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Partygirl sucht Mann fürs Leben

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PROLOG

„Ich sehe einen attraktiven Mann in Ihrer Zukunft.“

Ella Sanborn verkniff es sich, bei diesen Worten die Augen zu verdrehen. Okay, sie war manchmal vertrauensvoller, als es gut für sie war. Und sie war abergläubisch, wie ihr heutiger Besuch bei einer Wahrsagerin bewies. Aber ein kompletter Dummkopf war sie nicht. Sie war sich ziemlich sicher, dass dies Madame Maroushkas Standardprophezeiung für jede junge, ungebundene Frau war, die bei ihr auftauchte.

„Was ist mit einem Job?“, wollte sie wissen. „Sehen Sie da etwas? Vorzugsweise mit angenehmen Arbeitszeiten, bezahltem Urlaub und einer guten Krankenversicherung.“

Madame Maroushka hob ruckartig den mit einem bunten Seidenschal umwickelten Kopf: „Sie sind doch Single, nicht wahr?“, fragte sie mit schwerem baltischem Akzent.

„Ja.“

„Aber Sie sind nicht an einem Mann interessiert?“

„Nein.“ Der Gedanke an ihren Ex ließ Ellas Stimme sehr resolut klingen.

Bradley war so ziemlich das Gegenteil von loyal gewesen. Als ihr Vater wegen Insiderhandels vor Gericht gebracht wurde, hatte er sie wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, um seinen laufenden Mitgliedsantrag bei einem elitären Club in Manhattan nicht zu gefährden. Später, nachdem die gegen Oscar Sanborn erhobenen Vorwürfe wieder fallen gelassen wurden, hatte er Ella einen verlogenen Brief geschrieben, in dem er beteuerte, dass er im Grunde immer von Oscars Unschuld überzeugt gewesen sei und inständig hoffe, dass sie ihm vergeben könne.

So viel zu wahrer Liebe. Ella hatte ihm vergeben, weil er ihr – wie die meisten ihrer sogenannten „Freunde“ – sein wahres Gesicht gezeigt und ihr somit letztendlich einen Gefallen getan hatte. Seitdem hatte sie sich mit niemandem mehr ernsthaft verabredet.

„Dieser Mann ist aber sehr gut aussehend“, gab Madame Maroushka zu bedenken.

Ella schüttelte den Kopf. „Ich habe im Moment ganz andere Probleme.“

„Aber er ist reich.“ Die Wahrsagerin lächelte gerissen und entblößte dabei einen goldenen Eckzahn.

„Ich hätte trotzdem lieber einen Job.“

„Angeln Sie sich einen wohlhabenden Mann, und Sie müssen nie wieder arbeiten, mein Kind.“

„Ja, so etwas habe ich schon mal gehört“, murmelte Ella. Ihre frühere Stiefmutter Camilla war Spezialistin auf diesem Gebiet. Sie hatte Ellas Vater auf der Höhe seines Erfolgs geheiratet, um ihn, als ihn das Glück verließ, umgehend gegen einen betuchten spanischen Schönheitschirurgen auszutauschen. Nein, vielen Dank, sie würde ihre Rechnungen lieber selbst bezahlen. Und da sie mit den meisten bereits im Verzug war, brauchte sie dringend eine Einnahmequelle.

Sie deutete mit dem Kopf auf ihre Handfläche. „Empfangen Sie vielleicht irgendwelche Schwingungen von La Chanteuse auf der Dreiunddreißigsten?“

Ella hatte sich dort vor mehr als einer Woche als Verkäuferin beworben, aber bisher noch nichts gehört. In ihrer Lage musste sie nehmen, was sie bekommen konnte, und schließlich gab es Schlimmeres, als in einem exklusiven Modegeschäft zu arbeiten. Sie bekäme dort einen zwanzigprozentigen Rabatt auf die Ware, und es gab dort eine Handtasche, die förmlich Ellas Namen schrie. Es war nicht leicht, ein Modefreak zu sein, wenn das Budget gerade mal für einen Wohltätigkeitsladen reichte.

„Die Kräfte, mit denen ich verbunden bin, lassen sich nicht beeinflussen“, klärte Madame Maroushka sie auf. „Sie entscheiden, was ich sehe, während ich Ihre Hand studiere, und ich sehe einen Mann. Er ist groß und …“

„… dunkel und attraktiv“, ergänzte Ella ungeduldig.

„Hey, soll ich weitermachen oder wollen Sie sich lieber selbst aus der Hand lesen?“

Ella blinzelte überrascht, als der osteuropäische Akzent der Frau unvermittelt in einen waschechten New-Jersey-Slang überging.

„Nein, natürlich nicht“, versicherte sie eilig. „Bitte fahren Sie fort.“

Madame Maroushka nickte und besann sich wieder ihrer baltischen Wurzeln. „Er ist einsam, dieser Mann. Er hat helles Haar und helle Augen, und er … sucht nach jemandem …“

Trotz der drängenden Probleme, die Ella hierhergeführt hatten, war sie wider Willen fasziniert. „Aber er ist Single?“

„Was soll er denn sonst sein?“ Erneut drängten sich unüberhörbare New-Jersey-Anklänge in Madame Maroushkas Aussprache. „Ich sagte doch gerade, dass er einsam und auf der Suche ist.“

„Ja, aber das eine muss das andere nicht ausschließen“, wandte Ella ein. „Letzten Monat war ich mit einem Mann essen, der auch behauptete, einsam und auf der Suche zu sein. Außerdem war er verheiratet und hatte zwei Kinder.“

Ein Detail, das ihm entfallen war, bis seine Frau in dem Restaurant auftauchte und eine bemerkenswerte Szene hinlegte.

Madame Maroushka nickte langsam. „Ich verstehe, was Sie meinen. Aber dieser hier ist wirklich Single.“

„Und ist dieser gut aussehende Single möglicherweise auf der Suche nach einer Angestellten? Ich kann recht gut kochen und weiß auch, wie man einen Boden wischt oder eine Toilette sauber macht.“

Die Wahrsagerin verzog skeptisch die Lippen. „Ich glaube nicht, dass er eine Haushälterin oder Köchin sucht. Ich sehe euch beide bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung.“

„So etwas wie eine Party?“

„Ich glaube ja. Er trägt einen maßgeschneiderten Smoking, und Sie trinken mit ihm Champagner.“

„Und was habe ich an?“, wollte Ella wissen. „Ist es ein fuchsienrotes Cocktailkleid mit einer safranfarbenen Schärpe?“ Vor einigen Monaten hatte sie das todschicke Designer-Unikat bei einem Ausverkauf zu einem Spottpreis ergattert. Allerdings hatte sich bisher noch keine Gelegenheit ergeben, es zu tragen, und überhaupt …

„Vergessen Sie das mit dem Kleid“, sagte sie, entschlossen, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Ich werde in absehbarer Zeit an keinen Partys teilnehmen. Was ich brauche, ist wie gesagt ein Job. Oder besser noch, ein richtiger Beruf mit einer dauerhaften Perspektive.“

Eine Karriere in der Modewelt wäre Ellas Traum gewesen, aber ihre Ex-Stiefmutter hatte gute Beziehungen und kannte eine Menge Leute in der Branche. Mit bösartigem Klatsch und gezielt verbreiteten Lügen hatte sie es erreicht, dass niemand bereit war, Ella einzustellen. Wer wollte sich schon mit Camilla anlegen?

Madame Maroushka betrachtete erneut Ellas Handlinien und stutzte plötzlich. „Also, das ist … wirklich äußerst bemerkenswert …“

„Was denn?“

„Ich sehe die Party als Ihre Karriere.“

„Ach wirklich?“ Interessiert beugte Ella sich vor. „Meinen Sie, ich habe sie organisiert oder so etwas?“

„Könnte sein“, räumte Madame Maroushka ein.

Ella mochte Partys. Sowohl die noblen, von denen sie als Tochter eines mächtigen Wall-Street-Tycoons zahllose besucht hatte, wie auch die lässige Variante mit Kartoffelchips und einem Fässchen Bier. „Hm …“, murmelte sie und biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. „Wie viel, glauben Sie, bekommt man für das Organisieren einer Party bezahlt?“

Madame Maroushka zuckte die Schultern. „Da bin ich überfragt. Das hängt vermutlich davon ab, für wen Sie die Party organisieren und welcher Stil gewünscht wird, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Mit anderen Worten: Je tiefer die Taschen des Auftraggebers, umso höher das Honorar. Das machte Sinn.

Ella kannte eine Menge Leute, deren Taschen sehr tief waren. Bevor ihr Vater Bankrott gemacht hatte, war er selbst einer von ihnen gewesen.

Madame Maroushka warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Die Zeit ist jetzt um“, verkündete sie in geschäftsmäßigem Tonfall und reichte Ella ein Stück gelbes Papier, auf dem die Adresse einer Druckerei und das Wort Gutschein stand. „Hier bitte. Und vielen Dank für Ihr Kommen.“

Mit einem fragenden Blick nahm Ella den Zettel entgegen. „Wofür ist der?“

„Mein Neffe ist der Besitzer dieses Ladens. Er sieht sehr gut aus und ist Single.“ Als Ella sie darauf nur stumm anstarrte, fügte die Wahrsagerin lächelnd hinzu: „Er hat gerade eine Spezialofferte für Visitenkarten im Programm. Mit diesem Coupon bekommen Sie tausend Stück zum Preis von achthundert. Als Partyplanerin braucht man doch ausreichend Geschäftskarten, nicht wahr?“

Warum eigentlich nicht? überlegte Ella. Schließlich hatte sie nichts zu verlieren. Sie bezahlte Madame Maroushka und ging zu der Druckerei, wo sie den Rest ihrer Barschaft für Visitenkarten und Werbeflyer ausgab, die sie im Laufe der folgenden zwei Tage in ganz Manhattan verteilte.

Zwei Wochen später sah es so aus, als hätte sich ihre Investition ausgezahlt. Sie hatte ein Meeting mit einem Kunden, der über ganz besonders tiefe Taschen verfügte. Es gab dabei nur einen kleinen Pferdefuß: Bei der Feier, die sie für ihn planen sollte, handelte es sich um eine Totenwache.

1. KAPITEL

Chase Trumbulls Laune war auf dem Nullpunkt, als er das Geschäftsgebäude von Trumbull Toys Corporated betrat. An diesem Freitag herrschte fantastisches Juniwetter, und die Angestellten zählten schon die Stunden, die sie noch von einem sonnigen Wochenende in freier Natur trennten. Für Chase dagegen hätte es ebenso gut ein dunkler, kalter Montag sein können. Die Unternehmensaktien gingen in den Keller, und die Gerüchte über seinen Onkel, die in letzter Zeit in der Finanzwelt kursierten, waren mehr als beunruhigend.

Doch da er trotz allem nicht blind war, verlangsamte er automatisch den Schritt und drehte sich zu der Frau um, an der er soeben vorbeigeeilt war. Sie beugte sich zu etwas hinunter, das sie wohl gerade verloren hatte, und schien sich überhaupt nicht des provozierenden Anblicks bewusst zu sein, den ihre Rückseite dabei bot. Ein superkurzer Rock im Zebralook umschmiegte den aufregendsten Po, den Chase je gesehen hatte. Dazu endlos lange Beine und schwarze High Heels mit roter Sohle …

Oh Mann!

Der Anblick drückte sämtliche Knöpfe seiner erotischen Wunschskala gleichzeitig, doch dies war weder der Ort noch der Zeitpunkt, um seinen niederen Gelüsten nachzugeben. Der Gedanke an die zu erwartenden Umsatzzahlen des zweiten Quartals genügte, um den heißen Film zu stoppen, der seit zwei Minuten in Chase’ mentalem Kino ablief.

Das alarmierende Sinken der Verkaufszahlen im letzten Jahr hatte Vorstand und Aktionäre gleichermaßen in Unruhe versetzt. Und dann dieses verdammte Gerede über Onkel Elliot …

Jetzt richtete sich die Frau wieder auf und drehte sich zur Seite. Als sie Chase bemerkte, warf sie ihm ein entschuldigendes Lächeln zu. Dabei erschienen zwei reizende Grübchen auf ihren Wangen.

„Tut mir leid. Ich hoffe, ich war Ihnen nicht im Weg.“

„Ganz und gar nicht“, murmelte Chase, der gerade eine bemerkenswerte Besonderheit ihres Aussehens entdeckt hatte. „Das ist ja unglaublich! Eines Ihrer Augen ist blau und …“

„… das andere braun“, ergänzte sie trocken. Ja, das macht das Ausfüllen offizieller Formulare etwas schwierig.“

„Das kann ich mir vorstellen …“ Als Chase bewusst wurde, dass er sie wie ein Idiot anstarrte, riss er sich zusammen und schlug einen beiläufigen Tonfall an. „Haben Sie eben etwas verloren?“

„Im Gegenteil. Ich habe etwas gefunden.“ Mit einem strahlenden Lächeln zeigte sie ihm ein angelaufenes Geldstück.

Chase musterte es ausdruckslos. „Aha, ein Penny …“

„Ein Glückspenny“, korrigierte sie ihn. „Es ist ein Omen, und in diesem Fall ein sehr gutes. Ich bin nämlich wegen eines Jobs hier.“

Chase war zu realistisch veranlagt, um auf Omen zu setzen. Jeder bestimmte sein Glück selbst, davon war er fest überzeugt. Sein Onkel Elliot war das perfekte Beispiel dafür. Bis heute war er der kreative Kopf hinter dem milliardenschweren Unternehmen, das er vor vier Jahrzehnten aus dem Nichts mit Spielsachen gegründet hatte, die man bis heute auf der ganzen Welt liebte und sammelte.

Visionäres Denken, Leidenschaft und harte Arbeit – das war der Stoff, aus dem Erfolg gemacht war, mit Magie hatte das gar nichts zu tun. Auch wenn Chase zugeben musste, dass Elliot in letzter Zeit eine ziemlich schlechte Phase hatte.

„Und Sie glauben, der Fund dieses Pennys würde Ihnen jetzt weiterhelfen?“

Die hübsche Fremde zuckte die Schultern. „Es kann jedenfalls nicht schaden, oder?“

Dem konnte Chase nicht widersprechen.

Gemeinsam gingen sie zu den Aufzügen, wo etwa ein Dutzend Menschen in konservativen Businessoutfits warteten. Bei Chase’ Anblick teilte sich die Menge wie das rote Meer. Die Türen des ersten Lifts öffneten sich, doch niemand stieg ein.

Chase war daran gewöhnt. Seit Elliot ihn aus Kalifornien hierher zurückgeholt hatte, um das sinkende Schiff wieder flottzumachen, wurde sein straffer Führungsstil allgemein gefürchtet. Als Folge davon gingen ihm die Mitarbeiter aus dem Weg, wo sie nur konnten.

Die junge Frau im Zebrarock dagegen trat ohne zu zögern mit ihm in die Kabine und hielt eine Hand vor die Lichtschranke. „Will hier sonst niemand mitfahren?“, rief sie verwundert.

Einige in der Schar wandten den Blick ab, andere stammelten etwas Unverständliches. Ein Auszubildender mit Flaumbart und Pubertätspickeln wurde rot wie eine Tomate.

„Sie werden den nächsten nehmen“, klärte Chase sie auf.

„Aha. Na gut …“ Sie zog ihre Hand zurück, und die Türen schlossen sich. Chase drückte die Knöpfe für den zweiten und den siebzehnten Stock, doch als sie ihr erstes Ziel erreicht hatten, rührte seine Begleiterin sich nicht von der Stelle.

„Wir sind im zweiten Stock“, teilte Chase ihr mit. „Wollten Sie hier nicht aussteigen?“

Ein blaues und ein braunes Auge blickten ihn verwirrt an. „Nein, ich dachte, Sie wollten es.“

„Warum sollte ich hier aussteigen wollen?“

„Woher soll ich das wissen? Sie waren doch derjenige, der die Knöpfe gedrückt hat.“

„Sie sagten, Sie seien wegen eines Jobs hier, und die Personalabteilung befindet sich auf dieser Etage.“ Chase deutete den Korridor hinunter. „Es ist die letzte Tür auf der linken Seite. Dort füllen alle Bewerber zuerst verschiedene Formulare aus, bevor sie zu einem Gespräch mit dem jeweiligen Abteilungsleiter geschickt werden.“

„Ich glaube, hier handelt es sich um einen Irrtum.“

„Nein, das ist schon der richtige Ablauf.“ Jetzt blockierte Chase die Lichtschranke, um die Türen offen zu halten. „Vermutlich haben Sie irgendetwas falsch verstanden.“

„Nein, habe ich nicht“, beharrte sie. „Es ist nämlich so, dass ich den Job schon habe und mich jetzt mit meinem Kunden im siebzehnten Stock treffe.“

In diesem Moment fiel bei Chase der Groschen. Seine Hand sank herab, die Aufzugtüren schlossen sich erneut. „Sie sind die Partyplanerin“, stellte er mit steinerner Miene fest.

„Stimmt genau, ich bin Ella Sanborn. Aber woher …“ Sie verstummte, und ihre verschiedenfarbigen Augen weiteten sich. „Jetzt sagen Sie mir bitte nicht, dass Sie Mr Trumbull sind. Ich meine … Sie klangen am Telefon so anders …“

„Es gibt drei Mr Trumbulls“, klärte Chase sie auf. „Ich bin Chase und vermute, dass Sie gekommen sind, um mit meinem Onkel Elliot zu sprechen.“

„Es tut mir so leid, dass er im Sterben liegt.“

„Mein Onkel liegt nicht im Sterben!“

„Nicht? Aber als er anrief, beauftragte er mich, eine irische Totenwache auszurichten, und zwar für ihn.“

Chase rieb sich kurz den verspannten Nacken. „Mein Onkel ist auch kein Ire.“

„Ja, aber … was soll das Ganze dann? Ich meine, warum bestellt jemand eine irische Totenwache, wenn niemand im Sterben liegt und er kein Ire ist?“

„Mein Onkel hat seine Gründe.“ Einige davon konnte Chase weder verstehen noch befürworten. „Er ist eben wie er ist.“

„Was heißt das denn konkret?“, wollte Ella wissen.

Chase presste die Lippen zusammen. Er weigerte sich, den Gerüchten über die zunehmende geistige Verwirrung seines Onkels Glauben zu schenken, und wollte ganz sicher nicht zu ihrer Verbreitung beitragen.

Ella nahm sein Schweigen gelassen entgegen. „Okay“, meinte sie nur. „Ich halte es ohnehin für besser, mir ein eigenes Bild von ihm zu machen.“

Na, großartig. Wie dieses Bild aussehen würde, nachdem sie mit Elliot geredet hatte, konnte Chase sich lebhaft vorstellen.

Vor einigen Jahren hatte Ella im Fernsehen eine Dokumentation über Elliot Trumbull und seine bunte, verrückte Wirkungsstätte gesehen, doch als sie nun erwartungsvoll aus dem Fahrstuhl trat, erlebte sie eine herbe Enttäuschung.

„Das hier soll die sagenumwobene Trumbull Toy Company sein?“, fragte sie gedehnt, während ihr Blick über die triste Besucherzone schweifte: Eine beigefarbene Sitzgruppe vor beige gestrichenen Wänden, ein niedriger Glastisch mit ordentlich aufgereihten Zeitschriften, ein paar obligatorische Grünpflanzen, und das war’s.

Wo war Randy, der lebensgroße Roboter? Wo waren die Baseball-Körbe, der Superkicker-Fußballtisch, die Minitrampoline?

Chase beobachtete sie aufmerksam von der Seite. „Was haben Sie denn erwartet?“

Ella gab ein schwaches Lachen von sich. „Spielsachen, nehme ich an.“

„Die habe ich entfernen lassen. Ich fand, dass sie nur ablenken und den Angestellten ein falsches Bild von ihrem Arbeitsplatz vermitteln. Dies ist ein Ort, an dem Geschäfte gemacht werden.“

Genau, und zwar mit Spielsachen, dachte Ella, doch sie verkniff es sich, den Satz laut auszusprechen.

Hinter dem hufeisenförmigen Empfangstresen saßen drei Mitarbeiterinnen und bearbeiteten die Tastaturen ihrer PCs. Ab und zu warfen sie Chase einen verstohlenen Blick zu, aber keine wagte es, ihn direkt anzusehen. Offenbar hatten hier alle einen Heidenrespekt vor ihm.

Ella fühlte sich von Chase zwar nicht eingeschüchtert, doch sie musste zugeben, dass er mit seiner ernsten Miene, dem dunklen Maßanzug und der perfekt gebundenen Krawatte extrem seriös, um nicht zu sagen unnahbar wirkte. Eigentlich war er überhaupt nicht ihr Typ, doch aus einem unerfindlichen Grund fand sie ihn dennoch attraktiv.

Wahrscheinlich war sein Haarwirbel Schuld daran. Ella war verrückt nach Haarwirbeln, und der von Chase war ein echter Hingucker. Er saß links von seinem Scheitel und verlieh ihm eine rebellische Note, ohne die er vielleicht eine Spur langweilig ausgesehen hätte.

Überdies knüpften sich alle möglichen Formen von Aberglaube an Haarwirbel. Manche hielten sie für ein Zeichen des Teufels, für andere bedeuteten sie Glück und ein langes Leben. Ellas beste Freundin Sandra Chesterfield schwor darauf, dass Männer mit Haarwirbeln die besseren Liebhaber waren. Falls das zutraf, stellte sich die Frage, ob jemand mit einem Wirbel an besonders prominenter Stelle …

„Das ist Ella Sanborn“, informierte Chase eine der Empfangsdamen. „Sie ist mit Elliot verabredet.“

„Ja, Sir.“ Die junge Frau nickte beflissen. „Er erwartet Miss Sanborn bereits.“ An Ella gewandt, fügte sie hinzu: „Es ist das dritte Büro auf der linken Seite.“

Chase begleitete sie. „Klopfen Sie einfach kurz und gehen dann sofort hinein“, riet er ihr. „Wenn Sie darauf warten, dass er antwortet, stehen Sie morgen früh noch hier.“

Ella, der diese Vorgehensweise ziemlich rüde erschien, machte ein skeptisches Gesicht. „Sind Sie sicher, dass er nicht beschäftigt ist?“

Chase blickte auf seine Armbanduhr. „Gleich wird er es jedenfalls sein. Es ist fast Zeit für das Rennen.“

„Wie bitte?“

„Sie werden schon sehen.“ Einer seiner Mundwinkel hob sich, was fast einem Lächeln gleichkam. Es ließ seine Züge weicher erscheinen und hinterließ einen Hauch von Benommenheit in Ella. Unwillkürlich fragte sie sich, wie er wohl mit einem breiten Grinsen und einem fröhlichen Funkeln in den Augen aussehen mochte.

„Also dann. Glück brauche ich Ihnen ja nicht mehr zu wünschen, nachdem Sie den Penny in der Lobby gefunden haben.“

Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand hinter der Tür, an der sie zuerst vorbeigekommen waren. Das Messingschild mit der Aufschrift Chase Danforth Trumbull III., Leiter der Finanzabteilung ließ darauf schließen, dass es sich um sein Büro handelte.

Die Tür daneben war mit einer Metallplakette versehen, auf der Owen Scott Trumbull, Geschäftsführer zu lesen war. Das Namensschild an der dritten Tür verkündete in weißer Comicschrift vor leuchtend rotem Hintergrund, dass hier Elliot Trumbull, Lieferant aller Dinge, die Spaß machen zu finden war.

Trotz ihrer Nervosität musste Ella grinsen. Nachdem sie geklopft und gemäß Chase’ Rat gleich darauf die Tür geöffnet hatte, konnte sie nur mit Mühe einen Aufschrei des Entzückens unterdrücken.

Ja, das ging schon mehr in die Richtung, die sie sich vorgestellt hatte!

Zwischen, über und unter den zahlreichen Möbelstücken hindurch, mit denen der weitläufige Raum vollgestellt war, wand sich eine Mini-Autorennbahn, die das Herz jedes Jungen hätte höher schlagen lassen. Und auch ihr eigenes, wie Ella im Stillen zugeben musste.

„Sie kommen gerade rechtzeitig“, rief ihr der Mann zu, der auf der obersten Sprosse einer Leiter balancierte, von wo aus er die ganze Strecke überschauen konnte.

Elliot Trumbull in Fleisch und Blut! Obwohl er seit der Fernsehsendung etwas älter geworden war, erkannte Ella ihn sofort. Er trug eine mit zahlreichen Aufklebern bestückte Rennfahrerjacke und hielt eine Flagge in der einen und eine orangefarbene Startpistole in der anderen Hand.

Als er den Startschuss abgab, setzten sich drei etwa zehn Zentimeter große Fahrzeuge in Bewegung.

„Durch den Schuss werden sie soundaktiviert“, erläuterte Elliot. „Danach steuert ein Computer den Ablauf des Rennens. Haben Sie Lust, eine kleine Wette abzugeben?“

„Ich setze einen Zehner auf Nummer siebenundsiebzig“, entschied Ella spontan, und hoffte, dass sie für den Fall der Fälle genug Geld dabei hatte.

„Warum gerade der?“, wollte Elliot wissen.

„Weil Blau meine Lieblingsfarbe und sieben meine Glückszahl ist.“

„Klingt vernünftig“, stimmte Elliot ihr ohne jede Ironie zu. „Ich nehme aus demselben Grund immer den Roten mit der Acht. Sie müssen Ella sein.“

Er stieg von der Leiter und kam zu ihr herüber. Ella schätzte sein Gewicht auf ungefähr hundertachtzig Kilo, von denen sich die meisten um seine Mitte herum befanden. Mit seinem struppigen Schnurrbart und der wilden, grauweiß melierten Haarmähne sah er aus wie ein schwergewichtiger Bruder von Einstein.

„Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Mr Trumbull.“

Ella streckte ihm die Hand entgegen, doch anstatt sie zu schütteln, zog Elliot sie an seine Lippen und hauchte einen galanten Kuss darauf.

Einstein trifft Sir Galahad.

„Nennen Sie mich Elliot. Wir halten hier nicht viel von Formalitäten, jedenfalls ich nicht. Ich leite zumindest im Moment noch eine Spielzeugfabrik, und dass sollte mit Spaß verbunden sein, finden Sie nicht?“

„Unbedingt“, pflichtete Ella ihm bei.

„Schön, dass wenigstens Sie meiner Meinung sind. Möchten Sie etwas trinken?“

Ella schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, danke.“

„Okay, dann setzen wir uns und fangen gleich an.“

Der Raum verfügte über keine Sitzecke im klassischen Sinn. Stattdessen gab es zwei weiße Stühle in Form ausgehöhlter Eier auf durchsichtigen Plastikständern und eine kissenbestückte Hollywoodschaukel, die an zwei dicken Drahtseilen von der Decke hing. Als Ella sich hineinsetzte, geriet sie mit einem leisen Knirschen in Bewegung.

„Bequem?“, fragte Elliot.

„Sehr. Meine Großmutter hatte so eine in ihrem Haus.“

Elliot strahlte. „Meine ebenfalls. Als Junge sind mir darin immer die besten Ideen gekommen, deswegen habe ich hier auch eine. Ich möchte Sie etwas fragen, Ella. Glauben Sie, dass Spielzeug nur etwas für Kinder ist?“

„Sind wir im Herzen nicht alle Kinder?“, gab sie die Frage zurück.

„Nicht alle. Ach, wo wir gerade vom Teufel sprechen …“

Ella folgte Elliots Blick und sah Chase im Türrahmen stehen. Seine angespannte Miene stellte den größtmöglichen Gegensatz zu dem einladenden Lächeln seines Onkels dar.

„Tut mir leid, dass ich euer Gespräch unterbreche, Onkel Elliot. Ich wollte dich nur daran erinnern, dass wir vor der Direktionssitzung heute Nachmittag noch einige Berichte durchgehen müssen.“

„Immer diese ewigen Sitzungen und Berichte.“ Elliot deutete mit dem Daumen auf Chase und fügte mit einem vertraulichen Wispern, das bis zur Tür zu hören war, hinzu: „Der da arbeitet nur und spielt niemals.

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