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Patrimonium

Für Pierre und Sylvie Clauzel,

die Raketen über Afrika aufsteigen sehen.

Mit Dank für eure Hilfe in

prosaischeren Angelegenheiten.

In genanntem Land.

1

Tu das Richtige.

Der Ulru-Ujurrianer hatte gut reden, dachte Flinx, während sich die Teacher weiterhin der Welt näherte, die sich am Ende der Reise des mit einem KK-Antrieb ausgestatteten Schiffes befand, das nun langsamer wurde. Dem Ulru-Ujurrianer würde das auch nicht schwerfallen. Doch das war bei den Ulru-Ujurrianern ja immer so. Sie waren unvorstellbar mächtig, immerwährend verspielt und besaßen Talente, die sich dem Ermessen noch erschließen mussten, falls sie nicht gar unermesslich waren. Sie gingen ihrem Tagwerk nach, ohne sich um irgendetwas sorgen zu müssen, indem sie sich damit beschäftigten, ihren unbegreiflichen Spieltrieb auszuleben und ihren Planeten immer näher an ihre Sonne heranzubringen.

Doch selbst dieses ungeheuerliche astrophysikalische Unterfangen kam Flinx einfacher vor als sein Unterfangen, die Geheimnisse, die sich um seine Herkunft rankten, lüften zu wollen.

Er hatte einen Hinweis erhalten. Zum ersten Mal seit vielen, fast schon unendlich vielen Jahren gab es einen greifbaren Anhaltspunkt. Und sogar noch mehr, denn er hatte sogar ein Ziel. Es lag jetzt vor ihm, eine Welt, über die er nie zuvor nachgedacht hatte und die etwa so weit von seiner momentanen Position entfernt lag wie seine Heimatwelt oder New Riviera und Clarity Held, die sich allerdings in der entgegengesetzten Richtung befanden.

Clarity, Clarity. Unter der kundigen Aufsicht und aufmerksamen Führung seiner beiden alten Freunde Bran Tse-Mallory und Truzenzuzex würde sie sich von den Verletzungen erholen, die ihr während jenes Kampfes zugefügt worden waren, der es ihm ermöglicht hatte, von New Riviera, das man auch als Nur kannte, zu fliehen. Während der Körper seiner Geliebten heilte, konnte er vielleicht die offene Wunde schließen, die seine unbekannte Herkunft in ihm klaffen ließ. Sie brannte und schmerzte ebenso sehr wie ein Krebsgeschwür.

Gestalt.

Ein Wort mit sehr vielen Bedeutungen. Vielleicht sogar eine ganze Welt voller Bedeutung, denn so lautete der Name des Planeten, dem er sich mit rasanter Geschwindigkeit näherte. Eine unscheinbare Koloniewelt der H-Klasse VIII mit einem einzelnen Mond, den die Teacher in diesem Augenblick umflog. Sie beheimatete eine Spezies, die sich die Tlel nannte, sowie einige wenige menschliche Kolonisten. Recht exzentrische Kolonisten, wenn man den Informationen der Galografiedatei, die er sich angesehen hatte, Glauben schenken konnte. Doch er rechnete auch gar nicht damit, sich viel mit der Bevölkerung beschäftigen zu müssen. Er war hier, um etwas ganz Besonderes zu finden. Etwas, nach dem er seit sehr langer Zeit suchte, ohne hoffen zu dürfen, es jemals zu finden. Doch jetzt empfand er zum ersten Mal seit Jahren wieder Hoffnung.

Die Frage war nur, ob das, was man ihm erzählt hatte, nicht bloß die zynische Provokation eines Sterbenden gewesen war - eine letzte Lüge, mit der er sich an dem jungen Mann, der für seinen Tod verantwortlich war, rächen wollte.

Ich weiß, wer dein Vater ist, hatte Theon al-bar Cocarol kurz vor seinem Ableben auf Visaria geflüstert. Der seinen Worten nach einzige Überlebende der abtrünnigen, verfemten Eugeniker von der Meliorare-Society hatte Flinx Experiment 12-A genannt, bevor er Gestalt! hauchte und dann unangenehmerweise verstarb. Die Versuchspersonen sollen nichts über ihre biologischen Erzeuger erfahren, war ihm zuvor noch zu entlocken gewesen.

Zur Großen Leere damit, war der erste Gedanke, der Flinx daraufhin durch den Kopf schoss. Während seiner lebenslangen Suche nach seiner Herkunft war er mehr als einmal in einer Sackgasse gelandet. Es wäre nichts als noch mehr Ironie in einem Leben, das ohnehin schon voll davon war, wenn der Hinweis eines sterbenden Ausgestoßenen sich ebenfalls als Irrweg erweisen würde.

Ähnlich bedeutsam waren die Worte, die der Wissenschaftler gewählt hatte, kurz bevor er starb: Ich weiß, wer dein Vater ist, hatte Cocarol verkündet, bevor er seinen letzten Atemzug tat. Ungeachtet des Augenblicks, in dem diese Worte erklungen waren, hatte Flinx das »Ist« genau gehört. Nicht »war«, »ist«. Ein so kleines Wort und doch ein so großes Versprechen. War es möglich, grübelte Flinx seit diesem kritischen und entscheidenden Moment immerfort, dass er nicht nur endlich mehr über die Identität seines Vaters erfahren, sondern diesen tatsächlich finden würde? Das war fast schon zu schön, um auch nur darauf zu hoffen.

Also hoffte er nicht. Er war schon viel zu oft enttäuscht worden, aber er gestattete es sich, in seinem Inneren einen kleinen Platz für diesen Wunsch zu schaffen, denn das musste er einfach tun.

Das Schicksal der Galaxis und all ihrer Bewohner - zivilisiert oder nicht - vor Augen hatten seine Mentoren Bran Tse-Mallory und Truzenzuzex vermutlich kein Verständnis für diesen Umweg. Selbst Clarity hätte es trotz der Liebe, die sie für ihn empfand, nicht ganz nachempfinden können. Doch sie hätte es verstanden. Auch wenn das Schicksal von so vielen auf dem Spiel stand, gab es private Dämonen, die besänftigt werden mussten, bevor sich Flinx vollkommen auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren konnte. Rette zuerst das innere Universum, sagte er sich, dann bist du in einer besseren Verfassung, um alles andere in Angriff zu nehmen.

Pip hatte sich in voller pink-grüner Länge auf der Konsole der Teacher ausgebreitet und hob jetzt den Kopf, um ihn anzusehen. Aufgrund der empathischen Verbindung, die zwischen ihnen bestand, spiegelte die Haltung der Minidrachendame die Unruhe ihres Freundes und Meisters wider.

»Bin ich egoistisch?«, fragte er das Schiff und äußerte seine unterdrückte Unruhe somit laut.

»Natürlich sind Sie das.« Die Teacher war auf viele Dinge programmiert worden, doch Zurückhaltung gehörte nicht dazu. »Das Schicksal der Galaxis ruht in Ihren Händen. Oder in Ihrem Geist, auch wenn es dafür keine passende Analogie zu geben scheint.«

»Aha. Angenommen, ich existiere in dieser hypothetischen Position, nur um nichts dagegen unternehmen zu können, unabhängig davon, was Bran und Tru zu denken scheinen.«

»Da es keine ermutigende Alternative gibt, müssen sie darin Zuflucht suchen, alle noch so aussichtslosen Möglichkeiten auszuloten. Und von diesen stellen wohl Sie die Vielversprechendste dar.«

Flinx nickte. Er erhob sich aus dem Kapitänssessel, ging zu der Konsole hinüber und strich abwesend mit der Hand über Pips Rücken. Die fliegende Schlange zitterte vor Wonne.

»Was denkst du?«, fragte er sanft. »Bin ich die letzte Hoffnung? Bin ich der Schlüssel zu etwas Größerem, etwas Mächtigerem, zu etwas, das mich in meinen Träumen besucht? Oder wie immer man diesen auf perverse Art veränderten Bewusstseinszustand nennen mag, in dem ich mich unbeabsichtigt befinde.«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte die Teacher aufrichtig. »Ich diene, ohne vorzugeben, dass ich begreife. Ich kann Sie an jeden Ort bringen, den Sie aufsuchen wollen, nur nicht in die Region des Verstehens. Dieses Ziel wurde mir nicht einprogrammiert.«

Du mechanische Seele, dachte Flinx. Nicht dazu geschaffen, Urteile abzugeben. Da er auf keinen anderen überlegenen Intellekt zurückgreifen konnte, musste er sich auf sein eigenes Urteil verlassen. Seufzend hob er eine Hand und deutete nach vorn. Schon bald würden sie sich bei der Planetenkontrolle anmelden müssen, um in den Orbit eintreten zu können.

»Was ist mit dieser Kursänderung? Was denkst du darüber, dass ich meine Suche nach der Tar-Aiym- Waffenplattform vorübergehend unterbreche, um aufgrund der Informationen, die ich von diesem sterbenden Meliorare erhalten habe, hier nach meinem Vater zu suchen?«

Das Verständnis für gewisse Angelegenheiten war der Teacher zwar nicht einprogrammiert worden, doch ein gewisses Mitgefühl besaß sie durchaus. »Eine unerträgliche Zeitverschwendung. Ich habe aufgrund der mir verfügbaren Fakten und Variablen einige Berechnungen durchgeführt, und das Ergebnis ist kaum zufriedenstellend. Vergessen Sie nicht, dass der Mensch Cocarol nur einen letzten, gemeinen Witz auf Ihre Kosten gerissen haben könnte. Oder vielleicht wusste er gar nicht, was er sagte. Und selbst wenn, könnten sich die Umstände geändert haben, seitdem er sich das letzte Mal damit beschäftigt hat. Jede Information, die er über die Identität oder den Aufenthaltsort Ihres Vaters besaß, könnte inzwischen längst veraltet sein.

Und gleichzeitig kommt das, was sich momentan hinter der Großen Leere befindet, immer näher. Meiner Ansicht nach würden Sie Ihre Zeit sinnvoller nutzen, wenn Sie nach der verschwundenen, uralten Tar-Aiym-Waffenplattform suchen, die bislang unsere einzige Hoffnung auf ein Gerät darstellt, das mächtig genug ist, um es mit der nahenden Gefahr aufzunehmen. Ein Gerät, mit dem nur Sie bisher mentalen Kontakt hatten und den Sie auch als Einziger herstellen können.« Die sanfte und doch schroffe Stimme hielt kurz inne. »Ist es mir wenigstens gelungen, ein Minimum an Schuld bei Ihnen heraufzubeschwören?«

»Der Versuch ist wirklich überflüssig«, gab Flinx schnippisch zurück. »Du musst nichts auffrischen, was mich ohnehin niemals verlässt.«

»Zumindest diese Erkenntnis ist ermutigend«, erwiderte das Schiff. »Da Logik und Vernunft keine Wirkung zu haben scheinen, suche ich nach etwas, das funktioniert.«

In mancher Hinsicht war eine Unterhaltung mit der Teacher einfacher als mit einem Menschen. Das Schiff erhob beispielsweise nie die Stimme, und Flinx konnte die Diskussion jederzeit durch einen simplen Befehl abbrechen, wenn er den Wunsch danach verspürte. Andererseits konnte er sich nicht wie bei einem anderen Menschen einfach von ihr abwenden. Sie war überall um ihn herum.

»Sobald ich diese Frage geklärt habe, werde ich die Suche fortsetzen. Das verspreche ich.« Pip blickte ihn fragend an.

Das Schiff antwortete: »Was macht Sie so sicher, dass Sie das hier klären können? Die Antwort auf diese Frage haben Sie schon auf sehr vielen Welten gesucht. Wie ich schon wiederholt angemerkt habe, könnte der sterbende Mensch mit einer Lüge auf den Lippen gegangen sein. Das wäre durchaus zu erwarten von jemandem, der so lange selbst eine Lüge gelebt hat.«

»Ich weiß, ich weiß.« Nachdenklich blickte Flinx erneut auf die wolkenumhangene neue Welt, die im Fenster vor ihm zunehmend größer wurde. Während er hinaussah, glich sich die Öffnung an die sich verändernden Lichtverhältnisse rings um das Schiff an. Ein weiterer neuer Planet in einer langen Liste von vielen, die ihm anstelle von Antworten nur Fragen gebracht hatten. »Aber nach all den Jahren war es die vielversprechendste Lüge, die ich je gehört habe.«

Obwohl er wusste, dass die menschliche Bevölkerung auf Gestalt gerade mal in die Millionen ging, war er trotzdem überrascht, wie zwanglos die Landeformalitäten abgewickelt wurden. Laut der Teacher machte sich das automatische Elektronikprotokoll, das auf einer Station im Orbit angesiedelt war und auf ihre Annäherung reagierte, nicht einmal die Mühe, sie nach dem Grund ihres Besuchs zu fragen. Das ließ vermuten, dass die Behörden auf dem Planeten entweder extrem faul, gleichgültig oder unangemessen nachlässig arbeiteten. Doch wie sich herausstellte, traf keine dieser Vermutungen zu. Das orbitale Besucherempfangsprogramm spiegelte nur die wahre Einstellung und Philosophie der Kolonisten wider - und so etwas war Flinx bisher noch nie begegnet.

Der Mangel an Bürokratie bedeutete auch, dass er zwar seine wahre Identität verschleiern musste, aber kein Bedarf bestand, die Konfiguration seines Schiffes zu ändern. Die Teacher durfte auf die komplizierte externe Verwandlung verzichten, die er normalerweise anordnete, wenn sie beim Besuch fremder Welten ihr Erscheinungsbild tarnen mussten.

Nachdem er sich so gut es ging mit Dingen aus dem Schiffsvorrat - die in der kleinen, aber ausführlichen Galografiedatei des Planeten empfohlen wurden - ausgestattet hatte, ging er durch den Gang zur Shuttlebucht. Pip hatte es sich auf der linken Schulter seiner dunkelbraunen Nanofiber- Kaltwetterjacke gemütlich gemacht und war eingeschlafen. Durch einen kurzen Check überzeugte er sich davon, dass alles in bester Ordnung war und er aufbrechen konnte. Das Gerät, über das er nicht nur mit der Teacher kommunizieren, sondern mit dessen Hilfe sie ihn auch überwachen konnte, befand sich sicher in einem Beutel an seinem Gürtel, den er geschickt unter dem Saum seiner Jacke verborgen hatte.

Zwar betrat er keine Eiswelt wie Tran-Ky-ky, aber nach allem, was er wusste, war es auf der Oberfläche von Gestalt ebenso kalt wie im Herzen von Meliorare. Er empfand dies als eine eher angenehme Abwechslung zu den gemäßigten, tropischen oder halbwüstenartigen Welten, auf denen er zuletzt so viel Zeit verbracht hatte.

»Ich bin bald zurück«, verkündete er, als sich die Tür des Shuttles leise hinter ihm schloss. Ein kaum vernehmbares Zischen ließ erkennen, dass der Druckausgleich vorgenommen wurde.

»Berühmte letzte Worte«, erwiderte die Teacher, womit sie sowohl ihre Meinung in Bezug auf die Tatsache an sich als auch bezüglich des schlanken jungen Menschen, der sich gerade im Shuttle anschnallte, zum Ausdruck brachte.

Mein Vater, dachte Flinx, während er den leisen Ruck spürte, der anzeigte, dass das Shuttle die Teacher verlassen hatte. Mein Vater lebt. Das hatte der sterbende Meliorare Cocarol selbst gesagt. So viele Jahre hatte er nach ihm gesucht. So viel Zeit mit Grübeleien über dessen Person vergeudet. Wenn er seinen Vater fand, würde das die Zivilisation nicht vor dem unermesslichen Schrecken retten, der rasend schnell aus der Großen Leere durch die Milchstraße näher kam - aber es würde dabei helfen, den zögernden, unsicheren Schlüssel, den er darstellte, zu bestärken.

Bei all seinen Reisen hatte er noch nie eine Planetenoberfläche gesehen, die mit der von Gestalt vergleichbar gewesen wäre. Das Wasser war blau, die dicke Wolkendecke darüber weiß gesprenkelt. So weit, so normal. Doch anstatt sich zufällig zu verteilen, lagen die zahlreichen kontinentalen Landmassen als von Norden nach Süden parallel verlaufende, säbelförmige Bögen da - sie glichen bergigen Winkeln, die dem gesamten Globus ein Streifenmuster verliehen. Einige der größeren Kontinente schienen durch wandernde, dünne Gesteinsstreifen miteinander verbunden zu sein, während andere durch lange Meeresbuchten vollständig voneinander getrennt waren.

Jede einzelne Landmasse bestand größtenteils aus zackigen Bergketten, die durch die vorherrschenden tektonischen Kräfte aus der Planetenkruste gequetscht worden waren. Flinx fragte sich, ob es hier aktive Vulkane gab, als er die Oberfläche studierte, die sich vor ihm auftat. Und in der Tat entdeckte er im Verlauf des Sinkfluges mehrere typische Rauchschwaden, die gerade und spitz wie weiße Federn inmitten der ansonsten anarchischen Umgebung in die Höhe stiegen.

Als sich das Shuttle für den Landeanflug automatisch herabsenkte, bestaunte er die Landschaft, die sich in jede Richtung vor ihm ausbreitete. Täler, in denen hier und da ein Fluss aufblitzte, durchschnitten nicht enden wollende Bergketten. Helle Flecken alpiner Seen breiteten sich wie die Scherben eines zerbrochenen Spiegels inmitten des Grüns - und verwirrenderweise auch des Blaus - aus. Er erblickte eine übermäßige Menge an unleugbar blauer Vegetation in allen denkbaren Schattierungen und Variationen. Überdies war der Schnee, der die höheren Gipfel bedeckte und wie Baumwolle in den Tälern und Klüften lag, von einem hellen Pink, das an manchen Stellen ins Rosa überging. Im hiesigen Boden musste eine einzigartige chemische Zusammensetzung vorherrschen, grübelte er.

Ohne moderne Technologie wäre es nahezu unmöglich, sich in einem derartigen Gelände zurechtzufinden. Das Shuttle der Teacher flog über ein Tal nach dem anderen, senkte sich dabei immer tiefer, und er sah, dass eine felsige, von Bäumen umrandete Schlucht der nächsten glich. In unregelmäßigen Abständen tauchten kurz einige Gebäude auf, die auf eine organisierte Ansiedlung hindeuteten. Doch selbst als das Shuttle immer langsamer wurde und zur Landung ansetzte, glitten diese noch zu schnell an ihm vorbei, als dass er ausmachen konnte, ob sie menschlichen oder einheimischen Ursprungs waren.

Laut der Galografie von Gestalt gab es hier nur wenige und weit auseinander liegende Bevölkerungszentren. Sowohl die einheimischen Tlel als auch die Menschen, die sich hier angesiedelt hatten, legten großen Wert auf ihre Privatsphäre. Diese Eigenschaft schien den Ureinwohnern angeboren zu sein, während die Menschen sie für sich gewählt hatten.

Die Stimme des Shuttles, ein sanftes Echo der Teacher, riet ihm, sich auf die Landung vorzubereiten. Diese Warnung nahm er stets ernst, selbst wenn er gerade eine fortschrittliche Welt besuchte. Er hatte sich schon auf die Landung eingestellt, sobald er sich auf dem Sitz niedergelassen hatte. Da sie seine steigende Erwartungshaltung spürte, verspannte sich Pip in seiner für das kalte Klima ausgelegten Jacke ebenfalls ein wenig.

Nur wenige Täler auf Gestalt waren breit und flach genug, um Platz für einen Raumhafen zu bieten. Tlearandra befand sich auf der anderen Seite des Planeten. Da hier auch die Büros der Commonwealth­-Vertreter auf Gestalt beheimatet waren und sich an diesem Ort die potenziell neugierigen Beamten aufhielten, hatte sich Flinx in weiser Voraussicht dazu entschlossen, in Tlossene, der zweiten großen Siedlung, zu landen.

Da er daran gewöhnt war, in Raumhäfen zu landen, die sich weit außerhalb der Grenzen der an sie gebundenen Ballungsgebiete befanden, bekam er einen Schreck, als es danach aussah, als würde das Shuttle direkt in der Stadtmitte heruntergehen. Doch dann erkannte er, dass dies eine aus der Sinkgeschwindigkeit und dem Sichtwinkel resultierende Illusion gewesen sein musste, und so war er erleichtert, als sein Schiff auf einer tatsächlichen Landebahn auf dem Boden aufkam und nicht auf einer der Gebäudegruppen, deren Dächer nicht sehr weit unter ihm hinweggeglitten waren. Der Raumhafen befand sich in einem festen, ausgetrockneten Flussbett und schien ihm gefährlich nah an den bewohnten Gebieten zu liegen. Zwar wurden nur wenig Waren von Gestalt aus- und eingeführt, wodurch kein Bedarf an einem entsprechend großen und ausgebauten Raumhafen bestand, aber trotzdem erschien ihm die Nähe zur hier lebenden Bevölkerung in gewisser Weise verantwortungslos. Er hatte vor, sich bei den Einheimischen nach den Gründen dafür zu erkundigen. Obwohl ihm keine einfallen wollten, musste es doch eine Erklärung dafür geben, dass man den Raumhafen derart nah an den Wohnquartieren angelegt hatte.

Er wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass diese Tatsache einfach niemanden interessierte.

Die Einreiseformalitäten auf dem Boden erwiesen sich zu seiner Freude als ungezwungen und oberflächlich, wie bereits abzusehen, als die Teacher in den Orbit eingetreten war und die Landebehörde Kontakt mit ihr aufgenommen hatte. Er musste nur seinen Namen angeben (den er sich spontan ausdachte), die Identifikation seines Schiffes (ebenfalls erfunden) sowie den Grund seines Besuchs (Nachforschungen im Auftrag einer Firma, die aus Gründen des Wettbewerbs ungenannt bleiben sollte - also auch gefälscht). Unter diesen mehrfach fiktiven Angaben und mit beachtlicher Zuversicht bat Flinx sodann darum, die Richtung des unterirdischen Fußgängerwegs gewiesen zu bekommen.

»Dies ist Gestalt«, informierte ihn eine ausgesprochen entspannte männliche Stimme über das interne Kommunikationssystem des Shuttles. »Wir unterhalten nichts, das keinen effizienten Nutzen aufweist. Das schließt auch teure unterirdische Fortbewegungsmöglichkeiten ein. Für Reisende wie Sie gibt es keine derartigen Annehmlichkeiten. Die aktuelle Position Ihres Schiffes ist auf meinem Bildschirm deutlich zu erkennen. Wenn Sie aussteigen, halten Sie sich in Richtung Westen, dann sehen Sie das Hauptterminal. Sie müssen nur einen kurzen Fußweg über den Asphalt in Kauf nehmen.« Eine kurze Pause, dann fuhr der Sprecher fort: »Das Wetter ist heute sehr schön. Wenn Sie für dieses Klima nicht angemessen ausgerüstet sind, hätten Sie gar nicht erst herkommen sollen. Das Tal, in dem sich Tlossene befindet, liegt in fast dreitausend Metern Höhe, falls Ihnen das vor der Landung hier noch nicht bekannt gewesen ist - ansonsten wissen Sie es jetzt.«

Der Tonfall des Beamten klang, als würde er sich mit einem Freund unterhalten und nicht wie der eines Regierungsvertreters, der die formelle Begrüßung von außerweltlichen Besuchern vorzunehmen hatte. Die lockere Redeweise, das Fehlen von Arroganz sowie der Verzicht auf jegliche Förmlichkeit wirkten auf Flinx unsagbar erfrischend im Vergleich zu der Flut an Regeln und formellen Prozeduren, die er bei der Landung auf anderen Welten viel zu oft hatte erdulden müssen.

Aber - aussteigen und sich westlich halten?

»Wir haben nur zwei Zugänge unter der Oberfläche«, erklärte der Beamte als Reaktion auf die Unsicherheit des Neuankömmlings, »und beide werden im Augenblick von zwei Fracht-Shuttles genutzt, die Sie weiter im Osten sehen können.«

Flinx sah aus dem vorderen Fenster in die angegebene Richtung und erblickte zwei weitaus größere und bulligere Schiffe, die im entsprechenden Abschnitt auf dem Asphalt parkten. Klobige Roboterschlepper und agilere automatische Ladesysteme umschwärmten mehrere offenstehende Servicebuchten. Es waren keine Menschen oder Tlel zu sehen, und die industriellen mechanischen Arbeiter schenkten dem neu eingetroffenen Schiff und dessen Passagier keine Aufmerksamkeit.

»Okay, ich werde zu Fuß gehen«, informierte er den Beamten. »Was ist mit den Zoll- und Einreiseformalitäten?«

»Jemand wird Sie dort empfangen.« Dem zweiten Teil der Antwort war deutlich anzumerken, dass sich der Sprecher köstlich amüsierte. »Dann hat SeBois wenigstens mal was zu tun.«

Flinx musste das Shuttle nicht sichern - das Schiff würde seine Sicherheitsmaßnahmen selbstständig treffen. Sobald die Laderampe ausgefahren war, versicherte er sich, dass der hautfreundliche, weiche Kragen seiner Jacke eng um seinen Hals lag und Pip somit verdeckte, bevor er durch die Luke stieg.

Die Kälte traf ihn sofort - doch da er darauf vorbereitet gewesen war, überraschte sie ihn nicht weiter. Die Umgebungstemperatur kam ihm sogar weniger unangenehm vor, als er es nach Betrachten der Anzeigen im Shuttle vermutet hatte. Zweifellos wurde die Kälte in dieser Höhe durch die Intensität der Sonne abgeschwächt. Sein Wohlergehen wurde ferner dadurch gesteigert, dass die Atmosphäre des Planeten ein wenig dichter war als die, die der Terranorm entsprach, wodurch ihm die Anpassung an die Höhe leichter fiel. Er holte tief Luft und konnte keinen Unterschied zu der Luft auf Höhe des Meeresspiegels auf einer erdähnlichen Welt entdecken. Unter seiner Jacke zuckte Pip leicht zusammen und stieß ihn an, aber der drastische Temperaturabfall schien auch sie nicht weiter zu stören. So lange sie genug Futter bekam, um ihren rasanten Stoffwechsel mit Energie zu versorgen, würde es ihr gut gehen.

In diesem Augenblick war Essen jedoch das Letzte, woran Flinx dachte, da er vor Verlassen der Teacher eine Mahlzeit zu sich genommen hatte. Aber er entschloss sich, ein heißes Getränk nicht auszuschlagen, sollte er irgendwo eins angeboten bekommen. Die Notfallreserve, die Bestandteil seiner Jackenisolierung war, konnte dieses Bedürfnis zwar befriedigen, doch er wollte auf den begrenzten Vorrat erst zurückgreifen, wenn das unbedingt erforderlich wurde. Außerdem empfand er es immer als sehr angenehm, mal etwas Einheimisches zu probieren.

Jenseits des Asphalts und hinter der Reihe von Hafengebäuden erstreckte sich die Stadt Tlossene entlang zweier sich gegenüberstehender Berghänge, die in der Ferne in einer steilen Schlucht zusammenliefen. In den höheren Regionen wichen die gegossenen und gebauten Strukturen mehr und mehr dem blauen und grünen Alien-Wald. Keines der Gebäude war höher als ein halbes Dutzend Stockwerke. Tlossene war zwar eine richtige Großstadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern, aber bei Weitem keine große Metropole. Viele der zentralen Gebäude, die er erkennen konnte, wirkten zwar verwittert, aber durchaus geschmackvoll. Ihr äußeres Erscheinungsbild glich dem, was er über die Geschichte der Besiedelung von Gestalt durch die Menschen wusste. Dazwischen verstreut sah er einige unverwechselbare, mit Noppen bedeckte Kuppeln sowie große, eiförmige Konstruktionen, die auf einen nichtmenschlichen Sinn für Design schließen ließen. Wenn diese auffälligen Bauwerke nicht von den erfindungsreichen Tlel errichtet worden waren, so hatten sich deren Baumeister zumindest von diesen inspirieren lassen.

Weit hinter der Stadt waren Gipfel zu erkennen, deren Höhe Flinx nur schätzen konnte. Wenn er es genau wissen wollte, musste er nur auf das Gerät an seinem Gürtel schauen, auf das er alle Informationen über diese Welt, die ihm auf der Teacher zur Verfügung standen, geladen hatte. Dann verließ er die Rampe und entfernte sich in westlicher Richtung vom Shuttle.

Das Klopfen in seinem Hinterkopf hatte nichts mit dem geringfügigen Druckunterschied zwischen Schiff und Planetenoberfläche zu tun. Diese zuweilen lähmenden Kopfschmerzen waren ihm nicht unbekannt. Wie immer versuchte er, den pochenden Schmerz und das damit einhergehende Unbehagen zu ignorieren, solange es ihm nicht zu sehr zusetzte. Nur dann würde er widerwillig zu Medikamenten greifen oder sich der Meditation widmen. Pip spürte den Missmut ihres Herrn und regte sich unruhig auf seiner Schulter, doch sie konnte nichts tun, außer ihn ihres Mitgefühls zu versichern.

Wäre er wieder auf Arrawd, wo ihm die Einheimischen in mehr als nur einer Hinsicht ähnlich waren, hätte sein Geist Frieden finden können. Selbst irgendwo inmitten der mit seltsamen Regenwäldern bedeckten Welt Midway - nein, Midworld, korrigierte er sich - wäre ihm das noch gelungen. In all den Jahren waren dies die einzigen beiden Planeten gewesen, auf denen er sich ziemlich sicher sein konnte, dass sein Geist Frieden fand. Mit fest gegen den Schmerz zusammengepressten Lippen schritt er finster weiter. Sollte er die Wahrheit über die letzte Enthüllung des Meliorare Cocarol ans Licht bringen, so würde diese jegliches Unbehagen, das er während seines Aufenthalts auf Gestalt empfand, mehr als wettmachen.

Er vergaß den allzu oft wiederkehrenden Schmerz in seinem Kopf, als er bemerkte, dass etwas über den Asphalt hinweg auf ihn zukam. Jemand wird Sie dort empfangen, hatte der freundliche Raumhafen-­Beamte ihm versichert. Flinx' Augen verengten sich. Was immer da auf ihn zukam - und zwar mit beeindruckender Geschwindigkeit - war kein freundlicher Vertreter der hiesigen Behörden. Es handelte sich auch nicht um einen Menschen oder Tlel. Als es, oder vielmehr sie, in seine Richtung eilten, strömten ihnen Gefühle der Furcht, Besorgnis und Verwirrung voraus.

Sie hatten keine Beine.

Der Mangel an sichtbaren Gliedmaßen schien ihr Vorankommen jedoch in keiner Weise zu behindern. Tatsächlich war es sogar so, dass Beine ihre auserkorene Form der Fortbewegung nur behindert hätten, stellte Flinx fest, als er sie genauer erkennen konnte. Wenigstens ein Dutzend der bizarren Kreaturen taumelte und rollte rasch in seine Richtung. Und das taten sie, so schnell sie konnten - wenn ihn das, was er von den primitiven Emotionen, die von ihnen ausgingen, empfing, nicht trog. Jede der rundlichen Kreaturen besaß etwa die Größe eines menschlichen Kopfes und war komplett mit geschecktem weißbraunen Fell bedeckt. Längere und dichtere Fortsätze standen an beiden Seiten wie übergroße Schnurrhaare von ihnen ab. Sie bewegten sich mithilfe ihrer vier Arme über den Boden, die in breiten, flachen und fleischigen Flächen ausliefen. Diese arbeiteten im Einklang miteinander, packten die harte Oberfläche und stießen sich kraftvoll wieder davon ab. Er stellte sich vor, dass sich irgendwo unter all dem Fell Nasenlöcher, ein Maul oder Rüssel sowie möglicherweise Augen und Ohren befinden mussten. Doch jetzt wirkten sie auf ihn blind und stumm, aber sie rollten auch nicht gegeneinander.

Ihnen folgte ein Wesen, das weitaus größer, unheilvoller und von der Erscheinung her sehr viel bedrohlicher wirkte. Als müsse es seine erschreckende Wirkung noch verstärken, strahlte es Emotionen aus, die ebenso primitiv waren wie seine offensichtliche Intention. Obwohl schwergewichtig und bärenhaft, kam es mit einer Geschwindigkeit und Anmut daher, die seine Körpergröße Lügen straften. Anders als seine Beute rollte es nicht, sondern bewegte sich auf mehreren Dutzend kurzer, muskulöser Beine fort, die in Füßen mit spitzen Hufen endeten. Weißes, mit unregelmäßigen pinkfarbenen Flecken gesprenkeltes Fell bedeckte seinen Körper und ließ es dadurch unpassend feminin wirken. Dieser auf den ersten Blick unschuldige Eindruck hielt jedoch nur so lange an, bis einem das Maul der Kreatur ins Auge stach. Die horizontale Mundöffnung war fast so breit wie der gesamte Körper des Wesens. Sie stand ein wenig vor und schwebte direkt über dem Boden, während sie weit offen stand. Eine gigantische Nase mit drei Nasenlöchern im oberen Teil des blockförmigen Schädels sorgte für die notwendige Luftzufuhr des galoppierenden Fleischfressers und diente offenbar nicht nur dazu, die Lungen dieses Raubtiers zu füllen, sondern ermöglichte es ihm ferner, mit seinem spachtelförmigen Maul alles aufzufangen, was ihm in die Quere kam.

Das erklärte auch das sichtbare Fehlen von Zähnen oder Knochenvorsprüngen innerhalb der flexiblen Kiefer, erkannte Flinx. Der Fleischfresser biss seine Opfer nicht, noch zermalmte er sie oder brachte sie mit Fängen und Klauen um - seine Methode war denkbar einfacher, effizienter und blutloser: Er saugte sie auf. In Flinx' Augen war er einfach nur widerlich.

Die Entfernung zwischen dem verzweifelten Dutzend runder rollender Kreaturen und ihrem räuberischen Verfolger verringerte sich zunehmend, während er zusah. Dass dieses grauenhafte Schauspiel hiesiger Jagdszenen direkt auf dem Asphalt eines der Hauptraumhäfen des Planeten stattfand, war an sich schon erstaunlich genug, auch ohne die Tatsache, dass sich diese ganze kreischende und jaulende Menagerie mit beeindruckender Geschwindigkeit direkt auf ihn zu bewegte. Pip spürte die Bedrohung und versuchte, sich von seiner Schulter in die Luft zu erheben - nur um festzustellen, dass sie von dem weichen Stoff der Jacke ihres Herrn daran gehindert wurde.

Mit wild umherrudernden Armen sausten zwei rollende Fellbälle rechts an Flinx vorbei. Ein weiteres Trio raste links entlang. Alle fünf stanken widerlich und gaben einen stechenden Moschusgeruch ab, der vermutlich eine Reaktion auf ihre Angst war. Flinx überlegte, ob sie ihren Weg willkürlich gewählt hatten oder absichtlich auf ihn zugerast waren, um ihrem räuberischen Verfolger ein Hindernis in den Weg zu stellen.

Und das, so erkannte er relativ spät, während er nach der an seinem Gürtel hängenden Pistole griff, war tatsächlich er.

Er hatte noch genug Zeit, um die Einstellungen an der Waffe vorzunehmen. Das Problem war nur, dass sich die Waffe sicher in dem am Gürtel befestigten Holster befand. Der Gürtel selbst lag locker um seine Hüften - und somit unter seiner Jacke, die er zum Schutz vor dem unwirtlichen Klima fest verschlossen hatte. Flinx verspürte nun ebenfalls den emotionalen Tumult, den der letzte der an ihm vorbeiflitzenden Bälle ausstrahlte, und begann, panischer an dem Verschluss zu nesteln, der den Saum seiner Jacke eng gegen seine Oberschenkel drückte. Der riesige, sich nähernde Räuber schien seine Not zu ignorieren und fuhr damit fort, weiter auf ihn zuzusteuern. Flinx war sich ziemlich sicher, dass er anders als die kleinen fellbesetzten Wesen nicht die Absicht hatte, ihn einfach zu umgehen. Der breite, flache und energisch saugende Mund war durchaus geräumig genug, ihn ebenso leicht aufzunehmen wie einen der fliehenden, mehrarmigen Fellbälle. Er ruckelte nun energischer an dem unteren Verschluss der Jacke herum und versuchte dabei, ein Gefühl der Unsicherheit in Richtung des sich nähernden Fleischfressers auszustrahlen. Als dies keine Wirkung zeigte, probierte er es mit Furcht. Die Kreatur, die entweder zu primitiv oder zu sehr in die Jagd vertieft war, um darauf zu reagieren, schien seine hastigen mentalen Bemühungen nicht einmal zu bemerken.

Pip, die sich endlich aus der Enge der Jacke befreit hatte, erhob sich in die Luft. In der hier vorherrschenden dichteren Atmosphäre musste sie sich noch weniger als sonst anstrengen, um eine gewisse Höhe zu erreichen. Ihr schillernder Körper glich einem plötzlichen Farbschwall am blauen Himmel. Dieser Wirbel aus gefalteten pinkblauen Flügeln brauchte nur einen Augenblick, um sich zu orientieren, dann tauchte die fliegende Schlange direkt zu dem angreifenden Fleischfresser hinab - nur um auf halbem Weg innezuhalten. Das Gift, das sie ausspuckte, war tödlich, wenn es in die Augen des Ziels gelangte, und sie war aus überraschend großer Entfernung äußerst zielgenau. Nur eines hielt sie davon ab, den nahenden Räuber direkt an Ort und Stelle auszuschalten.

Sie konnte seine Augen nicht finden.

Entweder besitzt er ebenso wie die schnell weiterrollenden Fellbündel keine, grübelte der zunehmend besorgtere Flinx, oder sie sind so tief unter dem Mantel aus weiß-rosa Fell verborgen, dass man sie nicht entdecken kann. Als ihm die Bestie definitiv zu nahe kam, spritzte die Flüssigkeit aus ihrem Maul langsam auf die Beine seiner thermotropischen Hose. Seine Finger, die normalerweise stets ruhig blieben, zitterten uncharakteristisch, als sie noch nervöser am Griff seiner Waffe herumfummelten. Das tiefe Pfeifen, das von dieser Kreatur ausging, kam nicht aus dem klaffenden Loch, das sein ausgeprägtes, gewaltiges Maul darstellte, sondern aus dem außergewöhnlich großen, dreiteiligen Nasenbereich weiter oben an seinem Schädel. Maul, Nase. Die Luft wurde durch das offenstehende Maul in eine vermutlich gigantische Lunge, vielleicht sogar mehrere Lungenflügel, eingesaugt und durch die knochige Struktur weiter oben am Schädel wieder abgegeben. Wenn er nicht sofort etwas unternahm, um das Wesen aufzuhalten oder abzulenken, würde er sich selbst in Kürze in der Lage befinden, dieses faszinierende Beispiel für eine anpassungsfähige fremde Biologie von innen zu studieren.

Während Pip über ihm in der Luft schwebte und verzweifelt, aber vergeblich versuchte, die nahende Bedrohung abzulenken, gelang es Flinx endlich, die Pistole aus dem Holster zu reißen und zu zielen. Er wusste nichts über die Anatomie dieser Kreatur und hatte auch keine Zeit, sie genauer in Augenschein zu nehmen, daher zeigte er mit der Mündung der Strahlenwaffe einfach auf die Mitte des fellbedeckten Schädels und hoffte inständig, dass das Gehirn, das dieses Tier antrieb, irgendwo in der Region zwischen Mund und Nase angesiedelt war.

Erst als er die Pistole angehoben und feuerbereit in der Hand hielt, bemerkte er, dass sie auf »Hitze« stand, der niedrigsten Einstellung, und nicht etwa auf »Betäuben« oder »Töten«.

2

Mit bebenden Fingern bemühte sich Flinx, die Waffe neu zu justieren, während er sich gleichzeitig verzweifelt auf eine Seite warf. Währenddessen merkte er, wie seine Füße unter ihm wegzurutschen drohten, als der nahende räuberische Fleischfresser derart stark die Luft einsog, dass es mächtig an seinen Beinen zerrte. Da ihm weder Zeit noch andere Optionen blieben, hob er erneut die Waffe.

Der strenge Geruch angesengten Fells drang augenblicklich in seine Nase. Das Monster blieb abrupt stehen, und seine zahlreichen Beine verhedderten sich in einem großen Haufen wie Pendler, die gleichzeitig versuchen, sich durch einen einzigen Eingang in ein Transportmittel zu zwängen. Es verharrte an Ort und Stelle, nur wenige Meter von Flinx entfernt, und schwankte leicht auf seinen diversen Fußpads. Erst als es sich langsam auf die linke Seite neigte, konnte er das perfekte runde, faustgroße Loch erkennen, das deutlich anzeigte, wo sich die Einschussstelle am Schädel befand. Flinx stieß einen tiefen Seufzer aus und senkte seine Waffe.

Er hatte nicht geschossen.

Der Schütze kam auf ihn zu. Verbunden mit einem an der rechten Schulter montierten Halfter, summte das Gewehr - das in etwa genauso groß wie die kleinwüchsige Gestalt war -, als es an dem Gurt nach hinten glitt, um in die Ausgangsposition auf den Rücken des Wesens zu rutschen. Gekleidet war der Fremde mit einem einteiligen blauen Perflexanzug, der dahingehend entwickelt worden war, dass er ein minimales Gewicht aufwies, aber die maximale Wärmemenge speichern konnte. Auf seiner rechten Brustseite konnte man einige stark abgestoßene Bronzeabzeichen erkennen. Auf den ersten Blick wirkte er zwar so, als wäre er eher für einen Laufwettbewerb als für einen Spaziergang im rauen Klima auf Gestalt gekleidet, doch der Einteiler war weitaus praktischer und weniger hinderlich als Flinx' behelfsmäßige Kaltwetterausrüstung. Würde er selbst auf Gestalt leben, dann hätte er sich zweifellos für ein vergleichbares Kleidungsstück entschieden.

Ich werde einkaufen gehen müssen, wenn ich längere Zeit hierbleibe, überlegte er, während er neidisch die geschmeidigen Bewegungen des sich nähernden Wesens beobachtete, die nicht durch dicke Kleidung eingeschränkt wurden. Langsam entfernte er sich von der leblosen Masse des verblichenen Fleischfressers und ging auf das Individuum zu, das einen einzigen tödlichen Schuss abgefeuert hatte. Zum einen wollte er den einen widerlichen Gestank ausströmenden, immer noch warmen Leichnam hinter sich lassen, zum anderen seinen Retter begrüßen. Hinter ihm deutete das gedämpfte Jaulen von Wartungsrobotern an, dass sich die keinen Geruchssinn besitzenden Maschinen bereits näherten, um, unbeeindruckt von dem immer stärker werdenden Verwesungsgeruch, die notwendige Beseitigung der Überreste vorzunehmen.

Lächelnd streckte er eine Hand aus. Nach unten, da er bedeutend größer war als der Mann, der ihm beigestanden hatte. »Sie haben hier sehr interessante Methoden, Neuankömmlinge zu begrüßen.«

Die Hand, die seine Finger umschloss, war klein, dunkel und stark wie Duralloy. Weiße Zähne blitzten in einem bräunlichen Gesicht auf. Es war unmöglich zu sagen, ob der offizielle Vertreter irgendwelche Haare besaß, da die am Anzug angebrachte Kapuze seinen Kopf komplett bedeckte. Seine Augen waren groß und leicht mandelförmig. Obwohl sie entfernt auf eine asiatische Herkunft schließen ließen, glich der Rest seiner Gesichtszüge doch eher der üblichen terranischen Homogenität. Der einzige Akzent, der in seinem Terranglo zu hören war, musste hiesigen Ursprungs sein, und die Worte, die aus seinem Mund kamen, waren etwas abgehackter und förmlicher als gewöhnlich.

»Und es kostet nicht mal was extra«, erwiderte er. Dann drehte er sich um und beobachtete, wie ein mechanisches Ladegerät den Kadaver des toten Räubers aufhob und ohne Umschweife in den Frachtraum eines mit Eigenantrieb versehenen Transporters beförderte. Danach drehten sich die beiden mechanischen Einheiten gleichzeitig um und glitten immer schneller in Richtung der nächsten Abfallbeseitigungsbucht über den Asphalt.

»Das war ein Kasollt, der da auf Sie losgegangen ist. Hin und wieder trifft man mal einen von ihnen in den Hügeln. Im Allgemeinen kommen sie jedoch nicht in die Stadt. Sie können sich glücklich schätzen, dass Sie einen zu sehen bekommen haben.« Seine Nasenflügel flatterten leicht, als er vorsichtig Luft holte. »Man sollte allerdings annehmen, dass ein Raubtier nicht so stinken würde, da es sich doch eigentlich tarnen muss. Und auch nicht davon ausgehen, dass seine Beute, die sich vor ihm verbergen will, einen ähnlich widerlichen Geruch abgibt. Aber ein Großteil der hiesigen Fauna besitzt überhaupt keinen Geruchsinn. Dazu gehören übrigens auch die Tlel. Die Evolution ist hier ein wenig merkwürdig verlaufen. Sie machen das jedoch durch besondere Fortsätze auf dem Kopf wieder wett, mit deren Hilfe sie elektrische Felder entdecken können. Wie Haie auf der Erde.« Mit diesen Worten wandte er sich wieder zu Flinx um und beäugte den jungen Neuankömmling abschätzend.

Flinx wählte die Worte seiner Antwort mit Bedacht aus. »Ich denke, ich kann mich eher glücklich schätzen, dass ich Sie zu sehen bekommen habe.«

Das Grinsen seines Gegenübers wurde breiter, als es den indirekten Dank zur Kenntnis nahm. »In diesem Raumhafen kommt nur selten jemand an, der keine kommerziellen Ziele verfolgt. Sobald wir bemerkt hatten, dass der Kasollt die Olu-Herde auf das Rollfeld hinausjagt, hielten es einige von uns da drüben im Kontrollzentrum für eine gute Idee, dass jemand von uns rausgeht und Sie persönlich begrüßt.« Das intuitive Gewehr auf seinem Rücken summte leise, als wolle es seine Worte bestätigen. Der Mann sah die sich bewegende Ausbeulung unter Flinx' Jacke an. »Wie ich sehe, sind Sie nicht allein. Nur anhand der Bewegungen würde ich vermuten, dass Ihr Gefährte eine höchst interessante Kreatur ist.«

»Das habe ich schon öfter gehört.« Durch den Nebel, den sein Atem vor seinem Gesicht bildete, zeigte Flinx auf den nahegelegenen Komplex aus niedrigen Gebäuden mit Kuppeln. »Können wir dieses Gespräch vielleicht drinnen fortsetzen? Es ist doch reichlich kühl hier draußen.«

»Hier ist es überall kühl. Das ist Gestalt. Kommen Sie.« Flinx' Gastgeber drehte sich um und führte ihn vom Shuttle fort. Hinter ihnen beobachtete die an Bord befindliche KI ihren Abmarsch, zog die Laderampe ein und ging in den Sicherheitsmodus. Dann machte sie es sich im cyberkinetischen Winterschlaf gemütlich, um so geduldig auf die Rückkehr ihres Besitzers zu warten.

»Ich bin Raumhafenadministrator dritter Ebene Payasinadoriyung.« Bevor sein Gast antworten konnte, fügte er hinzu: »Nennen Sie mich Paya.« Dieser hilfreichen und durchaus notwendigen Anmerkung folgte eine längere Pause.

»Mastiff«, sagte Flinx dann und verwendete damit den Decknamen, den er bereits bei der Landebehörde angegeben hatte. »Skua Mastiff.«

Der Beamte nahm diese Aussage kommentarlos zur Kenntnis und deutete mit dem Kinn auf den gut ausgestatteten Gürtel, der halb verborgen unter dem Saum von Flinx' Jacke lag. »Sie haben sich nicht verteidigt.«

»Ich war nicht darauf gefasst, hier eine Waffe verwenden zu müssen - erst recht nicht draußen auf dem Asphalt. Daher war meine Waffe auf eine zu niedrige Stufe eingestellt. Ich wollte das gerade anpassen, als Sie mir die Mühe abgenommen haben.«

Paya nickte verständnisvoll. »Sorgen Sie lieber dafür, dass sie ab sofort richtig eingestellt ist.« Er deutete mit dem Daumen über seine rechte Schulter nach hinten. »Den Kasollt haben Sie ja schon kennengelernt. Auf Gestalt leben zahlreiche Raubtierarten, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind immer hungrig. Selbst in der Stadt trägt jeder etwas bei sich, womit er sich verteidigen kann. Aufgeladene Handschuhe, Blitzer, anpassbare Auraliten, Projektilwaffen - nächstes Mal werde ich vermutlich nicht rechtzeitig bei Ihnen sein können, um informelle Begegnungen zwischen Ihnen und der hiesigen Fauna zu regeln.«

Flinx dachte über diesen entmutigenden Ratschlag nach. »Selbst in Tlossene sollte ich stets mit aktivierter Waffe herumlaufen?«

»Ja, an jedem Ort innerhalb der Stadtgrenzen.« Paya nickte bei diesen Worten energisch. »Die Tlel glauben fest an den Leitsatz ›Leben und leben lassen‹, doch die aggressiveren Exemplare der hiesigen Fauna tun das nicht. Der Rest von uns, der im Grunde genommen nur einen Gaststatus genießt, muss sich notgedrungen an die hier vorherrschenden Wertvorstellungen anpassen. Es kommt zwar nicht jeden Tag vor, aber es besteht stets die Gefahr, in den Straßen auf etwas Unangenehmes zu treffen. Die Stadtverwaltung tut ihr Bestes, um alles sauber und sicher zu halten, aber jeder gute Bürger ist ständig auf der Hut.«

Sie näherten sich dem ersten Gebäude. Es war in aufgesprühtes dunkles Photogen gehüllt, das es mit Energie versorgte, und seine geschwungene Außenwand glitt wie eine invertierte Welle nach oben, wo sie nahtlos in das Kuppeldach überging. Das Design war überaus praktisch und spiegelte dabei auch die Einflüsse tlelianischer Architektur wider.

Als sie den dreifach geteilten Eingang durchschritten, erlebte Flinx, wie die Umgebungstemperatur nach und nach stieg, was ihn überaus erfreute. Paya entledigte sich seines Tragegeschirrs, aus dem er seine Waffe entnahm, die er in einem wartenden, offenstehenden Tresor einschloss, bevor er Flinx zu einer kleinen, leicht erhöhten Plattform führte.

»Eine simple Formalität.« Sein Tonfall klang, als wolle er um Entschuldigung bitten, während er auf die umrundete Mitte der Plattform deutete, auf die sich sein Besucher stellen sollte. »Es wird nur einen Augenblick dauern. Sie werden gar nichts spüren. Versuchen Sie bitte, ganz still zu stehen.«

Flinx nickte wissend. »Ich bin mit dieser Prozedur bereits vertraut.«

Er stieg hinauf, trat in die Mitte des runden Podiums und drehte sich ein wenig, sodass er den Beamten ansehen konnte. Dabei achtete er darauf, die Hände ruhig an den Seiten zu halten, und versuchte, nicht zu blinzeln, als ein weiches Licht über ihn hinwegstrich. Es wurde von einem leisen Summen begleitet, das nach kurzer Zeit abflaute. Nicht einmal eine Minute nach ihrem Beginn war die Ankunftsdokumentation schon wieder abgeschlossen. Dabei waren seine Größe, sein Gewicht, sein geschätztes Alter, seine Knochendichte, sein Netzhautmuster, die Konfiguration seiner Gehirnwellen, die Anzahl und Position seiner inneren Organe, das Vorhandensein und die Art jeglicher Prothesen, die Informationen über alle Geräte und Instrumente, die er bei sich trug, sowie eine Vielzahl weiterer Daten neben seinem aktuellen Gesundheitszustand aufgezeichnet worden. In noch geringerer Zeitspanne hatte man mithilfe derselben Prozedur auch gleich Pip erfasst.

Flinx hätte einen Weg finden können, in die Stadt zu gelangen, ohne sich dieser Registrierung unterziehen zu müssen. So etwas war ihm zuvor schon öfter auf anderen Welten gelungen, doch seine Absichten auf diesem Planeten konnten es erforderlich machen, dass er die offiziellen Kanäle nutzte oder mit Regierungsvertretern sprach. Wo und wann immer es möglich war, hielt er es für die bessere Variante, sich als offiziell registrierter Besucher zu bewegen und dementsprechend handeln zu können. Bis irgendjemand die Gelegenheit bekam oder die Neugier verspürte, gewissen ungewöhnlichen Aspekten in Bezug auf seine Anwesenheit nachzugehen, und das Verlangen hatte, sich tiefer in seine Hintergrundgeschichte zu vergraben, hätte er das System ohnehin längst wieder verlassen.

Als er von der Plattform wieder heruntertrat, lockerte er den Bund um seinen Hals. Nach der Begegnung mit dem Kasollt und dem Gang zum Terminal war die Hitze im Inneren des Gebäudes fast schon erdrückend. Der eifrige Paya wartete in der Nähe und studierte die dreidimensionale Anzeige, die sein Kommunikationsgerät zwischen sie in die Luft projizierte. Dann blickte er Flinx mit einem freundlichen Lächeln an. »Hier steht, dass Sie in bester gesundheitlicher Verfassung sind.«

Flinx deutete auf das Gerät. »Bioanalysatoren zeigen nicht immer alles an. Ich leide beispielsweise ständig unter starken Kopfschmerzen.«

Der Administrator seufzte. »Ich bin ein Bürokrat, der sich regelmäßig mit der Öffentlichkeit auseinandersetzen muss, und habe daher größtes Mitgefühl mit Ihnen.« Er hob einen Arm und deutete den Gang entlang, der vom Raum für Neuankömmlinge wegführte. »Wir sind hier fertig. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt auf Gestalt und dass Sie mit Ihren Nachforschungen gut vorankommen. Wenn Sie mir die Frage erlauben, was genau interessiert Sie?«

»Die Geschichte«, erwiderte Flinx.

Paya, der die Antwort verständlicherweise missverstand, nickte. »Diese Welt hat eine höchst interessante Geschichte, wenngleich sie nicht sehr umfangreich ist. Hier leben schon seit sehr langer Zeit Menschen, obwohl die Zahl der Einwanderer von jeher begrenzt wurde.«

»Von den Tlel?«, wollte Flinx wissen, während sie durch den Korridor liefen.

Der Beamte schüttelte den Kopf. »Nein, durchaus nicht, aber Gestalt ist keine besonders gastliche Welt. Sie ist nicht vergleichbar mit Kansastan oder Barabas, und hier werden den Immigranten auch keine Verheißungen gemacht wie auf Dawn. Jene, die bereit sind, sich hier auf Dauer niederzulassen, unterscheiden sich stark von normalen Kolonisten. Man braucht schon einen ungewöhnlichen Eigensinn, um sich nicht nur an den Planeten, seine Einschränkungen und sein Klima, sondern auch an das Zusammenleben mit den Tlel anzupassen. Das schafft nicht jeder. Viele der Leute, die es versucht haben, konnten dies nur einige Jahre, oder maximal eine Dekade, durchhalten, dann hatten sie genug. Die Tlel setzen ihnen zu, oder das Wetter, oder sie müssen ständig vor den gefährlichen Tieren auf der Hut sein, die auf anderen Koloniewelten längst aus der Nähe der Ortschaften beseitigt worden wären.«

»Was ist mit Ihnen?«, wollte Flinx, teils neckend, wissen. »Sind Sie ungewöhnlich eigensinnig?«

Die schweigend übermittelten Emotionen des offiziellen Vertreters ließen auf eine stille Belustigung schließen. Ihm schien die Frage nichts weiter auszumachen, vielmehr hatte er die Charakterisierung, die der neue Besucher in Bezug auf ihn vorgenommen hatte, ohne Weiteres akzeptiert.

»Meine Frau und meine Kinder sind durchaus dieser Ansicht. Meine Ahnen würden mich für verrückt halten, wenn sie wüssten, dass ich auf einer solchen Welt lebe. Sie hatten sich alle an warmen, meist sogar feuchten Orten angesiedelt. Gestalt wäre ihnen viel zu abgelegen, zu kalt und zu trocken gewesen. Doch genau das gefällt mir an diesem Planeten.« Er blickte Flinx in die Augen. »Ich mag auch die Tlel, trotz der Tatsache, dass sie sich ihres eigenen starken Körpergeruchs ganz und gar nicht bewusst sind. Das ist nur natürlich, da sie ihn nicht selbst riechen oder sonstwie wahrnehmen können. Die meisten von uns werden mit den Nachteilen fertig, sonst könnten wir das Leben hier nicht ertragen. Ich kenne Sie zwar kaum, aber ich habe den Eindruck, dass Sie hier gut zurechtkommen werden. Aber das ist nur so ein Gefühl.« Sein Tonfall wurde weniger vertraulich und viel formeller. »Haben Sie einen Ort, an dem Sie unterkommen können?«

Flinx schüttelte den Kopf. Einen Augenblick lang war er gleichermaßen erschrocken und geschmeichelt, dass ihn der Administrator möglicherweise einladen würde, bei seiner Familie zu wohnen. Das hätte zwar einige Vorteile mit sich gebracht, doch er zog es vor, seine Freiheit und seine Privatsphäre zu haben. Dennoch war er von Payas Antwort ein wenig enttäuscht.

»Es gibt in Tlossene einige anständige Etablissements, in denen Sie sich einmieten können. Fast alle sind darauf ausgerichtet, die Bedürfnisse von Geschäftsreisenden zu erfüllen. Wie ich schon sagte, zieht Gestalt nur selten Urlauber an. Was bevorzugen Sie? Luxus, etwas Sparsames oder eher die goldene Mitte?«

»Die Mitte«, entgegnete Flinx. Er wollte schon anonym hinzufügen, doch das war im Allgemeinen keine gute Definition, wenn es darum ging, eine anständige Hotelempfehlung zu erhalten. »Wenn meine Nachforschungen so laufen wie erhofft, dann werde ich nur einige Tage hier bleiben.«

Der Beamte beäugte ihn neugierig. »Ich weiß nicht, woher Sie kommen, und es geht mich auch absolut nichts an, aber ich habe den Eindruck, dass jemand, der sich die Mühe macht, zu einer fremden Welt zu fliegen, um dort nur einige Tage zu bleiben, entweder unermesslich reich, unglaublich gelangweilt oder schrecklich in Eile sein muss.«

Flinx gelang es, gequält zu lächeln. »Ich bin weder reich noch gelangweilt, aber ich habe es tatsächlich ziemlich eilig.« Und das ist furchtbar, fügte er hinzu, sprach es allerdings nicht laut aus.

Mit fröhlichem Winken und einem letzten Lächeln begleitete ihn Paya bis an die andere Seite des Terminals, wo sie sich voneinander verabschiedeten.

Das kleine automatische Transportmittel, das Flinx in die Stadt brachte, wurde von der üblichen durchsichtigen Kuppel aus Plexalloy überdacht, sodass er bequem sitzend seine neue Umgebung begutachten konnte. Das Fahrzeug rollte einen Weg entlang und hielt auf einmal kurz an, um sich dann auf etwas zuzubewegen, das wie ein Haufen zweibeiniger Büsche aussah. Diese schlenderten nacheinander über die belebte Straße, und es sah so aus, als würden sie sich in Zeitlupe fortbewegen. Einige waren groß genug, um dem faszinierten Flinx in die Augen sehen zu können - allerdings gelang es ihm nicht, unter den langen, schlaffen Federn, die die konischen Körper dieser Wesen bedeckten, so etwas wie Augen zu entdecken. Die flachen Füße hatten mehrere zehenförmige Fortsätze, die sich offenbar gleichermaßen gut auf Schnee oder gepflastertem Boden fortbewegen konnten.

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