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Pelé – Warum Fußball?

Inhalt

Vorwort

Brasilien 1950

Schweden 1958

Bildstrecke

Mexiko 1970

USA 1994

Brasilien 2014

Danksagungen

Vor meinem inneren Auge sehe ich noch immer meinen ersten Fußball.

Eigentlich war es ja nur ein zusammengebundenes Bündel Socken. Meine Freunde und ich „borgten“ sie uns von den Wäscheleinen der Nachbarn und kickten sie dann stundenlang durch die Gegend. Wir rannten laut krakeelend durch die Straßen und kämpften um diesen „Ball“, bis die Sonne unterging. Wie ihr euch denken könnt, waren manche Leute in der Nachbarschaft nicht allzu glücklich über unser Treiben! Wir aber waren verrückt nach Fußball und zu arm, um uns etwas anderes leisten zu können. Immerhin fanden die Socken stets zurück zu ihren Besitzern, obwohl sie dann ein wenig schmutziger als zuvor waren.

Später übte ich mit Grapefruits oder ein paar alten Spüllappen, die ich zu Bällen formte, oder auch einfach mit Abfall. Ich war schon fast ein Teenager, als wir schließlich mit echten Bällen zu spielen begannen. Während meiner ersten Weltmeisterschaft, die ich 1958 als Siebzehnjähriger bestritt, spielten wir mit einfach genähten Lederbällen – aber sogar die wirken mittlerweile wie Relikte. Immerhin hat sich das Spiel seither stark verändert. 1958 mussten Brasilianer einen Monat warten, bis sie das Finale zwischen Brasilien und den Gastgebern Schweden in der Wochenschau sehen konnten. Im Vergleich dazu sahen 3,2 Milliarden Menschen – ungefähr die Hälfte der Weltbevölkerung – das Finale der letzten Weltmeisterschaft zwischen Spanien und den Niederlanden via Fernsehen und Internet. Ich denke, es ist kein Zufall, dass die heutigen Bälle glatte, synthetische und bunte Kugeln sind, die in Windkanälen auf ihre Flugeigenschaften getestet werden. Auf mich wirken sie eher wie außerirdische Raumschiffe als etwas, gegen das man treten sollte.

Ich denke an all diese Veränderungen und sage mir: Mann, bin ich alt! Auch staune ich über die globalen Entwicklungen auf unserer Erde, die ich größtenteils positiv bewerten möchte. Wie konnte ein armer schwarzer Junge aus dem ländlichen Brasilien, der in staubigen Straßen gegen zusammengerollte Strümpfe und Gegenstände aus dem Müll trat, sich in das Zentrum eines weltweiten Phänomens spielen, für das sich Milliarden von Menschen begeistern?

In diesem Buch versuche ich einige der beeindruckenden Veränderungen und Ereignisse zu beschreiben, die meine Reise ermöglichten. Ich werde auch davon berichten, wie Fußball dazu beigetragen hat, die Welt zu einem etwas besseren Ort zu machen, indem er die Menschen zusammenbringt und benachteiligten Kindern wie mir Lebenssinn und ein Gefühl des Stolzes vermittelt. Dies ist keine herkömmliche Autobiografie, da ich nicht von allem, was mir je passiert ist, berichte. Stattdessen versuche ich, meine Geschichte als Spieler und als Mensch mit jener des Fußballs sowie der Welt im Allgemeinen zu verknüpfen. Daher konzentriere ich mich auf fünf verschiedene Weltmeisterschaften: Ich beginne mit jener Endrunde 1950, die in Brasilien stattfand und bei der ich noch ein kleiner Junge war, und schließe mit dem Turnier, das Brasilien voller Stolz 2014 ausrichtet. Diese Weltmeisterschaften markieren aus verschiedenen Gründen Meilensteine in meinem Leben.

Ich erzähle diese Geschichten voller Demut und großer Dankbarkeit. Ich danke Gott und meiner Familie für ihre Unterstützung. Ich danke all jenen Menschen, die sich die Zeit nahmen, mir auf meinem Weg beizustehen. Und ich danke auch dem Fußball, dem schönsten aller Spiele, dafür, dass er einem schmächtigen Jungen namens Edson erlaubte, sein Leben als „Pelé“ zu leben.

Edson Arantes do Nascimento, „Pelé“,

Santos, Brasilien, September 2013

kapitel.pdf

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„Gooooooooollllllllllll!!!!!!!!“

Wir lachten. Wir schrien. Wir hüpften auf und ab. Meine ganze Familie hatte sich in unserem kleinen Haus versammelt. Alle Familien im ganzen Land taten es uns gleich.

450 Kilometer entfernt kämpfte das mächtige Brasilien vor einem lautstarken Heimpublikum in Rio de Janeiro im Endspiel der Weltmeisterschaft gegen das winzige Uruguay um den Titel. Unser Team war der Favorit. Unsere Zeit war gekommen. Und in der zweiten Minute der zweiten Halbzeit entkam einer unserer Angreifer, Friaça, seinem Gegenspieler und schoss flach und scharf in Richtung Tor. Der Ball flog am Torwart vorbei ins Netz.

Brasilien – Uruguay 1:0.

Es war wunderschön – obwohl wir das Tor nicht mit eigenen Augen sehen konnten. Es gab kein Fernsehen in unserer kleinen Stadt. Um genau zu sein: Die allerersten Fernsehübertragungen Brasiliens fanden während genau dieser Weltmeisterschaft statt – aber nur in Rio. Also mussten wir uns, so wie die meisten Brasilianer, mit dem Radio begnügen. Meine Familie hatte ein gigantisches Gerät, das rechteckig war und runde Knöpfe sowie eine V-förmige Antenne besaß. Es stand in der Ecke unseres Wohnzimmers, in dem wir nun wie verrückt herumsprangen und johlten.

Ich war erst neun Jahre alt, aber ich werde dieses Gefühl nie vergessen: die Euphorie, den Stolz und die Vorstellung, dass meine beiden größten Lieben – Fußball und Brasilien – sich nun im Sieg vereinen würden. Ich erinnere mich an meine Mutter und ihr Lächeln. Und an meinen Vater, meinen Helden, der so rastlos in diesen Jahren war, getrieben von seinen eigenen zerbrochenen Fußball-Träumen, wie er plötzlich wieder jung war und von Freude überwältigt seine Freunde umarmte. Es sollte genau 19 Minuten lang so bleiben.

Wie Millionen andere Brasilianer musste auch ich erst noch eine harte Lektion lernen: Im Leben, wie im Fußball, ist nichts vorbei, bevor der Schlusspfiff ertönt.

Ach, aber wie hätten wir das auch wissen können? Wir waren ein junges Volk, eine junge Nation, die ein junges Spiel spielte.

Unsere Reise hatte gerade erst begonnen.

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Vor diesem Tag, dem 16. Juli 1950, einem Datum, an das sich jeder Brasilianer wie an den Tod eines geliebten Menschen erinnert, wäre es schwer denkbar gewesen, dass es etwas gäbe, das unser ganzes Land zusammenbringen könnte.

Die Brasilianer wurden damals durch viele Dinge getrennt – die enorme Größe unseres Landes etwa. Unsere kleine Stadt namens Baurú, die hoch auf einem Plateau im Staat São Paulo liegt, schien eine ganze Welt von der glamourösen Strand-Metropole Rio, in der das entscheidende Spiel ausgetragen wurde, entfernt zu sein. Rio war ganz Samba, Tropenhitze und Bikini-Girls – eben das, was sich Leute in aller Welt vorstellen, wenn sie an Brasilien denken. In Baurú hingegen war es am Spieltag so kühl, dass Mama sich entschloss, den Ofen in unserer Küche anzufeuern – ein Aufwand, von dem sie sich erhoffte, dass er unsere Gäste vor dem Erfrieren bewahren würde.

Wenn wir uns schon weit weg von Rio fühlten, so kann ich mir nur vorstellen, wie es meinen brasilianischen Landsleuten im Amazonasgebiet, den riesigen Sümpfen des Pantanal oder der felsigen, kargen Sertão im Nordosten gegangen sein muss. Brasilien ist größer als die kontinentalen USA, und damals fühlte es sich sogar noch größer an. Damals konnten sich nur die Reichen Autos leisten. Es gab auch nur wenige asphaltierte Straßen, auf denen man mit ihnen hätte fahren können. Jemals etwas anderes als unsere Heimatstadt zu sehen, war ein vager Traum, der nur für wenige wahr wurde. Ich sollte erst mit 15 zum ersten Mal das Meer sehen, geschweige denn ein Mädchen im Bikini!

Aber in Wahrheit war es nicht nur die Geografie, die uns trennte. Brasilien, das auf vielerlei Arten ein reicher Ort ist, der mit Gold und Öl und Kaffee und Millionen von anderen Gaben gesegnet ist, kam einem oft wie zwei verschiedene Länder vor. Die Tycoone und Politiker in Rio hatten ihre Villen, ihre Pferderennbahnen und ihre Strandurlaube. Auf der anderen Seite hatte in jenem Jahr, 1950, als Brasilien zum ersten Mal die WM veranstaltete, gut die Hälfte der Bevölkerung nicht ausreichend zu essen. Nur jeder Dritte konnte gut lesen. Mein Bruder, meine Schwester und ich gehörten zu jener Hälfte, die üblicherweise barfuß ging. Diese Ungleichheit war in unserer Politik, unserer Kultur und unserer Geschichte verwurzelt – ich war ein Teil der erst dritten Generation meiner Familie, die als freie Menschen zur Welt gekommen war.

Viele Jahre später, nach meiner aktiven Karriere, traf ich den großen Nelson Mandela. Von den vielen Menschen, die ich kennenlernen durfte – darunter Päpste, Präsidenten, Könige und Hollywood-Stars – beeindruckte mich keiner mehr als er. Er sagte: „Pelé, hier in Südafrika gibt es viele unterschiedliche Menschen, die viele verschiedene Sprachen sprechen. In Brasilien gäbe es so viel Reichtum und nur eine einzige Sprache, Portugiesisch. Wie kommt es, dass dein Land nicht reich ist? Warum ist dein Land nicht geeint?“

Ich konnte ihm damals keine Antwort geben und habe auch heute nicht wirklich eine. Aber während meines 73-jährigen Lebens konnte ich den Fortschritt verfolgen. Und ich denke, dass ich weiß, womit es anfing.

Die Menschen können den 16. Juli 1950 verfluchen, so viel sie wollen. Ich habe Verständnis dafür. Aber ich glaube, dass wir Brasilianer uns an diesem Tag auf unsere lange Reise zu einer größeren Geeintheit begaben. Damals versammelte sich unser ganzes Land um das Radio, feierte und litt gemeinsam. Zum ersten Mal als eine Nation.

An jenem Tag begannen wir, die wahre Kraft des Fußballs zu begreifen.

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Meine frühesten fußballerischen Erinnerungen drehen sich um spontane Spielchen auf unserer Straße, die zwischen kleinen Backsteinhäusern und Schlaglöchern auf der Fahrbahn stattfanden. Ich schoss Tore, lachte wie ein Verrückter und rang nach kalter, schwerer Luft. Wir spielten stundenlang, bis unsere Füße wehtaten, die Sonne unterging und unsere Mütter uns nach Hause riefen. Keine schmucke Ausrüstung, keine teuren Trikots. Nur ein Ball – oder eben etwas Ähnliches. Darin liegt viel der Schönheit dieses Spiels.

Fast alles, was ich mit dem Ball anstellte, lernte ich von meinem Vater, João Ramos do Nascimento. Praktisch jeder in Brasilien kannte ihn auch unter seinem Spitznamen – „Dondinho“.

Dondinho stammte aus einer Kleinstadt im Staat Minas Gerais, was auf Deutsch „Allgemeine Minen“ bedeutet. Dort wurde in den Kolonialzeiten der Großteil von Brasiliens Gold gefördert. Als Dondinho meine Mutter Celeste kennenlernte, leistete er gerade seinen Wehrdienst ab. Sie ging damals zur Schule. Sie heirateten, als sie gerade mal 15 war. Mit 16 war sie mit mir schwanger. Sie gaben mir den Namen „Edson“ nach Thomas Edison, da 1940, als ich geboren wurde, die elektrische Glühbirne erst kürzlich Einzug in ihre Stadt gehalten hatte. Sie waren davon so beeindruckt, dass sie sich mit meinem Namen vor dem Erfinder verneigen wollten. Obwohl sich herausstellte, dass sie einen Buchstaben ausgelassen hatten, gefällt mir mein Name sehr.

Dondinho nahm seinen Dienst in der Armee sehr ernst, aber sein Herz gehörte dem Fußball. Er war über einen Meter achtzig groß, ein Hüne für brasilianische Verhältnisse, und sehr versiert am Ball. Er war besonders kopfballstark. Einmal gelangen ihm während eines Spiels unglaubliche fünf Treffer per Kopf. Das dürfte wohl noch immer ein nationaler Rekord sein. Jahre später erzählten sich die Leute, nicht ganz ohne zu übertreiben, dass der einzige brasilianische Tor-Rekord, den Pelé nicht innehat, von seinem Vater gehalten wird.

Es war sicher kein Zufall. Ich bin sicher, dass Dondinho einer der besten brasilianischen Spieler hätte sein können. Er bekam nur nicht die Chance, es unter Beweis zu stellen.

Als ich geboren wurde, spielte mein Vater auf halbprofessioneller Ebene in einer Stadt in Minas Gerais namens Três Corações, was „Drei Herzen“ bedeutet. Ehrlich gesagt verdiente er nicht sehr gut dabei. Ein paar der großen Clubs bezahlten damals ganz gut, aber die große Mehrheit tat das nicht. Fußballspieler waren mit einem gewissen Makel behaftet – so wie auch Tänzer, Künstler oder jeder andere Beruf, dem Menschen aus Liebe und nicht wegen des Geldes nachgehen. Unsere junge Familie zog von Stadt zu Stadt, von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck. Einmal lebten wir ein ganzes Jahr im Hotel, aber nicht in einem sehr luxuriösen. Später scherzten wir, dass es ein Null-Sterne-Resort für Fußballer war – genauso wie für Handelsreisende und Penner.

1942, kurz vor meinem zweiten Geburtstag, sah es so aus, als würden sich die Entbehrungen bezahlt machen, als würde Dondinho der Durchbruch gelingen. Er erhielt ein Angebot von Atlético Mineiro, dem größten und reichsten Verein in Minas Gerais. Es wäre ein Fußball-Job gewesen, mit dem er die ganze Familie hätte ernähren können, vielleicht sogar mehr als das. Mein Papa war 25, er hatte seine Karriere also noch vor sich, aber in seinem ersten Match gegen São Cristóvão, einem Team aus Rio, ereilte Dondinho ein Schicksalsschlag. Er krachte in vollem Tempo gegen einen gegnerischen Verteidiger namens Augusto.

Das war nicht das Letzte, was man von Augusto hören sollte. Er erholte sich und setzte seine Karriere fort. Traurigerweise war dieser Vorfall aber auch so etwas wie der Höhepunkt in der Spielerlaufbahn meines Vaters. Sein Knie war irreparabel beschädigt. Es waren die Bänder, vielleicht der Meniskus. Ich schreibe „vielleicht“, da es damals noch keine Kernspintomographie gab. Eigentlich gab es damals auch noch gar keine nennenswerte Sportmedizin in Brasilien. Wir wussten oft nicht, was nicht mit uns stimmte, und schon gar nicht, was wir dagegen hätten tun können. Wir packten einfach Eis auf unsere schmerzenden Körperteile, lagerten sie hoch und hofften auf das Beste. Ich muss wohl nicht hinzufügen, dass Dondinhos Knie nie mehr wirklich heilte.

Da er nicht in der Lage war, ein zweites Spiel zu bestreiten, verlor Dondinho seinen Platz im Kader und wurde zurück zu Três Corações abgeschoben. Damit begannen unsere eigentlichen Wanderjahre, eine Phase, in der meine Familie permanent kämpfen musste, um über die Runden zu kommen.

Sogar wenn es uns relativ gut ging, war es hart. Dondinho war nun oft zu Hause, um sein Knie zu schonen. Er hoffte, dass es wieder irgendwie zusammenwachsen würde und er zurück zu Atlético könnte bzw. sich vielleicht eine andere lukrative Option auftäte. Ich kann ihn gut verstehen. Er hielt diesen Weg für die beste Möglichkeit, seiner Familie ein gutes Einkommen zu bieten. Aber wenn es ihm nicht gut genug ging, kam fast gar kein Geld herein. Und natürlich gab es im Brasilien der 1940er-Jahre auch keine soziale Absicherung. In der Zwischenzeit gesellten sich noch mehr hungrige Mäuler zu uns, mein Bruder Jair und meine Schwester Maria Lucia. Die Mutter meines Vaters, Dona Ambrosina, und der Bruder meiner Mutter, Onkel Jorge, zogen auch zu uns.

Meine Geschwister und ich trugen gebrauchte Kleidung, die manchmal auch aus Getreidesäcken genäht war. Für Schuhe reichte das Geld nicht. An manchen Tagen bestand das einzige Mahl, das uns unsere Mama bieten konnte, aus einem Stück Brot und einer Banane. Dazu vielleicht ein bisschen Reis und ein paar Bohnen, die Onkel Jorge von seiner Arbeit bei einem Gemischtwarenhändler mitbrachte. Nun, damit ging es uns im Vergleich zu sehr vielen Brasilianern ziemlich gut – wir gingen nie hungrig ins Bett. Unser Haus war nicht klein und stand auch nicht in einem Slum – oder einer Favela, um das brasilianische Wort zu benutzen. Aber das Dach war undicht, und Wasser rann während jedes Sturms auf unseren Fußboden. Und dann war da noch die ständige Unruhe, die wir alle, auch die Kinder, verspürten, da wir nicht wussten, woher die nächste Mahlzeit kommen würde. Jeder, der in Armut gelebt hat, kennt diese Unsicherheit, diese Angst, die, sobald sie erst einmal in deine Knochen gekrochen ist, dich nie mehr loslassen wird. Ganz ehrlich, manchmal spüre ich sie heute noch.

Die Dinge wendeten sich zum Besseren, als wir nach Baurú übersiedelten. Papa bekam einen Job in der Casa Lusitania – einem Gemischtwarenhandel, der demselben Mann gehörte, der auch den BAC, den Baurú Athletic Club, besaß. Dieser Club war einer von zwei halbprofessionellen Vereinen in der Stadt. Unter der Woche arbeitete Dondinho als Bote, kochte und servierte Kaffee und verteilte die Post. Was eben so anfiel. Am Wochenende war er der Star-Angreifer des BAC.

Auf dem Feld zeigte mein Papa, wenn er fit war, ansatzweise die Genialität, die ihn einst beinahe bis fast ganz nach oben gebracht hatte. Er schoss viele Tore, womit er BAC zu einem Meistertitel der halbprofessionellen Liga in São Paulo verhalf. Er hatte auch ein gewisses Charisma, eine elegante und fröhliche Art, die er trotz der Rückschläge, die er als Fußballer hinnehmen musste, stets behielt. So ziemlich jeder in Baurú wusste, wer er war. Er war sehr beliebt. Egal, wo ich hinging, kannte man mich als Dondinhos Sohn – ein Titel, auf den ich heute ebenso stolz bin, wie ich es damals war. Aber die Zeiten waren immer noch schwierig. Ich erinnere mich, dass ich mir schon damals dachte, es sei unnütz, berühmt zu sein, wenn man kaum genug zum Überleben verdient.

Vielleicht hätte sich Dondinho nach einer anderen Beschäftigung umsehen können. Aber der Fußball kann sowohl großzügig als auch grausam sein. Diejenigen, die sich von ihm verzaubern lassen, können sich nie mehr wirklich lösen. Als Dondinho merkte, dass sein eigener Traum nicht mehr wahr werden würde, begann er, sich mit Herz und Seele in den Dienst des Traumes eines anderen zu stellen.

- 4 -

„Du glaubst also, dass du was draufhast?“

Ich starrte auf meine Füße und lächelte.

„Kick den Ball hier hin“, sagte er, während er auf einen Fleck an unserer Hausmauer zeigte.

Wenn es mir gelänge zu treffen, was üblicherweise der Fall war, würde er kurz grinsen, nur um dann ganz abrupt wieder ernst zu werden.

„Sehr gut! Jetzt mit dem anderen Fuß!“

Volltreffer!

„Jetzt mit dem Kopf!“

Volltreffer!

So ging das viele Stunden, manchmal bis spät in die Nacht, nur wir zwei, er und ich. Das waren die fundamentalsten Grundlagen: dribbeln, schießen, passen. Wir durften in der Regel nicht auf das örtliche Spielfeld, also nutzten wir die Plätze, die sich uns boten. Das waren unser winziger Innenhof und die Straße, in der sich unser Haus befand, die Rubens-Arruda-Straße. Manchmal erzählte er mir Geschichten von Spielen, die er bestritten hatte. Dann zeigte er mir Tricks, die er gelernt oder selbst erfunden hatte. Gelegentlich erzählte er mir auch von seinem älteren Bruder, einem Mittelfeldspieler, der aber schon mit 25 gestorben war – eine weitere vielversprechende Karriere eines Nascimentos, die nie zur vollen Blüte hatte reifen dürfen.

Meistens ließ er mich fußballerische Grundlagen trainieren. Rückblickend waren einige seiner Übungen ziemlich witzig. So band er etwa den Ball an den Ast eines Baumes und ließ mich stundenlang mit dem Kopf dagegenspringen. Aber das war ein Kinderspiel im Vergleich zu Dondinhos Methode, mir beizubringen, einen Ball richtig ins Tor zu köpfen. Er schnappte sich den Ball und donnerte ihn mir mit voller Wucht immer wieder gegen die Stirn. Er schrie: „Nicht blinzeln! Nicht blinzeln!“ Sein Ansatz war, dass ich lernen müsse, die Augen offen zu halten, um den Ball gut platzieren zu können. Er befahl mir sogar, mir den Ball selbst gegen den Kopf zu knallen, wenn ich alleine sei. Nun, das tat ich dann auch. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie albern das ausgesehen haben muss. Allerdings hielt Dondinho das für sehr wichtig – und er hatte recht. Diese Übung sollte mir später sehr zugutekommen.

Dondinho wollte, dass ich mich neben dem Kopfballspiel auf zwei Fertigkeiten besonders konzentriere: Erstens sollte ich den Ball während des Dribbelns ganz eng am Körper führen und zweitens auf meine Beidfüßigkeit achten.

Warum betonte er diese Dinge? Vielleicht wegen der kleinen Plätze, auf denen wir kickten – den Straßen, Gassen und Höfen von Baurú. Aber womöglich auch, weil meinem Vater auffiel, wie klein und schmächtig ich war. Als Erwachsener sollte ich lediglich einen Meter siebzig groß werden, und es zeichnete sich damals schon ab, dass ich eher kurz geraten würde. Also würde ich ganz anders als Dondinho über keinerlei körperliche Vorteile auf dem Spielfeld verfügen. Da ich meine Gegenspieler weder umrennen noch höher als sie würde springen können, musste ich lernen, den Ball zu einer Verlängerung meines Körpers zu machen.

Dondinho brachte mir alle diese Dinge bei, wobei man anmerken muss, dass dies für ihn durchaus riskant war. Denn meine Mutter verabscheute die Vorstellung, dass ihr ältester Sohn ein Fußballer werden könnte. Und wer konnte ihr das verdenken? Für Dona Celeste war Fußball eine Sackgasse. Es war ein Weg, der in die Armut führte. Sie war eine starke Frau, die stets über uns wachte. Sie bewahrte stets einen klaren Kopf in einem Haushalt voller Träumer. Sie wollte, dass ich in meiner Freizeit für die Schule lernte, damit ich es später zu etwas brächte. Damals wie heute war sie der gute Engel auf unseren Schultern, der uns ermutigte, das Richtige zu tun. Sie wollte ein besseres Leben für uns. Deshalb rügte sie mich jedes Mal scharf, wenn sie mich beim Fußballspielen erwischte. Mitunter nicht nur verbal!

Obwohl sie es nur gut meinte, konnte meinen Vater und mich nichts bremsen. Was hätte sie tun sollen? Wir waren beide infiziert. Und schließlich kam der Zeitpunkt, als Dona Celeste aus dem Haus kam, uns beim Kicken sah, ihre Hände in die Hüften stemmte und resignierend seufzte:

„Wunderbar. Dein ältester Sohn! Komm bloß nicht angerannt, wenn er später hungert statt Medizin oder Recht zu studieren!“

Dondinho legte daraufhin einen Arm um sie und lachte.

„Sorge dich nicht, Celeste. Bis er seinen linken Fuß nicht unter Kontrolle hat, gibt es nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest!“

Der Elternteil, dessen eigene sportlichen Ambitionen zum Scheitern verurteilt waren und der nun eine Tochter oder einen Sohn trainiert, damit sie seine Träume erfüllen, ist eine alte Geschichte – und eine tückische obendrein. Manche Kinder lehnen die Belastung ab, die mit diesen Erwartungen verbunden ist. Andere wiederum drehen angesichts des Drucks einfach durch. Manche wollen nie wieder gegen einen Ball treten.

Ich war da anders, weil ich Fußball einfach liebte. Ich genoss es, den Ball an meinem Fuß und die Sonne in meinem Gesicht zu spüren. Ich schätzte das Gemeinschaftsgefühl eines Teams und die Elektrizität, die durch meine Venen schoss, wenn ich ein Tor erzielte. Aber am meisten liebte ich es, Zeit mit meinem Papa zu verbringen. Während all dieser Stunden, die wir trainierten, dachte Dondinho wohl nie daran, dass ich reich oder berühmt werden würde. Damals zumindest noch nicht. Er liebte einfach nur das verdammte Spiel – und wollte seinem Sohn diese Liebe vermitteln.

Er hatte Erfolg damit. Und ich muss anmerken, dass diese Liebe nie nachgelassen hat. Sie sitzt tief in mir drin, so wie eine Religion oder eine Sprache, die man von klein auf erlernt. Mein Papa ist nicht mehr bei uns. Allerdings kann ich bis heute nicht die Liebe für das Spiel von meiner Liebe zu meinem Vater trennen.

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Im Laufe meines Lebens sollte ich die Ehre haben, in beinahe jedem herausragenden Stadion der Welt auflaufen zu dürfen – darunter das Maracanã in Rio, Camp Nou in Barcelona und sogar das Yankee Stadium in New York City. Aber meine ersten Auftritte absolvierte ich auf der geweihten Erde des „Rubens-Arruda-Stadions“, welches eigentlich kein Spielfeld im herkömmlichen Sinne war, sondern vielmehr die staubige Straße vor unserem Haus in Baurú. Die Kinder aus der Nachbarschaft waren meine ersten Kontrahenten. Alte Schuhe dienten uns als Torpfosten. Die Häuser lagen jenseits der Spielfeldbegrenzung – jedenfalls meistens. Und wenn ein verirrter Schuss eine Straßenlaterne oder ein Fenster in Mitleidenschaft zog, so rannten wir wie die Irren davon, obwohl die Schuld meistens an mir hängenblieb, da ich weithin als der größte Fußballnarr unserer Gruppe galt. Das war der Nachteil daran, Dondinhos Sohn zu sein.

Unsere Spiele unterstrichen meine Behauptung, dass Fußball die Menschen wie keine andere Aktivität zusammenbringe. Für andere Sportarten wie Baseball, Cricket oder American Football braucht man allerlei Ausrüstung und streng organisierte Teams. Das war nichts für arme, chaotische Kinder aus einem Ort wie Baurú. Für Fußball brauchten wir bloß einen Ball. Man konnte eins gegen eins oder elf gegen elf spielen – es war derselbe Spaß.

In meiner Nachbarschaft fanden sich zu jeder erdenklichen Tageszeit mindestens sechs bis zehn Kinder, die spielen wollten. Unsere Mütter waren in der Nähe, damit sie ein Auge auf uns haben konnten. Allerdings gab es nicht viel, worüber sie sich in dieser brasilianischen Kleinstadt der 1940er hätten Sorgen machen müssen – es gab keine Autos, kaum Gewaltverbrechen, und jeder kannte jeden.

Also fand praktisch ständig irgendein Match im Rubens-Arruda-Stadion statt, wenn nicht der Schiedsrichter – also meine Mutter – das Spiel unterbrach.

Eine andere Sache, die den Fußball so toll macht, ist, dass buchstäblich jeder mitspielen kann. Es ist egal, ob jemand klein, groß, stark oder geschickt ist, solange man laufen und schießen kann. Daher zogen unsere Partien alle möglichen Kinder an. Jede unserer Mannschaften war eine Miniaturausgabe der Vereinten Nationen: Da waren syrisch-, portugiesisch-, italienisch-, japanischstämmige Kinder und natürlich viele Afrobrasilianer wie ich.

Auf diese Weise stellte Baurú auch ein gutes Abbild von Brasilien dar, das so viele Immigranten aus der ganzen Welt aufgenommen hatte. Es war ein echter Schmelztiegel, nicht weniger vielfältig als die USA. Nicht viele Ausländer wissen etwa, dass São Paulo die größte japanische Community außerhalb Japans beherbergt. Baurú lag 350 Kilometer von São Paulo entfernt und war gefühlt eine Million Mal kleiner, aber auch zu uns kamen Immigranten, die auf den Kaffee-Plantagen außerhalb der Stadt Arbeit suchten. Meine Nachbarn hatten Nachnamen wie Kamazuki, Haddad und Marconi. Der Fußball ließ uns über etwaige Unterschiede zwischen uns hinwegsehen, und nach den Spielen ging ich mit zu ihnen nach Hause, um mit ihnen Yakisoba, Kebbe oder auch nur brasilianische Bohnen zu essen. Es war eine tolle Art, die Welt kennenzulernen, und weckte in mir schon früh den Wunsch, mich mit anderen Kulturen zu beschäftigen, wozu ich in den folgenden Jahren oft genug die Möglichkeit bekommen sollte.

Ich konnte es kaum erwarten, mit dem Spielen anzufangen, daher war ich auch derjenige, der in der Regel die Teams einteilte. Eine komplizierte Angelegenheit. Warum? Nun ja, ich will nicht unbescheiden klingen, aber die Trainingseinheiten mit Dondinho fingen an, sich auszuzahlen. Und das wurde zu einem Problem. Meine Mannschaft gewann ihre Spiele mit Resultaten wie 12:3 oder 20:6. Manche Kinder, sogar solche, die älter als ich waren, begannen sich zu weigern, gegen uns anzutreten. Also versuchte ich, sie zu beruhigen, indem das Team, in dem ich spielte, in Unterzahl gegen sie auflief. Als auch das nicht mehr half, stellte ich mich für die erste Halbzeit als Goalie ins Tor, damit der Spielstand vorerst ausgeglichen blieb. Erst in der zweiten Hälfte kam ich in der Offensive zum Zug. Die Entscheidung, mich damals so oft zwischen die Pfosten zu stellen, würde im Verlauf meines Lebens noch auf seltsame Weise Nachhall finden und mir schließlich auch meinen Spitznamen einbringen – denjenigen, unter dem mich die ganze Welt kennt.

Die brasilianischen Spitznamen sind eine lustige Sache – beinahe jeder hat einen, manche haben aber auch drei oder vier. Damals kannte man mich noch als „Dico“ – meine Familie nennt mich sogar heute noch so. Mein Bruder Jair war als „Zoca“ bekannt. Wenn Zoca und ich nicht gerade Fußball spielten, erlebten wir mit unseren Freunden viele Abenteuer in der ganzen Stadt – der Bahnhof etwa befand sich nur wenige Blocks von unserem Haus entfernt. Wir hingen dort herum, um uns die Leute anzusehen, die aus São Paulo oder sonst wo eintrafen. Es war unser Fenster zur weiten Welt. An anderen Tagen fischten wir im Fluss, direkt unter einer Eisenbahnbrücke. Freilich konnten wir uns keine Angelruten mit Spulen leisten, deshalb liehen wir uns runde, mit Holz eingefasste Siebe, um mit ihnen die Fische aus dem Wasser zu schöpfen. Oft liefen wir mit unseren Freunden in den Wald, der die Stadt umgab, um dort frische Mangos und Pflaumen von den Bäumen zu pflücken oder um Vögel zu jagen. Eine dieser Vogelarten hieß Tiziu, was kurze Zeit dann auch einer meiner Spitznamen war. Tizius sind nämlich schwarz, klein und schnell.

Natürlich war nicht alles nur Spiel und Spaß. Aufgrund unserer finanziellen Situation musste ich bereits mit sieben einer Teilzeitarbeit nachgehen. Mein Onkel Jorge borgte mir etwas Geld, wovon ich mir ein Schuhputz-Set kaufte. Dieses bestand aus einer kleinen Box, in der ich ein paar Bürsten aufbewahrte, und einem Ledergurt, damit ich sie mir umhängen konnte. Zuerst übte ich mit den Schuhen von Freunden und Verwandten, aber sobald ich meine Technik ausgefeilt hatte, lief ich zum Bahnhof, um dort Schuhe zu polieren. Ein paar Jahre später arbeitete ich auch in einer Schuhfabrik. Eine kurze Zeit lang lieferte ich Pastels, köstliche frittierte brasilianische Teigtaschen, die üblicherweise mit Hackfleisch, Käse oder Palmherzen gefüllt sind, für eine syrische Frau, die in unserer Nachbarschaft lebte und sie zubereitete, an einen Verkäufer. Er wiederum verkaufte sie dann an die Passagiere einer der drei Straßenbahnlinien, die durch unsere Stadt führten.

Mit nichts von alledem ließ sich viel Geld verdienen. Baurú war so arm wie das restliche Brasilien. Oft schien es, als gäbe es mehr Schuhputzer als Schuhe. Egal, wie viel ich einnahm, ich gab alles pflichtbewusst meiner Mutter, die davon Essen für uns kaufte. Wenn es uns mal etwas besser ging, gab sie mir ein paar Münzen, damit ich am Sonntag ins Kino gehen konnte.

Dann war da noch die Schule. Ich muss gestehen, dass meine schulischen Leistungen leider nicht mit meiner Performance auf dem Spielfeld Schritt halten konnten. Meine Begeisterung für Fußball machte mich zu einem schwierigen und aufmüpfigen Schüler. Manchmal verließ ich einfach das Klassenzimmer, um im Schulhof mit einem zusammengeknüllten Stück Papier zu dribbeln. Meine Lehrer gaben ihr Bestes: Sie versuchten mich zu disziplinieren, indem sie mich auf getrockneten Bohnen knien ließen. Hin und wieder stopften sie mir Papierkugeln in den Mund, damit ich aufhörte zu quasseln. Ein Lehrer stellte mich mit dem Gesicht zur Wand in die Ecke. Dort musste ich die Arme von mir strecken, so wie die Christus-Statue in Rio. Ich weiß noch, dass ich einmal ziemlichen Ärger bekam, weil ich unter das Pult der Lehrerin gekrabbelt war und einen Blick unter ihren Rock riskiert hatte.

Mit der Zeit entmutigte mich die Schule. Es gab so viele andere Dinge zu tun. Ich muss leider zugeben, dass ich nur mehr sporadisch in der Klasse auftauchte. Das war damals typisch für mich. In den späten Vierzigern ging überhaupt nichts. Nur jedes sechste Kind schaffte es in die Oberschule. Trotzdem soll das nicht als Ausrede gelten. Später sollte ich es bereuen, in der Schule nicht besser aufgepasst zu haben, und musste mich gehörig ins Zeug legen, um dieses Defizit wieder wettzumachen.

Ich konzentrierte meine nicht unbeträchtliche Energie auf das Fußballfeld. Dort mussten wir nicht über Armut, unsere Eltern oder tragische Ereignisse nachdenken. Auf dem Platz war niemand arm oder reich, dort konnten wir einfach nur spielen. Wir verbrachten unsere Tage damit, über das Spiel zu sprechen und es zu leben. Selbstverständlich hatten wir noch keine Ahnung, dass Fußball dem größten Spektakel, das je in Brasilien stattfinden sollte, bald eine Bühne bieten würde.

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Seit jeher hält kaum etwas die Menschen so in Atem wie die Weltmeisterschaft. Das Turnier versammelt alle vier Jahre Länder aus der ganzen Welt, um einen Monat lang zu spielen und zu feiern. Es ist eine Riesenparty, zu der die ganze Welt eingeladen ist. In den letzten 56 Jahren war ich bei jeder einzelnen, entweder als Spieler, Fan oder „Botschafter des Fußballs“, zu dem ich ernannt wurde. Aus Erfahrung kann ich besten Gewissens behaupten, dass es nichts Besseres gibt. Natürlich sind auch die Olympischen Spiele großartig, doch finden dort für meinen Geschmack zu viele verschiedene Wettkämpfe statt. Bei der Weltmeisterschaft dreht sich alles nur um Fußball. Es ist ein Turnier, das einem berauschenden Höhepunkt, dem Endspiel um die Krone im Fußball, entgegenstrebt.

Die Weltmeisterschaft ist mittlerweile eine solche Institution, dass es beinahe so scheint, als hätte es sie schon immer gegeben. Doch als 1950 die WM in Brasilien ausgetragen wurde, war sie noch ein relativ junges Konzept und stand mehr oder weniger auf wackligen Beinen. Die erste WM hatte 1930, also 20 Jahre zuvor, stattgefunden. Der Franzose Jules Rimet, der Präsident der FIFA, also des Weltfußballverbandes, entschloss sich, den immer beliebter werdenden Sport in die Auslage zu stellen. Sein Plan war es, alle vier Jahre ein Turnier zu veranstalten, das genau zwischen zwei Olympischen Sommerspielen stattfinden sollte. Er hoffte, dadurch das Ansehen der Nationalmannschaften zu stärken und außerdem einen Beitrag zur globalen Eintracht leisten zu können. Leider gab es damals nur männliche Auswahlmannschaften – etliche Jahrzehnte später hatte schließlich jemand die brillante und längst überfällige Idee, auch Weltmeisterschaften für Frauenteams auszutragen.

An den ersten paar Weltmeisterschaften nahmen so unterschiedliche Teams aus Ländern wie Kuba, Rumänien und Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien, genauso teil wie die bereits etablierten Supermächte des Fußballs, Brasilien und Italien. Die Weltmeisterschaft wurde immer prestigeträchtiger und zog immer mehr Zuschauer an, und 1938, als die WM in Frankreich stattfand, pilgerten zehntausende Menschen zu den Spielen. Jedoch kam es im Vorfeld des Turniers zu einigen schicksalsträchtigen Ereignissen. So musste das Team aus Österreich in letzter Minute seine Teilnahme absagen, da das Land drei Monate zuvor von Deutschland annektiert worden war. Die besten österreichischen Spieler wurden in die deutsche Auswahl berufen, die allerdings bereits in der ersten Runde vor einem feindlich gesinnten, mit Flaschen werfenden französischen Publikum ausschied. Es sollte leider nicht das letzte Mal bleiben, dass die Politik auf das Spiel übergriff.

Als im Jahr darauf der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde die Weltmeisterschaft – wie so viele andere Dinge – lange auf Eis gelegt. Der Krieg endete 1945, aber weite Teile Europas waren verwüstet. Der Wiederaufbau stand im Mittelpunkt, und es sollten noch Jahre vergehen, bis jemand es für möglich hielt, ein weiteres globales Fußballturnier zu organisieren. Für 1950 aber schien die Zeit reif, einen neuen Anlauf zu wagen, doch brauchte man ein Land, das den Krieg unbeschadet überstanden hatte und die entsprechende Infrastruktur bieten konnte. Somit kam Brasilien ins Spiel.

Als sich Brasilien bereiterklärte, die WM 1950 auszutragen, mussten einige Länder absagen, da ihnen schlicht die finanziellen Mittel fehlten, Teams nach Südamerika zu entsenden. Damals konnte man noch nicht so einfach um die halbe Welt jetten, eine Flugreise von Europa nach Brasilien konnte an die 30 Stunden dauern, während der man oft zwischenlanden musste. Das geteilte und besetzte Deutschland wurde von der Teilnahme ausgeschlossen. Das Gleiche galt für Japan. Schottland und die Türkei sagten kurzfristig ab. Letztlich kamen nur sechs Teams aus Europa, neben Südamerika die Hochburg des Fußballs. Das war natürlich sehr schade für sie – aber umso besser für Brasilien. Wir jagten immer noch unserem ersten Titel hinterher und dachten, dass er überfällig wäre. Nun, da die Konkurrenz überschaubar war und das Turnier auch noch bei uns zu Hause stattfand, war eigentlich alles angerichtet.

In Baurú, so wie auch überall sonst in Brasilien, waren alle im WM-Fieber. Vielleicht gar nicht so sehr wegen der WM an sich, aber wegen des bevorstehenden Titelgewinns. Ich war gerade erst neun, aber alt genug, um mich von der Stimmung anstecken zu lassen. Ich erinnere mich an die selbstbewussten Worte meines Vaters, die er immer wieder sprach, während wir vor dem Radio saßen und der Berichterstattung folgten: „Der Titel gehört uns, Dico!“

Meine Freunde unterhielten sich über Feiern und Paraden und stritten sich darüber, wer die Trophäe tatsächlich mit eigenen Augen sehen würde. Wir trugen unsere Spiele auf der Straße aus und stellten uns dabei als Weltmeister vor. Eigentlich war es ziemlich verblüffend, dass, egal wohin ich ging, niemand auf die Idee kam, Brasilien könnte das Turnier nicht als Sieger beenden.

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Eine neue Form der Energie rollte durch Brasilien. Jeder konnte es spüren. Die Menschen waren beschwingt von dem Verlangen, die Welt zu beeindrucken, was auch für abgelegene Orte wie Baurú galt, wo die WM nicht viel greifbarer als ein Gerücht war. Daher beschlossen wir Spieler von der Rubens-Arruda-Straße, ein Zeichen zu setzen und uns selbst zu einer ordentlichen Mannschaft – wie dem brasilianischen Nationalteam oder Dondinhos BAC – zusammenzuschließen. Wir brauchten eine ordentliche Ausrüstung – Trikots, Hosen, Schuhe und Strümpfe. Und selbstverständlich benötigten wir einen besseren Ball als den, den wir uns aus zusammengerollten Socken gebastelt hatten.

Die Sache hatte nur einen Haken. Wir waren komplett blank.

Ich schlug vor, die Mittel dafür aufzubringen, indem wir unsere Fußballaufkleber verkauften. Diese Sticker waren damals total angesagt – sie ähnelten Baseball-Karten –, und jeder von ihnen zeigte einen anderen Spieler und lieferte zusätzlich noch ein paar Daten zum jeweiligen Akteur. Ich dachte, wenn wir unsere Sammlungen zusammenlegen und uns auf die echt berühmten Teams aus Rio und São Paulo konzentrieren würden, dass diese Sammlung, in ein Album geklebt, tatsächlich etwas wert sein könnte. Unser Ziel war es, jemanden zu finden, der dieses Album gegen einen Lederball eintauschen würde.

Der Plan wurde rasch angenommen. Trotzdem waren wir noch meilenweit von unserem ehrgeizigen Ziel entfernt. Ein Junge namens Zé Porto schlug vor, dass wir die Differenz, die uns fehlte, dadurch wettmachen könnten, indem wir vor dem Kino und dem Zirkus geröstete Erdnüsse verkauften. Eine tolle Idee. Aber woher sollten wir die Erdnüsse nehmen. Wie sich herausstellte, hatte Zé Porto auch für dieses Problem bereits eine Lösung parat. Er grinste listig und regte an, die Erdnüsse aus einer der Lagerhallen an der Eisenbahnstrecke zu klauen.

Bei einigen von uns machte sich angesichts dieser Idee ein mulmiges Gefühl breit. Ich erinnerte mich, wie meine Mutter mir eingebläut hatte, dass Diebstahl eine der schlimmsten Sünden wäre. Ich spürte, dass die anderen Jungs das Gleiche dachten. Aber Zé Porto war ziemlich überzeugend. Er sagte, dass wir einfach einen der Frachtwaggons aufbrechen könnten, wenn es uns nicht gelänge, in die Lagerhallen zu kommen. Wer würde denn schon ein paar Tüten mit Erdnüssen vermissen?

Ergänzend sagte er: „Abgesehen davon, wer nicht dabei ist, ist ein großer Schisser!“

Nun, gegen diese Argumentation kamen wir nicht an. Also gingen wir alle wie auf Eierschalen runter zum Bahnhof. Als einer der inoffiziellen Anführer wurde ich von den anderen, zusammen mit einem weiteren Jungen, dazu auserkoren, in den Waggon zu steigen, um die Erdnüsse zu klauen. Ich hatte Bedenken, aber ich war bereit, alles für den Fußball zu geben.

Als wir in den Waggon kletterten, konnte ich vor meinem inneren Auge meine Mutter sehen, die mit verschränkten Armen traurig den Kopf über uns schüttelte. Allerdings war es nun zu spät, umzukehren. Wir schnitten die Säcke auf, und vor uns ergoss sich eine Flutwelle aus Erdnüssen auf den Holzboden. Wir steckten sie hektisch in unsere Taschen, unsere Hemden und den rostigen Eimer, den wir mitgebracht hatten. Schließlich – mir kam es vor, als wäre eine halbe Ewigkeit vergangen – flüchteten wir mit unserer Beute vom Tatort und eilten zu unserer Gruppe. Anschließend rannten wir nach Hause, lachten und schrien vor Begeisterung – und Erleichterung.

Wir rösteten die Nüsse und verkauften sie, wie wir es geplant hatten, und kauften uns vom Gewinn unsere kurzen Hosen. Als wir erkannten, dass die Trikots unser Budget überstiegen, und keiner von uns das Glück mit einem weiteren Diebstahl erneut herausfordern wollte, einigten wir uns eben auf farblich aufeinander abgestimmte Leibchen. Nun hatten wir allerdings noch immer keine Stutzen oder Schuhe, aber wir waren zu aufgeregt, um uns deswegen den Kopf zu zerbrechen. Zuerst nannten wir uns Descalsos – die Schuhlosen, bis wir herausfanden, dass es bereits mehrere Teams in Baurú gab, die sich aus exakt den gleichen Gründen für exakt denselben Namen entschieden hatten.

Stattdessen wählten wir den Namen Sete de Setembro, nach der Straße, die meine Straße kreuzte, die wiederum nach dem Datum der Unabhängigkeit Brasiliens, dem 7. September, benannt war. Nun, da wir unsere Ausrüstung und ein paar echte Asse in unseren Reihen hatten, begannen wir, uns extrem ernst zu nehmen. Zu unseren Spielen liefen wir einer nach dem anderen auf das Feld – nun ja, die Straße – und gaben uns sehr andächtig, so wie wir uns das vom Team meines Vaters abgeschaut hatten. Wir organisierten Spiele gegen andere Mannschaften aus der Gegend und gingen zumeist als Sieger vom Platz, wobei wir unseren Gegnern manchmal zweistellige Debakel zufügten. Ich baute verschiedene abgefahrene Tricks in mein Spiel ein, hielt den Ball mit dem Kopf in der Luft oder tändelte ihn von einem Knie zum anderen. Mitunter lachte ich närrisch über die glücklosen Kicker aus den Nachbarschaften, an denen ich pfeilschnell vorbeijagte, um ein weiteres Tor zu schießen.

Eines Abends kam Dondinho aus dem Gemischtwarengeschäft nach Hause und wirkte sichtlich aufgebracht. Als wir mit dem Abendessen fertig waren, sagte er, dass er sich mit mir unterhalten müsse – und zwar unter vier Augen.

Er sagte: „Ich bin heute an der Straße vorbeigegangen, in der du und deine Freunde gespielt haben, und ich habe gesehen, was du gemacht hast.“

Meine Augen müssen gestrahlt haben vor Freude. Womöglich hatte er einen meiner neuen Tricks gesehen?

Aber er sagte: „Ich bin stinksauer auf dich, Dico. Ich habe gesehen, wie du diese anderen Jungs verspottet hast. Du solltest ihnen mehr Respekt entgegenbringen. Dein Talent? Du hast gar nichts getan, womit du es dir verdient hättest. Es war Gott, der es dir geschenkt hat! Die anderen Jungs sind vielleicht nicht mit dem gleichen Talent gesegnet wie du, aber was soll’s? Das gibt dir nicht das Recht, dich als etwas Besseres zu fühlen.“ Er fuhr fort: „Du bist nur ein Junge.“ Er hob mahnend den Zeigefinger und erklärte mir, dass ich noch nichts erreicht hätte: „Wenn sich das eines Tages geändert haben sollte, dann darfst du feiern. Aber selbst dann bleib bescheiden!“

Ich stand unter Schock. Ich wollte davonlaufen und mich in meinem Zimmer, das ich mit Zoca teilte, verstecken. Aber es war wie immer ein ausgezeichneter Rat, den mir Dondinho gab – diese Unterhaltung sollte mir für viele, viele Jahre im Gedächtnis bleiben. Und wie sich herausstellen sollte, hätte ganz Brasilien diese wertvolle Warnung bitter nötig gehabt.

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Als die Weltmeisterschaft schließlich Fahrt aufgenommen hatte, stoppten unsere nachbarschaftlichen Spiele, damit wir dem Turnier unsere ganze Aufmerksamkeit schenken konnten. Und lange schien es, als wäre unsere atemlose Begeisterung gerechtfertigt. Brasilien gewann das Eröffnungsspiel in Rio in überzeugender Manier mit 4:0 gegen Mexiko, bei dem Ademir zwei Treffer beisteuerte. Er war ein Spieler von Vasco da Gama, den alle „Kiefer“ nannten, weil er so ein markantes Kinn hatte. Das nächste Spiel war eine viel nüchternere Angelegenheit. Im Pacaembu-Stadion in São Paulo endete die Begegnung mit der Schweiz 2:2. Doch der darauf folgende 2:0-Sieg gegen Jugoslawien ließ alle wieder ruhig schlafen – Brasilien war praktisch im Vorübergehen in die Finalrunde vorgestoßen.

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