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Paranoia

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

TEIL EINS Der Informant

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TEIL ZWEI Backstopping

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TEIL DREI Plumbing

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TEIL VIER Kompromittierung

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TEIL FÜNF Aufgeflogen

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TEIL SECHS Toter Briefkasten

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TEIL SIEBEN Kontrolle

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TEIL ACHT Black Bag Job

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TEIL NEUN Aktive Maßnahmen

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TEIL EINS
Der Informant

Informant: bezeichnet eine Person, die freiwillig oder durch Druck oder Erpressung bereit ist, für eine Organisation zu spionieren.

1

Bevor das Ganze passierte, hatte ich nie an den alten Spruch geglaubt, der besagt, man solle mit seinen Wünschen vorsichtig sein, denn sie könnten wahr werden.

Jetzt glaube ich daran. Ich glaube jetzt an alle mahnenden Sprichwörter. Ich glaube, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Ich glaube, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, dass ein Unglück selten allein kommt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, und dass Lügen kurze Beine haben. Egal was: Ich glaube es.

Ich könnte jetzt erzählen, dass alles mit einem Akt der Großzügigkeit anfing, aber das wäre nicht ganz korrekt. Es war eher ein Akt der Dummheit. Man könnte es als Hilfeschrei bezeichnen. Oder vielleicht doch eher als Stinkefinger. Jedenfalls bedeutete es meinen Untergang. Halb dachte ich, ich käme damit durch, halb erwartete ich, gefeuert zu werden. Ich muss schon sagen, wenn ich auf den Anfang zurückblicke, staune ich, welch ein arroganter Wichser ich doch war. Ich leugne nicht, dass ich bekam, was ich verdiente. Es war nur nicht das, was ich erwartete – aber wer hätte schon so etwas erwartet?

Ich tätigte lediglich ein paar Anrufe, mehr nicht. Gab mich als Leiter der Abteilung Corporate Events aus und rief den hippen Partyservice an, der für Wyatt Telecom alle Feiern ausrichtete. Ich wies sie an, es genau so zu machen wie bei der Party für den Topverkäufer des Jahres eine Woche zuvor. (Natürlich hatte ich keine Ahnung, wie üppig die war.) Ich gab ihnen alle entsprechenden Daten und Zahlen durch und genehmigte die Überweisung der Gelder im Voraus. Das Ganze war überraschend einfach.

Der Besitzer von Meals of Splendor erklärte, er hätte noch nie einen Empfang an einer Laderampe ausgerichtet und dies wäre hinsichtlich des ›Dekors‹ eine ›Herausforderung‹ für ihn, aber ich wusste, einen dicken Scheck von Wyatt Telecom würde er nicht sausen lassen.

Irgendwie hatte ich so eine Ahnung, dass Meals of Splendor auch noch nie einen Ausstand für einen stellvertretenden Vorarbeiter ausgerichtet hatte.

Ich glaube, das war es, was Wyatt wirklich rasend machte. Dass ich für Jonesie – einen gottverdammten Lagerarbeiter! – den Ausstand bezahlte, war ein Verstoß gegen die natürliche Ordnung. Wenn ich mit dem Geld stattdessen einen Ferrari 360 Modena Kabrio angezahlt hätte, hätte Nicholas Wyatt es vielleicht noch ansatzweise verstanden. Er hätte meine Habgier als Zeichen meiner menschlichen Fehlbarkeit betrachtet, wie eine Schwäche für Alkohol oder für ›Bräute‹, wie er Frauen nannte, und sich darin wiedererkannt.

Hätte ich es trotzdem getan, wenn ich gewusst hätte, wie alles enden sollte? Auf gar keinen Fall!

Und doch muss ich sagen, dass es ziemlich cool war. Ich wusste, dass Jonesies Party aus einem Fonds bezahlt wurde, der unter anderem für eine »Auszeit« der Führungsetage im Guanahani-Ferienpark auf der Insel St. Barthélemy vorgesehen war.

Zudem gefiel mir außerordentlich, dass die Packer endlich mal eine Ahnung davon bekamen, wie die großen Tiere lebten. Wenn sich diese Typen oder ihre Frauen eine ausschweifende Party vorstellten, dann dachten sie an das Krabbenfest im Red Lobster oder an ein Barbecue im Outback Steakhouse, und so wussten sie mit dem Essen, zum Beispiel dem Ossietra-Kaviar oder dem Kalbsrücken Provencal, zum Teil nichts anzufangen, stürzten sich aber auf das Rinderfilet en croute, den Lammrücken und den gegrillten Hummer mit Ravioli. Die Eisskulpturen waren der Knüller. Der Dom Perignon floss in Strömen, wenn auch nicht ganz wie das Budweiser. (Das hatte ich ausdrücklich geordert, da ich freitagnachmittags fast immer an der Laderampe rumhing und mir eine rauchte, während einer der Packer, normalerweise Jonesie oder Jimmy Connolly, der Vorarbeiter, ein Iglu kalter Budweiser anschleppte, um wieder einmal das Ende einer Woche zu feiern.)

Jonesie, einer dieser alten Knaben mit wettergegerbtem Gesicht und zerknitterter Miene, die man sofort ins Herz schließt, grinste den ganzen Abend vor sich hin. Esther, seine zweiundvierzigjährige Frau, schien zuerst etwas reserviert, entpuppte sich dann aber als hinreißende Tänzerin. Ich hatte eine ausgezeichnete jamaikanische Reggaeband angeheuert, auf die alle abfuhren, selbst die Typen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie tanzen.

Das war natürlich nach dem großen Einbruch in der Technologiebranche, und allerorts nahmen die Firmen Entlassungen vor und gaben Sparparolen aus, was hieß, man musste nun für den lausigen Kaffee zahlen und im Pausenraum gab es nicht mehr umsonst Cola und so. Für Jonesies letzten Arbeitstag war geplant gewesen, dass er ein paar Stunden in der Personalabteilung zubrachte und Formulare ausfüllte und dann für immer nach Hause ging, ohne Party, ohne irgendwas. Aber die Führungsetage von Wyatt Telecom beabsichtigte, mit ihren Learjets nach St. Barts zu fliegen, in ihren Privatvillen mit Frau oder Freundin zu vögeln, ihre Schwengel großzügig mit Kokosnussöl zu schmieren und an obszön üppigen Frühstückbuffets mit Papaya und Kolibrizunge über firmenweite Sparmaßnahmen zu diskutieren. Jonesie und seine Freunde fragten nicht so genau nach, wer eigentlich für all das zahlte. Aber für mich war es ein irres Vergnügen.

Bis gegen halb zwei Uhr morgens, als das Kreischen der E-Gitarren und das Grölen einiger stockbesoffener Jüngerer wohl die Neugier eines Sicherheitsbeamten erregten, der ziemlich neu war (die Bezahlung ist lausig, die Fluktuation unglaublich), niemanden von uns kannte und daher nicht geneigt war, ein Auge zuzudrücken.

Er war ein rundlicher Typ mit einem rosigen Gesicht wie Schweinchen Dick und gerade mal dreißig. Er griff nach seinem Walkie-Talkie, als wäre es eine Glock, und sagte: »Was zum Teufel ist hier los?«

Und das war das Ende meines bisherigen Lebens.

2

Meine Voicemail wartete schon auf mich, als ich, spät wie üblich, zur Arbeit kam.

Eigentlich noch später als üblich. Mir war mulmig, mir dröhnte der Schädel, und mein Herz raste von dem riesigen Becher Billigkaffee, den ich in der U-Bahn runtergekippt hatte. Eine Welle Magensäure schwappte in meinem Bauch hin und her. Ich hatte daran gedacht, mich krankzumelden, aber die leise Stimme des gesunden Menschenverstands hatte mich gewarnt, nach den Ereignissen der Nacht zuvor sei es klüger, am Arbeitsplatz aufzutauchen und sich den Dingen zu stellen.

Die Wahrheit ist, dass ich fest mit meinem Rausschmiss rechnete – mich sogar fast darauf freute, so, wie man sich gleichermaßen fürchtet und freut, wenn einem ein schmerzender Zahn aufgebohrt wird. Als ich aus dem Auszug stieg und die halbe Meile durch die unteren vierzig Nischen des Großraumbüros zu meinem Arbeitsplatz ging, tauchten immer wieder Köpfe hinter den Trennwänden auf, wie Präriehunde, um einen Blick von mir zu erhaschen. Ich war eine Berühmtheit; die Sache war ’rum. Zweifellos herrschte reger E-Mail-Verkehr.

Meine Augen waren blutunterlaufen, mein Haar ungekämmt, ich sah aus wie ein wandelnder Sag-Nein-zu-Drogen-Spot.

Die kleine LCD-Anzeige auf meinem IP-Phone verkündete: Sie haben elf Voicemails. Ich drückte den Lautsprecher und ging sie durch. Allein das Abhören der teils aufgebrachten, teils anerkennenden, teils mahnenden Anrufe verstärkte den Druck hinter meinen Augäpfeln. Ich holte das Röhrchen Advil aus meiner untersten Schreibtischschublade und schluckte zwei. Damit waren es schon vier an diesem Morgen, was die empfohlene Höchstmenge überschritt. Aber was konnte schon passieren? Dass ich unmittelbar vor meinem Rausschmiss an einer Überdosis Ibuprofen starb?

Ich war Junior Product Line Manager für Routers in unserer Enterprise Division. Glauben Sie mir, die Übersetzung dafür wollen Sie gar nicht hören, sie ist einfach nur todlangweilig. Den ganzen Tag hörte ich nur Zeug wie »dynamische Bandbreitenumschaltung« und »integrierte Zugangsvorrichtung« und »IOS-Vorrichtungen« und »ATM-Backbones« und »IP-Abhörsicherheitsprotokoll«, und schwöre, ich verstand noch nicht mal die Hälfte von diesem Scheiß.

Griffin, ein Typ aus dem Vertrieb, der mich ›Goldjunge‹ nannte, prahlte in seiner Nachricht damit, dass er gerade ein paar Dutzend meiner Router verkauft hatte, und zwar, weil er dem Kunden zugesichert hatte, sie hätten eine ganz spezielle Vorrichtung – zusätzliche Mehrfachprotokolle für Livevideo-Streaming – dabei wusste er verdammt gut, dass dem nicht so war. Aber es wäre doch schön, wenn das Produkt um diese Funktion ergänzt würde, möglichst innerhalb der nächsten zwei Wochen, bevor das Produkt versandt wurde. Ja, träum schön weiter.

Daraufhin rief mich fünf Minuten später Griffins Vorgesetzter an, »nur um sich nach den Fortschritten bei den Mehrfachprotokollen zu erkundigen, um die Sie sich doch kümmern«, – als würde ich die Dinger persönlich bauen!

Dann ertönte die abgehackte, befehlsgewohnte Stimme eines Mannes namens Arnold Meacham, der sich als Leiter der Corporate Security, des firmeneigenen Sicherheitsdienstes, vorstellte und mich aufforderte, doch bitte sofort nach meinem Eintreffen in seinem Büro »vorbeizuschauen«.

Ich hatte keine Ahnung, wer Arnold Meacham war, jetzt mal abgesehen von seinem Titel. Ich hatte den Namen vorher noch nie gehört. Ich wusste noch nicht mal, wo sich der Sicherheitsdienst befand.

Es war schon komisch: Als ich die Nachricht hörte, fing mein Herz nicht an zu rasen, wie man vielleicht hätte erwarten können. Stattdessen schlug es langsamer, so als wüsste mein Körper, dass das Spiel aus war. Es war wirklich etwas Zenmäßiges, die innere Gelassenheit, die sich einstellt, wenn man erkennt, dass man ohnehin nichts mehr tun kann. Fast genoss ich diesen Moment.

Ein paar Minuten trank ich einfach nur meine Sprite und starrte auf die Wände meiner Arbeitsnische, auf den anthrazitfarbenen Noppenstoff, der aussah wie der Teppichboden in der Wohnung von meinem Dad. Ich hatte die Wände frei von jeglichen Zeichen einer menschlichen Behausung gehalten – keine Fotos von Frau und Kind (klar, ich hatte ja auch keine), keine Dilbert-Cartoons, nichts Cleveres oder Ironisches, das besagte, dass ich nur unter Protest hier war, denn darüber war ich schon lange hinaus. Ich hatte ein Bücherbord, auf dem sich ein Nachschlagewerk für Routing-Protokolle und vier dicke schwarze Mappen mit den technischen Daten des MG-50K-Routers befanden. Ich würde meinen Arbeitsplatz nicht vermissen.

Ich meine, es war ja nicht so, dass ich abgeschossen werden würde. Ich war davon überzeugt, dass ich bereits abgeschossen war. Jetzt ging es nur noch darum, den Körper zu beseitigen und das Blut aufzuwischen. Ich erinnerte mich, dass ich im College in französischer Geschichte mal etwas über die Guillotine gelesen hatte und dass der Scharfrichter, ein Arzt, ein ziemlich grausiges Experiment damit anstellte (ich schätze, jeder holt sich seinen Kick, wo er kann). Nachdem der Kopf abgehackt worden war, beobachtete er, wie sich Augen und Lippen ein paar Sekunden lang zusammenkrampften und zuckten, bis sich schließlich die Lider schlossen und sich nichts mehr regte. Als er daraufhin den Namen des Mannes rief, sprangen die Augen in dem vom Rumpf getrennten Kopf wieder auf und starrten den Scharfrichter an. Ein paar Sekunden später schlossen sie sich, doch dann rief der Arzt erneut den Namen des Mannes, und die Augen öffneten sich aufs Neue und starrten ihn an. Hübsch. Dreißig Sekunden nach seiner Abtrennung vom Rumpf reagiert der Kopf also noch. Und genau so fühlte ich mich. Die Klinge war bereits gefallen, da wurde mein Name gerufen.

Ich nahm das Telefon, rief in Arnold Meachams Büro an, erklärte der Sekretärin, ich sei auf dem Weg, und fragte, wie ich denn hinkäme.

Meine Kehle war ausgedörrt, also stoppte ich im Pausenraum, um mir eins der früher kostenlosen, jetzt fünfzig Cent teuren Getränke zu holen. Der Pausenraum lag zentral neben den Aufzügen, und als ich den ganzen Weg dorthin in einer Art Trance zurücklegte, erhaschten noch ein paar Kollegen einen Blick von mir und wandten sich rasch und verlegen ab.

Ich studierte den beschlagenen Kühlschrank mit Softdrinks, entschied mich gegen meine übliche Diät-Pepsi – im Moment brauchte ich wirklich nicht noch mehr Koffein – und nahm mir eine Sprite. Aus reinem Trotz legte ich kein Geld ins Glas. Wow, das würde es ihnen aber zeigen. Ich öffnete die Sprite und steuerte den Aufzug an.

Ich hasste meinen Job, verabscheute ihn richtig, also haute mich der Gedanke, ihn zu verlieren, nicht wirklich um. Auf der anderen Seite hatte ich nicht gerade ein Treuhandvermögen im Rücken und brauchte das Geld, ohne Zweifel. Das war ja schließlich der Sinn des Ganzen, nicht wahr? Im Wesentlichen war ich hierher gezogen, um meinen Dad bei seiner ärztlichen Betreuung zu unterstützen – meinen Dad, der mich für einen Versager hielt. In New York hatte ich als Barkeeper gearbeitet und die Hälfte verdient, aber viel besser gelebt. Schließlich wohnte ich in Manhattan! Hier hauste ich in einem schmierigen, ebenerdigen Einzimmerapartment auf der Pearl Street, das nach Abgasen stank und dessen Fenster klapperten, wenn morgens um fünf die Lastwagen vorbeifuhren. Gut, ich konnte ein paar Mal die Woche mit Freunden ausgehen, aber normal war auch, dass ich jeden Monat auf meinen Dispo zurückgreifen musste, und zwar noch weit vor dem Fünfzehnten, wenn auf wunderbare Weise der Gehaltsscheck auf meinem Konto landete. Die Bezahlung war also nicht gerade großartig, aber ich riss mir auch nicht wirklich den Arsch auf. Ich lief im Schongang. Ich arbeitete das Minimum an vereinbarten Stunden, kam spät und ging früh, erledigte aber mein Pensum. Meine Leistungsbeurteilungen waren nicht gerade großartig – ich war ein ›Kernmitarbeiter‹, Gruppe zwei, nur einen Schritt vom ›Basismitarbeiter‹, dem man den Abgang nahe legt.

Ich stieg in den Aufzug, prüfte, was ich anhatte – graues Poloshirt, schwarze Jeans, Turnschuhe –, und wünschte, ich hätte einen Schlips angezogen.

3

Wenn man in einer großen Firma arbeitet, weiß man nie, was man glauben soll. Es gibt immer eine Menge knallharte, einschüchternde Machosprüche. Ständig erzählen sie einem was von »den Gegner abschießen«, »ihm den Pfahl ins Herz rammen«. Ständig heißt es »töten oder getötet werden«, »fressen oder gefressen werden«, »schnapp dir die Beute«, »friss Scheiße« oder »friss deine Jungen«.

Man ist Software-Engineer oder Produktmanager oder Vertriebsassistent, aber nach einer Weile glaubt man, man würde mit den Stammesangehörigen in Papua-Neuguinea verwechselt, die Kriegsbemalung, Bärenzähne durch die Nase und Flaschenkürbisse überm Schwengel tragen. Die Wahrheit aber ist, wenn du deinem Kumpel im IT-Bereich einen schlechten, politisch unkorrekten Witz mailst, und der leitet den an einen Typen ein paar Schreibtische entfernt weiter, landest du möglicherweise in einem stickigen Konferenzraum der Personalabteilung und kannst dort eine zermürbende Woche Training über multikulturelle Verständigung absitzen. Du klaust Büroklammern und bekommst eins mit dem splittrigen Lineal des Lebens auf die Finger.

Natürlich hatte ich schon etwas mehr getan, als nur den Schrank mit dem Büromaterial zu plündern.

Ich musste dreißig, vierzig Minuten in einem Vorzimmer warten, aber es fühlte sich länger an. Es gab nichts zu lesen – nur Zeug wie Sicherheitsmanagement. Die Sekretärin trug ihr aschblondes Haar in einer Art Helm und hatte vom Rauchen gelbe Ringe unter den Augen. Sie telefonierte, tippte dies und das und warf mir von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick zu, so, wie man versucht, einen Blick von einem grausigen Autounfall zu erhaschen, und sich gleichzeitig auf die Straße konzentrieren muss.

Ich saß so lange dort, dass mein Selbstvertrauen bröckelte. Darum ging es wahrscheinlich auch. Mein monatlicher Gehaltsscheck sah plötzlich wesentlich verlockender aus. Vielleicht war Aufsässigkeit nicht so angesagt. Vielleicht sollte ich Scheiße fressen. Vielleicht war ich schon darüber hinaus.

Arnold Meacham stand nicht auf, als seine Sekretärin mich in sein Büro führte. Er saß hinter einem riesigen schwarzen Tisch, der aussah, als wäre er aus poliertem Granit. Er war etwa vierzig, dünn und kräftig, sah aus wie die Cartoonfigur Gumby, mit lang gezogenem Quadratschädel, langer, schmaler Nase, nicht erkennbaren Lippen. Ergrauendes Haar, zurückweichender Haaransatz. Er trug einen blauen Zweireiher und eine blau gestreifte Krawatte, wie der Präsident eines Yachtclubs. Er starrte mich durch eine überdimensionale Stahlbrille an, die aussah wie eine Fliegerbrille. Mit Sicherheit war er vollkommen humorlos. Rechts von seinem Schreibtisch saß eine Frau, die ein paar Jahre älter war als ich und sich Notizen zu machen schien. Sein Büro war groß und geräumig und hatte eine Menge gerahmte Diplome an den Wänden.

»Sie sind also Adam Cassidy«, sagte er. Er hatte eine scharf artikulierte, irgendwie zickige Art zu sprechen. »Party zu Ende, Mister?« Er verzog seine Lippen zu einem hässlichen Grinsen.

O Gott. Das sah nicht gut aus. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte ich. Ich versuchte, verwirrt und besorgt zu wirken.

»Was Sie für mich tun können? Wie wär’s denn mal für den Anfang mit ›die Wahrheit sagen‹? Das könnten Sie für mich tun!«

Im Allgemeinen mögen mich die Leute. Ich bin ziemlich gut darin, sie für mich zu gewinnen – den stocksauren Mathelehrer, den Kunden, dessen Auftrag sechs Wochen überfällig ist, eigentlich alle. Aber jetzt sah ich sofort, dass dies kein Dale-Carnegie-Moment war. Die Chancen, meinen verhassten Job zu retten, schrumpften sekündlich.

»Sicher«, sagte ich. »Die Wahrheit worüber?«

Er schnaubte amüsiert. »Wie wär’s zum Beispiel mit dem Empfang gestern Abend?«

Ich schwieg und dachte nach. »Sie sprechen von dem kleinen Ausstand?«, fragte ich. Da ich beim Geldtransfer ziemlich vorsichtig gewesen war, wusste ich nicht, wie viel sie wussten. Ich musste aufpassen, was ich sagte. Die Frau mit dem Notizblock, eine Zierliche mit krausen roten Haaren und großen grünen Augen, fungierte wahrscheinlich als Zeugin.

»Klein. Vielleicht für Donald Trump.« Er hatte einen ganz leichten Südstaatenakzent.

»Das war eine dringend benötigte Stärkung der Moral«, sagte ich. »Glauben Sie mir, Sir, für die Produktivität dieser Abteilung wird das Wunder wirken.«

Sein lippenloser Mund verzog sich. »Stärkung der Moral. Die Mittel für diese ›Stärkung der Moral‹ wimmeln nur so von Ihren Fingerabdrücken.«

»Mittel?«

»Ach, Schluss mit dem Scheiß, Cassidy.«

»Ich bin nicht sicher, ob ich Sie verstehe, Sir.«

»Halten Sie mich für dumm?« Zwischen mir und ihm erstreckten sich zwei Meter Kunstgranit, und doch bekam ich seine Spucketröpfchen ab.

»Ich schätze … nein, Sir.« Die Andeutung eines Lächelns umspielte meinen Mundwinkel. Ich konnte nichts dagegen machen: Stolz auf meine Leistung. Großer Fehler.

Meachams teigiges Gesicht rötete sich. »Sie denken wohl, es sei komisch, in firmeneigene Datenbänke einzudringen, um vertrauliche Auszahlungscodes zu bekommen? Sie denken, es sei ein Spaß, es sei clever? Es würde nicht zählen

»Nein, Sir –«

»Sie sind ein Scheißlügner, ein Wichser, es ist nichts anderes, als einer alten Dame in der verdammten U-Bahn das Portemonnaie zu klauen.«

Ich versuchte, kleinlaut dreinzublicken, sah aber, wohin das Ganze führen sollte, und das schien mir sinnlos.

»Sie haben wegen einer gottverdammten Party für Ihre Kumpel vom Lager achtundsiebzigtausend Dollar vom Firmenkonto gestohlen!«

Ich schluckte hart. Scheiße. Achtundsiebzigtausend Dollar? Ich wusste, dass es ziemlich teuer gewesen war, hatte aber keine Ahnung gehabt, wie teuer.

»Steckt dieser Typ mit drin?«

»Was meinen Sie damit? Ich glaube, Sie verwechseln vielleicht…«

»Jonesie? Der Alte, dessen Name auf dem Kuchen stand?«

»Jonesie hatte nichts damit zu tun«, platzte es aus mir heraus.

Meacham lehnte sich mit einem triumphierenden Blick zurück, weil er endlich den Fuß in der Tür hatte.

»Wenn Sie mich feuern wollen, nur zu, aber Jonesie ist total unschuldig.«

»Sie feuern?« Meacham blickte drein, als hätte ich etwas auf Serbokroatisch gesagt. »Sie meinen, hier geht’s darum, Sie zu feuern? Sie sind doch ein kluger Junge, Sie kennen sich gut mit Computern und Mathematik aus, Sie können addieren, richtig? Dann können Sie auch Folgendes zusammenzählen: Veruntreuung von Geldern, das bringt Ihnen fünf Jahre Haft und eine Geldstrafe von zweihunderfünfzigtausend Dollar. Betrug, das sind weitere fünf Jahre Gefängnis, aber warten Sie – wenn Geldinstitute in den Betrug involviert waren, und zum Glück haben Sie Ihre Bank und die des Empfängers verarscht, das war Ihr Glückstag, Sie kleiner Scheißer – dann bringt das bis zu dreißig Jahren Gefängnis und eine Geldstrafe von einer Million Dollar. Kommen Sie noch mit? Was macht das, fünfunddreißig Jahre Gefängnis? Und wir haben noch nicht die Fälschung und die Computerdelikte mitgezählt, schließlich haben Sie Informationen aus einer geschützten Datei gestohlen, das bringt Ihnen zwei ((sic!)) bis zwanzig Jahre Gefängnis und weitere Geldstrafen. Was haben wir also bis jetzt: vierzig, fünfzig, fünfundfünfzig Jahre Gefängnis? Jetzt sind Sie sechsundzwanzig, dann sind Sie, wenn Sie rauskommen, lassen Sie mal sehen, einundachtzig.«

Jetzt brach mir derart der Schweiß aus, dass mein Poloshirt sich klamm und kalt anfühlte. Mir zitterten die Beine. »Aber«, setzte ich mit heiserer Stimme an und räusperte mich. »Achtundsiebzigtausend Dollar sind doch Peanuts in einem Dreißig-Milliarden-Dollar-Unternehmen.«

»Ich schlage vor, Sie halten jetzt mal Ihr gottverdammtes Maul«, sagte Meacham leise. »Wir haben unsere Anwälte zu Rate gezogen und die sind sicher, dass sie eine Klage wegen Veruntreuung vor Gericht durchbringen. Außerdem waren Sie eindeutig in der Lage, weiteren Schaden anzurichten, und wir glauben, dass dies nur ein Vorfall in einer langen Reihe von Betrugsfällen gegen Wyatt Telecommunications war, ein Teil einer ganzen Serie vielfältiger Umbuchungen und Abhebungen. Nur die Spitze des Eisbergs.« Zum ersten Mal wandte er sich an die verdruckste Frau, die sich eifrig Notizen machte. »Jetzt schreiben Sie mal nicht mit.« Er wandte sich wieder zu mir. »Der Staatsanwalt war ein Zimmergenosse unseres Firmenanwalts, Mr. Cassidy, und wir haben seine Zusicherung, dass er Sie hart rannehmen will. Außerdem betreibt das Büro des Bezirksanwalts, wie Ihnen vielleicht entgangen ist, gerade eine Kampagne gegen Wirtschaftskriminalität, und man ist geradezu versessen darauf, ein Exempel zu statuieren. Sie wollen ein abschreckendes Beispiel, Cassidy.«

Ich starrte ihn an. Mir dröhnte wieder der Schädel. Ich spürte, wie mir unter meinem Poloshirt der Schweiß von der Achselhöhle zur Taille herunterrann.

»Wir haben sowohl den Staat als auch den Bund auf unserer Seite. Einfach ausgedrückt: Wir haben Sie. Jetzt ist nur noch die Frage, wir hart wir Sie strafen werden, wie viel Schaden wir anrichten wollen. Und glauben Sie nicht, Sie kämen in eine Art Country Club. Hübsche junge Männer wie Sie legt man auf einer der Pritschen im Bezirksgefängnis flach. Und raus kommen Sie als zahnloser alter Mann. Falls Sie nicht ganz auf dem Laufenden bezüglich unseres Strafvollzugssystems sind: Es gibt auf Bundesebene keine Bewährung mehr. Ihr ganzes Leben hat sich in diesem Augenblick geändert. Sie sind am Arsch, Kumpel.« Er warf einen Blick zu der Frau mit dem Notizblock. »Jetzt schreiben wir wieder mit. Dann lassen Sie mal hören, was Sie zu sagen haben, und geben Sie Ihr Bestes.«

Ich schluckte, hatte aber keine Spucke mehr. Am Rand meines Blickfelds sah ich weiße Blitze. Er hatte es todernst gemeint.

In meiner Zeit an der High School und am College wurde ich ziemlich oft wegen Geschwindigkeitsüberschreitung angehalten und schuf mir einen Ruf als Virtuose, Strafmandaten zu entgehen. Der Trick ist, den Bullen deinen Schmerz fühlen zu lassen. Psychologische Kriegsführung. Deshalb tragen die Bullen Spiegelglasbrillen, dann kann man ihre Augen nicht sehen, während man sie anfleht. Aber selbst Bullen sind Menschen. Ich hatte immer ein paar juristische Lehrbücher auf dem Beifahrersitz und erzählte ihnen, ich wollte in den Polizeidienst und hoffte nur, dieses Strafmandat würde meine Chancen nicht verringern. Oder ich zeigte ihnen ein Pillenröhrchen und erklärte, ich hätte es eilig, weil meine Mutter ihr Medikament gegen epileptische Anfälle so rasch wie möglich brauchte. Was ich vor allem daraus lernte, war, dass man, wenn man damit anfängt, bereit sein muss, es bis zum Ende durchzuziehen; man muss mit Leib und Seele dabei sein.

Jetzt ging es längst nicht mehr darum, meinen Job zu retten. Ich konnte einfach nicht mehr das Bild von dieser Pritsche im Bezirksgefängnis verdrängen. Ich schiss mir vor Angst in die Hose.

Also war ich zwar nicht gerade stolz auf das, was ich vorhatte, aber ich hatte keine andere Wahl, verstehen Sie. Entweder griff ich tief in die Trickkiste und kam mit meiner besten Story für diesen Sicherheitsarsch ’raus, oder ich würde ein Knastnuttchen.

Ich holte tief Luft. »Hören Sie«, sagte ich. »Ich will ganz ehrlich sein.«

»Das wurde auch Zeit.«

»Es ist Folgendes. Jonesie – also, Jonesie hat Krebs.«

Meacham grinste und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, als wollte er sagen: ›Na, dann mal los‹.

Ich seufzte und biss mir auf die Innenseite meiner Wangen, als müsste ich etwas ausspucken, was ich eigentlich nicht preisgeben wollte. »Bauchspeicheldrüse. Inoperabel.«

Meacham starrte mich mit steinerner Miene an.

»Er bekam den Befund vor drei Wochen. Ich meine, man kann einfach nichts tun, der Typ stirbt. Und Jonesie, wissen Sie – nun, Sie kennen ihn nicht, aber er mimt immer den Tapferen. Er sagte zum Onkologen: ›Sie meinen, ich brauch jetzt keine Zahnseide mehr?‹« Ich lächelte traurig. »Das ist Jonesie.«

Die mitschreibende Frau hielt für einen Moment inne, sah wirklich erschüttert aus, beugte sich dann aber wieder über ihre Notizen.

Meacham leckte sich die Lippen. Konnte ich ihn packen? Ich wusste es wirklich nicht. Ich musste noch einen draufsetzen, wirklich alles versuchen.

»Natürlich gibt es keinen Grund, warum Sie das interessieren sollte«, fuhr ich fort. »Ich meine, Jonesie ist hier ja kein wichtiger Typ. Er ist kein Abteilungsleiter oder so, er ist nur ein Lagerarbeiter. Aber er ist wichtig für mich, weil …« Ich schloss ein paar Sekunden lang meine Augen und holte tief Luft. »Die Sache ist die – ich wollte das eigentlich niemandem erzählen, es war eine Art Geheimnis zwischen uns, aber Jonesie ist mein Vater.«

Meachams Stuhl kippte langsam nach vorn. Nun hatte ich seine Aufmerksamkeit.

»Die unterschiedlichen Nachnamen und so – als meine Mutter ihn mit mir vor zwanzig Jahren verließ, nahm sie wieder ihren Mädchennamen an. Ich war ein Kind, wusste es nicht besser. Aber Dad, er …« Ich biss mir auf die Unterlippe. Jetzt hatte ich Tränen in den Augen. »Er unterstützte uns weiterhin, hatte zwei, manchmal drei Jobs. Verlangte nie etwas von uns. Mom wollte nicht, dass er mich besuchte, aber Weihnachten …« Ich holte tief Luft, fast wie bei einem Schluckauf. »Weihnachten kam Dad jedes Mal zu uns, und manchmal klingelte er eine Stunde in der Eiseskälte an unserer Tür, bis Mom ihn hereinließ. Er hatte immer ein Geschenk für mich, etwas Großes, Teures, was er sich eigentlich nicht leisten konnte. Später, als Mom erklärte, sie könnte mich mit ihrem Krankenschwesterngehalt nicht aufs College gehen lassen, fing Dad an, uns Geld zu schicken. Er – er sagte, er wünschte sich für mich ein Leben, das er nie gehabt hätte. Mom hatte nur Verachtung für ihn übrig und irgendwie nahm sie mich gegen ihn ein, wissen Sie? Also habe ich ihm nie gedankt. Ich lud ihn noch nicht mal zu meiner Abschlussfeier ein, weil ich wusste, Mom würde sich dann unwohl fühlen, aber er tauchte trotzdem auf, ich sah, wie er sich im Hintergrund herumdrückte, in einem schäbigen, alten Anzug – ich hatte ihn vorher nie in Anzug und Krawatte gesehen, er muss sie sich bei der Heilsarmee besorgt haben, weil er mich unbedingt bei meiner Abschlussfeier vom College sehen und mich nicht in Verlegenheit bringen wollte.«

Jetzt schienen auch Meachams Augen feucht zu werden. Die Frau machte sich keine Notizen mehr, sondern starrte mich nur an und kämpfte blinzelnd gegen ihre Tränen.

Ich war in Fahrt. Meacham wollte mein Bestes, also bekam er es auch. »Als ich hier bei Wyatt anfing, war ich völlig überrascht, als ich entdeckte, dass Dad im verdammten Lager arbeitete. Das war wie ein ungeheurer Zufall. Mom ist vor ein paar Jahren gestorben, und jetzt nahm ich Verbindung mit meinem Vater auf, diesem sanftmütigen, wundervollen Kerl, der nie etwas von mir wollte, nie etwas verlangte, der sich krumm und lahm schuftete, um seinen gottverdammt undankbaren Sohn zu unterstützen, den er nie zu Gesicht bekam. Wissen Sie, es war wie Schicksal. Und als er erfuhr, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat, und davon anfing, er würde sich umbringen, bevor der Krebs ihn kaputtmacht, ich meine …«

Die Beisitzerin langte nach einem Kleenex und putzte sich die Nase. Jetzt warf sie Arnold Meacham finstere Blicke zu. Meacham wich zurück.

Ich flüsterte: »Ich musste ihm doch einfach zeigen, was er mir bedeutet – was er uns allen bedeutet. Ich schätze, es war mein ganz persönliches ›Wünsch dir was‹. Ich erzählte ihm – ich erzählte ihm, ich hätte beim Wetten gewonnen, ich wollte nicht, dass er Bescheid wusste und sich Sorgen machte. Ich meine, glauben Sie mir, ich weiß, was ich tat, war falsch, vollkommen falsch. Es war in vielerlei Hinsicht falsch, ich will Sie nicht verscheißern. Aber vielleicht war es in einer einzigen Hinsicht richtig.« Die Frau griff nach einem weiteren Kleenex und blickte Meacham an, als wäre er der Abschaum der Menschheit. Meacham senkte hochrot den Blick und konnte mir nicht in die Augen sehen. Ich selbst hatte ja schon eine Gänsehaut.

Dann hörte ich am hinteren, im Schatten liegenden Ende des Büros eine Tür aufgehen und dann so etwas wie Klatschen. Langsames, lautes Klatschen.

Es war Nicholas Wyatt, der Gründer und Geschäftsführer von Wyatt Telecommunications. Breit grinsend und klatschend trat er zu uns. »Brillante Vorstellung«, sagte er. »Absolut brillant.«

Ich blickte verwirrt zu ihm auf und schüttelte bekümmert den Kopf. Wyatt war ein großer Mann, etwa einsfünfundneunzig, und hatte den Körperbau eines Ringers. Je näher er kam, desto größer wurde er, und als er dann knapp einen Meter vor mir stehen blieb, schien er geradezu überdimensional. Es war bekannt, dass er auf Kleidung Wert legte, und jetzt trug er einen grauen Anzug mit feinen Nadelstreifen, der aussah, als wäre er von Armani. Er war nicht nur mächtig, er sah auch mächtig aus.

»Mr. Cassidy, ich möchte Ihnen eine Frage stellen.«

Ich wusste nicht, was ich machen sollte, also stand ich auf und streckte ihm meine Hand entgegen.

Wyatt ergriff sie nicht. »Wie lautet Jonesies Vorname?«

Ich zögerte eine Sekunde zu lang. »Al«, sagte ich schließlich.

»Al? Al: von was?«

»Al von Alan«, sagte ich. »Albert. Scheiße.«

Meacham starrte mich an.

»Details, Cassidy«, sagte Wyatt. »Die Details brechen Ihnen das Genick. Aber ich muss sagen, ich war bewegt – Sie haben es wirklich geschafft. Der Teil mit dem Anzug von der Heilsarmee hat mich wirklich hier getroffen.« Er klopfte sich mit der Faust gegen die Brust. »Ganz außerordentlich.«

Ich grinste kleinlaut und kam mir vor wie ein Trottel. »Der Typ hier meinte, ich sollte mein Bestes geben.«

Wyatt lächelte. »Sie sind ein höchst talentierter junger Mann, Cassidy. Eine gottverdammte Scheherazade. Und ich denke, wir sollten uns mal unterhalten.«

4

Nicholas Wyatt war ein Furcht einflößender Mann. Ich hatte ihn bis jetzt nicht persönlich kennen gelernt, sondern nur im Fernsehen gesehen, bei CNBC und auf der Homepage der Firma, wo Ansprachen auf Video von ihm gesendet wurden. Und ein paar Mal in den drei Jahren, die ich in dem von ihm gegründeten Unternehmen arbeitete, hatte ich sogar einen Blick von ihm erhaschen können. Von nahem war er noch einschüchternder als sonst. Seine Haut war tief gebräunt, und sein Haar, das schwarz glänzte wie frisch polierte Schuhe, hatte er mit Gel straff zurückgekämmt. Seine Zähne waren vollkommen ebenmäßig und Las-Vegas-weiß.

Er war sechsundfünfzig, sah aber nicht aus, wie auch immer man mit sechsundfünfzig aussehen soll. Ganz gewiss jedenfalls sah er nicht aus wie mein Dad mit sechsundfünfzig, der schon in seinen so genannten besten Jahren ein dickbäuchiger, alter Mann mit beginnender Glatze war. Dieses Sechsundfünfzig war etwas ganz anderes.

Ich hatte keine Ahnung, was ich hier sollte. Was konnte der Chief Executive Officer des Unternehmens, nach all dem, was Meacham bereits angedroht hatte, noch in petto haben? Tod durch tausend Papierschnitte? Lebendig von einem Wildschwein gefressen werden?

Insgeheim hatte ich flüchtig die Vorstellung, er würde mir auf die Schulter klopfen, mir für meine gute Nummer gratulieren und sagen, ihm gefiele mein Sportsgeist, meine Chuzpe. Aber dieser traurige kleine Tagtraum schrumpfte so schnell, wie er sich in mein verzweifeltes Hirn geschlichen hatte. Nicholas Wyatt war kein Basketball spielender Priester. Er war ein nachtragender Hurensohn.

Ich hatte Geschichten über ihn gehört. Ich wusste, wenn man schlau war, achtete man darauf, ihm aus dem Weg zu gehen. Man hielt den Blick gesenkt und versuchte, nicht seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er war berüchtigt für seine Ausraster, seine Wutanfälle und Verbalattacken. Er war bekannt dafür, Leute fristlos zu feuern und dann vom Sicherheitsdienst zum Ausgang eskortieren zu lassen, nachdem der betreffende Schreibtisch unter Aufsicht geräumt worden war. Bei den Konferenzen der Führungsetage pickte er sich immer einen heraus, den er dann die ganze Zeit demütigte. Man kam ihm nicht mit schlechten Neuigkeiten oder verschwendete auch nur eine Sekunde seiner Zeit. Wenn man das Pech hatte, eine PowerPoint-Präsentation für ihn machen zu müssen, ging man sie so lange durch, bis sie perfekt war, aber wenn es dann auch nur eine einzige Panne gab, unterbrach er einen gleich und schrie: »Ich glaub’s einfach nicht!«

Es hieß, er sei im Gegensatz zu früher schon viel moderater geworden, aber moderater als was? Er war Gewichtheber und Triathlet und bis zur Bösartigkeit konkurrenzbewusst. Typen, die im firmeneigenen Fitnessstudio trainierten, sagten, er würde ständig die Sportasse zu Klimmzug-Wettkämpfen herausfordern. Er verlor nie, und wenn der andere aufgab, spöttelte er: »Soll ich noch weitermachen?« Es hieß, er hätte einen Körper wie Arnold Schwarzenegger, wie ein braunes Kondom, das mit Walnüssen gestopft ist.

Er war nicht nur wahnsinnig versessen darauf zu gewinnen, sondern er genoss seinen Sieg nur, wenn er den Verlierer bloßstellte. Auf einer Weihnachtsparty der Firma schrieb er einmal ›Trion Systems‹, den Namen seines Hauptkonkurrenten, auf eine Weinflasche und schmetterte sie, unter Beifallsrufen und Pfiffen etlicher Angetrunkener, gegen die Wand.

Er leitete ein Unternehmen mit hohem Testosteronspiegel. Seine Topmanager kleideten sich alle wie er, in Siebentausend-Dollar-Anzüge von Armani oder Prada, Brioni oder Kiton oder anderen Designern, von denen ich noch nicht mal gehört hatte. Und sie ließen sich seinen Scheiß bieten, weil sie Ekel erregend gut dafür entschädigt wurden. Alle kannten den Witz über ihn: Was ist der Unterschied zwischen Gott und Nicholas Wyatt? Gott denkt nicht, er sei Nicholas Wyatt.

Nick Wyatt schlief drei Stunden pro Nacht und aß zum Frühstück und Mittagessen nur Proteinriegel, er war ein Nuklearreaktor nervöser Energie, der ständig schwitzte. Die Leute nannten ihn den ›Exterminator‹. Er regierte mit Hilfe von Furcht und vergaß nie einen Affront. Als eine seiner Exfreundinnen als Geschäftsführerin einer großen High-Tech-Firma gefeuert wurde, sandte er ihr einen Kranz schwarzer Rosen – seine Sekretärinnen wussten immer, wo man schwarze Rosen bekam. Der Spruch, für den er berühmt war, der Satz, den er so oft wiederholte, dass er über dem Haupteingang in Granit gemeißelt oder als Bildschirmschoner auf jedem Schreibtisch zu sehen sein sollte, lautete: »Natürlich bin ich paranoid. Ich erwarte, dass jeder, der für mich arbeitet, paranoid ist. Erfolg erfordert Paranoia.«

Ich folgte Wyatt vom Sicherheitsdienst zu seinen Räumlichkeiten auf der Führungsetage, und das war nicht ganz leicht, denn er war ein Powerwalker. Fast musste ich rennen. Hinter mir kam Meacham, der ein schwarzes Lederportfolio wie einen Schlagstock schwang. Als wir uns der Führungsetage näherten, wechselten die Wände von weißen Gipsplatten zu Mahagonivertäfelung, und der Teppich wurde weich und flauschig. Dann waren wir in seinem Büro, seinem Reich.

Seine beiden verblüffend ähnlichen Sekretärinnen, eine blond, eine schwarz, blickten auf und strahlten ihn an, als wir an ihnen vorbeizogen. Er sagte: »Linda, Yvette«, als würde er sie betiteln. Ich war nicht überrascht, dass beide aussahen wie Models – alles hier war erlesen, wie die Wände, der Teppich und die Möbel. Ich fragte mich, ob ihr Aufgabenbereich auch einige unkonventionellere Pflichten umfasste, zum Beispiel Blowjobs. Jedenfalls kursierte das Gerücht.

Wyatts Büro war riesig. Hier hätte ein ganzes bosnisches Dorf Platz gefunden. Zwei der Wände bestanden vollständig aus Glas, und der Blick auf die Stadt war unglaublich. Die anderen Wände waren aus edlem dunklem Holz, die mit gerahmten Titelbildern der Fortune, der Forbes und der Business Week bedeckt waren, alle mit seiner Visage drauf. Ich glotzte großäugig darauf, als ich im Laufschritt daran vorbeieilte. Es gab auch ein Bild von ihm und ein paar anderen Typen zusammen mit Prinzessin Diana. Und eines von ihm in trauter Dreisamkeit mit George Bush Senior und Junior.

Er führte uns zu einer ›Sitzgruppe‹, die aus einem schwarzledernen Sofa mit Ziernähten und passenden Sesseln bestand und aussah, als käme sie direkt aus dem Museum of Modern Art. Er ließ sich in eine Ecke des riesigen Sofas sinken.

Mir schwirrte der Kopf. Ich war desorientiert, in einer anderen Welt. Ich konnte mir nicht vorstellen, was ich hier, in Nicholas Wyatts Büro, sollte. Vielleicht war er einer dieser Jungen gewesen, denen es Spaß machte, Insekten mit der Pinzette die Beine auszureißen, bevor er sie mit der Lupe bei lebendigem Leib verschmorte.

»Das war eine ziemlich raffinierte Nummer, die Sie da abgezogen haben«, sagte er. »Höchst beeindruckend.«

Ich lächelte und zog bescheiden den Kopf ein. Leugnen kam jetzt nicht mehr in Frage. Gott sei Dank, dachte ich. Es sah aus, als hätten wir die Schulterklopf-Chuzpe-Richtung eingeschlagen.

»Aber niemand tritt mir in die Eier und kommt damit durch, das sollten Sie wissen. Ich meine gottverdammt niemand

Jetzt hatte er Pinzette und Lupe ’rausgeholt.

»So, wie sieht’s aus, Sie sind seit drei Jahren im Product Lifecycle Management, Ihre Leistungsbeurteilungen sind mau, in Ihrer ganzen Zeit hier haben Sie keine Gehaltserhöhung oder Beförderung bekommen; Sie arbeiten pro forma, tun so als ob. Nicht gerade ehrgeizig, oder?« Er sprach schnell, was mich noch nervöser machte.

Ich lächelte wieder. »Ich schätze, nein. Ich hab wohl andere Prioritäten.«

»Zum Beispiel?«

Ich zögerte. Jetzt hatte er mich. Ich zuckte die Achseln.

»Jeder muss sich für irgendwas begeistern, sonst ist er einen Dreck wert. Sie begeistern sich offensichtlich nicht für Ihre Arbeit, wofür also dann?«

Ich bin eigentlich fast nie um Worte verlegen, aber dieses Mal fiel mir einfach nichts Cleveres ein. Meacham starrte mich ebenfalls an, mit einem hässlichen, sadistischen kleinen Lächeln in seinem messerscharfen Gesicht. Ich musste daran denken, dass es Typen in der Firma gab, auch in meiner Abteilung, die sich ständig überlegten, wie sie dreißig Sekunden mit Wyatt bekamen, in einem Aufzug beispielsweise oder bei der Vorstellung eines Produkts. Sie hatten sogar eine kleine »Aufzugrede« vorbereitet. Und ich saß hier im Büro des großen Mannes und war stumm wie eine Schaufensterpuppe.

»Sind Sie in Ihrer Freizeit Schauspieler?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Nun, darin sind Sie jedenfalls gut. Ein echter, gottverdammter Marlon Brando. Beim Großkundenverkauf für Routers sind Sie mau, aber als Verscheißerer sind Sie olympiareif.«

»Wenn das ein Kompliment sein soll, danke ich Ihnen, Sir.«

»Ich höre, Sie geben auch einen verdammt guten Nick Wyatt – stimmt das? Lassen Sie mal sehen.«

Ich wurde rot und schüttelte den Kopf.

»Wie auch immer, Fazit ist, Sie haben mich beschissen und scheinen zu glauben, Sie kämen damit durch.«

Ich setzte einen erschrockenen Blick auf. »Nein, Sir, ich glaube nicht, dass ich damit durchkomme.«

»Ersparen Sie mir das. Ich brauch nicht noch eine Vorstellung. Sie haben mich schon verblüfft.« Er schnippte mit den Fingern wie ein römischer Kaiser, und Meacham übergab ihm eine Mappe. Er sah sie sich an. »Ihre Punktzahl beim Eignungstest ist im Spitzenbereich. Auf dem College hatten Sie Technik als Hauptfach, welche Richtung?«

»Elektrotechnik.«

»Sie wollten mal Engineer werden?«

»Mein Dad wollte, dass ich etwas als Hauptfach nehme, mit dem ich später mal einen anständigen Job bekäme. Ich wollte eigentlich Leadgitarre bei Pearl Jam spielen.«

»Waren Sie gut?«

»Nein«, gab ich zu.

Er verzog das Gesicht zu einem halben Lächeln. »Sie haben fünf Jahre fürs College gebraucht. Was war da los?«

»Ich flog für ein Jahr ’raus.«

»Ich weiß Ihre Ehrlichkeit zu schätzen. Zumindest versuchen Sie es nicht mit dieser ›Jahr im Ausland‹-Masche. Was ist passiert?«

»Ich hab mir einen dummen Scherz erlaubt. Da ich ein schlechtes Semester hinter mir hatte, verschaffte ich mir Zugang ins Computersystem des Colleges und änderte meine Noten. Und die von meinem Zimmergenossen.«

»Also war’s ein alter Trick.« Er sah auf seine Uhr, blickte dann kurz zu Meacham und dann wieder zu mir. »Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen, Adam.« Mir gefiel nicht, wie er meinen Vornamen aussprach; es war unheimlich. »Einen sehr guten Vorschlag. Genauer gesagt, ein äußerst großzügiges Angebot.«

»Danke, Sir.« Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, wusste aber, dass es weder gut noch großzügig sein konnte.

»Allerdings werde ich leugnen, jemals gesagt zu haben, was ich jetzt zu Ihnen sage. Und sollten Sie es jemals weitererzählen, werde ich es nicht nur leugnen, sondern ich werde Sie auch wegen gottverfluchter Rufschädigung verklagen, ist das klar? Ich werde Sie verdammt noch mal zerquetschen.« Was er auch meinte, er hatte die Mittel dazu. Er war Milliardär, der dritt- oder viertreichste Mann in Amerika, und bevor unser Aktienkurs einbrach, war er die Nummer zwei. Er wollte der Reichste sein – hatte es auf Bill Gates’ Platz abgesehen – aber das schien kaum machbar.

Mir hämmerte das Herz. »Sicher.«

»Sind Sie sich über Ihre Lage im Klaren? Hinter Tür Nummer eins erwarten Sie sicher – gottverdammt sicher – mindestens zwanzig Jahre Gefängnis. Also gibt’s das oder das, was hinter dem Vorhang auf Sie wartet. Gehen wir aufs Ganze?«

Ich schluckte. »Sicher.«

»Dann will ich Ihnen sagen, was hinter dem Vorhang wartet, Adam. Eine viel versprechende Zukunft für einen cleveren Technikhauptfächler wie Sie, Sie müssen nur nach den Regeln spielen. Meinen Regeln.«

Mein Gesicht brannte.

»Ich möchte, dass Sie ein spezielles Projekt für mich übernehmen.«

Ich nickte.

»Sie sollen einen Job bei Trion annehmen.«

»Bei … Trion Systems?« Ich verstand nicht.

»In der Marketingabteilung für neue Produkte. In diesem Unternehmen gibt es ein paar offene Stellen in strategisch günstigen Positionen.«

»Aber man würde mich doch nie im Leben einstellen.«

»Da haben Sie Recht, Sie würde man niemals einstellen. Nicht einen faulen Sack wie Sie. Aber einen Superstar bei Wyatt, einen Überflieger, eine zukünftige Supernova würde man innerhalb einer Nanosekunde einstellen.«

»Ich kann Ihnen nicht folgen.«

»Ein cleveres Kerlchen wie Sie? Na, jetzt haben Sie aber ein paar Punkte beim IQ-Test verloren. Kommen Sie schon, Sie kleiner Scheißer. Der Lucid – das war doch Ihr Baby, oder?«

Er sprach von Wyatt Telecoms Spitzenprodukt, diesem All-in-one-PDA, einer Art Palm Pilot auf Steroiden. Einem unglaublichen Toy. Ich hatte nichts damit zu tun. Ich besaß noch nicht mal einen.

»Das würde man mir niemals abnehmen«, sagte ich.

»Hören Sie mir gut zu, Adam. Meine besten geschäftlichen Entscheidungen treffe ich aus dem Bauch heraus, und mein Bauch sagt mir, dass Sie die Nerven, den Kopf und das Talent dazu haben. Also ja oder nein?«

»Sie möchten, dass ich Ihnen regelmäßig Bericht erstatte, ja?«

Er senkte seinen stählernen Blick auf mich. »Mehr als das. Ich möchte, dass Sie mir Informationen besorgen.«

»Also wie ein Spion. Eine Art Maulwurf.«

Er drehte seine Handflächen nach oben, als wollte er sagen: Sind Sie ein Volltrottel oder was? »Nennen Sie’s, wie Sie wollen. Bei Trion gibt es einiges an wertvollem geistigem Eigentum, das ich in die Finger kriegen will, und das Sicherheitssystem dort ist so gut wie nicht zu knacken. Nur ein Insider hat Zugriff auf das, was ich will, und zwar nicht irgendein Insider. Ein Major Player. Also wirbt man entweder einen an, kauft sich einen, oder man schmuggelt einen rein. Und hier haben wir einen smarten, sympathischen jungen Mann mit besten Referenzen – da denke ich doch, dass wir ziemlich gute Aussichten haben.«

»Und was ist, wenn ich geschnappt werde?«

»Das werden Sie nicht«, antwortete Wyatt.

»Und was, wenn doch?«

»Wenn Sie Ihren Job richtig machen«, meldete sich Meacham, »dann werden Sie nicht geschnappt. Und wenn Sie was vermasseln und Sie doch geschnappt werden – nun, dann sind wir ja noch da. Wir schützen Sie.«

Irgendwie konnte ich das nicht glauben. »Aber die werden doch total misstrauisch sein.«

»Weswegen?«, fragte Wyatt. »In dieser Branche wechseln die Leute ständig das Unternehmen. Die Topleute schnappt man sich. Wie tief hängende Früchte. Sie haben gerade einen großen Erfolg bei Wyatt gelandet, und vielleicht bekommen Sie nicht ganz das, was Sie bekommen sollten, Sie wollen mehr Verantwortung, bessere Möglichkeiten, mehr Geld – der übliche Scheiß eben.«

»Das werden die doch sofort durchschauen.«

»Nicht, wenn Sie Ihre Sache richtig machen«, widersprach Wyatt. »Sie werden sich mit Produktmarketing vertraut machen müssen, Sie werden verdammt noch mal brillant sein müssen, Sie werden härter arbeiten müssen als je zuvor in Ihrem erbärmlichen Leben. Sie werden sich wirklich den Arsch aufreißen müssen. Nur ein Major Player bekommt, was ich haben will. Wenn Sie es bei Trion mit Ihrer So-tun-als-ob-Masche versuchen, werden Sie entweder abgeschossen oder beiseite geschoben, und dann ist unser kleines Experiment vorbei. Und auf Sie wartet Tür Nummer eins.«

»Ich dachte, alle Typen für neue Produkte würden einen Wirtschaftsabschluss brauchen.«

»Ach was, Goddard hält so was für Quatsch – und in diesem Punkt stimmen wir ausnahmsweise mal überein. Er denkt, so was würde einen nur beschränken. Apropos: beschränken.« Er schnippte mit den Fingern, und Meacham reichte ihm etwas, ein kleines Metalldöschen, das mir bekannt vorkam. Ein Altoid-Döschen. Er ließ den Deckel aufschnellen. In dem Döschen befanden sich weiße Tabletten, die aussahen wie Aspirin, aber kein Aspirin waren. Und mir entschieden vertraut vorkamen. »Sie werden aufhören müssen mit dieser Scheiße, diesem Ecstasy oder wie Sie das nennen.« Dieses Döschen hatte ich immer zu Hause auf meinem Couchtisch. Ich fragte mich, wann und wie sie daran gekommen waren, war aber zu benommen, um mich aufzuregen. Er ließ das Döschen in einen kleinen schwarzen Lederpapierkorb fallen, der neben dem Sofa stand. Es schlug mit einem dumpfen Geräusch auf. »Das Gleiche gilt für Pot, Sprit, den ganzen Scheiß. Reißen Sie sich zusammen und starten Sie Ihre Höhenflüge ohne das, Mann.«

Das schien mir das kleinste Problem. »Und was ist, wenn ich nicht genommen werde?«

»Tür Nummer eins.« Er lächelte böse. »Und packen Sie nicht Ihre Golfschuhe ein, sondern Gleitmittel.«

»Auch wenn ich mein Bestes gebe?«

»Ihr Job besteht darin, es nicht zu vermasseln. Mit den Referenzen von uns und einem Coach wie mir gibt es für Sie keinerlei Ausrede.«

»Und über welche Bezahlung sprechen wir?«

»Welche Bezahlung? Was weiß denn ich? Glauben Sie mir, es wird jedenfalls verflucht viel mehr sein, als Sie hier bekommen. Auf jeden Fall sechsstellig.« Ich versuchte, ein Schlucken zu unterdrücken.

»Zusätzlich zu meinem Gehalt hier.«

Er wandte mir sein straffes Gesicht zu und starrte mich unbewegt an. In seinen Augen lag nicht der geringste Ausdruck. Botox?, fragte ich mich. »Sie wollen mich wohl verarschen.«

»Ich gehe schließlich ein enormes Risiko ein.«

»Bitte? Ich gehe hier das Risiko ein. Sie sind eine gottverdammte Blackbox für mich, ein dickes, fettes Fragezeichen.«

»Wenn Sie das wirklich meinten, hätten Sie mir nicht das Angebot gemacht.«

Er wandte sich zu Meacham. »Ich glaub’s einfach nicht.«

Meacham sah aus, als hätte er ein Stück Scheiße verschluckt. »Du kleiner Wichser«, sagte er. »Ich sollte jetzt auf der Stelle das Telefon nehmen …«

Wyatt hielt gebieterisch eine Hand in die Höhe. »Ist schon okay. Er hat Nerven. Das gefällt mir. Wenn Sie genommen werden und Ihren Job gut machen, gibt’s doppelt Geld. Aber wenn Sie’s versauen …«

»Ich weiß schon«, sagte ich. »Tür Nummer eins. Lassen Sie mich darüber nachdenken, ich melde mich morgen bei Ihnen.«

Wyatt klappte die Kinnlade herunter und starrte mich ungläubig an. Er schwieg eine Weile und sagte dann in eisigem Ton: »Sie haben Zeit bis morgen früh neun Uhr. Bis der Staatsanwalt in sein Büro kommt.«

»Ich rate Ihnen, kein Wort von all dem weiterzuerzählen, weder Ihren Kumpeln noch Ihrem Vater noch sonstwem«, schaltete Meacham sich ein. »Oder Sie werden nicht mehr wissen, wo hinten und vorne ist.«

»Ist mir klar«, antwortete ich. »Sie brauchen mir nicht zu drohen.«

»Oh, das ist keine Drohung«, gab Nicholas Wyatt zurück. »Das ist ein Versprechen.«

5

Mir fiel kein Grund ein, warum ich noch mal zurück zur Arbeit sollte, also ging ich nach Hause. Ich fand es komisch, um ein Uhr mittags in der U-Bahn zu sitzen, mit all den alten Leuten, den Studenten, den Müttern mit ihren Kindern. Mir schwirrte immer noch der Kopf, und übel war mir auch.

Meine Wohnung lag gut zehn Minuten zu Fuß von der U-Bahn-Haltestelle entfernt. Es war ein sonniger, lächerlich heiterer Tag.

Mein Hemd war immer noch feucht und roch irre nach Schweiß. Ein paar junge Mädchen mit Overalls und Piercings an allen möglichen Stellen zogen eine Gruppe kleiner Kinder an einem langen Seil hinter sich her. Die Kinder kreischten. Ein paar farbige Jungen spielten mit nacktem Oberkörper Basketball auf einem asphaltierten, eingezäunten Spielfeld. Die Platten auf dem Bürgersteig waren uneben, und erst wäre ich fast gestolpert, dann spürte ich etwas widerlich Glitschiges unter meinem Schuh. Ich war in Hundescheiße getreten. Perfekter Symbolismus.

Im Flur zu meiner Wohnung roch es stark nach Urin, entweder von einer Katze oder von einem Penner. Die Post war noch nicht da. Meine Schlüssel klimperten, als ich die drei Schlösser meiner Wohnungstür öffnete. Die alte Dame in der Wohnung gegenüber öffnete ihre Tür einen Spalt weit, bis ihre Sicherheitskette spannte, und knallte sie dann wieder zu, sie war zu klein für das Guckloch. Ich winkte ihr freundlich zu.

Im Apartment war es düster, obwohl die Rouleaus oben waren. Die Luft roch stickig, nach abgestandenem Zigarettenrauch. Da die Wohnung ebenerdig lag, konnte ich tagsüber die Fenster nicht zum Lüften auflassen.

Meine Möbel waren ziemlich erbärmlich: Der Raum wurde beherrscht von einem grün karierten, golddurchwirkten Schlafsofa mit hoher Rückenlehne, auf dem überall Bierflecken zu sehen waren. Es blickte auf einen Neunzehn-Zoll-Fernseher von Sanyo, der keine Fernbedienung mehr hatte. Ein hohes, schmales Bücherregal aus Kiefernholz stand einsam und nicht ganz fertig aufgebaut in einer Ecke. Als ich mich auf das Sofa setzte, stieg eine Staubwolke gen Himmel. Die Eisenschiene unter der Polsterung stieß gegen meinen Hintern. Ich dachte an Nicholas Wyatts schwarzes Ledersofa und fragte mich, ob er jemals in einem solchen Loch gehaust hatte. Es hieß, er hätte die Firma aus dem Nichts aufgebaut, aber das glaubte ich nicht; ich konnte mir nicht vorstellen, dass er jemals in so einem Rattennest gelebt hatte. Ich entdeckte unter dem gläsernen Couchtisch das Bic-Feuerzeug, zündete mir eine Zigarette an und blickte hinüber zu dem Stapel Rechnungen auf dem Tisch. Mittlerweile öffnete ich noch nicht mal mehr die Umschläge. Ich hatte zwei MasterCards und drei Visas, alle über dem Limit, und die Mindestzahlungen konnte ich kaum aufbringen.

Natürlich hatte ich mich längst entschieden.

6

Bist du gefeuert worden?«

Seth Marcus, mein bester Kumpel seit der High School, arbeitete drei Abende die Woche als Barkeeper in einer Yuppiekneipe namens Alley Cat. Tagsüber war er als Assistent in einer Anwaltskanzlei in der City beschäftigt. Er sagte zwar, er bräuchte das Geld, aber ich war insgeheim überzeugt, dass er nur den Barkeeper spielte, um sich einen Touch Coolness zu bewahren und nicht zu der Sorte Bürodepp zu mutieren, über die wir uns so gerne lustig machten.

»Wieso?« Wie viel hatte ich ihm verraten? Hatte ich ihm von Meachams Anruf erzählt, dem Chef des Sicherheitsdienstes? Das wollte ich nicht hoffen. Jedenfalls konnte ich ihm jetzt nicht das Geringste über den Schraubstock erzählen, in dem ich steckte.

»Wegen deiner großen Party.« Es war laut, ich verstand ihn nicht gut, außerdem pfiff jemand am anderen Ende der Bar schrill mit zwei Fingern im Mund. »Der Kerl pfeift nach mir? Als wäre ich ein verfickter Köter?« Er ignorierte den Mann.

Ich schüttelte den Kopf.

»Du bist damit durchgekommen, wie? Du hast es wirklich durchgezogen, erstaunlich. Das muss gefeiert werden, was kann ich dir bringen?«

»Brooklyn Brown?«

Er schüttelte den Kopf. »Nee.«

»Newcastle? Guinness?«

»Wie wär’s mit einem Bier vom Fass? Das wird nicht nachgehalten.«

Ich zuckte die Achseln. »Okay.«

Er zapfte mir ein Bier, das gelb und schaumig war: Offensichtlich hatte er keine Übung darin. Es schwappte auf die zerkratzte Holztheke. Seth war groß, dunkelhaarig und gut aussehend – ein echter Weibermagnet – mit einem lächerlichen Spitzbärtchen und einem Ohrring. Er war Halbjude, wäre aber lieber farbig gewesen. Er spielte und sang in einer Band namens Slither, die ich ein paar Mal gehört hatte; sie war nicht besonders gut, aber er erzählte ständig von einem Plattenvertrag. Er hatte ein Dutzend Projekte auf einmal laufen, nur um nicht zugeben zu müssen, dass er es nicht weit gebracht hatte.

Ich kannte niemanden außer Seth, der noch zynischer war als ich. Wahrscheinlich waren wir deshalb auch Freunde. Und er machte kein Theater wegen meines Vaters, obwohl er früher auf der High School Football gespielt hatte und von Frank Cassidy trainiert (und tyrannisiert) worden war. Im siebten Jahr kamen wir in dieselbe Klasse und mochten uns auf Anhieb, weil unser Mathelehrer, Mr. Pasquale, uns beide auf dem Kieker hatte. In der neunten Klasse verließ ich die Public School und kam zur Bartholomew Browning & Knightley, der vornehmen Privatschule, wo mein Vater kurz zuvor als Trainer für Football und Hockey eingestellt worden war und ich nun kein Schulgeld bezahlen musste. Zwei Jahre lang sah ich Seth nur sporadisch, dann wurde Dad gefeuert, weil er einem Schüler zwei Knochen im rechten und einen Knochen im linken Unterarm gebrochen hatte. Die Mutter des Jungen war Vorsitzende des Aufsichtsrats vom Bartholomew Browning. Also wurde der Schulgeldhahn zugedreht, und ich ging zurück zur Public School. Dad kam direkt danach ebenfalls dort unter, also hörte ich mit dem Footballspielen auf.

Seth und ich arbeiteten während der High School auf dem selben Golfplatz, bis Seth das ewige Herumlungern satt hatte und zu Dunkin’Donuts ging, um in Nachtschichten Donuts zu backen. Ein paar Sommer hintereinander arbeiteten er und ich als Fensterputzer in einer Firma, die sich vor allem die Wokenkratzer in der City vornahm, doch irgendwann entschieden wir, dass es sich cooler anhörte, im siebenundzwanzigsten Stock an ein paar Seilen zu baumeln, als es tatsächlich war. Es war nicht nur langweilig, sondern gleichzeitig auch höllisch riskant, eine üble Kombination. Vielleicht gibt es Leute, die es als eine Art Extremsportart ansehen, hundert Meter über der Erde an einer Häuserwand zu kleben, aber mir kam es eher vor wie ein Selbstmordversuch in Zeitlupe.

Das Pfeifen wurde lauter. Die Leute guckten schon nach dem Urheber des Geräuschs, einem dicklichen Kerl mit Anzug und beginnender Glatze, und einige lachten.

»Gleich reicht’s mir aber, verdammt noch mal«, sagte Seth.

»Nur die Ruhe«, entgegnete ich, aber es war zu spät, er steuerte schon das andere Ende der Theke an. Ich nahm mir eine Zigarette und zündete sie an, während ich zusah, wie er sich über die Bar lehnte und den Mann finster anstarrte, als wollte er ihn gleich am Kragen packen. Aber er hielt sich zurück und sagte nur etwas. Die Leute in seiner Umgebung lachten. Als Seth den Rückweg antrat, wirkte er cool und entspannt. Dann blieb er stehen, wechselte ein paar Worte mit zwei umwerfenden Frauen, einer Blonden und einer Brünetten, und warf ihnen ein Lächeln zu.

»Ach. Ich glaub’s nicht, dass du immer noch rauchst«, sagte er zu mir. »Verdammt bescheuert, wenn man an deinen Dad denkt.« Er nahm eine Zigarette aus meinem Päckchen, zündete sie an, nahm einen Zug und legte sie in den Aschenbecher.

»Danke, dass du mir nicht dankst, dass ich nicht rauche«, sagte ich. »Und wie lautet deine Entschuldigung?«

Er stieß den Rauch durch die Nase aus. »Kumpel, ich mach gerne mehrere Dinge auf einmal. Außerdem kommt in meiner Familie kein Krebs vor. Nur Geisteskrankheit.«

»Er hat keinen Krebs.«

»Ein Emphysem. Wie auch immer. Wie geht’s dem alten Knaben?«

»Gut.« Ich zuckte die Achseln. Wollte es nicht vertiefen, genauso wenig wie Seth.

»Mann, eins der beiden Hühner will einen Cosmopolitan und das andere einen Frozen Drink. Ich hasse das.«

»Warum?«

»Zu viel Arbeit, und mehr als ein Vierteldollar Trinkgeld ist nicht drin. Frauen geben niemals Trinkgeld, das weiß ich inzwischen. Herrgott, du machst zwei Budweiser auf und kriegst ein paar Dollar. Aber Frozen Drinks!« Er schüttelte den Kopf. »Mann.«

Er verschwand für ein paar Minuten, knallte dies und das auf die Theke und ließ den Mixer aufheulen. Servierte den Mädels mit seinem Killerlächeln ihren Drink. Sie würden ihm keinen Vierteldollar geben. Stattdessen wandten sie sich zu mir und lächelten.

Als er zurückkam, fragte er: »Was machst du später?«

»Später?« Es war schon kurz vor zehn, und ich sollte mich am nächsten Morgen um halb acht mit einem Software-Engineer von Wyatt treffen. Ein paar Tage Training mit ihm, einer großen Nummer beim Lucid-Projekt, dann noch ein paar Tage mit einem Marketingmanager für neue Produkte und regelmäßige Sitzungen mit einem »Managertrainer«. Man hatte einen mörderischen Stundenplan für mich entworfen. In meinen Augen war das ein Trainingscamp für Speichellecker. Jedenfalls kein Rumhuren mehr und Auftauchen um neun oder zehn. Aber das konnte ich Seth nicht sagen; ich konnte es niemandem sagen.

»Ich bin um eins fertig«, sagte er. »Die beiden Hühner haben nachgefragt, ob ich mit ihnen nachher noch in eine Salsabude gehen wollte. Ich sagte, ich hätte noch einen Freund da. Jetzt haben Sie dich abgecheckt und sind ganz angetan.«

»Ich kann nicht«, sagte ich.

»Was?«

»Ich muss morgen früh zur Arbeit. Pünktlich, wirklich.«

Seth wirkte alarmiert und ungläubig. »Was? Was ist denn jetzt los?«

»Auf der Arbeit wird’s ernst. Morgen muss ich früh da sein. Großes Projekt.«

»Das ist doch ein Witz, oder?«

»Leider nein. Musst du morgen nicht auch arbeiten?«

»Wirst du jetzt einer von denen? Den Ferngesteuerten?«

Ich grinste. »Zeit, erwachsen zu werden. Keine Spielchen mehr.«

Seth wirkte angewidert. »Kumpel, für eine glückliche Kindheit ist es nie zu spät.«

7

Nach zehn aufreibenden Tagen, in denen ich von Software-Entwicklern und Marketingfuzzies, die mit Lucid zu tun gehabt hatten, geimpft wurde, war mein Kopf voll gestopft mit allen möglichen unnützen Informationen. Ich hatte ein winziges ›Büro‹ bekommen, das eigentlich das Magazin von Wyatts Büroflucht darstellte, aber ich war ohnehin fast nie dort. Ich tauchte jeden Tag pflichtgemäß auf und machte keinen Ärger. Wie lange ich das durchhalten konnte, ohne auszuflippen, wusste ich nicht, aber das Bild von der Gefängnispritsche sorgte dafür, dass ich motiviert blieb.

Eines Morgens wurde ich in ein Büro zitiert, das zwei Türen von Nicholas Wyatts Räumlichkeiten entfernt lag. Auf dem Messingschild neben der Tür stand JUDITH BOLTON. Das ganze Büro war weiß – weißer Teppich, weiße Polstermöbel, weiße Marmorplatte auf dem Schreibtisch, selbst die Blumen waren weiß.

Auf einem weißen Ledersofa saß Nicholas Wyatt neben einer attraktiven Frau in den Vierzigern, die ungezwungen mit ihm plauderte, ihn leicht am Arm berührte und lachte. Kupferrotes Haar, lange, übergeschlagene Beine, ein schlanker Körper, an dem offensichtlich hart gearbeitet wurde, dunkelblaues Kostüm. Sie hatte blaue Augen, glänzende herzförmige Lippen und provokant in die Höhe gezogene Augenbrauen. Früher war sie eindeutig eine Wucht gewesen, doch mit der Zeit war sie ein bisschen hart geworden.

Mir wurde klar, dass ich sie schon einmal gesehen hatte, irgendwann in der Woche zuvor, zusammen mit Wyatt, als er einer meiner Trainingssessions mit Typen vom Marketing und Engineers einen raschen Besuch abgestattet hatte. Sie schien ihm da ständig was ins Ohr zu flüstern, während sie mich beobachtete, aber wir wurden einander nicht vorgestellt, und ich hatte mich gefragt, wer sie war.

Als ich näher trat, blieb sie auf ihrem Platz sitzen, streckte mir aber die Hand hin – lange Finger, rot lackierte Nägel – und bedachte mich mit einem Händedruck, der fest und entschieden war.

»Judith Bolton.«

»Adam Cassidy.«

»Sie sind spät dran«, bemerkte sie.

»Ich habe mich verlaufen«, erwiderte ich, um die Situation aufzulockern.

Sie schüttelte lächelnd den Kopf und schürzte die Lippen. »Sie haben ein Problem mit Pünktlichkeit. Das ist das letzte Mal, dass Sie zu spät kommen, haben wir uns verstanden?«

Ich lächelte zurück, es war das Lächeln, das ich Bullen schenke, wenn sie mich fragen, ob ich weiß, wie schnell ich gefahren bin. Die Lady war tough. »Absolut.« Ich setzte mich auf einen Sessel ihr gegenüber.

Wyatt hatte amüsiert den Wortwechsel verfolgt. »Judith ist eine meiner wertvollsten Mitarbeiterinnen«, sagte er. »Mein ›Managertrainer‹. Mein Consigliere und Ihr Svengali. Ich empfehle Ihnen, auf jedes einzelne Wort von ihr zu hören. Ich jedenfalls tue es.« Er stand auf und entschuldigte sich. Als er ging, winkte sie ihm kurz zu.

Mittlerweile war ich kaum wiederzuerkennen. Ich war ein anderer Mann. Ich fuhr jetzt keine Rostlaube mehr, sondern einen silbernen Audi A6, den die Firma für mich geleast hatte. Meine Garderobe war ebenfalls neu. Eine von Wyatts Sekretärinnen, die dunkle, die sich als ehemaliges Model aus Britisch West Indien entpuppt hatte, ging eines Nachmittags mit mir in ein äußerst exklusives Geschäft, das ich bis dato nur von außen gesehen hatte, und meldete dort, sie würde Sachen für Nick Wyatt kaufen. Sie suchte ein paar Anzüge, Hemden, Krawatten und Schuhe aus und bezahlte sie mit einer firmeneigenen American-Express-Karte. Sie kaufte sogar ›Strümpfe‹, das heißt Socken. Und das waren nicht die üblichen Klamotten von Structure, sondern von Armani und Ermenegildo Zegna. Die sahen schon so aus, als wären sie handgenäht, und zwar von italienischen Witwen, die Verdi hörten.

Sie entschied, dass die Koteletten – sie nannte sie ›Schwulengriffe‹ – weg mussten. Des Weiteren der verknautschte ›Bin-gerade-aufgestanden-Look‹. Also ging sie mit mir zu einem angesagten Frisör, und als ich rauskam, sah ich aus wie ein Model von Ralph Lauren, nur nicht ganz so schwul. Ich fürchtete mich schon vor dem nächsten Treffen mit Seth; ich wusste, er würde die Klappe gar nicht mehr zukriegen.

Eine Coverstory war bereits fix und fertig. Meinen Mitarbeitern und Vorgesetzten in der Abteilung Enterprise/Routers war mitgeteilt worden, dass ich ›neu zugewiesen‹ worden war. Es ging das Gerücht, dass ich nach Sibirien geschickt worden sei, weil mein Abteilungsleiter meine Einstellung endgültig satt gehabt habe. Ein anderes Gerücht besagte, dass einem von Wyatts Führungskräften eines meiner Memos angenehm aufgefallen sei, dass ihm ›meine Einstellung gefallen‹ und ich daraufhin mehr, nicht weniger, Verantwortung bekommen hätte. Niemand kannte die Wahrheit. Alle wussten nur, dass ich eines Tages von meinem Arbeitsplatz verschwunden war.

Aber wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, sich auf der Firmenhomepage mal genauer das Mitarbeiterverzeichnis anzusehen, hätte er bemerkt, dass ich nun den Titel ›Director of Special Projects, Büro des CEO‹ führte.

Außerdem wurde an einer Vita gearbeitet, die in Dateien und Akten zurückzuverfolgen war.

Judith wandte sich wieder zu mir und fuhr fort, als wäre Wyatt nie da gewesen. »Falls man Sie bei Trion nimmt, treffen Sie jeden Tag fünfundvierzig Minuten vor Arbeitsbeginn an Ihrem Platz ein. Unter keinen Umständen werden Sie zum Lunch oder nach der Arbeit etwas trinken. Keine Happyhours, keine Cocktailpartys, kein Abhängen mit ›Arbeitskollegen‹. Keine Feiereien. Wenn Sie zu einer Party müssen, die beruflich bedingt ist, trinken Sie Mineralwasser.«

»Das hört sich ja an, als wäre ich ein Anonymer Alkoholiker.«

»Trunkenheit ist ein Zeichen von Schwäche.«

»Rauchen kommt dann wohl auch nicht in Frage.«

»Falsch«, sagte sie. »Es ist zwar eine scheußliche und abstoßende Angewohnheit und zeugt von einem Mangel an Selbstdisziplin, aber es gilt, noch anderes in Betracht zu ziehen. Die Raucherecke ist ein ausgezeichneter Ort, um Kontakte zu knüpfen, sich mit Leuten aus unterschiedlichsten Abteilungen zu unterhalten und nützliche Informationen zu bekommen. Und jetzt zu Ihrem Händedruck.« Sie schüttelte den Kopf. »Der war gar nicht gut. Die Entscheidung, ob jemand eingestellt wird oder nicht, wird innerhalb der ersten fünf Sekunden getroffen – nämlich beim Händeschütteln. Jeder, der Ihnen was anderes erzählt, lügt. Sie bekommen den Job beim Händeschütteln, und den Rest des Vorstellungsgesprächs kämpfen Sie darum, ihn zu behalten, ihn nicht zu verlieren. Da ich eine Frau bin, sind Sie es sachter angegangen. Tun Sie das nicht. Seien Sie entschieden, packen Sie fest zu, und halten Sie –«

Ich lächelte ironisch und unterbrach sie: »Das letzte Mal, dass ich das von einer Frau zu hören bekam …« Ich bemerkte, dass sie mitten im Satz erstarrte. »Sorry.«

Nun legte sie kokett den Kopf zu einer Seite und lächelte. »Danke.« Pause. »Halten Sie meine Hand ein, zwei Sekunden länger als üblich. Blicken Sie mir in die Augen, und lächeln Sie. Richten Sie Ihr Herz auf mich. Versuchen wir es noch mal.«

Ich stand auf und schüttelte Judith Bolton ein zweites Mal die Hand.

»Besser«, sagte sie. »Sie sind ein Naturtalent. Die Leute, die Sie treffen, werden denken: ›Irgendwas an diesem Kerl gefällt mir, ich weiß nur nicht, was es ist.‹ Sie haben’s drauf.« Sie musterte mich abschätzend. »Haben Sie sich mal die Nase gebrochen?«

Ich nickte.

»Lassen Sie mich raten: beim Football.«

»Nein, beim Hockey.«

»Hat was. Treiben Sie Sport, Adam?«

»Früher mal.« Ich setzte mich wieder.

Sie lehnte sich vor, stützte ihr Kinn auf eine Hand und taxierte mich. »Das merkt man. An Ihrem Gang, an Ihrer Körperhaltung. Das gefällt mir. Aber Sie synchronisieren nicht.«

»Bitte?«

»Sie müssen synchronisieren. Spiegeln. Lehne ich mich vor, lehnen Sie sich vor. Lehne ich mich zurück, tun Sie dasselbe. Schlage ich die Beine über, schlagen Sie ebenfalls die Beine über. Achten Sie darauf, wie ich meinen Kopf neige, und tun Sie es mir nach. Synchronisieren Sie sogar Ihren Atem mit meinem. Aber ganz unauffällig, bloß nicht penetrant. So nehmen Sie auf einer unterbewussten Ebene Kontakt mit den Menschen auf, sorgen dafür, dass sie sich bei Ihnen wohl fühlen. Menschen mögen Menschen, die so sind wie sie. Verstanden?«

Ich schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln oder zumindest das, was ich dafür hielt.

»Und noch etwas.« Sie lehnte sich noch weiter vor, bis ihr Gesicht nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt war. Dann flüsterte sie: »Sie haben zu viel Aftershave aufgelegt.«

Vor Verlegenheit brannte mir das Gesicht.

»Lassen Sie mich raten: Drakkar Noir.« Sie wartete erst gar nicht auf meine Antwort, sie wusste, dass sie Recht hatte. »Ziemlich pubertär. Ich wette, die Cheerleaderinnen bekamen davon weiche Knie.«

Später erfuhr ich, wer Judith Bolton war. Sie arbeitete seit ein paar Jahren in der Führungsriege bei Wyatt Telecom, war dazugestoßen, nachdem sie als Chefberaterin von McKinsey & Company Nicholas Wyatt persönlich in heiklen Personalfragen wie zum Beispiel ›Konfliktmanagement‹ in der Führungsetage und in psychologischen Aspekten bei Geschäften, Verhandlungen und Anstellungen unterwiesen hatte. Da sie eine Doktorarbeit in Lernpsychologie geschrieben hatte, lautete ihr vollständiger Name Doktor Judith Bolton. Ob man sie nun als ›Managertrainerin‹ oder als ›Führungsstrategin‹ bezeichnete, sie fungierte als Wyatts persönliche Olympiatrainerin, als Privatcoach. Sie beriet ihn, wenn er entscheiden musste, wer das Zeug zum Manager hatte und wer nicht, wer gefeuert werden sollte und wer hinter seinem Rücken konspirierte. Sie besaß den Röntgenblick für Illoyalität. Ohne Zweifel hatte er sie mit einem lächerlich hohen Gehalt von McKinsey abgeworben. Sie war mächtig und selbstsicher genug, ihm zu widersprechen und ihm Dinge ins Gesicht zu sagen, die er sich von sonst keinem angehört hätte.

»Unsere erste Aufgabe besteht nun darin, zu lernen, wie man durch ein Vorstellungsgespräch kommt«, sagte sie.

»Ich bin doch auch hier angestellt worden«, widersprach ich lahm.

»Wir spielen jetzt in einer ganz anderen Klasse, Adam«, entgegnete sie mit einem Lächeln. »Sie sind jetzt ein Topmann und müssen wie ein Topmann an ein Vorstellungsgespräch herangehen, damit die Leute von Trion sich ein Bein ausreißen, um Sie uns wegzuschnappen. Wie gefällt Ihnen Ihre Arbeit bei Wyatt?«

Ich sah sie an und kam mir dumm vor. »Tja, ich will ja schließlich von hier weg, oder?«

Sie rollte mit den Augen und holte scharf Luft. »Nein. Drücken Sie es positiv aus.« Sie wandte den Kopf zu einer Seite und imitierte erstaunlich gut meine Stimme: »Ausgezeichnet. Extrem inspirierend! Meine Mitarbeiter sind großartig.« Ihre Vorstellung war so gut, dass mir unheimlich wurde; es war, als würde man seine eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter hören.

»Und was mache ich dann bei einem Vorstellungsgespräch bei Trion?«

»Neue Möglichkeiten, Adam. An Ihrem Job bei Wyatt ist nichts auszusetzen. Sie sind keineswegs unzufrieden. Sie machen nur den nächsten logischen Schritt in Ihrer Karriere, und bei Trion gibt es mehr Möglichkeiten, noch Größeres, Besseres zu tun. Was ist Ihre größte Schwäche, Adam?«

Ich dachte eine Sekunde lang nach. »Ehrlich gesagt, habe ich keine«, sagte ich. »Gib nie eine Schwäche zu.«

Sie runzelte die Stirn. »Herrgott noch mal. Dann wird man Sie für einen Lügner oder einen Dummkopf halten.«

»Das ist doch ’ne Fangfrage.«

»Natürlich ist es eine Fangfrage. Vorstellungsgespräche sind Minenfelder, mein Freund. Sie müssen ein paar Schwächen zugeben, dürfen aber niemals etwas wirklich Abträgliches gestehen. Also geben Sie zu, ein zu hingebungsvoller Ehemann, ein allzu nachsichtiger Vater zu sein.« Sie sprach wieder mit der Adam-Stimme: »Manchmal gewöhne ich mich so sehr an ein Computerprogramm, dass ich die anderen vernachlässige. Oder: Manchmal, wenn ich mich über Kleinigkeiten ärgere, sage ich es nicht direkt, weil ich denke, das wird sich schon wieder von selbst geben. Sie beklagen sich nicht genug! Oder wie wäre das: Ich neige dazu, wirklich von einem Projekt aufgesogen zu werden, und dann investiere ich viel zu viel Zeit, weil ich es gut, weil ich es richtig machen möchte. Vielleicht arbeite ich an manchen Dingen länger als nötig. Verstanden? Sie werden sich die Finger nach Ihnen lecken, Adam!«

Ich nickte lächelnd. Mann, o Mann, wo war ich da reingeraten?

»Was war der größte Fehler, den Sie je beruflich gemacht haben?«

»Offensichtlich muss ich einen zugeben«, sagte ich nervös.

»Sie lernen schnell«, erwiderte sie trocken.

»Vielleicht habe ich mir zu viel aufgehalst und –«

»Und es vermasselt? Also überschätzen Sie Ihre Kompetenz? Doch wohl nicht. Sie sagen: ›Ach, es war nichts wirklich Schlimmes. Einmal habe ich an einem ausführlichen Bericht für meinen Chef gesessen und vergessen, ihn abzuspeichern, und dann stürzte mein Computer ab und ich verlor alles. Ich musste bis drei Uhr nachts in der Firma bleiben und die komplette Arbeit noch mal machen. Junge, Junge, diese Lektion habe ich gelernt: immer abspeichern.‹ Klar? Ihr größter Fehler war nicht Ihre Schuld, außerdem haben Sie es dann noch vollkommen bereinigt.«

»Verstanden.« Langsam wurde es mir am Kragen zu eng und ich wollte hier raus.

»Sie sind ein Naturtalent, Adam«, sagte sie. »Sie werden es gut machen.«

8

Am Abend vor dem ersten Vorstellungsgespräch bei Trion besuchte ich meinen Dad. Das tat ich mindestens einmal die Woche, manchmal auch öfter, je nachdem, ob er anrief und mich aufforderte, rüberzukommen. Er rief oft an, teilweise, weil er einsam war (Mom war sechs Jahre zuvor gestorben), teilweise, weil er wegen der Steroide, die er nahm, an Verfolgungswahn litt und überzeugt war, dass seine Pflegerinnen ihn umbringen wollten. Also rief er nie an, um freundlich zu plaudern, sondern um Klagen, Tiraden, Beschuldigungen loszuwerden. Dann behauptete er, ihm würden Schmerzmittel fehlen und Caryn, die Krankenschwester, hätte sie ihm mit Sicherheit geklaut. Oder der Sauerstoff vom Lieferanten wäre beschissen. Oder Rhonda, eine andere Pflegerin, würde ständig über seine Schläuche stolpern und ihm die Kanülen aus der Nase ziehen. Und ihm dabei fast die Ohren abreißen.

Die Behauptung, es sei schwierig, Dads Pflegerinnen bei der Stange zu halten, war eine lächerliche Untertreibung. Die meisten hielten es nicht länger als ein paar Wochen durch. Francis X. Cassidy war ein übellauniger Mann, war es, solange ich ihn kannte, schon immer gewesen, und je älter und kränker er wurde, desto schlimmer wurde auch das. Er hatte schon immer mehrere Päckchen Zigaretten am Tag geraucht, hatte ständig unter Bronchitis gelitten und einen starken Reizhusten gehabt. Also war es keine besondere Überraschung, als ein Emphysem bei ihm festgestellt wurde. Was hatte er erwartet? Er war ja schon seit Jahren nicht in der Lage gewesen, die Kerzen auf seinem Geburtstagskuchen auszublasen. Jetzt befand sich sein Emphysem im so genannten Endstadium, was hieß, dass er in ein paar Wochen oder Monaten, aber auch erst in zehn Jahren sterben konnte. Genaues wusste niemand.

Leider fiel mir, seinem einzigen Sohn, die Aufgabe zu, sich um seine Pflege zu kümmern. Er wohnte immer noch in der Wohnung, die das Erdgeschoss und die erste Etage des zweistöckigen Hauses einnahm, in dem ich aufgewachsen war, und hatte seit dem Tod meiner Mom nichts verändert – es gab immer noch den goldbraunen Kühlschrank, der nicht richtig funktionierte, das Sofa, das an einer Seite absackte, und die Spitzenvorhänge, die mit der Zeit gelb geworden waren. Er hatte keinerlei Rücklagen und seine Pension war lächerlich; sie reichte kaum, um die Arztkosten zu decken. Das hieß, ein Teil meines Gehaltsschecks ging für seine Miete, für die ambulante Pflege und Ähnliches drauf. Dankbarkeit hatte ich von ihm weder erwartet noch bekommen. Nicht in einer Million Jahren hätte er mich um Geld gebeten. Wir taten einfach so, als lebte er von einer Art Treuhandfonds.

Als ich ankam, saß er in seinem Lieblingssessel, einem Barcalounger, vor dem riesigen Fernseher. Das war seine Hauptbeschäftigung. Sie ermöglichte ihm, sich über etwas in der wirklichen Welt aufzuregen. Mit Schläuchen in der Nase (er bekam nun rund um die Uhr Sauerstoff) sah er sich Werbung auf einem Kabelsender an.

»Hey, Dad«, sagte ich.

Keine Sekunde blickte er auf – er war so hypnotisiert von der Werbung, als wäre es die Duschszene in Psycho. Dünn war er geworden, obwohl er immer noch eine breite Brust hatte, und seine militärisch kurz geschnittenen Haare waren schlohweiß. Als er endlich zu mir aufblickte, sagte er: »Weißt du, dass das Miststück abhaut?«

Das ›Miststück‹, von dem er sprach, war seine aktuelle Pflegerin, eine griesgrämige, etwa fünzigjährige Irin mit verkniffenem Gesicht und flammend rot gefärbten Haaren namens Maureen. Wie aufs Stichwort hinkte sie ins Wohnzimmer – sie hatte etwas an der Hüfte – und trug einen Plastikwäschekorb mit einem Haufen ordentlich gefalteter weißer T-Shirts und Boxershorts darin: die üppige Garderobe meines Vaters. Das einzig Überraschende an ihrer Kündigung war, dass sie so lange dazu gebraucht hatte. Dad hatte eine kleine elektrische Klingel auf dem Beistelltischchen neben dem Barcalounger, die er betätigen konnte, wenn er etwas brauchte, was ständig der Fall zu sein schien. Entweder funktionierte die Sauerstoffzufuhr nicht oder die Nasenschläuche trockneten seine Schleimhaut aus oder er brauchte Hilfe, um aufs Klo zu gehen. Ab und an hatte sie mit ihm einen ›Spaziergang‹ auf seinem motorisierten Rollstuhl gemacht, damit er um das Einkaufszentrum herumfahren, sich über die ›Punks‹ beschweren und sie noch ein bisschen mehr beschimpfen konnte. Er unterstellte ihr, dass sie seine Schmerzmittel stahl. Schon einen normalen Menschen hätte das verrückt gemacht, und Maureen wirkte ohnehin leicht reizbar.

»Warum sagen Sie ihm nicht, wie Sie mich genannt haben?«, fragte sie und setzte den Wäschekorb auf dem Sofa ab.

»Ach, zum Teufel«, sagte er. Er sprach in kurzen, abgehackten Sätzen, als fehlte ihm ständig Luft. »Sie haben mir Frostschutzmittel in den Kaffee getan. Ich hab’s rausgeschmeckt. So was nennt man ›Gerontozid‹, ›Altenmord‹.«

»Wenn ich Sie umbringen wollte, würde ich was Stärkeres nehmen als Frostschutzmittel«, fauchte sie zurück. Sie sprach immer noch mit starkem irischem Akzent, obwohl sie bereits über zwanzig Jahre hier lebte. Dad unterstellte seinen Pflegerinnen immer, sie wollten ihn umbringen. Und wenn es stimmte, wer konnte es ihnen verdenken? »Er hat mich mit einem Wort beschimpft – das ich nicht einmal wiederholen kann.«

»Verdammte Scheiße noch einmal, ich habe sie eine ›Fotze‹ genannt. Das ist ein höfliches Wort für ihresgleichen. Ich sitze hier mit meinen gottverdammten Schläuchen, und dieses Miststück misshandelt mich.«

»Ich habe ihm eine Zigarette aus der Hand gerissen«, erklärte Maureen. »Er versuchte, heimlich zu rauchen, während ich mich unten um die Wäsche kümmerte. Als könnte ich den Rauch nicht durchs Haus riechen.« Sie sah mich an. Auf einem Auge schielte sie. »Rauchen ist ihm untersagt! Ich weiß noch nicht mal, wo er die Zigaretten herhat – er muss sie hier irgendwo versteckt haben, ich weiß es!«

Mein Vater grinste triumphierend, sagte aber nichts.

»Wie auch immer, was kümmert es mich«, sagte sie verbittert. »Dies ist mein letzter Tag hier. Ich ertrage es nicht mehr.«

Das bezahlte Publikum in der Werbesendung jubelte und klatschte wie wild.

»Wie ich schon sagte«, meldete sich Dad. »Sie rührt keinen Finger. Sieh dir nur den ganzen Staub hier an. Was zum Teufel macht dieses Miststück eigentlich?«

Maureen nahm den Wäschekorb. »Ich hätte schon vor einem Monat gehen sollen. Ich hätte den Job gar nicht erst annehmen sollen.« Sie hinkte aus dem Wohnzimmer wie ein lahmes Pony.

»I

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