicken nach. Er sprach mit einem fremdländischen Akzent voller grollender Kehllaute.

»Ist ja gut, ist ja gut!«, stotterte der Händler. Blindlings tastete er auf seiner Auslage herum, bis er die beiden runzligen Äpfel gefunden hatte. Er hielt sie Hugo hin.

»Oje, das reicht leider nicht«, sagte der Fremde daraufhin. »Zwei Groschen für diese Schrumpeldinger ist Wucher! Die kann man ja nicht mal mehr den Schweinen vorwerfen.«

»Ich wüsste da ein Flatterschwein, das sich alle Zehen danach lecken würde!«, raunte Herkules.

Hugo sah seinen alten Freund Pigasus vor sich, der für vergammeltes Obst schwärmte, und musste grinsen.

Der Fremde sprach weiter: »Dem Jungen knackige Äpfel zu verkaufen, ist ja wohl das Mindeste – sechs Stück müssten es aber schon sein.«

Er zog den Säbel ein Stückchen zurück, und der Händler stopfte Hugo hastig sechs knackige grüne Äpfel in den Ledertornister. Dann sah er den Fremden mit aufgerissenen Augen an. War der Mann jetzt zufrieden?

»Wie wär’s, wenn wir den schönen Blumenkohl da drüben noch drauflegen?«, schlug der Dunkelhäutige vor.

Der Händler gehorchte sofort.

»Und was spricht gegen eine Steckrübe … und ein Pfund Bohnen?«

Der Händler gehorchte abermals.

»So, jetzt brauchst du dem Jungen nur noch das Geld zurückzugeben, das du ihm klauen wolltest, und wir sind wieder quitt.«

Der Händler wollte empört widersprechen, überlegte es sich aber anders, als sich die Säbelspitze gefährlich seiner hochroten Wange näherte. Er überreichte Hugo zwei Groschen und rang sich sogar ein schiefes Lächeln ab.

»Vielen Dank, mein Herr«, wandte sich Hugo an den Fremden.

Der Dunkelhäutige legte zwei behandschuhte Finger an die Stirn und nickte. »Stets zu Diensten«, erwiderte er und zog die schwarze Augenbraue hoch, was ihn teils geheimnisvoll, teils spöttisch aussehen ließ. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging mit langen Schritten davon. Der schwarze Umhang flatterte hinter ihm her.

Hugo schüttelte verwundert den Kopf. »Wer war das denn?«

4. Kapitel

Hugo hievte im Haus seines Onkels in der Pfefferkorngasse seinen Tornister auf den Küchentisch und packte stolz seine Errungenschaften aus.

»Lieber Himmel!«, rief Onkel Walter freudig aus. »Da musst du ja heute bergeweise Stadtpläne verkauft haben!«

»Eigentlich nur einen«, gestand Hugo verlegen. »Rupert Lilywhite hat mir einen für zwei Groschen abgekauft, weil er nicht mehr nach Hause gefunden hat.«

»Freut mich zu hören, dass er immer noch einen untrüglichen Orientierungssinn besitzt!«, prustete Onkel Walter. »Solange es Leute wie Rupert Lilywhite gibt, werden wir Kartenmacher nicht arbeitslos. Aber du kannst mir nicht erzählen, dass du dieses Festmahl für zwei Groschen erstanden hast!«

»Hat er auch nicht!« Herkules hüpfte auf den Tisch und beschnupperte die Rübe. »Er hat es umsonst gekriegt.«

Walter sah Hugo streng an. »Das musst du mir erklären.«

Hugo sprudelte los und erzählte seinem Onkel von dem gemeinen Lebensmittelhändler und dem dunkelhäutigen Fremden, der ihm zu Hilfe gekommen war.

»Und wie hieß der Mann?«, fragte Onkel Walter neugierig.

»Hat er nicht gesagt. Aber als er gegangen ist, hat er so gemacht …«, Hugo ahmte den Abschiedsgruß des Fremden nach und legte zwei Finger an die Stirn, »… und die Augenbraue hochgezogen.« Hugo sah seinen Onkel mit hochgezogener Augenbraue an.

»Na so was«, sagte Onkel Walter verwundert. Auch er wollte spöttisch eine Augenbraue hochziehen, was ihm aber nicht gelang. Da beide Augenbrauen gleichzeitig nach oben wanderten, wirkte seine Miene eher überrascht.

»Nein, doch nicht so!«, rief Hugo lachend. »Nur eine!«

»Ich versuch’s ja! Aber wenn ich die linke hochziehen will, kommt die rechte jedes Mal mit. Aber Moment mal … andersherum klappt’s. Bitte sehr!«

»Jetzt hast du den Bogen raus!«, lobte ihn Hugo. »Genauso hat mich der fremde Mann angesehen.«

»Ist es richtig so?« Herkules kniff angestrengt die Augen zusammen und wackelte wild mit den großen rosa Ohren.

Onkel und Neffe wechselten einen Blick.

»Wunderbar«, sagte Hugo.

Hugo schob seine Suppenschale weg, lehnte sich zurück und rieb sich den Bauch.

»War das lecker!«

»Das Kompliment muss ich weitergeben.« Onkel Walter tupfte sich mit der Stoffserviette den buschigen weißen Schnurrbart. »Das Rezept stammt von deiner Mutter.«

Herkules hockte auf dem Rand seiner eigenen Schale und schlabberte gierig. Er blickte auf. »Deine Mutter war wohl eine gute Köchin, was?« Suppe tropfte ihm vom Schnäuzchen.

Hugo schaute zu dem eisernen Suppentopf über dem Kaminfeuer hinüber und stellte sich vor, wie seine Mutter dort stand, ein Tuch um die Locken gebunden, und die Suppe mit einer großen Kelle austeilte.

»Man sollte denken, ihr zwei hättet einen Monat lang nichts zu essen bekommen«, hatte sie immer lachend gesagt, wenn sich Hugo und sein Vater auf die Suppe gestürzt und ihre Schalen mit selbst gebackenem Roggenbrot blitzblank ausgewischt hatten. »Ihr führt euch ja wie die Aasgeier auf!«

Aber das war schon lange, lange her – noch bevor Hugos Vater auf See verschollen war. Er war zur See gegangen, damit sie den betrügerischen Vermieter bezahlen konnten. Und bevor Hugos Mutter vor lauter Sorgen krank geworden war. Und doch sah Hugo sie so deutlich vor sich, als stünde sie leibhaftig dort drüben am Kamin. Hugo konnte das Sägemehl riechen, das die Kleidung seines Vaters bepuderte, wenn er abends aus der Tischlerei kam, er hörte die liebevolle Stimme seiner Mutter. Ganz in Erinnerungen versunken, fasste er nach dem geschnitzten Schachfigürchen, das er an einer Schnur um den Hals trug. Das hatte ihm sein Vater geschenkt, ehe er zu jener Reise aufgebrochen war, von der er nicht mehr wiederkehrte.

»Ist rein zufällig noch etwas Käse da?«, unterbrach Herkules die Grübeleien seines Freundes.

Walter legte ein Stück Käse vor den Mäuserich auf den Tisch. »Mehr haben wir nicht, also friss nicht alles auf einmal.«

»Inzwischen magst du Käse richtig gern, was?« Hugo lächelte verschmitzt. »Wie eine ganz gewöhnliche Maus.«

Herkules blickte auf und nickte mit vollem Maul. Es sah aus, als hätte er eine ganze Haselnuss in jeder Backe. »Du sagst doch immer, ich soll mich in der Öffentlichkeit wie eine gewöhnliche Maus benehmen«, erwiderte er, als er endlich heruntergekaut hatte. »Das fängt ja wohl beim Fressen an.«

»Wir sind hier aber nicht in der Öffentlichkeit.«

»Ich bleibe bloß in meiner Rolle.«

»Ach so. Das ist natürlich sehr zu begrüßen«, neckte Hugo seinen kleinen Freund.

»Man tut, was man kann«, sagte Herkules seufzend und stopfte sich den letzten Brocken Käse in das volle Mäulchen.

Nach dem Essen spielten Hugo und Walter eine Runde Schach und Herkules räkelte sich vor dem Feuer. Da klopfte es mit einem Mal laut. Hugo sah seinen Onkel fragend an. »Wer kann das sein?«

»Keine Ahnung.« Walter zog mit neu erworbener Kunstfertigkeit verwundert die rechte Augenbraue hoch. »Wer sollte uns um diese Zeit noch besuchen wollen?«

Es klopfte abermals energisch.

Hugo und Walter wechselten einen Blick.

»Für Besuche ist es viel zu spät«, stellte Onkel Walter fest und kratzte sich den Schnurrbart.

»Vielleicht ist es ja der dicke Händler und er will sich seine Ware wiederholen«, meinte Hugo.

»Entschuldigt, wenn ich mich einmische …«, Herkules kletterte auf den Tisch und trat ungeduldig von einer Pfote auf die andere, »… aber ich könnte mir denken, dass wir der Lösung des Rätsels näherkommen, wenn einer von euch einfach aufmacht.«

Hugo ging zur Tür und Herkules huschte hinter einen Steingutkrug, der auf dem Tisch stand. Hugo und Walter hatten ihm schließlich erklärt, er solle sich während seines Aufenthalts in England lieber bedeckt halten. Mit einer sprechenden Maus konnte man in einem Kuriositätenkabinett ein Vermögen verdienen, und Hugo und Walter wollten ihre Mitmenschen gar nicht erst auf dumme Gedanken bringen. In ihren Augen war Herkules kein Besitz, mit dessen Hilfe man zu Wohlstand gelangen konnte – der Mäuserich war ein Familienmitglied.

Hugo drehte den Schlüssel um und zog die schwere Tür nach innen auf. Die rostigen Angeln quietschten. Ein eiskalter Windstoß fegte ins Zimmer und hätte beinahe das Feuer ausgeblasen. Hugo legte die Hand über die Augen, damit er die dicken Regentropfen nicht ins Gesicht bekam, die das Pflaster mit dunklen Flecken sprenkelten und in den Rinnstein trommelten. Dann lugte er auf die Straße hinaus.

Der späte Besucher war in einen langen schwarzen Umhang gehüllt, der sich im Wind leicht bauschte.

»So sieht man sich wieder«, sagte er und legte zwei behandschuhte Finger an die Stirn.

»Sie sind der Mann vom Markt!« Hugo strahlte ihn an.

Der Fremde vollführte eine angedeutete Verbeugung. »Stets zu Diensten.«

»Ich habe mich noch gar nicht richtig bei Ihnen bedankt.«

»Keine Ursache. Ich kann es einfach nicht mit ansehen, wenn jemand seine Mitmenschen bestiehlt. Mir selbst ist nämlich etwas überaus Wertvolles gestohlen worden. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich um diese späte Stunde noch störe, aber ich suche den berühmten Kartografen Walter Bailey.«

»Das ist mein Onkel«, entgegnete Hugo stolz. »Ich hole ihn.«

Hugo drehte sich um, aber Onkel Walter war längst zur Tür gekommen und stand hinter ihm.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Das hoffe ich sehr. Darf ich mich vorstellen – ich heiße Otis Phem, aber ihr könnt gern ›Otis‹ zu mir sagen. Herr Bailey, ich bringe Neuigkeiten von Ihrem guten Freund Marcello Giovanni.«

Otis nahm den Umhang ab und löste sein Kopftuch. Er trug das lange schwarze Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Mit großen Schritten trat er ins Zimmer, ließ seine Handschuhe auf den Tisch fallen und ging vor dem erlöschenden Feuer in die Hocke. Mit dem Schürhaken brachte er die Glut wieder zum Auflodern und wärmte sich die Hände. Hugo schaute stumm und ehrfürchtig zu, Walter schöpfte Suppe in eine unbenutzte Schale.

Otis setzte die Schale wortlos an den Mund und trank die Suppe aus. Dann stellte er das leere Gefäß auf den Tisch und sah Walter eindringlich an.

»Ich möchte mich für Ihre Gastfreundschaft bedanken«, sagte er.

»Marcellos Freunde sind mir stets willkommen«, gab Walter zurück.

»Sind Sie auch Kartograf, Otis?«, fragte Hugo.

Otis schüttelte lächelnd den Kopf. »Nicht direkt. Ich würde mich eher als Jäger bezeichnen. Aber mein eigentliches Fachgebiet ist, nennen wir es … der Personenschutz. Marcello und ich haben etliche Reisen zusammen unternommen, haben schon viele Wüsten und Gebirge durchquert. Gemeinsam haben wir ganz Europa und den größten Teil von Nordafrika bereist.«

»Demnach geben Sie Entdeckern Geleitschutz vor möglichen Überfällen«, fasste es Walter zusammen. »Haben Sie auch an Marcellos Expedition nach Skandinavien teilgenommen?«

Otis blickte einen Augenblick lang finster drein, als ärgerte er sich über die Frage, dann setzte er eine ausdruckslose Miene auf.

»O ja, das war eine meiner dunkelsten Stunden«, erwiderte er. »Ich kann mir vorstellen, was Sie jetzt von mir halten, aber bitte beurteilen Sie mich nicht nach meiner einzigen Niederlage unter tausend Siegen.«

Unter der grauen Asche glühte nur noch hier und da ein rötlicher Funke. Erwartungsvolle Stille senkte sich über das Zimmer. Otis und Walter belauerten einander wie zwei Schachspieler, die den nächsten Zug des Gegners vorauszuahnen suchen. Schließlich ergriff Walter wieder das Wort.

»Freut mich jedenfalls, Sie kennenzulernen, Otis. Aber … Sie sagten, Sie brächten Neuigkeiten von Marcello?«

Otis nickte grimmig lächelnd.

»Leider.« Er blickte Walter fest in die Augen. »Und ich brauche Ihre Hilfe. Es geht um Leben und Tod.«

5. Kapitel

Walter und Otis sahen einander unverwandt an. Hugo stand der Mund offen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Herkules aufgeregt hinter seinem Krug herumzappelte.

»Nun … jetzt haben Sie uns neugierig gemacht. Wenn Sie bitte etwas mehr darüber sagen könnten«, erwiderte Walter dann ruhig.

Otis erhob sich und ging wieder zum Kamin hinüber. Seine Hand ruhte auf dem Säbelknauf. Es wurde ganz still im Zimmer, nur draußen hörte man den Regen trommeln.

»Marcello ist verschwunden«, verkündete Otis im Flüsterton.

»Seit wann?«, fragte Walter erschrocken. »Was ist passiert?«

»Er hielt sich in Lovdiv auf, einer kleinen Ortschaft in den nördlichen Ausläufern der Südkarpaten, kurz vor der Grenze zu Dämonien.«

»Ja, den Ort kenne ich«, erwiderte Walter. »Ein kleines Dorf mit einer alten Kirche … ich glaube, sie wurde von König Claudius dem Neunten gestiftet.«

»Ganz recht. Die Dorfbewohner glaubten doch tatsächlich daran, dass diese Kirche sie vor allem Unheil bewahren könnte.« Otis verzog spöttisch den Mund. »Aber Sie haben bestimmt von dem teuflischen Grafen namens ›Mephisto‹ gehört, der in der Gegend eine grausame Schreckensherrschaft ausübt?«

Walter entfuhr ein Schnauben.

»Finden Sie meine Geschichte etwa amüsant?«

Walter hob beide Hände. »Verzeihung, ich wollte Sie nicht kränken. Aber Sie nehmen die Ammenmärchen über einen blutrünstigen Grafen, der in gebirgigen Gegenden sein Unwesen treibt und ahnungslose Reisende überfällt, doch wohl nicht für bare Münze?«

»Hast du denn schon mal von diesem teuflischen Grafen gehört, Onkel Walter?«, warf Hugo ein.

»Du brauchst keine Angst zu haben, Junge.« Walter lächelte seinem Neffen beruhigend zu. »Dieser ›Mephisto‹ ist lediglich eine Sagengestalt.«

Otis sah sein Gegenüber mit steinerner Miene so lange an, bis das Lächeln von Walters Lippen wich. Als der Fremde nach einer ganzen Weile weitersprach, brodelte unterdrückter Zorn in seiner Stimme.

»In den vergangenen Jahrzehnten sind Hunderte Menschen nach Dämonien gereist und nie mehr aufgetaucht.«

»Das Gebirge in Dämonien hält für den Wanderer aber auch besonders viele Tücken bereit«, gab Walter zu bedenken.

Otis ging nicht darauf ein. »Letztes Jahr ist in einer einzigen Nacht gleich eine ganze Reihe Einwohner von Lovdiv spurlos verschwunden. Ihre Leichen sind nie aufgetaucht, aber ihre Betten waren blutbefleckt. Wie wollen Sie das erklären, Walter, hm?«

»Davon hatte ich noch nicht gehört, aber meines Wissens soll der Teufelsgraf in den Pyrenäen hausen«,

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