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Partygirl undercover

PROLOG

To-Do-Liste für Singlefrauen

Alle Wege führen nach Rom – in diesem Fall zum Punkt Nummer 10.

1. Einen Job finden

2. Eine Wohnung suchen

3. Die Bikinizone enthaaren

4. Brauner werden

5. Coole Klamotten kaufen

6. Eine neue Frisur

7. In einem Sportstudio anmelden

8. Einen guten Tanzlehrer finden

9. Meine Polo-verrückten Brüder mundtot machen

10. Einen Mann finden, der nicht Polo spielt!

Als einziges Mädchen in einer Familie mit vier Polo spielenden Brüdern habe ich genug – und ich meine, wirklich genug! – von Gerten, Sporen und dem unerträglichen Männlichkeitswahn von morgens bis abends.

1. KAPITEL

Einen Job finden

Nicht gerade der Job, den ich mir erträumt habe, aber ich habe meine Gründe. Und zwar diese:

Tatsächlich hatte ich meinen Traumberuf gefunden, als Trainee im Management eines Luxushotels in London. Es war das Tüpfelchen auf dem i, nachdem ich meine Prüfung in Hotelmanagement bestanden hatte. Und eine Karriere im Servicebereich schien mir nur logisch, schließlich hatte ich jahrelang meine durchaus anspruchsvollen Brüder bedient. Aber ich hätte den Job nur behalten können, wenn ich mit dem schleimigen Portier geschlafen hätte, der mir drohte zu verraten, wer ‚Anita Costa‘ wirklich war, wenn ich nicht ‚ein bisschen nett‘ zu ihm wäre. Aber ich lasse mich nicht erpressen – nur über meine Leiche!

Alle, die mich vor diesen Tagebucheintragungen kannten, mögen sich nun fragen, was aus der wilden Lucia geworden ist, dem glamourösen, glitzernden Partygirl, das immer für Spaß und Abwechslung sorgte. Ist diese Luxusfrau wirklich so tief gesunken? Tja, wenn Du zu den Leuten gehörst, die sich diese Frage stellen, solltest Du weiterlesen.

Dabei wirst Du feststellen, dass ich mir eines bewahrt habe: meinen Sinn für Humor. Selbst jetzt, in einem Moment, der trostloser kaum sein könnte.

Niemand wusste wohl besser als Lucia, dass ein Nachtclub im hellen Tageslicht ein schäbiger, heruntergekommener Ort war.

Sie sollte endlich etwas verändern. Es schien ihr, als hätte sie den größten Teil ihres Lebens auf Knien und Händen herumrutschend damit verbracht, im Licht einer nackten Glühbirne den klebrigen Fußboden des Clubs zu scheuern. Bei Nacht, im schillernden, bunten Licht unzähliger Strahler, war der wildromantisch auf den Klippen Cornwalls gelegene Club Treffpunkt der High Society. Schließlich bot er unzählige Gelegenheiten, zu sehen und gesehen zu werden – und zwar sowohl auf der Tanzfläche oder an der Bar als auch an dem atemberaubenden Strand, der von durchtrainierten Wassersportlern bevölkert wurde. Auch Lucias Brüder waren hier als Jugendliche Stammgäste gewesen, immer begleitet von ihrem besten Freund Luke.

Luke …

War es ein günstiger Zeitpunkt, über Muskeln gepaart mit extremer Intelligenz nachzudenken, noch dazu in einer ausgesprochen attraktiven Verpackung?

Über einen Mann, der sich außerhalb von Lucias Reichweite bewegte.

Und der zu allem Überfluss auch noch Polo spielte. Also entsprach er schon mal nicht Punkt 10 auf ihrer To-Do-Liste und sie konnte ihn streichen, noch ehe sie die Punkte 2 bis 9 abgehakt hatte.

„Hast du nichts mehr zu tun?“

Lucia fuhr auf, als sie den Manager des Clubs entdeckte. Van Rickter war früher einmal der heimliche König des Partylebens gewesen, das hatte er Lucia gegenüber immer wieder erwähnt, als sie ihn um einen Job bat – irgendeinen Job. Mittlerweile hatte er seine besten Zeiten hinter sich und verschaffte sich Befriedigung damit, seine Mitarbeiter zu schikanieren. Sofort fuhr Lucia fort, den Boden zu wischen.

In diesem Moment trat Grace ein, ebenfalls eine von Vans Sklavinnen. „Ich hab gehört, heute gibt’s viel zu tun“, begann sie und warf ihre Tasche auf einen der Stehtische. „Wenn ich nur nicht diese Erkältung hätte. Eine Schnupfennase und tränende Augen erhöhen nicht gerade das Trinkgeld. Dabei hatte ich gehofft, heute Abend jemanden kennenzulernen, der mich herausbringt aus alldem hier.“

Während Grace eine abschätzige Handbewegung machte, dachte Lucia daran, dass die Erwartung einer großen Party sie vor gar nicht allzu langer Zeit noch in Alarmbereitschaft versetzt hätte. Nichts hatte sie mehr geliebt als zu flirten und zu tanzen. Beschützt von vier Brüdern, hatte sie keine Angst gekannt, sondern hemmungslos den Männern den Kopf verdreht. Mit High Heels, einem aufreizend engen Kleid, perfekt lackierten Fingernägeln, langen, dichten Wimpern und einem gekonnt geschminkten Kussmund hätte sie sich bereit gemacht für einen spannenden Abend. Doch die Zeiten waren vorbei.

Lucia wandte sich an Grace und fand, dass ihre Freundin ungewöhnlich blass aussah. „Ich kann deine Schicht übernehmen, wenn du dich nicht wohlfühlst“, bot sie an.

„Noch eine Schicht?“ Grace schüttelte den Kopf. „Du arbeitest doch schon pausenlos. Wenn du so weitermachst, wirst du noch krank. Mach dich schick heute Abend und schnapp dir einen der Kerle – und reserviere für mich auch einen.“

Innerlich erschauerte Lucia, doch sie ließ sich nichts anmerken, kühlte ihre heißen Wangen mit dem Handrücken und stimmte in Graces Lachen ein. Schließlich hatte die Freundin keine Ahnung, was Lucia in London passiert war, und Lucia wollte sie nicht mit Details dieser Erfahrung belasten.

„Oh, da ist Ärger im Anmarsch“, warnte Grace sie, als Van Rickter zurückkam.

Während Grace nach hinten ging, um sich umzuziehen, baute Van Rickter sich vor Lucia auf. „Hey, Anita“, begann er höhnisch. „Gib Gas, oder ich schicke dich zurück in die Gosse. Es gibt ’ne Menge Mädchen, die deinen Job sofort übernehmen würden.“ Dann wandte er sich ab und ging breitbeinig davon.

Jeder im Club kannte sie als Anita. Es war Lucias Lieblingsname aus dem Musical West Side Story. Und auch einen Nachnamen zu finden, war einfach gewesen. Während sie in einem Café gesessen und überlegt hatte, war sie irgendwann auf die Idee gekommen, einfach auf ein ‚a‘ zu verzichten. So wurde aus Lucia Acosta Anita Costa.

Und warum diese Fälschung?

Weil es nicht möglich war, ein normales Leben zu führen und halbwegs unabhängig zu sein, wenn deine vier Brüder dich im Polodress von jeder Plakatwand der Stadt angrinsen.

Lucia stemmte die Hand in den schmerzenden Rücken und dachte an Argentinien. Wie sehr sie sich nach der endlosen Weite der Pampa sehnte. Nie war ihr die warme, sichere Heimat in Südamerika unerreichbarer erschienen als jetzt, und sie hatte das Gefühl, als werde ihr immer mehr der Boden unter den Füßen weggezogen. Seit der schmierige Portier in London es ihr unmöglich gemacht hatte, im Hotel zu arbeiten, bewegte sich ihr Leben nur noch abwärts.

Es spielte keine Rolle, dass sie aus einer wohlhabenden Familie stammte. Das hier musste sie allein durchstehen.

Lucia strich ihr Haar zurück und fuhr fort, den Boden zu scheuern. Nach der Geschichte in London war sie froh, einen Job in einem Club zu haben, in dem niemand sie kannte. „Nutze immer deinen Verstand“, hatte ihre Mutter ihr noch kurz vor ihrem Tod eingeprägt. Nun, das war in London gründlich schiefgegangen. Sie war dumm genug gewesen zu glauben, der Portier sei ihr Freund.

Noch immer konnte sie kaum glauben, dass ihre Mutter tot war. Vor mittlerweile zehn Jahren war sie bei einem Hochwasser tragisch ums Leben gekommen. Demelza Acosta stammte aus Cornwall, deshalb hatte die Familie ihre Ferien immer hier in St. Oswalds verbracht. Für Lucia war es der einzige Ort gewesen, an dem sie sich sicher fühlte, nachdem sie London verlassen musste. Den Süden Englands verband sie mit wunderschönen, glücklichen Kindheitserinnerungen.

Kraftvoll schrubbte sie den Boden mit der Bürste, als Van Rickter zurückkam.

„Heute ist dein Glückstag, Anita“, meinte er spöttisch. „Ich habe Grace gerade nach Hause geschickt. Schließlich will keiner seine Drinks von einer verschnupften Bardame serviert bekommen. Du darfst also heute Abend ihre Schicht übernehmen. Aber denk gar nicht daran, vor sieben Uhr mit dem Putzen aufzuhören, klar? Dann bleibt dir immer noch Zeit genug, dich hübsch zu machen.“

Genau. Eine halbe Stunde, um sich im Wohnmobil unter die kalte Dusche zu stellen, umzuziehen und wieder im Club zu sein. Wenn sie zwischendurch nichts aß, konnte sie es schaffen. „Kein Problem.“ Sie brauchte das Geld.

Van Rickters Schweinsäuglein verschwanden fast völlig, als er sie zusammenkniff und Lucia misstrauisch musterte. „Sorg dafür, dass du ansehnlich aussiehst. Und crem deine Hände ein. So kannst du niemanden bedienen.“

„Klar.“ Lucia schenkte ihm ein Lächeln, von dem sie wusste, dass es Van Rickter weitaus mehr aus der Fassung brachte als ein schüchterner Blick. Sie würde schon dafür sorgen, reichlich Trinkgeld zu bekommen.

Attraktiv und gepflegt auszusehen war in diesem Job wichtiger als ein voller Magen. Nur so sind Trinkgelder garantiert, dachte Lucia, während sie mit zusammengebissenen Zähnen ihr wildes schwarzes Haar zu bändigen versuchte. Zuvor hatte sie wie immer eiskalt geduscht, warmes Wasser gab es in dem rostigen Wohnmobil nicht.

Den Caravan verdankte sie ihrem zweiten Job – allerdings hatte sie dafür noch kein Geld gesehen. Sie versuchte, Margaret zu unterstützen, die alte Dame, die das Gästehaus ‚Sundowner‘ führte, in dem Lucia früher mit ihren Eltern in den Ferien gewohnt hatte. Das Hotel lief nicht besonders gut, und Lucia half der Inhaberin, es mit neuem Leben zu füllen.

Zitternd rubbelte Lucia sich mit einem Badetuch trocken und versuchte, wieder warm zu werden. Dabei begutachtete sie kritisch und ein wenig ängstlich Graces Uniform. Sie sah viel zu klein aus. In letzter Zeit hatte Lucia ein bisschen zugenommen, weil sie den Köstlichkeiten, die Margaret ihr vorsetzte, nicht widerstehen konnte. Dabei hatte sie auch vorher schon durchaus weibliche Formen gehabt.

Sowohl ihr argentinischer Vater als auch ihre Mutter hatten den Kindern robuste Gene vererbt. Doch während ihre Brüder zu starken, großen Männern herangewachsen waren, die beinahe alle anderen überragten, war die Ausbeute bei Lucia nicht ganz so positiv ausgefallen. Sie selbst fand sich zu plump und üppig, was die Männer allerdings keineswegs abzuschrecken schien. Sie lagen ihr regelrecht zu Füßen – bis auf den einen in London, über den sie quasi gestolpert war.

Meine Brüder haben mir eindeutig die besten Erbanlagen weggeschnappt, überlegte Lucia, während sie Graces schmales Oberteil musterte. Jeder von ihnen hatte Gardemaß, sie dagegen war in jeder Hinsicht die kleine Schwester. Lucia kämpfte mit dem Bustier aus Stretchstoff und versuchte, ihre Brüste hineinzuzwängen, wohl wissend, dass es noch eine mindestens ebenso große Herausforderung bedeuten würde, die Hotpants anzuziehen. Wie ein stummer Vorwurf glitzerte der Stoff silbern und verführerisch und erinnerte sie daran, dass sie schon längst eine Diät hatte beginnen wollen.

Endlich war es ihr gelungen, das Oberteil ganz anzuziehen. Sie zog den Bauch ein und quälte sich in die Hose.

Puh!

Geschafft. Nur atmen durfte sie vermutlich nicht mehr.

Luke Forster lehnte sich zurück, legte die Füße, die in schweren Cowboystiefeln steckten, auf das kunstvoll geschnitzte Tischchen in seinem Zimmer im Grand Hotel in St. Oswalds und griff nach seinem klingelnden Telefon. Der Anruf kam aus Argentinien.

„Tu mir einen Gefallen und mach dich auf die Suche nach Lucia, während du in Cornwall bist, ja?“, bat Lukes bester Freund, Nacho Acosta, nachdem sie sich ausgiebig über das letzte Polospiel unterhalten hatten.

„Lucia ist in Cornwall?“

„Das hat sie zumindest behauptet.“

Luke zögerte. Musste das sein? Lucia war Nachos Schwester, und in ihrer Nähe gab es immer mehr Probleme, als ein Mann brauchte. Nachdem Nacho ihm Lucias Telefonnummer gegeben hatte, dachte Luke an die kleine Schwester seines Freundes. Und es schien ihm, als könne er sich eigentlich nur noch an ihre Brüste erinnern.

Das war definitiv die falsche Erinnerung. Nacho war sein bester Freund, und Lucia war fast so etwas wie eine Schwester für Luke. Da dachte man nicht an Oberweite.

Aber Lucias war schon spektakulär.

„Ich hab keine Ahnung, wo sie ist, Luke“, sagte Nacho gerade.

Luke riss sich zusammen und versuchte, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren.

„Dabei hat sie mir dieses Mal sogar eine Nachricht hinterlassen. Angeblich will sie Kindheitserinnerungen auffrischen.“

Tja, das tue ich auch gerade, dachte Luke und stöhnte innerlich auf. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und beschloss, ein paar Tage länger zu bleiben. Sein Kalender war vollgestopft mit Terminen für Wohltätigkeitsveranstaltungen der Stiftung seiner Familie und mit internationalen Poloturnieren. Da fehlte es ihm gerade noch, die Schwester seines Freundes suchen zu müssen. Schließlich war es auch nicht das erste Mal, dass Lucia verschwunden war. Immer schon hatte sie jede Gelegenheit genutzt, um ihren Brüdern zu entkommen und ihrem Ruf als Partygirl gerecht zu werden.

„Ja, ich weiß, sie ist erwachsen. Aber ich fühle mich immer noch verantwortlich für sie“, erklärte Nacho. „Du tust mir den Gefallen, oder?“

Wie hätte Luke ablehnen können? Nacho hatte die Verantwortung für seine Geschwister übernehmen müssen, als ihre Eltern bei dem Hochwasser umgekommen waren. Für die Brüder hatte es bedeutet, schnell erwachsen sein zu müssen. Und für Lucia, die Jüngste, hieß es, die Kindheit hinter sich zu lassen. Zunächst war alles gutgegangen. Doch dann war sie in die Pubertät gekommen …

„Ich werde sie finden“, versprach er. „Wenn sie Kindheitserinnerungen auffrischt, wie wär’s mit der Schule? Vielleicht ist sie dort?“

„Welche Schule?“

Sie lachten beide.

Ausgesprochen intelligent, aber ebenso einfallsreich, hatte Lucia mehr als eine Schulleiterin zur Weißglut gebracht. „Wenn sie in Cornwall ist“, überlegte Luke laut, „kann es nicht so schwierig sein, sie zu finden. Ich hab da so ein Gefühl“, fuhr er fort und dachte an Lucia, wie sie auf der Hochzeit getanzt hatte. Das Mädchen konnte sich wirklich bewegen.

„Danke“, sagte Nacho.

Ihr Gespräch wandte sich erneut dem Polo zu, doch Lukes Gedanken wanderten immer wieder zu Lucia. Auch seine Mutter stammte aus Cornwall, und so hatten die Familien immer gemeinsam Urlaub gemacht, in dem kleinen Hotel oberhalb der Klippen. Das Sundowner hatte gepflegte Stallungen und einen Zugang zum Strand, es war ein gemütliches Haus, die Gastfreundschaft war legendär. Das Haus hatte eine Atmosphäre, die mit Geld nicht zu bezahlen war.

Luke liebte Cornwall. Er genoss es, hier zu sein, wenn auch in diesem Fall geschäftlich. Nur hier fühlte er sich wirklich frei. Als Kind hätte er es nicht in Worte fassen können, doch heute wusste er: während er mit Lucias Brüdern am Strand getobt hatte und in die Wellen gesprungen war, war er ganz er selbst. Und er wünschte sich nichts sehnlicher, als dieses Gefühl der Begeisterung und der Freiheit noch einmal zu erleben.

„Sag Bescheid, wenn du etwas von ihr hörst, Luke“, bat Nacho. „Ich beneide dich darum, wieder in St. Oswalds zu sein. Weißt du noch, wie wir auf diesen wilden Ponys über den Strand galoppiert sind?“

„Wie könnte ich das vergessen?“ Er freute sich, dass Nacho ebenso empfand wie er. „Würdest du hierherkommen, wenn ich ein Poloturnier am Strand organisieren würde, wie früher?“

„Darauf kannst du wetten.“

Mit einem der weltbesten Polospieler nahm sein vager Plan Kontur an, und doch konnte Luke sich nicht dagegen wehren, dass er immer wieder an Lucia dachte.

Lucia und er waren völlig gegensätzlich. Luke war als Einzelkind aufgewachsen, brav und ordentlich. Die Acostas waren ihm fremd und reizvoll erschienen, mit ihren dunkel glühenden Augen und ihrer verwegenen Reitkunst. Irgendwann hatte er sie mit seinem Pferd am Strand abgepasst, damit sie sahen, was er konnte. Nacho hatte ihm beigebracht, im Galopp auf dem Pferderücken zu stehen, ein lebensgefährliches Unterfangen. Doch Lucia hatte er damit nicht beeindrucken können.

Erinnerst du dich, wie ihre Augen glitzerten, wenn sie eine Herausforderung annahm? Dieser dunkle, verschmitzte Ausdruck …

Diese verdammten Augen! Lucia brachte mehr Ärger mit sich, als sie wert war. „Ich ruf dich an, wenn ich was gehört habe, Nacho.“

Als er auflegte, war Lucia fest in seinem Kopf verankert.

Während des ganzen Tages schweiften seine Gedanken immer wieder zu der Freundin aus Kindertagen, und er erinnerte sich an das letzte Mal, als er sie gesehen hatte – auf einer Hochzeit ihrer Familie.

Er hatte den temperamentvollen Teenager erwartet, doch vor ihm stand eine erwachsene Frau. Eine heiße erwachsene Frau. Die Art, in der sie aufreizend vor ihm herumstolziert war, nur um sich im letzten Moment davonzumachen mit dem Vorwand, sie müsse einen ihrer Brüder suchen, hatte ein schmerzhaftes Gefühl in seiner Leistengegend verursacht. Die Rache dafür, hatte er sich vorgenommen, würde süß sein.

Vergiss Lucia, sagte er sich jetzt, während er mit dem Rasierer gegen die letzten widerspenstigen Bartstoppeln ankämpfte. Heute Abend war er mit einer attraktiven Blondine verabredet, die eine Eventagentur leitete. Das passte perfekt zu seinem Plan, das jährliche Poloturnier am Strand wieder aufleben zu lassen, das Lucias Vater vor langer Zeit ins Leben gerufen hatte.

In seinem Gespräch mit Nacho hatten seine Pläne Gestalt angenommen. Und nachdem er zunächst schockiert gewesen war, St. Oswalds in einem so heruntergekommenen Zustand vorzufinden, entwickelte er jetzt den Ehrgeiz, dem Ort zu neuem Glanz zu verhelfen.

Und Lucia? Welche Rolle würde sie spielen?

Soviel dazu, dass er sie vergessen musste. Luke betrachtete sein frisch rasiertes Gesicht im Spiegel. Es war ein hoffnungsloses Unterfangen. Immer noch sah man leichte Bartschatten, die ihm ein verwegenes Aussehen verliehen. Sein Vater, ein Amerikaner von der Ostküste, hatte sich immer beschwert, er wisse nicht, von wem Luke sein Aussehen geerbt habe. „Dieses dichte schwarze Haar, die dunkle Haut – und diese Muskelpakete … so gewöhnlich.“ Nach diesem Urteil hatte er Lukes Mutter meistens einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen und erklärt, da schlage wohl ihre Seite der Familie durch.

Das war die einzige Gemeinsamkeit, die ihn mit Lucia verband. Sie waren beide Außenseiter. Lucia war die Tochter, die nach Unabhängigkeit strebte – eine Unmöglichkeit in einer Familie mit vier Alphatieren – und er war der muskelbepackte, viel zu gewöhnlich wirkende Sohn im intellektuellen Princeton. Mal sehen, ob er seine Fähigkeiten einsetzen konnte, um einen Abend mit einer hübschen Frau und die Suche nach einem ungezähmten Mädchen miteinander zu kombinieren.

Am liebsten hätte Lucia sich in Luft aufgelöst. Luke Forster war hier. Es war unmöglich …

Aber es konnte keinen zweiten Mann geben, der so atemberaubend gut aussah wie Luke Forster. Was also machte er hier?

Wie angewurzelt blieb Lucia in einer Ecke des Clubs stehen, wo er sie nicht sehen konnte. „Beweg dich, Anita. Hier kommt schon die nächste Bestellung. Du weißt, dass wir knapp besetzt sind heute Abend“, fuhr der Barkeeper sie an, doch sie hörte es nicht.

„Vorwärts, Anita!“

Erst die unangenehme Stimme von Van Rickter brachte sie wieder in Bewegung. Warum musste er immer so laut sprechen und so die Aufmerksamkeit auf sie lenken? Die Namensänderung würde Luke keine Sekunde täuschen, das wusste sie. Zu allem Übel war er nicht allein – eine sehr glamouröse Blondine begleitete ihn. Lucia konnte sich bestens vorstellen, wie die beiden über sie lachten, wenn Luke in seiner rauen, spöttischen Stimme erzählen würde, dass Lucia ständig von zu Hause weglief und dieses Mal anscheinend als Tarnung einen anderen Namen angenommen hatte.

„Danke, Schätzchen“, sagte der Barmann und schob ihr ein weiteres Tablett über den Tresen. „Du bist die Beste.“

Sie nahm einen Umweg, um Luke nicht zu begegnen. Um keinen Preis sollte er sie so sehen … Hier, als Bardame. Jederzeit hätte Lucia ihr Recht verteidigt zu arbeiten. Doch Luke kannte sie zu gut, um nicht zu erkennen, wie sehr sie sich verändert hatte. Schmutzig … Entwürdigt … Beschämt und verunsichert …

Doch irgendwann würde sie zurückschlagen. Zu gegebener Zeit und auf ihre Weise.

Lucia verdrängte die Erinnerung an die jüngste Vergangenheit und dachte über Luke nach. Sie hatte alles versucht, um ihn sich aus dem Kopf zu schlagen, doch nichts hatte funktioniert. Je mehr sie es probierte, umso weniger gelang es. Und nachdem sie bei ihrem letzten Treffen so ungehemmt mit ihm geflirtet hatte, war sowieso alles anders. Mit ihrer zügellosen Lebensweise hatte sie das Schicksal herausgefordert, und jetzt musste sie den Preis dafür zahlen.

Die Frau neben ihm war genau Lukes Typ. Elegant, scharf, erfolgreich und sehr adrett gekleidet. Lucia bezweifelte, dass eine Frau an Lukes Seite sich jemals in eine unangenehme Position bringen würde – na ja, außer beim Yoga vielleicht. Ihre Zähne leuchteten in dem ultravioletten Licht beneidenswert weiß. Niemand will so leuchten– es sei denn, er glaubt, eine Taschenlampe zu sein, dachte Lucia verächtlich. Doch das war nur ein schwacher Trost.

„Wohin willst du?“

Als Lucia Van Rickters Stimme hörte, erstarrte sie. Sie hatte das Tablett mit den leeren Gläsern abgeräumt und wollte sich ins Lager verkrümeln, bevor Luke sie entdeckte. Energisch rieb sie sich die Arme. „Ich finde es kalt hier, du nicht? Deshalb wollte ich die Heizung höherstellen.“

„Zieh dir was über“, erwiderte Van Rickter. „Die Uniform ist für schlankere Mädchen als dich entworfen worden. Im Lager müssten noch ein paar unförmige Sachen vom vergangenen Jahr liegen.“

„Genau darauf hatte ich gehofft“, gab Lucia mit einem strahlenden Lächeln zurück. Sie ließ Van Rickters Beleidigungen an sich abperlen und schaute noch einmal ängstlich zurück. Zum Glück war Luke noch in sein Gespräch mit der Blondine vertieft.

Luke war nicht nur der beste Freund ihrer Brüder, sondern auch Ehrenmitglied im Club der Lucia-Beschützer, die nicht einsehen wollten, dass sie nicht mehr das kleine zehnjährige Mädchen war. Auf keinen Fall durfte er sie in viel zu knappen silbernen Hotpants und einer Bluse sehen, deren Ausschnitt definitiv nicht jugendfrei war.

„Warte!“, bellte Van Rickter, und Lucia befürchtete, dass sein lauter herrischer Tonfall Lukes Aufmerksamkeit erregen würde. „Wenn du länger als fünf Minuten wegbleibst, bist du gefeuert. Klar?“

„Sonnenklar.“ Langsam bewegte sich Lucia Richtung Lager.

„Sieh zu, dass du die größte Uniform findest, die wir haben“, frotzelte Van weiter.

„Danke für den Tipp.“

Erleichtert ließ sie die Tür hinter sich zuklappen. Es war ihr total egal, was Van Rickter von ihr dachte. Seit dem Erlebnis in London wünschte sie sich, eine geschlechtslose Amöbe zu sein, ohne Brüste oder Taille. Und Luke zu sehen hatte diesen Wunsch nur noch dringender gemacht. Sie war weit davon entfernt, flirten zu wollen. Am liebsten hätte sie nie wieder etwas mit Männern zu tun gehabt.

Und wie verkorkst ihr Leben im Moment auch sein mochte – sie musste es selbst wieder in Ordnung bringen, nicht ihre Brüder. Und ganz sicher nicht Luke.

Die Uniform vom Vorjahr war auch nicht viel größer als die aktuelle, aber zumindest gehörte ein Rock dazu. Naja, zumindest etwas, das die Ahnung eines Rocks aufkommen ließ. Sie zwängte sich hinein, nahm die Bluse vom Bügel und schloss sie über ihren üppigen Brüsten. Zögernd betrachtete sie die Plastikblüte, die dafür gedacht war, sie hinter das Ohr zu stecken. Nein, alles hatte seine Grenzen.

Als sie die Tür zum Clubraum öffnete, stand sie direkt vor Luke. Schicksal – er wartete an der Bar, um Drinks zu bestellen. Atemlos beugte sie sich über ihre Tasche, um seinem fassungslosen Blick ...

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