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Pelle und ich sind unterwegs

Inhalt

Mein Schreiben

Charaktere

Alles gut!

In der Gruft

Das Miesepeter-Gesicht

Der Weltenherrscher

Total verluthert

Experimente

an kommen

Sonnen-Leben

Schirmbein

bei den Mühlen

Aus dem Alltag

Public Viewing

In der Halle

Pult 7

Parallelwelten

In der Waschstation

Heute stimmt etwas nicht

Im Luftkurort

Orangefarbene Alphatiere

Die neue Marilyn

Tante Emma lässt grüßen

Hel und Rom

In Gedanken auf Reisen gehen

Pelle und ich sind unterwegs

Im Hades

Rekorde

Quatsch4.0

Aus meiner Bio

Aulus ist tot

Opa

Tante

Zum Achtzigsten

Der Riesenvogel

Meine Kurse

Mein Schreiben

Wenn mich nicht alles täuscht, stammt mein erster Text aus dem Jahr 2004. Zwei meiner Kinder warteten auf eine Eisenbahnfahrt durch unseren Schlossgarten. Ich sinnierte in Sichtweite über das Erwachsenwerden, vielleicht auch über das eigene Altern. Wer das erste Mal seine Gedanken zu Papier bringt, ist unglaublich stolz und verliebt in die eigenen Ergüsse. Es gibt das Von-der-Seele-Schreiben, das biografische Schreiben, es gibt das unterhaltende Schreiben und das ernsthafte, dokumentarische, journalistische etc. Schreiben.

In einem Buch über literarisches Schreiben fand ich den eindrücklichen Satz: „Niemand interessiert sich für dich, kein bisschen.“ Wenn wir uns zu einem Leseabend aufmachen, wollen wir nicht die unendlich traurigen Gedanken eines enttäuschten Liebhabers hören (am besten in Versform), oder den totkranken Freund der Autorin begleiten müssen bis zum bitteren Ende. Wir wollen auch nicht wissen, wie sich der Autor (idealerweise durch das Schreiben) selber heilte oder zu sich fand.

Und so bin ich bei einer – wie ich finde - sehr effektiven literarischen Form gelandet: der Kurzgeschichte. Ich hatte bemerkt, dass beim Vorlesen meiner Texte geschmunzelt, manchmal auch gelacht wurde. So entstand die Idee, mit meinen Geschichten zu unterhalten. Intelligent und literarisch ansprechend wollte ich aus dem Alltag, von skurrilen Charakteren oder seltsamen Situationen erzählen und damit gleichzeitig mich und meine Zeit vor dem Vergessen bewahren. Manche meiner Geschichten sind biografisch angehaucht, sie sind mir besonders wertvoll.

Interessant ist, dass ich nur mit Papier und Stift kreativ sein und meinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Wenn ich am PC sitze, bin ich sofort im Korrekturmodus, was den Schreibfluss ständig unterbricht. Aber: jeder muss seine Art zu schreiben finden.

Geschichten ins Reine zu bringen, kann dauern. Es macht mir tatsächlich Spaß, immer wieder an einem Text zu feilen, bis er mir sprachlich perfekt erscheint.

Romane? Meine Meinung hierzu ist eindeutig: zu zeitaufwändig, zu viel Recherche, zu viel gedankliche Vorarbeit, zu unsicher der Erfolg. Also bleibe ich bei Kurzgeschichten. Meine Besten möchte ich in diesem Buch vorstellen.

Norbert Willimsky

November 2018

Charaktere

Alles gut!

Schon wieder schlägt eine Tasse klingend gegen eine andere. Ich liege im Bett. Auf dem provisorischen Nachttischbrett sammeln sich Gefäße aller Art. Ich versuche meine Erkältung auszuschwemmen, sie wegzuspülen. Die Nase ist ein roter Zinken, die Haut um sie herum muss bereits offen liegen. Jedes Schnäuzen in ein Taschentuch ist eine echte Herausforderung. Wär ich doch nicht mitgegangen.

„Alles gut“, höre ich Sören sagen, wenn ich an ihn denke. „Du legst dich für ein paar Tage ab und danach geht es ganz entspannt weiter. Wo ist dein Problem?“ Beruhigungspillen dieser Art würde er mir verschreiben, wenn ich ihn jetzt an die Strippe bekäme. Nur leider: nichts ist gut. Unsere Gipfeltour war ein Reinfall, etwas was auch ein Sören nicht schönreden kann. Wegen dieser Tour liege ich jetzt hier und reihe leere Tassen aneinander.

Punkt 7:00 Uhr stand er auf der Matte, das heißt vor meiner Wohnungstür. Mit Skiern, Snowboard und allem, was dazugehört. Draußen war es noch dunkel. Sören ist ein engagierter Skifahrer. Für mich blieb keine Muße, weder zum Aufstehen, noch zum Packen, noch zum Frühstücken. Sörens Vorgabe: um 9:00 Uhr mit Öffnung der Lifte auf der Piste stehen. Jede Minute zählte für ihn, wenn er im Schnee unterwegs war.

„Ich habe noch nicht einmal gefrühstückt“, sagte ich mit einem Hauch von Anklage. „Kein Problem, alles gut“, sagte Sören. „Holen wir auf der Piste nach. Kannst du bitte die Heizung aufdrehen?“ Das ging leider nicht. Die Autoheizung hatte kürzlich ihren Geist aufgegeben. Sören legte sich seinen Prinzipien folgend eine zweite Zwiebelhaut um. Irgendwann ging mein Gerotze los. An eine Aufwärmpause war nicht zu denken. Wenn wir noch eine freie Stelle am Parkplatz ergattern wollten, mussten wir dranbleiben. Draußen kletterten die Minusgrade in den zweistelligen Bereich. Langsam wurde es Tag.

Einmal griff Sören in das Fahrgeschehen ein. Ich solle nicht so nah auffahren, bat er mich. Er werde sonst furchtbar nervös. Als ich kurz darauf zu ihm rüber sah, schien er sich beruhigt zu haben. „Alles gut“, flüsterte er.

Aus Neun-Uhr-auf-der-Piste-stehen wurde natürlich nichts. Wir hatten das Interesse der anderen Skifahrer unterschätzt. Während ich von der Polizei eskortiert den übervollen Parkplatz in Richtung Bergstraße zurückfahren musste, schwoll die Autoschlange am Straßenrand rasend schnell an. Alles war in Bewegung. Wir würden unsere Skier ewig weit tragen müssen, soviel stand fest. Und das bei Minusgraden und in Skischuhen. „Die hinter uns haben es noch schlimmer erwischt“, sagte Sören. „Alles gut.“ Er klopfte mir beruhigend auf die Schulter. „Dieser Andrang war nicht absehbar.“

Während wir unter der geöffneten Heckklappe saßen, von parkenden Wagen umstanden, vom langsam vorbeirollenden Verkehr regelrecht eingedampft, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich die Skihose und die dicken Skihandschuhe in der Eile vergessen hatte.

„Kein Problem“, sagte Sören. „Du wirst dich öfter wo reinsetzen und ich drehe meine Runden. Alles gut.“

„Sag‘ doch nicht immer ALLES GUT“, schrie ich Sören an. „Nichts ist gut! Alles heute ist richtig scheiße gelaufen. Und darüber möchte ich mich aufregen dürfen, verstehst du? Nichts ist gut!“

„Schon recht“, sagte Sören. „Es gibt nichts, was uns wirklich aus dem Tritt bringt. Und wenn eine Lawine abgeht, werden wir einen Weg nach draußen finden. So denke ich wenigstens.“

„Alles gut“, gab ich mich geschlagen. „Passt schon, lass uns hier wegkommen, sonst ersticke ich noch.“

An diesem Tag, an dem nichts gut war, sondern alles schiefging, muss ich mir diese üble Erkältung eingefangen haben, weswegen ich jetzt hier liege. Plötzlich klingelt das Handy. Es ist Sören, und ich weiß, was er gleich sagen wird.

(nw, 04.01.2014)

In der Gruft

Die Geschichte erschien im "Neuen Karlsruher Lesebuch", 1. Auflage 2010.

Mit leisen, ehrfürchtigen Schritten nimmt die Besuchergruppe die steinernen Stufen, hinab in die Gruft. Ein kühler Lufthauch schlägt den sommerlich Gekleideten entgegen. Es riecht nach Tod. Nach jahrhundertealtem Tod.

Das Gemäuer ist schlicht. Die Beleuchtung schummrig. Sarkophag steht neben Sarkophag. Die Zwischenräume sind eng. Die rüstige Mittsechzigerin, die die Gruppe anführt, postiert sich neben einem schweren Exemplar vorne in der Gruft. Sie legt eine Hand besitzergreifend auf die dunkle Bronze. „Wir befinden uns hier in der Grablege des sächsischen Fürstengeschlechts. Beginnen wir mit dem Jüngsten, dem zuletzt Verstorbenen. Friedrich August der Dritte soll bei einem Badeunfall vor Ausbruch des 2. Weltkriegs ums Leben gekommen sein.“ Betretenes Schweigen herrscht in der Gruft. „Ich aber sage Ihnen“, sie senkt verschwörerisch ihre Stimme wie hunderte Male zuvor an dieser Stelle, „es war kein Unfall.“ Die Gruppe hält den Atem an. „Es war Mord! Auch wenn die Wissenschaft den letzten Beweis schuldig geblieben ist.“ Ein graues Haarbüschel fällt ihr ins Gesicht. Sie wischt es zur Seite, während sie erregt die Beweggründe ihrer Theorie erläutert.

Irgendwann unterbricht sie ihre Ausführungen und lässt die Gruppe – so scheint es – kopflos zurück, um Augenblicke später mit einer geschickten Wende zwischen zwei prunkvollen Sarkophagen stehenzubleiben. „Und? Wen haben wir denn da?“ fragt sie ohne eine Antwort abzuwarten. „Ich hatte es oben bereits erwähnt.“ Mit der flachen Hand klatscht sie auf den kalten Stein zu ihrer Rechten. „Hier liegt der Gründerfürst der Residenz. Und da seine Gemahlin.“ Ein weiteres Klatschen identifiziert den zweiten betroffenen Sarg. „Maria Josepha war eine fortschrittliche Frau, eine Mäzenin, ein Glücksfall für Elbflorenz, wie Dresden auch genannt wird.“ Dann senkt sie ihren Blick und streicht über Friedrichs Sarg. „Friedrich August war Kurfürst von Gottes Gnaden. Den Kurfürsten alleine war es vorbehalten den König zu wählen.“ „Friedrich!“ ruft sie anerkennend, während sie das graue Haar aus ihrem Gesicht streicht. „Wir sind stolz auf dich!“

Oben im 52 Meter langen Mittelschiff neben der Benno-Kapelle ohne Kuppelfries war die Besuchergruppe bereits behutsam in die Todesproblematik eingeführt worden. Dort hatte sie die jüngsten Tode erläutert, die in der Hofkirche gestorben worden waren. Mit zerbarsten Lungenflügeln soll der Pastor nach den verheerenden Luftangriffen auf Dresden aufgefunden worden sein. Der übermäßige Druck sei es gewesen, der seine inneren Organe zerfetzt habe. Er sei ohne jede Chance gewesen, erklärte sie der Besuchergruppe mit Trauermine.

In der Gruft erläutert sie die Inhalte der restlichen Sarkophage. Sie erwähnt die einzelnen Friedriche und Auguste. Sie macht aufmerksam auf die kleineren Särge. Kinder zumeist, die in jungen Jahren zwar, aber immerhin fürstlich gestorben seien. Sie erwähnt das alles vernichtende Hochwasser vor wenigen Jahren und lässt die Sarkophage vor den Augen der Besucher von ihren Sockeln abheben und - geführt von ihrer Hand - durch die Gruft schwimmen. Manche Särge seien nach dem Rückzug des Hochwassers geöffnet worden. Mit eigenen Augen habe sie die fürstlichen Schädel, Schlüsselbeine und Beckenknochen gesehen, sagt sie stolz, wobei sie mit den Händen die betroffenen Partien am eigenen Körper markiert.

„Aber jetzt“, sagt sie aufgeregt, „kommt das Beste.“ „Haben wir junge Frauen unter uns?“ Sie schaut sich um. „Kommen Sie doch einmal nach vorne.“ Sie bahnt den Verschüchterten einen Weg durch die Gruppe. „Den Rest der Besucher möchte ich bitten aufmerksam zu sein.“ In der Gruft wird es totenstill. „Hier“, sagt sie triumphierend und streicht ihre Haare aus dem Gesicht, „hier in dieser Kapsel befindet sich das Herz August des Starken.“ Pause. „Hören Sie genau hin!“ Die Besuchergruppe lauscht gebannt. Manche haben die Hand an die Ohrmuschel gelegt. „Man sagt“, flüstert sie in die Stille, „wenn ein junges Mädchen vorbeilaufe, fange das Herz wieder zu schlagen an. Hören Sie es?“

Mit der Bitte um eine Spende stellt sie sich abschließend an den Ausgang der Gruft, wo sie jeden Passierenden eindringlich mustert und jede klingende Münze dankbar würdigt.

(nw, 21.04.2009)

Das Miesepeter-Gesicht

Das musst du erzählen, wie du morgens, noch vor acht, vor dem Geschäft in der Kälte stehst, ausharrend, fröstelnd, Hände reibend, der aufkommende Herbst ist nicht mehr zu leugnen, die Zeit der ersten Handschuhe, das defekte Rennrad an die Wand dieses alt-ehrwürdigen Hauses gelehnt, mit seiner breiten Fensterfront und Glastüre, das in früherer Zeit wohl Wäscherei, Krämerei oder Bäckerei gewesen sein muss und heute eben Fahrradladen ist, mitten in einer kleinen Siedlung, eingeklemmt zwischen zwei Hauptverkehrsachsen, gegenüber einem Altenheim, einem kühlen zweckmäßigen Bau, daneben die Grundschule im alten Sandstein-Gewand, Schulkinder mit riesigen Ranzen auf schmächtigen Rücken und ein paar Handy quatschende Eltern passieren die Szene, und immer wieder Taxen, die vor dem Heim halten, um eine altertümliche Last aufzunehmen, nicht weit entfernt, das Hupen der Ungeduldigen, das Klingeln der Bahnen, das An- und Abfahren mit quietschenden Reifen, der allmorgendliche Kollaps, während weitere Kunden nach und nach eintreffen, und drinnen im Ladengeschäft noch alles dunkel ist, der Eingang von einem Zweirad blockiert, im Schaufenster - hängend - Rad an Rad aneinander gereiht, die Crème de la Crème ...

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