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Pauschaltourist

Tom Liehr

Pauschaltourist

Roman

 

 

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

Prolog: Gepäck

Teil 1: Reisevorbereitungen

1.

2.

3.

Teil 2: Gran Canaria Ficken, no?

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

Teil 3: Marokko Willkommen in meinem Land!

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

Teil 4: Mallorca Ich mache nichts, ich gucke doch nur

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

Teil 5: Portugal Das Leben ist eine Baustelle

1.

2.

3.

4.

5.

6.

Teil 6: Ägypten Willst du mich heiraten?

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

Epilog: Andenken

Anmerkungen und Credits

 

|5|Für Martin Mai, »Lieblingsleser«

 

I'm on a permanent vacation

Nothing left to move

I want a revelation Nothing left to prove

(R.E.M., Permanent Vacation, »Perfect Square«)

|7|Prolog: Gepäck

Ralf Leitmann pfiff leise, also sah ich vom Champagnerkarton auf, den ich gerade mit einem Teppichmesser zu öffnen versuchte.

»Da kommt die nymphomane Edelmatratze«, flüsterte er und nickte in Richtung der Freitreppe, die aus dem ersten Stock ins Foyer der Villa führte.

Es verriet nichts über mich, dass ich zur Treppe starrte, schließlich taten das in diesem Moment alle Anwesenden, außerdem hatte ich sie bis zu diesem Tag noch nie live gesehen. Marejke Medsger catwalkte zu uns herab, wobei sie ihren Blick über die noch kleine Menschenmenge – in der Hauptsache Verlagsangestellte – schweifen ließ. Ihr Gang war sicher und ein Zeugnis der Modelkarriere, die inzwischen über zehn Jahre zurücklag. Sie trug ein schwarzes Abendkleid, das von meiner Position aus transparent aussah, was aber vermutlich täuschte, und das vom unteren Saum bis zur Hüfte geschlitzt war, wodurch ihre vollendeten, endlosen Beine mehr als perfekt zur Geltung kamen. Am Fuße der Treppe wurde sie von ihrem Ehemann, meinem Arbeitgeber, unserem Verlagseigentümer und Chefredakteur in Personalunion, erwartet, der heute seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag und das ebenso lange Bestehen des Hauses feierte, das sein Vater, Otto Sitz, am Tag der Geburt seines Sohnes gegründet hatte.

Heino Sitz strahlte der Schönheit entgegen, die nun den Blick auf ihn richtete und ebenfalls lächelte. Allerdings war das weit mehr als nur ein einfaches Lächeln. Sie verwies jeden anderen Versuch, an diesem und allen weiteren Abenden, die es jemals geben würde, zu lächeln, als fade Allerweltsmimik auf die Plätze. Ich sah zu meiner Kollegin Nina Blume, die mit einem Tablett Canapés mitten im Saal stand und so glücklich wie ein Frosch im gerade |8|zuklappenden Storchenschnabel wirkte. Sie war neben Marejke Medsger die einzige Frau im Raum. Das sich in der Redaktion hartnäckig haltende Gerücht, Nina hätte eine Affäre mit unserem Chefredakteur, kam mir in diesem Augenblick so absurd vor wie Currywurst mit Schlagsahne.

Als Marejke Medsger ihren Ehegatten erreichte, der eine Verbeugung andeutete und dann einen Arm um die Hüfte seiner Frau legte, verspürte ich den abgedrehten Wunsch zu applaudieren. Schade, dass noch keine Gäste anwesend waren. Sie verpassten was. Statt meiner klatschte Sitz laut. Ralf Leitmann neben mir atmete hörbar durch.

»Meine Damen und Herren, dieser Abend ist meiner Frau und mir sehr wichtig.« Sitz grinste, und ich konnte sogar von meiner Position aus die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen sehen. »Ich weiß, dass sie Ihr Bestes geben werden. Es würde mich aber freuen, wenn Sie versuchten, Ihr Bestes noch zu übertreffen. Danke.«

Die Verlagsangestellten, die gerade keine Tabletts oder Flaschen in den Händen hielten, spendeten Beifall, was ich an dieser Stelle falsch fand, schließlich waren wir gerade kollektiv beleidigt worden. Heino Sitz zauberte ein überlegenes, zahnlückiges Grinsen herbei und deutete ein Nicken an. Dann nahm er die Hand seiner Frau und ging mit ihr in den kurzen breiten Flur, der vom Foyer aus zum Eingang der Villa führte. Die beiden Volontäre, die dort Dienst taten, machten einen Schritt zur Seite, Heino Sitz rauschte zwischen ihnen hindurch und öffnete die Tür. Draußen warteten bereits die ersten Gäste, eine Viertelstunde vor der Zeit.

Natürlich war es in gewisser Weise eine Machtdemonstration, dass wir von unserem Chef, der das für eine gute Idee und einen Ausdruck des (nicht vorhandenen) Teamgeists gehalten hatte, dazu verdonnert worden waren, niedere Kellnerdienste zu übernehmen, aber zumindest ich empfand das als angenehm – es war besser, als wie ein ausgesetzter Dackelwelpe mit einem Glas Traubensprudel in der Hand herumzustehen und so zu tun, als hätte man Spaß. |9|Smalltalk und Empfänge waren so wenig mein Ding wie Stacheldrahtkondome. Wenn ich schon bei derlei anwesend sein musste, dann bitte mit Aufgabe und Beschäftigung. Ich ging also wieder in die Knie und zog das Teppichmesser durch den Kartondeckel. Dann nahm ich eine Flasche heraus und entfernte die Folie. Als ich den Draht aufgezwirbelt hatte, knallte der Korken heraus, dicht an Ralf Leitmanns Gesicht vorbei, der das aber nicht bemerkte. Er glotzte nach wie vor Marejke Medsger an, die jeden der Neuankömmlinge, die inzwischen hereinströmten, mit einem angedeuteten Knicks begrüßte. Vollendet. Den männlichen Gästen lief dabei virtueller Sabber aus den Mäulern, und nicht wenige der weiblichen kämpften mit ihren Gesichtszügen. Sitz’ Ehefrau überstrahlte sie alle.

Champagner floss über meine Hände, nicht der erste heute Abend, und sicher nicht der letzte. Meine Haut roch schon süßsäuerlich. Dieses Gesöff hatte meine vollständige und ganzheitliche Verachtung. Wie so manch andere überteuerte Delikatesse schmeckte es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht wirklich, und es wurde nur deshalb konsumiert, weil es teuer war. Besser als ein frisch gezapftes, wohltemperiertes Fassbier war es nie und nimmer.

 

Eine Stunde später hatte ich den Bogen mit den Schaumweinflaschen raus, und ich schaffte es inzwischen, die Gläser gleich im ersten Anlauf so zu füllen, dass ich keinen zweiten benötigte. Die Arbeit nahm mich so sehr in Anspruch, dass ich die wachsende Menschenmenge um mich herum fast vergaß. Und selbst Leitmann, der mich im Fünf-Minuten-Rhythmus mit so sinnträchtigen Sprüchen wie »Eine Party beginnt für mich schon bei der Haarwäsche mit Bier-Shampoo« beglückte, geriet zu einer surrealen Randerscheinung. Er untermauerte seine Partybehauptungen durch intensives Schampusschlucken, was dazu führte, dass ich neben meiner eigentlichen Aufgabe mittelfristig auch seine übernehmen musste. Gegen halb zehn verschwand er zum Klo und kehrte vorerst nicht zurück. Im stetigen Wechsel befüllte ich entweder neue |10|Gläserphalanxen oder reichte höflich lächelnd Champagner an Leute, die offenbar nicht dazu in der Lage waren, sich selbst den Kelch zu nehmen, obwohl Dutzende randvoll bereitstanden. Langsam machte es mir sogar Spaß, und mir kamen Gedanken wie: Warum nicht Kellner? Auch nicht schlechter als Rätsel- und Leserbrieffuzzi bei einem Reisemagazin.

 

»Und Sie sind?«, fragte irgendwann eine Frau, während ich gerade hinter dem Tisch kniete und die Klinge des Teppichmessers wechselte. Ich hob das Gesicht über die Tischkante und starrte auf Medsgers Nabel. Etwas in mir wusste, dass es ein Fehler war, aber das andere, diese schwer beherrschbare, testosterongesteuerte Bestie, die jeder Schwanzträger als Untermieter mitschleppt, wollte es unbedingt. Dreißig Zentimeter höher. Heiliges Nippelballett, das Scheißkleid war tatsächlich durchsichtig – wenn man von unten nach oben sah. Ich hatte erst zwei Gläser Champagner getrunken, wovon mein Mund ausgetrocknet war und sich pelzig anfühlte, und Leitmann schon zig Male gebeten, vom Bierstand ein Frisches für mich zu holen, was erst ein Mal – gefühlt vor Jahren – geklappt hatte, aber mein Schädel glühte, und ich war ob der Situation ohnehin nicht ganz Herr meiner selbst. Nach etwa zehn Sekunden, die mein Blick auf diesen unfassbar nahen Brüsten verweilte, hörte ich wie durch Watte: »Mein Gesicht ist hier oben. Und Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.«

Ich spürte, wie fünf Sechstel meines Blutes ins Gesicht zurückschossen, nuschelte »Moment!« und drehte mich, noch immer kniend, zu einer neuen Kiste Champagner. Das ging in dieser Position eigentlich nicht, folgerichtig kippte ich seitwärts um.

Zum Glück ließ ich das neu munitionierte Teppichmesser rechtzeitig fallen. Als ich mich aufzurappeln versuchte, erschien eine grazile, engelhafte Hand vor meinem Gesicht. Wie in Trance griff ich danach und ließ mich von der Frau meines Chefs in die Höhe hieven. Aus dieser Perspektive blieben die Schätze ihres Körpers |11|meinen Blicken verborgen. Trickreiche Sache, so ein Stoff. Ob Sitz von diesen Modegeheimnissen seiner Gattin wusste?

»Ich bin Marejke Medsger. Hallo«, sagte sie und strahlte mich an. Hätte sie einen Staubsauger in der Hand gehabt und wäre ich ein Eskimo, Wüstennomade oder Regenwaldbewohner gewesen – ich hätte ihn ihr abgekauft, dazu alles an verfügbarem Zubehör. Ich errötete wieder bzw. blieb rot, irgendwie entzog sich all das meiner Kontrolle. Dann stand plötzlich Heino Sitz neben ihr.

»Kennst du Nikolas Sender schon? Das ist quasi meine Geheimwaffe.« Er grinste mich auf herablassend-freundliche Art an und küsste dann ihren Hals. Ich verspürte rasende Eifersucht. Unfassbar. Zu Hause wartete eine schöne, liebevolle Partnerin auf mich, eine, die mich kannte, die meine Eigenarten akzeptierte, die genau wusste, was ich beim Sex mochte und was nicht (was uns mehrere Monate des Ausprobierens gekostet hatte, aber keine schlechten), die verstand, warum ich Filme von den Cohen-Brüdern mochte, aber keine von Woody Allen, die mir Pudding kochte, obwohl ihr schon beim Gedanken daran übel wurde. Eine, deren Nippel nicht schöner oder hässlicher waren als die von Marejke Medsger, aber das änderte nichts daran, dass mein Hirn im Moment ausschließlich damit beschäftigt war, Phantasien zu erschaffen, in denen neben meinem Mund und meinen Händen Marejke Medsgers Brüste eine Rolle spielten, und nicht die von Silke, meiner Freundin. Ich setzte ein dämliches Grinsen auf und verbeugte mich auf peinliche Art. Zu meiner Entschuldigung konnte ich vorbringen, dass es zwischen Silke und mir derzeit still kriselte, aber nichts in mir kam überhaupt auf die Idee, sich für irgendwas zu entschuldigen.

Heino Sitz nickte mir zu und sagte etwas wie »Kümmern Sie sich um meine Frau«, aber auch das war möglicherweise nur Wunschdenken. Jedenfalls verschwand er wieder, und der feuchte Traum in blickwinkelabhängig-transparenter Abendrobe stand weiter vor mir. Wie nur konnte man so gekleidet auftreten, ohne gleichzeitig eine Uzi im Anschlag zu halten? Ich war versucht, erneut in die |12|Knie zu gehen, an irgendeiner Kiste herumzupopeln, um den beeindruckenden Effekt abermals zu erleben, aber die Fünf-Sterne-Frau vor mir hätte den Braten sicher gerochen.

 

Ich wusste nur, was alle wussten. Geboren in Holland, ärmliche Verhältnisse, dann quasi von der Straße weggecastet, weltweit nachgefragtes Model innerhalb weniger Monate. Ein paar Skandale, vielleicht auch nur Skandälchen, ich las nicht einmal die Yellow Press aus unserem Haus. Von ihrer angeblichen Nymphomanie aber wusste selbst ich. Anschließend Vee-Jayne bei einem Musiksender, dann, zwei Jahre später, das plötzliche Ende der Karriere, geheimnisumwittert. Sendepause. Die Konvertierung zum Islam war noch für Artikel auf den dritten oder fünften Seiten gut gewesen. In dieser Zeit war ihre Autobiographie erschienen, ein lahmes, kurzes Stück Text, keine zwanzigtausend, sehr esoterisch angehauchte Wörter auf zweihundert Seiten gedehnt, ergänzt um Hochglanzbilder aus der Modelzeit – ein Megaflop, da das einzige Thema, das alle interessierte, ihre Sexsucht, ausgespart wurde. Die wenigen Exemplare, die von der weitgehend makulierten Erstauflage übriggeblieben waren, hatten inzwischen allerdings hohen Sammlerwert. Danach hatte mir irgendwer erzählt, dass Medsger auch dem Islam abgeschworen hatte, um stattdessen auf einem Homeshopping-Kanal eine eigene Kosmetikserie zu promoten, die wenig Absatz fand. Das war vier oder fünf Jahre her. Erst ihre Heirat mit Heino Sitz, meinem Chef, brachte sie Anfang des Jahres wieder in die Schlagzeilen zurück. Wochenlang herrschte entspannte, fast ausgelassene Stimmung in der Redaktion, weil Sitz auf Wolke zweiundzwanzig durch die Räume schwebte und Dinge abnickte, die vorher zu ambulant vollstreckten Todesurteilen geführt hätten. Als ich sie jetzt in ganzer Pracht vor mir sah, verstand ich das. Eine solche Frau für sich zu gewinnen, mentale Kompetenz hin oder her, das kam einem Gottesbeweis gleich.

»Hallo, ich bin Nikolas«, nuschelte ich idiotisch.

|13|»Das weiß ich inzwischen«, kam aus ihrem Mund, den zu küssen ich in diesem Augenblick für die Vollendung meines Daseinszwecks hielt. Ich griff, ohne darüber nachzudenken, nach einem Glas Schampus und kippte es in einem Zug runter. Was auch immer mich jetzt steuerte, es hatte seine eigene Stromversorgung. Ich hätte meinen Kopf auch unter dem Arm tragen können. Alle Regulative waren in Betriebsferien. Vertrackt war, dass ich das wusste, aber nichts dagegen tun konnte. Mein im sprichwörtlichen Sinn stillstehender Verstand beschränkte sich auf Beobachtung, und er amüsierte sich nicht einmal dabei.

»Sie scheinen hier der einzige Mann unter vierzig zu sein«, erklärte sie mit einem Strahlen, das keine Fragen offenließ. Vielleicht wusste sie nicht, was sie mir antat, vielleicht aber tat sie es absichtlich. Sie gönnte mir noch sekundenlang dieses Lächeln, das die neben ihr den Messias gebärende Jungfrau Maria zu einer Bordsteinschwalbe degradiert hätte. »Was tun Sie für meinen Mann?«

»Champagner ausschenken«, murmelte ich, grinste schief und hielt mich für schlagfertig. Hinter Marejke Medsger wartete ein Dutzend Gäste auf Schaumweinnachschub, aber dort hätte auch Beelzebub oder der Papst im Bikini stehen können, meine Wahrnehmung war und blieb streng fokussiert. Als sie »Wir sehen uns später, es wäre mir ein großes Vergnügen« sagte und sich auf dem Pfennigabsatz umdrehte, um auf Heino Sitz zuzueilen, fühlte ich mich wie von einem anderen Stern. Während der nächsten Stunden litt meine Konzentration stark darunter, dass ich ständig nach ihr Ausschau hielt, aber sie kehrte nicht an meinen Champagnerstand zurück.

 

Dafür schlug Ralf Leitmann irgendwann wieder neben mir auf, schwerst angegangen und eine Ladung Fäkalwitze über mich ausgießend. Ich nahm meine erste Pause, es ging auf zwei Uhr morgens zu, nicht wenige Gäste hatten bereits weiße Puderringe um die Nasenlöcher, hingen auf den Sofas und in den schweren Sesseln, |14|faselten Schwachsinn oder baggerten das spärliche Weibsvolk jedes Alters an, während die eigenen Gattinnen danebensaßen und so taten, als wären sie Tierpflegerinnen und ihre sucht- und/oder libidogesteuerten Ehemänner vom Aussterben bedrohte Regenwaldbewohner wie Plumploris, zum Beispiel. Glotzäugige Primaten, ganz auf Arterhaltung konzentriert.

 

Ich drängte mich durch die Menge, die fast alle Bereiche der vielräumigen Villa bevölkerte, und bemühte mich, keinem auf die Füße zu treten, der wichtig war. Etwa dem angeschickerten Kritikerpapst, der vor dem Kamin kniete und offenbar Taschenbücher verfeuerte. Oder dem in Ungnade geratenen Schriftsteller, der mal einen wichtigen Buchpreis abgelehnt hatte, um ein Zeichen zu setzen, das keiner verstand, und der jetzt versuchte, seine Zunge mit den Fingern so weit aus dem Mund zu ziehen, dass er damit seine Stirn berühren konnte. Vor der Gästetoilette, die als Damenklo ausgewiesen war, stand eine lange Schlange, aber vor dem Bad im ersten Stock wartete niemand. Ich lehnte mich gegen die Wand, genoss den Moment der Ruhe und hoffte darauf, dass der Abend genau jetzt zum Beispiel durch eine Anschlagsdrohung endete, und betrachtete die Tür, unter deren Klinke das »Besetzt«-Symbol meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Ich dachte an nichts Spezielles, vielleicht flüchtig an die Nippel von Marejke Medsger. Zwei Minuten später ging die Tür auf, und sie stand vor mir.

Sie sah so hinreißend aus wie vor drei, vier Stunden. In diesem Augenblick erklang laute Musik von unten, vermutlich machte das Klassik-Quintett, das im Ballsaal – Sitz’ Anwesen verfügte tatsächlich über einen Ballsaal – gespielt hatte, jetzt Feierabend. »Are we human or are we dancer?«, fragte Brandon Flowers. Die Hausherrin blieb in der geöffneten Tür stehen und fixierte mich, so wie ich kurz zuvor noch das Besetztzeichen fixiert hatte. Ihr Gesichtsausdruck hatte jetzt etwas Raubtierhaftes.

»Wissen Sie, wie dieser Song gemeint ist?«, fragte sie.

|15|Ich schüttelte den Kopf. Ich hätte weder diese sinnfreie noch irgendeine andere Frage beantworten können, nicht in diesem Moment, der nur aus einem halbtransparenten Abendkleid und einem Körper bestand, den Gott für alle anderen weiblichen Körper als Gussform entworfen, dann aber – leider – verlegt hatte. Ich starrte ihre Brüste an, und es war mir nicht mal peinlich. In diesem Zustand hatte ich mich noch nie erlebt.

»Wie alt sind Sie?«

»Achtunddreißig«, teilte ich dem Nippelpaar mit.

»Ich hätte Sie auf höchstens zweiunddreißig geschätzt«, flötete sie und machte einen Schritt auf mich zu.

Weil ich bewegungs- und antwortunfähig war, redete sie weiter. »Ich bin jetzt einunddreißig.« Sie sah an mir vorbei, zur Treppe. »Heino war meine letzte Chance.« Sie zuckte mit den Schultern, was ich wie durch eine Spezialbrille wahrnahm, die alles außer Marejke Medsger filterte.

»Quatsch«, murmelte ich und hatte meine Aussprache dabei kaum mehr unter Kontrolle. Medsger lächelte und kam noch näher. »Was für ein hübscher Zufall, dass wir uns hier treffen. Finden Sie mich eigentlich attraktiv?«

Ich nickte. Vielleicht etwas zu heftig, aber wenigstens verkniff ich mir die Bemerkung »Was ist denn das für eine saublöde Frage?« Sie nahm meine Hand, das fühlte sich an, als würde mich die Auserwählte bestäuben. Dann zog sie mich in Richtung des Raumes, der durchaus dafür gedacht war, Körperflüssigkeiten loszuwerden, aber nicht auf die Art, die Sitz’ Ehegattin im Auge zu haben schien. Und die meine Sinne komplett beherrschte.

»Das bleibt unter uns«, flüsterte sie mir ins Ohr, als wir das riesige Bad betraten. Eine Gänsehaut flutete meine Körperoberfläche, und unter der Oberfläche flutete mein Blut den Begattungsfortsatz.

Medsger drehte sich zu mir, hob mit einer Hand ihr Kleid an, dann ging sie leicht in die Knie und zog mit der anderen die Idee eines Slips beiseite, dass ich sehen sollte. Plötzlich hielt sie ein Kondom |16|in der Hand – eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn das Kleid verfügte über keine Verstecke –, riss die Verpackung mit den Zähnen auf und grinste dabei auf so seltsame Art, dass mir schlagartig kalt wurde. Großer Gott, was tat ich hier, was war ich im Begriff zu tun? Sex mit einer Frau, die nichts von mir wollte, mit einer Nymphomanin, die sich vermutlich hochgefickt hatte, für die es nur um den kurzen Kick ging, ohne jede Bedeutung. Ich riskierte gerade alles, angefangen bei meinem Job (und meiner Gesundheit, denn Sitz war ein Choleriker) und längst nicht endend bei der rissigen Beziehung mit Silke, die mir in diesem Augenblick so wichtig schien wie nichts sonst auf der Welt. Nach deren behaglicher Armut an Höhepunkten ich mich jetzt regelrecht sehnte.

Ich schüttelte den Kopf. »Das geht nicht«, sagte ich und machte einen Schritt rückwärts, gegen die Badtür.

Sie zwinkerte. »Was?«

»Ich kann das nicht. Ich will das nicht.« Es fiel mir nicht gerade leicht, den Teil meines Selbst, der energisch Einspruch erhob, zurückzudrängen.

Sie zuckte mit den Schultern. »Okay«, sagte sie, und dann waren die Vorbereitungen ebenso schnell wieder rückgängig gemacht. Sekunden später war sie aus dem Bad verschwunden, während ich ihr Aroma atmete und nicht wusste, ob ich ein Held oder Vollidiot war. Oder beides. Eine Straftat gilt mit dem Beginn ihrer Ausführung als begangen, selbst wenn die eigentliche Straftat noch nicht stattgefunden hat. Daran musste ich denken, ein Erinnerungsfetzen aus der Zeit, die ich als Praktikant in Amtsgerichten verbracht hatte. Schuldig im Sinne der Anklage.

Ich blieb noch minutenlang an die Tür gelehnt stehen, kämpfte mit dem Gefühl, etwas berührt zu haben, das nicht für mich bestimmt war, und dem, einen gedanklichen Treuebruch begangen zu haben, den ich vielleicht würde verheimlichen, aber niemals würde verarbeiten können. Ich dachte an Silke und schluckte schwer.

Es schmeckte nach abgestandenem Champagner.

|17|Teil 1: Reisevorbereitungen

|19|1.

Heino Sitz schob den Papierstapel von sich, als wäre das Zeug ansteckend.

»Wollen Sie meine ehrliche Meinung?«, fragte er mit diesem Unterton, der die Antwort bereits einschloss. Er hätte auch fragen können, ob wir lieber auf Glasscherben sitzen wollten statt auf den auch nicht wirklich bequemen, aber unglaublich teuren Aluminium-Designersitzmöbeln, die den Mahagoni-Konferenztisch umgaben.

Die Frage war an Nina Blume, Ressort Weltreisen, gerichtet. Meine proletentoastergeschädigte Kollegin rutschte unbehaglich auf dem Stuhl hin und her. Sie hatte Angst vorm Fliegen und lief zumeist in wurstpelleähnlichen Hosen herum. Auf dem immer sichtbaren unteren Rückenansatz trug sie das Wort »Edel« als Tattoo. Sie deutete jetzt eine Mischung aus Nicken und Kopfschütteln an. Nina wusste, was gleich kommen würde. Wir alle wussten es.

»Bullshit. Erbärmlicher, langweiliger Bullshit. Wenn Sie mich nerven wollten, ist es Ihnen gelungen. Danke.« Sitz lehnte sich zurück, schnappte sich noch in der Bewegung seinen Kaffeepott mit dem Logo der Zeitschrift vom Tisch, und dann ließ er das Geräusch hören, das er immer von sich gab, wenn er enttäuscht oder verärgert war. Er blies die Luft zwischen seinen Zähnen hindurch, ein unangenehmes Pfeifen, verstärkt durch die schmale Lücke, die geblieben war, als er sich die Schneidezähne billig, aber leider nicht günstig im Ausland hatte renovieren lassen. Heino Sitz war großzügig, was die Außendarstellung anbetraf, doch ansonsten eher ein Geizhals.

Nina hatte vorgeschlagen, den noch immer lebhaften Abenteuertourismus in Form von Leser-Erlebnisberichten zu thematisieren. |20|Als sie mit dieser Idee zu mir gekommen war, was mich überrascht hatte, denn die Lifestyle-Journalisten betrachteten mich sonst kaum als ihnen ebenbürtig, hatte ich ihr bereits erklärt, dass sich das bestenfalls als Lückenfüller eignete und auf keinen Fall als Aufmacher oder neue Serie.

»Die Leute ziehen sich solche Berichte aus dem Netz«, sagte Ralf Leitmann, verantwortlich für Hoteltests im Inland. Party-Ralf, der sein Spesenkonto ständig überzog und wegen seiner Ausschweifungen einen ganzen Stapel Abmahnungen im Schreibtisch hortete, aber aus mir unbekannten Gründen einfach nicht gefeuert wurde.

Der Chefredakteur nickte. »So kommen wir nicht weiter.«

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, wovon ich zugegebenermaßen nicht viel besaß. Seit den Ereignissen bei Sitz’ Empfang vor zwei Monaten lebte ich in permanenter Panik davor, von ihm als Nebenbuhler enttarnt und mindestens entlassen, sehr viel wahrscheinlicher aber zu Tode gefoltert und anschließend kleingehackt an die Tauben verfüttert zu werden. Marejke Medsger war ich nach dem Beinahe-Vorfall nur ein einziges Mal begegnet; wir waren fast aufeinandergeprallt, vor dem Büro ihres Gatten. Sie hatte merkwürdig gegrinst und geschwiegen, aber ich war sicher, dass die anzüglichen Nachrichten, die ich seit acht Wochen täglich von einem Freemail-Account bekam, von ihr stammten. Vermutlich beleidigte es ihre Jägerinnenseele, dass ich mich ihr verweigert hatte. Jedenfalls schien mir das die plausibelste Erklärung für den Mailalias »toilettensex« zu sein.

Ich hüstelte, Sitz wandte sich mir zu. »Allerdings sind die Leute von den Tests im Internet inzwischen auch genervt«, erklärte ich tapfer. »Die Veranstalter schreiben selbst gefälschte Berichte, so dass kaum noch Verlass auf die Bewertungen ist. Gerade im Low-Cost-Bereich klafft eine enorme Lücke zwischen Information und Realität. Wir sollten uns wieder mehr um diese Klientel kümmern. Immer nur Berichte über sündhaft teure Reisen und exklusive Ziele kosten uns langfristig Leser.«

|21|Während ich über meinen eigenen Mut verblüfft war, schließlich war ich nicht nur derjenige, der die Frau des Chefs beinahe gevögelt hatte, sondern in der Redaktion für die Rätselseite, die Cartoons, das Gewinnspiel und die Leserbriefe zuständig, herrschte Ruhe. Dann nickte Heino Sitz langsam. Eigentlich hatte ich nur wiedergegeben, was mein bester Freund Ingo vor ein paar Tagen beim Feierabendbier vorgeschlagen hatte.

»Interessanter Gedanke«, sagte Sitz. »Wir könnten jemanden losschicken, der sich nur Pauschalangebote anschaut, vier, vielleicht sogar nur drei Sterne und weniger. Anonym. Und darüber berichtet. Jeweils eine Woche, mit allem Drum und Dran.«

Das darauffolgende Schweigen war von deutlichem Unbehagen gekennzeichnet. Mit Ausnahme des Verlagsinhabers, der sich seinen Chefredakteursstatus »zum Ausgleich«, wie er es nannte, gönnte und der nachdenklich in die Runde sah und dabei Kaffee schlürfte, mussten meine anderen elf Kollegen in diesem Moment unbedingt die Unterlagen sortieren, die vor ihnen lagen, die Schuhe darauf prüfen, ob die Senkel ordentlich geschnürt waren, oder die Anzahl der furnierten Deckenplatten ermitteln. Diejenigen von ihnen, die für das Magazin auf Reisen gingen, fuhren zu hochwertigen Zielen, nach Mauritius, auf die Seychellen, auf die Malediven, in die Karibik, auf edle Kreuzfahrten und so weiter. Wenn Jedermann-Ziele dabei waren, dann ging es immer in Fünf-Sterne-Häuser und -Anlagen – oder in noch höherwertige, sofern verfügbar. Keiner der Damen und Herren Reisejournalisten wollte mit Krethi und Plethi am Abendbuffet anstehen oder sich morgens um die Liegeplätze am Pool prügeln. Unsere Fotografen schossen Postkartenbilder und keine von verschimmelten Touristenbunkern.

Unter dem Tisch traf mich ein Fuß, ich sah auf und verkniff mir lautstarken Protest. Nina Blume funkelte mich an und formte stumm das Wort »Arschloch« mit den Lippen. Ich grinste. Uns beiden war klar, dass sie es sein würde, die sich auf die Fährte der Neckermänner begeben müsste. Dabei verließ sie die Redaktion |22|so gut wie nie. Ihre Flugangst war das geringere Problem. Das größere lag unterm Konferenztisch, hieß bezeichnenderweise »Bimbo« und war Nina Blumes verzogener schwarzer Kleinpudel. Sie hatte den Hund zunächst »Heino« genannt und sich einen Spaß daraus gemacht, den Befehl »Heino, sitz!« möglichst oft und laut zu verwenden, bis eines Tages ein hochroter Chefredakteur aus seinem Büro gerannt gekommen war und gebrüllt hatte: »Wenn diese Misttöle nicht sofort einen anderen Namen bekommt, knall ich sie ab!« Nina tat nichts ohne diesen Hund, wirklich nichts.

»Ist das ein begeistertes Schweigen?«, fragte unser Chefredakteur schließlich, als alle Deckenplatten gezählt und die Unterlagen dreimal umsortiert waren. Er räusperte sich, zog die Augenbrauen hoch und sah prüfend in die Runde.

»Pauschaltourismus?«, wagte Party-Ralf zu fragen. »Stoßen wir damit nicht unsere Stammleser vor den Kopf?«

»Soller?«, befahl Sitz mehr, als er fragte.

Der Angesprochene, Friedhelm Soller, ein glatzköpfiger Endvierziger mit riesigem Schnurrbart, zuständig für PR und Marketing, räusperte sich. »Unsere Leserzahlen sinken seit Jahren, das wissen Sie alle. Im Segment der Besserverdienenden und Akademiker stagniert die Zahl auf niedrigem Niveau. Nach den letzten Befragungen lesen viele Menschen unser Magazin in den Wartezimmern von Arztpraxen. Der Anteil der sozial und wirtschaftlich durchschnittlich und schlechter gestellten Leser ist allerdings erheblich, sogar die Mehrheit. Siebenundfünfzig Prozent. Diese Leute betrachten unser Produkt als eine Art Traumwelt, in die sie eintauchen können. Diese Gruppe stellt sogar mehr als zwei Drittel unserer Abonnenten dar.«

»Es würde also nicht schaden, diesen Leuten auch mal ein paar handfeste Informationen zu liefern«, erklärte Heino Sitz. Friedhelm Soller nickte abwesend, wie es seine Art war.

»Und für die reicheren könnte es unterhaltsam sein«, sagte ich. |23|»Es käme darauf an, wie man es aufmacht.« Dabei wurde ich rot, wie ich spürte. Ich überschritt hier deutlich meine Kompetenzen. Eigentlich war ich bei Redaktionskonferenzen ein geduldetes Anhängsel. Meine Beiträge umfassten normalerweise ein paar Worte zu Leserreaktionen und das, was zu den Gewinnspiel-Sponsoren zu sagen war.

Mein Chefredakteur nickte und lächelte mich dabei an. Das hatte er zuletzt getan, als ich ein Preisrätsel ohne sinnvolle Lösung ins Heft genommen hatte. Die vermeintliche Kniffligkeit der unlösbaren Aufgabe, bei der es immerhin eine Luxus-Kreuzfahrt zu gewinnen gab, hatte uns eine deutlich erhöhte Nachfrage beschert. Allerdings auch erheblichen Protest der Leser. Später. Da hatte Sitz nicht mehr gelächelt. Sondern lang anhaltend durch die Schneidezähne gepfiffen.

»Frischer Wind«, sagte er und sah mich dabei immer noch an. Ich erriet, was er in diesem Moment dachte. Ein Seitenblick auf Nina Blume bestätigte meine Vermutung, die sie offenbar teilte. Die Ressortchefin Weltreisen grinste schadenfroh in meine Richtung. »Wir sollten jemanden losschicken, der noch nicht von all den Luxusherbergen und First-Class-Angeboten verblendet ist.« Er pausierte kurz und ließ den Blick über die Anwesenden wandern, dann grinste er wieder, fast ein bisschen fies. »Ein Pärchen wäre natürlich ideal. Da käme schneller Kontakt mit anderen Urlaubsgästen zustande. Das Ganze sollte möglichst authentisch sein. Deshalb dürften sich unsere Mitarbeiter auch nicht zu erkennen geben.« Jetzt fixierte er Nina Blume, deren Gesichtsausdruck sich augenblicklich veränderte. Ralf Leitmann kicherte. Der Chef kam auf mich zurück. »Ihren Job kann für ein paar Monate doch ein Volontär übernehmen.« Danach wandte er sich wieder Nina Blume zu. »Und Ihnen kann es nicht schaden, auch mal ein bisschen was von der Welt zu sehen.«

Bimbo jaulte leise unter dem Tisch, als hätte er verstanden, worum es ging.

|24|2.

Steini verschluckte sich fast an seinem Bier.

»Du sollst was

Ich nickte nur.

Er lachte. »Mit dieser Proletenwurst in der Präser-Hose? Die du mir mal auf der Weihnachtsfeier gezeigt hast? Fräulein Edeltätowierung? Misses Bimbo-Pudel?«

Ich nickte weiter. Die Konferenz lag jetzt drei Stunden zurück, ich hatte zwei Biere intus, und mit jeder weiteren verstreichenden Minute fühlte ich mich beschissener, was normalerweise umgekehrt war, wenn ich in unserer Stammkneipe saß und mit Steini einen hob. »Gehen Sie vorurteilsfrei an diese Sache«, hatte Sitz abschließend mehr be- als empfohlen. Vorurteilsfrei! Heiliger Hühnerhabicht. Meine letzte und bisher einzige Pauschalreise lag acht Jahre zurück und war eine Katastrophe gewesen. Aber immerhin hatte sie nicht in Begleitung von Frau Blume und ihrem blöden Pudel stattgefunden. Von dem ich annahm, dass er unvermeidbar dabei sein würde.

»Und wie lange?«, fragte Steini und machte gleichzeitig in Richtung Tresen Zeichen, dass wir Nachschub benötigten.

»Sechs Wochen, erst mal. Nordafrika, Balearen, Kanaren, Ägypten, Portugal und ähnliche Ziele. Drei Sterne, all inclusive, familienfreundlich, preiswert. Und auch noch Last Minute. Wir fliegen übermorgen los, nach Gran Canaria. Danach geht’s nach Marokko.« Das waren Reiseziele, die ich freiwillig nie aufgesucht hätte.

»Können sie euch zwingen?«

»Na ja.« Ich nahm den letzten Schluck aus meinem Glas. »Der Chef hat mir klargemacht, dass mein Job auch von einem mittelmäßig |25|intelligenten Schimpansenbaby ausgeübt werden könne, langfristig gesehen, aber er hat auch durchblicken lassen, dass das eine Chance für mich ist. Stimmt vermutlich sogar. Ich hänge seit Jahren an Leserbriefen und diesen bescheuerten Rätseln fest. Eigentlich bin ich Journalist, oder?«

Steini nickte grinsend. Nicht einmal er wusste von meiner Medsger-Begegnung, von der ich hoffte, sie würde dadurch aus meinem Gedächtnis verschwinden, dass ich sie totschwieg – was bisher nicht so recht geklappt hatte. Tatsächlich war der Aspekt, für ein paar Wochen aus der Schusslinie meiner promisken Chef-Ehefrau zu sein, der einzige positive, den ich der Sache abgewinnen konnte. Der Blick von schräg unten beherrschte nach wie vor meine Phantasien, und ich war nicht sicher, ob ich einem zweiten Angriff würde standhalten können. Ich zwinkerte das transparente Abendkleid aus meinem geistigen Blickfeld.

»Mit Nina Blume ist er ein bisschen härter umgesprungen, er hat sie nach meinem Gefühl sowieso auf dem Kieker«, ergänzte ich. Die Gerüchte über eine Blume-Sitz-Affäre kannte Steini natürlich; jeder im Haus kannte sie, es gab sogar – meistens aus der Ralf-Leitmann-Ecke – blöde Witze dazu wie »Bumsen die in der Blumensitzstellung?«. Ich hielt das nach wie vor für Unsinn, andererseits gab es wahrnehmbare Spannungen zwischen den beiden. »Die Ressortleiterin eines Reisemagazins, die sich nur auf Sylt oder Balkonien entspannt, sei keine sehr glaubwürdige Besetzung, hat er gesagt. Ich meine, klar, die Frau muss eigentlich nicht durch die Weltgeschichte gondeln, die Beiträge machen ja andere Leute. Aber irgendwie hat er recht. Sie hat dann von ihrer Flugangst geplappert. Da hat er ihr die Adresse eines Psychologen zugesteckt. Als sie leise drohte, es gäbe durchaus andere Magazine, die an ihr interessiert wären, hat Sitz nur durch die Zahnreihe gepfiffen. Sie war sofort ruhig und hat etwas wie ›Vielleicht wird es ja interessant‹ genuschelt. Die Arme. Kann einem fast leidtun.« Natürlich tat sie mir nicht leid. Ich tat mir leid.

|26|Lisa brachte unsere Biere und schmachtete Steini an. Er lächelte freundlich, aber unverbindlich zurück. Die Kellnerin war eine durchaus gutaussehende junge Frau. Ich fand sie nett, und für ihn galt das sicher auch, aber sie hätte aussehen können wie Audrey Tautou und über die Intelligenz und Schlagfertigkeit von … weiß der Geier verfügen können. Steini reagierte nicht auf Anmache.

Er hieß eigentlich Ingo Steinmann und arbeitete für ein Modemagazin im selben Haus wie ich. Wir hatten uns in der Verlagskantine kennengelernt und ziemlich schnell festgestellt, dass es eine gewisse Seelenverwandtschaft gab. Steini gehörte zu den besten Dingen, die mir in den letzen Jahren passiert waren. Seine Sexualität, sofern überhaupt vorhanden, war mir allerdings nach wie vor ein Rätsel. Er sah sehr viel besser aus als ich – was ich völlig neidlos anerkannte, außerdem gehörte meiner Meinung nach nicht viel dazu –, verfügte über diesen männlich-robusten Charme, hatte ein kantiges Gesicht, so eine struppig-legere Frisur, die die Mädels ganz kirre machte, und den Körper eines Profiruderers. Tatsächlich war er Mitglied in einem Ruderclub und betrieb noch fünf Dutzend andere Wassersportarten, aber seine größte Leidenschaft war das Tauchen. Seit wir uns kannten, versuchte er, mich zu einem gemeinsamen Tauchurlaub zu überreden, aber ich hielt vom Unterwasserdasein mit Stahlflasche auf dem Rücken noch weniger als von einem Spaziergang auf dem Mond ohne Astronautenanzug. Einmal im Jahr, exakt um seinen Geburtstag Anfang Juli herum, fuhr Steini für drei Wochen in einen Edelclub in Ägypten, wo er einsam – »Verstehen tut das sowieso keiner« – sein Jubiläum feierte. Dort tauchte er dann, sooft es ihm möglich war, und die Feier bestand aus einem Solo-Sieben-Gänge-Essen im clubeigenen Nobelrestaurant, dessen Namen er mir sogar mal genannt hatte. Der Einzige, den er jemals gefragt hatte, ob er ihn begleiten würde, bin angeblich ich gewesen, aber – bei aller Freundschaft. Eher würde ich mir eine Sauerstoffflasche rektal einführen. Wobei. Ägypten stand mir auch bevor.

|27|Wenn wir nach dem Squash duschten, meistens nach einer haushohen Niederlage für mich, fühlte ich mich neben ihm wirklich wie ein kleiner Junge – Silke nannte mich manchmal so: »Mein kleiner Junge.« Ein paar Male war er für Models eingesprungen, verfremdete Fotos aus diesen Strecken zierten seine geschmackvoll eingerichtete Wohnung. Aber Steini war auch nicht schwul. »Ich habe einfach keine Lust auf Beziehungen«, sagte er immer wieder, wenn ich in dieser Richtung bohrte. »Bin eben asexuell. Ein Hetero in Rente.« Und dann wechselte er das Thema.

»Hast du schon mit Silke drüber gesprochen?«, fragte er, nachdem wir uns mit den neuen Bieren zugeprostet hatten.

Ich schüttelte langsam den Kopf. »Die kommt erst morgen zurück. Wir haben heute noch nicht telefoniert.«

Er lächelte freundlich. »Läuft nicht so gut bei euch, oder?«

Ich spürte einen leichten Stich in der Herzgegend. Nein, es lief nicht so gut. Es lief eher überhaupt nicht gut. Eigentlich sogar richtig scheiße. In diesem Jahr hatten wir erst einmal Sex gehabt, vor zwei oder drei Wochen eine peinliche Notnummer, leicht angegangen nach einem Abend in einer Bar, und immerhin war fast Juni, während wir im vergangenen Jahr wenigstens ein halbes Dutzend eher nicht so schöne Irgendwann-müssen-wir-ja-schließlich-mal-pimpern-Nummern geschoben hatten, bei denen es ihr so ähnlich gegangen war wie mir, wie ich durchaus bemerkt hatte: Erleichtert, als es vorbei war. Unfroh darüber, wie es gelaufen war. Wir standen im siebten Jahr unserer Beziehung, Silkes fortwährende Abwesenheit – sie verkaufte Software im Außendienst – machte es auch nicht besser, und an den Wochenenden umschlichen wir einander, als wäre unsere gemeinsame Wohnung eigentlich eine WG, deren Mitbewohner wenige Interessen teilten. Die Luft war raus. Ich war ratlos, denn ich mochte Silke immer noch.

Mir wurde eiskalt, als ich bemerkte, was ich gedacht hatte. Mögen. Ich hatte tatsächlich in Gedanken dieses Wort benutzt.

|28|»Wir sind am Ende«, gestand ich, während mir Tränen in die Augen traten. Es war hart, das auszusprechen, zum ersten Mal überhaupt, aber mir wurde in diesem Moment auch erstmals klar, dass es genau den Zustand unserer Beziehung beschrieb. Am Ende. Wenn kein Wunder geschah, würde sie das Ende dieses Jahres nicht mehr erleben.

»Schreib mir mal ’ne Karte«, sagte Steini, als wir uns weit nach Mitternacht voneinander verabschiedeten. Dann zog er die Stirn in Falten und sah mich mitfühlend an. »Vielleicht ist das sogar ganz gut, wenn ihr ein bisschen Abstand habt für eine Weile.« Ich schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Mehr Abstand, als Silke und ich bereits hatten, war kaum möglich. Er umarmte mich, dann trabten wir in verschiedene Richtungen davon.

|29|3.

Stan und Ollie maunzten hinter der Wohnungstür, während ich aufschloss. Ich schob die beiden Kater mit dem Fuß vor mir her, als ich die Wohnung betrat, weil Ollie gerne auch mal die nähere Umgebung erkundete und Stan sowieso alles nachmachte, was sein Katerkumpel tat. Sie maunzten weiter, während ich ihr Futter in der Küche zubereitete. Als sie fraßen, begann ich damit, eine Liste derjenigen Dinge zusammenzustellen, die vor meiner ersten Abreise zu erledigen wären. Eines davon war, unsere Nachbarin darum zu bitten, sich um die Kater zu kümmern, wenigstens werktags, weil Silke dann ja auch unterwegs wäre. Außerdem müsste ich alles Mögliche einkaufen, von Sonnencreme bis Hämorrhoidensalbe. Als ich das Wort aufzuschreiben versuchte, es schließlich aufgab und stattdessen »Factu Akut« schrieb, klingelte das Telefon. Ich schnappte mir Ollie, der bereits neben Stans Napf saß und nach den Crackern des langsamer fressenden Katers fischte, rannte ins Wohnzimmer und griff den Hörer. Es war Silke.

»Na, du. Ich hab’s vorhin schon mal probiert.«

»War mit Steini einen trinken.« Es ging auf halb drei zu. Glücklicherweise hatte mir Sitz für morgen – also heute – freigegeben.

»Einen trinken? Soso.« Sie lachte, im Hintergrund waren Kneipengeräusche zu hören.

»Du scheinst aber auch noch bei der Sache zu sein«, sagte ich und verspürte dabei einen Anflug von Eifersucht.

»Zwei Abschlüsse heute. Ich erlaube mir, das ein bisschen zu feiern.« Dann sagte sie noch etwas, aber nicht an mich gerichtet. Sie hielt sogar die Hand vor den Hörer, aber ich meinte »Komme gleich« oder so zu hören.

»Glückwunsch. Mit wem feierst du?« Ich versuchte, nicht genervt |30|zu klingen, aber es misslang mir. Stan kam angeschlichen und schmiss sich seitwärts gegen meine Wade. Ich schob den protestierenden Kater beiseite und setzte mich aufs Sofa. Stan sprang auf meinen Schoß, drehte sich auf den Rücken und streckte die Vorderpfoten von sich, als würde ich ihn längst kraulen.

»Alleine. Warum fragst du?«

»Ach nichts.«

»Alles in Ordnung bei dir? Du klingst gestresst.«

›Ja, Schatz‹, antwortete ich in Gedanken. ›Ich telefoniere mit der Frau, die ich mal geliebt habe, die ich aber inzwischen nur noch mag und die nachts um halb drei mit irgendwelchen Leuten feiert, während ich zwei verhaltensgestörte Kater bespaßen muss. Ich fahre in nicht ganz dreißig Stunden nach Gran Canaria, auf eine Insel, von der ich noch nichts Gutes gehört habe, und muss dort zwischen Neckermännern so tun, als wäre ich mit Nina »Die Wurstpelle« Blume verheiratet, während ihr Bimbo-Pudel in die Rabatten kackt. Ich bin gestresst, Liebling. Außerdem hätte ich dich vor zwei Monaten beinahe mit der Frau meines Chefs betrogen. By the way – liebst du mich noch?‹

»War ein langer Tag«, sagte ich stattdessen.

»Bei mir auch.« Sie lachte, wobei sie wieder die Hand vor den Hörer hielt, dann hörte ich deutlich: »Sekunde noch.« Als sie die Hand wieder weggenommen hatte, sagte sie: »Wir sehen uns übrigens erst übermorgen. Ich habe noch Termine reinbekommen.«

»Mmh. Dann sehen wir uns erst in neun Tagen.«

»Warum das denn?«

»Ich muss auf Geschäftsreise. Heino Sitz hat mir heute …«

»Ach, wie ärgerlich«, unterbrach sie mich fröhlich. »Aber ich muss Schluss machen, mein Akku ist alle. Hab dich lieb.«

Dann war die Verbindung beendet. Die letzten drei Worte hatte sie geflüstert – um es intimer zu machen, oder um es vor jemandem zu verbergen. Ich entschied mich für Letzteres und schubste Stan verärgert von meinem Schoß.

|31|Teil 2: Gran Canaria Ficken, no?

|33|1.

Die Maschine ging um kurz nach sieben morgens, wir hatten uns für halb sechs verabredet, weil Nina Blume der Meinung war, man müsse anderthalb Stunden vor Abflug einchecken. Als ich nach einer berlinkonform-obskuren Taxifahrt (laute orientalische Folklore, Vanille-Wunderbaum, trotzdem leichter Verwesungsgeruch mit Knoblauch-Kopfnote, erste fünf Kilometer in Richtung des falschen Flughafens etc.) völlig übermüdet am Schalter eintraf, stand meine Kollegin, deren Asitoasterbräune an diesem Morgen ins Kalkblasse tendierte, bereits davor und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Außer uns beiden war kein Fluggast zu sehen, aber an den benachbarten Check-ins drängelten sich Sandalen- und YSL-T-Shirt-Träger, die unglaubliche Gepäckmengen mit den Füßen vor sich herschoben und laut durcheinanderquatschten. Ich warf einen Blick auf die Abflugzeiten und stutzte. Ihre Maschinen gingen erst um acht oder neun.

Ich stellte meinen Rucksack ab und die Laptoptasche daneben. Mit meiner Armani-Jeans und dem schwarzen »Radiohead«-T-Shirt kam ich mir irgendwie overdressed vor. Neben Nina Blume standen zwei gewaltige, teure Hartschalenkoffer, auf denen eine Kosmetiktasche, zwei Handtaschen und ein durchsichtiger Beutel lagen. Sie trug ein rosafarbenes »Das Leben ist kein Ponyhof«-Shirt, was so verteufelt out war, dass es schon wieder als cool durchging, und dazu die unvermeidliche Wurstpellenhose, dieses Mal in schillerndem Türkis. Bimbo lag neben den Koffern und hechelte. Es roch nach Schweiß, Reinigungsmitteln und dem Rauch, der durch die Türen hereinwehte – draußen standen Dutzende Touristen und sogen an Zigaretten, als wären es Sauerstoffflaschen und sie selbst Tiefseetaucher.

|34|»Morgen«, sagte ich und versuchte nett zu klingen, aber meine Stimme krächzte uhrzeitbedingt etwas. »Sind wir die Ersten?«

Sie schüttelte den Kopf und schob dann ihre Porsche-Sonnenbrille in die Stirn. »Nein, die Letzten.« Ihre Augen waren schmal und leicht gerötet. Es sah aus, als hätte sie noch weniger geschlafen als ich.

»Die Letzten? Ich fasse es nicht.«

»Du wirst dich darauf einstellen müssen. Pauschaltouristen sind Frühaufsteher. Um einen guten Platz im Flieger, am Pool oder am Buffet zu ergattern, hüpfen sie notfalls mitten in der Nacht aus dem Bett.«

»Oha.«

»Ich hab ein bisschen recherchiert.« Sie verzog das Gesicht. »Wir sollten einchecken«, schlug ich vor.

Wir bekamen zwei Plätze, die nicht nebeneinanderlagen, Nina in der Reihenmitte irgendwo vorne im Flugzeug, ich am Gang hinten, im Raucherbereich. Ich fragte zweimal nach, aber es gab tatsächlich einen Raucherbereich, was mich verblüffte und ein bisschen freute.

»Charter halt«, erklärte Nina.

Ihr Gepäck wog fünfzehn Kilo zu viel, und eigentlich war nur ein Koffer pro Nase erlaubt. Außerdem hatte sie vergessen, den Hund anzumelden, weshalb erst noch eine Transportbox aufgetrieben werden musste. Nina zahlte den gesalzenen Aufschlag mit ihrer goldenen Verlags-Kreditkarte, während ich mich bereits abtasten ließ. Danach sollte ich demonstrieren, dass sowohl mein Laptop als auch mein iPod funktionsfähig waren. Im Warteraum standen massenweise freie Sitzplätze zur Verfügung, weil sich die allermeisten Fluggäste bereits angestellt hatten, um in über einer Stunde boarden zu können. Ich feixte mir einen und sah mich nach Kaffee oder wenigstens Gratiszeitungen um, aber beides gab es nicht. Dann stand Nina Blume neben mir, das Gesicht jetzt leicht gerötet.

|35|»Diese Idioten. Haben mir mein Reise-Necessaire abgenommen.«

»Dein Reisewas?«

Sie brummelte irgendeine Antwort, während sie auf die Schlange vor der Tür starrte, hinter der es zum Flieger gehen würde.

»Warum tun die das?«, fragte ich.

»Das wirst du dann schon sehen.«

Ich sah es, mehr als eine Stunde später. Als zum Einsteigen aufgerufen wurde, verdichtete sich die Schlange auf die Hälfte, und die wenigen Fluggäste, die noch nicht angestanden hatten, pressten ihre Bauchtaschen gegen die Rücken am Schlangenende. Wir warteten noch ein paar Minuten, bis das Gros im Gangway-Tunnel verschwunden war, und schlenderten dann zur Bordkartenkontrolle. Kurz dahinter stauten sich die Touristen. Es dauerte weitere zehn Minuten, bis ich im Vorderteil der Maschine stand, und von dort aus konnte ich beobachten, warum man trotz der Sitzplatzreservierung versuchte, vor allen anderen in der Maschine zu sein: Es ging um den begrenzt verfügbaren Platz in den Ablagefächern. Die Menschen standen im Gang und pressten ihre Trolleys, Strandtaschen, Luftmatratzen, Sonnenschirme und Plastiktüten voller Zigarettenstangen mit roher Gewalt in die Fächer. Zwischen den Stehenden und den Leuten, die bereits saßen, flogen Beschimpfungen und Ablagefachpacktipps hin und her.

»Du wirst deine Laptoptasche unter den Sitz legen müssen«, erklärte Nina.

»Und du deine Handtaschen.«

Wir trennten uns, und ich drängelte mich durch das Nahkampfgetümmel ins Heck des Airbusses. Zwei Damen, die Zwillinge sein konnten, grinsten mich an, als ich neben ihnen Platz nahm. Sie waren vielleicht Anfang sechzig, trugen viel zu großzügig dekolletierte Blusen über ihren gewaltigen Brustanordnungen und hatten gefärbte Haare, die an Holzwolle erinnerten, die jemand in Blut getaucht hatte. Ich nickte höflich, setzte mich, was nicht ganz einfach war, da ich meine Füße wegen der Laptoptasche nicht |36|unterzubringen wusste. Ich zog sie wieder vor, um meinen iPod und ein Buch herauszuholen.

»Und? Wo geht es hin?«, fragte meine direkte Nachbarin fröhlich.

»New York«, antwortete ich reflexartig, wobei mir einfiel, dass es ja darum ging, Erfahrungen einzusammeln, also tendenziell freundlich zu sein. Aber meine Nachbarin lachte.

»Ich weiß, dass Sie auch nach Gran Canaria fliegen. Ich meine, wo wohnen Sie dort?«

Eine gute Frage. Ich wusste es nicht genau.

»Irgendwas mit Paloma«, erklärte ich.

»Maspalomas«, kam vom Fensterplatz.

»Kann sein.«

»Und wo da genau?«, fragte meine Nachbarin wieder.

»In einem Hotel«, antwortete ich, weil das tatsächlich alles war, was ich dazu sagen konnte. Ich hatte nicht die geringste Ahnung und Nina Blume die Vouchers.

»Sie sind mir ja einer«, lachte meine Nachbarin. Die andere beugte sich vor und betrachtete mein Shirt.

»Radiohät? Was bedeutet das?«

»Das ist eine Musikgruppe.«

»So wie die Randfichten

»In etwa.«

»Haben Sie das auf Ihrem Pläher?«

Ich nickte. Und ein paar sehr schräge Thom-Yorke-Solosachen. Immerhin, meine Weggefährtin wusste, worum es sich bei meinem iPod handelte. Alle Achtung.

»Können Sie mir ja dann vorspielen«, schlug der Fensterplatz vor. Aber hallo. Ich nickte wieder.

In diesem Moment rollte die Maschine an. Zwei Stewardessen präsentierten die Sicherheitsvorkehrungen ohne die nötige Begeisterung, aber sie hatten trotzdem die Aufmerksamkeit der allermeisten Fluggäste. Wenig später hob die Maschine ab, begleitet |37|von einem sehr lauten, spitzen Schrei, der von vorne kam. Nina Blume. Meine Nachbarinnen lachten.

»Da hat wohl jemand Angst vorm Fliegen«, sagte der Fensterplatz. Ich grinste.

Ein paar Minuten später machte es ›Plöng‹, und die Rauchverbotszeichen erloschen. Wie auf Kommando zogen alle Mitreisenden im hinteren Teil der Maschine Kippen aus den Taschen, nahezu synchron war das Geräusch von zwei Dutzend Feuerzeugen zu hören, und als ich mich zur Seite drehte, drückte Frau Fensterplatz bereits ihre erste Fluppe im Aschenbecher aus.

»Auch eine?«, fragte sie. Ich nickte lächelnd und ließ mir eine Pall Mall 100 geben. »Ich heiße Inge«, sagte die Spenderin. »Und ich Herta«, ergänzte der Zwilling neben mir. »Wir sind Zwillinge«, sagte sie dann noch.

»Nikolas«, stellte ich mich vor.

»Aber nicht am 6.12. geboren, oder?«, lachte Inge.

Ich schüttelte den Kopf und zwang mich zur Ruhe. Ob mir Blödeleien über meinen Namen auf den Sack gingen oder nicht, hing sehr von meiner Tagesform ab, und meine heutige war grenzwertig. Aber die beiden waren mir irgendwie sympathisch. Ich zwinkerte.

»Ich brauche auch eine«, sagte jemand auf der Gangseite zu mir. Da stand Nina Blume, die sich beidhändig an meiner Rückenlehne festhielt und aussah, als müsse sie gleich zu einer Amputation wesentlicher Körperteile. Ihre Augen waren rot unterlaufen, ihre Gesichtstönung bewegte sich abseits aller Farbskalen. Inge beugte sich über Herta und mich hinweg, um Nina eine Zigarette zu reichen, wobei ich nicht umhinkam, in Inges Ausschnitt zu blicken, schlicht weil er mein gesamtes Gesichtsfeld einnahm. Meine Assoziationen in diesem Augenblick waren ziemlich kunterbunt; sie reichten von Tierwelt-Vergleichen bis hin zu Gedanken mit leicht ödipalen Komponenten. Noch nie in meinem Leben hatte ich so unglaublich große Brüste gesehen. Allein die linke Brustwarze, die |38|ich in ganzer Pracht betrachten musste, war so groß wie jede einzelne von Silkes Arschbacken. Ich zwinkerte, als sich Inge zurückzog.

»Das ist Nina Blu… äh. Nina. Meine Frau«, sagte ich, noch immer das Bild von Inges Brust vor dem geistigen Auge.

Die Zwillinge kieksten.

»Wie nett!«, krähte Herta. »Vielleicht können wir ja mal was zu viert unternehmen auf Canaria?«

Nina zog an der Fluppe und starrte dabei Herta an, als wäre sie es, die die Amputation vornehmen würde.

»Wie geht’s dir, Schatz?«, fragte ich deshalb, bevor sie den Gedanken aussprechen konnte, der ihr auf der Stirn geschrieben stand.

»Scheiße. Wenn es eine Notbremse gäbe, würde ich sie ziehen. Und das Schlimmste kommt ja erst noch.«

»Die Landung«, trällerte Inge.

»Sie sagen es.«

Und dann war Nina Blume plötzlich verschwunden. Stattdessen befand sich ein hüfthoher, graubrauner Kasten neben mir, auf dem Getränkeflaschen und mehrere Kannen standen. Es roch nach frischem Kaffee. Ja, Kaffee!

Während sich Ninas deutlich hörbarer Protest in den Nichtraucherbereich entfernte, schätzte ich ab, wann ich Kaffee bekäme. Es würde dauern. Die Qualmfraktion hinter mir bestellte Gin-Tonics und Whiskey-Colas noch und nöcher – morgens um kurz nach acht! Ich stöpselte die Ohrhörer ein und tickerte mich zu Insomniac durch. Herta tippte mir auf die Schulter. Ich gab ihr die Hörer und startete das Album. Sie zwinkerte mir zu und lehnte sich zurück. Kurz darauf beugte sie sich wieder vor, nahm die Stöpsel heraus und reichte sie mir zurück.

»Interessant«, kommentierte sie. »Aber die Randfichten find ich besser.«

»Die habe ich leider nicht bei.«

|39|»Was möchten Sie trinken?«, fragte die Stewardess von der anderen Seite.

»Kaffee!«, rief meine Sitzreihe im Chor. Wir lachten. Die Zwillinge hatten was. Im Gegensatz zum Kaffee, den wir kurz darauf bekamen. Der hatte bestenfalls was Homöopathisches. Herta holte eine grüne Schachtel hervor, als wir am Kaffee nippten.

»Wollen Sie ein After Eight?«, fragte sie und hielt mir die Packung unter die Nase.

»Wollen Sie mich heiraten?«, fragte ich zurück. »Für After Eight könnte ich morden.« Das stimmte tatsächlich. Ich war süchtig nach dem Zeug. Meine längst verstorbene Oma mütterlicherseits hatte die gemeinsamen sonntäglichen Mittagessen mit einem einzelnen Täfelchen für jeden gekrönt, und seitdem gierte ich danach.

»Dann nehmen Sie, so viel Sie wollen«, sagte Herta, wegen meines Antrags kichernd.

»Ist nicht Ihr Ernst.« Ich nahm zwei der kleinen schwarzen Papiertütchen heraus, obwohl ich der Lady am liebsten die gesamte Packung entrissen hätte. Herta nickte auffordernd, also nahm ich noch zwei weitere.

Zu Radiohead schlief ich etwas später ein und träumte von Silke. Sehr viel später wurde ich von Applaus geweckt.

»Was ist passiert?«, fragte ich verschlafen.

»Wir sind gelandet«, erklärte Inge, die mitgeklatscht hatte.

»Und warum wird da applaudiert?«

Inge zog die Stirn kraus. »Da fragen Sie mich was. Mmh. Die Leute loben den Piloten für die gelungene Landung.«

Ich dachte kurz an Nina, die das vermutlich tatsächlich so sah, und erwiderte: »Na ja, aber im Zug oder im Bus wird ja auch nicht geklatscht. Und im Taxi habe ich das auch noch nie getan.« Obwohl manch ein Taxifahrer Applaus dafür verdiente, es trotz seiner Voraussetzungen zum Fahrtziel geschafft zu haben, ergänzte ich im Geist. »Und auf Linienflügen …«

»Ist Tradition«, mischte sich Herta ein. Und dann: »Aufstehen!«

|40|Das Flugzeug hatte seine Halteposition erreicht, und wie ein Mann sprangen alle Reisenden auf, weshalb die meisten von ihnen mit eingeknickten Köpfen vor den eigenen Sitzen stehen mussten, da der Gang ziemlich schnell voll war. Die Gepäckfächer klapperten, manches fiel zu Boden. Mir blieb nichts anderes übrig, als ...

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