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Patricia Vanhelsing - Vier Abenteuer: Romantic Thriller

Alfred Bekker

Patricia Vanhelsing - Vier Abenteuer: Romantic Thriller





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Patricia Vanhelsing – Vier Abenteuer: Romantic Thriller

von Alfred Bekker

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Alfred Bekker

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA,die GORIAN-Trilogie und seine Romane um die HALBLINGE VON ATHRANOR machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X und Ren Dhark. Außerdem schrieb er Kriminalromane, in denen oft skurrile Typen im Mittelpunkt stehen - zuletzt den Titel DER TEUFEL VON MÜNSTER, wo er einen Helden seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einer sehr realen Serie von Verbrechen macht.

Dieses Ebook enthält die Romane:

Patricia Vanhelsing und die Burg der Tempelritter

Der Schlangentempel

Der Orden der Maske

Die Magie der Maske

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

Patricia Vanhelsing und die Burg der Tempelritter

Auf die junge Journalistin Patricia Vanhelsing wartet ein gefährliches Abenteuer. Sie ist dem legendären Orden der Tempelritter auf der Spur, der angeblich im Mittelalter zerschlagen wurde, der aber Gerüchten zufolge auch heute noch im Untergrund existiert. Ihre Recherchen führen Patricia aus dem nebeligen London ins sonnige Südfrankreich – und auf die Spur eines ebenso geheimnisvollen wie auch faszinierenden Mannes.

Ein frühes Abenteuer mit Patricia Vanhelsing, der Jägerin der Nacht – aus der Zeit, bevor sie ihren Gefährten Tom Hamilton traf.


*


Kalter Modergeruch drang in meine Nase. Düstere steinerne Wände umgaben mich, von denen eine schier eisige Kälte ausging. Eine Grabeskälte, die alles zu durchdringen vermochte und mich bis ins Mark frösteln ließ.

Um die Handgelenke fühlte ich etwas ebenso Kaltes. Ich war festgekettet an einer Wand und konnte mich kaum bewegen.

Eine Gefangene war ich - festgekettet und dem Tode geweiht...

Mir gegenüber stand die hochaufragende Gestalt eines Kreuzritters in voller Rüstung. Das Helmvisier war herabgelassen, so dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte.

Um so deutlicher aber sah ich das achtspitzige Kreuz auf dem weißen Gewand, das er über dem Kettenhemd trug...

Dumpf hörte ich seinen Atem unter dem Helm.

Der Ritter zog sein Schwert. Mit beiden Händen packte er den Griff und holte mit der Klinge zu einem furchtbaren Schlag aus.

„Nein!“, hörte ich mich selbst aufschreien. Das Herz schlug mir bis zum Hals, während lähmendes Entsetzen mich ergriff.

Ich fühlte Schwindel. Alles schien sich zu drehen, während ich die Klinge des Kreuzritters auf mich zuschnellen sah.

„Nein!“

Es war ein Schrei, der nichts anderes als nackte Todesangst offenbarte. Eine namenlose Furcht, die meine Seele schier zu zerreißen drohte.

„Nein!“

Das letzte, was ich sah, war das Gesicht eines Mannes.

Ein sehr ebenmäßiges Gesicht mit zwei ruhigen, grauen Augen und umrahmt von dunklem Haar.

Dann raste die mörderische Klinge auf mich herab...


*


„Nein!“

„Patricia!“

„Nein! Nicht!“

„Patricia, wach auf!“

Ich fühlte einen kräftigen Griff um meine Schultern, und ich fuhr hoch. Kerzengerade saß ich da – und fand mich in meinem Bett wieder.

Das Mondlicht sickerte durch das große Fenster und fiel in das Gesicht von Tante Lizzy, in deren Villa ich wohnte.

„Es ist alles gut, Patricia! Du hast nur geträumt!“ Langsam wurde mir das auch klar. Ich schluckte, versuchte etwas zu sagen. Mein Mund war trocken, meine Lippen fühlten sich spröde und aufgesprungen an, während ich mit der Zunge darüber fuhr.

„O mein Gott“, hörte ich mich selbst flüstern, aber der Arm, den Tante Lizzy jetzt um meine Schultern legte, gab mir die Gewissheit, dass mir jetzt nichts passieren konnte.

„War es wieder der Traum?“, fragte Tante Lizzy.

Ich nickte. „Ja. Ich war angekettet, und ein Kreuzritter wollte mich mit seinem Schwert erschlagen...“

„Es ist das dritte Mal, Patricia...“

„Ich weiß...“

„Du solltest diese Sache sehr ernst nehmen...“ Tante Lizzy brauchte nichts weiter zu sagen. Ich wusste auch so, worauf sie hinaus wollte.

Meine Großtante Elizabeth Vanhelsing war eine leidenschaftliche Okkultistin und an allem interessiert, was sich auch nur ansatzweise als übersinnliches Phänomen ansehen ließ.

Ihr verschollener Mann Frederik Vanhelsing war ein bekannter Archäologe gewesen und hatte dafür gesorgt, dass die Villa mit Fetischen und Kultgegenständen aus aller Welt vollgestopft war. Dazu kam noch Tante Lizzys eigene Sammlung von Zeitungsartikeln, Büchern und allerlei Gegenständen zum Bereich des Übersinnlichen, so dass die Vanhelsing-Villa fast so etwas wie ein kleines Privatmuseum des Okkulten war.

„Es ist wie damals“, erklärte Tante Lizzy in ernstem Tonfall, nachdem sie aufgestanden war und Licht gemacht hatte.


Damals...

Schon wieder fing sie mit diesem Thema an.

Als 12jährige hatte ich den tragischen Tod meiner Eltern in einem Traum vorausgesehen, so behauptete zumindest Tante Lizzy. Und im Alter von 16 einen Hausbrand.

Seitdem war meine Großtante, die mich nach dem Tod meiner Eltern wie eine Tochter aufgezogen hatte, überzeugt davon, dass ich übersinnliche Fähigkeiten hätte.

Ich persönlich stehe diesen Dingen etwas skeptischer gegenüber. Schließlich bin ich Journalistin und als solche nüchternen Fakten verpflichtet.

Tante Lizzy aber hatte wohl mehr Vertrauen in meine paranormalen Fähigkeiten als ich selbst.

Ich sträubte mich einfach gegen den Gedanken, dass Zukunft vorhersagbar war. Das war ein Gedanke, der mir nicht gefiel.

„Du glaubst, dass dieser Traum etwas über meine Zukunft enthüllt, nicht wahr?“, erriet ich Tante Lizzys Gedanken.

Ich stand auf und warf mir einen Morgenmantel über. An Schlaf war jetzt ohnehin nicht mehr zu denken, auch wenn ich am nächsten Morgen an meinem Arbeitsplatz in der Redaktion der LONDON EXPRESS NEWS einschlafen würde.

Tante Lizzy nickte und trat auf mich zu.

„Lass uns darüber reden, Patti!“

„Tante Lizzy...!“

„Doch, es muss sein! Als du diesen Traum das letzte Mal hattest, bist du einem Gespräch auch schon ausgewichen, aber du wirst dich dieser Sache stellen müssen! Dieser Traum hat eine Bedeutung. Vielleicht geht es um Leben und Tod! Also...“ Ich seufzte. „Was soll ich tun?“

„Versuche dich an jede Einzelheit zu erinnern“, beschwor mich Tante Lizzy eindringlich.

„Es war wieder exakt derselbe Traum.“

„Keine Veränderung?“

„Nein. Ich war an eine Steinwand gekettet und ein Kreuzritter wollte mich umbringen. Du glaubst doch wohl kaum, dass das meine Zukunft sein kann! Schließlich sind Ritter nicht gerade zeitgemäß! Ich denke, es war ein ganz gewöhnlicher Alptraum, wie ihn hin und wieder jeder mal hat. Und der Ritter ist nichts weiter als ein Symbol für die Furcht, die mich packt, wenn mich mein kratzbürstiger Chefredakteur in sein Büro zitiert!“

„Patti!“, beschwor mich Tante Lizzy eindringlich. „Mach darüber keine Witze. Waren da noch irgendwelche Einzelheiten? Versuch dich zu erinnern, bevor der Traum verblasst.“ Ich versuchte es. „Dieses Kreuz auf dem Gewand des Ritters,“ flüsterte ich.

„Was war damit?“ Tante Lizzy ließ nicht locker.

„Wie soll ich das beschreiben? Es war ein besonderes Kreuz. An jeder der vier Enden hatte es zwei kleine Spitzen...“

„Das achtspitzige Kreuz!“, rief Tante Lizzy plötzlich aus. „Weißt du, was das bedeutet?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid!“

„Das ist das Zeichen des Ordens der Tempelritter; auch Templer von Jerusalem genannt... Zunächst beteiligte sich der Orden an den Kreuzzügen, und nach der Vertreibung der Kreuzfahrer aus dem Heiligen Land bildete er im mittelalterlichen Europa eine Art Staat im Staat. Vor allem in Frankreich und Spanien war er sehr mächtig, bis er schließlich verboten und wegen der Anwendung Schwarzer Magie aufgelöst wurde. Die Templer wurden gnadenlos verfolgt und auf die Scheiterhaufen gebracht. Aber bis heute hat sich das Gerücht gehalten, dass der Orden im Verbogenen über all die Jahrhunderte weiterexistiert hat und vielleicht sogar heute noch besteht – als okkulte Geheimgesellschaft!“ Ich merkte schon, das Tante Lizzy jetzt in ihrem Element war.

„In meiner Bibliothek steht ein Buch, dessen Autor den Beweis anzutreten versucht, dass der Orden bis in unser Jahrhundert hinein existierte und für eine Reihe von Ritualmorden verantwortlich ist. Es stammt von einem Deutschen namens Dietrich von Schlichten. Die einzige englische Übersetzung erschien 1923, der Verleger starb unter mysteriösen Umständen, und von Schlichten selbst verschwand auf einer Reise nach Südfrankreich – nur wenige Monate später.“

Ich sah Elizabeth Vanhelsing etwas müde an. Meine Großtante war zwar an allem interessiert, was übersinnliche Erscheinungen betraf, aber obskuren Kulten und sektenartigen Vereinigungen stand sie sehr kritisch gegenüber.

„Pass auf dich auf, mein Kind“, sagte Tante Lizzy leise.

„Ich weiß nicht, was dein Leben mit den Templern zu tun hat – aber ich fürchte, das wird sich schon bald herausstellen.“ Und das sollte schon am nächsten Tag der Fall sein...


*


„Na? Die Nacht durchgezecht?“

Ich wirbelte herum und blickte in die strahlend blauen Augen von Jim Field, einem jungen und etwas unkonventionellen Fotografen der LONDON EXPRESS NEWS.

Er schenkte mir sein sympathisches, offenes Lächeln, das so typisch für ihn war, und ich erwiderte: „Ich hatte gedacht, dass ich wenigstens auf dem Flur ungeniert gähnen könnte.“ Er lachte und strich sich mit einer beiläufigen Bewegung eine blonde Strähne aus dem Gesicht. „Tja, hier wird man halt überall beobachtet... Für die LONDON EXPRESS NEWS gibt es kein Privatleben – weder für die Mitarbeiter noch für die Stars und Sternchen, deren geheim Affären wir auf unsere Seiten bringen – exklusiv und in Farbe!“

Ich setzte den Gesichtsausdruck gespielten Erstaunens auf.

„Du hörst dich ja heute an wie unser Chefredakteur!“ Jim Field grinste und verhinderte dann gerade noch mit einer schnellen Bewegung, dass ihm die Kamera von der Schulter rutschte. Er zwinkerte mir zu.

„Tja, Patti, ich übe schon mal. Schließlich habe ich mir vorgenommen, eines Tages den Posten des großen Michael T. Swann zu übernehmen!“

Ich sah abschätzig an ihm herab. „Nun, falls du dich überwinden könntest, eine Jeans zu tragen, die nicht überall geflickt ist, und du es dir noch abgewöhnst, müde Reporterinnen zu erschrecken – warum nicht?“ Wir lachten beide.

Jim ist ein Spaßvogel, auch wenn seine Art von Humor nicht jedermanns Sache ist. Aber immerhin hatte er mit seiner Flachserei dafür gesorgt, dass es mir jetzt trotz meiner Müdigkeit etwas besser ging und der Morgen nicht allzu grau erschien.

„Aber nun mal im Ernst“, sagte Jim. „Du bist spät dran heute. Der Chef lässt dich schon suchen und hat mich durch das ganze Haus gejagt, um dich aufzutreiben.“

„Was ist denn los?“

„Hat er nicht gesagt. Aber es muss dringend sein. Komm, wir haben denselben Weg!“

„Ach, du hast auch einen Termin in der Höhle des Löwen?“ Er nickte. „So ist es!“


*


„Na endlich!“

Michael. T. Swanns Gesicht wirkte stets missmutig.

„Guten Tag, Mister Swann!“, sagte ich in gedämpften Tonfall, gespannt darauf, was mich jetzt erwartete. Uns Platz anzubieten, das schien Swann nicht in den Sinn zu kommen.

„Wo waren Sie denn, Patricia? Ich habe Sie überall suchen lassen!“

„Nun, ich...“

„Ich sitze hier auf heißen Kohlen, weil Clark Dalglish krank ist und ich unbedingt jemanden brauche, der für ihn einspringt. Für Sie ist das eine Bewährungsprobe, Patricia! Eigentlich lasse ich Anfänger nicht an so wichtige Sachen, aber im Moment habe ich keine andere Wahl. Außerdem haben Sie Ihren Job bislang ja ganz passabel gemacht!“

„Ich werde mir Mühe geben“, versprach ich und fragte mich dabei, wann er mit seinem Klagelied endlich aufhören und zur Sache kommen würde.

Swann kratzte sich am Kinn. „Ist ja auch egal. Es geht um jede Sekunde. Die EXPRESS NEWS haben den Ruf, immer die ersten zu sein, immer am schnellsten am Ort des Geschehens... Na ja, diesmal wird das wohl nichts mehr.“

„Worum geht es, Mister Swann?“, erkundigte ich mich.

Swann sah mich an. Er war streng und konnte mit eisernem Besen fegen, wenn es sein musste. Aber unter seiner rauen Fassade steckte ein herzensguter Mensch – auch wenn man das nicht auf den ersten Blick erkennen konnte. Und wenn er mich auch ab und an grob anrüffelte – im Grunde respektierte er mich inzwischen.

Schließlich hatte ich bewiesen, dass ich eine gute Reporterin war. Und Leistung erkannte ein Mann wie Swann immer an.

„Sagt Ihnen der Name Marc Larue etwas?“ Den Namen kannte ich tatsächlich.

„Ist das nicht dieser französische Schauspieler, der vor dem Sprung nach Hollywood steht?“ Swann nickte, und auf seiner Stirn erschienen ein paar tiefe Furchen. Sein Gesichtsausdruck wurde sehr ernst.

„Zu diesem Sprung wird es nicht mehr kommen.“

„Wieso?“

„Es ging wie ein Lauffeuer über den Ticker. Larue ist heute Morgen in seinem Londoner Hotel tot aufgefunden worden. Die näheren Umstände sind nicht bekannt. Machen Sie 'ne schöne Story daraus! Gleich morgen wollen wir etwas darüber bringen. Aber nicht irgend so ein Gefasel, sondern Fakten!“ Ich verkniff mir eine Erwiderung. Woher die Fakten kommen sollten, das verriet Swann mir natürlich nicht. Und das zu einem Zeitpunkt, da selbst die Polizei und Staatsanwaltschaft noch so gut wie nichts in der Hand hatten.

Swann kramte zwischen den Bergen aus Blättern und Manuskripten herum, die sich auf seinem völlig überladenen Schreibtisch stapelten, dann zog er einen Zettel heraus, den er mir reichte. Ich nahm ihn und sah, dass in Swanns krakeliger Handschrift eine Adresse darauf notiert war.

„Das ist das Hotel, in dem man Larue gefunden hat! Wenn Sie sich ein bisschen beeilen, kann Mister Field vielleicht noch ein paar Fotos davon machen wie sich die Polizeiwagen vor dem Eingang drängeln... Und nun verschwinden Sie beide!“ Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen...


*


Schon der Parkplatz des Hotels war völlig überfüllt. Noch mehr galt das für die Eingangshalle. Uniformierte Polizisten überall, dazu die Beamten von Scotland Yard.

Ich hielt mich an den Portier an der Rezeption, einen freundlichen älteren Herrn, dem ich mit dem charmantesten Lächeln, das ich zustande bringen konnte, sowie einer Hundert-Pfund-Note die Zunge löste.

Jim sah sich derweil etwas um und schoss ein paar Fotos von Polizisten mit angestrengten Gesichtern. Irgendwie verlor ich ihn dann in dem Gewühl aus den Augen.

„Unser Zimmermädchen hat den Toten gefunden“, erläuterte indessen der Portier, während er sich über den Tresen der Rezeption beugte und eine wichtige Miene aufsetzte. „Die Tür stand nämlich offen, und das kam ihr dann doch verdächtig vor...“

„Was war die Todesursache?“, fragte ich.

„Schlag mit einem stumpfen Gegenstand.“ Ich war erstaunt. „Woher wissen Sie das so genau?“

„Weil sich der Gerichtsmediziner da vorne an der Treppe mit dem Inspektor von Scotland Yard unterhalten hat. Ich konnte alles mithören...“

„Weiß man schon irgend etwas über die Hintergründe?“ Doch da musste der Portier passen. Er hob die breiten Schultern und machte ein bedauerndes Gesicht.

„Nur Spekulationen...“

„Was für Spekulationen?“

„Also, ein Raubmord war es nicht. Soweit ich gehört habe, wurde nämlich nichts gestohlen. Es muss irgend etwas Persönliches sein. Eifersucht, Rache... Man weiß doch, wie das bei diesen Schauspielern und Filmleuten ist. Affären ohne Ende!“

Nur, dass die meisten dafür nicht umgebracht werden, setzte ich in Gedanken hinzu, aber der Redeschwall des Portiers ließ es nicht zu, dass ich mehr als ein gelegentliches „Hm!“ anbringen konnte.

Trotzdem an Informationen bekam ich nichts mehr aus ihm raus.

„Welches Zimmermädchen hat Larue denn gefunden?“

„Teresa.“

„Wo finde ich die?“

Er hob die Schultern. „Da haben Sie Pech, Miss.“

„Wieso das?“

„Ich habe sie gerade dort hinten ins Billardzimmer gehen sehen. Und dort verhört Inspektor Craven von Scotland Yard gerade die Angestellten... Kann ein bisschen dauern, bis so ein Protokoll fertig ist!“


*


Vor dem Billardzimmer stand ein uniformierter Polizeibeamter. Er passte auf, dass niemand den Inspektor bei seinen Verhören störte. Mit unbewegtem Gesicht blickte er an mir vorbei. Ich nahm in einem der großen Ledersessel Platz, die in der Eingangshalle standen, und setzte mich so, dass ich die Tür zum Billardzimmer im Auge behalten konnte.

Gleichzeitig sah ich mich auch immer wieder nach Jim um, aber der war wie vom Erdboden verschluckt.

Eine Viertelstunde saß ich einfach nur da.

Zwischendurch beobachtete ich einen wild gestikulierenden kleinen Mann, der recht schmächtig war. Er schien ziemlich aufgebracht zu sein. Seinem Akzent nach war er Amerikaner. Er redete dauernd von eine Filmprojekt, ich schätzte, dass er entweder Produzent oder Larues Agent war.

Jedenfalls schien ihn der Tod des französischen Schauspielers stark getroffen zu haben – aber wohl nur in zweiter Linie aus menschlichen Gründen.

Ich erwog bereits, den schmächtigen Wichtigtuer kurz zu interviewen, da öffnete sich die Tür des Billardzimmers, und eine junge, dunkelhaarige Frau trat heraus.

Auf dem hellblauen Kleid, das sie trug, befand sich das Emblem des Hotels.

Ich sprang auf und trat ihr entgegen.

„Teresa? Mein Name ist Patricia Vanhelsing. Ich komme von den LONDON EXPRESS NEWS und...“

„...und vielleicht lassen Sie die arme Frau jetzt in Frieden!“, ertönte eine barsche männliche Stimme.

Ein breitschultriger Mann in einem leicht verknitterten Jackett trat jetzt ebenfalls durch die Tür. Er trug einen buschigen Schnauzbart und über der markanten Nase leuchteten zwei hellblaue, aufmerksame Augen.

Teresa drehte sich halb zu ihm herum, und der Mann nickte ihr zu. „Gehen Sie nur!“

Dann wandte er sich an mich. Ich wollte Teresa nacheilen, aber er fasste mich am Arm.

„Moment!“

„Was fällt Ihnen ein, Mister...!“

„Inspektor Craven, Scotland Yard. Und ich habe entschieden etwas dagegen einzuwenden, dass Sie diese junge Frau jetzt mit Ihren Fragen quälen. Alles, was sie zu sagen hatte, hat sie bereits zu Protokoll gegeben.“ Ich riss mich los und sah Craven wütend an.

„Wohl noch nie etwas von Pressefreiheit gehört, was?“

„Ach, kommen Sie, die ist doch erfunden worden, als es noch richtige Zeitungen gab – nicht solche bunten Blätter wie die EXPRESS NEWS!“

Ich fühlte Wut in mir aufsteigen. Was fiel diesem Inspektor ein, mich und meine Arbeit zu beleidigen?

Aber schon in der nächsten Sekunde begriff ich, dass das seine Methode war. Er wollte mich in ein Gespräch verwickeln, und bis dahin war Teresa, das Zimmermädchen, verschwunden.

Also verzichtete ich darauf, ihm die Meinung zu sagen, und lief stattdessen hinter Teresa her.

„Warten Sie!“, rief der Inspektor. „Was Sie von ihr wissen wollen, können Sie auch mich fragen.“ Ich blieb stehen.

Inspektor Craven hatte mich eingeholt.

„Was ist?“, fragte er. „Ist das kein Angebot?“

„Gut.“

Aber es war ein Fehler gewesen, darauf einzugehen, wie ich später merkte. Ein dummer Anfängerfehler.

Alles, was Craven mir anzubieten hatte, wusste ich schon.

Weitere Informationen könne er mir leider nicht geben. „Aus fahndungstaktischen Gründen“, wie er mir weiszumachen versuchte.

Teresa war jedenfalls später unauffindbar, und innerlich verfluchte ich Jim dafür, dass er nicht dagewesen war und wenigstens ein schönes Bild von dem Scotland Yard-Inspektor gemacht hatte.

Diese Geschichte fing alles andere als gut an, und ich sah mich schon am Abend in der Redaktion sitzen und mir irgend etwas aus den Fingern saugen, was Michael T. Swann mir dann anschließend um die Ohren hauen würde.

Ich seufzte.

Selbst der Filmproduzent war inzwischen untergetaucht...


*


„Hallo, Patti!“

Ich hatte mir in der Hotelbar einen Espresso bestellt, da tauchte Jim Field wie aus dem Nichts hinter mir auf. Sein legeres Äußeres war für ein Hotel dieser Preiskategorie schon etwas auffällig.

Um seine Mundwinkel spielte ein zufriedenes Lächeln, für das es meiner Ansicht nach überhaupt keinen Anlass geben konnte.

„Komm mit, wir fahren!“, sagte er.

„Was?“

„Ich erzähl es dir im Wagen.“

„Wovon redest du?“

„Willst du erst warten, bis ich verhaftet werde?“ Ich verstand überhaupt nichts. Aber als er wenige Minuten später neben mir auf dem Beifahrersitz meines alten Mercedes saß, den Tante Lizzy mir einst vermacht hatte, erklärte er mir alles.

„Ich war in Larues Zimmer“, eröffnete er mir.

Ich war einen Moment lang sprachlos, und er schien diesen Augenblick regelrecht zu genießen.

Weil mir nichts Besseres einfiel, fragte ich: „Wurde das Zimmer denn nicht bewacht?“

„Versiegelt.“

„Aber...“

„Ja, ich weiß. Und dass in spätestens einer halben Stunde bei Scotland Yard ein Donnerwetter loskrachen wird, das sich gewaschen hat! Hör zu, ich habe den Tatort fotografiert. Der Tote war natürlich nicht mehr da, der ist längst abtransportiert worden. Aber da war etwas anderes, dem wir nachgehen könnten...“

„Was?“

„Larue hat eine Telefonnummer an die Zimmertapete geschrieben. Er war ja bekannt für sein rüpelhaftes Benehmen. Ich war mal dabei, als eine Home-Story über ihn gemacht wurde. Vielleicht hatte er auch einfach nur kein Papier zur Hand...“ Ich zog die Augenbrauen hoch und gab zu bedenken: „Oder die Nummer wurde von einem Gast auf die Tapete geschrieben, der vor Larue das Zimmer hatte!“ Jim Field schüttelte ganz energisch den Kopf. „In einem solchen Hotel? Da ist Sauberkeit und Ordnung das oberste Gebot. Die würden alles daran setzen, um so etwas zu beseitigen, bevor ein neuer Gast kommt.“

„Dann sollten wir die Nummer mal ausprobieren.“

„Auswendig weiß ich sie nicht. Und zum Aufschreiben hatte ich keine Zeit, schließlich wollte ich nicht erwischt werden.“ Ich sah ihn kurz an. „Und da soll ich beeindruckt sein?“, schnauzte ich. „Was nutzt uns diese Telefonnummer, wenn wir sie nicht kennen?“

Jim grinste mich an und klopfte dann leicht auf den Fotoapparat, den er auf dem Schoß hatte. „Ich sagte doch, ich habe den Tatort fotografiert. Mit 'ner schönen Großaufnahme besagter Nummer.“

„Okay.“ Ich grinste zurück. „Ich bin beeindruckt.“ Also ging es zunächst einmal zurück in die Redaktion. Die Bilder mussten entwickelt werden.

Jim war ein echter Profi, was sein Handwerk anging.

Ich saß an meinem Schreibtisch und grübelte darüber nach, wie ich meinen Artikel beginnen sollte. Viel war es ja nicht gerade, was ich bis jetzt an Fakten zusammengetragen hatte. Dreimal hatte ich schon begonnen, und jedesmal sah ich im Geiste Michael T. Swanns strenges Gesicht vor mir, wie er mir meinen Artikel mit spitzen Worten in der Luft zerriss.

Dann kam Jim endlich.

„Hier“, sagte er und warf einen ganzen Stapel von Bildern auf den Tisch. „Ich war auch noch mal kurz im Archiv und habe die Bilder herausgesucht, die ich damals zu der Home-Story über Marc Larue gemacht habe. Vielleicht kannst du sie ja irgendwie verwenden. Da wir den toten Larue schon nicht fotografieren konnten.“

Manchmal war er wirklich geschmacklos.

„Und die Nummer?“

Er tippte auf eines der Fotos. Die Telefonnummer war darauf deutlich und in Großaufnahme zu erkennen.

Ich zögerte nicht lange, nahm meinen Apparat und wählte die Nummer. Wenige Augenblicke später legte ich wieder auf.

Jim runzelte die Stirn und fragte: „Was war denn?“

„Ich hatte den Anrufbeantworter eines Privatdetektivs dran“, erklärte ich. „Ashton Taylor. Sagt dir der Name was?“

„Nein. Aber unser Archiv ist bekanntlich allwissend, Patti. Vorausgesetzt, man hat Zeit genug...“ Ich hörte nur halb hin, während Jim weitersprach. Mein Blick ging über die Fotos, die Jim aus dem Archiv gegraben hatte. Auf den meisten war Larue zu sehen...

Larue in seiner ersten Filmrolle, in der er einen Schurken darstellte. Larue in einer komödiantischen Rolle mit einer seltsamen Grimasse. Dann Larue zu Hause mit seinem Hund...

An diesem Bild blieb mein Blick haften.

Der Franzose trug darauf ein Hemd mit kurzen Ärmeln. Die ersten drei Knöpfe waren offen. Seine Brust war glattrasiert, wie es bei französischen Männern heutzutage Mode ist. Er sah gut aus, wenn auch für meinen Geschmack ein bisschen zu jungenhaft.

Ich hielt das Bild näher an meine Augen.

„Brauchst du eine Brille?“, flachste Jim, aber ich hatte im Moment keinen Sinn für seine Witze.

In dem Hemdausschnitt war eine Tätowierung zu sehen, vielleicht so groß wie ein Zeigefinger.

Es war, als würde ein kalter Hauch mich erfassen und bis ins tiefste Innere frösteln lassen.

Die Tätowierung zeigte nichts anderes als ein achtspitziges Kreuz! Wie ich es in meinem Traum auf dem Gewand des Ritters mit dem heruntergelassenen Visier gesehen hatte!

Das Zeichen der Templer von Jerusalem!


*


Es war früher Nachmittag, als ich das Gebäude erreichte, in dem Ashton Taylor sein Büro in bester Lage hatte und das in der Ladbroke Grove Road stand. Die Adresse hatte ich dem Telefonbuch entnommen. Es gab zwar dutzendweise Taylors in London, aber nur einen Ashton Taylor, der als Privatdetektiv arbeitete.

Jim stellte in der Zwischenzeit für mich das Archiv auf den Kopf.

Taylors Detektei schien es nicht schlecht zu gehen. Wie hätte er sich sonst eine Büroetage in dieser Lage leisten können?

„Sie wünschen?“, fragte eine dunkle, männliche Stimme an der Sprechanlage, die neben der Tür in der fünften Etage angebracht war.

„Ich möchte zu Mister Taylor. Mein Name ist Patricia Vanhelsing.“

Ich konnte nicht sagen, was es genau war, aber irgend etwas hatte der Klang dieser Stimme in mir ausgelöst... Ein gewisses Unbehagen begann sich in meiner Magengegend breitzumachen.

Eine Ahnung...

„Einen Moment“, sagte die Stimme. Der Türsummer schlug an, ich drückte die Tür auf und trat ein.

Ein hochgewachsener, breitschultriger und sehr gut aussehender Mann trat mit entgegen. Er war elegant gekleidet.

Hose und Jackett waren aus Schurwolle. Der erste Knopf seines Hemdes war geöffnet.

Als ich das Gesicht sah, versetzte es mir einen Stich, ich erstarrte unwillkürlich zur Salzsäule.

Dieses Gesicht war aus meinem Traum! Dieselben grauen Augen, die dunklen Haare... Auch das Grübchen am Kinn war da.

Seine ruhigen Augen musterten mich.

„Was ist los?“, erkundigte er sich. „Habe ich Sie erschreckt?“

„Nein.“

Er reichte mir die Hand. „Ashton Taylor.“ Er hielt meine Hand einen Augenblick länger, als es eigentlich nötig gewesen wäre, während unsere Blicke sich trafen. „Treten Sie doch ein, Miss...“

„Vanhelsing. Patricia Vanhelsing.“ Er führte mich in ein sehr sachlich, aber gediegen eingerichtetes Büro und bot mir einen drehbaren Ledersessel an.

„Möchten Sie etwas trinken?“, fragte er dann.

„Nein.“

Ich wollte gleich zur Sache kommen, aber die Erkenntnis, dass ich sein Gesicht im Traum gesehen hatte, hatte ich immer noch nicht richtig verarbeitet.

Ashton Taylor setzte sich jetzt ebenfalls. Er nahm mir gegenüber auf der anderen Seite des Schreibtisches Platz und sah mich wieder an.

Eine seltsame, geheimnisvolle Aura umgab diesen Mann.

Etwas, das man nicht erklären kann. Das begann schon, wenn man versuchte, sein Alter zu schätzen...

Er wirkte recht jugendlich, nur seine Augen und ein gewisser Zug in seinem Gesicht schienen eher zu einem älteren Mann zu passen.

Auf jeden Fall war er sehr attraktiv und hatte ein Ausstrahlung, die fast schon beängstigend war.

„Was ist Ihr Anliegen?“, fragte Taylor.

„Es geht um einen gewissen Marc Larue“, erklärte ich und achtete dabei genau auf sein Gesicht, das allerdings völlig unbewegt blieb. „Den französischen Schauspieler... Er wurde in seinem Londoner Hotelzimmer ermordet aufgefunden. Und Ihre Telefonnummer hatte er an die Wand geschrieben, Mister Taylor.“

Er zog die linke Augenbraue hoch und meinte dann: „Ich glaube nicht, dass Sie von Scotland Yard sind, Miss Vanhelsing.“

„Habe ich das behauptet?“

„Was ist Ihr Interesse an diesem Schauspieler?“

„Ich bin von den LONDON EXPRESS NEWS.“

„Ah.“ Ein charmantes Lächeln huschte über sein Gesicht.

Er hatte das sehr geschickt gemacht. Anstatt, dass ich jetzt etwas über ihn wusste, hatte er den Spieß einfach umgedreht und mich ausgefragt.

Ich beschloss, dass mir das nicht noch einmal passieren würde.

Allerdings war das leichter gesagt als getan. Es war einfach zu verlockend, seinem Charme auf den Leim zu gehen...

„Was wollte Larue von Ihnen, Mister Taylor?“

„Erwarten Sie darauf wirklich eine Antwort?“

„Die Polizei wird Ihnen dieselbe Frage stellen“, gab ich zu bedenken.

„Das ist anzunehmen.“

„Larue war Ihr Klient“, schloss ich. „Alles andere macht keinen Sinn...“

Es klingelte. Jemand war an der Tür, und das gab Ashton Taylor die sicher nicht unwillkommene Gelegenheit, meinen Fragen auszuweichen. „Sie entschuldigen mich...“ Was blieb mir anderes übrig?

Taylor verließ das Büro und ging zur Tür.

Die markige, nicht gerade freundliche Stimme des Besuchers, erkannte ich sofort.

Es war Inspektor Craven von Scotland Yard!

Für mich bedeutete das, dass mein kleines Interview hier zu Ende war.

Als Craven hereinkam und mich sah, stutzte er. „Nanu, schon wieder Sie?“

„Ich bin ebenso überrascht.“

Cravens Augen blitzten und funkelten mich böse an. Sein Zeigefinger schnellte vor und erinnerte mich fast an den Lauf einer Pistole, als der Inspektor ihn auf mich richtete.

„Larues Hotelzimmer war versiegelt. Aber jemand hat das Siegel zerstört und ist dort eingedrungen. Es würde mich nicht wundern, wenn Sie auf diese Weise an Mister Taylors Telefonnummer gekommen wären!“

„Das ist eine Unterstellung!“

„Ach ja?“

Es war Ashton Taylor, der mir aus der Patsche half.

„Miss Vanhelsing ist privat hier“, erklärte er und nahm meine Hand. Sein Blick ruhte auf meinem Gesicht, und ein warmer Schauer lief mir über den Rücken. „Sie sehen selbst, dass ich im Moment wenig Zeit für Sie habe, Miss Vanhelsing, aber vielleicht möchten Sie heute Abend mit mir essen...“

„Nun, ich...“

„Ich werde Sie um acht am Gebäude der LONDON EXPRESS NEWS abholen. Einverstanden?“

Ich nickte lächelnd. „Einverstanden.“ Ich musste ihn schon deshalb unbedingt wiedersehen, weil ich sein Gesicht im Traum gesehen hatte.


*


„Wie war's?“, fragte mich Jim, als ich zurück in die Redaktion kam.

„Ein beeindruckender Mann, dieser Taylor“, murmelte ich vielleicht eine Spur zu versonnen. „Ich frage mich, wie alt er ist.“

„Zweiundvierzig oder dreiundvierzig. Die Angaben sind widersprüchlich.“

Ich sah Jim überrascht an.

Er grinste. „Ich habe einiges über ihn im Archiv gefunden. Er ließ sich vor fünf Jahren in London als Privatdetektiv nieder. Seine Vergangenheit liegt im Dunkeln. Angeblich soll er ein ehemaliger Fremdenlegionär und Ex-Geheimagent sein... Jedenfalls scheint er sich beruflich auf eine bestimmte Art Morde zu konzentrieren.“ Ich hob die Augenbrauen.

„Was meinst du damit?“

Jim zeigte mir ein paar Zeitungsartikel, in denen sein Name – zumeist nur beiläufig – erwähnt wurde.

„Es ging jedesmal um Sekten, Ritualmorde, Geheimkulte und dergleichen...“

Ich überflog kurz die Überschriften. Eine fiel mir besonders ins Auge:

SCOTLAND YARD: KEINE BEWEISE FÜR DIE EXISTENZ EINER TEMPELRITTER-SEKTE!

Mordfall Mary Barnes noch immer ungeklärt. Selbstmord nicht ausgeschlossen.

Ich überflog den Artikel. Es ging um eine junge Frau, die sich an die Polizei gewandt hatte, um vor einer mysteriösen Tempelritter-Sekte geschützt zu werden. Mary Barnes hatte behauptet, während eines Frankreich-Urlaubs in Marseille mit der Sekte in Kontakt gekommen zu sein. Jetzt wollte sie aussteigen und die Öffentlichkeit vor den gefährlichen Zielen dieser geheimen Vereinigung zu warnen.

Wenig später war sie tot!

Als dann herauskam, dass die junge Frau kurzzeitig in psychiatrischer Behandlung gewesen war, schien der Fall für die Behörden klar. Mary Barnes litt unter Verfolgungswahn.

„Was interessiert dich so an diesem Artikel?“, fragte Jim. „Dieser Taylor scheint dich ja mächtig beeindruckt zu haben. Da kann man ja richtig neidisch werden. Allerdings...“ Ich blickte auf. „Was?“

„Wenn du mich fragst – für mich ist das eine dubiose Gestalt.“

„Vielleicht werde ich heute Abend mehr erfahren“, murmelte ich.


*


Ashton war pünktlich. Er wartete auf dem Parkplatz auf mich und saß in einem sportlichen Cabriolet.

„Steigen Sie ein, Miss Vanhelsing!“

„Soll ich nicht besser hinter Ihnen herfahren?“

„Haben Sie Angst, dass ich Sie nicht zurückbringe?“ Wir fuhren durch den Londoner Abendverkehr.

Zwanzig Minuten später parkte er den Wagen in einer Seitenstraße. Er war ein vollendeter Gentleman und machte mir die Tür auf.

Mir gefiel seine Art. Dieser Mann strahlte Sicherheit und Erfahrung aus. Und das Geheimnisvolle, das ihn umgab, erhöhte mein Interesse an ihm noch.

Auch wenn ich es mir in diesem Augenblick noch nicht so recht eingestehen mochte, aber ich traf mich nicht nur mit ihm, weil ich hoffte, mehr über die Hintergründe des Larue-Falles zu erfahren.

Ich wollte den Mann kennenlernen, der Ashton Taylor war.

„Mögen Sie indische Küche?“, fragte er mich.

„Kulinarisch bin ich für alles offen.“

„Um so besser.“

Das Restaurant, in das er mich führte, gehörte zur gehobenen Klasse. Es war geschmackvoll eingerichtet, und ein Kellner führte uns zu Tisch und zündete die Kerzen darauf an.

„Mister Taylor“, begann ich, aber er unterbrach mich mit einer Handbewegung.

„Seien Sie nicht so förmlich. Nennen Sie mich Ashton!“

„Meinetwegen. Sagen Sie bitte Patricia zu mir!“

„Sie wollen wissen, was Larue von mir wollte? Ich sollte jemanden für ihn suchen. Wie Sie vielleicht gelesen haben, ist Larue seit einiger Zeit zum zweitenmal geschieden. Seit dem hatte er häufig wechselnde Liebschaften. Die letzte hieß Peggy Jones.“

„Eine Engländerin?“

„Ja. Sie ist verschwunden. Aus dem Grund ist Larue übrigens nach London gekommen.“

„Und? Haben Sie irgendeine Spur von dieser Peggy gefunden, Ashton?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, bislang nicht. Ich stand allerdings auch erst am Anfang meiner Recherchen.“

Er nahm meine Hand.

„Wissen Sie, es ist ein so schöner Abend, Patricia.

Wollen wir uns da wirklich nur über so unerfreuliche Dinge unterhalten wie ermordete Schauspieler und ihre verschwundenen Geliebten?“

Der Kellner kam und brachte den Wein.

Es war ein edler Tropfen.

Wir stießen an.

„Auf uns, Patricia!“

„Meinetwegen.“

Wir tranken. Der Wein schmeckte sehr süß.

„Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie eine sehr attraktive Frau sind, Patricia?“

„Jedenfalls nicht so charmant wie Sie...“, erwiderte ich etwas verlegen. „Ich möchte noch einmal auf Larue zurückkommen“, sagte ich dann. „Er hatte eine Tätowierung auf der Brust.“

„Schauspieler sind manchmal etwas exzentrisch. Das ist doch bekannt.“

„Es war ein achspitziges Kreuz. Sie wissen, was das für ein Zeichen ist. Oder muss ich erst den Namen Mary Barnes erwähnen, um Ihr Erinnerungsvermögen anzuregen, Ashton?“ Es war das erste Mal, dass ich so etwas wie Verwunderung in seinem Gesicht sah.

„Alle Achtung“, meinte er anerkennend. „Wie es scheint, habe ich Sie unterschätzt. Das achtspitzige Kreuz ist das Zeichen des Templer-Ordens...“

„...von dem manche glauben, dass er bis heute, über all die Jahrhunderte hinweg im Verborgenen existiert.“

„Spekulationen“, erwiderte Ashton kühl.

„Mary Barnes starb durch diese Leute, Larue ist ebenfalls tot... Und ich nehme an, dass Sie mehr darüber wissen, Ashton.“

„Lassen Sie die Finger von der Sache, Patricia!“, sagte er plötzlich und dabei hatte seine so warm klingende Stimme mit einem Mal einen harten, metallischen Klang, der keinen Widerspruch duldete. „Sie verrennen sich in eine wilde Theorie!“

„Es ist mehr, Ashton, und das wissen Sie auch!“

„Wenn es wirklich mehr als nur eine Theorie wäre, Patricia, dann wäre dies um so mehr ein Grund für Sie, die Finger davon zu lassen, wenn...“

„...wenn ich ich nicht zum Schweigen gebracht werden will? Für immer?“

Er erwiderte nichts darauf.

Aber unsere Blicke ruhten aufeinander, und ich wünschte mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als zu wissen, was hinter seinen grauen Augen vor sich ging.

Augen sind Fenster der Seele, so sagt man. Aber was die grauen Augen von Ashton Taylor anging, hatte ich nichts weiter als ein einziges großes Geheimnis vor mir...

„Hören Sie, Patricia“, sagte er dann in einem versöhnlichen Tonfall. „Ich mag Sie. Und genau aus diesem Grund werde ich Ihnen in dieser Sache nicht weiterhelfen. Es ist zu Ihrem Besten!“

„Werden Sie diese Peggy Jones weiterhin suchen?“

„Mein Auftraggeber ist tot.“

Eine konkrete Antwort auf meine Frage war das nicht, die blieb er mir schuldig.

Trotzdem wurde es ein wundervoller Abend. Und je länger ich in Ashtons Nähe war, desto mehr nahm mich dieser Mann mit seiner Art gefangen.

Es war bereits dunkel, als wir zu Ashtons Wagen zurückkehrten. Er hatte sanft den Arm um meine Schultern gelegt, während wir die dunkle Straße entlanggingen.

„Werden Sie jetzt noch arbeiten, wenn ich Sie zurück zur Redaktion der EXPRESS NEWS fahre?“

„Nein, ich glaube nicht. Aber...“ Er hob die Augenbrauen, während er mir die Wagentür öffnete.

„Aber was?“, hakte er nach.

Ich stand ziemlich dicht bei ihm. Unsere Blicke trafen sich.

Und im nächsten Moment auch unsere Lippen.

Es war erst ein etwas schüchterner, dann ein leidenschaftlicher Kuss voller Gefühl und Verlangen.

Die Knie drohten unter mir nachzugeben, und es schien eine kleine, wundervolle Ewigkeit zu dauern, bis sich unsere Lippen wieder voneinander lösten.

„Vielleicht bringst du mich ja gar nicht zur Redaktion“, hauchte ich etwas außer Atem.

„Sondern?“

„Nun, es könnte ja sein, dass du mich noch auf eine Tasse Kaffee zu dir nach Hause einlädst. Ich würde jedenfalls nicht nein sagen...“


*


„Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“, begrüßte mich Tante Lizzy als ich nach Hause kam. Eigentlich hatte ich gedacht, ich sei sehr leise gewesen. Bevor ich die Treppe hinaufging, von der ich wusste, dass sie knarrte, hatte ich mir extra die Schuhe ausgezogen.

Aber Tante Lizzy schien exzellente Ohren zu haben.

„Ich weiß, wie spät es ist, Tante Lizzy.“

„Du kannst mir nicht erzählen, dass das jetzt etwas mit deinem Job zu tun hat...“

„Ja und nein.“

Wir gingen zusammen ins Kaminzimmer, wo sie auf mich gewartet hatte, und ich ließ mich in einen Sessel fallen. Ich war müde, im Grunde war es ja schon früher Morgen.

„Du hättest mich wenigstens anrufen können“, tadelte mich Tante Lizzy.

Sie hatte immer noch nicht so recht begriffen, dass ich kein kleines Mädchen mehr war. Doch im Grunde hatte ich auch gar nichts gegen ihre Fürsorge.

Ich gähnte ungeniert. Und dann eröffnete ich ihr: „Ich habe einen faszinierenden Mann kennengelernt, Tante Lizzy!“ Sie seufzte.

„Das hätte ich mir ja denken können.“

„Er heißt Ashton Taylor. Und sein Gesicht... Es ist das Gesicht, das ich im Traum gesehen habe!“ Tante Lizzy war völlig entgeistert. Mit weit aufgerissenen Augen saß sie mir gegenüber und schüttelte dann stumm den Kopf.

Als sie sich schließlich gefasst hatte, beschwor sie mich geradezu, mich von diesem Mann fernzuhalten.

„Dein Traum war eine Warnung, Patti!“

„Ach, Tante Lizzy. Wenn ich in dem Traum etwas über meine Zukunft gesehen habe, dann ist doch gar nicht gesagt, dass Ashton darin eine negative Rolle spielt.“

„Patti, pass auf dich auf!“

„Natürlich.“

Ich hatte jetzt einfach keine Lust, mich länger mit ihr zu unterhalten. Die Müdigkeit war zu groß.

Doch erholsamen Schlaf fand ich in dieser Nacht nicht.

Mich quälte erneut der Alptraum, der mich schon eine ganze Weile in mehr oder minder regelmäßigen Abständen heimsuchte.

Wieder war ich angekettet und stand einem Tempelritter in voller Rüstung und mit heruntergelassenem Visier gegenüber.

Und obwohl ich den Ablauf des Traumes doch inzwischen so genau kannte, empfand ich alles als völlig real.

Der Ritter holte zu seinem Schlag aus und dann...

Ashtons Gesicht!

Ich erwachte und fuhr hoch. Kerzengerade saß ich im Bett und zitterte am ganzen Körper. Tante Lizzy hat recht, sagte ich mir. Dieser Traum hat etwas zu bedeuten...

Aber was er über Ashton aussagte, das war mir noch nicht so recht klar. Was hatte er mit dem finsteren Ritter zu tun?

War es am Ende gar sein Gesicht, das unter dem heruntergelassenen Visier steckte?

Der Gedanke traf mich wie ein Schlag vor den Kopf.

Was, wenn Ashton selbst in diesen rätselhaften Mord verwickelt war?

Ich versuchte, diesen furchtbaren Gedanken zu verscheuchen, aber es ergab durchaus eine Sinn. Daran konnte ich einfach nicht vorbeigehen.


*


Am nächsten Morgen saßen Tante Lizzy und ich beim Frühstück zusammen. Ich erzählte ihr von den Mordfällen Larue und Mary Barnes. Natürlich ließ ich nicht unerwähnt, dass da ein Zusammenhang mit dem geheimnisvollen Templer-Orden bestehen konnte.

„Ich muss alles darüber wissen“, sagte ich. „Hältst du es wirklich für möglich, dass ein solcher Orden über Jahrhunderte hinweg existiert hat?“

„Wenn, dann würde das nichts Gutes bedeuten!“, meinte Tante Lizzy düster.

„Was meinst du damit?“

„Die Templer wurden grausam verfolgt, mein Kind. Sie hätten allen Grund, sich zu rächen für das, was ihnen angetan wurde...“

Über diese Seite der Medaille hatte ich noch gar nicht nachgedacht.

Ich führte meine Teetasse zum Mund und hörte Tante Lizzy zögernd fragen: „Wie ernst ist das mit diesem Ashton Taylor und dir?“

„Wie meinst du das?“

Ich wollte ihr jetzt nicht darauf antworten. Allerdings war das auch gar nicht nötig, denn Tante Lizzy kannte mich gut genug, um manchmal meine geheimsten Gedanken lesen zu können -

aber das hatte dann wirklich nichts mit übersinnlichen Fähigkeiten zu tun!

„Du hast dich wirklich verliebt, nicht wahr?“, hörte ich sie sagen. Es war eher eine Feststellung.

„Schon möglich“, murmelte ich abwesend.

Tante Lizzy hatte genau ins Schwarze getroffen.


*


In den nächsten zwei Tagen sah ich Ashton nicht. Ich versuchte, ihn telefonisch zu erreichen, hatte aber jedesmal nur den Anrufbeantworter am Apparat.

Was den Mord an Larue anlangte, so kamen weder Scotland Yard noch Jim und ich in der Sache sehr viel weiter. Wir hatten einzelne Teile eines Puzzles, aber ein Gesamtbild war noch nicht zu erkennen.

Am Abend wurden Jim und ich auf eine VIP-Party geschickt.

Ein paar schöne Bilder und ein flott geschriebener Text darüber, was die Reichen und Schönen essen und trinken – das war schnell erledigt.

Jim blamierte sich und unsere Zeitung natürlich, weil er allzu unverschämt bei den Kaviarhäppchen zulangte.

Immerhin machte er hervorragende Bilder. Was seine Arbeit anging, war er wirklich ein Profi.

Marc Larues Tod war natürlich ein Gesprächsthema. Ich traf unter anderem den Produzenten wieder, der mir schon in der Hotelhalle aufgefallen war.

Er hieß Craig Donovan, kam aus New York und war in ein angeregtes Gespräch mit einem grauhaarigen, hageren Mann vertieft, der mit französischem Akzent sprach.

An seinem Arm hing irgendein Starlet, dessen Gesicht ich schon mal auf einer Illustrierten gesehen zu haben glaubte.

Sie hatte offenbar ein bisschen zu sehr dem Sekt zugesprochen. Anders war ihr dauerndes Kichern kaum zu erklären.

Die Männer ergingen sich derweil in den wildesten Spekulationen über den Mord an Larue. Von der Mafia bis zu unseriösen Immobiliengeschäften war alles dabei – aber nichts, was meiner Ansicht nach Hand und Fuß hatte oder auf wirklichen Informationen beruhte.

Ich versuchte, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben und meinte: „Soweit ich gehört habe, war Marc Larue Mitglied in einer obskuren Geheimsekte...“ Der grauhaarige Franzose hob die Augenbrauen.

Und Craig Donovan sagte: „Davon weiß ich nichts. Es sei denn, Sie meinen mit Geheimsekte die Schauspielergewerkschaft!“

Sie fanden das alle sehr witzig und lachten schallend.


*


Am nächsten Morgen rief mich Swann zu sich. Seine Laune war nicht sonderlich gut, aber dass das nicht unbedingt etwas mit mir zu tun haben musste, das hatte ich inzwischen gelernt.

Er war eben der Ansicht, dass er von allen Menschen, die die EXPRESS NEWS beschäftigten, der am meisten überlastete war und letztlich alles an ihm hängenblieb.

„Ich war mit Ihrem letzten Artikel nicht zufrieden“, eröffnete er mir ziemlich unverblümt.

Ich war etwas überrascht, schließlich hatte ich den Artikel noch einmal in der Morgenausgabe gelesen – und Swann hatte kaum darin herumgestrichen.

„Aber Sie haben ihn doch gedruckt!“ Er sah mich an und schien meine Verblüffung einen Moment sogar zu genießen. Dann sagte er. „Natürlich habe ich ihn gedruckt. Was ich meine, ist, dass ich von Ihnen schon besseres gelesen habe! Versuchen Sie Ihr Niveau zu halten und nicht in Routine abzurutschen wie die meisten irgendwann...“

„Ich werde mir Mühe geben.“

„Das wollte ich hören. Ich weiß, dass Sie es packen werden. Sie haben das Zeug dazu.“ Ein solches Kompliment von Michael T. Swann! Das war schon fast ein Grund, sich diesen Tag im Kalender rot anzustreichen.

„Mister Field wartet übrigens auf Sie“, eröffnete Swann dann. „In der Themse wurde eine Frauenleiche gefunden, und Sie beide sollen dorthin fahren. Die Polizei ist noch bei der Arbeit.“

Ich war verblüfft.

„Woher...?“

Swann grinste und beugte sich halb über den Tisch.

„Jim Field hat ein ganz besonderes Hobby“, meinte er dann. „Er hört ab und zu den Polizeifunk ab.“

„Ist das nicht illegal?“

„Sicher ist es das. Aber Sie kennen doch Field!“ Natürlich kannte ich ihn. Und irgendwie passte es zu ihm.

Bevor ich zu Jim in den Wagen stieg, versuchte ich noch einmal Ashton anzurufen. Diesmal sprach ich ihm eine Nachricht auf den Anrufbeantworter.

„Hier ist Patricia. Ashton, warum meldest du dich nicht?

Ich muss dich wiedersehen...“

Es war ein seltsames, unbehagliches Gefühl, das sich in meiner Magengegend bemerkbar machte, als ich den Hörer aufgelegt hatte. In Gedanken sah ich sein Gesicht vor mir.

So, wie ich es im Traum gesehen hatte. Und so, wie er mich angeschaut hatte, nachdem wir uns geküsst hatten...

Versuch einen klaren Kopf zu bewahren!, versuchte ich mir selbst zu sagen.

Trotz allem!


*


Die Tote war in der Nähe einer alten Industrieanlage ans Ufer geschwemmt worden. Ein paar Jugendliche, die hier ihre Motorräder reparierten, hatten die Frau gefunden.

Ganz in der Nähe stand ein brandneues Einkaufszentrum.

Dies war Sanierungsgebiet. Die alten Industrien wurden abgerissen und machten nach und nach Geschäften Platz.

Kein Wunder also, dass sich ein Pulk von Neugierigen gebildet hatte.

Als Jim und ich eintrafen, war der Gerichtsmediziner gerade mit seiner Arbeit fertig. Jim schoss ein Bild nach dem anderen, und ich machte mir eifrig Notizen über das, was ich so aufschnappte.

Aber als ich dann versuchte, noch etwas näher an den Ort des Geschehens zu gelangen, wurde ich von den Beamten daran gehindert.

„Zurück!“, rief mir ein Polizist mit finsterer Miene zu.

Dann fiel mein Blick auf einen der Zuschauer.

Er stand relativ bescheiden in der zweiten Reihe, aber auf Grund seiner Größe konnte er über die vor ihm stehenden Menschen hinwegblicken. Den Mantelkragen trug er hochgeschlagen, so dass ich nur die obere Hälfte seines Gesichtes sehen konnte.

Ich erkannte ihn dennoch.

Ashton!

Er wandte ein wenig den Kopf, und dann trafen sich unsere Blicke. Wir sahen uns an, und ich fühlte einen Kloß im Hals.

Kein Zweifel, ich hatte mich bis über beide Ohren in diesen Mann verliebt – aber über dieser Liebe lag ein Schatten. Ein Schatten der Ungewissheit.

Es konnte kaum Zufall sein, dass Ashton Taylor gerade hier, an diesem Ort aufgetaucht war.

Er kam auf mich zu und fasste mich bei den Schultern.

„Patricia!“

„Ashton! Ich habe versucht, dich zu erreichen!“ Sein Blick ging zur Seite. Er sah zu Jim hinüber, der gerade im Begriff war, ein Bild von dem Privatdetektiv zu machen.

Ashton griff nach der Kamera und riss sie herunter, so dass das Foto kaum mehr als seine Schuhe zeigen würde. „Lassen Sie das!“, sagte er kühl.

Jim war ziemlich verdutzt und schaute mich etwas ratlos an.

„Das ist Jim Field, Fotograf der EXPRESS NEWS“, stellte ich vor.

Mehr als ein dünnes Lächeln zeigte Ashton nicht. Er sah mich an, und ich stellte fest, dass der undurchdringliche Blick seiner grauen Augen auf mich noch immer so etwas wie eine magische Wirkung ausübte.

„Weißt du, wer die Tote ist?“, fragte er dann.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, leider will mir niemand etwas darüber sagen...“

„Sie heißt Peggy Jones.“

Es versetzte mir einen Stich.

Peggy Jones, die Geliebte von Marc Larue!

Jene Frau, die Ashton im Auftrag des französischen Schauspielers hatte suchen sollen.

„Du tauchst gerade zum richtigen Zeitpunkt hier auf, Ashton! Das ist doch kein Zufall!“

„Hör mir jetzt gut zu“, sagte er. „Lass um Himmels willen deine Finger aus der Sache! Schreib meinetwegen etwas über Eifersucht und Drogen, aber nicht...“

„Über die Templer?“

Er schluckte, ich hatte genau ins Schwarze getroffen.

„Ashton“, begann ich und trat so nahe an ihn heran, dass nur er mich verstehen konnte. „Ich muss wissen, welche Rolle du in dieser Geschichte spielst...“

„Ich kann es dir nicht sagen.“

„Warum nicht? Ich liebe dich!“

„Ich möchte nicht, dass du in Lebensgefahr gerätst.“ Ich wollte noch etwas erwidern, als plötzlich eine laute Männerstimme rief: „Da, da ist er!“ Ein Mann mit Halbglatze deutete in unsere Richtung.

Neben ihm stand niemand anderes als Inspektor Craven von Scotland Yard. Auf seiner Stirn zeichneten sich ein paar angestrengte Falten ab.

„Sind Sie sicher?“, fragte er.

„Ja! Der Mann, mit dem ich die Tote gestern gesehen habe!

Ich bin doch nicht blind!“

Ich drehte mich wieder zu Ashton um, denn ich begriff nun, dass niemand anderes als der etwas undurchsichtige Privatdetektiv gemeint war.

Aber von Ashton war nichts mehr zu sehen.

Er war wie vom Erdboden verschluckt. Irgendwo zwischen all den Menschen musste er untergetaucht sein.

Ich ließ den Blick schweifen, fand ihn aber nicht mehr.

„So ein Zufall! Miss Vanhelsing!“, hörte ich Inspektor Cravens schneidende Stimme. „Der LONDON EXPRESS NEWS ist immer zur Stelle, wenn irgendwo etwas passiert, nicht wahr? Ich muss sagen, ich hätte Sie frühestens in einer Viertelstunde erwartet!“

„Ich bin eben schnell!“, murmelte ich etwas verlegen.

Craven grinste breit. „Das sieht man!“

„Können Sie unseren Lesern sagen, was hier vorgefallen sein könnte?“

Cravens Mund wurde zu einem geraden Strich.

„Nein“, erklärte er dann. „Wir werden aus fahndungstaktischen Gründen keinerlei Informationen herausgeben!“

Das hatte ich schon mal gehört.

„Ich verstehe“, gab ich zurück.

Die Wahrheit war vermutlich, dass er im Moment selbst noch so gut wie nichts wusste. Aber das hätte er mir gegenüber unmöglich zugeben können.


*


„Kann es sein, dass dich dieser Inspektor nicht mag?“, fragte Jim auf der Rückfahrt.

Ich zuckte mit den Achseln.

„Eigentlich dachte ich, ich sei immer nett und höflich gewesen“, erwiderte ich.

„Und was diesen seltsamen Mister Taylor angeht...“, begann Jim vorsichtig.

„Sprich nur weiter“, ermunterte ich ihn. Aber mein Tonfall verriet mich. Ich war wohl eine Spur zu gereizt.

„Wir sollten ihn näher unter die Lupe nehmen“, schlug Jim vor. „Oder findest du es nicht merkwürdig, dass es überall, wo er auftaucht, einen Toten gibt.“

„Du übertreibst!“

Jim verzog das Gesicht und schüttelte energisch den Kopf.

„Ich habe beobachtet, wie du ihn angeschaut hast... Ich glaube nicht, dass du ihn noch unbefangen beurteilen kannst.“ Meine Erwiderung war ziemlich spitz. „Mein Verstand arbeitet noch immer ausgezeichnet.“ Er zuckte nur mit den Achseln.

Es dauerte kaum drei Stunden, da traf ich Inspektor Craven wieder. Er tauchte urplötzlich bei den LONDON EXPRESS NEWS auf, ließ den Blick prüfend über meine Unterlagen schweifen und sah mich dann an, als ob er im nächsten Moment die Handschellen herausholen wollte.

„Was gibt es, Inspektor? Sind Sie plötzlich zu der Ansicht gelangt, dass man hin und wieder auch mit der Presse zusammenarbeiten könnte?“

Er schüttelte den Kopf.

„Es geht um Sie, Patricia!“

„Inwiefern?“

„Die Fragen stelle ich.“

Sein Tonfall war eisig, und mir kroch es kalt den Rücken hinauf. Irgendeine Trumpfkarte schien er noch im Ärmel zu haben und nur noch auf die Gelegenheit zu warten, sie gegen mich auszuspielen.

„Ich habe mich übrigens gerade ganz angeregt mit Ihrem Chef unterhalten...“, murmelte er dann.

Also wusste Michael T. Swann jetzt auch davon. Das konnte ja heiter werden!

„Was bilden Sie sich eigentlich ein? Was spielen Sie für ein Spiel, Inspektor Craven!“, rief ich empört. Ich war nicht bereit, mich so einfach von ihm einschüchtern zu lassen.

Craven beugte sich ein Stück vor und stützte sich mit den Händen auf meinem Schreibtisch ab.

„Die Tote heißt Peggy Jones – aber das wissen Sie ja bereits, wenn ich Ihre Artikel-Überschriften hier sehe... Sie war die Geliebte von Marc Larue. Und nun kommt es! Ein Zeuge hat Peggy Jones am Tag vor ihrem Tod zusammen mit einem Mann gesehen, dessen Beschreibung haargenau auf Ashton Taylor passt, diesen dubiosen Schnüffler, der auch in der Larue-Sache irgendwie drinsteckt.“

Ich gab mich kühl, obwohl es in mir nur so tobte.

„Und was hat das alles mit mir zu tun? Warum verhören Sie nicht Mister Taylor, sondern mich?“ In Cravens Gesicht zuckte es. „Das würde ich ja gerne.

Aber Taylor ist verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt.

Offenbar eine überstürzte Flucht. Auf seinem Anrufbeantworter haben wir jedoch eine Nachricht gefunden – von Ihnen!

Anscheinend stehen Sie sich auch privat nahe... Wenn Sie also wissen, wo Taylor sich aufhält, dann lassen Sie es mich besser wissen!“

„Ich habe leider keine Ahnung“, erwiderte ich kühl.

In diesem Moment bemerkte ich eine Gestalt durch das Großraumbüro eilen, direkt auf meinen Schreibtisch zu. Es war kein geringerer als Michael T. Swann.

„Ich muss mit Ihnen über Ihren letzten Artikel sprechen, Patricia!“, rief Swann. „Ich habe gerade noch verhindern können, dass er in Druck geht! So geht das wirklich nicht.

Kommen Sie, wir müssen die Story noch einmal Wort für Wort durchgehen!“ Dann sah er den Inspektor an und meinte: „Tja, tut mir leid, aber Miss Vanhelsing wird im Moment keine Zeit für Sie haben. Unsere Zeitung hat die unangenehme Eigenschaft, dass sie jeden Tag rechtzeitig fertig werden muss!“ Cravens Erwiderung war schwach. Er war völlig perplex.

„Aber...“

„Auf Wiedersehen, Inspektor!“


*


„Was ist mit meinem Artikel?“, fragte ich Swann, nachdem der Inspektor gegangen war.

Swann lächelte.

„Gar nichts“, meinte er. „Ich bin noch nicht dazu gekommen, ihn zu lesen.“

Als ich ihn etwas ratlos ansah, hob er die Augenbrauen, und ich begriff, weswegen er hierher gekommen war.

Er wollte mir einfach helfen und dafür sorgen, dass ich erst einmal Luft holen konnte, bevor ich Inspektor Craven dann irgendwann Rede und Antwort stehen musste.

„Ich danke Ihnen“, sagte ich.

„Keine Ursache. Aber vielleicht sagen Sie mir mal, weshalb sich Craven so in Sie verbissen hat!“ Ich fasste kurz zusammen, was geschehen war. Dabei erwähnte ich auch meine Vermutung, dass es eine Art Geheimsekte der Templer geben musste.

Vielleicht war es ein Fehler, Swann schon zu diesem Zeitpunkt davon zu berichten. Jedenfalls bekam sein Gesicht einen sehr skeptischen Ausdruck.

„Ist das mit diesem Templer-Orden nicht eine ziemlich abenteuerliche Theorie?“

Ich schüttelte den Kopf, ging zu meinem Schreibtisch und holte eine Mappe hervor. „Larue und diese Jones scheinen nicht die einzigen Opfer dieser Sekte zu sein. Es gab da mal einen Fall Mary Barnes...“

Swann nahm sich die Mappe vor und blätterte die Artikel durch.

Er schwieg eine Weile, was ich zunächst für ein gutes Zeichen hielt. Doch ich sollte mich irren.

Er schlug die Mappe zu und sagte kurz und knapp: „Sie werden nicht dafür bezahlt, Hirngespinsten nachzujagen, Patricia! Merken Sie sich das! Haben wir uns verstanden?“


*


Ich kam spät nach Hause. Den Abend hatte ich zusammen mit Jim im Archiv verbracht. Wir hatten in den staubigen Ablagen herumgesucht, bis uns schier die Augen zuzufallen drohten.

Aber es hatte sich gelohnt.

Wir hatten noch zwei weitere mysteriöse Todesfälle gefunden, die im Zusammenhang mit einer geheimnisvollen Templer-Sekte zu stehen schienen. Dann hatten wir uns natürlich das Leben von Marc Larue vorgenommen.

Offenbar hatte er schon in der Jugend einen Hang zum Okkulten gehabt. Nachdem er bereits einige Berühmtheit erlangt hatte, hatte er sich regelmäßig von einem Hellseher aus dem südfranzösischen Städtchen Lacroix-en-Provence beraten lassen.

Er zog sogar von Paris weg, um sich in Lacroix ein Haus zu kaufen.

Zwei Jahre lang drehte er überhaupt keinen Film, um sich seiner spirituellen Entwicklung zu widmen, wie er der Presse mitteilte.

Über Ashton fanden wir nichts, was irgend etwas über seine Person ans Licht brachte.

„Patti! Du siehst ganz grau aus!&

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