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Patricia Vanhelsing: Hexenrache

Hexenrache

von Alfred Bekker

 

Ein Patricia Vanhelsing-Roman

 

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

 

Ein Cassiopeiapress E-Book

© by Author

© 2012 der Digitalausgabe 2012 by AlfredBekker/Cassiopeiapress

www.AlfredBekker.de

 

 

Ich stieg die Stufen des großen Theaterportals hinab und schlug den Mantelkragen hoch. Es war eine eiskalte Nacht. Nebel kroch durch die Straßen Londons und schuf milchige Lichtinseln um die eingeschalteten Straßenlaternen.

Wie durch Watte hörte ich Wortfetzen aus den Unterhaltungen der anderen Theaterbesucher. Die meisten von ihnen gingen jetzt gut gelaunt nach Hause.

Ich blieb auf den Stufen stehen und ließ den Blick umherschweifen. Schattenhaft waren Bewegungen im dichten Nebel auszumachen. Autotüren klappten zu. Ich presste meine Handtasche an mich.

Als Reporterin der London Express News war ich kurzfristig für einen erkrankten Kollegen eingesprungen, um ein neues Musical zu besprechen, dessen Uraufführung ich gerade angeschaut hatte.

"Hallo, Patricia!", rief plötzlich eine männliche Stimme hinter mir.

Ich drehte mich herum und erblickte Eric Bristol, einen Kollegen, der aus demselben Grund wie ich in dieser Vorstellung gewesen war, nur das seine Kritik in der Times erscheinen würde. Wir waren uns ein paar mal flüchtig begegnet.

"Sie hier?", wunderte er sich. "Haben Sie das Ressort gewechselt?"

Ich schüttelte den Kopf. "Nein, ich bin für einen Kollegen eingesprungen."

"Verstehe."

Bristol war um die vierzig, immer sehr gut gekleidet und genau die Art von Reporter, wie man sie sich für die seriöse Times vorstellte.

Wir gingen zusammen die restlichen Stufen hinab.

"Wussten Sie, dass ich auch mal bei den London Express News gearbeitet habe?", fragte er mich.

Ich sah ihn überrascht an.

"Nein", sagte ich dann.

"Ist allerdings schon eine Ewigkeit her. Ich war Gerichtsreporter." Er zuckte die Schultern. "Aber auf die Dauer war es mir einfach zu eintönig, immer auf den Fluren von Old Baily herumzustehen, um einen Richter oder Staatsanwalt ein Statement zu entlocken." Er blieb stehen und musterte mich. Dann sagte er: "Ja, das waren noch Zeiten. Damals war Michael T. Swann noch nicht Chefredakteur bei den News."

Ich hob die Augenbraue. "Ach – und ich hätte gedacht, dass er in seinem Büro geboren wurde", erwiderte ich und Eric lachte.

"Keineswegs", meinte er dann. "Aber ich wette, sein Schreibtisch sieht auch heute noch wie ein Schlachtfeld aus."

"Das ist allerdings wahr", bestätigte ich.

"Manche Dinge ändern sich eben nie."

"Wie fanden Sie das Musical, Eric?"

Er antworte mir nicht. Stattdessen fragte er: "Nehmen wir noch einen Drink zusammen?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein, es ist schon spät. Ich hatte einen harten Tag heute."

Eric nickte. "Dann vielleicht ein andermal."

"Ja, vielleicht."

Ich hatte einfach keine Lust mir den ganzen Abend lang die Geschichten aus der guten alten Zeit anzuhören. Davon redete schon mein Chef oft genug: damals, als es noch Reporter gab, die ihren Job ernst nahmen und so lange recherchierten, bis jede auch noch so unbedeutend erscheinende Kleinigkeit hieb- und stichfest war.

Als wir den Fuß der steinernen Treppe erreicht hatten, verabschiedeten wir uns.

Ich hatte den Wagen in einer Nebenstraße geparkt.

Ein kühler Hauch zog zwischen den wie düstere Schatten dastehenden mehrgeschossigen Häusern hindurch. Und das diffuse Licht der Straßenlaternen gab der ganzen Szenerie etwas Irreales.

Es waren kaum noch Passanten unterwegs. Und die Besucher des Theaters verloren sich rasch in der Nacht.

Meinen kirschroten Mercedes 190 hatte ich in der Carlton Street abgestellt. Dort gab es vorwiegend Apartmenthäuser.

Als ich dort einbog, hatte ich plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich blickte mich um, blieb einen Moment stehen und schalt mich dann eine Närrin.

Was ist bloß los mit dir?, ging es mir durch den Kopf.

Vielleicht waren meine Nerven einfach etwas überreizt.

Das wäre nicht verwunderlich gewesen. Vor kurzer Zeit war ich in Deutschland in den Ruinen der Burg Frankenstein meinem schlimmsten Feind, dem skrupellosen Dr. Skull, wieder begegnet, und danach hatte es mich nach Haiti verschlagen, wo ich es mit einem Voodoo- und Zombie-Kult zu tun bekommen hatte. Zwei grausige Abenteuer, die mir noch immer in den Knochen steckten.

Ich atmete tief durch.

Musical-Melodien schwirrten mir in einem furiosen Potpourri im Kopf herum.

Dann erstarrte ich mitten in der Bewegung.

Ungläubig riss ich die Augen auf.

In einer Türnische sah ich ein giftgrün leuchtendes Etwas. Ich schluckte, kniff die Augen zusammen.

Mein Gott, was ist das?, durchzuckte es mich.

Das eigenartige Leuchten pulsierte leicht. Ich hatte das Gefühl, dass dieses Etwas auf irgendeine Art und Weise lebendig war.

Das Herz schlug mir bis zum Hals.

Für den Bruchteil eines Augenblicks war mir, als hätte ich noch etwas gesehen.

Augen, so rot wie glühende Kohlen...

Doch im nächsten Moment war die Leuchterscheinung verschwunden. Nur noch Dunkelheit war dort, wo gerade noch ein geisterhaftes Augenpaar gelauert hatte.

Ich schluckte.

Was war das gewesen?

Das Übersinnliche war mein Metier. Ich hatte zahlreiche Artikel zu diesem Themenbereich geschrieben und inzwischen auch so manches an rätselhaften Erlebnissen hinter mir.

Aber nichts, was sich mit dieser eigenartigen Erscheinung hätte vergleichen lassen.

Vielleicht bist du doch nur ein Opfer deiner überreizten Nerven, sagte ich mir.

Und ich wäre nur allzu gern bereit gewesen, es auch zu glauben. Vorsichtig ging ich bis zum Wagen. Während ich den Schlüssel ins Schloss steckte, glaubte ich in einiger Entfernung eine schattenhafte Gestalt zu sehen. Sie stand in der Nähe einer Laterne, aber das Licht fiel so, dass nichts weiter als ein dunkler Umriss zu erkennen war.

Ich stieg in den Wagen und setzte mich ans Steuer.

Dann ließ ich den Motor an. Noch bevor ich auch das Licht einschalten konnte, zischte etwas blitzartig durch die Nacht. Es leuchtete auf dieselbe Weise wie jenes Ding, das ich an der Hausnische gesehen zu haben glaubte.

Das grellgrüne Leuchten durchschnitt die Dunkelheit der Nacht wie ein Messer.

Und dann hatte ich es plötzlich direkt vor mir auf er Kühlerhaube des Mercedes 190.

Das Wesen strahlte ein geisterhaft wirkendes Licht ab. Es schien keine feste Gestalt zu haben, sondern sich ständig zu verändern. Arme wuchsen und verschwanden wieder. Krallenbewehrte Tatzen, Tentakel, spitze Ohren und ein fratzenhaftes Gesicht, das hassverzerrt war.

Zwei rote Augen funkelten mich böse an.

Ein schuppiges Maul bildete sich, beinahe so groß wie das eines Hundes. Ein reptilienhaftes Zischen drang die Nacht und übertönte sogar das Geräusch des Wagenmotors.

Das Wesen nahm jetzt eine Gestalt an, die entfernte Ähnlichkeit mit einem chinesischen Drachen aufwies. Eine Rote Flammenzunge schoss aus dem Maul heraus, das etwa die Größe einer Schäferhundschnauze hatte. Ich schrie laut auf

Einen Augenblick lang sagte ich mir, dass dies einer jener schrecklichen Alpträume sein musste, unter denen ich hin und wieder litt.

Es dauerte eine Schrecksekunde, ehe die Erkenntnis mich kalt erfasste, dass dies alles hier wirklich geschah.

So unglaublich es auch sein mochte.

Das Grauen hatte mich erfasst und hielt mein Herz in seinen eisernem Griff. Panik erfüllte mich.

Nur weg!

Das war der einzige klare Gedanke in mir.

Ich setzte den Gang und gab Gas.

Was immer dies auch für ein rätselhaftes Wesen war – es war eindeutig, dass es mich angreifen wollte. Eine alptraumhafte Spukgestalt, die wie ein Sendbote des blanken Wahnsinns wirkte.

Erneut schoss eine Flammenzunge aus dem mit spitzen Zähnen bewehrten Maul. Es zischte. Die Frontscheibe des Mercedes bedeckte sich innerhalb eines Augenaufschlages mit schwarzem Ruß.

Ich konnte nichts mehr sehen und trat auf die Bremse.

Die Reifen quietschten.

Ein Ruck ging durch den Wagen.

Er stieß irgendwo an, und ich hob schützend die Arme vor das Gesicht. Im selben Moment zersprang das rußgeschwärzte Glas der Frontscheibe in tausend Scherben, und eine Hitzewelle wehte mich wie der heiße Atem des Todes an.

"Nein!", schrie ich, beinahe wie von Sinnen.

Ein Glasregen ging über mir nieder. Ich kniff die Augen zusammen und glaubte bereits zu spüren, wie mein Gesicht und meine Haare versengt würden...

 

*

 

"He! Alles in Ordnung? Ist Ihnen etwas passiert?"

Wie durch Watte drang die Männerstimme in mein Bewusstsein. Einen Augenblick war ich wie weggetreten gewesen.

Ich öffnete vorsichtig die Augen und betaste mit den Händen ungläubig mein Gesicht. Glas rieselte mir aus den Haaren. Aber ansonsten war mir nichts geschehen. Es war unglaublich.

Ich blickte durch die zerstörte Frontscheibe. Auf der Kühlerhaube, dort, wo sich gerade noch dieses gespenstische, grünlich leuchtende Etwas befunden hatte, war nun...

---nichts!

Der glutäugige Drachen war verschwunden.

Ich fühlte mich einen Augenblick lang so, als wäre ich aus einem furchtbaren Albtraum erwacht. Aber das, was ich erlebt hatte, konnte kein Traum gewesen sein.

Die Frontscheibe war wirklich zerstört. Und die Glassplitter waren schwarz vom Ruß. Es sah aus, als ob die Scheibe unter großer Hitzeeinwirkung zerplatzt war.

Ich schluckte und atmete tief durch. Langsam beruhigte sich mein Puls etwas. Aber die Angst saß mir noch immer in den Knochen.

Allein der Gedanke an das, was sich gerade zugetragen hatte, ließ mich schaudern.

Ein untersetzter Mann in mittleren Jahren hatte die Wagentür geöffnet. Ich bemerkte ihn erst, als er mich bei der Schulter fasste.

"Sind Sie verletzt, Ma'am?"

Die Berührung riss mich aus dem tranceähnlichen Zustand heraus, in dem ich mich befunden hatte. Ich drehte langsam den Kopf zu ihm herum und blickte in sein besorgtes Gesicht.

"Wer sind Sie?", fragte ich.

"Ich heiße Bolder und wohne dort drüben." Er machte eine flüchtige Geste mit der linken Hand. "Meine Frau hat einen Knall gehört und mich geweckt. Sie sind anscheinend blindlings auf ein parkendes Auto aufgefahren."

"Oh." Ich fasste mir an den Kopf.

"Sie scheinen unter Schock zu stehen. Der Notarzt wird gleich kommen."

"Das wird nicht nötig sein."

"Ma'am, er ist schon unterwegs."

Ich nickte matt.

"Vielleicht ist es besser", murmelte ich.

"Warten Sie, ich helfe Ihnen aus dem Wagen", bot der Mann an, der sich Bolder nannte.

"Danke, aber das ist wohl nicht nötig."

 

*

 

Ich gelangte schließlich mit einem Taxi nach Hause. Mein roter Mercedes wurde abgeschleppt und in eine Werkstatt gebracht.

Nicht nur, dass ich an diesem Abend einen Unfall verursacht hatte, zu Hause wartete noch eine unangenehme Aufgabe auf mich. Ich musste meiner Großtante Elizabeth Gormic – für mich Tante Lizzy – irgendwie schonend beibringen, dass der kirschrote 190er, den sie mir geschenkt hatte, im Moment in einem beklagenswerten Zustand war.

Tante Lizzy hatte mich nach dem Tod meiner Eltern bei sich aufgenommen und wie eine eigene Tochter aufgezogen. Ich lebte bis heute in ihrer viktorianischen Villa, in der ich die obere Etage für mich hatte. Der Rest des verwinkelten Hauses beherbergte neben Tante Lizzys eigenen Räumen ihr gewaltiges Privatarchiv, in dem sie alles sammelte, was irgendwie mit Okkultismus oder übersinnlichen Phänomenen zu tun hatte.

Von meiner eigenen Etage abgesehen, gab es kaum einen Raum im Haus, der nicht mit Teilen dieser Sammlung belegt war, die in ganz England wohl ihresgleichen suchte. Dicke Folianten mit obskuren Schriften, geheimnisvolle, zum Teil uralte Niederschriften von Ritualen und magischen Praktiken, Geheimschriften, die nur innerhalb gewisser Zirkel gelesen worden waren. Dazu kam noch eine umfangreiche Sammlung von Presseartikeln zu diesem Themenbereich. Schon oft hatte sie mir bei meinen Recherchen helfen können.

Tante Lizzy wusste nur zu gut, dass sich auf dem Gebiet des Okkultismus vorwiegend Scharlatane und geldgierige Betrüger tummelten.

Daher bewahrte sie sich stets eine gesunde Skepsis , wenn sie irgendwo auf Schilderungen stieß, die den Schluss nahelegten, dass es sich um ein übersinnliches Phänomen handelte.

Andererseits war sie aber auch davon überzeugt, dass es einen Rest an seltsamen Erscheinungen und Geschehnissen gab, der mit den Mitteln der modernen Wissenschaft einfach noch nicht zu erfassen war. Es ging ihr gewissermaßen darum, die Spreu vom Weizen zu trennen und diese Phänomene wenigstens zu dokumentieren, auch wenn die seriöse Wissenschaft sich zumeist gar nicht mit ihnen beschäftigte.

Zu ihren eigenen okkulten Sammlungen kamen noch die vielen Fundstücke, die ihr Mann, der seit Jahren verschollene Archäologe Frederik Gormic, von seinen Forschungsreisen mitgebracht hatte – Dämonenmasken, Fetische, Bruchstücke von Steintafeln und vieles mehr...

Ich betrat die Villa und sah durch den Türspalt noch Licht in der Bibliothek.

Zwar war es schon spät, aber es kam durchaus vor, dass Tante Lizzy ganze Nächte hindurch in einem jener geheimnisvollen, mitunter von ihr liebevoll restaurierten ledergebundenen Folianten schmöckerte, von denen sich Tausende in den engen Regalen drängten.

Ich trat an den Türspalt und blickte hindurch.

Sie saß über einem der staubigen Bände gebeugt.

Dann schaute sie plötzlich auf.

"Ah, du bist es." Sie lächelte und setzte die Lesebrille ab. "Du bist spät dran heute."

"Ich hätte anrufen sollen", sagte ich. Sie machte eine wegwerfende Bewegung mit der rechten Hand und meinte dann: "Du bist ja keine dreizehn mehr, Patti. Manchmal vergesse ich das einfach. Ich will dich keineswegs ausfragen."

Ich trat zu ihr.

"So habe ich das auch nicht empfunden", erwiderte ich.

"Dann bin ich ja froh."

"Ein Kollege fiel kurzfristig aus, und so kam ich zu der Ehre, eine Musical-Premiere besprechen zu dürfen."

Sie legte den Folianten aufgeschlagen auf einen kleinen runden Tisch und erhob sich. Im Laufe der Jahre hatte sich unsere Beziehung etwas gewandelt. Früher war sie meine Ersatzmutter und Erzieherin gewesen, jetzt hatte sie eher die Rolle einer erfahrenen Freundin und Ratgeberin.

Sie sah mich seltsam an.

"Du siehst aber nicht so aus, als hättest du einen schönen Abend gehabt", stellte sie dann fest.

Wir kannten uns einfach zu gut, als dass ich ihr etwas hätte vormachen können.

Ich atmete tief durch und suchte noch nach den richtigen Worten.

Tante Lizzy fasste mich bei den Schultern.

"Was ist los, Patti?"

"Das Geringste ist wohl die zerbrochene Frontscheibe des Mercedes", sagte ich.

"Oh Gott, hattest du einen Unfall?"

"I

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