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Paula Pan traut sich was

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23

Über die Autorin

Cynthea Liu verbrachte Kindheit und Jugend in Oklahoma und Texas. Als Schülerin liebte sie Denksport- und Buchstabierwettbewerbe, doch heute macht sie coolere Sachen: mit der Wii umgehen lernen, Tiere im Zoo nachahmen und natürlich für Kinder schreiben! Sie lebt mit Mann und Tochter in Chicago.

www.cynthealiu.com

Cynthea Liu

Paula Pan
traut sich waso

Aus dem amerikanischen Englisch von
Gerold Anrich und Martina Instinsky-Anrich

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1

Wo soll ich anfangen? Bei der ersten Gelegenheit, bei der ich das Gefühl hatte, mein Leben stünde auf dem Spiel? Oder bei dem Augenblick, in dem ich dachte, die Toten würden mit mir sprechen? Oder einfach bei dem Moment, als ich diese Schule betrat?

Eigentlich hätte ich vom ersten Tag an misstrauisch sein sollen, aber heute weiß ich, dass man alles tut, um etwas zu bekommen, wenn man es nur dringend genug haben will.

Man lügt seine Freunde an.

Bestiehlt seine Familie.

Man isst eine ganze Packung Orangeneis am Stiel.

Vielleicht geht man sogar so weit, sich der Mutprobe zu stellen.

Aber jetzt greife ich mir selbst vor. Also fangen wir doch am Anfang an, mit meinem ersten Tag an der Sugar Lake Grundschule.

Der Rektor der Schule und ich gingen durch den Flur zum Zimmer der siebten Klasse. »Paula Pan«, sagte Mr Carlisle, »wir bekommen nicht gerade jeden Tag eine neue Schülerin. Die Klasse von Mrs Wembly ist bestimmt total gespannt auf dich.«

Wir blieben vor einer Tür stehen, und er beugte sich herunter, um mir in die Augen zu schauen. Seine Stirn glänzte im Licht der Neonröhren. »Spielst du Basketball, Paula?«

Ich verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. Was für eine blöde Frage.

»Also, Mädchen …« Mr Carlisle beugte sich weiter vor. »Das wirst du lernen. Basketball ist hier sehr wichtig. Wir machen was aus dir, so oder so.« Er richtete sich wieder auf.

Ich täuschte ein Lächeln vor.

Basketball würde ich auf gar keinen Fall spielen.

Mr Carlisle stieß die Tür auf. Dann gab er mir einen Schubs, und die Tür schlug hinter mir zu.

Die Lehrerin bemerkte mich sofort, und Mann, wie sie mir erst aufgefallen ist. Sie trug einen riesigen zitronengelben Pullover und eine rosa Hose. »Du musst unsere neue Schülerin sein«, sagte sie fröhlich, während sie mich nach vorne geleitete. »Kinder, das ist Paula Pan.«

Ich zählte sie, während sie mich anglotzten.

Sieben Jungs, drei Mädchen.

War das die gesamte siebte Klasse?

»Wer möchte Paula einen Tisch holen?«

Zwei Jungs sprangen auf, rasten nach hinten, schnappten sich jeder einen freien Tisch und schleppten sie zu den anderen Tischen. Mr Carlisle hatte nicht gelogen, diese Leute waren wild auf eine Neue.

Ich nahm meinen Rucksack ab und musterte die beiden Jungs, die die Möbel auf mich zuschoben.

Der eine von ihnen war süß, sollte aber eindeutig weniger Haargel benutzen.

Der andere war dünn wie eine Bohnenstange und genauso unattraktiv. Ich wählte den Tisch von dem süßeren Jungen und ließ mich auf den Sitz gleiten. Sofort gab es wegen dem anderen Tisch Gerangel.

»Jay! Tom!« Mrs Wembly klopfte gegen die Tafel. »Setzt euch.«

Irgendwie gewann der süße Junge und ließ sich neben mich auf den Sitz plumpsen. Ich nahm an, dass er Jay war, da Mrs Wembly ihn angefunkelt hatte, als sie den Namen rief. Tom schob sich einen anderen Tisch an meine rechte Seite. Meine Nachbarn betrachteten mich, als wäre ich ein Museumsstück.

Ich spürte, wie ihr Blick von meinem Pferdeschwanz über meinen gerade geschnittenen Pony zu meiner flachen Nase und meinem spitzen Kinn wanderte. Ich rutschte auf meinem Sitz herum.

»Bist du Japanerin?«, flüsterte Jay.

Ich stöhnte innerlich. Nur weil ich »mandelförmige« Augen und schwarze Haare habe, heißt das noch lange nicht, dass ich sayonara sage und Sushi esse. Ich versuchte, so zu tun, als wäre ich unsichtbar, doch in der von meiner Schwester geerbten Jacke war das eine schwierige Aufgabe. Verona war der Meinung, alles müsste pink sein.

Mrs Wembly wandte sich uns zu, hinter ihr an der Tafel standen Matheaufgaben. »Tom, wie viel sind einhundert Prozent von einhundert?«

Einhundert, was denn sonst! Ganz offensichtlich eine Fangfrage.

»Tom?«

Ich sah zu Tom. Er kramte in den Tiefen seines Gehirns.

Einhundert, sag’s doch. Sag’s doch einfach.

»N-N-Null?«

Heiliger Strohsack! Aber was mich wirklich stöhnen ließ, war die Art, wie er antwortete. Seine Sprachbehinderung war fünfzigmal schlimmer als die meiner Eltern, und die sprachen immerhin Chinesisch. Ich stützte die Stirn in meine Hände und fragte mich, wie ich den Rest des Tages überstehen sollte. Diesmal hätte ich mehr dafür tun sollen, um unseren Umzug zu verhindern – wie mich vor den Umzugswagen legen, statt in den üblichen Hungerstreik zu treten.

Erst vor wenigen Tagen, Ende Januar, stellten meine Eltern das Schild »verkauft« in unserem Vorgarten auf. Dad baut jedes Haus aus, in dem wir leben, und bevor die Farbe auch nur eine Chance hat zu trocknen, verkauft er es und zieht mit uns in das nächste. Und dabei spielt es keine Rolle, welche Jahreszeit es ist. Direkt vor dem Ende des Schuljahrs. Nachdem es angefangen hat. Mittendrin.

Dad sagt immer: »Wenn Haus fertig, wir gehen.« Und dann gehen wir.

Kurz nach meinem achten Geburtstag fing mein Nomadenleben an. Damals hat Dad seinen Job als Bauleiter hingeschmissen und damit begonnen, selbst Häuser zu bauen. Das bedeutet, dass ich alle sieben oder acht Monate das Haus wechsele, was drei Dinge zur Folge hat: Erstens hätte ich mitten in der Nacht schon zweimal fast das Klo mit einem Schrank verwechselt. Zweitens ist meine Schülerakte dicker als jeder Harry-Potter-Band. Und drittens steht auf der Liste meiner Freunde fürs Leben nur ein Name – der von meinem Hund.

Jedenfalls haben uns unsere Eltern versichert, Sugar Lake wäre nicht einfach nur ein weiterer Umzug. Sie blieben beharrlich dabei, dass dieser Ort überhaupt nicht so wäre wie das, was wir bisher kannten, und das bewiesen sie, als wir die Rundfahrt machten.

Ich saß eingekeilt zwischen meinen Geschwistern auf dem Rücksitz. Verona stieß mir in die Rippen. »Rutsch rüber!«

Ich stieß zurück. »Was kann ich dafür, wenn dein Hintern so fett ist?«

»Paula!« Mein Bruder Athens boxte mir gegen den Arm. »Dein Ellbogen ist über der Grenze.«

Wir kamen an einem Schild vorbei, auf dem stand: Sugar Lake, Oklahoma. Hier ist das Leben süß! Ich betrachtete die Gegend. Sie war mehr als leer. Da war nichts wie in Tulsa, der letzten Stadt, die ich zu Hause genannt hatte. Oder wie in Topeka, der Stadt davor. Oder sogar in Bransom, der Stadt noch davor. Wo waren die Schnellstraßen? Die Verkehrsampeln? Die Bordsteine? Wir kamen von einer Schotterstraße zur nächsten. RR 2, RR 9, RR 15 – nicht einmal die Straßen waren nach irgendwas benannt. In zwanzig Minuten hatten wir nur drei Sachen gesehen: den riesigen Wald, den richtigen Sugar Lake – also den »Zuckersee« – und den Ortsmittelpunkt: eine Reihe alter Gebäude und eine schäbige Tankstelle.

»Kein Einkaufszentrum?« Verona stöhnte.

»Kein Kino?«, fragte Athens.

»Überhaupt nichts«, fasste ich zusammen.

Wir fuhren weiter und kamen zu zwei weiteren Gebäuden. Da hielt Dad.

»Kinder«, sagte er, »links ist die Grundschule. Rechts ist die Highschool für Athens.«

Athens starrte das Gebäude an, das eher einem verkümmertem Kaufhaus als einer Einrichtung für höhere Bildung ähnelte. Über der Tür verkündete ein Transparent mit einer Hummel darauf: Der große Stachel: Basketball der Jungen 7:0.

Das Sugar-Lake-Maskottchen war ein dribbelndes Insekt. Toll.

»Äh, Daddy?«, fragte Verona. »Wo ist denn die Mittelschule?«

»Links«, erwiderte er.

Ich hielt angestrengt Ausschau nach einem Gebäude, auf dem nicht Sugar Lake Grundschule stand. »Wo?«

Mom, die auf dem Beifahrersitz saß, las von einem Blatt Papier ab: »Da! Sugar Lake Grundschule. Kindergarten bis Klasse acht.«

Verona und ich betrachteten den Schuhkarton von einer Schule auf der anderen Straßenseite. Dann blickten wir uns an. »Nie im Leben!«

Tja, und jetzt saß ich hier in der Klasse von einer Schule mit gerade mal siebenundneunzig Schülern und lernte, wie viel hundert Prozent von irgendwas waren.

Ich suchte das Klassenzimmer nach einem Hinweis darauf ab, ob ich hier vielleicht falsch war – möglicherweise in der dritten Klasse –, als ein klein zusammengefaltetes Papierpäckchen auf meinem Tisch landete.

Jemand wollte mit mir Kontakt aufnehmen.

Ich legte die Hand darüber, ließ es auf meinen Schoß gleiten und faltete es auseinander.

Mittagessen mit mir? ZBK = Zweimal Bleistift-Klopfen für ja. Nein lass ich nicht als Antort gelten. Mayo.

Mayo? Und was ist mit dem w in Antwort passiert? Ich schaute nach hinten. Ein Mädchen mit dunkelroten Haaren und lauter Sommersprossen auf der Nase grinste mich an. Ich biss mir auf die Lippe und kam zu dem Schluss: Mittagessen mit irgendjemandem war immer noch besser als Mittagessen ganz alleine.

Ich klopfte zweimal mit dem Bleistift.

Es klingelte zur Mittagspause und ich stand auf. Der süße Junge und Tom, der hinreißende Wissenschaftler, rückten näher. Die übrigen Kinder aus der Klasse schnappten sich ihre Jacken und stürmten nach draußen.

Tom streckte die Hand aus. »H-H-Hi.«

Ehe ich antworten konnte, stand schon Mayo vor mir. »Lass sie in Ruhe, Tom. Sie isst mit mir zusammen.« Sie packte mich am Handgelenk und zog mich zur Tür.

Als wir nach draußen kamen, ließ sie mich an einer Treppe los und zog ihre Jacke an. Da stand sie, groß, Nase in die Luft, Brust raus. Die frische Landluft und das gesunde Essen hatten ihr rundum gutgetan.

Ich rieb mir das Handgelenk. »Danke, glaube ich.«

»Tom plus Jay ist gleich dämlich, Paula.« Sie warf sich die Haare über die Schulter.

Dann kamen die Jungs vorbei. Jay machte uns einen Kussmund, was meine Meinung über seine Attraktivität ziemlich änderte.

Mayo zeigte ihm die Faust. »Lass uns mit deinen Lippen in Frieden, sonst kannst du was erleben!«

»Na, da bin ich aber gespannt.« Jay schmatzte erneut in die Luft und zwinkerte. »Komm schon, Tom.« Sie gingen die Treppe runter. Tom sah sich noch einmal zu mir um.

»Großmaul und sein Dumpfbackenkumpel sind wirklich eine Plage, Paula.« Mayo setzte sich auf die unterste Stufe und zog mich neben sich. »Das hast du bestimmt schon gemerkt.«

Ich nickte und blickte über den Schulhof. Überall kletterten Kinder auf verrosteten Spielgeräten herum. Ein gefundenes Fressen für jede lauernde Tetanusepidemie.

»Ich weiß, das hier ist nichts Besonderes«, meinte Mayo und zeigte auf die Treppe. »Aber wenigstens haben wir die Stufen für uns.«

»Hi, Paula.« Ein Mädchen aus der Klasse setzte sich neben mich. »Ich bin Dana.« Sie stellte eine Lunchtüte ab. Mit ihren blauen Augen und dunklen Wimpern wirkte sie so unschuldig wie Bambi.

»Und hat Mayo schon rausgekriegt, ob du auch so ein Freak bist?«

»Dana!«, sagte Mayo.

»Ich hab doch bloß Quatsch gemacht.« Dana musterte mich. »Und wo ist dein Essen?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Hm, in der Mensa?«

»Du machst wohl Witze, Paula«, meinte Mayo. »Wir haben keine Mensa. Hier.« Sie gab mir die Hälfte eines Schinkenbrots und ließ ein paar Käsecracker auf die Tüte mit ihrem Essen fallen. »Das Erste, was du hier lernen musst, ist, dass wir Mädchen zusammenhalten. An einer Schule dieser Größe sind gute Freundinnen Mangelware. Stimmt’s, Dana?«

»Stimmt.«

Und dann kam die Lektion »Überleben an der Sugar Lake Grundschule«.

Zunächst der Schulhof. Mit einem Stock zeichnete Mayo den Grundriss auf den Boden und zeigte hierhin und dorthin, während sie das Gelände erklärte. »Die Bänke da am Zaun, da treiben sich die Jungs aus der Siebten rum. Mit denen brauchst du dich nicht weiter abzugeben, sie haben die Intelligenz von Fischen. An den Picknicktischen hängen die aus der Achten rum. Wenn die sich herablassen, mit dir zu sprechen, trau ihnen nicht. Das ist eine Falle …«

Ich entdeckte meine Schwester an einem der Tische. Neue Freunde umkreisten sie wie Paparazzi. Während ich an jeder neuen Schule immer das Mauerblümchen war, ist Verona normalerweise das It-Girl. Sie hat dieses gewisse Etwas, das Leute anzieht wie eine Banane die Affen. Keine Ahnung, von wem aus unserer Familie sie das hat.

Ich sah weg und hörte Mayo wieder zu. Ich musste mich darauf konzentrieren, meine eigene Clique zu kriegen.

»… und die Geräte auf dem Schulhof«, erklärte Mayo weiter, »sind wirklich nur für die Kinder. Lass dich bloß nicht bei einem der Dinger erwischen. Die Kinder in den Klassen unter uns, also …«

»… die sind eben unter uns«, beendete Dana den Satz.

Ich nickte. Das war einleuchtend.

Mayo stach mit dem Stock in eine Ecke des Schulhofs. »Und das da drüben musst du auf jeden Fall meiden. Unbedingt!«

Mein Blick folgte dem Stock zu einem weiteren Mädchen aus unserer Klasse, das in einer Reifenschaukel saß, die von einer Eiche herabhing. »Warum?«, fragte ich.

»Paula, bist du blind?« Mayo nickte mit dem Kopf Richtung Eiche. »Kannst du die Außenseiterin der Schule nicht erkennen, wenn du sie siehst?«

»Oh.« Ich sah genauer hin. Während des Unterrichts hatte ich nicht besonders auf sie geachtet. Ich hatte lediglich bemerkt, dass sie dem Lehrertisch am nächsten saß. Die Haare hatte sie zu zwei Pippi-Langstrumpf-Zöpfen geflochten, sie las ein Buch, und im Umkreis von fünf Metern hielt sich sonst niemand auf. Ihr Gesicht war so blass, als bestünde sie aus Kalk.

»Das ist Robin«, sagte Mayo.

»Es ist so peinlich, dass sie in unsere Klasse geht«, fügte Dana hinzu.

Mayo schüttelte den Kopf. »Was für ein Freak.«

Die Art, wie sie Freak sagte, ließ mich zusammenzucken. »Was stimmt nicht mit ihr?« Ich hoffte, dass wir nicht zu viel gemeinsam hatten.

»Sie macht nichts anderes, als mit einem Buch in dieser Schaukel hin- und herzuschwingen.«

Ich schluckte. Ich las furchtbar gerne.

»Aber das ist nicht ihr einziges Problem.« Dana saugte das letzte Tröpfchen aus ihrem Trinkpäckchen.

»Nein, das ist es nicht.« Mayo tippte sich bedeutungsvoll gegen den Kopf. »Die Gute ist nicht ganz dicht.«

»Nicht ganz dicht?« Ich betrachtete Robin genauer. Abgesehen von ihrem käsigen Gesicht kam sie mir ganz normal vor. »Was meint ihr damit?«

»Erst mal«, sagte Mayo, »sind schon die Zöpfe und dieser Pulli, den sie da unter ihrer bescheuerten Jacke anhat, ein deutlicher Hinweis. Aber falls du noch mehr Beweise brauchst: Robin redet fast nie. Die Worte, die sie in diesem Jahr gesagt hat, könnte ich wahrscheinlich an den Fingern abzählen.«

Ich hob die Augenbrauen. Das klang ziemlich seltsam.

»Ja, und stell dir mal vor, Paula«, erzählte Dana weiter, »Mrs Wembly tut so, als wäre das völlig in Ordnung …«

»Als wäre sie normal, wenn sie es gerade nicht ist«, meinte Mayo.

Langsam kapierte ich. »Ihr meint, sie ist irgendwie … äh … sprachlich behindert?«

»Ja, das kann gut hinkommen«, sagte Mayo. »Mir ist egal, wie man das nennt – behindert, freakig, alles dasselbe. Nicht ganz dicht eben.«

Puh! Was ich mit Robin gemeinsam hatte, hörte mit den Büchern schon auf. Mit dem Reden hatte ich keine Probleme. Mein entscheidender Fehler war, dass ich mich so leicht in Peinlichkeiten hineinredete.

Mayo warf den Stock auf den Boden. »Das ist Robins Baum.« Sie zog einen weiten Kreis um ihn. »Betritt nie den Bereich der Irren. Kapiert?«

Kapiert? Oh ja. An jeder Schule gibt es zumindest einen Freak. Ich hatte schon oft Angst gehabt, selbst zum Freak zu werden, als Neue und so. Aber erfreulicherweise hatte ich bisher immer Glück. Immer war irgendjemand anderes geeigneter. An der letzten Schule war es einer aus der sechsten Klasse, der einen furchtbaren Überbiss hatte und eine Wahnsinnszahnspange tragen musste. An der Schule davor war es ein Fünftklässler, der sicher fünfhundert Pfund gewogen hat. In Sugar Lake lag es auf der Hand, dass Robin – das wortlose Wunder – die Gewinnerin war.

Ich strich mir die Haare glatt und versuchte, cool zu klingen. »Ich kapier total.«

»Großartig.« Mayo warf den Stock weg und wischte sich die Hände ab. »Dana, ich glaube, Paula ist in Ordnung. Was meinst du?«

»Drei ist eine magische Zahl«, antwortete Dana.

»Dann ist ja gut.« Mayo lächelte. »Dann erkläre ich uns bis auf Weiteres zum Trio.«

Boah! Moment mal. War ich dabei?

Mayo beugte sich vor und kam mit den Knien näher. »Jetzt würden wir dich gerne etwas fragen.«

Mayo und Dana blickten mich erwartungsvoll an.

»Was?«

»Ich gebe eine Geburtstagsparty«, sagte Mayo. »Möchtest du kommen?«

»Geburtstagsparty?« Und sie lud mich ein?

»Am Freitag, den fünften, werde ich dreizehn«, verkündete Mayo.

»Aber es ist doch keine Party, wenn du nur zwei Leute da hast«, meinte Dana. »Oder kriegst du das hin?«

Ich tat alles, was in meiner Macht lag, um ruhig zu bleiben. Mayo und Dana boten mir eine Gelegenheit, die man nur selten bekommt.

Vielleicht hatte es auch Vorteile, in so einer Winzstadt zu wohnen.

Vielleicht war auch die bloße Tatsache günstig, dass ich fünfundzwanzig Prozent der weiblichen Schülerschaft der siebten Klasse repräsentierte.

Vielleicht war ich, Paula Pan, nach vier Jahren Umzieherei, nun doch ein Freundschaftsobjekt?

Ich drehte mich zu Mayo und lächelte. »Was soll ich mitbringen?«

»Also ein Geschenk hoffentlich und Klamotten zum Wechseln. Es ist mit Übernachtung.«

»Bring auch eine Taschenlampe mit«, ergänzte Dana.

»Eine Taschenlampe?«

»Dana, kein Wort!«, warnte Mayo.

Dana warf Mayo einen Blick zu. »Ich wollte nichts verraten.« Und dann schob sie schnell nach: »Hast du Angst vor Gespenstern, Paula?«

»Dana!« Mayo warf einen Käsecracker nach ihr. »Freitag.« Sie stieß mich mit dem Ellbogen an. »Wenn wir dir was im Vertrauen erzählen können.«

»Das klingt toll«, sagte ich, als hätte ich keine Ahnung davon, unter die Bettdecke zu kriechen und Gruselgeschichten zu erzählen.

Mayo redete weiter über ihren Geburtstag, während ich mein Brot fertig mampfte. Immer wieder blickte ich zu Robin, die mit ihrem Buch vor und zurück schaukelte. Wenn ich dieses Mädchen so betrachtete, war ich schon sehr froh, dass ich es in Mayos Freundeskreis geschafft hatte.

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2

Nach einem Nachmittag mit Lektionen, die ich schon im letzten Jahr gelernt hatte, beschloss ich, dass dies der erste und letzte Tag war, an dem ich in der ersten Reihe gesessen hatte. Mayo und Dana hatten die Fernmeldeleitung eröffnet, und alle warfen mir Notizen zu. Eine von Jay, auf der stand: Triff mich nach der Schule am Springbrunnen. Eine von Tom, auf der stand: Tut mir leid wegen Jay. Und unzählige von Mayo und Dana. Hör nicht auf die Jungs. KZWDVH = klopf zweimal, wenn du verstanden hast.

Endlich klingelte es, und ich steuerte mit meinen neuen Freundinnen auf den Ausgang zu. Jüngere Kinder drängelten sich an uns vorbei durch die Tür und zum Schulbus, der draußen wartete.

»Kommst du mit uns?«, fragte Mayo, während sie und Dana der Meute folgten.

»Nein, danke, ich hab meine eigene Mitfahrgelegenheit.«

Mayo runzelte die Stirn. »Hä?« Sie blickte zum Bus. »Nein, ich meine B-Ball-Training.«

»Wie?«

»Basketball.« Dana zeigte auf die Highschool auf der anderen Straßenseite. »Zur Turnhalle?«

»Nee«, sagte ich. »Ich geh nach Hause.«

Dana starrte mich mit großen Augen an. »Wirklich? Du gehst nicht zum Training?«

»Ähm, warum sollte ich?«

Mayo lachte. »Sie ist neu hier«, sagte sie und nickte Dana zu. »Sie lernt es noch früh genug.« Sie lächelte mich an. »Dann bis morgen.«

Ich sah den beiden nach und fragte mich, was genau ich noch lernen würde, als hinter mit Gekicher ausbrach. Ich drehte mich um. Meine Schwester kam mit ihrer Fangemeinde aus dem Gebäude, und ich wandte mich blitzartig ab und tat, was jede Schwester tun würde, die etwas auf sich hielt – ich tat so, als wären wir nicht verwandt.

Ein Auto hupte. Athens hielt am Bordstein und ließ den Motor unseres Buicks aufheulen. Er schob seine Sonnenbrille zurecht und machte ein finsteres Gesicht, als wären wir schuld, wenn er zu einem wichtigen Date zu spät käme. (Und dieser Junge hatte noch nie ein Date gehabt. )

Ich ging auf den Wagen zu. So wie mein Bruder die Zähne zusammenbiss, war mit klar, dass er immer noch sauer war wegen gestern Abend. Mom hatte gesagt, wenn er mit dem Wagen zur Schule fahren wollte, müsste er Verona und mich mitnehmen. Er hat daraus ein großes Ding gemacht, aber ich kannte den wahren Grund, warum er uns nicht durch die Gegend fahren wollte: Die Pan-Schwestern stahlen ihm die Show.

Ich machte die Tür auf. »Hallo.«

»Komm rein«, grunzte Athens.

»Was denkst du denn, was ich als Nächstes machen wollte?«

»Sei still, Paula. Ich hab gesagt, komm rein.«

Maulend kletterte ich auf den Rücksitz, schloss die Tür und beobachtete durch das Fenster, wie der Verona-Fanklub auf jedes Wort meiner Schwester lauschte, während Ihre Majestät ihren Abschiedsgruß entbot.

Mein Bruder hupte.

Verona drehte sich um und warf ihm den bösen Blick zu, an dem sie über Jahre gearbeitet hatte. Sie wandte sich wieder ihren Freunden zu, und endlich wurde der letzte Kuss auf die letzte Backe gedrückt. Dann kam sie ins Auto.

»Warum hast du’s so eilig, Athens?« Sie knallte die Tür zu und schenkte dem Klub draußen durchs Fenster ein Lächeln. »Weißt du denn nicht, wie wichtig es ist, gleich zu Beginn einen guten Eindruck zu machen?«

»Was kümmert’s mich?« Athens ließ die Reifen durchdrehen, und der Wagen machte einen Satz nach vorne.

Ich beobachtete, wie ihr der Klub nachwinkte. »Verona, was hast du ihnen diesmal erzählt? Dass deine richtige Schwester ein Filmstar ist? Oder dass du die Prinzessin von Taiwan bist, die diese reiche und bezaubernde Stadt besucht?«

Verona drehte sich vom Beifahrersitz zu mir um, und ich war entsetzt über den blauen Lidschatten, der ihre nicht vorhandenen Augenlider verschmierte. »Du bist doch nur neidisch, weil ich tausendmal beliebter bin als du«, sagte sie.

»Nein, Verona, ich bin einfach nur froh, dass ich nicht so dermaßen viel Make-up brauche, um neue Freunde zu finden.«

Athens stöhnte. »Könnt ihr blöden Zicken nicht einfach den Mund halten?«

»Halt du den Mund!«, riefen meine Schwester und ich im Chor. Das Einzige, was Verona und mich verbindet, ist unsere gemeinsame Abneigung gegen Athens. Athens tut gerne so, als würden wir gar nicht existieren. Was Verona betrifft, verstehe ich das ja. Aber ich?

Früher hatten wir ein richtig gutes Verhältnis, und damit meine ich, dass ich immer auf ihn zählen konnte, wenn es darum ging, Verona für Stunden in einen Schrank zu sperren. Natürlich hat sich alles verändert, als Athens auf die Highschool kam. Er ist mir entwachsen, wie ich den Buntstiften entwachsen bin. Ich seufzte. Aber das war wohl sowieso egal. Nächstes Jahr würde er irgendwo aufs College gehen und ich zu einer blassen Erinnerung werden.

Während der restlichen Fahrt sagte niemand mehr etwas. Wahrscheinlich lag es daran, dass Athens das Radio so laut gedreht hatte, dass meine Zähne vibrierten. Ich konzentrierte mich auf die winterliche Landschaft draußen. Wir waren von Wäldern umgeben, die Bäume waren kahl und der Boden mit trockenen Blättern übersät. Langsam kam der Sugar Lake in Sicht, der bei dieser Kälte ganz verlassen aussah. Ich fragte mich, wie es hier wohl im Sommer war. Ob die Kinder im See schwimmen würden? Würden Familien am Ufer grillen und am Nationalfeiertag Raketen steigen lassen? Dann fiel mir ein, dass ich vielleicht gar nicht mehr da wäre, um das herauszufinden, und ich hörte auf, mich zu fragen.

Rechts von mir öffneten sich die Bäume für eine einspurige Straße. Dort gab es einen Briefkasten mit der Aufschrift Die Steuerleute. Ein Stück weiter stand dann ein zweigeschossiges Fachwerkhaus mit einem kleinen Parkplatz davor. Da verkündete ein Schild: Johnnys Köder und Angelgeräte. (Du köderst sie, und wir angeln sie dann!) Danach kam kein weiteres Haus mehr, nur noch der Hügel, auf dem wir wohnten.

Wir fuhren den Hang hinauf, und bevor sich die Straße irgendwo im Wald verlief, bog Athens in unsere gekieste Einfahrt.

Eingebettet zwischen Bäumen grüßte uns unser unfertiges Heim im Landhausstil. Ich sage unfertig, weil Dad es noch nicht ganz fertig hat, doch schon jetzt protzt diese schöne Behausung mit vier Schlafzimmern, dreieinhalb Bädern, einer Garage für zwei Autos, einer geplanten zweiten Etage, Haushaltsgeräten aus rostfreiem Stahl und Arbeitsplatten aus Granit. Stadtleben vom Feinsten – auf dem Land! Ich konnte die Verkaufsanzeige direkt vor mir sehen.

Genauer gesagt, so würde die Anzeige lauten. Schließlich helfe ich Dad immer, sie zu schreiben.

Athens stellte den Wagen vor dem Haus ab – die Garage konnte man vergessen. Die Hälfte wurde von den Werkzeugen meines Vaters eingenommen, und der freie Platz war für unsere Eltern reserviert. Aber Dad würde die Werkzeuge noch eine weitere Woche nicht brauchen, da er bereits am nächsten Objekt in Choctaw arbeitete. Ich konnte mir nur ausmalen, wie aufregend es da wohl sein würde.

Wir gingen ins Haus und zogen die Schuhe aus. Ein Gesetz in unserem Haus: Zieh die Schuhe aus, oder ertrag Moms Wutausbruch, wenn auch nur ein winziger Dreckfleck auf dem Teppich landet. Ich stellte meine Schuhe ordentlich neben die Tür, während Verona und Athens ihre Zimmer ansteuerten. Mom war noch bei der Arbeit. Sie ist Programmiererin in Tulsa. Jeden Tag fährt sie fünfundvierzig Minuten, um die echte Kohle für die Familie zu verdienen. Ich hatte mal gedacht, das wir durch Dads Häuser reich sein müssten, doch so funktioniert das nicht. Tatsächlich ist es so, dass wir immer ärmer werden, je mehr Häuser mein Vater baut.

Dad hatte mir das so erklärt: »Wir verbauen Eigenkapital in Haus. Dann leihen Kapital. Bauen größeres Haus. Wenn letztes Haus verkauft ist, dann haben wir Geld.«

Ich hab die Erklärung meines Vaters nicht verstanden. Baukapital klingt für mich eher nach Glücksspiel, und wir würden nicht gewinnen.

Ich ging ins Wohnzimmer, wo Go, unser Terrier, vor der Terrassentür winselte.

»Musst du mal gehen, Go?« Das sage ich gerne. Go bedeutet auf Chinesisch Hund, aber der Name passt auch im Englischen. Go muss immer gehen. Ich zog die Schuhe also wieder an, hakte die einziehbare Leine an ihrem Halsband ein und ließ sie in den Garten.

Eigentlich sollte ich unseren Garten nicht Garten nennen. Außer der Terrasse von vier Quadratmetern besteht er nur aus Wald. Zwanzig Morgen Wald. Und ich weiß genau, warum meine Eltern das Land so billig bekommen haben. Erstens liegt es am Ende der Welt. Zweitens gibt es da immer noch, versteckt zwischen den Bäumen, einen hundert Jahre alten, heruntergekommenen Schuppen – was heißen soll, das Haus, das hier stand, war nicht gerade eine Goldgrube. Und drittens, wann hätten meine Eltern schon mal irgendetwas gekauft, das nicht billig war?

Go trottete durch den Wald und suchte sich die ideale Stelle aus. Nachdem sie fertig war, wischte ich ihr den Schlamm von den Pfoten und ließ sie wieder rein.

Mit Go im Schlepptau ging ich durch einen Flur mit kahlen Wänden. Wir durften nichts aufhängen. Mom denkt, dass Macken an der Wand der Welt verraten, dass das Haus »gebraucht« war, bevor es zum Verkauf stand. Völlig ungeachtet der Tatsache, dass wir ja immer noch darin wohnten, wenn eventuelle Käufer durchgingen.

Ich machte die Tür hinter mir zu und seufzte beim Anblick der unausgepackten Kartons und der anderen Dinge, die ich immer noch nicht weggeräumt hatte. Dann seufzte ich wieder, als ich Prinzessin Taipei mit einer ihrer neuen besten Freundinnen am Telefon plappern hörte. Dad hatte die zusätzliche Isolierung nicht angebracht, um die ich ihn gebeten hatte. Und so musste ich nun mit anhören, wie Verona darüber debattierte, welche Kosmetikfirma die bessere Schminke herstellte.

Ich schob meinen Geigenkasten unters Bett. Einen Vorteil hatte der kleine Ort schon: Im Umkreis von dreißig Meilen gab es keinen Geigenlehrer. Mom meinte, Verona und ich sollten trotzdem üben, aber was soll’s. Ich winkte dem Instrument einen Abschiedsgruß hinterher.

Als Nächstes wuchtete ich zwei Kartons mit der Aufschrift Paulas Zeug aufs Bett. Eigentlich hätte Paulas alte Klamotten draufstehen müssen, denn das war drin. Pullis vom letzten Jahr … und Sommersachen. Ich nahm alles aus dem ersten Karton raus, und dann arbeitete ich mich durch den zweiten. Ganz unten stieß ich dann auf etwas, von dem ich nie wusste, was ich damit anfangen sollte – ein dünnes Fotoalbum mit dem Titel Meine Erinnerungen.

Es war schon eine Weile her, dass ich es mir angesehen hatte. Es war kein typisches Fotoalbum, eher ein Arbeitsbuch mit Fragen über meine Familie, meine Freunde und mich. Es gab da leere Stellen zum Ausfüllen und Stellen, an denen Fotos eingeklebt werden sollten. Ich schlug es auf und sah meinen Namen, hingekritzelt in der unbeschwerten Schrift einer Achtjährigen.

Damals hatte Dad noch sehr viele Stunden für seinen festen Job gearbeitet, aber er ist jeden Abend nach Hause gekommen. Was Mom betraf, so hat sie wie eine Wilde gearbeitet, solange ich mich zurückerinnern kann. Aber trotzdem hat sie es geschafft, Zeit für uns zu haben. In dem Album hatte ich unter den Abschnitt »Was ich mit meiner Familie mache« hingeschrieben: einen Film ausleihen, Pizza bestellen und bei Lucky Strike kegeln! Da hatte ich ein Foto der fünf Pans eingeklebt, die zusammen vor den Bahnen standen. Dad mit einem Hotdog in der Hand, Athens, der Verona Hasenohren machte, und Mom, die den Arm um mich gelegt hatte.

Ich blätterte um, und das nächste Bild zeigte mich, wie ich Skeeball spielte. Dad hatte es an meinem achten Geburtstag aufgenommen. Ich hatte meine beste Freundin Shana eingeladen, doch sie war krank geworden und konnte nicht kommen. Mom, die sich eigentlich den Abend freinehmen wollte, war trotzdem zur Arbeit gerufen worden. Am Abend saß ich missmutig in meinem Zimmer, als Dad reinkam und sagte: »Baby, was ist mit dir und mir, hm?« Er hat mich zu einem Abend voller Spaß ausgeführt. Ich war noch nie in einer richtigen Spielhalle gewesen, und mir war auch klar, dass Mom es zu teuer finden würde. Doch Dad hatte gesagt: »Ich mache Gedanken wegen deiner Mom. Du machst Gedanken wegen Spiel, ja?« An dem Abend hab ich eine Million Punkte gewonnen und sie für fünf nach Trauben duftende Radiergummis eingetauscht. Es war einer meiner schönsten Geburtstage.

Nicht lange danach hat Dad mit seinem eigenen Geschäft angefangen, und sofort war weniger Zeit und weniger Geld für alles da. Mit gemeinsamen Unternehmungen als Familie hörten wir ganz auf. Ich musste mich von meiner Schule, meiner Stadt und – ich blätterte im Album zum Abschnitt »Freunde« – von meinen Freunden verabschieden. Außer Shana wusste ich kaum noch ihre Namen.

Wieder blätterte ich durch das Album. Da waren noch so viele Seiten auszufüllen. Vielleicht würde das nächste Foto unter »Freunde« eins von Mayo, Dana und mir sein. Vielleicht. Ich lächelte, als ich das Album in mein Bücherregal stellte, und als ich mich umdrehte, um die Kartons wegzuräumen, hörte ich, wie an mein Fenster geklopft wurde.

Go knurrte, sprang auf einen kleinen Karton und stützte die Pfoten auf das Fensterbrett.

Da war es wieder, das Klopfen.

Go knurrte lauter.

Ich ging zum Fenster und spähte zwischen den Lamellen des Rollladens durch. Langsam stellten sich meine Augen auf die Dunkelheit ein.

Es war Tom.

Belauerte er mich?

Ich zog blitzschnell den Rollladen hoch, blickte ihn streng an und dachte an das, was Mayo gesagt hatte: Lass dich nicht von ihnen für dumm verkaufen. Ich schubste Go aus dem Weg und machte das Fenster auf. Kalte Luft kam hereingeströmt.

»Was machst du hier?«, fragte ich.

Tom zuckte mit den Schultern. »Ich wollte einfach H-H-Hallo sagen. Das ist alles.« Er zeigte mit dem Daumen über die Schulter. »Ich wohne g-g-gleich da unten am Hügel. Hinter Johnny. Ich h-h-hab beobachtet, wie euer Haus gewachsen ist.«

Also hat er mich doch belauert, und er hat ewig gebraucht, um das zu sagen.

»Und?«

Tom sah unbehaglich aus. Er versuchte, noch etwas zu sagen, doch es wirkte, als würde es nicht so bald rauskommen.

Go bellte.

Die Sekunden verstrichen.

Okay. »Also, danke für die Begrüßung«, sagte ich. »Aber ich hab noch was zu tun …«

Peng! Ich hörte, wie meine Tür gegen die Wand krachte.

»Paula!«, sagte Verona. »Mit wem redest du?«

Ich drehte mich um. Da stand meine Schwester mit ihrem rosa Telefon in der Hand.

»Hm, mit niemandem.«

»Also du und dein ausgedachter Freund, ihr müsst sofort aufhören.« Sie fuchtelte mit ihrem Telefon vor meinem Gesicht herum. »Wie soll ich denn ein vernünftiges Gespräch führen, wenn du nebenan so laut rumquasselst?«

»Verona, du weißt doch gar nicht, was ein vernünftiges Gespräch ist.« Ich drehte etwas auf, damit ihr ergebener Diener am anderen Ende es hören konnte. »Bleichst du dir nicht besser deinen Damenbart oder so was?«

Veronas winzige Augen drohten ihr aus dem Kopf zu springen. Sie knallte die Tür zu.

Was genau das war, was ich wollte.

Ich drehte mich wieder zum Fenster um, nur war Tom nicht mehr da. Klar, Veronas Gesicht reichte, um jeden zu vergraulen. Ich machte das Fenster zu und wollte wieder an meine Kartons gehen, da fiel mir auf, wie gespenstisch still es im Zimmer war.

Irgendetwas stimmte nicht.

Ich sah mich um. »Go?«

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