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Perdido - Das Amulett des Kartenmachers

Über den Autor

Rob Stevens ist Pilot bei British Airways. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Bücher schreibt er meistens, wenn er beruflich unterwegs ist. In den Hotelzimmern findet er alles, was er zum Schreiben braucht: Ruhe, Papier und Gratis-Kugelschreiber.

Rob Stevens

Perdido

Das Amulett des Kartenmachers

Aus dem Englischen
von Katharina Orgaß und Gerald Jung

Umschlagillustration und Vignetten
von Eva Schöffmann-Davidov

BASTEI ENTERTAINMENT

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Prolog

Pedro bekam es mit der Angst zu tun. Was ging hier vor? Er hatte sich stark gefühlt und war rasch vorangekommen, aber jetzt konnte er auf einmal kaum noch aufrecht stehen. Als er an sich heruntersah, begriff er, woran das lag.

Seine Taschen hatten sich mit Steinen gefüllt, die auf den Boden rieselten und sich zu seinen Füßen sammelten. Auf seinem Kopf saß plötzlich der Helm eines römischen Zenturios und ein verzierter Brustpanzer umschloss seinen Oberkörper. Eine endlos lange Kette schlang sich so eng um seinen Hals, dass er kaum noch Luft bekam. Wenn er nicht bald etwas unternahm, würde er lebendig begraben werden.

Pedro streifte Helm und Rüstung ab, wickelte die Kette von seinem Hals und leerte seine Taschen aus. Er grub ein Loch, verstaute alles darin und schüttete wieder Erde darüber. Dann sah er sich um, kratzte ein paar Kerben in ein Stück Holz und steckte es in seinen Waffenrock. Irgendwann würde er mit einem ganzen Heer Soldaten zurückkehren und sich sein Eigentum wiederholen.

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Zwanzig Minuten darauf lief Pedro um sein Leben. Er hastete durch den Wald, Äste schlugen ihm entgegen und zerkratzten ihm Gesicht und Hände. Jemand verfolgte ihn, und er wollte lieber nicht stehenbleiben, um herauszufinden, wer.

Jetzt schnaubte es hinter ihm. Der Boden erbebte im Takt donnernder Hufschläge. Zwischendurch ertönte ein grässliches Kreischen, von dem es Pedro eiskalt den Rücken herunterlief. Der Verfolger kam näher – wer immer es sein mochte.

Pedro stürmte zwischen den letzten Bäumen hindurch und rannte über den unebenen, steinigen Boden auf die Klippe zu. Das Mondlicht ließ den Atem, der stoßweise aus seinem Mund drang und himmelwärts stieg, hell aufleuchten. Am liebsten wäre er selbst frei wie ein Vogel in den Nachthimmel emporgeschwebt.

Er erreichte den höchsten Punkt der Klippe und drehte sich um. Am Waldsaum tauchte ein dunkler Umriss auf. Es war irgendein vierbeiniges Tier, das da angeprescht kam. Das Vieh hatte breite, kräftige Schultern und hielt den Kopf im Laufen tief gesenkt. Jetzt brachen vier seiner Artgenossen zwischen den Bäumen hervor, dann noch einmal sechs. Sie jagten im Rudel und kamen rasch näher.

Verzweifelt wandte sich Pedro ab und spähte über den Rand der Klippe. Dann lief er zu einem eiförmigen Felsbrocken, holte das Seil hervor, das darunterlag, warf es über die Felskante und sah ihm nach, als es sich entrollte und geräuschlos tief unten auf den Strand fiel.

Pedro packte das Seil mit beiden Händen und stieg rückwärts über die Felskante. Nur seine Zehen hatten festen Halt, um seine Fersen wehte Meeresluft. Er lehnte sich so weit zurück, wie er sich traute, fing sein Gewicht mit den Armen ab und kletterte, immer eine Hand unter der anderen, abwärts.

Als er den Kopf hob, sah er zehn Meter über sich drei Schemen am Rand der Klippe verharren. Sie beobachteten ihn. Hinter ihnen stand der helle Halbkreis des Mondes am Himmel und umgab ihre Umrisse mit einem schaurig leuchtenden Saum. Jedes Ungeheuer trug drei Furcht einflößende gewundene Hörner auf dem Schädel. Die Schnauzen in den breiten, flachen Gesichtern wiesen nur eine einzige runde Nüster auf, aus der Dampfwolken quollen. Noch nie hatte Pedro etwas derart Abstoßendes erblickt. Vor lauter Schreck kletterte er noch schneller … bis ein kräftiger Ruck durch das Seil ging.

Als er abermals aufsah, musste er feststellen, dass eins der Scheusale das Seil ins Maul genommen hatte. Es warf den Kopf hin und her wie ein Hund, der mit einem Knochen spielt. Pedro klammerte sich an den schlackernden, schlingernden Strick, seine Füße verloren den Halt, dann schlug er der Länge nach an die Felswand. Nun schwang das Untier das Seil von einer Seite zur anderen, sodass Pedro wie ein übergroßes Pendel mal nach rechts, mal nach links ausschlug. Der Strand war noch viel zu weit unten, um gefahrlos hinunterzuspringen, darum hielt sich Pedro weiter fest und legte den Kopf in den Nacken, wenn er gegen das schroffe Gestein prallte.

Endlich pendelte das Seil aus. Pedro nahm unverzüglich den Abstieg wieder auf … bis es wieder am Seil ruckte, und zwar gleich mehrmals. Das Vieh zog ihn zu sich hoch wie einen Fisch an der Angelschnur!

Abermals ging ein Ruck durch das Seil und Pedros Füße wurden ein Stück höher geschleift. Da griff er zum letzten Mittel, kniff die Augen zu und ließ los. Im Fallen schlugen seine Arme wie Windmühlenflügel, dann kam er unsanft auf und landete ächzend auf dem weichen violetten Sand.

Wenn er in sein Ruderboot steigen könnte, das nur wenige Meter entfernt auf dem Strand lag, wäre er in nicht mal einer Stunde wieder auf dem Schiff. Er stand unbeholfen auf. Er hatte sich den Knöchel verstaucht, aber allem Anschein nach hatte er sich nichts gebrochen. Nun konnte ihm ja wohl nichts mehr passieren. Doch ein Geräusch ließ ihn jäh aufblicken – und sein erleichtertes Lächeln verwandelte sich in einen Ausdruck des Entsetzens.

Die breitschultrigen, schwerfälligen Ungeheuer kamen die Klippe heruntergeklettert und bewegten sich auf ihren vier Stampfern so leichtfüßig wie Spinnen an einer Hauswand. Wie gelähmt vor Furcht sah Pedro sie immer näher kommen, wobei sie sich mit den breiten Schwänzen auf dem steilen Hang abstützten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Im Nu hatten sie ihn umzingelt.

Ein Scheusal holte mit dem Schwanz nach dem Ruderboot aus. Das kleine Fahrzeug wurde wie ein federleichtes Balsaholzmodell an die Felswand geschleudert und war nur noch ein Trümmerhaufen. Die Ungeheuer kreischten triumphierend. Pedro stieg ein abscheulicher Gestank nach faulen Eiern in die Nase und er musste würgen. Eine Bestie richtete sich auf den Hinterläufen auf und kam auf ihn zugestapft. In dieser Haltung glich sie eher einem Menschen als einem Tier: ein abstoßender Unhold, der sich mit den geballten Klauentatzen auf den gehörnten Kopf trommelte.

Pedro begriff, dass er verloren war. Als er jedoch gen Himmel blickte, um leise ein letztes Stoßgebet zu sprechen, erblickte er etwas, das ihn wieder hoffen ließ. Hoch oben auf der Klippe stand eine massige Gestalt, deren Fell im Mondschein glänzte.

»He, Erebus!« Pedros Stimme überschlug sich. »Bitte hilf mir!«

»Du hast mich hintergangen«, lautete die knurrende Antwort. »Warum sollte ich dir jetzt helfen?«

»Weil ich dir dann verrate, wo sie ist. Ich habe sie auf der Insel versteckt, aber ich habe mir aufgeschrieben, wo. Wenn du mir aus der Klemme hilfst, bringe ich dich hin.«

Pedro zog das schmale Stück Holz aus seinem Waffenrock und hielt es hoch. »Da steht alles drauf, Ehrenwort!«

Die Bestien rückten näher an ihr im Sand kauerndes Opfer heran. Einen Augenblick lang verharrte der Fürst reglos, dann stieß er einen gellenden Schrei aus – wie ihn zuvor die Ungeheuer ausgestoßen hatten. Die Bestien hielten sofort inne. Zwei trabten davon und kletterten die Felswand ebenso flink wieder hoch, wie sie hinuntergeklettert waren. Im Nu standen sie oben auf der Klippe, wo sie den Fürsten tief geduckt wie jagende Löwen umschlichen. Der Fürst zog sein Schwert. Die breite Stahlklinge blitzte im Mondlicht.

Da sprangen ihn die beiden Untiere an. Der Fürst wich einen Schritt zurück, drehte sich um und stieß dem einen das Schwert in den Bauch. Ein grässlicher Schrei – die Bestie stürzte zu Boden. Blitzschnell zog der Fürst die Klinge wieder heraus, fuhr herum und stand dem anderen Vieh gegenüber. Er holte noch einmal weit aus und ließ das Schwert schwungvoll niederfahren. Diesmal ertönte kein Schrei.

Das zweite Untier brach neben dem Fürsten zusammen. Sein abgetrennter Kopf kullerte die Felswand hinunter, immer schneller, wie ein Ball, der eine Treppe hinunterspringt, und landete dumpf im Sand. Die einzelne Nüster zuckte immer noch schauerlich.

Daraufhin heulten die überlebenden Ungeheuer im Chor. Pedro bekam am ganzen Leib eine Gänsehaut. Jetzt würden sie ihn bestimmt fressen!

Aber sie würdigten ihn keines Blickes mehr. Denn sie waren allesamt losgestürmt und kletterten die Klippe hoch, angespornt von einem tierischen Instinkt, der ihnen gebot, auf jeden loszugehen, der ihrem Rudel Böses wollte.

Das war die Gelegenheit! Das Ruderboot war nicht mehr zu gebrauchen, aber Pedro war ein guter Schwimmer. Als er ins Wasser watete, hörte er die Todesschreie eines weiteren Ungeheuers. Pedro war klar, dass der Fürst nicht alle Bestien ganz allein erschlagen konnte, aber das kümmerte ihn nicht. Er wollte bloß noch weg von der Insel – und zwar lebendig. Als er sich eben in die glatten schwarzen Fluten stürzen wollte, packte ihn jemand an der Schulter.

Pedro wurde aus dem Wasser gerissen und hoch und immer höher himmelwärts entführt. Er flog! Er hing in den Klauen eines riesigen Vogels mit Flügeln, so groß wie die Segel eines kleinen Schiffes. Pedro wand sich zappelnd, worauf das Holzstück aus seiner Rocktasche glitt und lautlos an seinen vergeblich danach haschenden Händen vorbei in die Tiefe trudelte.

Pedro wurde über die Klippe getragen. Unter sich sah er den von Ungeheuern umzingelten Fürsten. Einen flüchtigen Augenblick lang fühlte sich Pedro seltsam geborgen, wie er da hoch über dem tödlichen Kampf schwebte … dann merkte er, dass der Vogel zur Landung ansetzte. Pedro strampelte trotzig mit den Beinen, als der Vogel auf die tobende Meute niederstieß, und als er schon das struppige Fell auf den Rücken der Untiere erkennen konnte, ließen ihn die Vogelklauen los.

Pedro überschlug sich und blieb mitten im Getümmel auf dem Rücken liegen. Vor ihm schwang der Fürst sein Schwert. Pedro wollte sich hochrappeln, doch schon stand ein Ungeheuer auf den stämmigen Hinterläufen über ihm. Sein Atem roch faulig, die Augen waren milchig rosa. Als das Vieh das Maul aufriss, sah man Zähne, spitz wie Glasscherben. Ein zäher Speichelklumpen tropfte auf Pedro herunter und bedeckte ihn mit Schleim. Das Vieh riss das Maul noch weiter auf. Pedro schrie in Todesangst. Das Ungeheuer stürzte sich schnaubend auf ihn. Dann schnappten die mächtigen Kiefer zu.

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1. Kapitel

Rupert Lilywhite reichte der jungen Dienstmagd seinen Mantel, nahm den Hut ab und warf das lange Haar in den Nacken. Das Mädchen knickste und eilte davon. Rupert schritt in den Salon, wo seine Mutter damit beschäftigt war, ein Spitzentaschentuch zu besticken.

»Hast du einen schönen Spaziergang gemacht, Rupert?«, erkundigte sich Lady Lilywhite.

»Die Stadt ist das reinste Tollhaus«, erwiderte Rupert. »Überall gewöhnliche Leute!«

»Deswegen nennt man sie ja wohl auch ›gewöhnlich‹.« Lady Lilywhite lächelte. »Wenn sie nicht überall wären, wären sie ›ungewöhnlich‹, nicht wahr?«

Rupert betupfte sein Gesicht mit einer Puderquaste. »Unten am Hafen herrscht ziemliche Aufregung«, fuhr er mit matter Stimme fort. »Alles spricht über einen gewissen Kolumbus.«

Lady Lilywhite strahlte. »Ich weiß! Ist das nicht aufregend?«

»Ist was nicht aufregend? Wer zum Teufel ist dieser Kolumbus eigentlich?«

»Der bedeutendste Seefahrer, den die Welt je gesehen hat. Er ist soeben von seiner großen Reise zurückgekehrt.«

Rupert seufzte. »Und warum machen die Leute einen solchen Wirbel um irgendeinen unbedeutenden Seefahrer?«

»Kolumbus ist nicht irgendein Seefahrer. Er ist Admiral der spanischen Flotte und ein bedeutender Entdecker. Es heißt, er sei westwärts übers Meer gesegelt und habe ein noch unbekanntes Land entdeckt.«

»Donnerwetter!«, sagte Rupert ironisch.

»Anscheinend hat ihm Königin Isabella von Spanien eine Audienz gewährt. Nun wird er ihr von seinem jüngsten Abenteuer gewiss die kostbarsten Schätze mitbringen.«

»Schätze?« Rupert horchte auf.

»Im Gegenzug wird ihn die Königin zum Don ernennen.«

»Zum was?«

»Ich glaube, so nennt man die spanischen Edelleute«, erklärte Lady Lilywhite. »Es heißt, Kolumbus sei bald ein weltberühmter Mann.«

»Bloß weil er ein bisschen auf dem Meer herumgeschippert ist?«

»Du hast ja recht«, räumte Lady Lilywhite ein. »Als ich jung war, begnügten sich Könige und Königinnen damit, ihre Nachbarn zu überfallen. Heutzutage wollen sie immer gleich unbekannte Erdteile erobern. König Heinrich hat jedem Engländer, der ein noch unbekanntes Gebiet entdeckt, den Ritterschlag und obendrein ganz Cornwall versprochen.«

Rupert lauschte gebannt. »Sir Rupert Lilywhite von Cornwall …«, sagte er leise vor sich hin. »Weltberühmter Entdecker und Intimus des Königs von England …«

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Kurz darauf stürmte Rupert ins Arbeitszimmer seines Vaters.

»Ich habe mit dir zu reden, Vater!«, verkündete er großspurig.

Lord Lilywhite blickte von seinem Schreibtisch auf. »Ist alles in Ordnung, Rupert? Du siehst ja aus, als hättest du gerade ein Gespenst gesehen.«

»Danke, mir geht’s gut«, erwiderte Rupert ungehalten. »Ich habe mir bloß eben die Wangen gepudert. Das ist in Frankreich jetzt der letzte Schrei.«

Lord Lilywhite hob die Brauen, sagte aber nichts.

»Ich weiß jetzt endlich, was ich mal werden will«, verkündete Rupert. »Seefahrer!«

»Das ist ja wunderbar!« Lord Lilywhite war hocherfreut. Er hatte schon befürchtet, dass sich sein Sohn nie für einen Beruf entscheiden würde. »Ich habe bei der Marine ein paar gute Freunde. Die können dafür sorgen, dass du rasch Karriere machst.«

»Bei der Marine?« Rupert war pikiert. »Ich gehe doch nicht zur Marine! Bin ich vielleicht irgendein dahergelaufener Bauer? Ich will ein berühmter Entdecker werden! Du sollst mir ein Schiff kaufen, damit ich unbekannte Länder entdecken kann.«

»Aha.« Lord Lilywhite rieb sich die Augen.

»Außerdem brauche ich einen Titel«, fuhr Rupert fort. »Nur so lange, bis mich der König zum Ritter schlägt.«

»Nun, wenn du ein eigenes Schiff befehligst, bist du damit zwangsläufig Kapitän.«

»Kapitän?« Rupert ließ die Bezeichnung auf sich wirken. »Ich dachte da doch an etwas Pompöseres. ›Admiral‹ würde mir entschieden besser gefallen.«

Da nun Lord Lilywhite ein ausgesprochen wohlhabender Geschäftsmann war, und da er Rupert für das Genialste seit der Erfindung des Rades hielt, gab er den Bau eines Schiffes in Auftrag. Zudem hatte Lord Lilywhite auch in Europa viele Bekannte. Der eine war zufällig mit Christoph Kolumbus befreundet und wusste zu sagen, dass der berühmte Entdecker bald nach England käme, um eine Schiffsbesatzung für seine nächste Unternehmung anzuheuern. Der Bekannte arrangierte für Rupert ein Treffen mit Kolumbus, damit er sich von ihm erzählen lassen konnte, wie man Entdecker wurde.

Als Rupert jedoch mit Kolumbus bekannt gemacht wurde, holte er nicht etwa dessen Rat bezüglich der Segelkunst oder des Navigierens ein, sondern ließ sich lang und breit darüber aus, wie reich und berühmt er demnächst sein würde, wenn er erst einmal einen neuen Kontinent entdeckt hatte. Er prahlte auch mit dem Schiff, das eigens für ihn gebaut wurde.

»Es wird aus massiver Eiche gefertigt«, verkündete er. »Der Großmast wird länger als der jedes anderen Schiffes in der Geschichte der, äh … großen Schiffe. Und meine Kajüte wird die luxuriöseste aller Zeiten. Sie wird mit feinstem Hirschleder ausgeschlagen.«

»Gewiss doch«, erwiderte Christoph Kolumbus. (Er war zwar Italiener, beherrschte aber viele Sprachen.) »Und was für eine Mannschaft wollt Ihr anheuern?«

»Was für eine Mannschaft? Ach, ich suche mir einfach am Hafen irgendwelche Seeleute zusammen – Vater hat mir reichlich Geld gegeben. Übrigens wird mein Schiff die göttlichste aller Galionsfiguren besitzen.«

»Aha.« Christoph Kolumbus gähnte verstohlen. »Auf welchen Namen wollt Ihr Euer Prachtschiff denn taufen?«

»Ach, auf keinen gar zu pompösen, Bescheidenheit ist schließlich eine Zier.« Ein zufriedenes Lächeln umspielte Ruperts Lippen. »Wahrscheinlich taufe ich es auf einen sträflich untertriebenen Namen, zum Beispiel ›Der Glorreiche Unerschrockene Rupert Lilywhite‹

»Das klingt allerdings, äh, ausgesprochen bescheiden«, entgegnete Kolumbus. »Darf ich Euch einen Vorschlag machen?«

»Wenn’s sein muss.«

»Ich finde, ein ausländischer Name würde Eure umfängliche Erfahrung und unbändige Abenteuerlust noch besser charakterisieren.«

Rupert nickte nachdenklich.

»Es gibt da einen spanischen Ausdruck, der Eure Person trefflich beschreibt«, sagte Christoph Kolumbus. »Wie wär’s, wenn Ihr Euer Schiff auf den Namen ›El Tonto Perdido‹ tauft?«

Das hörte sich in der Tat ungemein klangvoll an, fand Rupert.

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2. Kapitel

Hugo Bailey und sein Onkel Walter kamen aus Daisys Hafenteestube und hielten sich die vollen Bäuche. Sie feierten Hugos Geburtstag und hatten soeben zwei gebratene Frettchen und einen ganzen marmeladengefüllten Biskuitkuchen verdrückt.

»In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so gut gegessen«, schnaufte Hugo. »Danke, Onkel Walter.«

»Nun ja, mein Lieblingsneffe wird schließlich nur einmal zwölf.« Walter setzte eine flache Stoffmütze auf. Er hatte buschige weiße Augenbrauen und einen dichten Schnurrbart, der seinen Mund verdeckte. Wenn er lächelte – wie gerade eben –, bebte der Schnurrbart, und er bekam Fältchen um die Augen. Er legte Hugo den Arm um die Schultern und sie schlenderten den kopfsteingepflasterten Kai entlang.

Vor einem prächtigen Schiff hatte sich ein kleiner Menschenauflauf gebildet. Hugo zupfte seinen Onkel am Ärmel. Ein ungewöhnlich blasser Mann war eben im Begriff, vom Bug des Schiffes aus eine Ansprache zu halten.

Rupert Lilywhite hatte eine öffentliche Feier zur Taufe seines nagelneuen Schiffes organisiert, das unbestreitbar ein ausgesprochen eindrucksvolles Fahrzeug war. Es besaß drei gewaltige Masten, von denen der längste über sechzig Meter hoch aufragte. Die Segel knatterten ungeduldig im Wind. Über jedem Segel wehte ein violettes Seidenbanner, das in verschnörkelten Goldlettern die Anfangsbuchstaben ›R. L.‹ trug.

Das Schiff hatte am Bug und am Heck erhöhte Decks, aber das Prachtvollste war die aus Eichenholz geschnitzte Galionsfigur, die stolz aus dem Bug vorsprang. Sie stellte einen Mann dar, der mit herrischer Gebärde ein Schwert schwang, wobei das lange Haar wie eine Mähne hinter ihm herwehte. Der Mann grinste, als lachte er der Gefahr dreist ins Gesicht, und auf seinem Hut prangte ein üppiger Federbusch. Dieses kühne Bildwerk musste nach Ruperts Meinung jeden begeistern, der einen Fuß auf das Schiff setzte. Es war ein geschnitztes Abbild Rupert Lilywhites.

»Freunde und Bewunderer«, hob er an, »wie allgemein bekannt, bin ich der berühmte Entdecker Admiral Rupert Lilywhite …«

In Erwartung einer Runde Beifall legte er eine Kunstpause ein, aber niemand klatschte. Die meisten Anwesenden hatten noch nie von ihm gehört. Sie waren nur vorbeigekommen, weil auf der Einladung zur Schiffstaufe von einem Freigetränk und einem Stück Schweinebraten zu lesen war.

»Was hast du denn schon alles entdeckt?«, rief jemand.

Das überhörte Rupert geflissentlich und fuhr fort: »Darum taufe ich das Schiff hiermit ohne große Umschweife auf den Namen El Tonto Perdido. Möge Gott ihm und seiner ganzen Besatzung allzeit gnädig sein.«

Allgemeine Verwirrung machte sich breit und überall wurde getuschelt.

»Ulkiger Name«, meinte einer.

»Klingt irgendwie ausländisch«, ein anderer.

»Das ist Spanisch«, sagte Onkel Walter, »und heißt ›Der unfähige Trottel‹

»Glaubst du, er braucht noch Seeleute?«, raunte Hugo.

Walter schaute auf ihn hinunter. Sein Neffe strahlte ihn zahnlückig an. Hugos rundes Gesicht war mit Sommersprossen getüpfelt und die blauen Augen leuchteten unter der blonden Lockenmähne vor Eifer. Walter wusste genau, was in seinem Neffen vorging, und das Herz fiel ihm in die Hose.

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Walter Bailey hatte schon an vielen Forschungsreisen zu Wasser und zu Lande teilgenommen. Er war ein erfahrener Kartograf, ein Kartenzeichner, der die ganze Welt bereist und die Ruhmestaten etlicher bedeutender Entdecker mit der Feder festgehalten hatte. Vor vier Jahren jedoch hatte sein Leben eine unerwartete Wendung genommen, als man ihn nämlich aufgefordert hatte, an einer Fahrt unter der Leitung von Bartolomeu Diaz teilzunehmen, der als erster Mensch den südlichsten Zipfel Afrikas umsegeln wollte. Damals hatte Walters jüngerer Bruder Jack in einem kleinen Dorf unweit der Stadt als Tischler gearbeitet. Die Geschäfte liefen schlecht und Jack war mit der Miete im Verzug. Er verdiente kaum genug, um seine Frau und seinen Sohn Hugo zu ernähren, und der Vermieter drohte ihm mit Kündigung. Als Jack hörte, dass Diaz eine Besatzung für seine Unternehmung zusammenstellte, wollte er sich zusammen mit Walter melden. Solche Entdeckungsreisen waren äußerst gefahrvoll, und Jack war klar, dass ihm seine Familie schrecklich fehlen würde, aber die Bezahlung war vielversprechend. Was Jack in einem halben Jahr auf See verdienen könnte, würde ausreichen, um alle seine Schulden zu begleichen und seine Familie mehrere Jahre lang zu ernähren.

Walter versuchte, seinem Bruder diesen Einfall auszureden, denn niemand wusste besser als er, wie schwer und gefährlich das Leben auf See sein konnte, aber Jack ließ sich nicht umstimmen. Daraufhin sprach Walter mit Diaz. Er räumte ein, dass Jack zwar wenig Erfahrung als Seemann hatte, betonte aber, dass er ein begabter Tischler und Zimmermann war und alle Schäden reparieren konnte, die das Schiff auf der beschwerlichen Reise womöglich erlitt. Diaz vertraute auf Walters Empfehlung und nahm Jack mit an Bord.

Ehe Jack losfuhr, schenkte er dem achtjährigen Hugo eine geschnitzte Schachfigur in Gestalt eines Pferdekopfes. Schach war Hugos Lieblingsspiel, und der Springer war seine Lieblingsfigur, weil der sich immer aus den kniffligsten Situationen retten konnte. In den Sockel der Figur waren die Worte »Hilfsbereit, Unerschrocken, Großherzig, Optimistisch« eingeritzt.

»Was bedeutet das?«, erkundigte sich Hugo.

»Tja, was ergeben denn die Anfangsbuchstaben?«

Hugo überlegte. »Hugo!«, sagte er breit lächelnd.

»Richtig.« Sein Vater erwiderte das Lächeln. »Diese vier Eigenschaften machen dich nämlich aus.«

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Von da an trug Hugo den geschnitzten Springer an einer Schnur um den Hals und verbrachte Stunden damit, ihn anzuschauen, obwohl er die Bedeutung der Worte anfangs nicht recht verstand. Wenn er aufgeregt war, spielte er damit herum, und im Schlaf drückte er das Figürchen an die Brust.

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Bartolomeu Diaz fuhr mit zwei Schiffen los. Als sein Kartograf segelte Walter im Flaggschiff voraus, während Jack auf dem Versorgungsschiff Dienst schob. Nach wenigen Monaten hatten sie die tückischen Meere des Südens durchquert und die Spitze Afrikas umsegelt. Diaz taufte sie ›Kap der Guten Hoffnung‹.

Kurz nachdem die Expedition den Heimweg angetreten hatte, gerieten sie in einen fürchterlichen Sturm, den schlimmsten, den die Seeleute je erlebt hatten. Riesenhohe Wellen warfen die Schiffe umher wie welkes Laub, gewaltige Brecher türmten sich über ihnen auf und schlugen brodelnd und schäumend über den Decks zusammen. Die Matrosen flüchteten sich unter Deck und flehten die Meeresgötter um Erbarmen an.

Nach vielen Tagen verzog sich der Sturm und Walter begleitete Diaz an Deck. Im Norden war der Horizont unbewegt – eine gerade, undurchbrochene Linie. Anschließend ließ Walter den Blick nach Süden, Osten und Westen schweifen und ihm dämmerte Schreckliches. Verzweifelt suchte er immer wieder den ganzen Horizont ab, während ihm Panik die Kehle zuschnürte. Aber er konnte beim besten Willen nichts erspähen und seine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich. Das Schwesterschiff war nicht mehr da.

Sie suchten tagelang, aber schließlich mussten sie sich in das Offenkundige fügen. Jacks Schiff war verschollen, höchstwahrscheinlich untergegangen.

Als Walter heimkehrte, ging er geradewegs zu Jacks Frau, um ihr die schlimme Nachricht zu überbringen. Aber in ihrem Haus wohnte inzwischen eine andere Familie, und Walter erfuhr, dass Hugos Mutter kurz nach der Abfahrt ihres Mannes krank geworden war. Die Ärzte hatten ihr Möglichstes getan, hatten sie sogar mit Blutegeln zur Ader gelassen, um die tückische Krankheit auszusaugen, aber es hatte nichts geholfen. Hugos Mutter war gestorben.

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Im Arbeitshaus für Waisen entdeckte Walter den müden, abgemagerten, todtraurigen Hugo. Er hatte eine rote Schwiele in der Handfläche, weil er sein Holzfigürchen jede Nacht fest umklammert hielt. Walter bestand darauf, für seinen kleinen Neffen zu sorgen. Erst war der Waisenhausvorsteher nicht bereit, Hugo gehen zu lassen, weil der Kleine so fleißig arbeitete. Walter machte sich sogar erbötig, die angefallenen Auslagen zu begleichen, doch der Vorsteher verweigerte sein Einverständnis. Erst als Walter sein Angebot drastisch erhöhte und dem Vorsteher praktisch seine gesamten Ersparnisse in Aussicht stellte, willigte der Mann ein, den kleinen Hugo gehen zu lassen.

So kam es, dass Hugo zu seinem Onkel zog. Walter gab das Reisen auf, obwohl man ihm immer wieder verlockende Offerten machte. Er lehnte sogar ab, als ihm Christoph Kolumbus anbot, auf der Santa Maria mitzufahren.

Anfangs hatte Walter das Leben als fahrender Kartenzeichner schmerzlich vermisst und damit einhergehend die beträchtliche Befriedigung, die er empfunden hatte, wenn er wieder einmal eine neue Einzelheit zu der ersten Weltkarte beitragen konnte, die diesen Namen zu Recht trug. Aber er fühlte sich für das Schicksal seines Bruders verantwortlich und hatte sich geschworen, sich um Hugo zu kümmern. Das Seefahrerleben war viel zu gefährlich für einen Jungen in Hugos Alter.

Walter war fest entschlossen, Hugos Neugier auf die Welt jenseits von Englands Küsten im Keim zu ersticken. Jedes Mal wenn ihn sein Neffe nach seinen Abenteuern fragte, wechselte er das Thema. Er hatte alle seine Karten und Schaubilder zusammengesucht und zusammen mit den Kartografeninstrumenten in seinem Arbeitszimmer weggeschlossen.

Seither versuchte Walter, sein täglich Brot mit dem Verkauf von Stadtplänen zu verdienen. Aber das Geschäft lief schlecht. Kein Mensch brauchte eine Karte, um sich hier zurechtzufinden. Es gab nur eine Hauptstraße, und dass man sich verlief, war so gut wie ausgeschlossen.

Ohne regelmäßiges Einkommen und ohne Aussicht auf eine feste Arbeit musste Walter die Miete und Hugos Unterhalt von dem wenigen Ersparten bestreiten, das ihm geblieben war. Das Geld war knapp, aber Walter und Hugo waren zufrieden und glücklich. Walter half Hugo bei den Hausaufgaben, Hugo brachte Walter das Schachspielen bei. Hin und wieder bettelte der Junge, der Onkel möge ihn doch auf eine Forschungsreise mitnehmen.

»Du weißt, was ich von Forschungsreisen halte«, erwiderte Walter jedes Mal, wobei seine freundlichen Augen hinter den runden Brillengläsern aufblitzten. »So etwas ist viel zu gefährlich.«

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Als Essen und Trinken verteilt waren, verlief sich die Menge vor der El Tonto Perdido wieder. Nur Hugo stand noch am Kai und spähte zum Deck empor.

»Warum fragen wir ihn nicht, ob er einen Kartografen braucht?«, wandte er sich an seinen Onkel. »Jetzt, wo ich zwölf bin, brauche ich nicht mehr in die Schule zu gehen. Ich könnte als dein Gehilfe mitfahren.«

Walter lachte gezwungen. »Du tätest weit besser daran, eine Lehre bei einem Bauzeichner oder Schiffsbauer anzutreten«, entgegnete er und zog Hugo weiter. »Außerdem hast du keine Ahnung vom Kartenzeichnen!«

Hugo warf einen letzten Blick auf das Schiff. War es an der Zeit, Onkel Walter die Wahrheit zu gestehen?

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3. Kapitel

Auf dem Heimweg kamen sie an Kuchenverkäufern vorbei, die lautstark ihre Waren anpriesen, und an Kindern, die Fangen und Hüpfkästchen spielten. Eine Menschenmenge hatte sich versammelt, um zuzusehen, wie Schauspieler auf offener Straße ein Stück aufführten, während andere einem Jongleur zujubelten, der seine Kunst mit Holzkugeln vorführte. Vor dem Zunfthaus waren zwei Männer an den Handgelenken an den Pranger gebunden. Die Vorbeigehenden blieben stehen, um sie zu beschimpfen und mit faulem Gemüse zu bewerfen. Hugo überlegte, welches Verbrechen die Männer wohl begangen haben mochten, dass sie solchermaßen bestraft wurden.

Schließlich bogen sie von der Hauptstraße in die enge, schummrige Pfefferkorngasse ab.

Walter schloss die Tür auf und winkte Hugo in das schmale Häuschen.

»Herein in die gute Stube, mein Junge!«

Sie wohnten in einem einfachen Holzhaus mit gestampftem Lehmboden. Eine auf Böcken ruhende Tischplatte mit zwei Sitzbänken nahm fast das ganze Wohnzimmer ein. Des Weiteren gab es zwei kleine Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer, das kaum größer als ein Wandschrank war, sowie ein einziges kleines Fenster mit einer prachtvollen Aussicht auf den offenen Rinnstein, in dem das Abwasser an ihrer Tür vorbeiplätscherte.

Walter kniete sich vor den Kamin und stellte ein paar Holzscheite auf den Rost. Dann schlug er zwei Feuersteine gegeneinander und bald erhellte ein kleines Feuer den Raum. Walter legte eine Steckrübe und ein paar Möhren auf den Tisch und fing an, das Gemüse klein zu schneiden.

»Und wie hätte der gnädige Herr sein Gemüse heute Abend gern zubereitet?«, erkundigte er sich.

»Gekocht bitte, wie immer«, erwiderte Hugo schelmisch.

»Aber selbstverständlich, der Herr.« Walter rang sich ein Schmunzeln ab, doch er schämte sich für die Verhältnisse, in denen sie leben mussten. Seit Wochen hatte er keinen Stadtplan mehr verkauft, und seine Ersparnisse, von denen sie jahrelang gezehrt hatten, gingen rasant zur Neige. An Bord eines Schiffes würde Hugo zumindest regelmäßige Mahlzeiten bekommen. Obendrein würde der Junge die Welt sehen, nicht nur den Rinnstein vor der Tür. Aber Walter seufzte bloß. Er wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass noch ein Verwandter auf See umkam.

In dieser Nacht wachte Hugo kurz nach Mitternacht auf. Er trippelte auf Zehenspitzen an Walters Schlafzimmer vorbei und um den Tisch herum. Es war stockfinster, aber Hugo unternahm eine solche nächtliche Wanderung nicht zum ersten Mal und hätte sich auch mit geschlossenen Augen zurechtgefunden. Geräuschlos holte er einen großen Steingutkrug vom Regal und stellte ihn auf den Tisch. Dann angelte er einen Schlüssel aus dem Krug und steckte ihn in die verschlossene Tür des Arbeitszimmers. Als er den Schlüssel umdrehte, hielt er den Atem an, aber Klinke und Scharniere waren gut geölt, und die Tür ließ sich öffnen, ohne dass es quietschte. Hugo schloss die Tür hinter sich und zündete eine Lampe an.

Nachdem er bei seinem Onkel eingezogen war, hatte sich Hugo monatelang mit der Frage beschäftigt, was sich hinter der verschlossenen Tür verbergen mochte. »Nichts, was dich etwas anginge«, hatte Onkel Walter stets geantwortet.

Hugo hatte den Schlüssel per Zufall entdeckt, als er eine verlorene Schachfigur suchte. Die Neugier hatte ihn noch in derselben Nacht durch die Tür getrieben und ihn seither jede Nacht wiederkommen ...

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