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Paul, Olivia und die Aromen der Farben

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Vorspiel

I.

Es gibt zwei Möglichkeiten das Leben zu würzen. Man kann auf den Geschmack eines einzelnen Gewürzes vertrauen, das allem eine ganz eigene, intensive Note verleiht. Oder man kombiniert verschiedene Kräuter miteinander und lässt sich überraschen, welche neuen Empfindungen und unerwartete Aromen mit jeder neuen Mischung entstehen.

Benno stand in den Türrahmen gelehnt und schaute mir zu wie ich das Essen vorbereitete. Vor mir lagen Paprika in verschiedenen Farben, prächtig und glänzend, als wären sie frisch lackiert. Mit einem Messer teilte ich die Schoten in Streifen, entfernte Stiel und Kerne. Ich reihte Schalotten, Tomaten und Oliven auf ein Holzbrett. Nahm mir dann eine Aubergine – eine pralle Frucht mit glatter, dunkler Haut.

„Sehr hübsch, Paul. Wie immer ist es ein Vergnügen, dir beim Kochen zuzuschauen”, meinte Benno freundlich.

Ich warf ihm eine Olive zu. Er fing sie mit einer Hand.

„Wie wäre es mit etwas zum Trinken?“, fragte Benno kauend.

„Kaffee oder ein Bier?“

Er überlegte kurz. „Kaffee – du auch?“

Ohne die Antwort abzuwarten trat er in den Raum. Meine Küche war zu klein für zwei Personen. So kämpften wir eine Zeit lang Rücken an Rücken, bis Benno die Espressokanne auf den Herd gestellt hatte und wieder in den Türrahmen zurückkehrte.

„Bin gespannt, ob sie auch wirklich kommen“, meinte er.

„Sicher kommen sie – warum sollten sie nicht?“

Er zuckte die Schultern. „Und wenn sie nicht kommen?“

„Klar kommen sie”, wiederholte ich und es wurde mir klar, dass ich enttäuscht wäre, sollten Olivia und Richard heute Abend nicht erscheinen.

Die Espressokanne begann zu zischen und zu dampfen. Der Kaffeeduft mischte sich zu den anderen Gerüchen.

„Keine kulinarischen Experimente heute?”, fragte Benno, während er den Kaffee auf zwei Tassen verteilte.

Benno spielte auf unsere gemeinsamen Kochversuche zu Beginn unserer Studienzeit an, die eine Fülle an einfallsreichen Kreationen und ungewöhnlichen Kombinationen hervorgebracht hatten – allerdings auch immer wieder gravierende geschmackliche Probleme.

„Nun ja“, sagte ich. „Olivia und Richard schienen mir recht aufgeschlossen für neue Ideen.“

„Aufgeschlossen, wird stimmen.“ Benno lächelte und nickte in Erinnerung an einen Abend vor zwei Wochen.

II.

Damals waren wir spät am Abend noch irgendwie ins Denk! geraten. Aus einer kleinen Lagerhalle entstanden, war das Denk! eine Art Café mit Bühne, wo hin und wieder Veranstaltungen stattfanden – geplant oder spontan, das war nicht immer erkennbar.

Es spielte eine Band. Von außen schon recht geräuschvoll – innen war es ohrenbetäubend. Vier bunt gekleidete Typen sprangen ein wenig unbeholfen über die Bühne und mühten sich mit ihren Instrumenten.

„Ist mir zu laut“, schrie Benno überflüssigerweise in mein Ohr, und wir waren schon auf dem Rückzug, weil wir einen ruhigeren Ausklang des Abends im Sinn gehabt hatten, als die Musik plötzlich aufhörte. Die Band verließ die Bühne und wir gingen an die Bar, bestellten uns ein Bier. Viel Publikum hatten sie nicht gehabt, der spärlich beleuchtete Raum vor der Bühne war fast leer. Ein paar Leute saßen an den Tischen, andere Gäste an der helleren Bar. Eine Zeit lang hörte man nur das Klingen von Gläsern und Fetzen von Gesprächen – eine seltsame Ruhe nach dem Lärm. Doch nur von kurzer Dauer. Klassische Musik ertönte aus den Boxen – nicht laut, nicht leise. Krasse Stimmungswechsel kannte ich von früheren Besuchen, trotzdem war ich auch dieses Mal verblüfft.

„Mozart“, meinte Benno.

„Sicher?“, fragte ich.

„Keineswegs“, antwortete er.

Wir nahmen unser Bier, setzten uns an einen Tisch und tranken in wohlgesetzten Schlucken zum ersten Satz. Am Nebentisch saßen eine junge Frau und ein gleichaltriger Mann. Sie spielten Schach. Beide saßen vor dem Brett, doch keiner machte Anstalten eine Figur zu bewegen. Von Zeit zu Zeit schauten wir hin. Es rührte sich nichts. Benno begann, leise auf den Tisch zu klopfen. Mitten im zweiten, langsamen Satz des Konzertes konnte er sich nicht mehr beherrschen und fragte das Mädchen: „Wenn du am Zug bist, warum schlägst du dann nicht seine Dame mit deinem Läufer?“

Langsam wendete sie sich ihm zu und sagte ernst. „Das wäre wohl kaum fair.“

„Was?” Benno perplex. „Wieso fair?”

„Unfair”, verbesserte sie und lachte ihn jetzt an.

„Du redest über Schach?”, fragte er wenig geistreich.

„Natürlich”, mischte sich nun auch ihr Mitspieler ein. „Aber mit Zusatzregeln. Schau: Du darfst höhere Figuren nicht mit niedrigeren schlagen, und umgekehrt auch nicht. Das wäre unmoralisch. Es würde nämlich ein Ungleichgewicht entstehen.”

„Wir tauschen immer nur gleichwertige Figuren, Bauer mit Bauer, Turm mit Turm und so weiter”, setzte die junge Frau wieder fort.

„Bisher hat aber keiner von euch beiden auch nur eine Figur geschlagen”, entgegnete Benno, dem langsam dämmerte, dass sie ihn auf den Arm nahmen.

„Das brauchen wir ja auch nicht”, meinte sie. „Es bleibt doch vollkommen gleich, ob wir uns nun gegenseitig die Bauern oder Damen vom Brett nehmen oder sie einfach stehen lassen – beide Spieler haben so oder so immer gleich viele Figuren.”

„Idealerweise kann man sich auch die Spielzüge ersparen. Man stellt einfach nur die Figuren auf und lässt es dabei”, mischte ich mich nun ein.

„Richtig”, meldete sich wieder der Mitspieler. „Und du kannst das Spiel jederzeit beenden, es ist sowieso vorgegeben wie es ausgeht. Und – ein weiterer Vorteil – es gibt auch keinen Verlierer.” Er lehnte sich mit einem zufriedenen Lächeln zurück.

Benno sagte: „Schachmatt.”

Wir setzten uns zu ihnen an den Tisch. Die junge Frau hieß Olivia, ihr Begleiter stellte sich als Richard vor.

Benno sagte zu Olivia: „Demnächst werde ich vorsichtiger sein, bevor ich dir Ratschläge gebe. Aber als wir gekommen sind, habe ich gedacht ihr würdet ernsthaft spielen.”

Sie antwortete lächelnd. „Das Brett stand schon dort, als wir uns an den Tisch gesetzt haben.”

So haben wir uns kennen gelernt. Wir saßen noch lange zusammen und unterhielten uns. Das Schachbrett stellten wir auf den Nebentisch und frisches Bier vor uns. Mozart war irgendwann verklungen, aber an diesem Abend blieb es bei klassischer Musik in chaotischer Reihenfolge. Wir erfuhren, dass Olivia Kunstgeschichte studierte. Und auch Richard war Student, doch er zierte sich eine Weile, bis er uns sein Studium verriet. Architektur, sagte er schließlich, als gäbe er ein Geheimnis preis.

Als nur mehr eine Handvoll Leute verstreut herumsaßen und keine neue Musik mehr gespielt wurde, sodass die Stimmen zwischen den Wänden hallten und sich in der Höhe des alten Fabrikgebäudes verloren, brachen wir gemeinsam auf. Richard wollte sich noch erkundigen, welche Musik wir zuletzt gehört hatten, und ging zu diesem Zweck an die Bar, während wir vor der Tür auf ihn warteten.

Als er hinterherkam schüttelte er den Kopf und meinte: „Die da drinnen wissen selber nicht, welche Musik das war. Sie spielen einfach das, was sie gerade finden, sagt der Barmann.“

Das wunderte mich nicht sehr, etwas Ähnliches hatte ich schon früher vermutet. Wir standen noch eine Weile in der kühlen Nachtluft und beschlossen, dass wir uns wiedersehen sollten. Und so war es gekommen, dass ich sie zu mir einlud. Ich würde uns etwas zum Essen machen, hatte ich gesagt. Wir hatten uns auf den Tag geeinigt, uns verabschiedet und jeder war vorerst seiner eigenen Wege gegangen.

Rosmarin

I.

Ein kleiner runder Platz am Rande der Innenstadt mit einem Brunnen und ein paar gebeugten alten Weiden in der Mitte. Die Häuser, die den Platz umgaben, standen seit Anfang dieses Jahrhunderts und schauten etwas grau, aber würdig auf den kleinen Engel, der den Springbrunnen zierte. Nur eines der Gebäude erstrahlte in hellem Gelb, erst vor kurzem von seinem Gerüst befreit, welches für seine Restauration aufgestellt worden war. Anfang der neunziger Jahre wohnte ich hier eine Zeitlang, nachdem ich des Lebens in Studentenheimen und Wohngemeinschaften überdrüssig geworden war. Wenn man das Haus betrat und die schwere Eingangstür aus Holz und Eisen hinter einem ins Schloss fiel, verlor sich der Unterschied zu den anderen Häusern. An warmen Frühlingstagen, so wie damals, als Benno und ich auf Olivia und Richard warteten, umfing einen im Stiegenhaus eine angenehme, dunkle Kühle. Die Tür an der Hinterseite des Hauses mit einem kleinen Fenster zum Hof spendete gerade genug Licht, um den breiten, von gusseisernem Geländer begrenzten, Treppenaufgang erkennen zu können, der einen die Stockwerke hinauf geleitete. Die Steinstufen waren ausgetreten und unregelmäßig, und das letzte Stockwerk – ursprünglich der Dachboden – erreichte man nur über eine steile Holztreppe, die durch eine schwere Metalltür vom übrigen Stiegenhaus getrennt war.

Meine damalige Wohnung lag direkt unter dem Dach und bestand aus einem verwinkelten Zimmer, einem winzigen Bad und einer noch kleineren Küche. Ich war erst vor ein paar Monaten aus einem Studentenheim hierhergezogen, und nach der kühlen Nüchternheit des Wohnheimes war ich sehr angetan von der anregenden Eigenheit meiner neuen Wohnung. Es gab noch eine zweite, wohl ganz ähnliche, Dachwohnung gegenüber, die auch von einem Studenten bewohnt wurde. Aber „P. Hofstätter“, falls der Name überhaupt stimmte – das Türschild stammte möglicherweise noch von seinem Vorgänger – war selten da. Manchmal trafen wir uns im Stiegenhaus, sprachen aber kaum ein Wort miteinander, da er immer eilig an mir vorbei hastete, auch wenn wir in derselben Richtung unterwegs waren. Vielleicht gehörte das zu seinem Training. Er studierte nämlich Sport, wenigstens so viel hatte ich erfahren. Außerdem liebte er Frank Sinatra, besonders seine Interpretation von My Way, denn das war seine Frühstücksmusik. Wenn er zu Hause war, ertönte es morgens von kurzen Pausen unterbrochen drei- oder viermal hintereinander, danach das Schlagen der Wohnungstür. Und wieder Stille, manchmal für mehrere Tage.

II.

Olivia und Richard schafften den Aufstieg und standen am Abend vor meiner Tür. Benno, der sich längst mit einem Bier von der Küche in das Zimmer zurückgezogen hatte, ließ die beiden herein.

„Da schau“, hörte ich ihn rufen. „Die Schachspieler.“

Ich kam dazu, um sie zu begrüßen. Richard erschien mit einem hellblauen Sakko, einem geblümten Hemd, dazu weinrote Jeans. Damals hatte er lange, braune, bis auf die Schultern reichende Haare. Ich hätte ihn vielleicht nicht wiedererkannt, wenn wir uns zufällig auf der Straße begegnet wären, nachdem wir uns nur dieses eine Mal im schummrigen Licht des Denk! gesehen hatten. Olivia hingegen erschien mir irgendwie bekannt. Ich konnte mich zwar nicht genau erinnern, war mir aber sicher, sie früher schon das ein oder andere Mal gesehen zu haben, vielleicht auf einem der Studentenfeste. Sie war mittelgroß, hatte halblange, dunkelblonde Haare und trug an diesem Abend tiefblaue Hosen und eine Bluse in derselben Farbe. Sie folgte mir in die Küche und reichte mir ein kleines Päckchen.

„Danke für die Einladung“, sagte sie und schaute sich in der Küche um. „Schon alles fertig oder brauchst du Hilfe?“

Ohne Umschweife beugte sie sich vor und begann nacheinander die Deckel zu lüften, um einen Blick in die Töpfe zu werfen. Ihr Interesse an meinen Kochkünsten ehrte mich zwar, aber dieses unerschrockene Eindringen in mein Reich wollte ich nicht ohne Widerspruch hinnehmen. Obwohl meine bereitwillige Kapitulation natürlich nur eine Frage der Zeit gewesen wäre, hätte sie ihren Eroberungsversuch fortgesetzt. Doch instinktiv drückte ich ihr eine Flasche Bier in jede Hand.

„Geht Bier in Ordnung oder magst du etwas anderes trinken?“, fragte ich.

In ihrem Schwung gebremst stand Olivia vor mir und lachte. „Aha, der Koch lässt sich nicht in die Karten, oder besser gesagt, in die Töpfe schauen. Na ja, es duftet auf jeden Fall gut – was immer es auch ist.“

Ich packte das Päckchen aus und fand zwei kleine, flache Steine – einen hellen und einen dunklen. Beide waren mit sparsamen Strichen bemalt, welche dicke, kleine Männlein mit einem Rucksack und einem Hut ergaben. Ich hatte keine rechte Vorstellung, was sie darstellen sollten und schaute zu Olivia, doch sie war bereits zu den beiden anderen ins Zimmer gegangen. Ich sah mir die kleinen Steine noch einmal genau an. Die dicken Männlein lachten mich freundlich an, verrieten mir ihr Geheimnis aber nicht, und so legte ich sie oben auf das Küchenregal.

Es schien alles fertig zu sein, und ich würzte noch ein wenig hier und da, kostete alles und befand es für gut. Trotzdem zögerte ich. Die Küche kam mir plötzlich stickig vor – noch enger als sonst. Von nebenan hörte ich die Stimmen der anderen, aber die Worte hallten in meinen Ohren, waren schrill und unverständlich. Ich war irritiert und fragte mich, was mit mir los sei. Und während ich planlos mit Geschirr und Besteck herumhantierte, begann eine gänzlich ungebetene Stimme unfreundlich in meinem Kopf zu flüstern. Mein lieber Freund, du bist nervös, sagte sie. Bin ich nicht! Oh doch – wen wundert’s. Ziemlich lächerliche Idee – eine Einladung zum Essen. Aber …! Nichts aber – so was machen alte Spießer. Deine Eltern vielleicht. Erstaunlich, dass sie überhaupt gekommen sind, Richard und Olivia. Wahrscheinlich haben sie gedacht es wäre ein Scherz!

Und jetzt war ich wirklich nervös. Tatsächlich fühlte ich mich wie ein Schauspieler, der seinen Text vergessen hat und alles andere lieber tun würde, als in das Scheinwerferlicht der Bühne hinauszutreten. Siehst du, meldete sich die Stimme noch einmal süffisant.

Doch dann fühlte ich die Stille nebenan. Ich sah hinüber. Alle drei standen dicht gedrängt im Türrahmen und sahen mich an.

„Na, wie schaut es aus?“, fragte Benno.

„Die Gäste werden schon unruhig”, sagte Olivia.

„Hunger!“, knurrte Richard und grinste breit.

Meine Bedenken verflogen und ich sagte erleichtert: „Alles bereit, es kann losgehen!“

III.

Der Tisch war eigentlich mein Schreibtisch, auf den wir, denn es war ein sehr kleiner Tisch, eine größere Holzplatte gelegt hatten. Diese war mit Schraubstöcken an dem Unterbau befestigt, welche kleine Wölbungen der Tischdecke verursachten. Aber wir hatten Kerzen aufgestellt, und ich fand, der feierliche Eindruck überwog, auch wenn jeder von uns einen andersartigen Teller vor sich stehen hatte. Zwei stammten von Benno, die anderen beiden waren meine eigenen, und irgendwie gefiel mir dieses kleine Durcheinander. Ich brachte die Vorspeise aus der Küche und begann sie zu verteilen. Benno stand auf, hob sein Glas und brachte es zum Klirren, indem er mit seinem Messer daran schlug.

„Ich freue mich über die Einladung. Endlich hat er auf mich gehört.” Er wandte sich an Olivia und Richard. „Er wohnt nämlich schon seit drei Monaten hier. Und seither versuche ich ihn zu einer Einweihungsfeier zu bewegen. Muss ja nichts Großes sein, habe ich gesagt.“

„Oh, wenn ich gewusst hätte, dass es sich um so ein bedeutendes Fest handelt, hätte ich mich natürlich etwas offizieller gekleidet“, meinte Richard und schaute an sich hinunter.

Ich schüttelte belustigt den Kopf und sagte: „Bitte fangt an!“

„Zum Wohl“, erwiderte Olivia und hob ihr Glas. Wir stießen miteinander an, sahen uns dabei kurz in die Augen – und dieser Augenblick ist noch heute in meinem Kopf. Es war, als wenn die Zeit für einen Moment gestoppt hätte, um uns zu zeigen, dass etwas begonnen hatte. Etwas Neues, ganz Unbestimmtes noch. Nur eine Ahnung, die sich vielleicht wieder verflüchtigen würde. Das tat sie aber nicht.

Richard schaute zu mir herüber. „Sehr schön, dass wir uns wieder treffen. Nicht gerade häufig, dass ich zum Essen eingeladen werde.“

„Etwas spießig, ich weiß schon“, sagte ich.

„Nein“, erwiderte er erstaunt. „Wirklich nicht.“

Olivia fragte: „Wie heißt denn die Vorspeise?“

„Thunfischsalat.“

„Schmeckt wunderbar”, sagte sie, nachdem sie gekostet hatte. „Aber Thunfischsalat ist kein Name, höchstens eine Beschreibung. Ich meine, Thun-fisch-sa-lat – klingt nicht gerade aufregend.” Sie schaute in die Runde.

Und die Runde schaute zurück. Etwas verwirrt angesichts dieses ungewöhnlichen Einspruchs fragte ich, welchen Namen sie vorschlagen würde.

„Na, es sollte irgendwie interessant oder rätselhaft klingen, die Neugierde wecken und nicht gleich alles verraten.”

Also gut – wir machten uns auf die Suche und schauten alle sehr nachdenklich drein.

Richard meldete sich als erster. „Was ist das? Erst ist es im Meer, dann in der Dose und zuletzt auf einem Salatblatt?”

Olivia kicherte. „Hübsches Rätsel, Richard. Genau an so etwas hatte ich natürlich gedacht.”

„Können wir nicht zuerst essen und uns später Gedanken darüber machen?”, schlug Benno vor.

„Willst du denn gar nicht wissen, was du da isst?”, fragte Richard mit gespieltem Erstaunen.

Aber so kam es schließlich. Die Teller waren leer, und meine Gäste waren voller Lob und sparten nicht an freundlichen Kommentaren, was die geschmacklichen Qualitäten betraf. Und ich ließ sie nicht nur wohlwollend gewähren, sondern spornte sie mit wohl taktierten Äußerungen der Bescheidenheit zu weiteren Komplimenten an. Gleichwohl, noch immer war es namenlos, das viel Gepriesene, und Olivia seufzte. „Ich hätte besser nicht damit anfangen sollen – jetzt lässt es mir nämlich keine Ruhe mehr.”

Dass sie diese doch noch finden sollte, verdankten wir letztlich einer einsichtigen Gottheit, die Olivias Aufmerksamkeit zum rechten Zeitpunkt weckte.

„Augenblick, was singt denn der”, rief sie und deutete in Richtung des Radios.

Richard horchte einen Augenblick zu und sagte dann. „Ach, das ist eine alte Fats Waller-Nummer, Hold tight oder so ähnlich.”

„Nein. Ich meine, was er singt.”

Richard lächelte, und bei der nächsten Strophe sang er mit. „... when I come home, late at night, I get my favourite dish: fisch.”

Da war er endlich, der lang gesuchte Name – Fats Wallers favourite dish.

IV.

Ein Maikäfer besuchte mich in der Küche, während ich versuchte, der Hauptspeise den letzten Schliff zu geben. Ich hatte Benno gebeten, mir beim Abschmecken behilflich zu sein, und er war bereitwillig gekommen, hatte aber nur kurz gekostet und gemeint, es wäre alles bestens, derweil er mir auf die Schulter klopfte. Wahrscheinlich hätte ich ihm Pappmaché vorsetzen können, und er hätte den Unterschied nicht bemerkt, denn er war in glänzender Laune wie immer, wenn Menschen um ihn herum waren, die er mochte. Ich konnte ihm seine mangelnde Hilfe kaum übelnehmen, tatsächlich bewunderte, manchmal sogar beneidete ich ihn um seinen unerschütterlichen Optimismus, der alle Probleme dieser Welt mit einer großzügigen Geste auf unbedeutende Kleinigkeiten reduzieren konnte.

Ich kannte Benno seit der Schulzeit, wir hatten damals denselben Schulweg. Wenn ich morgens in den Bus gestiegen war, saß er bereits in der begehrten letzten Reihe und ich hatte mich zu ihm gesetzt. Von hier hatten wir den perfekten Überblick, denn diese Sitze waren etwas erhöht, und wir hatten uns wie die Könige des Schulbusses gefühlt. Nach und nach hatte sich der Bus mit Schülern, lärmenden und schüchternen, jüngeren und älteren gefüllt -– wir haben sie alle gekannt. Aber es waren vor allem die Mädchen, die ein wenig älter waren als wir, die uns beschäftigt hatten. Zwar waren unsere Blicke und zaghaften Zurufe nur selten beachtet worden. Doch manchmal war eines dieser Geschöpfe, denen wir nicht nur einen Platz zum Sitzen, sondern auch in unserem Herzen zu geben gewillt waren – zumindest probeweise – nach hinten gekommen. Kam und setzte sich zu uns, ganz selbstverständlich. In solchen Augenblicken hatten Benno und ich uns zugezwinkert, hatten gescherzt und damit gesprüht, was wir damals unter Charme verstanden. Und wenn es uns gelungen war, eine der jungen Damen zum Lachen zu bringen, hatte es sich angefühlt als würde der Schulbus abheben und durch die Straßen tanzen.

Nach dem Aussteigen hatten sich unsere Wege dann wieder getrennt, denn wir haben verschiedene Schulen besucht. Und irgendwann war Bennos Familie in einen anderen Teil der Stadt gezogen, und wir hatten uns eine Zeit lang nicht mehr gesehen. Später jedoch wieder – sporadisch, in der Stadt, bei Festen und Konzerten. Jedoch keine gemeinsamen Busfahrten mehr – sehr bedauerlich. Doch irgendwann, am Anfang vom Studium, hatte ich ihn im Zug entdeckt und wir hatten festgestellt, dass wir in derselben Stadt studierten – Benno Recht, ich Pharmazie.

Schmeckt köstlich – alles perfekt, hatte Benno gesagt und war nach zwei Klapsen auf meinen Rücken wieder verschwunden. Statt seiner leistete mir jener dicke Maikäfer Gesellschaft, der aus dem dunkelnden Abend den Weg durch einen Fensterspalt herein gefunden hatte und nun lautstark um meinen Kopf herum brummte. Dem hellen Licht seine Referenz erweisend drehte er ein paar Runden um die Lampe, aber nach mehreren Zusammenstößen, sah auch er ein, dass in diesem Raum nicht genug Platz für zwei war und verließ mich nach einer kurzen Verschnaufpause auf dem Regal so wie er gekommen war.

Ich brachte die Töpfe zum Tisch, und nach einem kurzen Applaus begannen alle sich der Hauptspeise zu widmen.

Nachdem er seinen Teller fast geleert hatte, fragte Richard: „Wessen Lieblingsspeise ist es denn diesmal?”

„Vielleicht Rosmaries”, antwortete ich.

Olivia wollte wissen warum, also fischte ich in dem Topf herum, erwischte den Zweig und hielt ihn hoch.

„Ein Tannenzweig?”, meinte Benno zweifelnd.

„Paul, das hättest du uns vorher sagen müssen“, mischte sich Richard ein. „Ich persönlich esse Tannenzweige nämlich nur in der Adventszeit. Dann allerdings … “

„Es ist Rosmarin”, unterbrach ich ihn. „Das heißt Tau des Meeres. In Italien sieht man es oft wild wachsen. Es hat einen sehr speziellen Geschmack und außerdem sagt man, es würde böse Geister vertreiben.”

„Sehr beruhigend, dann kann uns ja nichts passieren. Ich war schon etwas in Sorge”, meinte Olivia ironisch.

„Es hat sicher auch irgendeine medizinische Wirkung, Naturheilmittel und so – ich kann einmal nachschauen“, sagte ich und wollte schon aufstehen, um eines meiner Bücher zu holen.

Aber Benno winkte ab. „Auf mich hat es nur die fatale Wirkung, dass ich nicht genug davon bekommen kann“, meinte er und hielt mir seinen Teller hin. „Außerdem mag Paul es nicht, wenn etwas übrig bleibt“, wandte er sich an die anderen.

Olivia sah ihn amüsiert an. „Wie rührend, an diesem Beispiel wahrer Freundschaft teilhaben zu dürfen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Er macht das wirklich gerne. Tagsüber steht Paul im Labor und mischt irgendwelche Sachen zusammen. Und am Abend macht er in der Küche weiter. Nur im letzten Jahr hat er es mit dem Kochen etwas vernachlässigt.“

„Letztes Jahr habe ich ein paar Monate im großen Studentenheim wohnen müssen”, erklärte ich. „Kein großes Vergnügen dort Essen zu bereiten – ihr kennt das ja.”

Die anderen nickten. Irgendwann lernte jeder das Heim kennen, wenn nicht als Bewohner, dann zumindest als Besucher. Ein trostloser Klotz aus Beton mit hallenden Gängen, unzähligen kleinen Zimmern, schmutzigen engen Küchen und einem Innenhof, der in Anlehnung an so manches raffinierte Bauwerk der Antike nur zu ganz definierten Zeitpunkten Sonnenlicht erhielt.

Richard nickte. „Vor Jahren, ganz am Anfang habe ich auch in dem Heim gewohnt, aber nur kurz. Es ist frustrierend gewesen. Ich hatte diese naiven Ideen von der Universität – interessante Menschen, kreative Atmosphäre, intelligente Gespräche und so. Und dann bin ich im Studentenheim gelandet und…“

„Aber heute werden deine Träume endlich wahr“, unterbrach ihn Benno und breitete die Arme mit großzügiger Geste aus.

„Diese rechtwinkelige Langeweile, diese Farblosigkeit“, fuhr Richard unbeeindruckt fort. „Ich konnte einfach nicht verstehen, wie man dort frei denken und eigene Ideen entwickeln kann.“

„Na ja, findet das nicht eher hier oben statt?“, fragte Benno und tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn. „Ist doch nicht so wichtig, wo man ist. Gute Ideen kann man doch überall haben.“

Ich sah Olivia zu, wie sie ein paar übrig gebliebene Gemüsestücke auf ihrem Teller hin und her schob, sie bedächtig zu wechselnden Mustern ordnete. „Irgendeine Inspiration ist schon nicht so schlecht“, meinte sie und betrachtete mit gerunzelter Stirn ihre Anordnung. „In dieser Hinsicht hat das Heim nicht wirklich viel zu bieten.“

In meinem Gedächtnis begann es zu arbeiten. Vor kurzen hatte ich etwas über Inspiration gelesen, und es dauerte auch nicht lang, bis mir einfiel: John Lennon hatte einmal gesagt Ich bin ein Künstler, gebt mir eine Tuba und ich mache etwas damit. Ich war recht zufrieden, dass mir etwas Passendes eingefallen war, aber Richard begann wieder zu reden, bevor ich mit meinem Zitat glänzen konnte.

Mit nachdenklichem Gesicht sagte er: „In Barcelona habe ich einmal einige dieser Gaudi-Häuser angeschaut. Keins ist so wie das andere. Kaum gerade Flächen, alles asymmetrisch, ungewöhnliche Winkel, bunte Kacheln. So viele Eindrücke. In einer solchen Umgebung sprudeln die Ideen nur so – da kommt einiges in Bewegung hier oben.“ Jetzt tippte sich Richard an seine Stirn.

Olivia schaute kurz auf und sagte: „Richard würde gerne in einem Gaudi-Studentenheim wohnen.“

„Wer würde das nicht“, erwiderte Benno leichthin und verständnislos.

„Er meint Gaudi und nicht Gaudi“, wollte Olivia erklären. Sprach es aus, bemerkte, wie unsinnig ihre Worte geklungen hatten und begann zu lachen.

„Danke, Olivia, wenn wir dich nicht hätten“, sagte Benno.

Aber ich wusste, was sie meinte, und bevor ich die Worte besser ordnen konnte, rutschte es mir aus dem Mund: „Gaudi – die Kathedrale.“

Richard nickte. Dann lächelte er, und seine Augen schauten in die Ferne, wahrscheinlich wieder in Gedanken in Barcelona mit seiner riesigen unvollendeten Kathedrale.

„Der Herr Gaudi1 war ein Architekt“, sagte ich zu Benno.

Der nickte. „Hätte ich mir denken können – seltsamer Name.“

„Hat mir damals nicht alles gefallen“, meldete sich Richard wieder. „Manche Gebäude waren mir viel zu schnörkelig oder zu bunt. Aber es war so andersartig – und das fand ich wirklich sehr anregend.“

„Noch eine, zugegebenermaßen etwas profanere, Anregung gefällig?“, fragte ich und schenkte Wein nach.

Olivia nickte, während sie weiter die Reste auf ihrem Teller anordnete, inzwischen angereichert mit ein paar hellen Brotbröseln und grünen Nadeln, die sie vom Rosmarinzweig gezupft hatte. Benno war kurz aufgestanden. Er hatte seine Kamera geholt und begann zu fotografieren. Nur selten war ihm ein Anlass zu gering, um ein paar Fotos zu machen, und ich hatte mehrmals erlebt, wie er sich ärgerte, wenn er seinen Fotoapparat einmal vergessen hatte. Er fokussierte Olivias symmetrische Anordnung auf ihrem Teller, aber bevor er auslösen konnte, brachte sie das Arrangement mit einer raschen Bewegung wieder völlig durcheinander. Das Klicken der Kamera kam eine Sekunde zu spät.

Benno stutzte. „Das war ja so wie bei diesen buddhistischen Mönchen mit ihren Sandbildern – wie war der Name noch?

„Du meinst ein Mandala“, lächelte Olivia. „In diesem Fall dann wohl ein Speisereste-Mandala.“

Benno sagte kopfschüttelnd: „Ich habe das einmal gesehen. Diese Mönche arbeiten stunden- und tagelang an diesen Sandbildern, schauen es dann kurz an und verwischen es mit einem Lächeln in ein paar Sekunden. Das ist so, als würde ich meine Fotos entwickeln lassen und anschließend gleich zerreißen.“

„Könntest du ja mal machen und darauf achten, wie sich das anfühlt“, mischte sich Richard ein.

„Kann ich schon machen, aber nur, wenn ich noch das Negativ habe.“

„Ist dann aber nicht dasselbe.“

„Natürlich nicht“, sagte Benno.

„Du gehst lieber den sicheren Weg?“, fragte Olivia und sah ihn mit provozierendem Lächeln an.

„Das ist es nicht“, antwortete Benno. „Ich freue mich auf die Bilder schon, wenn ich sie mache. Und wenn sie dann vor mir liegen, mag ich sie noch mehr. Fotos zerreißen kommt nicht infrage.“

„Außer, die Frisur ist nicht gut getroffen“, warf ich ein.

„Klar, die kommen in den Reißwolf.“

„Oder die Krawatte sitzt schief.“

„Weg damit“, sagte Benno lachend. „So Leute, jetzt ein Bild von uns allen.“

Also posierten wir auf einer Seite des Tisches. Benno stellte die Kamera auf die andere und aktivierte den Selbstauslöser.

Später hat er mir – und ich glaube Olivia und Richard auch – einen Abzug des Fotos geschenkt. Es ist tatsächlich keines dieser Bilder, die man wegwerfen würde. Nicht nur, weil es gelungen war. Wenn ich es jetzt hin und wieder betrachte, habe ich das Gefühl, dass manche Fotos eine besondere Eigenschaft haben. Sie halten nicht nur einen Augenblick fest, sie selber verändern sich im Laufe der Zeit. Nicht im physischen Sinn. Aber dadurch, dass man selbst seit der Aufnahme so viele andere Dinge erlebt hat – Augenblicke, die vielleicht ganz ähnlich oder auch gänzlich unterschiedlich waren – verändert sich auch die Perspektive, aus welcher man diese Fotos betrachtet. Und es kommen Gefühle dazu, die sich über das Bild legen und wie ein Farbfilter alles in ein anderes Licht tauchen. Und es kommen Wünsche dazu und Fragen, wie es vielleicht gewesen wäre, wenn sich die Dinge anders entwickelt hätten. Aber manchmal ist man plötzlich wieder an dem Ursprung. Man betrachtet das Foto und ist wieder mittendrin, ganz lebendig und mit allen Sinnen. Mittendrin in dem Moment der Aufnahme.

V.

Richard war aufgestanden und kümmerte sich um neue Musik. Nachdem er meine Schallplatten entdeckt hatte, schaltete er das Radio aus und legte nun immer wieder neue Platten auf. Er blätterte eine Weile in dem Stapel herum, dann hörten wir einen erstaunten Ausruf.

„Hey, wo hast du denn die her?“, fragte er und zeigte uns ein grelles orangefarbenes Schallplattencover. „Die ist doch garantiert original aus den Sechzigern.“

„Wie kommst du darauf?“, wollte Benno wissen.

„Schau selbst“, meinte Richard, reichte ihm die schwarze Scheibe und fügte schnell hinzu. „Vorsichtig!“

Ich wusste, was er meinte. Die Schallplatten damals waren viel dicker, schwerer und kaum elastisch. Man hatte das Gefühl, sie könnten leicht zerbrechen, wenn man nicht aufpasste. Es knisterte ein wenig, als er den Tonarm auf die Scheibe setzte, doch Richard murmelte erfreut: „Geht ja.”

Dann sprang das wüst verzerrte Jaulen einer elektrischen Gitarre zwischen den Lautsprecherboxen hin und her. Richard lächelte versonnen und langte hinter sich, um die Lautstärke weiter zu erhöhen.

Benno verdrehte die Augen und rief: „Was ist denn das!“

Richard sah ihn an und sagte: „Das ist Jimi Hendrix.“

„Jimi wer?“

„Wie – du weißt nicht, wer das ist?“ Richards Augen weiteten sich ungläubig.

„Bitte wieder etwas leiser“, mischte sich Olivia ein.

Richard zuckte resigniert mit den Schultern und sagte zu mir: „Paul, es scheint, dass diese Ignoranten deine Musik nicht mögen.“

Ich erwiderte: „Tut mir leid, ich kenne sie selber kaum, diese Schallplatte. Da sind ein paar Erbstücke zwischen meinen eigenen, die sind von einer Verwandten, die vor Jahren ausgewandert ist – nach Australien, glaube ich.“

„Na ja“, meinte er nach kurzer Überlegung. „Der Anfang ist vielleicht wirklich etwas schwierig. Ihr kriegt noch eine Chance.“

Und er ließ es sich nicht nehmen, uns ein Lied nach dem anderen vorzuspielen, bis er schließlich eines fand, das uns allen gefiel.

VI.

Nach dem Essen entfernen wir die große Tischplatte, die das Zimmer ziemlich ausgefüllt hatte. Richard und Benno rauchten und bestanden darauf, sich an das geöffnete Fenster zu stellen, obwohl Olivia und ich beteuerten, es würde uns nicht stören. In der gesamten Wohnung gab es nur hohe, schräge Dachfenster, also stellten sie sich gemeinsam auf einen Stuhl und bliesen den Qualm sorgfältig durch das geöffnete Fenster. Richard sang immer wieder mal eine Zeile der laufenden Musik in die frische Luft hinaus, und Benno wippte mit einem Fuß im Takt. Sie waren ein ungleiches Paar – auch von hinten betrachtet. Benno überragte Richard nur um ein paar Zentimeter, war aber viel kräftiger als dieser. Sein Pullover spannte sich über die Schultern, und am Rücken war die Linie der Wirbelsäule zu sehen. Richards Blumenhemd hingegen wirkte wie eine Fortsetzung seiner langen Haare – locker und faltig spielte es um seinen schmalen Körper, und seine knochigen Beine verloren sich in dem Stoff der Jeans. Seine Haltung war lässig, leicht schief und auf verdrehte Weise elegant, während Benno statuenhaft neben ihm lehnte wie ein ruhender Bär. Ich hielt es für unwahrscheinlich, dass sie sich für die gesamte Dauer einer Zigarette auf dem Stuhl halten konnten und erwartete jeden Augenblick, dass er kippen und die beiden in das Zimmer purzeln würden. Aber plötzlich schwang sich Richard nach oben und kletterte aus dem Fenster.

Benno, der sich nur mit Mühe auf dem schaukelnden Stuhl halten konnte, rief empört: „Was machst du denn? Bist du verrückt geworden?“

Richard, inzwischen vom Dach aus hereinschauend, antwortete grinsend: „Ist mir zu gefährlich auf dem wackeligen Stuhl.“

Er stand ungerührt auf dem schrägen Dach kaum zwei Armlängen von der Dachrinne entfernt. Ich war wie elektrisiert. Erst vor ein paar Tagen war mir ein Kugelschreiber aus der Hand gefallen, während ich das Fenster geöffnet hatte, und er war in die Regenrinne gerollt. Dort blieb er auch, ich konnte ihn zwar gut sehen, doch ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, auf das Dach zu steigen und ihn zu holen. Denn hinter der Regenrinne ging es abwärts – fünf Stockwerke. An diese schwindelnde Höhe musste ich nun wieder denken und ich rief Richard zu, er solle verdammt noch mal sofort wieder hereinkommen. Er zögerte kurz und mir schien, er hätte aus irgendwelchen irrwitzigen Gründen noch eine Steigerung erwogen – so etwas wie einen Handstand oder ein kleiner Stepptanz auf dem Dach. Doch dann nickte er, schnippte seine Zigarette lässig über die Schulter in die Tiefe und kletterte ins Zimmer zurück.

Ich fragte Olivia: „Macht er so etwas öfter?“

Aber sie sah mich nur an und machte eine unbestimmte Handbewegung. Das verwirrte mich etwas. Hätte eine Freundin nicht etwas mehr Emotionen zeigen müssen? Vielleicht war sie solche Aktionen jedoch gewohnt oder ihrer überdrüssig. Oder war sie tatsächlich so kühl? Vielleicht aber stand sie Richard gar nicht so nah wie Benno und ich ganz selbstverständlich angenommen hatten. Damals im Denk! erweckten sie den Eindruck, als wären sie sehr vertraut miteinander. Jetzt war ich mir nicht mehr sicher.

Es kribbelte in meinem Bauch. Cool bleiben, dachte ich. Aber die Neugier nagte an mir, zwickte mich hier und dort, aber ich hatte keine Idee, wie ich auf elegante Art Genaueres herausfinden könnte. Ich sah zu Olivia, die ein paar Schritte entfernt mit Benno redete. Ihre Stimme klang hell herüber, ihre Bewegungen waren lebendig und anmutig, und ihre Augen funkelten, aber nicht in meine Richtung.

Es war mir keineswegs egal, ob sie nun Richards Freundin war oder nicht. Früher oder später würde es wohl offenbar werden, doch das tröstete mich im Moment nicht – ich brannte darauf, es sofort zu wissen.

Während ich mich dem Nachtisch widmete, gingen mir diese Gedanken immer wieder durch den Kopf, auch wenn ich zu keinem Ergebnis kam. Doch gebackene Bananen sind keine allzu komplizierte Sache, und schon bald kehrte ich zu den anderen zurück. Sie stritten sich offensichtlich darüber, was mit dem Abend noch anzufangen sei. Benno hatte anscheinend vorgeschlagen, noch in die Stadt zu gehen. Olivia bestand darauf zu bleiben.

„Heute keine Lust auf Denk! und Co“, sagte sie.

„Mir egal“, meinte Richard, der geistesabwesend und wenig interessiert schien.

„Und du?“, fragte Benno.

Ich stellte die Teller auf den Tisch und sagte: „Wir bleiben, wenn es nach mir geht.“

„Fein“, sagte Richard.

„Ich dachte, es wäre dir egal.“

„Ist es auch, aber lieber bleibe ich hier.“ Mit diesen salomonischen Worten nahm er seinen Teller und setzte sich wieder auf den Boden zu den Schallplatten. Es schienen ihn vor allem die älteren Alben zu interessieren, die Erbstücke von meiner ausgewanderten Verwandten, die ich kaum gekannt hatte. Dass ihre Musik schließlich bei mir gelandet war, betrachtete ich als reinen Zufall und bisher hatte ich mir noch nicht einmal alles angehört. Doch Richard studierte die Cover und las aufmerksam die Texte auf deren Rückseite.

„Was ist denn mit den Bananen passiert?“, fragte Benno.

Er wollte mich ein wenig ärgern und spielte auf die Tatsache an, dass Bananen, wenn man sie erhitzt, nicht unbedingt schöner werden. Aber sie schmecken wunderbar – süß und intensiv.

Olivia rief Richard zu: „Was machst du denn die ganze Zeit da hinten?”

Er sah auf und schaute zu uns herüber als würde er sich erst langsam darauf besinnen, wo er war. „Das ist ein kleiner Schatz, den du hier besitzt”, wandte er sich an mich.

Das klang zwar irgendwie gut, allerdings war ich unsicher, wie ich darauf reagieren sollte, schließlich war es wohl kaum mein Verdienst, dass diese Schallplatten bei mir gestrandet waren.

„Da sind ein paar Sachen dabei, die bekommt man kaum mehr heutzutage – ziemliche Raritäten, würde ich sagen”, erklärte Richard. Nach der Reihe hielt er ein paar der Hüllen in die Höhe. „Die waren einmal richtig berühmt, doch heute kennt sie kein Mensch mehr. Traurig, nicht wahr?”

The Association las ich auf einem der Cover, doch der Name erweckte keine solche bei mir. Auch Olivia und Benno zuckten emotionslos mit den Schultern.

„Oh Gott“, Richard schüttelte resigniert den Kopf angesichts dieser Ignoranz in Überzahl. „Ich gebe auf.“

Und er setzte sich wieder zu uns, aber erst nachdem er für weitere Musik gesorgt hatte.

VII.

Ich bat Richard um eine seiner Zigaretten. Benno hob belustigt die Augenbrauen, als ich sie anzündete, denn ich rauchte nur selten. Nach diesem Essen und dem ein oder anderen Bier befand ich mich in einem Zustand allumfassenden Wohlbefindens. Vage fielen mir meine anfänglichen Bedenken wieder ein, doch diese hatten sich längst verflüchtigt, so wie die Rauchringe, die ich versuchte zu produzieren. Meine Einladung erschien mir nun als großartige Idee. Ich genoss die Musik und den Unsinn, den wir redeten, während die Zigarette zwischen meinen Lippen hing. Richards großzügige Gestik amüsierte mich. Olivias Augen entzückten mich – sie waren grün und konnten strahlen, aber wenn die Wimpern sich senkten, wurde ihr Blick tief und samtig. Zufrieden paffte ich den Rauch durch das Zimmer, was Benno und Richard zum Anlass nahmen von nun an Selbiges zu tun, ohne weitere Szenen am Fenster oder auf dem Hausdach.

Wir gingen nicht mehr fort an diesem Abend und auch Benno hatte inzwischen keine Einwände mehr. Wie träge Atome besetzten wir nach und nach sämtliche mögliche Positionen in der kleinen Wohnung. Eine Zeitlang saßen wir auf dem Boden zusammen – im Kreis, im Quadrat. Dann trieb es uns wieder auseinander und wir belegten Tisch, Stühle und Bett. Olivia unternahm hin und wieder Versuche, unserem Beisammensein eine greifbare Struktur zu geben, indem sie verschiedene Spiele vorschlug. Doch wir ließen uns an diesem Abend auf nichts Konkreteres mehr ein als das gesprochene Wort. Denn Wörter ließen sich formen und verbiegen wie Luftballons, man konnte sie anstoßen und wieder einfangen, und manchmal platzten sie mit einem Knall und alle waren wieder wach.

Eine Zeitlang diskutierten wir – in Erinnerung an unser erstes Treffen – weitere Verbesserungen der Schachspielregeln. Das Problem, das Spiel zu viert spielen zu können, war leicht mit zwei weiteren Figurensätzen in grün und rot zu lösen. Doch Olivia wollte sich Bennos Forderung nach drei Damen für den König, trotz seines Argumentes, es würde sich schließlich um ein orientalisches Spiel handeln, nicht anschließen. Auch Richards idealisiertes Kommunistenschach, wo Bauern alleine das Spielfeld beherrschten, fand keine breite Zustimmung.

Es war bereits tief in der Nacht, als Benno noch Kaffee für uns kochte. Heiß und tief schwarz war der Kaffee. Er schmeckte stark, aber machte mich trotzdem nicht mehr ganz wach. Bennos Energie hingegen war ungebrochen. Ich kannte das von früher und wusste, dass er den Kaffee nicht für sich zubereitet hatte. Dieser sollte vielmehr den anderen helfen, ihm noch eine Zeitlang Gesellschaft zu leisten. Auch Olivia schien noch nicht müde zu sein. Doch Richard nickte kurze Zeit später auf meinem Bett ein und sank sanft nach hinten.

Benno zuckte die Schultern und meinte bedauernd: „Na ja, dann gehen wir halt nach Hause.“

Wir weckten Richard wieder auf, die drei suchten ihre Sachen zusammen, dann standen wir gemeinsam an der Tür. Olivia sagte etwas zu mir, und vielleicht bedankte sie sich für das Essen, doch ich sah nur ihre Augen und beugte mich zu ihr und küsste ihre Wange. Sie ließ mich gewähren, und einen Augenblick spürte ich ihren Atem. Damit musste ich mich begnügen, doch für den Anfang schien es mir nicht schlecht. Trotzdem wurde ich beinahe verlegen, denn Benno, der neben uns stand, ließ ein leises glucksendes Geräusch hören. Und als ich ihn anschaute, zwinkerte er mir zu. Aber unerwartet hörten wir leise Musik. Wir drehten uns um. Richard stand wieder bei den Schallplatten.

„Ein Gute Nacht-Lied”, sagte er.

Olivia, die schon die Tür geöffnet hatte, schloss diese nun wieder und wir hörten zu. Es war ein langsames Lied. Nur Klavier und Gesang, zum Schluss auch ein paar Streicher. Uns allen schien dies ein passender Abschluss zu sein.

Olivia, Richard und Benno verließen mich ohne ein weiteres Wort. Doch bevor ich die Tür schloss, hörte ich sie auf den Stiegen abwärts bereits wieder reden und lachen.

Erstes Zwischenspiel

I.

Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich gedankenlos auf die weiße Wand gegenüber starrte. Ich saß da, träumte vor mich hin und vergaß das Buch, das vor mir auf dem Schreibtisch lag. Und jedes Mal, wenn es mir bewusst wurde, musste ich zunächst den letzten Absatz suchen, bevor ich wieder zu lesen beginnen konnte. Es war entsetzlich mühsam, und irgendwann nachmittags zählte ich enttäuscht die wenigen Seiten, die ich bisher geschafft hatte. Ich war kurz davor aufzugeben, obwohl heute erst der zweite Tag meines Versuches war, den ich schon seit langem geplant hatte.

Kurz nachdem ich begonnen hatte zu studieren und das Glücksgefühl über die erlangte Unabhängigkeit einer unspektakulären Routine gewichen war, musste ich erfahren, dass Studieren vor allem langwierige Auseinandersetzungen mit Skripten und Büchern bedeutete. Erschienen die Titel und Themen der Bücher noch durchaus vielversprechend, so wurde bereits auf den ersten Seiten klar, dass die Autoren wieder einmal nichts unversucht lassen würden, selbst das kleinste Detail ihres Wissensgebietes in liebevoller Ausführlichkeit darzustellen. Natürlich nicht ohne im Vorwort darauf zu verweisen – und ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie sich ihres Zynismus bewusst waren –, dass sie sich bei ihren Ausführungen auf das absolute, noch gerade vertretbare Minimum an Fakten beschränkt hätten. Und so ergab man sich einmal mehr seinem Schicksal und ließ sein Denken fluten mit Aufzählungen, Tabellen, Wirkstoffen, Molekülen, Abkürzungen, chemischen und mathematischen Formeln, mit fremden Begriffen und merkwürdigen Bezeichnungen.

Mehrmals am Tag sehnte ich mich zurück zu den Übungen und Praktika, bei denen jeder seinen Laborplatz hatte, wo man entspannt vor sich hin werken konnte und mischend, titrierend, auflösend, verdampfend, verteilend, rührend und pipetierend seine Zeit verbrachte. Wo man für sich alleine oder in kleinen Gruppen Geräte aufbaute, flüssigere oder festere Substanzen herstellte, Farbumschläge beobachtete, aufkochte oder kühlte. Und wo man sich die Haare raufte, wenn ein Versuch bereits das siebente Mal scheiterte. Und wo man erleichtert die Augen verdrehte, wenn man erkannte, dass man die ganze Zeit nur eine Zeile in der Anleitung übersehen hatte.

Um der Trockenheit der geschriebenen Worte und dem Durcheinander, welches diese in meinem Gehirn verursachte, Herr zu werden, hatte ich schon in der ersten Zeit meines Studiums versucht, den Prozess des Lernens etwas lebendiger zu gestalten. Und so verwandelten sich meine Skripte im Laufe der Tage und Wochen in bunte, mit Pfeilen, Schnörkeln und Symbolen verzierte Unikate. Ich stellte mir technische Geräte in riesiger Vergrößerung vor und durchschritt sie in Gedanken, um mich mit ihnen vertraut zu machen. In meiner Verzweiflung über die systematische Langeweile des Periodensystems assoziierte ich die einzelnen Elemente mit passenden Aromen und Düften, und ich ordnete den verschiedenen Aminosäuren spezifische Charaktereigenschaften zu – Leucin, erschien mir freundlich, Prolin hingegen eher dumpf, und Methionin war eindeutig selbstgefällig.

Im Rückblick erscheint mir, dass es wohl diese Lernmethode war, die irgendwann den Gedanken in mir weckte, dass ein Medikament eigentlich mehr sein könnte, ja sein sollte, als eine kleine unscheinbare Pille mit einer definierten Menge eines unaussprechlichen Wirkstoffes. Würde man nicht eine erheblich spektakulärere Wirkung erreichen, wenn man eine Therapie etwas raffinierter, etwas fantasievoller gestalten würde? Vielleicht könnte es irgendwie gelingen, die fade Routine der vorgeschriebenen Tabletteneinnahme in ein erfreuliches sinnliches Ereignis umzuwandeln?

Trotz aller dieser Ideen brauchte es immer eine gewaltige Anstrengung bis ich die Energie fand, mich wieder ernsthaft auf eine Prüfung vorzubereiten. Doch irgendwie war es mir bisher immer gelungen, spätestens dann, wenn die Zeit knapp wurde und sich der Termin unerbittlich näherte.

Dabei hatte ich immer das vage Gefühl gehabt, es würde einfacher gehen, wenn ich etwas mehr Ruhe hätte und weniger abgelenkt wäre. Meine neue Wohnung erschien mir nun wunderbar geeignet für diesen Zweck, und ich stellte die höchsten Erwartungen an die hier möglichen geistigen Leistungen. Wenn die schwere Metalltür hinter mir zuschlug und ich die letzte Treppe erklomm, hatte ich das Gefühl, einen Elfenbeinturm zu ersteigen. Die schrägen Fenster meiner Wohnung zeigten mir nur den Himmel, wodurch das Gefühl, weit über den gemeinen Dingen dieser Welt zu stehen, noch verstärkt wurde. Außer dem Gurren der Tauben auf dem Dach – und natürlich P. Hofstätters gelegentlichen musikalischen Verirrungen – waren alle Geräusche, die hier zu hören waren, von mir selber verursacht.

II.

An dem Tag nachdem Richard, Olivia und Benno bei mir gewesen waren, hatte ich mit meinen Vorbereitungen begonnen. Es blieb mir noch eine Woche Zeit bis zu meiner Prüfung. Ich bereitete mich zwar schon seit einiger Zeit vor, doch nun plante ich einen furiosen Abschluss. In völliger Abgeschiedenheit, wie ein Mönch in Klausur, wollte ich mir die letzten Kenntnisse aneignen. Mir schwebte eine intime Auseinandersetzung, ein intellektuelles Ringen in vergeistigter Atmosphäre vor, und in meiner verblendeten Selbstsicherheit freute ich mich auch noch darauf. Ich hatte vor, die Wohnung erst am Tag der Prüfung wieder zu verlassen, und mit besonderem Vergnügen stellte ich einen Versorgungsplan auf. Nachdem ich eingekauft und mit einem Rucksack voller Lebensmittel meinen Turm wieder erstiegen hatte, zog ich den Stecker meines Telefons aus dem Anschluss in der Wand – ein kleiner dramatischer Höhepunkt.

Fast hatte ich mich wie ein Heiliger gefühlt, doch das war gestern gewesen. Heute kamen die Zweifel. Vielleicht hätte ich etwas anderes studieren sollen, denn es erschien unmöglich, eine intime Beziehung zu Gesetzeskunde für Pharmazeuten aufzubauen, denn genau darum ging es in diesen Tagen. War es schon vorher nicht immer leicht gewesen, zumindest eine zarte Flamme der Begeisterung für die Details der Biochemie zu entzünden, so schien mir ihre Verflechtung mit trockenen rechtlichen Aspekten ideal dazu geeignet, auch noch den letzten Funken geistiger Regheit zu ersticken.

Die Zeit floss zäh und klebrig wie Gelee dahin, die Sekunden tropften wie von einem defekten Wasserhahn, fast glaubte ich das Plätschern zu hören – leise, unregelmäßig und aufreizend. Das machte mich nervös, ließ mich langsam verzweifeln, doch ich konnte unmöglich jetzt schon aufgeben.

Paul – sagte ich zu mir, an diesem gesegneten Ort muss es einfach funktionieren – das ist doch purer Geist hier oben. Denk doch einmal zurück an das Studentenheim. Nur für ein paar Monate hatte ich dort gewohnt, als Notlösung, nachdem sich mein letztes Wohnexperiment aufgelöst hatte, aber es hatte mich nachhaltig beeindruckt – das dunkle Zimmer, der ständige Lärm, die Duschen, die abends nur noch kaltes Wasser hergaben.

Und so dachte ich an Feng, der nicht nur mit Stäbchen aß, sondern auch mit ihnen kochte, und an Alois, der das einzige Telefon ständig belegte, und an Franz, der regelmäßig betrunken nach Hause kam und dann nicht einmal mehr sein eigenes Zimmer finden konnte. Und ich dachte an Michel, meinen Zimmernachbarn, und seine Freundin Gabi, die uns alle, die wir nachts alleine in unseren Betten liegen mussten, mit ihren halbherzig unterdrückten Schreien großzügig an ihrem Vergnügen teilhaben ließ. Ich dachte an die langen Abende in dem winzigen Hinterhof und an die Putzfrauen, die am Morgen hartnäckig klopfend Einlass begehrten. Und ich merkte, dass meine Gedanken sich schon wieder still und heimlich von den gedruckten Worten gelöst hatten. Ich machte mich auf die Suche nach den letzten Zeilen, die ich bewusst gelesen hatte, und quälte mich weiter von Absatz zu Absatz, von Seite zu Seite.

In den folgenden Tagen gewöhnte ich mich an mein Eremitendasein, und mein Tempo wurde ein wenig besser. Ich hatte mir einen strengen Zeitplan auferlegt und den Tag minutiös unterteilt in Zeiten des Lernens und der Erholung, des Denkens und des Ruhens, des Essens und des Schlafens. Trotzdem führte ich ein zeitloses Dasein. Der Rhythmus des heller und dunkler werdenden Himmels war alles, was ich von der Außenwelt sah, das Leben auf den Straßen unter mir blieb mir verborgen. Manchmal fühlte ich mich wie in einem Traum, und auch die trockenen Texte ernüchterten mich nicht mehr, denn hier in meiner begrenzten Wirklichkeit über der Stadt erschienen sie mir so weltfremd wie nie zuvor.

Manchmal baute ich mich vor dem Spiegel auf und musterte mein Aussehen, doch es schien sich nichts geändert zu haben. Ich war ganz der Alte – nicht klein, wenngleich mich Benno überragte, und keineswegs dick – auch nicht in der Seitenansicht. Die hellen Haare waren wie immer eher wirr. Ob kurz – so wie jetzt – oder länger, an dieser Eigenschaft ließ sich nichts ändern. Hin und wieder setzte ich gar meine Brille auf – ein silbernes Gestell mit dünnen Gläsern. Beim Lesen war sie mir keine große Hilfe, doch mein Gegenüber im Spiegel wurde klarer. Braune Augen schauten kritisch durch die Gläser. Ich versuchte es mit einem Lächeln, welches freundlich erwidert wurde, wechselte ein paar nette Worte mit meinem Spiegelbild, dann widmete ich mich wieder beruhigt meinen Büchern.

III.

Es war der letzte Abend vor der Prüfung. Ich hatte eine Art Idealzustand erreicht und war vertieft in eine seltsam unwirkliche Mischung aus Wirkstoffen und Paragraphen. Und als es an die Tür klopfte, brauchte ich eine Weile bis der Gedanke in mir Gestalt annehmen konnte, dass wahrscheinlich ein menschliches Wesen vor der Tür dafür verantwortlich war. Als ich schließlich öffnete, war zunächst niemand zu sehen, denn Hans-Peter war, in der Meinung ich wäre nicht zu Hause, bereits wieder auf dem Weg hinunter. Aber nun kam er langsam wieder die Stufen hinauf. Wie immer trug er ein kariertes Sakko und ein Halstuch, welches vorne in seinem Hemd steckte. Er hatte den Helm den er trug, wenn er seinen Vespa-Roller fuhr, unter den Arm geklemmt und blinzelte mich durch seine dicke Hornbrille an.

„Hast du Lust, mit mir in die Stadt zu gehen – auf ein Getränk?“, fragte er zurückhaltend.

„Keine Chance“, erwiderte ich. „Ich muss lernen.“

„Ach so“, meinte er und wandte sich gleich wieder zum Gehen.

„He, warte einmal. Wie wäre es mit einem Kaffee oder so?“ Ich war nicht bereit, ihn sofort wieder ziehen zu lassen. Seit Tagen hatte ich mit niemandem mehr gesprochen und jetzt, als Hans-Peter vor mir stand, wurde mir klar, wie sehr mir das gefehlt hatte.

„Lieber Tee, wenn das geht“, bat er.

Hans-Peter studierte wie ich Pharmazie. Sonst hatten wir nicht viel gemeinsam, also drehten sich unsere Gespräche meistens um dasselbe Thema.

„Ich habe eigentlich auch für eine Prüfung gelernt“, erzählte er. „Aber jetzt haben sie den Termin verschoben.“

„Welchen?"

„Na, Gesetzeskunde für Pharmazeuten.”

Ich war erschüttert, schließlich war dies auch meine Prüfung – die Prüfung.

„Verschoben?“, fragte ich schwach.

„Hast du das nicht gewusst?“

Das traf mich unvorbereitet. Ich hatte gehofft, dass die Quälerei morgen beendet sein würde. Ich hatte gedacht, ich könnte morgen mein Wissen zu Papier bringen – ein, zwei Stunden Konzentration und dann wäre es für immer erledigt. Die plötzlich offenbare Sinnlosigkeit meines Tuns der vergangenen Tage verwirrte meine Gedanken. Während Hans-Peter unbefangen und Tee schlürfend weiter plauderte, fühlte ich mich abwechselnd erleichtert und dann wieder tief deprimiert. Überbringer schlechter Nachrichten haben sich nur selten beliebt gemacht, und schon nahmen Rachegedanken in meinem Kopf die Gestalt konkreter, kleiner Gemeinheiten an.

Aber nur kurz. Schließlich verschaffte sich die Freude auf den bevorstehenden, unbeschwerten Abend nachdrücklich Platz, verdrängte die unfreundlichen Ideen und sprudelte fröhlich durch meinen ganzen Körper. Du bist kein tragischer Held, sagte ich zu mir, du bist ein verdammt komischer Held. Und bei dem Gedanken an das Theater, das ich in den letzten Tagen aufgeführt hatte, konnte ich mich kaum mehr halten vor Lachen. Hans-Peter schaute mich irritiert an.

„Schon etwas zu Abend gegessen?“, fragte ich ihn.

Er schüttelte den Kopf, also machte ich mich in der Küche an die Arbeit.

Thymian

I.

M it ungebändigter Kraft strömte der Fluss durch sein Bett, glitzernd und funkelnd im Sonnenlicht. Es war das Schmelzwasser aus den Bergen, das hier mitten durch die Stadt rauschte, spielerisch Strudel und Wellen produzierte und die Brückenpfeiler schäumend umspülte. Der sonst eher gemächlich dahin strömende Fluss war in seiner besten Form und zelebrierte den Frühling auf überschwängliche Art. Immer wieder trieben Gegenstände vorbei, kantiges Holz, Zweige mit Blättern und einmal eine Flasche. Sie hüpften auf dem Wasser, schlingerten und drehten sich, als würden sie tanzen. Auf die Ufermauer gelehnt schaute ich dem Schauspiel blinzelnd zu. Das Wasser musste sehr kalt sein, denn ich spürte einen angenehm kühlen Hauch auf meiner Haut. Es sprudelte und spritzte, und es blendete mit tausend kleinen, blinkenden Spiegeln. Nach einer Weile fühlte auch ich mich erfrischt und spritzig.

So sehr das Lichterspiel wechselte, Muster und Schattierungen sich laufend änderten, so stetig und gleichförmig erschien das große Geräusch des Flusses. Ein beständiges Brausen, hin und wieder ergänzt durch ein Gurgeln oder Platschen, wie ein vieltoniger ungestimmter Akkord, kraftvoll und mächtig. Unaufhaltsam nahm der Fluss seinen Weg durch die Weite des Tals und seine Oberfläche spiegelte und spielte die unendliche Vielfältigkeit und facettenreichen Variationen des Lebens.

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