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Parties

Carl van Vechten (1880–1964) war Theater-, Tanz- und Musikkritiker, Fotograf und Autor von neunzehn Büchern (darunter sieben Romane). Er gilt als eine der zentralen Figuren der «Harlem Renaissance» und machte sich als Sammler, Förderer (zum Beispiel von Isadora Duncan, George Gershwin), Philanthrop, Intimus und Nachlaßverwalter von Gertrude Stein einen Namen. Er war Modernist und Avantgardist, Kosmopolit, Bohemien, Salonlöwe, Lästermaul und Zeit seines Lebens das ungekrönte und unbestrittene Haupt der New Yorker Café Society.

Der kanadische Künstler und Illustrator Maurice Vellekoop zeichnet u.a. für die «Vogue», die «New York Times» und Drawn & Quarterly, den Verlag, der auch seine Bücher herausgibt. Charakteristisch für seine Arbeiten sind seine witzig dekadenten Szenarien und die ironische Eleganz seines eigenwilligen Stils.

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Der Herausgeber Armin Abmeier, geboren 1940 in Göttingen, arbeitete als Buchhändler und in der Verlagswerbung, danach über 20 Jahre als Verlagsvertreter für literarische und Kunstbuchverlage. Er ist Viel-Leser und Sammler (Erstausgaben, Bilderbücher, Comics), seit 1991 Herausgeber illustrierter Bücher, vor allem der Tollen Hefte (www.tolle-hefte.de).

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Ein Roman
von

Carl Van Vechten

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und ein Essay
über Carl Van Vechten
von
Coleman Dowell

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Dieses Buch ist mit tiefer Zuneigung
Armina Marshall und Lawrence
Langner gewidmet, die mit mir zu
vielen Partys gegangen sind.

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«Ce n’est pas dans la nouveauté, c’est
dans l’habitude que nous trouvons
les plus grands plaisirs.»

Raymond Radiguet

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Hamish Wilding war damals sehr betrunken, aber er vergaß später niemals die derangierte Gestalt von David Westlake, als dieser ohne Hut und mit zerzaustem Haar in der Bar der Harlemer Flüsterkneipe, wo sie sich verabredet hatten, vor ihm auftauchte. Auf Davids Lippen war Blut, als sie sich zu einem Schrei öffneten: «Ich habe einen Mann umgebracht, oder er hat mich umgebracht. Wir waren zu dritt auf der Treppe. Ich meine … O Gott!»

Bevor er der neugierigen Gruppe, die in der Bar herumhing, mehr Informationen belastender Natur unterbreiten würde, zog Hamish seinen Freund nach draußen und warf ihn recht und schlecht in den Fond eines Taxis, das zufällig am Bürgersteig wartete.

Als sie über die Seventh Avenue und durch den Park fuhren, setzte David undeutlich seine seltsame Geschichte fort: «Ich sage dir, drei von uns auf der Treppe. Wir wollten hineingehen.»

«Wo war das?» Hamish fischte nach einem Anhaltspunkt.

«Ich meine … O Gott! Im Inneren der Erde. Klettern, immer nur klettern … näher, mein Gott, zu Dir und Go Down, Moses! Na ja, ich saß auf der Brust dieses Kerls und trommelte auf ihm herum, und die Sterne fielen vom Himmel. Dreckklumpen in seinem Haar bissen mich in die Hände. Dann sind wir gestürzt. Müssen wohl in einen Brunnen gefallen sein. Da gab’s Wasser. Ich bin zuerst gestorben.»

Davids entspannte Halsmuskeln ließen seinen Kopf auf Hamishs Schulter sinken.

«Wo warst du?», setzte Hamist ruhig nach.

«Auf einem Berg. Das Mädel …»

«Welches Mädel?»

«… hat uns mitgenommen. Sie trug ein rosarotes Kleid und spielte auf einer Mandoline. Die hätte dir gefallen. Mir gefiel sie. Wir spielten ganz toll Basketball, und ich habe gewonnen. Dann ging sie zum Zahnarzt, und auf der Treppe fing die Schlägerei an. Wäre die Polizei nicht gekommen …»

«Du bist doch nicht verhaftet worden?»

«Klar, du Spürnase. Jetzt weißt du Bescheid.»

Die Lampen im Park flackerten ungewiss. David schlief ein, während sein Kopf auf Hamishs Schulter ruhte. Der betrunkene Hamish versuchte, Sinn in die Geschichte zu bringen. Es hatte, das war aus Davids Zustand ersichtlich, eine Schlägerei gegeben. Nun, etwas Schlaf würde wahrscheinlich alles wieder in Ordnung bringen. Sie brauchten beide Schlaf – das wenigstens war klar. Auch Hamish gab seiner Müdigkeit nach und erinnerte sich an nichts mehr, bis er durch ein durchdringendes Klingeln geweckt wurde, das noch anhielt, lange nachdem er die Augen geöffnet und einen nackten Arm aus dem Bett gestreckt hatte. Schließlich gelang es ihm, den Hörer abzunehmen.

«Hallo», forderte er den Anrufer verschlafen heraus.

«Hamish …» Die Schärfe der Stimme machte ihn mit einem Schlag wach. «Hamish, ich habe mich umgebracht.»

«Wie?»

«Bin nicht aus dem Flugzeug gesprungen wie dieses dumme Mädel, habe mich auch nicht in dem Drogenschuppen aus dem Verkehr gezogen, oder mich ertränkt, oder Zyanid genommen …»

«Was hast du gemacht, Rilda?» Hamishs Tonfall war qualvoll.

«Mach dir nichts draus, Hamish. Rate mal.»

«Wo warst du?»

«Rate mal.»

«Was ist los? Warum hast du das getan, Rilda?»

«David hat sich mit diesem Jungen, diesem Fern, per Schiff nach Paris abgesetzt.»

Die Verbindung war unterbrochen.

Als er den Hörer auflegte, drehte sich Hamish um und entdeckte David, der an seinem Ellbogen schnarchte. Der schlafende David war zu dieser frühen Stunde kein allzu schöner Anblick. Auf seinen Lippen war getrocknetes Blut, sein Gesicht und seine Hände waren schmutzig, sein lockiges schwarzes Haar war verfilzt und unordentlich. Sonderbarerweise lag er ganz nackt in Hamishs Bett, und Rilda glaubte, dass er sich nach Europa eingeschifft hätte und zwar mit …

Hamish schüttelte seinen Gast grob.

«Hey! Rilda hat sich umgebracht.»

David öffnete ein Auge und stöhnte.

«Deine Frau hat sich umgebracht.»

«Wer?», äußerte David wissbegierig.

«Rilda.»

«Wo?»

«Wach auf, du Laus. Ich weiß nicht, wo.»

David hob den Kopf. «Was hast du über Rilda gesagt?», fragte er.

«Sie hat sich umgebracht.»

«Woher weißt du das? Hat sie doch tatsächlich die Dreistigkeit, es dir zuerst zu erzählen. Egal, ich glaub’s nicht. Sie ist betrunken.»

«Sie sagt, sie hätte es getan, weil du mit diesem Fern nach Paris gegangen bist.»

«Jetzt weiß ich, dass sie betrunken ist. Wie glaubst du denn, hat sie davon erfahren?»

«Wer ist dieser Fern?»

«Dieser hübsche kleine Nichtsnutz, der in Donalds Flüsterkneipe arbeitet. Du kennst ihn. Er ist ständig besoffen. Ich habe ihm erzählt, dass ich ihn mal nach Paris mitnehmen würde. Vielleicht mache ich es auch.»

«David, sag mal, hast du wirklich gestern Nacht jemanden umgebracht?»

Davids blaue Augen brachten das Erstaunen ihres Besitzers zum Ausdruck.

«Bist du auch betrunken?», fragte er. «Ich habe gestern Abend mit Rosalie soupiert und dich anschließend nach Hause gefahren. Du hast dich besoffen und Rosalie auf der Treppe beschimpft. Deshalb habe ich dich weggeschleppt. Die gute alte Rosalie.»

«Wie hast du dir die Lippen aufgeschlagen?»

«Tun meine Lippen denn weh?» David berührte sie mit dem Zeigefinger und kicherte. «Habe wahrscheinlich Stücke aus Rosalies Champagnergläsern gebissen», fiel ihm ein.

Hamishs Tonfall wurde eine Spur ernsthafter: «David, du hast mich gestern Nacht im Plum Pudding getroffen und mir erzählt, dass du jemanden in einen Brunnen geworfen hast.»

«Du bist doch betrunken, Hamish.»

Während er ein Bein nach dem anderen aus dem Bett schob, fuhr sich David durch seine zerzausten Locken und erhob sich schwankend, um sich im Spiegel anzuschauen. Während er mit gespieltem Entsetzen vor dem wenig schmeichelhaften Spiegelbild zurückwich, lachte er ein bisschen und schüttelte sich.

«Mein Gott, ich erinnere mich doch an etwas», rief er aus, «etwas ganz Vertracktes und Lautes und Holpriges. Auf dem Brunnenboden muss ein Saxophon gewesen sein. Was hast du über Fern gesagt?»

Die Unterhaltung wurde durch das Klingeln des Telefons unterbrochen.

«Hallo», sagte Hamish, der auf der Bettkante saß.

«Na, sind Sie das, Hamish? Hier ist Donald Bliss.»

«Ich wusste nicht, dass Schwarzbrenner so früh aufstehen.»

«Versuchen Sie nicht, lustig zu sein. Ich habe das Bett noch nicht gesehen. Wissen Sie, wo David ist?»

«Sicher. Ich kann ihn finden.»

«Na, dann sagen Sie ihm, dass Roy Fern tot ist. Wurde gestern Nacht in einer Flüsterkneipe in Harlem kaltgestellt. Man hat ihn auf der Straße gefunden.»

«Wo ist er jetzt?»

«Keine Ahnung. Die Polizei hat mich eben angerufen. Sie wissen, dass er für mich gearbeitet hat. Keine Ahnung. Ich hab nicht danach gefragt.»

Hamish hörte nur noch, wie der Hörer aufgelegt wurde.

«Mein Gott, Mann …» Hamish wandte sich an seinen Freund, der ins Bett zurückgefallen war. «… das war Donald, Donald Bliss. Er meint, dass Roy Fern gestern Nacht in einer Flüsterkneipe abgemurkst wurde.»

«O Jesus!» Ein Stöhnen entwich Davids Lippen. «Ich habe diesen Jungen geliebt. Er war schon ein nettes kleines Miststück. O Jesus! Hör mal, Hame, ich brauch ’nen Drink.»

Hamish untersuchte das scharlachrote Lackschränkchen neben seinem Bett.

«Da sind noch ein paar Tropfen Pernod und etwas Martell», gab er bekannt.

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«Na, misch sie zusammen. Ich bin am Ende meiner Nerven. Armer Fern. Weißt du, ich habe dem Jungen versprochen, ihn nach Paris mitzunehmen.»

Mit zitternder Hand goss Hamish ein großes Glas zur Hälfte mit Brandy voll und fügte dann Pernod hinzu, bis es an den Rand gefüllt war. David richtete sich im Bett auf und schüttete diese Mixtur in sich hinein.

«Du lässt besser noch ’n paar Sidecars kommen», riet er. «Wir brauchen was zu trinken. Der arme kleine Roy ist tot. Der arme Kleine.»

Hamish legte einen seidenen Morgenmantel mit senffarbenen und weißen Streifen um Davids Schultern. «Rilda ist auch tot», erinnerte er David etwas vorwurfsvoll, aber dann betätigte er die Klingel.

«Ach, tatsächlich. Arme Rilda.» Er seufzte und sagte zu Hamishs Butler, der in der Türe erschien: «Bringen Sie uns ein paar Sidecars, Boker. Wahrscheinlich ist auch Irene tot», fügte er hinzu, «aber wie solltest du das wissen.»

«Das hört man gern», kommentierte Hamish.

«Ich weiß», antwortete David ungehalten.

«Sidecars kommen gut nach Brandy», bemerkte Hamish, der den Rest der Flasche Martell in ein Glas goss, das er an seine Lippen führte.

«Es gibt nichts Besseres als Pernod, um dich auf die Beine zu bringen», antwortete David.

«Was wirst du tun?», fragte Hamish.

«Nichts. Warum? Weswegen?»

«Wegen Rilda und Roy Fern.»

«Hör mal … ich meine, jetzt wird’s ernst. Es muss etwas geschehen. Ich muss ein ganz neues Leben führen. Hame, ich brauche ein paar neue Freunde.»

David schluchzte leise.

«Ja, aber willst du nicht Rilda anrufen?»

«Wen?»

«Rilda.»

«Sie ist tot. Rilda ist tot. Wie kann ich sie anrufen?»

«Du weißt noch nicht einmal, wie sie sich umgebracht hat, oder wo sie ist.»

«O Jesus! Man hat sie in einer Flüsterkneipe in Harlem um die Ecke gebracht und auf der Straße gefunden. Ich kenne die verfluchte Verbrecherbande.»

Das Telefon klingelte.

Hamish gelang ein schwaches Hallo.

Eine feste Stimme fragte: «Ist David bei dir?»

«Ich glaube.»

«Also, hast du ihm erzählt, dass ich mich umgebracht habe?»

«Natürlich nicht. Ich will ihn nicht aufregen.»

«Also ich habe mich nicht umgebracht. Der kleine Fern ist tot, und jetzt sind wir quitt.»

Hamish wartete vergeblich auf mehr. Die Stimme hatte offenbar keine weiteren Informationen zu übermitteln.

«Das war schon wieder Rilda», erklärte er David.

«So?» David reagierte ohne großes Interesse.

Boker kam mit einem Tablett herein, auf dem sich zwei Highballgläser befanden, die mit Sidecars gefüllt waren. Er ging, nachdem man ihn gebeten hatte, noch mal das Gleiche zu bringen.

«Was will sie?», erkundigte sich David nach einer Weile.

«Ich weiß nicht. Sie redete über Fern.»

«Armer Fern! Jetzt ist er tot. Ein netter, kleiner Kerl, dieser Roy.» David versuchte noch einmal, schwankend zum Toilettentisch zu gelangen, um in dessen Spiegel seine Erscheinung zu prüfen. Als er sich entschloss, den Morgenmantel richtig anzuziehen, hatte er allerdings einige Schwierigkeiten mit den Ärmeln. «Mein Gott, Hame», rief er, als sein linker Arm endlich die richtige Öffnung gefunden hatte, «es tut mir leid, dass ich ihn getötet habe.»

Hamish, der sich zurückgelehnt hatte, richtete sich kerzengerade im Bett auf.

«Du hast ihn nicht getötet, David!»

«Natürlich habe ich es getan», erwiderte dieser gelassen und mit großer Würde. «Natürlich habe ich ihn getötet.»

In diesem Augenblick kam Boker mit dem Nachschub an Cocktails herein, um die Herren für die nahe Zukunft mit dem Inhalt eines Zweilitershakers zu stärken.

«Boker, ich habe gestern Nacht einen Mann getötet», beharrte David.

«Sehr wohl, Sir.» Boker hob kaum die Augenbrauen.

«Ich habe einen Mann getötet. Dafür kriege ich zehn Jahre.»

«Danke, Sir.»

David wankte zum Bett zurück, während sich Boker verbeugte und hinausging.

«Ich wette, Boker ist der einzig nüchterne Mensch in diesem Häuserblock», beklagte sich David und legte seinen Arm liebevoll um Hamishs Schultern.

Hamish war zugleich entsetzt und verwirrt.

«Weißt du, was du eben gesagt hast, David?», wollte er wissen. «Du bist ein Mörder, der ein Geständnis abgelegt hat.»

«Klar, ich habe ihn umgebracht. Ich habe den armen kleinen Fern getötet …» David fing wieder zu weinen an. «Ich habe ihn auf Rosalie Keiths Treppe getötet. Sie schlug mir mit einer Champagnerflasche auf den Kopf, das Miststück», murmelte er erregt. «Du kennst Rosalie nicht. Aber ich. Die!», deutete er dunkel an.

«Was wirst du tun, David?» Hamish zeigte sich jetzt ganz besorgt um seinen Freund.

«Noch was trinken, nehme ich an.»

«Wegen Fern?»

«Oh, der arme Junge. Ich habe ihn umgebracht. Ich habe die Leiche angezündet, und sie brannte wie eines dieser Feuerkreuze des Ku-Klux-Klan. Dann habe ich ihn hinten an mein Taxi gebunden und vier Meilen durch Schnee und Eis bis zu der Stelle in Yonkers gezogen, wo er, von Wasserratten und Bären halb aufgefressen, aufgefunden wurde. Er hat acht Tage dort gelegen.»

«Du Dummkopf! Er ist gestern Nacht umgebracht worden.»

«Ich werde doch wohl wissen, wann ich ihn getötet habe. Ich glaube, ich weiß es auch. Rosalies Zähne sind falsch, ihre Beine sind falsch, ebenso ihr Champagner und ihr Schmuck. Ich sage dir, ich habe ihn in einer Flüsterkneipe in Harlem umgelegt. Wir waren zu dritt, dazu noch diese Frau in Blau, mit der ich Tennis im Van Cortland Park spielte, nachdem ich von dieser Keithziege weggegangen war. Kein Wunder, dass ich mir die Lippe und meinen Weisheitszahn aufschlug. Auf der Treppe war höllisch viel Abfall, und ich merkte, wie ich fiel und fiel und fiel … ich meine, wie die London Bridge oder der Turm von Pisa oder die Niagarafälle oder der Regen. Fern war ein guter Junge, ein richtiger kleiner Halunke. Auf Geld aus, aber in Ordnung. Ich bin froh, dass ich ihn umgebracht habe.»

«Du Schwein, du dreckiges, altes Schwein!», schrie Hamish hysterisch und schleuderte David den Inhalt seines Glases ins Gesicht, der ihn aber nicht traf, sondern hinter seinem Kopf eine ungerahmte Lithographie von Marie Laurencin leicht entstellte. Während er eine Hand in stummer Missachtung hob, ließ David seinen Kopf sanft auf das Kissen sinken und streckte unter den Laken seine nackten Beine aus. In unglaublich kurzer Zeit war er eingeschlafen.

Hamish beschloss, ein Bad zu nehmen und in den Club zu gehen, um etwas zu trinken.

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Die Gräfin Adele von Pulmernl und Stilzernl benahm sich an diesem Abend äußerst störrisch. Die (mindestens) Sechzigjährige stieß gereizt ihre kleinen Füße rückwärts und vorwärts, während Fräulein Stupforsch vergeblich versuchte, ihr die hohen Stiefel anzuziehen. «Nein, nein», protestierte die Gräfin, die sich gerade im Streik befand.

Ihr Amerikabesuch war die Ausführung einer eigenen Idee. Sie war der Meinung, dass er sich als ein ausgezeichnetes Antidot gegen die ständige Abfolge von Kuren erweisen würde, auf die sich der alternde deutsche Adel seit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes beschränkt sah. Die Gräfin hatte allmählich das Gefühl überwältigt, dass eine weitere Saison in Marienbad, Baden-Baden oder Karlsbad ihr Ende wäre. Sie hatte die Nase gestrichen voll vom Grand Hotel Pupp. Und weder das Hotel Waldlust in Freudenstadt im Schwarzwald noch das Grand Hotel de l’Europe in Salzburg konnte sie weiterhin begeistern. Sie war so gut mit den Menüs des Walterspiels in München vertraut, dass sie sie alle selbst hätte zubereiten können, und der bloße Gedanke an Frau Sacher, wie sie vor ihrem Hotel in Wien saß, trieb sie schier zum Wahnsinn.

Aus Hannover gebürtig, hatte sie ursprünglich den Plan gehabt, Konzertpianistin zu werden, eine Karriere, die in jenen fernen Tagen fast dem Selbstmord gleichkam. Stattdessen hatte sie den Grafen von Pulmernl und Stilzernl mit seinem komischen sächsischen Akzent geheiratet. Ihr Sinn für Humor hatte ihr den Mut gegeben, sich damit und mit noch viel mehr abzufinden. Aber schließlich lachte sie nicht einmal mehr, wenn sie an den Diener dachte, dessen einzige Beschäftigung darin bestand, die farbige Sandwiedergabe des Familienwappens vor der Türe des Weinkellers nachzumalen, nachdem es von den Füßen des Tafelmeisters abgenutzt worden war.

Sie hatte ihre Generation überlebt: Das war das Problem. Sie hatte zwei oder drei Generationen überlebt. Die Einzigen, die wirklich ihrer superben Vitalität gewachsen waren, schienen diese jungen Amerikaner zu sein, die sich manchmal unerklärlicherweise in diese mühseligen Kurorte verirrten, zu denen sie ihr Alter, ihre Stellung und die Einstellung ihrer Dienerschaft für immer zu verdammen schienen. Fräulein Stupforsch trug dafür mehr Verantwortung als sonst jemand. Fräulein Stupforsch hatte sie auf die schockierendste Art und Weise herumkommandiert. Natürlich war Fräulein Stupforsch mehr als ein Domestike, aber dennoch hätte sie, die Gräfin, es nicht zulassen dürfen, dass sie aus Gewohnheit so viel Autorität ausübte. Tatsache war, wie es der Gräfin langsam dämmerte, dass sie in eine Routine geraten war, bei der es für sie einfacher war, andere über ihren Lebensverlauf bestimmen zu lassen, als sich selbst zu bemühen, die Initiative zu übernehmen. Sie hatte es natürlich vor langer Zeit für angebracht gehalten, ihr fades Schloss in Schlesien zu schließen. Es war, wie sie herausfand, für eine (ohne Übertreibung) muntere Dame von siebzig (oder mehr) zunehmend schwieriger geworden, sich mit angenehmen Gästen in einem alten Schloss zu umgeben, in dem die sanitären Einrichtungen mittelalterlich waren und nur unter enormem Kostenaufwand modernisiert werden konnten, und in dem es aufgrund der hohen Fenster und der breiten Kaminöff nungen ungemein zog. Außerdem war das Schloss von Pulmernl und Stilzernl so gut wie unzugänglich, und Gäste wurden, waren sie endlich nach einer anstrengenden Fahrt angekommen, zusätzlich durch den Eindruck der Hoffnungslosigkeit entmutigt, den der Wind hervorrief, der höchst melancholisch durch die Tannen pfiff, die das Schloss von allen Seiten umgaben. Das Resultat dieser unglücklichen Bedingungen war, dass die Gästezimmer im Allgemeinen von äußerst langweiligen Nichten und Neffen belegt waren, die sich nachlässig kleideten und im erschreckten Flüsterton Konversation betrieben. Sie aßen sehr herzhaft und erschossen gelegentlich Fasane oder einen Förster. Es ist wirklich kein Wunder, dass die Gräfin im Alter von siebzig (oder so) das Schloss, das mit der erdrückendsten Menge von Plüsch ausgestattet war und das so viele Bilder von Hans Makart enthielt (vor allem das riesige Gemälde im Speisesaal, das Tusnelda im Triumphzug des Germanicus darstellte), dass einige der zynischeren Bekannten der Gräfin ihm den Spitznamen «Schloss Makart» verliehen hatten, schließlich an ihre arme, aus alten Jungfern und Junggesellen bestehende Verwandtschaft übergeben hatte, damit sie ruhen und vorzeitig altern konnte, vollgestopft mit dem Fasan und dem Wildschwein, die durch die Wälder schwärmten, mit der Forelle, die in den Gebirgsbächen schimmerte und mit dem Rotkohl und Kohlrabi, die im Überfluss im Garten gediehen.

Ihre Residenz in Dresden fand die Gräfin ebenfalls langweilig, vielleicht sogar noch langweiliger. Sie war schon vor langer Zeit zu dem Entschluss gekommen, dass, wenn es eine amüsante Person in dieser sächsischen Stadt gab, sie ihm oder ihr nicht begegnet war, obgleich ihre Möglichkeiten, Bekanntschaften zu schließen, praktisch unbegrenzt waren. Wenn sie das Haus während der Saison bewohnte, erforderte es ihre Position, dass sie mindestens einen großen Empfang und mehrere kleine Dinnerpartys gab. Außerdem kam niemand, der das Privileg hatte, sie zu kennen, auf die Idee, wenn sie in der Stadt weilte, eine Gesellschaft zu planen, ohne sie um ihre Teilnahme zu bitten. Diese Leute glaubten, dass sie durch die Einladung ihrer Freunde ihr eine Ehrerbietung erweisen würden, aber Ehre bedeutet nicht immer Vergnügen, und die Gräfin dachte oft, dass sie in gemischter Gesellschaft möglicherweise glücklicher wäre.

Schließlich fasste sie einen Entschluss. Nachdem sie bei ihrer Abreise angekündigt hatte, dass sie wie üblich im nächsten Jahr wiederkommen würde, veranlasste sie, dass die Fenster mit Brettern vernagelt wurden und zum zusätzlichen Schutz des Hauses ein Alarmsystem installiert wurde, das mit einer Polizeistation in Verbindung stand. Als Gräfin Adele von Pulmernl und Stilzernl hatte sie nicht den Mut aufgebracht, ihre Freunde davon in Kenntnis zu setzen, dass sie beabsichtigte, den Staub Dresdens für immer von ihren Kleidersäumen zu schütteln, aber das war genau ihre Absicht. Wenn sie sich später an das dunkler werdende Lenbach-Porträt des Grafen in voller Uniform erinnerte, das über dem Kamin im Salon hing, oder an alle die Frans-Snyder-Bilder von toten Tieren und lebenden Früchten, die den größten Teil des roten Damasts an der Wand des Esszimmers verdeckten, oder an die goldenen Stühle im Ballsaal, die mit schwarzen und roten Stickereien verziert und mit dem Wappen von Pulmernl und Stilzernl bestickt waren, empfand sie ein inniges Vergnügen bei der Vorstellung, dass das alles langsam verkommen und dass sie es jedenfalls nie wieder zu Gesicht bekommen würde.

Die Aufgabe, Güter und Besitztümer loszuwerden, war einfacher gewesen, als sie vorausgesehen hatte. Fräulein Stupforsch hatte natürlich einige lahme Bedenken vorgetragen, aber sie hatte nicht wirklich interveniert, um die Gräfin an der Ausführung ihrer Projekte zu hindern. Die Schwierigkeiten waren aufgetaucht, nachdem sie das Schloss und ihr Haus in Dresden für das, was sie gerne einen «unbestimmten Zeitraum» nannte, dichtgemacht hatte. Ihre Zofe Maria, seit vierzig Jahren in ihren Diensten, sprach außer Deutsch keine andere Sprache. Fräulein Stupforsch beherrschte einige Brocken holperiges Französisch, war aber unfähig, eine Unterhaltung in dieser Sprache zu führen. Ihr Englisch war vielleicht sogar noch weniger fließend. Maria wie auch Fräulein Stupforsch hatten nun aber aufgrund ihrer langjährigen Verbindung mit der Gräfin die Gewohnheit angenommen, für sie Entscheidungen zu treffen. Daran trug die Gräfin natürlich selbst Schuld, da sie oft, wie so viele Menschen, mühselige Kleinigkeiten für sich erledigen ließ. Dies gab ihr ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit, und in deutschen Kurorten nahm es ihr einen großen Teil der Verantwortung ab, die sie unter den Umständen mit Freuden loswurde. Außerdem besteht kein Zweifel, dass diese Gleichgültigkeit ihrer Umwelt gegenüber dem Verhalten ihrer Bediensteten, die sich gewiss niemals anmaßend benahmen, einen Anflug von Bedeutungslosigkeit gab. Nachdem sie jedoch ihre Häuser losgeworden war und beschlossen hatte, ihr eigenes Leben zu leben und Spaß zu haben, fand sie es schwierig, das Verhalten ihrer Zofe und ihrer Gesellschafterin zu ändern. Ohne sie konnte sie wohl kaum reisen, und sie weigerten sich unverblümt, sie nach Paris zu begleiten (wie sie es ausdrückten, würden sie ihr es nicht erlauben), oder an irgendeinen anderen Ort, wo sie sich nicht heimisch fühlten. Und so schleppten sie sie denn, immer schmollend und herzig protestierend, mit ständig in tausend Fältchen der Missbilligung verzerrtem Gesicht, von einer altmodischen Kur zur anderen, von einem Provinzhotel ins nächste. Ihr bisheriges Leben hatte sie nicht darauf vorbereitet zu rebellieren, und sie fand auch lange Zeit nicht den richtigen Komplizen, einen geeigneten Verschwörer, der ihr hätte helfen können, die Ketten der Tradition abzuwerfen. Eines Nachmittags allerdings, als sie sich zwischen den Rosen des Teegartens in Karlsbad niedergelassen hatte und ihren Tee mit einer Art Resignation trank, wobei ihre kurzen Beine den gestiefelten Füßen nicht erlaubten, den Rasen zu berühren, so dass sie unter ihrem schwarzen Taftkleid mehrere Zentimeter über dem Boden baumelten, geschah es. Sie war ganz allein. Fräulein Stupforsch hatte sie verlassen, um die Hauptgeschäftsstraße wegen irgendwelcher Besorgungen aufzusuchen. Wie es sich abspielte, wusste sie später nie ganz genau, aber am liebsten war ihr die Vorstellung, dass sie, der reizende junge Amerikaner und seine hübsche Schwester, sie ansprachen. Jedenfalls war die Episode epochal, und wenn sie sie auch ermuntert hatte, sie anzusprechen, so sollte sie es später nie bereuen. Ein Wort gab schnell das andere, und als sie mit einer Kühnheit, die dieser aufregende Kontakt wiedererweckt hatte, den gemeinsamen Besuch eines Biergartens vorschlug, nahm das Paar diesen Vorschlag mit ausgelassenster Begeisterung auf. Über ständig nachgefüllten, köstlich schaumigen Pilsenerkrügen waren die jungen Amerikaner und die Gräfin, deren zierliche Füße in Schnürstiefeln über dem Erdboden baumelten, die besten Freunde geworden, und bald fragte sie die beiden in einem ausgezeichneten, durch den mangelnden Gebrauch etwas rostig gewordenen Englisch über dieses sagenhafte Land ihrer Geburt aus, ein Land, das sie selbst in seinen konservativeren Tagen nicht besucht hatte.

Amerika, so erschien es jedenfalls aufgrund des Berichtes, der der Gräfin von ihren neuen Freunden begeistert übermittelt wurde, war kolossal, und das in mehrfacher Hinsicht. Andere Nationen kontrollierten die Abgabe berauschender Flüssigkeiten, wodurch sie große Steuereinnahmen erzielten, während wiederum andere Nationen, besonders England, die Stunden festsetzten, während denen getrunken werden durfte, aber da das Trinken in Amerika verboten war, zog die Regierung keinen Gewinn aus den konsumierten Unmengen Gin, Wein und Whisky, und man konnte trinken, wo und was und wann es einem passte.

Mit Entzücken nahm die Gräfin diese Information entgegen, die ein Land betraf, das sie schon seit langem besuchen wollte, und sie überhäufte ihre jungen Amerikaner derart mit weiteren Fragen, dass sie schließlich mit der Definition von Wörtern wie Schwarzbrenner, Flüsterkneipe, Kneipenwohnung, schwerer Junge, einen in der Krone haben und sternhagelvoll vertraut war. Die Beschreibung, die die Kinder von einer typischen Cocktailparty einer mit ihnen befreundeten Debütantin gaben, gefiel ihr so sehr, dass sie mit einer gewissen Gleichgültigkeit deren weiteren Enthüllungen folgte, die Wolkenkratzer, Börsen, wo Stierkämpfe stattfanden und die Maschinengewehrkriege der Chicagoer Gangster betrafen, dass sie wie vom Donner gerührt aufwachte, als sie anfingen, von Harlem zu erzählen.

Das Resultat dieser Begegnung war eine äußerst furchtbare Szene mit Fräulein Stupforsch und Maria, die sie vor dem Eingang des Grand Hotels Pupp erwarteten, als sie etwas schwankend den Kiespfad hinaufging. Schmachvoll brachten sie sie in ihre Suite, wo sie sie mit der lustvoll lautstarken Missbilligung ihres Benehmens überschütteten. In genau diesem Augenblick fasste sie den unwiderruflichen Entschluss, New York zu besuchen, und ohne Zeit zu verschwenden, ordnete sie an, Kabinen auf dem Schiff zu buchen, das am frühesten vom nächstgelegenen Hafen auslief. Fräulein Stupforsch drohte mit ihrem Abschied. Die Gräfin weigerte sich, ihr zu glauben. Sie versuchte es mit Tränen. Die Gräfin ignorierte sie. Schließlich schien die Gesellschafterin gewonnen, und die Gräfin, die mit ihrem vorläufigen Sieg zufrieden war, zog sich zurück und träumte bald davon, wie sie in einem Bierfass herumschwamm. Am nächsten Morgen erneuerte Fräulein Stupforsch ihren von raffinierteren Argumenten untermauerten Widerstand, aber es fruchtete nichts. Die Gräfin weigerte sich, ihre Meinung zu ändern, und schließlich setzte sie sich durch, aber sie ging ohne Maria an Bord.

Während der Atlantiküberquerung blieb sie im Bett. Sie war nie eine gute Schiffsreisende gewesen, und dies war das erste Mal, dass sie eine so lange Reise zu Wasser unternahm, und es machte ihr keinen Spaß. Auch ihre ersten Eindrücke von Amerika waren nicht besonders angenehm. Wie es einer Persönlichkeit ihres Ranges gebührte, wurde sie sofort von den Mitgliedern der deutsch-amerikanischen Kolonie, denen dieses Privileg zustand, eingeladen. Aber diese vortrefflichen Herrschaften, von denen viele Adelige waren, hatten bis dato die Gräfin nicht gekannt, und sie stellten ihre Gastfreundschaft rücksichtsvoll auf eine alte Dame ein. Abendessen wurden auf sechs Uhr festgesetzt und dann serviert, und der betagte Gast wurde um zehn aus dem Haus und ins Hotel geschafft. Außerdem kam nur leichteste Kost auf den Tisch. Das Menü eines typischen Essens bestand aus gedämpfter Hühnerbrust mit Endiviensalat, einem Glas Eltviller Langenstück Beerenauslese und einem Dessert. Nach einer solchen Mahlzeit kehrte die Gräfin immer ausgehungert in ihr Hotel zurück und war gezwungen, unverzüglich ein zweites Dinner zu sich zu nehmen. Zum ersten Mal in ihrem Leben begann sie sich nach sättigenden deutschen Gerichten zu sehnen: Fasanenpastete auf Pumpernickel, Prager Schinken mit Kartoffelsalat, Bachforelle blau mit zerlassener Butter, Thüringer Würstchen, Orangen-Meerrettich, Schmorbraten mit Rotkraut, Rebhühner mit Linsen, Sauerbraten und Kartoffelklöße, Wiener Gugelhupf, Topfengalatschen, Zwetschgenknödel, Bayrische Dampfnudel, Schlagobers … Das Verhalten dieser Leute war der Gräfin sogar noch verhasster als ihre Dinners. Da sie gnadenlos snobistisch waren, behandelten sie die Gräfin wie das derzeitige Oberhaupt eines provinziellen Hofes, dessen Angehörige sie waren. Immer wieder kehrte sie aus diesen Häusern mit einer solchen Wut zurück, die Fräulein Stupforsch kaum besänftigen konnte, vor allem, weil das Fräulein die Wutanfälle der Gräfin nicht verstand, da deren Beschreibungen dieser fragwürdigen Gesellschaften genau ihrem eigenen Geschmack entsprachen.

Was Schwarzbrenner und Flüsterkneipen betraf, so beharrte Fräulein Stupforsch auf der Weigerung, ihre Herrin auf einer Forschungsreise in dieser gefährlichen Richtung zu begleiten. Zögernde Nachfragen diesbezüglich, die die Gräfin bei ihren deutsch-amerikanischen Bekannten machte, wurden mit Ungläubigkeit und Erstaunen aufgenommen. Ihr wurde bald klar, dass es so aussah, als ob sie zu scherzen beliebte. Man konnte von ihnen kaum erwarten, dass sie das erklärte Interesse einer distinguierten alten deutschen Dame an diesen verderbten amerikanischen Institutionen verstehen würden. Als Ersatz schlugen sie das Museum of Natural History, das Metropolitan Museum of Art, den Zoo in der Bronx, das Aquarium und die Konzerte der Philharmonic Society oder des Philadelphia Symphony Orchestra vor und waren möglicherweise etwas indigniert, als die Gräfin erwiderte, dass Tiere, Vögel und Fische, tot oder lebendig, nicht mehr ihr Interesse erwecken konnten, außer wenn sie als Speise zubereitet waren; ja, dass sie kein großes Verlangen habe, je wieder ein Gemälde zu sehen, und schließlich, dass sie nicht beabsichtige, ihre letzten Jahre damit zu verschwenden, Ravels Bolero zu hören. Die Gräfin hätte vielleicht die Hotelangestellten um Informationen über Kaschemmen und Clubs angehen können, aber sie war der Überzeugung, dass dies ebenso zwecklos war. Offensichtlich würde niemand glauben, dass sie tatsächlich meinte, was sie sagte.

Natürlich war sie nicht gezwungen, auf Alkohol zu verzichten. Ihre neuen Freunde schickten ihr Flaschen 1921er Erdener Busslay und Piesporter Olk des gleichen ausgezeichneten Jahrgangs und sogar einige französische Weine, einen Lanson von 1920 und einen nicht besonders guten Pommard. Sie aber sehnte sich danach, Gin in jener fröhlichen Umgebung zu trinken, die ihr von den beiden jungen Amerikanern, die sie in Karlsbad getroffen hatte, beschrieben worden war. Unglücklicherweise hatte sie nicht einmal die Namen dieser Amerikaner erfahren, geschweige denn sie um ein Empfehlungsschreiben für diesen speziellen Personenkreis gebeten.

So kam es, dass an diesem bewussten Abend, ungefähr zwei Wochen nach ihrer Ankunft in New York, die Gräfin die Lust verspürte, dieses einfältige Fräulein Stupforsch zu treten, als sie versuchte, zum Dinner den adeligen Stiefel anzuziehen, und sie fuhr fort: «Nein, nein!» und andere Ausdrücke in ausgezeichnetem hannoveranischen Deutsch zu zetern und mit ihren kleinen Füßen vor dem Gesicht des Fräuleins herumzufuchteln, das vehement und erschreckt Protest einlegte. Es lässt sich nicht sagen, wie lange dieser Zustand gedauert hätte, wenn es nicht zu einer Unterbrechung gekommen wäre, als an die Tür geklopft wurde. Erhitzt von ihrer Anstrengung und ihrer Besorgnis, erhob sich das kniende Fräulein Stupforsch und ging durch den Raum, wobei sie von dem Klopfen begleitet wurde, das sich zu einem rhythmischen Trommeln steigerte. Kaum hatte das Fräulein den Türknauf gedreht, wurde die Tür heftig aufgerissen, und die Gräfin sah, wie ein junger Mann hereinstürmte, der ein Paket mit sich trug. Er schlug die Tür hinter sich zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.

Fräulein Stupforsch stieß einen leisen Schrei aus.

«Schluss damit, aber dalli», schnappte der Junge. Sein Gesicht spiegelte die Agonie des Berufsringers im Würgegriff wider.

Die Gräfin sprach. «Was wollen Sie, junger Mann?», erkundigte sie sich.

«Sie sind hinter mir her», rief er aus. «Die wollen mit mir Schlitten fahren.»

«Wer ist hinter Ihnen her und was haben Sie gegen eine Schlittenfahrt?»

«Weiß nicht: Bullen oder Ganoven von der Konkurrenz, kommt aufs Gleiche raus.» Er runzelte die Stirn und fügte hinzu: «Sie würden auch nicht Schlitten fahren wollen.»

«Also, Sie sind ein Schwarzbrenner!», rief die Gräfin ekstatisch aus, wobei ihr Lächeln ein erstaunliches Netzwerk von Fältchen auf ihrem Gesicht hinterließ.

«Ich arbeite für einen», berichtigte der Bursche ihre Behauptung.

«Nun, ich würde gerne alles kaufen, was Sie haben», verkündete die Gräfin.

«Warum nicht», antwortete der Junge verdrossen. «Ich würde es sowieso nicht mehr lebend hinbringen können.»

«Was ist es?»

«Sprudelwasser.»

«Was?»

«Champagner.»

«Bleiben Sie zum Dinner?»

Die Gräfin äußerte diese Einladung mit großer Würde.

«Warum nicht», willigte der Junge nervös ein. «Draußen auf dem Gang ist es für mich nicht gerade super, oder hier drinnen, wenn man mich beim Reinkommen gesehen hat. Wenn sie mich kriegen, fahren sie richtig Schlitten mit mir … ich hab jemanden umgebracht letzte Nacht», fügte er ernst hinzu.

Die Gräfin klatschte entzückt in die Hände. Da hatte sie Glück gehabt. Sie wandte sich an das verwirrte und bebende Fräulein Stupforsch, die ihren Platz neben der Tür noch nicht verlassen und die kein einziges Wort von dem verstanden hatte, was sie für eine hochgradig wahnsinnige Konversation hielt.

«Rufen Sie den Kellner, bitte.»

Dies zumindest verstand das Fräulein. Eine Flut von Einwänden ergoss sich über ihre Lippen.

Die Gräfin wiederholte in einem strengeren Tonfall: «Rufen Sie den Kellner und schnüren Sie meine Stiefel.»

Als das Fräulein unter Tränen der Anweisung Folge leistete, winkte die Gräfin den Jungen zu sich und bat ihn, neben ihr Platz zu nehmen. Sie war sofort von großem Eifer und Vitalität erfüllt, sie befahl, den Champagner zu öffnen, und mindestens drei weitere Flaschen auf Eis zu legen, und sie bestellte ein Dinner ihrer Wahl, das heißt ein reichhaltiges, kräftiges Essen. Kapriziös verlangte sie sogar, dass man einen bestimmten Fächer aus einem ihrer Reisekoffer hole.

Inzwischen hatte es sich der Gehilfe des Schwarzbrenners schweigend auf einem Sessel bequem gemacht. Er war ein bleicher, schlanker Junge mit glänzendem, schwarzem Pomadehaar, das flach an seinen Kopf geklatscht war und dessen Stirn ein gerader, öliger Pony bedeckte. Seine schwarzen Augen lagen tief in den Höhlen. Sein Gesicht war unnatürlich weiß, bis auf die dunklen Ringe um seine Augen und die Lippen, deren Röte vielleicht noch durch seine extreme Blässe gesteigert wurde. Der Gräfin fielen vor allem seine bemerkenswert graziösen Hände mit den ungewöhnlich langen Fingern und die spitzen Nägel auf. Er schien überhaupt nicht mehr verwirrt oder überrascht oder zufrieden oder verblüfft oder im mindesten neugierig zu sein.

In diesem Augenblick rollten die Kellner den Servierwagen mit dem Dinner herein, und dieses seltsame Paar saß sich an dem weißgedeckten Tisch gegenüber. Sie waren selbstverständlich durch Fräulein Stupforsch getrennt, die aber überhaupt nicht imstande war, ihrer Unterhaltung zu folgen.

«Wie heißen Sie?», erkundigte sich die Gräfin, während sie sich gefüllte Sellerie auf den Teller lud.

«Roy Fern», antwortete der Junge.

«Wie komisch!», kommentierte sie und erklärte dann: «Das ist der Name meines Lieblingsparfüms.»

«Sie machen doch keine Witze über mich, oder?», wollte er wissen und schob sich mit dem Buttermesser ein Stück Cape Cod in den Mund.

Nachdem man den Champagner entkorkt hatte, wurde er gesprächiger und gab sogar etwas aus seinem Leben preis.

«Als ich mit dem Lastenaufzug hochkam», sagte er, «gab mir der Liftboy den Tipp, Leine zu ziehen. Also steige ich im falschen Stockwerk aus, renne den Gang runter und hämmere an Ihre Tür. Tja, ich kann von Glück reden, dass es diese war.»

Sein Gesicht nahm einen perplexen Ausdruck an.

«Ich sollte Don anrufen», erklärte er.

«Wer ist Don?»

«Er ist der tolle Hecht, für den ich arbeite. Er ist in Ordnung, echt.»

Die Gräfin war verzückt. Für Fräulein Stupforsch machte sie eine lange Nase.

«Oh, ich möchte ihn kennenlernen», rief sie. «Wir fahren gleich nach dem Essen hin.»

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Donald Bliss galt als der bestaussehendste Schwarzbrenner in New York, und die Damen, die klug genug waren, sich an das alte Sprichwort «Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul» zu erinnern, hatten letztendlich keinen Grund zur Klage. Er war der Sohn eines pensionierten Polizisten, der seinen Nachwuchs bereits in zartem Alter entweder der Politik oder aber der Priesterschaft zugedacht hatte. Donald begann seine Lehre für die eine oder die andere Laufbahn, indem er für einen Tammany-Bonzen Papierkörbe leerte, Botengänge erledigte und Briefmarken auf Umschläge klebte. Etwas später – genauer gesagt, im Alter von achtzehn Jahren – führte das Interesse des Jungen für die Tochter einer Nachbarsfamilie zu mehr oder weniger seriösen Komplikationen. Die Eltern dieses Mädchens waren gestandene deutsche Leutchen, die ihr Kind gern ehrbar verheiratet gesehen hätten, aber Donalds Vater gelang es, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten und obwohl er in Praktiken der dritten Art bewandert war, sie von einem solchen Schritt abzubringen, da dieser im Hinblick auf die höchst hitzige und unverantwortliche Natur seines Sohnes extrem unbesonnen gewesen wäre und nur ins Verderben geführt hätte. Rechtzeitig – natürlich nicht bevor Donald Vater und ihrer überdrüssig geworden war – wurde deshalb das Mädchen in ein Kloster gesteckt, wo sie unter dem Namen Schwester Maria Magdalena Donalda viele gute Werke und fromme Dienste verrichtete.

Irgendwie drang ein Bruchteil dieser Geschichte an die Ohren des mächtigen Tammany-Bonzen, für den Donald arbeitete, und weil der das Talent für Intrigen, das darin enthalten war, bewunderte, ließ er den Jungen zu sich kommen, der gleich den ausgezeichneten Eindruck, den seine Tat bereits erweckt hatte, bestätigte, indem er errötete. Der Boss erkundigte sich geschickt nach den Ambitionen des Jungen und stellte nur milde erstaunt fest, dass sie vollkommen mit den propagierten Idealen der Tammany-Organisation übereinstimmten. Deshalb wurden Donald Positionen zugewiesen, die dem Thron näher waren: die Übermittlung mündlicher Botschaften, deren Charakter für ein Schriftstück zu ungewöhnlich war, von einem Wigwam zum anderen, das gelegentliche Belauschen von außergewöhnlichen Geheimnissen, die Last, sich wörtlich an ausgedehnte Telefongespräche verbatim zu erinnern, sogar der Zutritt zu jener langsam wachsenden Gruppe junger Männer, die auserkoren waren, eines Tages in das Rathaus, das Capitol in Albany oder in das Weiße Haus vorzudringen, oder noch besser – ein berühmter Gangsterboss zu werden. Es besteht wenig Zweifel daran, dass mindestens eines dieser Vorhaben Wirklichkeit geworden wäre, wenn nicht die Tochter des Chefs eine ernsthafte Zuneigung für den gutaussehenden Polizistensohn entwickelt hätte. Wahrscheinlich hätte wohl niemand wirklich etwas gegen die Verkündung des Aufgebotes gehabt, wenn sich nicht ein bedauerliches Hindernis in Gestalt eines Gatten eingeschaltet hätte, der selbst ein Tammany-Bonze war und sehr wohl informiert über die Existenz der vergnüglichen Beziehung zwischen seiner Frau und Donald. In Anbetracht seiner verständlichen Gefühle und der Tatsache, dass seine Kenntnis des Sachverhaltes es schwierig machte, diesen zu ignorieren, hielt man es für eine weise Entscheidung Donalds, sich aus der aktiven Politik zurückzuziehen und für eine Weile seine doch beträchtlichen Fähigkeiten einer Karriere zu widmen, bei der sein Appetit auf Frauen nicht stören würde. Und so wurde Donald, mit Unterstützung und Zustimmung allerhöchster Quellen, zu einem Schwarzbrenner.

Sein Erfolg auf diesem Gebiet war durchschlagend, besonders bei den Familien, wo Frauen den Weinkeller beaufsichtigten, aber Donald wurde auch von Männern gemocht, besonders von Männern ohne Ehefrauen, Freundinnen und Schwestern oder Männern, die sich überhaupt nichts aus Frauen machten. So baute Donald bald ein florierendes Geschäft auf, aber aufgrund seiner Extravaganzen und der Summen, die er an Höhergestellte als Tribut zu entrichten hatte, wurde er nicht sofort reich.

Der bescheidene Ort, an dem er seine Geschäfte betrieb und der als das Wishbone bekannt war und den dritten Stock eines Sandsteinhauses in den East Fifties einnahm, glich denen, die von vielen seiner Confrères betrieben wurden. Die Wohnung war, um genauer zu sein, mit einer ausreichenden Anzahl Stühlen und Tischen einer Firma aus Grand Rapids, einem Klavier, einem Radio, einem Plattenspieler, einigen billigen Teppichen und ein paar gerahmten Lithographien nackter Frauen ausgestattet. Die sieben Zimmer des Apartments lagen alle so zum Flur hin, dass es, wenn erwünscht, möglich war, die Kunden mehr oder weniger voneinander fernzuhalten. Gewöhnlich gefiel es den Gästen jedoch, sich vorn im großen Zimmer zu tummeln. Tatsächlich kannten sich viele sehr gut. Sie wurden von einer am Ende der Wohnung liegenden Speisekammer aus von Jungs bedient, die im Augenblick keine Arbeit hatten und Donald, nicht ohne belohnt zu werden, um Unterstützung angingen. Er verschaffte ihnen Arbeit, indem er sie Getränke reichen, Gläser waschen oder indem er sie, diese modernen Mundschenke, einem Jupiter nach dem anderen Alkoholika überbringen ließ. Manchmal ergab sich daraus etwas.

Die Kundschaft des Wishbone ließe sich als kosmopolitisch beschreiben. Vielleicht wäre Boheme – wenn man denn Interesse hätte, eine so ausgeleierte Bezeichnung wiederzubeleben – das zutreffendere Wort. Es fanden sich dort nicht nur Personen aus den allerbesten Kreisen ein – deren Namen auf den Passagierlisten der Majestic oder der Ile de France auftauchten und die die Berichte von Bällen in Palm Beach und von Scheidungen in Reno anführten –, sondern noch reichere, die aber dem Revolverblattpublikum dafür nicht so geläufig waren, und dann noch andere: Maler, Schriftsteller, Chauffeure, Schauspieler, Matrosen, Soldaten und Feuerwehrmänner. Weder Donald noch seine Kundschaft hatten Vorurteile Farbigen gegenüber. Diese Gruppe wurde – und dies trifft wahrscheinlich auf alle erfolgreichen Salons zu – von der Persönlichkeit des Gastgebers zusammengehalten.

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