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Mittsommergeheimnis – Paradies in Gefahr

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

“Entschuldigung, Bürgermeister, aber darum geht es hier doch gar nicht.” Energisch schüttelte Hanna Fredrikson den Kopf. Der Blick, den sie durch die Reihen der anwesenden Dorfbewohner schweifen ließ, war unnachgiebig. “Niemand hier streitet ab, dass so ein Hotelprojekt Arbeitsplätze nach Dvägersdal bringen würde. Worum es uns jedoch geht, ist die Rettung eines unberührten Fleckchens Natur – und dem kann man nicht einfach so betriebswirtschaftliche Kalkulationen entgegensetzen!”

Sie vernahm sowohl zustimmendes als auch ablehnendes Gemurmel. Kein Wunder, denn von knapp zwanzig Personen, die zu der Versammlung im Gasthof Den Röda Tupp – Der Rote Hahn – erschienen waren, gehörte etwa die Hälfte zu den Befürwortern und die andere Hälfte zu den Gegnern des Bauvorhabens. Sie saßen an mehreren in U-Form zusammengestellten Tischen. Der Bürgermeister und der Stadtrat hatten am Kopf der Tafel Platz genommen, während die beiden zerstrittenen Lager jeweils an einer Seite saßen.

“Es ist ja schön und gut, dass Sie die Natur schützen wollen, Hanna”, ergriff Bürgermeister Almstedt das Wort. Er versuchte ruhig und gelassen zu wirken, doch die hektischen Flecken auf seinen Wangen machten den Schein zunichte. “Aber meine Aufgabe ist es, für das Wohl aller Bürger von Dvägersdal einzutreten. Und abgesehen von den Arbeitsplätzen, die so ein Wellnesshotel dem Ort einbringt, würden auch die Einzelhändler in der Region von den zusätzlichen Touristen profitieren.”

“Nej!” Ruben Dalson, der am Tisch direkt neben Hanna saß, sprang von seinem Platz auf und ließ seine Hand so fest auf den Tisch sausen, dass die Gläser darauf laut schepperten. “Das ist doch reine Profitmacherei. Meine Stimme bekommen Sie dafür ganz sicher nicht, Sigfrid!”

Hanna unterdrückte ein Seufzen. So ging das nun schon seit über einer Stunde, und eine Annäherung zwischen den beiden Parteien lag nach wie vor in weiter Ferne. Was für eine Zeitverschwendung! Dabei war es doch im Grunde so einfach: Hanna und ihre Mitstreiter waren nicht prinzipiell gegen das Wellnesshotel. Aber dass die Firma Svenska Hotellen es ausgerechnet unterhalb des Trollfjällen errichten wollte, war ihnen ein Dorn im Auge. Denn der Trollfjällen war nicht nur ein sagenumwobener Ort, sondern auch ein völlig unberührtes Stück Natur mit einer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt.

Und außerdem ist Audrey damals genau dort zum letzten Mal gesehen worden …

Rasch verdrängte Hanna die Erinnerung an das englische Au-pair-Mädchen, das vor fünfzehn Jahren spurlos in den Wäldern von Dvägersdal verschwunden war.

Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Aufgabe, die nun vor ihr lag: das Land rund um den Trollfjällen vor den Machenschaften eines skrupellosen Unternehmers zu schützen. Für derartige Menschen schienen Begriffe wie Naturschutz und sanfter Tourismus offenbar Fremdwörter zu sein.

“Warum stemmt sich Svenska Hotellen so gegen die Verlegung Ihres Projekts an einen alternativen Standort?” Dies war eine der Fragen, auf die Hanna bisher keine zufriedenstellende Antwort erhalten hatte. “Das Tal ist voll von herrlichen Plätzen, die sich mindestens ebenso gut für ein Wellnesshotel eignen würden wie der Hang unterhalb des Trollfjällens.”

Bürgermeister Almstedt machte inzwischen keinen Hehl mehr daraus, dass ihm der Verlauf der Versammlung missfiel. Er hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Svenska Hotellen für Dvägersdal als Standort zu begeistern. Das geplante Wellnesshotel sollte der absolute Glanzpunkt seiner Karriere werden und ihm die Wiederwahl im kommenden Herbst sichern. Und nun machten Hanna und ihre Leute ihm einen Strich durch die Rechnung!

“Der Trollfjällen ist aufgrund des besonders schönen Ausblicks über das ganze Tal und die umgebenden Berge ausgewählt worden. Eine Verlegung kommt überhaupt nicht infrage!”

Hanna erhob sich. “Wenn Sie das so sehen, Bürgermeister, dann können wir uns eine Fortsetzung dieses Gesprächs ja wohl sparen.”

Lautes Stühlerücken erklang, als Hannas Mitstreiter ebenfalls aufstanden. Unter ihnen befanden sich nicht bloß Umweltfanatiker, wie der Bürgermeister sie gerne bezeichnete. Für die Erhaltung des Trollfjällens setzten sich auch so angesehene Mitglieder der Gesellschaft wie Jenny Haakonsson ein, die vor einem Jahr die Bäckerei ihrer Eltern übernommen hatte, und Ruben Dalson, der mit seiner Mutter einen kleinen Gemischtwarenladen am Ende der Tvärgatan betrieb.

Und dann war da auch noch Peer Almstedt – Medizinstudent und einziger Sohn von Amelia und Sigfrid Almstedt, seines Zeichens Bürgermeister von Dvägersdal.

Dass sein eigen Fleisch und Blut mit dem “Feind” gemeinsame Sache machte, gefiel Sigfrid Almstedt ganz und gar nicht. Zudem war Peer nicht einfach nur irgendein Mitläufer. Peer hatte sich von Beginn an für den Schutz des Trollfjällens engagiert und war mit großem Eifer bei der Sache.

Als sie gerade die Terrasse verlassen wollte, hörte Hanna, wie jemand ganz in ihrer Nähe raunte: “Das ist typisch für die Fredrikson-Sippe. Ich sage nur: Wie der Vater, so die Tochter!”

Entgeistert wirbelte Hanna herum. “Wie war das?” Mit zusammengekniffenen Augen suchte sie die Reihen der Projektbefürworter ab. “Hat hier irgendjemand etwas über meinen Vater zu sagen?”

Einen Moment lang herrschte unbehagliches Schweigen. Dann trat schließlich Märta Trellesen, die Tochter des Soppakrogen-Wirts, aus der Gruppe hervor. Sie und Hanna waren etwa gleich alt, doch damit endeten ihre Gemeinsamkeiten auch schon. Hanna war mit ihren ein Meter sechzig eher klein, doch ihre energische Ausstrahlung machte ihre geringe Körpergröße mehr als wett. Sie besaß funkelnde grüne Augen und ein herzförmiges Gesicht, das von fransig geschnittenem schwarzbraunem Haar umrahmt wurde. Märta hingegen sah aus, wie man sich eine typische Schwedin vorstellte: groß, blond und blauäugig. Leider war sie außerdem noch unglaublich arrogant und selbstverliebt, weshalb Hanna sie schon in der Schule nicht hatte leiden können.

Und ein Streitpunkt war schon damals Hannas Vater, Oskar Fredrikson, gewesen.

“Märta – natürlich.” Hanna bedachte ihr Gegenüber mit einem vernichtenden Blick. “Das hätte ich mir ja auch gleich denken können! Wie ich sehe, hast du dich während meiner Abwesenheit nicht verändert. Deine Zunge ist immer noch genauso spitz wie früher.”

Trotzig verschränkte Märta die Arme vor der Brust. “Nun, das Jahr in Spanien hat dir ganz offensichtlich auch nicht dabei geholfen, das Erbe deines Vaters abzuschütteln. Man sollte wirklich meinen, dass du aus seinen Fehlern etwas gelernt hättest. Aber anscheinend bist du auch noch stolz auf diesen ewig gestrigen Träumer, der all sein Geld in irgendwelche Umweltschutzprojekte gesteckt hat, während ihr zu Hause von der Hand in den Mund leben musstet!”

Märtas Frage berührte einen von Hannas wunden Punkten, denn die Beziehung zwischen ihrem Vater und ihr war schon immer sehr zwiespältig gewesen. Als kleines Mädchen hatte sie voller Bewunderung zu ihm aufgeblickt. Pappa war ihr strahlender Held gewesen, der sich von nichts und niemandem beeinflussen ließ und stets für seine Überzeugung einstand. Später jedoch …

Sie schob den unbequemen Gedanken beiseite. “Dass ich mich für den Schutz des Trollfjällens einsetze, hat mit meinem Vater nicht das Geringste zu tun!”, entgegnete sie kühl. “Allerdings glaube ich tatsächlich, dass er mein Engagement in dieser Angelegenheit unterstützt hätte, wenn er noch am Leben wäre. Ich …”

Sie wurde unterbrochen, als zwei weitere Personen auf die Terrasse traten. Es waren Finja Sommerdal und Linnea Västarsand, Hannas Freundinnen aus Kindertagen. Die beiden lebten seit Kurzem auch wieder hier in Dvägersdal.

“Sind wir zu spät?”, fragte Finja und fuhr sich nervös durch ihr hellblondes Haar. “Ist die Versammlung schon zu Ende?”

“Wir wollten gerade gehen”, entgegnete Hanna, dankbar für die Unterbrechung – ein Streit mit Märta Trellesen war das Letzte, was sie im Augenblick gebrauchen konnte. Sie hatte auch so schon genug mit der Organisation der Protestbewegung um die Ohren.

Mit einem knappen Nicken gab sie das Zeichen zum Aufbruch, dann hakte sie sich bei Finja und Linnea unter und verließ gemeinsam mit ihnen den Gasthof.

“Wie ist es denn gelaufen?”, fragte Linnea etwa zehn Minuten später, nachdem Hanna persönlich jedem ihrer Mitstreiter gedankt und sich von ihnen verabschiedet hatte. Sie spazierten am Ufer des Flüsschens Lillälv entlang, der sprudelnd durch sein steiniges Bett floss.

Hanna seufzte versonnen. An einem herrlichen Frühsommertag wie diesem erinnerte Dvägersdal sie immer an die Illustrationen aus dem Märchenbuch, das sie als kleines Mädchen so geliebt hatte.

Der Talkessel war bis auf eine breite Schlucht von hohen Bergen umgeben, deren Gipfel fast das ganze Jahr über von Schnee bedeckt waren. Irgendwo dort oben entsprang der Lillälv, der sich wie ein silbriges Band durch das Tal schlängelte, bis er schließlich in den See mündete, dessen Oberfläche im hellen Sonnenschein wie Millionen von Diamanten glitzerte. Tiefgrüne Wälder reichten bis dicht an den Ort heran, der sich zu beiden Seiten des Lillälv erstreckte. Mehrere Brücken spannten sich über den Fluss und verbanden die beiden Ortshälften – Östra- und Västradal – miteinander. Es war ein herrlicher Platz, um hier zu leben.

Und es war ein Platz, den es zu schützen lohnte.

Seufzend strich Hanna sich eine Ponyfranse aus der Stirn. “Nicht so besonders gut”, antwortete sie auf Linneas Frage. “Ich fürchte, die Fronten sind ziemlich verhärtet. Svenska Hotellen besteht auf den Trollfjällen für sein Projekt und findet dabei natürlich die volle Unterstützung unseres Bürgermeisters.” Sie schüttelte den Kopf. “Aber damit kommen sie nicht durch. Nicht, solange der halbe Ort auf meiner Seite steht und meine Protestaktion unterstützt.”

Finja räusperte sich. “Hanna, ich … Versteh mich bitte nicht falsch, ich finde dein Engagement wirklich toll, aber ich frage mich, ob …” Sie neigte den Kopf ein Stück zur Seite und musterte Hanna. “Warum tust du das alles eigentlich? Weshalb ist dir der Trollfjällen so wichtig?”

“Weil es ein einzigartiges Stück Natur ist, das vor der Zerstörung durch skrupellose Profitmacher bewahrt werden muss”, erwiderte Hanna energisch. “Ist das nicht Grund genug?”

“Nun …” Finja lächelte traurig. “Kann es nicht vielleicht sein, dass da doch noch etwas anderes dahintersteckt?”

“Etwas anderes?” Sie schüttelte entschieden den Kopf. “Ich weiß nicht, was du meinst!”

“Ich glaube, Finja spricht von Audrey”, schaltete sich nun Linnea ein. “Und offen gestanden, ich habe auch schon darüber nachgedacht, ob du das alles nicht nur tust, weil du aus irgendeinem Grund glaubst, es Audrey schuldig zu sein.”

Audrey …

Für einen Augenblick fühlte Hanna sich um fünfzehn Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Sie war wieder elf Jahre alt und mit ihren besten Freundinnen Finja und Linnea am Mittsommerabend im Wald unterwegs, um nach Elfen und Feen zu suchen.

Schon damals hatte Hanna eine enge Verbundenheit zur Natur empfunden. Sie spürte, dass die Wälder und die Berge, die Wiesen und Felder so etwas wie eine Seele besaßen. Eine Art von Magie, manchmal ganz schwach und kaum spürbar und dann wieder so deutlich, dass die Luft zu vibrieren schien. Und in der Schulbibliothek hatte sie ein Buch über Sagen und Mythen Schwedens entdeckt, in dem geschrieben stand, dass dieser Zauber in der Mittsommernacht am stärksten ausgeprägt sei. So stark, dass man die Wesen aus den alten Geschichten an Mittsommer finden konnte. Man musste nur fest genug daran glauben.

Doch alles, was sie fanden, war Audrey, das englische Au-pair-Mädchen von Finjas Familie. Oder viel mehr umgekehrt: Audrey fand sie.

Normalerweise mied die Siebzehnjährige den Wald, weil er ihr zu düster und zu unheimlich war. Hanna war nicht traurig darüber, denn zwischen ihr und der jungen Engländerin herrschte ein sehr zwiespältiges Verhältnis. Wie die meisten Kinder an der Schule zog auch Audrey sie immer wegen ihres Vaters auf. Doch anders als bei ihren Mitschülern traf Hanna der Spott des Au-pairs wirklich hart – vermutlich, weil sie von Anfang an zu dem hübschen, selbstbewussten Mädchen aufgeblickt hatte.

In jener Nacht war Audrey ihnen also gefolgt. Während sich über dem Tal ein Sturm zusammenbraute, hatte sie ihnen eine gespenstische Geschichte erzählt, die Hanna zugleich fesselte und abstieß. Und zwischendurch hatte Audrey immer wieder abfällige Bemerkungen über Hannas Vater fallen gelassen.

So lange, bis Hanna sich nur noch wünschte, sie möge endlich verschwinden.

Und genau das hatte sie schließlich auch getan – wenn auch auf eine völlig andere Weise, als Hanna sich das vorgestellt hatte.

“Und wenn?”, entgegnete sie nun heftiger als beabsichtigt. “Ihr beiden mögt ja verdrängt haben, was vor fünfzehn Jahren passiert ist. Aber das gilt nicht für uns alle.”

“Von Verdrängen kann nicht die Rede sein.” Finja lächelte beruhigend. “Wir haben einfach nur unseren Frieden mit der Vergangenheit gemacht, das ist alles. Und ich finde, das solltest du auch tun. Es ist schon so lange her, und Audrey würde sicher nicht wollen, dass du ihretwegen irgendwelche Schuldgefühle hast. Sie …”

“Woher wollt ihr denn wissen, was Audrey gewollt hätte und was nicht?” Aufgebracht schüttelte Hanna den Kopf. “Und außerdem geht es hier nicht um Audrey oder um meinen Vater, sondern einzig und allein um den Trollfjällen!”

Mit diesen Worten wandte sie sich brüsk ab und schlug ohne ein weiteres Wort den Heimweg ein. Dabei spürte sie selbst, dass es nicht die ganze Wahrheit gewesen war, die sie gesagt hatte.

Doch wie sollte sie es Finja und Linnea gegenüber eingestehen, wenn sie es nicht einmal sich selbst gegenüber konnte?

All die Aufregung wegen eines großen schwarzen Felsens …

Mikael Westerberg fuhr sich mit einer Hand über sein kurz geschnittenes dunkelbraunes Haar und blickte sich um. Das war er also, der geplante Standort für das neueste Hotelprojekt von Svenska Hotellen. Er musste zugeben, dass der Platz geradezu wie geschaffen war für ein Wellnesshotel, wenn auch für seinen persönlichen Geschmack ein bisschen zu abgelegen.

So weit das Auge blickte, nur Berge, tiefgrüne Wälder, silbern im Sonnenlicht glitzernde Seen und weite Wiesen. Das Tal wurde durchzogen von einem hurtig fließenden Bach, der die Ortschaft, durch die er vorhin gekommen war, in zwei Hälften teilte. Dvägersdal war ein hübsches kleines Dorf, mit den für schwedische Kleinstädte so typischen farbenfrohen Holzhäusern in Falunrot, Zitronengelb und Zartblau. Es gab einen Bäcker, eine Schneiderei und einen winzigen Gemischtwarenladen, bei dessen Anblick jeder Großstadtbewohner unwillkürlich schmunzelte.

Kurz, es handelte sich um ein echtes Kaff, und Mikael hatte nicht vor, auch nur eine Sekunde länger als unbedingt notwendig hierzubleiben. Dass er überhaupt gezwungen gewesen war herzukommen, lag an den halsstarrigen Dörflern, die sich weigerten, die unglaublichen Vorteile des Hotelprojekts zu erkennen. Aber mit diesen Sturköpfen würde er schon fertig werden, und dann konnte er endlich zurück nach Stockholm, in die Firmenzentrale, wo er seine Fähigkeiten wenigstens sinnvoll einsetzen konnte.

Er blickte zu dem schwarzen Felsen hinauf – dem Trollfjällen – und runzelte die Stirn. Dieser Steinklotz hatte wirklich etwas Seltsames an sich. Es schien fast, als würde er das ihn umgebende Licht einfach verschlucken und …

Unsinn!

Das Handy in seiner Jackentasche vibrierte und fing kurz darauf an zu klingeln. Das Geräusch klang in der Stille der Natur, in der nur das Rauschen des Windes in den Baumkronen und das Singen der Vögel zu hören war, unnatürlich grell und laut. Und obwohl außer ihm niemand da war, der sich daran stören konnte, beeilte Mikael sich unwillkürlich, das Gespräch anzunehmen.

“Hej?”

“Bist du bereits angekommen?”, fragte der Mann am anderen Ende ohne lange Einleitung.

Mikael war daran gewöhnt, trotzdem spürte er ein leises Gefühl von Missbilligung in sich aufsteigen, das er rasch wieder zurückdrängte. Sein Vater machte nie große Worte und zeigte auch nur höchst selten irgendwelche Emotionen. Als Junge hatte Mikael sich manchmal gefragt, ob Klemens Westerberg überhaupt so etwas wie Gefühle kannte. Doch spätestens auf Bengts Beerdigung …

Mit einem leichten Kopfschütteln schob er den Gedanken beiseite. Dies war weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt, um sich über die Vergangenheit den Kopf zu zerbrechen. Er hatte andere Dinge zu tun.

“Schon vor etwa einer Stunde”, erwiderte er in einem ebenso sachlichen Tonfall wie sein Vater. “Mit den ersten Aushebungen für den Schwimm- und Wellnessbereich wurde bereits begonnen. Ich sehe mir gerade den geplanten Standort für unser eigentliches Bauvorhaben an. Ein wirklich hübsches Fleckchen Erde.”

“Wie erfreulich, dass es deine Zustimmung findet”, entgegnete sein Vater nüchtern – doch Mikael entging nicht der leichte Anklang von Spott in seiner Stimme. “Es war dein Bruder, der diesen Platz bereits vor ein paar Jahren für uns entdeckt hat. Lange bevor der Bürgermeister von Dvägersdal für seinen Ort die Werbetrommel gerührt hat.” Er machte eine kurze Pause, ehe er weitersprach: “Ich erwarte, dass du sämtliche Hindernisse ausräumst, die unserem Projekt im Wege stehen, hast du verstanden? Du sorgst dafür, dass dieses Hotel gebaut wird – und zwar genau wie geplant. Ich dulde keine Kompromisse!”

Mit diesen Worten beendete sein Vater das Gespräch.

Mikael atmete tief durch.

Bengt …

Natürlich ging es hier um seinen Bruder, das erklärte, warum Klemens Westerberg so erpicht darauf war, das Wellnesshotel trotz aller Widrigkeiten durchzusetzen. Es sollte so etwas wie Bengts Vermächtnis an die Nachwelt werden. Etwas, das Klemens auch nach dem Tod seines geliebten ältesten Sohnes blieb und das ihn ewig an ihn erinnern würde.

Wie von selbst hatten sich Mikaels Hände zu Fäusten geballt. Jetzt atmete er tief durch und zwang sich, die Finger wieder zu entspannen. Vaters Gründe waren nicht wichtig. Alles, was zählte, war, dass der alte Mann endlich begriff, dass er sich auf seinen jüngeren Sohn ebenso verlassen konnte wie zuvor auf Bengt. Dass er ebenso in der Lage war, das Unternehmen weiter zu führen, wie es sein älterer Bruder gewesen war.

Vielleicht sogar noch besser.

Mikael atmete tief durch und ließ noch einen letzten Blick über das Tal schweifen, ehe er zu seinem Wagen zurückging. Er würde die Aufgabe, die sein Vater ihm gestellt hatte, erfüllen – koste es, was es wolle. Und wenn er danach triumphierend nach Stockholm zurückkehrte, blieb Klemens Westerberg gar nichts anderes übrig, als seine Leistung anzuerkennen.

Der Jeep, den er am Flughafen von Dalarna angemietet hatte, stand ein Stückchen unterhalb des Felsens am Wegesrand. Die Straße, die bisher vom Ort her hier hinaufführte, war nicht viel mehr als ein besserer Trampelpfad. Ehe das Hotel in nicht allzu ferner Zukunft seine Pforten eröffnete, musste also noch einiges getan werden. Asphaltierte Straßen, breit genug auch für Busse, und ausreichend Parkplätze waren nur einige der Dinge, über die er mit dem Bürgermeister von Dvägersdal in den nächsten Tagen sprechen musste. Man konnte ein Luxushotel nicht einfach irgendwo in die Wildnis setzen und erwarten, dass es Gewinn einfuhr. Eine gewisse Infrastruktur musste schon vorhanden sein.

Doch darum konnte er sich später kümmern. Jetzt wollte er zunächst einmal zusehen, dass er in seine Pension kam – alles andere konnte auch bis morgen warten.

Er setzte sich hinter das Steuer des Jeeps und ließ den Motor an – jedenfalls versuchte er es. Doch als er den Zündschlüssel umdrehte, geschah überhaupt nichts.

Der Motor gab nicht den kleinsten Laut von sich.

Stirnrunzelnd klopfte Mikael gegen die Plexiglasabdeckung der Armaturen – der kleine Zeiger der Benzinanzeige fiel von “voll” auf das unterste Ende von “Reserve”, und ein Warnlicht begann zu blinken. Anscheinend gab es eine Fehlfunktion in der Anzeige, und nun stand er ohne Sprit mitten in der Pampa da. Ehe ein Servicewagen der Autovermietung hier draußen war, würden sicher Stunden vergehen. Und auf der Baustelle arbeitete heute, an einem Sonntag, niemand.

“Darn!”, fluchte Mikael wütend und schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad.

Sein Aufenthalt in Dvägersdal stand offenbar unter keinem guten Stern.

2. KAPITEL

Nach der Bürgerversammlung war Hanna gleich heimgefahren, um sich umzuziehen. Jetzt trat sie in Laufsachen aus dem Haus und wärmte sich mit leichten Dehnübungen auf. Sie hoffte sehr, dass ein bisschen Sport ihr dabei helfen würde, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Denn das hatte sie nach der Unterhaltung mit Finja und Linnea dringend nötig. Es war ihr unverständlich, wie die beiden einfach so über Audreys Schicksal hinweggehen konnten.

Sie selbst sah sich dazu jedenfalls nicht imstande.

Tief atmete Hanna ein. Trotz all der Zeit, die inzwischen vergangen war, hatte sie die Ereignisse jener schicksalhaften Mittsommernacht doch nie vergessen können. Audreys Verschwinden ließ sie einfach nicht los – weder während ihres Studiums in Stockholm noch in den Jahren danach. Sie hatte das Gefühl, es Audrey schuldig zu sein, dass sie alles unternahm, um herauszufinden, was sich damals wirklich zugetragen hatte. Erst wenn sie die Wahrheit kannte, das spürte sie, würde sie endgültig mit diesem Kapitel ihres Lebens abschließen können. Aber wie sollte das funktionieren? Nicht einmal der Polizei war es gelungen, das Rätsel um Audrey zu lösen. Nach Malins wirren Schilderungen ging man davon aus, dass Audrey einem Verbrechen zum Opfer gefallen war. Doch sämtliche Spuren, die es einmal gegeben haben mochte, waren inzwischen sicher längst verschwunden.

Im Grunde hatte Hanna die Hoffnung, eines Tages zu erfahren, was mit dem englischen Au-pair geschehen war, bereits aufgegeben. Doch dann hatte sie ein Kriminalfall, der während ihres Austauschjahres ganz Spanien in Aufregung versetzt hatte, hellhörig werden lassen. Es ging dabei um ein Mädchen, das vor über zwanzig Jahren in Valencia spurlos verschwunden war und dessen Schicksal nun doch noch geklärt werden konnte.

Wenn so etwas in Spanien gelang, warum dann nicht auch hier in Dvägersdal? Diese Frage hatte Hanna sich in den letzten Wochen mehr als einmal gestellt. Und auch wenn sie nicht genau wusste, wie sie vorgehen sollte, war sie seit ihrer Rückkehr nach Schweden fest entschlossen, die Wahrheit herauszufinden.

Allerdings plagten sie jetzt erst einmal andere Sorgen.

Während sie mit leicht gespreizten Beinen dastand und ihren Oberkörper abwechselnd nach links und rechts streckte, betrachtete sie das ...

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