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Paperweight

Inhaltsübersicht

Einleitung

Abschnitt eins: Radio

Donald Trefusis

Lady Madding

Trefusis’ Weihnachtsrätsel

Jeremy Creep

Trefusis übertreibt die Eleganz

Sidney Gross

Trefusis über das Bildungswesen

Trefusis und Redatt

Sir John Raving: Cricket & Golf

Trefusis über Examina

Trefusis fühlt sich nicht wohl

Trefusis über die Langeweile

Trefusis über den Haß auf Oxford

Trefusis über das Alter

Trefusis’ Nachruf

Trefusis beim Knabbern

Trefusis und Rosina

Trefusis nimmt einen Preis entgegen

Trefusis und der Rebell mit dem Monokel

Trefusis lästert

Trefusis über Any Questions

Trefusis geht in den Norden

Erneut Lady Madding

Trefusis’ Postkarte aus Amerika

Postkarte Nummer zwei

Postkarte Nummer drei

Postkarte Nummer vier

Abschnitt zwei: Rezensionen und Restposten

Der ›Tatler‹ und Sex

Der annotierte Father Brown

›Arena‹

Das Buch und die Brüderschaft

BrandX

Nichts gegen das Masturbieren

Bernard Levin

Das Bangemachen der Satire

Kind des Wandels

Briefkastenvetter

Der World Service

Abschnitt drei: ›The Listener‹

Nackte Kinder

Der Fluch der Familie

Ein Blick in die Zukunft

Dorothys Freunde

Thatcher im Fernsehen

Sockenzorn

Wimbledon-Horror

Fuck sagen

Schlimmer – durch Design

Mein Gott

Bikes, Leder und After-shave

Sie und Ihr Toffee

Weihnachtsgruß

Voraussagen für 1989

Der Schwätzer in ›The Listener‹

Werbeblock

Absolut überhaupt nichts

Die Jugend

Ich und mein Hefter

Über die Unverständlichkeit

Beschwerdenbescherung

Wie ich diesen Artikel geschrieben habe

Zerreißt ihn für seine schlechten Verse

Der lachende Droschkenkutscher

Abschnitt vier: ›The Telegraph‹

Außersinnliche Hopsnehmung

Sportsgeist

Eine Frage der Zuschreibung

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Lösungen zum Stoff, aus dem die Träume sind

Hämorrhoiden

Eine freundliche Stimme in der Polo Lounge

Entwurf einer Haßliste

Gesund & munter, fröhlich & schwul

Gott segne Worcestershire

Wieder auf Achse

Zoostunde

Trefusis kehrt zurück!

Ein Schlag auf den Kopf

Liebes Sid

So verrückt wie nur möglich

Das Bild der Wirklichkeit

What are we fighting for?

Die richtigen Züge machen

Von Mutter Sprache gestillt

Hört auf Volkes Stimme

Die politische Partie spielen

Mein Leonardo

Ein Schwätzer schwatzt

Im Himmel der Spielshows

Eine Droge auf dem Markt

Der Angriff der Killerschnurrbärte

Sie war bloß die Tochter des Präsidenten

Die Sünde des Rades

Patriotische Glosse

Hoppala

Spott befohlen

Das B-Wort

Danken Sie nicht Ihrem Glücksstern

Die Jungs vom Lande

Der Grammatik auf den Fersen

Karrieren, wohin man auch schaut

Toleranz gegenüber Krankheiten

Ein seltsamer Mann

Spaß mit Delphinen

Meine selige Tante

Ein reger Hinterwörtler

Und der Gewinner ist

Taxi!

Noch eine Frage der Zuschreibung

Weinkonserven

Die schnurrende Maus

Eine Runde Monopoly

Bildung ist eine wunderbare Sache

Abspann

Der »Analogizer®«

Ein Unterzeichnen der Zeit

Feiner Kerl

Verrückt wie eine Schauspielerin

Das Alphabet der Motoren

Vim und Vitalität

Zustand kritisch

Heartbreak-Hotels

Mercury, der Götterbote

Eigner Film ist Goldes wert

Valete

Eine Sache der Gewichtung

Abschnitt fünf: Latein!

Programmhinweis

Latein! oder Tabak und Knaben

I. Akt

II. Akt

Anhang

Personen- und Sacherläuterungen

 

Meiner Mutter und meinem Vater

… den vorbildlichsten Vorfahren

Einleitung

Willkommen bei Paperweight. Meine erste Amtshandlung muß in der Warnung bestehen, daß es Wahnsinn wäre, dieses Buch wie einen packenden Roman oder eine erbauliche Biographie in einem Rutsch durchlesen zu wollen. Auf dem Festmahl der Literatur erstrebt Paperweight nicht mehr, denn als eine Art literarische Guacamole angesehen zu werden, in die müde und hungrige Leser von Zeit zu Zeit einen Tortillachip ihrer Neugierde dippen mögen. Ich will nicht für die geistigen Verdauungsbeschwerden zur Verantwortung gezogen werden, die zwangsläufig aus dem Versuch resultieren müßten, das Ding als Ganzes herunterzuschlingen. Snackbücher sind in Sachen Stil vielleicht nicht der letzte Schrei, doch bei jenen, die Trüffeln und Fleischklöße der Meisterköche der einen Küche übersättigt und aufgebläht zurückgelassen oder denen Whopper und Big Macs von den Schnellimbißköchen der anderen Leibwinde verursacht haben, mag Paperweight gerade recht kommen.

Möglicherweise erteilt uns allerdings auch das andere Ende des Verdauungstrakts Aufschluß darüber, wie mit diesem Buch zu verfahren sei: Seine eigentliche Heimat könnte es im Badezimmer finden, neben Das Beste aus der Far Side Collection, einer alten, shampoobefleckten Ausgabe des Sloane-Ranger-Handbuchs und, jedermanns Kloakalfavoriten, den Gesammelten Briefen von Rupert Hart-Davis. Womöglich hätte jeder Artikel in diesem Buch mit einer Zahl oder einem Symbol versehen werden sollen, die oder das den Zeitraum bezeichnet hätte, den er zur Lektüre beansprucht, wobei Zahl oder Symbol dem Eingeweidebefinden eines Lesers entsprochen hätten. Damit könnte letzterer entscheiden, welche Abschnitte seiner Diät und allgemeinen Darmbeschaffenheit zufolge zu lesen wären. Auf diese Weise ließe sich das ganze Buch bewältigen, ohne daß dem Kunden je kostbare Zeit geraubt würde. Aber egal, welche Anwendung Sie für Paperweight finden, ob Sie einem strikten Toilettenregime gehorchen, ob Sie es als Briefbeschwerer benutzen oder ob Sie lediglich das Photo des ekelerregenden Menschen auf dem Umschlag zu verunstalten belieben, ich jedenfalls wünsche Ihnen Jahre problemlosen, fleckenabweisenden Gebrauchs.

Den Bohrschmant von sechs oder sieben Jahren gelegentlicher Plackerei in den Fabrikhallen von Journalismus und Rundfunk zu sammeln (eine absurde Metapher und von jener Sorte, die Belletristen anscheinend einfach nicht lassen können … inwiefern gleicht das Verfassen von Texten auch nur im entferntesten der Plackerei in einer Fabrikhalle? Komm gefälligst zur Sache!), mag als Ausfluß unerträglicher Arroganz erscheinen. Darauf kann ich nur entgegnen, daß die verlegerische Scheußlichkeit, die Sie gerade in der Hand halten, in Wirklichkeit Ausfluß einer hoffentlich ertragreichen Arroganz ist. Zu ihr ist es gekommen, weil ich im Laufe der Jahre zahlreiche Briefe von Lesern und Hörern erhalten habe, die darum baten, daß ihnen ein dauerhaftes Dokument jener Artikel und Radiosendungen, die ich einer skeptischen Öffentlichkeit so rücksichtslos aufgedrängt habe, verfügbar gemacht werde – vermutlich mit dem Hintergedanken, ihren Kindern damit eins hinter die Löffel zu geben oder das so entstandene Buch bei schwarzen Messen als Reliquisiten zu benutzen. Jedenfalls ist Paperweight das Ergebnis solchen Flehens, und ich denke doch, den Verantwortlichen wird es eine Lehre sein.

(Was soll dieses »daß ihnen ein dauerhaftes Dokument verfügbar gemacht werde« und »das Ergebnis solchen Flehens«? Warum bist du dir nicht zu schade für diesen traditionell schmierigen Vorwortstil? Und was soll eigentlich diese ganze falsche Bescheidenheit? »Diese verlegerische Scheußlichkeit …, die ich Ihnen so rücksichtslos aufgedrängt habe.« Widerwärtig!)

Meine ersten Exkursionen in jene Gegenden des Schreibens, die in diesem Buch wiedergegeben werden (Exkursionen? Exkursionen? Was ist denn das für ein Wort? Reiß dich zusammen!), begannen 1985, als Ian Gardhouse, ein Hörfunkredakteur der BBC von bis dahin untadeligem Charakter, mich bat, etwas zu einer seiner Serien namens Colour Supplement beizutragen. Ein oder zwei Folgen, mit denen ich mich an diesem kurzlebigen Unternehmen beteiligt habe, sind jetzt im »Radio«-Abschnitt dieses Bandes enthalten.

Colour Supplement wurde von Loose Ends abgelöst, bei deren erster Folge ich eine Figur namens Professor Trefusis vorstellte. Das war Ian Gardhouses Idee gewesen. In der Woche, bevor wir zum ersten Mal auf Sendung gingen, war offenbar ein Akademiker aus dem richtigen Leben von der Regierung beauftragt worden, ein Gutachten über Sex und Gewalt im Fernsehen zu erstellen. Gardhouse fand, ich sei genau der Richtige, als jener Akademiker zu sprechen, der seine Meinung zu einem Medium abgeben soll, in dem er als weltfremder Don völlig unbewandert ist. Ich machte daraus einen ältlichen Cambridge-Philologen von liebenswertem, mitunter jedoch gehässigem Wesen namens Donald Trefusis.

Ich mochte Trefusis. Sein fortgeschrittenes Alter und seine noch weiter fortgeschrittene Exzentrik ließen gepfefferte Kommentare und ungehemmte Grobheiten zu, die nie und nimmer durchgegangen wären, wenn man sie mit der normalen Stimme eines aufstrebenden Komikers unter dreißig gesprochen hätte. Über die nächsten zwei oder drei Jahre lieferte ich weitere Folgen von Trefusis’ »Hörfunkstunden« für Loose Ends. Eine großzügige, für manchen vielleicht überreichliche (wieder diese schmalzig-falsche Bescheidenheit … obwohl du es fausse humilité nennen würdest, wetten?) Auswahl hat in diesem Band Aufnahme gefunden. Gelegentlich erlaubte ich mir dort auch Auftritte in der Gestalt einer Rosina, Lady Madding, eines verblühten Gesellschaftsschönchens, bis Arbeitsüberlastung mich zwang, einen so flatterhaften Zeitvertreib einzuschränken. (Bist du jetzt bald fertig?)

Von allem anderen abgesehen, habe ich die wenigen Stunden, in denen ich nicht auf Bühnen oder in Fernsehstudios herumhüpfte, damit verbracht, eine wöchentliche Kolumne für die inzwischen verblichene Zeitschrift ›Listener‹ zu schreiben. Ihr vorletzter Herausgeber, der unvergleichliche Alan Coren (gut, »unvergleichlich« ist in Ordnung, nehm’ ich an … wenigstens hast du nicht gesagt, »der unübertrefflich famose Kerl, Alan Coren«), hatte mich aus den Literaturseiten weggelobt, wo ich ab und zu eine Kritik für die zuständige Redakteurin Lynne Truss verfaßt hatte. Ein paar dieser Buchkritiken und eine Auswahl der Kolumnen sind hier im Abschnitt »The Listener« versammelt. Zur Weihnachtsausgabe 1987 hatte ich eine Sherlock-Holmes-Geschichte beigesteuert, die ich mir ebenfalls hier aufzunehmen erlaubt habe (was soll das heißen, »die ich mir erlaubt habe«? Das ist dein verdammtes Buch, hab’ ich recht? Was brauchst du da irgendeine Erlaubnis? Nicht zu fassen!). Eine Anzahl Essays (du meinst »zwei«), die ich für die Zeitschrift ›Arena‹ geschrieben habe, bilden den Abschnitt »Rezensionen und Restposten«, zusammen mit einigen Stücken, die ich für den ›Tatler‹ unter der Herausgeberschaft jener inzwischen beklagenswerterweise heimgegangenen, herausragenden Persönlichkeit Mark Boxers abgefaßt habe. Außerdem habe ich einige Texte aufgenommen, die ich als Fernsehkritiker der ›Literary Review‹ geschrieben habe.

1989 wechselte der ›Listener‹ den Verlag, Alan Coren ging, und ich dann auch. Bald darauf wurde die Zeitschrift endgültig eingestellt. (Da sollen wir wohl einen Zusammenhang herstellen, oder?)

Wenige Monate später schickte mir Max Hastings, der liebenswürdige und bescheidene Herausgeber des ›Daily Telegraph‹ (du magst einfach jeden, nicht wahr?), eines Nachmittags ein Billett zu Händen des Bühneneingangs vom Aldwych Theatre, wo ich in einem der bedeutendsten Flops der Spielzeit auftrat, einem Stück namens Look Look. Er fragte, ob ich mir vorstellen könne, für seine Zeitung eine Kolumne zu schreiben. Zufällig hatte ich ein paar Monate zuvor als Leser vom ›Independent‹ zum ›Telegraph‹ gewechselt. Obwohl ich kein Konservativer bin, fühlte und fühle ich mich auf den Seiten dieser Zeitung immer noch mehr zu Hause als bei jeder anderen, also stimmte ich bereitwillig und glücklich zu. (Ach, ist das aufregend!)

Zwei Jahre lang schrieb ich eine Kolumne unter der Überschrift »Fry am Freitag« und gab den Posten erst Ende 1991 auf, als Film- und Schreibarbeit mir zuviel wurden. Jede Woche ein Thema zu finden, erforderte eine Disziplin, die mir ungeheuren Spaß machte, obwohl es Zeiten gab, zu denen ich wöchentlich zehnmal mehr schrieb, um die riesige Briefmenge zu beantworten, die von Lesern des ›Telegraph‹ über mich hinwegschwappte, als die Artikel selbst lang waren. Ich wage zu behaupten, daß die großen Kolumnisten unserer Tage, die Waterhouses, Levins und Waughs, meinen Postsack lachhaft schlapp gefunden hätten, aber für mich waren die herausfordernden, intelligenten, freundlichen und manchmal weniger freundlichen Leserbriefe eine der großen Überraschungen und Freuden dieses Lebensabschnitts. Ich muß zugeben, daß ich mich gegen sein Ende, als meine Zeitknappheit schlechterdings beängstigende Ausmaße angenommen hatte, vielfach außerstande sah, alle Briefe zu beantworten, und ergreife diese Gelegenheit, mich für die flüchtig hingeworfenen Antworten zu entschuldigen, mit denen meine Korrespondenzpartner vorliebzunehmen gezwungen waren (was für ein Schleimscheißer).

Den letzten Teil von Paperweight bildet der vollständige Text meines Theaterstücks Latein! oder Tabak und Knaben. Ich habe das Programm der Aufführung am New End Theatre in Hampstead beigefügt, das den Hintergrund des Stücks erläutern dürfte. Latein! ist, glaube ich, der Grund dafür, warum ich das mache, was ich mache. Geschrieben habe ich es während meines zweiten Jahrs in Cambridge. Das Ergebnis war, daß Hugh Laurie, der es in Edinburgh gesehen hatte, Emma Thompson bat, mich ihm vorzustellen, in der Hoffnung, ich würde mit ihm zusammen etwas für eine Footlights-Revue schreiben. Ich habe mit ihm und mit Unterbrechungen die letzten elf Jahre über geschrieben und hoffe, dies noch viele Jahre lang tun zu können.

Ich möchte meinen Dank daher ihm, Emma Thompson, Alan Coren, Max Hastings, Ian Gardhouse, Ned Sherrin, Lynne Truss, Nick Logan von ›Arena‹, Emma Soames (quondam editrix der ›Literary Review‹) und dem verstorbenen Mark Boxer abstatten. Mein Dank gilt auch Lisa Glass von Mandarin Books für ihre Geduld und Jo Foster, die mir die disiecta membra so vieler Jahre aufzuspüren half. (Du konntest es einfach nicht lassen, was? Du mußtest mit einer verdammten lateinischen Floskel aufhören. Was für ein Schwachkopf. Und wo hast du bloß diese »quondam editrix« her? Du lieber Himmel!)

Stephen Fry

Norfolk, 1992

Abschnitt eins

RADIO

Donald Trefusis

Der folgende Text ist die erste Trefusis-Folge aus Loose Ends. Wie in der Einleitung erläutert, bezieht er sich auf den Kabinettsbeschluß, einen Akademiker einzuladen, ein Jahr lang fernzusehen und dann zu entscheiden, ob die auf unseren Bildschirmen gezeigte Gewalt der Öffentlichkeit und insbesondere natürlich den lieben Kindlein dieses Landes schadet.

 

STIMME: Dr Donald Trefusis, Senior Tutor am St Matthew’s College, Cambridge, und Carnegie-Professor für Philologie, wurde letztes Jahr von der Regierung darum gebeten, einen Großteil der Fernsehproduktion der BBC zu kontrollieren und speziell gewalttätigen Szenen Aufmerksamkeit zu widmen, die kleine Kinder verstören oder beeinflussen könnten. Heute berichtet er, was er in Erfahrung gebracht hat.

 

Mein Auftrag, die Weiterverbreitung von Gewalt auf den Fernsehkanälen der BBC zu inspizieren, war einerseits ein Greuel für einen unbeirrbaren Liebhaber des Hörfunks, andererseits von gewissem Charme für einen passionierten Beobachter und Chronisten der modernen Gesellschaft, und war andererseits schmeichelhaft für jemanden, der – oje, mein Blatt scheint drei Seiten zu haben, macht nichts, es mag genügen, wenn ich sage, daß ich mit frohem, gleichwohl klopfendem Herzen an meine Aufgabe heranging.

Mein Vorgänger auf dem hiesigen Queen-Anne-Lehrstuhl für angewandte Moraltheorie1 vertrat zeitlebens die Auffassung, daß Television, ohnedies ein in sich etymologisch hybrides Kompositum aus dem griechischen »tele« und der lateinischen »visio«, eine soziale Hybride sei, eine Chimäre, die einen auf dem Kreuzzug sowie dem Rücken eines Pegasus des 20. Jahrhunderts befindlichen Bellerophon der Jetztzeit erwarte, der sie dahinschlachten möge, bevor sie unsere Kultur in ihren schleimigen, stinkenden, eiternden Schlund hinabreißt.

Ich hingegen, der ich im Grunde ein Mann des Volkes bin, einer, der seine wachen und eifrigen jungen Finger stets am energischen, vibrierenden Puls unserer Zeit hat, ich neige nicht zu solch unmäßigen Ansichten. Für mich stellt das Fernsehen eine Herausforderung dar, eine Hoffnung, eine Chance – oder, mit T. E. Hulmes Worten, »einen konkreten Fluß interpenetrierender Intensitäten«. Und mit diesem aufgeräumten Herzen wollte ich meine Pflicht tun, die zu erfüllen mich meine Regierung gerufen hatte. Um ehrlich zu sein, als der junge Peter aus dem Innenministerium mir im Rauchersalon des Oxford and Cambridge Club sein Anliegen vortrug, mußte ich gestehen, daß ich eigentlich noch nie ferngesehen hatte. Man hat ja so viel zu tun. Aber Peter, von dem ich voller Stolz sagen darf, ihn 1947 auf den altsprachlichen Tripos vorbereitet zu haben, war der Ansicht, ein unvoreingenommener Geist sei genau das Richtige für dieses Problem: Also setzte ich mich, von keinerlei Wissen belastet und mit der beseligenden Freude gänzlicher Unerfahrenheit, vor meinen funkelnagelneuen Sony Trinitron, um von den reichen Gaben der Sendeanstalt zu kosten.

Gewalt umfaßt, wie ich einem Radiopublikum kaum werde in Erinnerung rufen müssen, sprachgeschichtlich den Gegensatz einer Kraftfülle, die jeden Widerstand niederzwingt, und einer Machtanwendung, die das Recht beugt. Die Gewalt, welche zur Strecke zu bringen ich beauftragt worden war, war indes ein ganz anderes Paar Ballettschuhe. Ich werde Sie nicht länger im dunkeln tappen lassen und enthüllen, daß das, was ich da zu sehen bekam, mich bis ins Mark meines Wesens erschütterte und in einer Weise bestürzte, der Ausdruck zu verleihen ich mich außerstande sehe. Sendung auf Sendung gewalterfüllt, grauenhaft und mit potentiell ruinösen Auswirkungen auf die weichen, noch leicht formbaren Seelen unserer Jugend.

Die erste Sendung, auf die ich stieß, hieß The Late, Late Breakfast Show und wurde moderiert von – doch nein, es gehört nicht zu meinen Aufgaben, mich hier auf das Niveau der Verleumdung einzelner herabzulassen –, wurde moderiert, sagen wir, von einer Person, die ich weder in dieser noch in irgendeiner anderen Welt wiederzusehen wünsche. In dieser Sendung wurde sämtlichen Regeln des Anstands, der Ehrbarkeit, des Umgangs, der Höflichkeit, des Geschmacks, der Menschlichkeit und der Menschenwürde, die ich zeit meines Lebens hochzuhalten und zu befördern bestrebt war, Gewalt angetan. Allesamt wurden sie auf Arten und Weisen verletzt, die zu barbarisch, zu grotesk, zu verkommen waren, um sie hier auszuführen. Ich hoffe sehr, nie wieder Zeuge einer solch obszönen Orgie der Vulgarität, Niedertracht und Ignoranz werden zu müssen. Die Seele des jungen Menschen wird zu der Annahme verleitet, laute, marktschreierische Derbheit sei bewundernswert; rüpelhaftes, unzivilisiertes Zotenreißen auf Kosten weiblicher Würde sei amüsant; und pubertäres, banausenhaftes Posieren und Possenreißen sei unterhaltsam. Unter dem Motto »Ich mach’ doch bloß Spaß« wird hier ein Banner so schändlicher, unverzeihlicher Primitivität aufgepflanzt, daß es jegliche Vorstellungskraft übersteigt. Wenn das Fernsehen ist, so spürte ich, dann muß der Gewalt, die es der Empfindsamkeit unserer Jugend antut, unverzüglich Einhalt geboten werden, ehe es zu spät ist. Ein ganzer Strom sinnloser und abstoßender Quizsendungen folgte dieser Scheußlichkeit auf dem Fuße: Die ganze Woche über wurde ich mit brutalstem Schmutz und Schund bombardiert. Eine Sendung, in der fortlaufend Brieffetzen eingeblendet wurden, die von schamlosen Zuschauern eingesandt worden waren, tat dem guten Ruf dieses Landes in puncto Alphabetisiertheit, Intelligenz, Rechtschreibung, Schönschrift, Urteilsvermögen und Bescheidenheit solche Gewalt an, daß ich befürchtete, geradewegs in Ohnmacht zu fallen.

Schließlich glitzerten auf diesem Misthaufen der Entweihungen, des Ruins und Entsetzens aber doch ein paar Hoffnung machende Perlen. Aus amerikanischer und hiesiger Produktion gab es zahlreiche Sendungen, in denen Schauspieler sich als Polizisten verkleideten oder als Verbrecher ausgaben und dann unterhaltsame Darstellungen von Kampfhandlungen und Feuergefechten lieferten. So manches Auto explodierte in dieser Phantasiewelt auf fröhliche und aufregende Weise. Besonders gut gefiel mir bald ein Paar namens Starsky und Hutch, das unaufhörlich Schießereien und Schlägereien simulierte. Diese heiteren, einfältigen und klamaukhaften fiktionalen Zerstreuungen waren, wie Fiktionen das immer gewesen sind und immer sein werden, harmlos, lehrreich und reizend. Ich empfehle, sie unangetastet zu lassen, wie es allem Drama und aller Fiktion gebührt. Doch jene Gewalt, die Gewalt, die es in den monströsen Erscheinungsformen auf unsere Jugend abgesehen hat, die zu beschreiben ich versucht habe, diese Gewalt mit der Wurzel auszurotten, zu beseitigen, zu dezimieren, zu vernichten und zu zerstören, werde ich keine Anstrengungen scheuen.

Guten Morgen.

Lady Madding

Der erste dreier Monologe von Rosina, Lady Madding, die auf Loose Ends ausgestrahlt wurden. Stellen Sie sich eine Stimme vor, die etwa so klingt wie jemand, der beim Einatmen spricht.

 

STIMME: Rosina, Lady Madding, zu Hause in Eastwold House.

 

Ich wohne hier allein in dem, was man in meiner Mädchenzeit das Witwenhaus nannte. Ich nehme an, technisch gesehen bin ich eine Witwe, obwohl mein Sohn Rufus, der vierte Graf, noch unverheiratet ist. Ich liebe es hier auf dem Lande, es ist so friedlich. Ich bin umgeben von Photographien aus meiner Vergangenheit. Auf dem Klavier habe ich ein Photo, auf dem ich mit David, dem Prinzen von Wales, tanze – nachmals natürlich Edward der Achte und schließlich Herzog von Windsor. David war ein sehr schlechter Tänzer, immer trat er einem auf die Zehen, und ich weiß noch, wie er einmal einer meiner Geliebten den Mittelfußknochen zertrat – diskreter Lesbianismus war zu der Zeit in Mode.

Das hier ist eine Aufnahme von Noël Coward – Liebling Noël nannten wir ihn immer. Er war ein sehr geistreicher Mensch, wissen Sie – diese Seite von ihm kennen die wenigsten. Ich erinnere mich an eine Begebenheit, als ich bei Marios in der Greek Street die Tanzfläche betrat und ein sehr gewagtes Kleid trug, ein Kleid, das mehr von meiner Décolletage preisgab, als man damals für schicklich hielt – heute, wage ich zu behaupten, würde es kaum noch mehr als eine Augenbraue hochbringen, aber für jene Zeit war es geradezu verrucht. Ich betrat das Parkett, Liebling Noël näherte sich mir und sagte »Rosina« – er nannte mich immer Rosina – so heiße ich, müssen Sie wissen. »Rosina«, sagte er mit dieser Stimme, »Rosina, wo haben Sie bloß diesen verführerisch tief ausgeschnittenen Body gefunden?« So war Noël eben, wissen Sie.

Das Portrait über dem Kamin wurde angefertigt, als ich in Paris war – mein Gatte Claude war in den späten Zwanzigern Botschafter. Ich pflegte in der Botschaft sehr literarische Partys zu veranstalten – Plum und Duff Cooper, Scott und Garrett Fitzgerald, der gute Geoffrey Chaucer natürlich, Adolf Hitler und Unity Mitford, Gertrude Stein und Alice B. Topless, Radclyffe Hall und Angela Brazil – auf ihr Erscheinen konnte man sich immer verlassen. Und natürlich auf O. Henry, James Joyce, Cary Grant. Ich erinnere mich, daß F. E. Smith, später bekanntlich Lord Birkenhead, da drüben ist ein Bild von ihm, direkt unter der Dartscheibe, F. E. also sagte immer: »Alle Welt geht mit ihrem Liebhaber zu Rosinas Partys«, was mir sehr schmeichelte.

Als Claude und ich später nach Indien zogen, um die Vizeregentschaft zu übernehmen, habe ich Gandhi kennengelernt, mit dem ich regelmäßig französisches Cricket spielte – er war schrecklich gut beim Cricket, das mußte man ihm lassen. Claude sagte immer: »Was die Leinentuchindustrie gewonnen hat, das verlor die Wickethüterindustrie.« Pandit Nehru war auch ziemlich beeindruckend, aber wenn man Edwina Mountbatten Glauben schenken darf, dann war seine Weite zu unregelmäßig, als daß er je Einlaß in die indische Ruhmeshalle der Legspinwerfer gefunden hätte.

Der große Männerakt aus Bronze, der auf dem Synthesizer steht, stellt Herbert Morrison dar, den Minister. Daran hänge ich jetzt meine Armreifen auf, wann immer ich mich ans Keyboard begebe. Ich verbringe viel Zeit in diesem Zimmer und denke an die Vergangenheit. Silly Poles Hartley, L. P. Hartley, Sie wissen schon, hat einmal gesagt, die Vergangenheit sei ein fremdes Land, aber das finde ich nicht. Das Essen war natürlich besser, und die Leute rochen nicht so. Ich bekomme oft zu hören, ich gehörte zu einer verdorbenen Generation, reich, schön, müßig, parasitär. Es stimmt, daß ich im Laufe meines Lebens mit jedem erdenklichen Luxus überschüttet worden, vielen berühmten und einflußreichen Menschen begegnet bin, viele aufregende Gegenden gesehen habe und niemals etwas Anstrengenderes zu tun hatte, als große Feste zu organisieren. Aber wissen Sie, trotz alledem, wenn ich noch einmal von vorn anfangen könnte, ich würde alles wieder genauso machen. Was ich bereue? Nur weniges. Ich hätte dem lieben T. E. Lawrence nicht mein Motorrad leihen sollen. Jetzt bin ich müde. Lassen Sie mich essen.

Trefusis’ Weihnachtsrätsel

STIMME: Donald Trefusis, Professor für Philologie an der Universität Cambridge, stellt sein berühmtes Weihnachtsrätsel. Halten Sie Bleistift, Papier oder Kassettenrecorder bereit.

 

Menschliche Wesen, die, wie ich annehmen muß, auch heute wieder einen Großteil meiner Hörerschaft ausmachen, sind häufig auf ihre Art und Weise ungeheuer konkurrenzorientiert. Im allgemeinen ist dies eine Eigenschaft, die es zu tadeln und nicht zu ermutigen gilt; dem industriellen und ökonomischen Wohlergehen unseres Landes ist es offensichtlich unzuträglich, wenn eine große Zahl aggressiver, konkurrenzsüchtiger Leute miteinander um Geld oder Märkte wetteifern oder um was für Lappalien Figuren aus der Wirtschaft nun einmal wetteifern, wenn sie nicht gerade kostbare Sitzplätze in Zügen besetzt halten.

Der Konkurrenzgeist ist ein Ethos, das Universitäten wie die, an der zu arbeiten und mich zu bewegen ich die Ehre habe, unterdrücken und neutralisieren müssen. Wir unterhalten uns oft über unsere nationale Malaise, was sich mitnichten, wie oft angenommen, auf die uns willkommenen Immigranten aus Malaysia bezieht, sondern den entsetzlichen und ungebrochenen Trend beschreibt, daß intelligente junge Männer und Frauen an die Universitäten kommen und dort ermuntert werden, in die Industrie zu gehen. Geborene Naturwissenschaftler, Altphilologen und Linguisten werden schon in früher Kindheit mit Technologie, Management (was immer man sich darunter auch vorstellen mag) und Wirtschaft vertraut gemacht. In Anbetracht dieser düsteren Tatsache brauchen wir wohl nicht länger nach Gründen zu forschen, welche die Talfahrt dieses Landes erklären. Wie soll diese Nation sich im Spannungsfeld der internationalen Beziehungen behaupten, wenn sie nicht einmal imstande ist, die Medialformen von λυω zu konjugieren oder die Aussage des Endymion zusammenzufassen? Eine Generation von Bürgern, die Hosenbügelpressen und Aktenkoffer aus rotem Leder mit Zahlenschloß kauft, aber im Unwissen um das metrische Schema der Faerie Queene verharrt, ist nicht imstande, eine Führungsrolle in der Welt zu übernehmen. Das ist indes nicht Hauptthema meiner heutigen Erörterung. Ich wollte lediglich den Hintergrund meiner Leinwand mit obigen Farben von der Palette meiner Beschwerden kolorieren, bevor ich im Vordergrund die Formen und Rhythmen meiner eigentlichen Komposition abbilde.

Wiewohl ich also meine Studenten zu Recht nicht zu einander ausstechen wollenden Gesinnungen ermutige, pflege ich doch zu Weihnachten ein kleines Rätsel zu veranstalten. Teilnehmen kann jeder Universitätsangehörige, der mich in den vorangegangenen zwölf Monaten irgendwann zu einer Keksparty mit Madeira eingeladen hat. Beachtlicher internationaler Druck ist auf mich ausgeübt worden, diesen traditionellen kleinen Katechismus meiner mithörenden Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Studentenpreis, ein ziseliertes, filigran gearbeitetes Etui aus der Zweiten Republik mit dem eingravierten Namen des Gewinners und einer kleinen Menge hochwertigen Kokains, wurde bereits gewonnen, ich fürchte daher, ich kann dem Gewinner unter Ihnen lediglich ein signiertes Exemplar eines meiner Bücher seiner Wahl anbieten, und dazu eine ebenfalls mit persönlichem Autogramm versehene Ausgabe von Ned Sherrins letzter amüsanter Kollektion humoriger Theateranekdoten mit dem Titel Larry ist ein derartiger Namedropper.

Das Rätsel ist in zwei Kategorien aufgeteilt, die ich, sehr treffend, wie ich meine, Abschnitt A und Abschnitt fünf genannt habe. Zunächst also der Ordnung halber Sektion fünf. Halten Sie geeignete Schriftwerkzeuge parat oder Instrumente zur magnetischen Klangaufzeichnung.

 

FRAGE 1: Was haben die folgenden Wörter gemeinsam: almost, biopsy, chintz? Ich wiederhole: almost, biopsy, chintz.

FRAGE 2: Was haben die Premierminister Lord Pelham und Lord Grenville mit Lord Ickenham und Lord Sidcup zu tun? Ich wiederhole: Lords Pelham und Grenville, Lords Ickenham und Sidcup.

FRAGE 3: In welcher Verbindung steht der BBC-Korrespondent Martin Bell mit dem Kreuzworträtsel der ›Times‹?

FRAGE 4: Was haben die Lyriker Andrew Marvell, Philip Larkin und Stevie Smith gemeinsam, abgesehen von ihrem Ableben?

FRAGE 5: Was haben Poles und Staples mit Garnelen und Schränken zu tun?

 

Das war Abschnitt fünf. Abschnitt A ist der Tie-break und erfordert mehr kreatives Bemühen des Teilnehmers.

 

AUFGABE A: Denken Sie sich ein Telegramm mit zwölf Wörtern an eine imaginäre Herzogin aus, deren Couchée Sie zu versäumen gezwungen sind. Es sollte so aufgesetzt werden, daß kein Zweifel daran bleibt, daß Sie die Verabredung platzen lassen, weil Sie die Dame und ihre Freunde abstoßend, abscheulich und absurd finden.

AUFGABE B: Beugen Sie sich vor und berühren Sie jedes Knie mit Ihrer Nasenspitze.

AUFGABE C: Tragen Sie helle, fröhliche Farben und legen Sie ein liebenswürdiges Wesen an den Tag.

AUFGABE D: Wo machbar, benutzen Sie ein Kondom.

AUFGABE E: Ehren Sie das Alter und seien Sie höflich, charmant und rücksichtsvoll der Jugend gegenüber.

AUFGABE F: Wenn Sie populäre Musik mögen, gehen Sie los, kaufen Sie fünf Klassikplatten und hören Sie sich diese eine Woche lang fünfmal täglich an.

AUFGABE G: Wenn Sie klassische Musik mögen, gehen Sie los, kaufen Sie fünf Popmusikplatten und hören Sie sich diese eine Woche lang fünfmal täglich an, und jetzt Schluß mit dem Quatsch.

AUFGABE H: Stellen Sie sich vor, Sie wären Robert Maxwells Verteidiger. Versuchen Sie, ein Schwurgericht davon zu überzeugen, daß Ihr Mandant nicht durch und durch größenwahnsinnig ist.1

AUFGABE I: Schreiben Sie ein Gedicht in ottava rima über das Thema Mundgeruch.

 

Das wär’s. Eifrigen Teilnehmern dürfte es keinerlei Schwierigkeiten bereiten. Um sie zu ermutigen, kann ich verraten, daß vier Fünftel meiner Studenten 98 Prozent dieses Rätsels oder mehr geschafft haben. Die Namen aller erfolgreichen Kandidaten werden in mein zerknittertes, samtenes Hausbarett gelegt, und ein glücklicher Name wird am Heiligabend vom gegenwärtigen Generaldekan am St Matthew’s College, Sir Neville Sowjetspion, gezogen werden.

Ihnen allen viel Glück, und wenn Sie früher mal, bin ich froh, daß Sie aufgehört haben.

 

Lösungen zu Abschnitt fünf von Trefusis’ Weihnachtsrätsel

 

Wirklich höchst erfreuliche und außergewöhnliche Reaktionen auf mein Rätsel. Die Lösungen lauten wie folgt: almost, biopsy und chintz sind die einzigen englischen Wörter mit sechs Buchstaben, die, ohne sich zu wiederholen, in alphabetischer Reihenfolge stehen. Die Lords Sidcup und Ickenham haben folgendes gemeinsam mit den ehemaligen Premierministern Lords Pelham und Grenville – beide waren sie Schöpfungen von P. G. Wodehouse, dessen volle Vornamen bekanntlich Pelham und Grenville waren. Martin Bells Verbindung mit dem ›Times‹-Kreuzworträtsel besteht darin, daß sein Vater Adrian, der Schriftsteller und Journalist, das allererste ›Times‹-Rätsel ausheckte. Andrew Marvell, Philip Larkin und Stevie Smith haben alle die Stadt Hull gemeinsam. Zum Schluß fragte ich nach der Verbindung zwischen Poles und Staples und Garnelen und Schränken. L. P. Hartley schrieb natürlich Die Garnele und die Anemone, und sein zweiter Vorname war Poles, während Clive Staples Lewis der Autor von Der Löwe, die Hexe und der Schrank war. Das war’s. Ich schätze mich glücklich, bekanntgeben zu dürfen, daß vierzehntausend unter Ihnen Lösungen eingeschickt haben, die bis in jede Einzelheit richtig waren. Der Gewinner war ein Mr J. Archer, im Alten Pfarrhaus, Grantchester.

Jeremy Creep

Ebenfalls in Colour Supplement gesendet.

 

STIMME: Diese Woche spricht Men at Work mit Sir Jeremy Creep, Direktor des London College of Architects in Rohan Point, Putney.

 

Architektur bietet ganz außergewöhnliche Gelegenheiten zur Förderung des Gemeinwohls, zur Verschönerung der Landschaft, zum Schutz der Umwelt und zum Fortschritt der Menschheit – der erfolgreiche Architekt muß also ausgebildet werden, um diesen Fallstricken zu entgehen und endlich echtes Geld verdienen zu können. Alle möglichen Schulabgänger und Universitätsabsolventen kommen zu mir, und meine Arbeit ist außerordentlich abwechslungsreich. Zuvörderst ist sie natürlich visuell. Junge Menschen gebrauchen ihre Augen – um im heutigen Britannien ein guter Architekt zu werden, genügt es jedoch nicht, wenn Sie Ihre Augen gebrauchen; Sie müssen sie operativ entfernen lassen. Aber Sie müssen nicht nur blind sein, um ein moderner Architekt zu werden, Sie müssen ein lebhaftes Gefühl der Verachtung für Ihre Mitmenschen entwickeln, frühzeitig mit Stadtplanern und Baudezernenten konfrontiert zu werden ist daher unabdingbar.

Als nächstes bedarf es eines sorgfältig strukturierten Systems von Seminaren der Vernunftlenkung, wie wir sie zu nennen pflegen. Dort zeigen wir unseren Studenten Filme alter Gebäude, alter Dorfkerne, Interviews mit anerkannten Denkmalschützern wie dem seligen John Betjeman und Seiner Königlichen Hoheit Prince Charles. Durch den Einsatz von geringen Dosen Giftgas und leichten Elektroschocks erzeugen wir ein Gefühl von Ekel, Übelkeit und akutem körperlichen Schmerz, der im Lauf der Zeit mit jenen Bildern assoziiert wird. Als nächstes führen wir Filmmaterial von großen Glaskästen vor, schweren Sichtbetontürmen und riesigen Stahlträgern, wobei die Studenten die ganze Zeit über durch sanfte Vibrationen und gefällige Mozartklänge stimuliert werden, während sie alten Bordeaux trinken und teure Zigaretten rauchen. Auf diese Weise kann äußerst effektiv Abneigung gegen herkömmliche architektonische Formen und liebevolle Akzeptanz des Neuen konditioniert werden.

Die Aufmerksamen unter Ihnen werden bemerkt haben, daß ich vorhin sagte, wir entfernten unseren Schützlingen die Augen und dann zeigten wir ihnen Filme. Ich hätte selbstredend erwähnen sollen, daß ein Architekt lügen können muß. Er (oder sie) muß in der Lage sein, in der Öffentlichkeit leicht und ohne Stocken zu lügen. »Dieses Gebäude wird noch in zehn Jahren stehen«, »St Paul’s Cathedral ist häßlich und muß von schönen Objekten umgeben werden«, »Dieser Wohnblock ist auf menschliche Dimensionen und Bedürfnisse zugeschnitten«, »Architektur ist in erster Linie für die Menschen da«. Ich bin mir sicher, daß selbst der ausgefuchsteste Lügendetektor keine dieser Aussagen, so spinnennetzartige Litaneien, Kataloge und Potpourris aus Lügen sie auch sein mögen, anzweifeln würde.

Ein bestürzender Trend zum Neomanierismus in der Büro- und Verwaltungsarchitektur der achtziger Jahre hat uns in letzter Zeit dazu veranlaßt, unsere Umerziehungsprogramme zu verschärfen. Es ist daher jetzt die Regel, daß bei Aushändigung des Diploms dem erfolgreich Examinierten mit einem Strohhalm das Gehirn ausgesaugt wird, bevor er uns verläßt.

Le Corbusier, dieser großartigste aller Architekten (haben Sie’s gemerkt? nicht der geringste Ausschlag der Polygraphennadel), sagte einmal: »Ein Mensch ist eine Maschine, die zum Leben in einem meiner Häuser konstruiert wurde«, und wenn dieses Land eine blühende und gedeihende, glückliche, gutbezahlte, wohlgenährte und wohlbehauste Architektenzunft haben soll, dann müssen wir diesen Grundsatz verinnerlichen.

Lassen Sie mich mit einem weiteren Zitat schließen, diesmal von Sir Nikolaus Pevsner: »Ein Haus ist die Einfriedung des Raums; Architektur ist die ästhetische Einfriedung des Raums.« In der Bibliothek meiner umgebauten georgianischen Wassermühle hier draußen in Hampshire greife ich nach dem Wörterbuch des Architekten, Band I, »Asbest bis Bogenfries«, und schlage das Wort »ästhetisch« nach. Ich finde folgenden Eintrag: »ästhetisch, obs. vulg. Herkunft unbekannt«. Das paßt auf den modernen Architekten, nicht wahr? Obs. vulg. Herkunft unbekannt. Obszöner, vulgärer Bastard. Guten Abend.

Trefusis übertreibt die Eleganz

Gutes Hallo Ihnen allen. Ich muß gleich zu Beginn dieses kleinen Schwatzes betonen, mit ehrlicher, mannhafter Direktheit, daß ich kein Snob bin. War nie einer, will nie einer werden. Robbie Burns und ich gehen, wie dieser Tage so oft, völlig d’accord, wenn wir tirilieren, Rang sei der Münze Prägung nur trotz alledem und alledem. Gute Herzen, so hört man mich oft vor mich hin murmeln, wenn ich bei irgendeiner Vollversammlung der wappentragenden Familien des Reiches durch den Ballsaal schlendere, gute Herzen sind mehr als Kronen, und schlichter Glaube mehr als Norman Tebbit. Trotz alledem bin ich ein alter Mann mit wenigen mir verbliebenen fleischlichen Genüssen, solange man das Abfeilen von Hühneraugen nicht für sinnliche Schwelgerei hält, und wenn die Ballsaison beginnt, macht es mir Spaß, um die Fleischtöpfe der Haute volée herumzustreunen, hier der Uniauswahl vom »Diamond Skulls« in Henley aus zuzujubeln und dort einen schlanken Adelssproß zum Queen-Charlotte-Ball zu eskortieren. Zugegeben, es ist schwer, mein Entzücken an derlei Festivitäten mit meinem proudhonistischen Syndikalismus einerseits und meiner nahezu allumfassenden Verachtung der Oberklasse in toto andererseits in Einklang zu bringen. Die Schönheit der Anlässe eux-mêmes wird von der nahezu vollständigen Verdorbenheit und Selbstüberschätzung der Anwesenden besudelt. Es ist beispielsweise schwer, im Zuschauerbereich von Henley den Inhalt eines Bechers Pimms zu verspritzen, ohne damit jemanden zu treffen, der nicht die geringste Ahnung von der Kunst des Rudersports hat. Lassen Sie auf der Mitgliedertribüne von Lord’s eine Ratte von der Leine, und Sie scheuchen ein Dutzend Leute auf, von denen keiner Ihnen auch nur Grundbegriffe des Crickets darlegen könnte. Aber meine eigentliche Lieblingsveranstaltung während der Ballzeit ist und bleibt Glyndebourne. Sieht man über seine Preziosität und Privilegiertheit einmal hinweg, zollt der Selbstgefälligkeit der Anwesenden keinen Tribut und läßt den fürchterlichen Luxus der ganzen Angelegenheit außer acht, so ist dies ein herrliches Ereignis. Malen Sie sich also aus, wie hocherfreut ich war, als Anfang dieser Woche einer meiner ehemaligen Studenten, heute ein international agierender Spion von wachsendem Ansehen, mich einlud, ihn dort zu treffen und mir eine Neuinszenierung von La Traviata anzusehen, unter der Regie von Sir Peter, Sir Peter, Sir Peter irgendwas.

Ich vermochte kaum stillzuhalten und Glambidge, meinen Adlatus, meine Binde binden, meine Kragenknöpfe knöpfen und meinen Gürtel gürten zu lassen, so aufgeregt war ich, als der Tag gekommen war. Ich liebe das Anlegen vollen Festwichses; eine junge Amerikanerin verriet mir einst, daß ich darin »irngwie sexy« aussehe, und so etwas vergißt man nicht. Mein persönlicher Alptraum ist, die Eleganz zu übertreiben, und Glyndebourne hat wenigstens den Vorteil festgelegter Garderoberegeln. Smoking oder gar nichts. Allerdings nehme ich an, gar nichts würde mit einem Stirnrunzeln bedacht, wenn nicht mit Ausschluß geahndet.

Glambidge und ich kamen gerade noch rechtzeitig an, um den ersten Akt zu versäumen. Glambidge trifft keine Schuld, er holte das Äußerste aus dem Wolseley heraus. Dummerweise scheint dieses Äußerste bei neunundzwanzig Kilometern pro Stunde zu liegen. Wie dem auch sei, wir konnten uns vor der Pause noch fünf Minuten lang die Zeit vertreiben, Minuten, in denen ich das Gelände sondierte und mir Gedanken über die besonders durchdringende Qualität feinen, kalten, sommerlichen Fahrtregens machte. Der Akt endete zu gegebener Zeit, und die Zuschauer strömten aus dem – na ja, dem Zuschauerraum heraus.

Meine Damen und Herren, Mutter, Freunde: Stellen Sie sich meine Verlegenheit vor, veranschaulichen Sie sich meine Verzweiflung, denken Sie sich meine Bekümmerung. Dieses Opernpublikum, jeder einzelne Herr Hans und jede einzelne Frau Grete, trug etwas, das ich nur als die allerentsetzlichste Ansammlung von Alltagskleidung beschreiben kann. Die einzigen sichtbaren schwarzen Binder schlangen sich um die Hälse des Saalpersonals. Mein ehemaliger Student eilte auf mich zu. »Aber Herr Professor«, gellte er, »wofür haben Sie sich denn bloß so herausgeputzt? Das ist heute doch die Generalprobe – ich dachte, Sie wüßten Bescheid.«

Ich war zur öffentlichen Generalprobe in Abendgarderobe erschienen.

Wörter, Tausende von Wörtern trudeln mir durch den Kopf, manche englischen, viele andere exotischen Zungen entpflückt; keines davon, nicht ein einziges ist imstande, ein Fünkchen eines Jotas eines Schattens einer Spur eines Grans eines Bruchteils eines Hauchs eines Zehntels eines Teilchens meines Entsetzens, meiner Beschämung und bemitleidenswerten Verzweiflung zu beschreiben. Ich bin absolut überzeugt, daß unter sämtlichen Fauxpas, Fettnäpfen, Taktlosigkeiten, Schnitzern und magenumdrehend fürchterlichen Böcken, die man schießen kann, übertriebene Eleganz das Feld mit einer satten Achtelmeile Vorsprung anführt.

Ichabod, ohimé, eheu, aïee! Gleich einem Eisvogel tauchte ich in die Örtlichkeiten ab, schmiß die Tür hinter mir ins Schloß und gab mich dort die nächsten zweieinhalb Stunden meinen Tränen hin. Jeder einzelne halb mitleidige, halb verächtliche Blick, der mir während meiner Flucht in dieses Refugium zuteil geworden war, spulte sich erneut vor meinen gequälten Augen ab. Alle hatten sie mich angestarrt wie einen neureichen armenischen Millionär, der auf einer Soiree der British Legion gekaufte Orden trägt, oder wie einen frisch arrivierten Bürgermeister, der nicht einmal in der Badewanne seinen Ratsherrenornat ablegt. Hätte ich bloß Glambidge nicht erlaubt, nach Lewes zu fahren und seine Frau zu besuchen, die dort etwas außerhalb in einem Irrenhaus lebt, wäre ich wenigstens imstande gewesen, mich nach Hause fortzustehlen. Wie es nun aber stand, krümmte ich mich die volle Spiellänge im Schweiß meiner Schande.

Jetzt jedoch, im kalten Lichte der Vernunft, frage ich mich, ob ich nicht womöglich ein wenig überreagiert habe. Hätte nicht vielleicht ein besonnenerer Mann das ganze Mißverständnis mit einem wegwerfenden Lachen abgetan? Hatte ich nicht doch etwas von einem Snob an mir, indem ich meine Selbstverachtung auf die anderen projizierte? Falls jemand dort gewesen ist und mich gesehen hat, könnte er mir vielleicht schreiben und mich erleichtern.

Indessen haben Sie Geduld bewiesen. Viele unter Ihnen werden sich über meine Traurigkeit wundern und über deren Bedeutungslosigkeit angesichts des wirklichen und ernsthaften Lebens da draußen, doch die Intelligenteren werden im Wissen um das zu diesen Wahlzeiten über alle politischen Themen verhängte Schweigegebot den Subtext meiner kleinen Reminiszenz verstehen, die deutlichen Signale der ihr zugrundeliegenden Allegorie erkennen und wissen, was zu tun ist. Hinaus und hinauf, los geht’s: Wenn Sie schon haben, setzen Sie sich.

Sidney Gross

Ebenfalls ein Auszug aus Colour Supplement.

 

ANSAGER: Sidney Gross, Reiseveranstalter bei »Urlaub für traurige Menschen«, spricht öffentlich über seine Verbrechen.

 

Ich finde, das eigentlich Großartige bei dem Ferienangebot meiner Gesellschaft ist, daß sie Menschen mit einem IQ zwischen achtzehn und dreißig ermöglicht, mal so richtig auf ihre Kosten zu kommen. Die meisten unserer Urlauber stammen aus Milton Keynes, Telford, Wales, Peterborough, Warrington-Runcorn – jenen Gegenden des Vereinigten Königreichs, die Reklame machen müssen, damit da überhaupt jemand hinzieht. Wir schätzen, ein Mensch, der es schön fände, wenn alle Städte aussähen wie Milton Keynes, kommt dafür in Frage, eine unserer Pauschalreisen so richtig zu genießen.

Wir interessieren uns für junge, pfiffige, attraktive, unternehmungslustige Leute, aber die interessieren sich nie für uns, also müssen wir mit traurigen, alten, verzweifelten Alkoholikern und Lüstlingen vorliebnehmen, die in der vergeblichen Hoffnung eine unserer Reisen buchen, mit jemandem ins Bett gehen zu können, bevor sie fünfzig sind.

Auf unseren Broschüren haben Sie bestimmt schon die Hochglanzphotos von barbusigen Mädchen, knackigen Männern beim Surfen und vergnügten Paaren beim Spielen am Strand gesehen, und es ist tatsächlich absolut normal, daß unsere Reisegruppen genau solche Aktivitäten beobachten können. Auf unseren Inseln veranstalten wir Busausflüge zu den teureren Schickeriastränden, wo sie den ganzen Tag lang fröhlichen jungen Menschen aus dem Bus heraus zuschauen können.

Ich habe die Schnauze wirklich gestrichen voll von Leuten, die dem Club Med IQ 18-30 vorwerfen, eine Art Zuhälter mit Gewerbeschein zu sein. Wir haben durchaus keinen Gewerbeschein. Haben wir gar nicht nötig. Jenen Kritikern, die da behaupten, unsere Ferienangebote appellierten an die widerlicheren Seiten des menschlichen Wesens, unsere Urlauber brächten Briten im Ausland in Verruf, denen erwidere ich, schauen Sie sich unsere Rücklaufquoten an, schauen Sie sich an, wie viele Genußsüchtige immer wieder an unseren Reisen teilnehmen, stets auf der Suche nach Spaß im Leben. Und wer weiß, beim dritten oder vierten oder fünften Trip finden Sie vielleicht welchen. Wir arbeiten schließlich in der Wunderbranche.

 

Entschuldigung

 

Nach der Aufzeichnung dieses jungen, geschmacklosen, sitten- und pietätlosen Kerls hat die BBC in Erfahrung gebracht, daß der Club Med IQ 18-30 die Zusammensetzung seiner Reiseangebote grundlegend überarbeitet hat und daß jetzt auch Menschen mit einem deutlich über dreißig liegenden IQ zugelassen sind. Für etwaig stattgehabte Beleidigungen möchten wir uns entschuldigen. Entschuldigen möchten wir uns außerdem für die Ausdrücke »Verkommenheit« und »kleinster gemeinsamer Nenner«, die soeben in dieser Entschuldigung aufgetaucht sind. Vielen Dank.

Trefusis über das Bildungswesen

Diese eine Sendung löste aus irgendeinem Grund mehr Korrespondenz aus als alle anderen: Ich habe mehr als hundert Kopien an Leute verschickt, die den Text schriftlich haben wollten. Anscheinend hatte ich einen wunden Punkt getroffen.

 

STIMME: Donald Trefusis setzt seine Vortragsreise an Englands Universitäten und Fraueninstituten fort. Diese Woche waren seine Stationen Newcastle, Exeter, Norwich, Lincoln und heute abend Nottingham. Auf der Fahrt von Norwich nach Lincoln ergab sich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit seinem ehemaligen Studenten Stephen Fry, dessen parallel verlaufende Tournee mit einem Komikprogramm in weiten Kreisen Besorgnis ausgelöst hat.

 

Das wünsche ich auch Ihnen allen von Herzen. Als erstes möchte ich mich bei dem liebenswürdigen Studenten des Instituts für Mauritiusstudien an der Universität von East Anglia in Norwich bedanken, der so freundlich war, gestern abend meinen Koffer zu bergen. Es tut mir leid, daß er ihn öffnen mußte, um seinen rechtmäßigen Besitzer herauszufinden, und ich versichere ihm, daß die verabredete Summe in gebrauchten Scheinen am vorgesehenen Ort hinterlegt wird. Ich freue mich auf die unversehrte Rückkehr der Gerätschaften.

Also, ich bin außerordentlich froh, Sie noch erwischt zu haben, weil ich wirklich dringend ein Wörtchen über diese Sache mit der Bildung loswerden muß. Ich habe in der letzten Woche so viele Schulen, Universitäten und Fachhochschulen besucht und mir so viele tränenreiche Klagen von Schülern, Studenten und Lehrern anhören müssen, daß ich mit meiner Meinung nicht länger hinterm Berg halten darf. Als jemand, der sein ganzes Leben lang, als Mann, Knabe und seniler alter Schwätzer, in und vor Bildungseinrichtungen verbracht hat, bin ich der letzte, der einen vernünftigen Vorschlag zu diesem Thema abgeben könnte. Das überläßt man besser den Politikern ohne Bildung, Verstand oder Engagement. Die gehen wenigstens nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt an das Problem heran. Dennoch möchte ich es mir heute mit Ihnen soweit als möglich verscherzen, indem ich Ihnen diese kleinen Schnittchen vom schmackhaften Büfett meiner Erfahrungen anbiete. Sollten Sie mich gern umbringen wollen (und mit diesem Anliegen stünden Sie mitnichten allein), vergessen Sie Gift, verbannen Sie das Erdrosseln aus Ihren Gedanken und verschwenden Sie keine weitere Sekunde an die Möglichkeit, die Bremsleitungen meines Wolseley durchzusägen; ein viel einfacheres Verfahren steht Ihnen zu Gebote. Schleichen Sie sich einfach an mich heran, wenn ich es am wenigsten erwarte, und flüstern Sie mir die Worte »elterliche Mitbestimmung« ins Ohr. Treten Sie zurück, und genießen Sie die Reaktion. Unweigerliches Herzversagen.

Elterliche – ärgerliche Mitbestimmung, sage ich immer. Verstehen Sie mich nicht falsch, um Gottes willen, halten Sie sich soweit wie irgend möglich davon fern, mich mißzuverstehen. Die Demokratie und ich liegen in keiner Weise im Clinch. Aber glauben Sie mir bei meinem Schädel, wenn schon bei keinem anderen, elterliche Mitbestimmung und Demokratie haben soviel miteinander gemein wie Mike Gatting und die Königinmutter, und sofern mir nicht jemand einen saftigen Skandal vorenthalten hat, ist das nicht besonders viel. Elterliche Mitbestimmung ist kein Zeichen von Demokratie; es ist ein Zeichen von Barbarei. Wir müssen das Bildungswesen als Dienstleistungsunternehmen betrachten – wie eine Wäscherei: Eltern sind die Kunden, Lehrer die Wäscher, Kinder die schmutzige Wäsche. Der Kunde hat immer recht. Oje, oje, oje. Und was, zur brodelnden Hölle noch mal, verstehen Eltern von Bildung? Wie viele gebildete Menschen gibt es auf der Welt? Mir fallen siebzehn oder achtzehn ein.

Denn um Bildung geht es natürlich überhaupt nicht. »Gott beschütze uns vor den Gebildeten« ist doch die Losung. Fragen Sie Norman Tebbit, der keinen Unterschied zwischen der lüsternen, nackten Halbwüchsigen in einem Boulevardblatt und einem Akt von Tizian macht1, fragen Sie den mal, was Bildung bedeutet. Fragen Sie die schaurigen Analphabeten aus der Fleet Street oder Wapping Street – oder welche unglückselige Durchgangsstraße die jetzt gerade unpassierbar machen –, was Bildung ist. Ein Gedicht mit Slangausdrücken wird von den Bildschirmen verbannt, oder sie kreischen uns noch wochenlang die Ohren voll.2 Mit den Sozialisten in den Rathäusern sind sie fertig geworden, jetzt wollen sie sich um die Pinscher kümmern, von denen sie in Theaterstücken und Büchern verspottet werden.

Dieses neue England, das wir uns erfunden haben, hat keinerlei Interesse an Bildung. Es interessiert sich einzig und allein für Schulung, sowohl materielle als auch geistige. Bildung bedeutet Freiheit, bedeutet Ideen, bedeutet Wahrheit. Schulung veranstaltet man mit einem Birnbaum, dessen Zweige man verflicht und zurechtstutzt, damit er an einer Mauer emporwächst. Schulung erteilt man einem Flugzeugpiloten oder einem Computerfachmann oder einem Rechtsanwalt oder einem Aufnahmeleiter. Bildung läßt man Kindern zuteil werden, um ihnen zu ermöglichen, sich von den Vorurteilen und den moralischen Offenbarungseiden der Älteren zu befreien. Und Freiheit steht nicht im Programm der gegenwärtigen Gesetzgeber. Freiheit zum Kauf von Aktien, medizinischer Versorgung oder Sozialwohnungen, gewiß, Freiheit, alles zu kaufen, was man will. Aber Freiheit zum Denken, zum Widerspruch und zur Veränderung? Gott bewahre.

An dem Tag, an dem eins meiner Kinder aus der Schule nach Hause kommt und ich erfahren muß, daß es etwas gelernt hat, mit dem ich konform gehe, an dem Tag nehme ich mein Kind von der Schule.

»Lehrt viktorianische Werte, lehrt die Werte von Anstand und Tapferkeit, Vaterlandsliebe und Religion« ist die Losung. Das sind genau die Werte, die dieses verfluchte Jahrhundert des Krieges, der Unterdrückung, Grausamkeit, Tyrannei, des Mordes und der Heuchelei heraufbeschworen haben. Es war die »permissive« Gesellschaft, die man jetzt so schrecklich gern zum Sündenbock macht, die Amerika zwang, sich aus dem Vietnamkrieg zurückzuziehen, und es ist die neue, widerlich restriktive Gesellschaft, die droht, uns vom nächsten Krieg verschlingen zu lassen. Schauen Sie sich die islamischen Kulturen am Golf an und ihre moralische Rigidität, ihre Gesetze gegen sexuelle Freizügigkeit, aber für Todesstrafe und Auspeitschen, strengen Gottesglauben, Patriotismus und die hochgehaltenen Familienwerte. Welch ein Vorbild für uns. Gott steh’ uns bei, wann werden wir uns endlich klarmachen, daß wir nichts wissen, gar nichts. Wir sind dumm, schonungs- und hoffnungslos dumm – was wir zu wissen glauben, ist offensichtliche Narretei. Wie können wir uns herausnehmen, unseren Kindern denselben unausgegorenen, bigotten Müll beizubringen, der unseren eigenen Verstand verkleistert? Gebt ihnen doch wenigstens eine Chance, eine winzige, kläglich glimmende Chance, es einmal besser zu machen als wir. Ist das so viel verlangt? Offenbar ja.

Nun, ich bin alt, übelriechend und schrullig, und zweifellos ist alles, was ich gesagt habe, Unsinn. Verbrennen wir all die Romane mit fürwitzigen Ideen und frechen Wörtern, lehren wir unsere Kinder, daß Churchill den Zweiten Weltkrieg gewann, daß das Weltreich eine klasse Sache war, daß einfache Wörter für einfache körperliche Handlungen von Übel und Teenager, die einem in Zeitungen ihren Busen entgegenrecken, ein harmloser Jux sind. Schließen wir die geisteswissenschaftlichen Fakultäten an den Universitäten, knüpfen wir Verbrecher auf, und bringen wir es schnell hinter uns, denn je eher wir alle zusammen in einem Feuerball explodieren, desto besser.

Oje, wenn ich’s Revue passieren lasse, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß einige unter Ihnen finden werden, ich … also, es ist mir eben einfach nicht egal. Es ist mir absolut nicht egal. Und wenn ich nicht zu Hause bin und sehe, was für eine arme, unbedarfte Nation wir sind, regt es mich einfach auf. Ich glaube, ich nehme am besten eine meiner Depottabletten und kuschel mich mit einem Elmore Leonard und einer heißen Milch ins Bett. Wenn Sie haben, frage ich mich, warum.

Trefusis und Redatt

Mürrisch starre ich heute morgen aus dem Fenster, und umgehend schmilzt mein Herz beim Anblick dessen, was sich unter mir meinem Blick darbietet: entlang den Flußufern sehe ich die Vorboten des Frühlings, in lebhaftem Reigen mit den Köpfen wippend, geschmückt mit leuchtenden Orange- und Gelbtönen, tanzen und hüpfen und springen – die Touristen. Es ist nicht meine Art zu klagen, wenn ich weiß, daß ich den Planeten mit Lebewesen teile, die fluoreszierende Nylonanoraks und karierte Strickmuster aus Argyll tragen.

Zu dieser Jahreszeit ist es mir zur lieben Gewohnheit geworden, einen Tag dem Aussortieren meiner Unterlagen zu widmen: ich hefte meine Korrespondenz ab, bringe meine Sudelbücher und Phrasensammlungen auf den neuesten Stand und miete einen Container, um all die Briefe fortzuschaffen, die ich im Jahresverlauf von Kreditkartengesellschaften erhalten habe. Ich kümmere mich um diese Müllpost lieber einmal im Jahr als einzeln, weil ich, statt sie einfach wegzuwerfen, sie gern den Firmen zurücksende, die sie mir geschickt haben. Was Mr Visa oder die Messrs Diners Club sich dabei denken, wenn sie alljährlich eine große Sendung Hochglanzpapier von mir erhalten, weiß ich nicht, da sie nicht die Freundlichkeit besessen haben, mir ihre Ansichten zu dieser Materie mitzuteilen. Sollten ihre Gefühle den meinen im geringsten ähneln, dann, nehme ich an, sind sie über dieses Verfahren äußerst erzürnt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Kreditkartenangestellte erpichter als ich sein sollten, ein Ohrringfutteral oder einen Weinkühler aus Onyx zu erstehen, selbst wenn auf den liebevoll gefertigten Oberflächen dieser Objekte Platz für bis zu drei seiner oder ihrer Initialen sein sollte.

Die eigentliche Freude meines Frühjahrsputzes sind gleichwohl die Briefe. Ich unterhalte eine weite und vielfältige Korrespondenz. Gegenwärtig führe ich einen epistolaren Stellungskrieg mit Philologen und strukturalistischen Linguisten in der ganzen Welt. Es gibt da diesen Professor für melanesische Sprachen in Penang, mit dem ich seit jetzt dreißig Jahren brieflich über die Wurzel des einfachen papuanischen Wortes redatt diskutiere, das, wie einigen unter Ihnen bekannt sein mag, »kaum je an abendlichen Spielen teilnehmend« bedeutet. Ein nützliches Wort und eines, mit dem das papuanische Volk sich höchste Verdienste erworben hat. Als jemand, der alles andere als redatt ist und sich an allen möglichen Gesellschaftsspielen zu ergötzen weiß, habe ich herausgefunden, daß die Erklärung dieses Worts gegenüber den Gästen einer Feier es sehr viel unwahrscheinlicher macht, daß diese sich noch den Zerstreuungen entziehen, die ich für den Fortgang des Abends vorgesehen habe. Das ist ein wichtiger Aspekt von Sprache. Die meisten Menschen, die sich ungern an Verdauungsspielchen und -sport beteiligen, halten sich mehr oder minder abseits und erachten sich in bestürzendem Hochmut den fidelen Frivolitäten ihrer Mitmenschen überlegen. Ihnen klarzumachen, daß ihre Geringschätzung von einer Tausende von Meilen entfernten Rasse taxiert worden ist, deren Lebensart man sich als weit weniger kultiviert als die eigene vorstellen darf, ist solchen Menschen durchaus ein Verdruß. Daß ein einfaches Volk es gewagt hat, die Abneigung gegen Gesellschaftsspiele in ein Wort zu destillieren, das ist zuviel für sie. Die Spielverderber haben also nichts Faszinierendes oder verführerisch Rätselhaftes an sich – sie sind bloß redatt, nehmen kaum je an abendlichen Spielen teil.

Und so möchte ich mir zur Osterzeit ein weiteres Wort von der Seele reden. Es ist ziemlich selten, stammt aus einem alten ugrischen Tundra-Dialekt und wurde im 4. Jahrhundert von einer lappischen Ethnie gebraucht, die sich nach dem großen Herffteld-Tauwetter im Jahre des Heils 342 in der Nähe des heutigen Helsinki niederließ. Das Wort lautet Hevelspending, es ist ein Substantiv und bezeichnet »den tiefen Atemzug eines Menschen, der beim Morgenspaziergang zum ersten Mal nach einem langen Winter den Lenz in der Luft riecht«. Im Englischen haben wir das Wort mugger, das einzig und allein jemanden bezeichnet, »dessen Erwerbstätigkeit darin besteht, andere auf der Straße anzuhalten und sie unter Gewaltanwendung um ihre Habseligkeiten zu erleichtern«, und die Lappen haben eben ein Wort mit der Bedeutung »tiefer Atemzug eines Menschen, der beim Morgenspaziergang zum ersten Mal nach einem langen Winter den Lenz in der Luft riecht«. Hevelspending. Wissen Sie, meine Damen und Herren, manchmal – vielleicht ist es ja bloß der wilde Anarch in mir –, aber manchmal habe ich den Eindruck, daß – ach, ich weiß nicht. Ist wohl bloß der kontemplative Mystiker in mir, nehme ich an.

Während in dem Moment, da ich jetzt zu Ihnen spreche, das helle Sonnenlicht durch die alten, getönten Scheiben meines Fensters den Frühling hereinschubst, merke ich, daß mir Tränen über das dumme, glänzende, alte Gesicht und durch die Fleischfalten laufen und vom Kinn auf die gewachste Tischplatte vor mir tropfen. Auch für diese Schwäche haben wir Worte, senile Labilität nennt man das, die Neigung, bei der Kontemplation von Abstrakta wie Frühling und Heimat und Freundschaft wie ein Kind zu flennen. Ach je, ich bin so alt und so dumm. Oberflächliche Leute reden davon, jung zu bleiben, aber sie ahnen nichts von der schrecklichen Schönheit und dem grausamen Glanz, wenn man im Herzen alt ist. Nun ja, wenn Sie haben, na sehen Sie.

Sir John Raving: Cricket & Golf

Sir John Raving, Sportredakteur beim ›New Spectator‹, meldet sich erneut zu Wort.

 

Ich möchte, wenn ich darf, und da ich ein hübsches Sümmchen für diese Sendezeit gezahlt habe, wüßte ich nicht, warum ich nicht dürfte, Sie in der Zeit zurückversetzen, na ja, so um die vierhundert Jahre. Ich möchte, daß Sie sich zwei Schafhirten vorstellen, einer davon Engländer, den wir, da wir ja phantasievoll und interessant sind, Thomas Burgess nennen wollen. Der andere ist ein Schotte, und sein Name sei Ian MacAllister. Also, Thomas Burgess und Ian MacAllister. Schafhirten ihres Zeichens, mit schönen Herden zur Beaufsichtigung und Hunderten von Meilen zwischen sich. Beide haben sie jene seltene Gabe, Spaß zu verstehen. Andere Schafhirten, ihre Freunde, sind zu dußlig, um auch nur Langeweile zu spüren. Die sind imstande, mit einem glasigen Blick in den Augen dazustehen und ihre Schafe zu betrachten, bis die schwarz werden, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber Thomas und Ian brauchen Abwechslung, damit das Leben nicht zu öde wird. Fangen wir mit Thomas an.

Eines Tages, eines hochsommerlichen Sonnentages auf den wogenden Hügeln von Hampshire, wo er zu Hause ist, nimmt Thomas den Lederball, mit dem Fangen zu spielen ihm schon eine müßige Stunde lang zum Trost gereicht hat, und wirft ihn Gregory zu, seinem ziemlich behämmerten Sohn. »Gregory«, sagt er, »ich stelle mich hier vor dieses Gattertor, und ich möchte, daß du mir den Ball zuwirfst.« Mit diesen Worten schlendert er zum Tor hinüber und fuchtelt mit seinem Krummstab in der Luft herum, oder Hirtenstock, oder wie man das in der Gegend nannte. Gregory schleudert seinem Vater den Ball zu. Wumm! Thomas holt mit dem Krummstock aus und schlägt herzhaft nach dem Ball, der über Gregorys Kopf wegfliegt. Gregory trottet los, um ihn zu suchen. Thomas besorgt sich unterdes etwas Stroh aus einem Ballen, glättet es und legt es oben aufs Tor. »Gut«, sagt Burgess, nachdem sein Sohn den Ball zurückgeholt hat, »versuche es ein weiteres Mal, Bursche. Versuche, das Gattertor zu treffen. Wenn du es triffst und das Stroh herabfällt, sey der Stock dein, und du stellest dich selbst vor das Tor.« Den ganzen Nachmittag lang verteidigte Burgess das Gattertor mit seinem Hirtenstab. So groß war sein Verstand und seine Geschicklichkeit beim Spiel, daß er bei Anbruch der Nacht im Pub von Hambleton mit Gregory schon darum stritt, ob es gleich viel zähle, wenn die Beine vor dem Wicket getroffen würden, wie wenn der Ball das Tor selbst träfe und die Querhölzer herabfielen, und ob der leg-glide ein genauso eleganter Schlag sei wie der cover-drive. Die ersten und vielleicht großartigsten Innings in der Geschichte des Crickets waren gespielt worden. Die Geburtsstunde des großen Spiels.

Währenddessen kullerte in Schottland Ian MacAllisters Freund Angus mit seinem Hirtenstab verdrossen einen Stein über den Boden, als Ian an ihn herantrat. »Angus«, sagte er, und ein merkwürdiger Glanz trat in seine Augen, »süst du dat Karnickellock dor achtern an den Barch?« – »Wie bitte?« fragte Angus. »Siehst du das Kaninchenloch da drüben auf dem Hügel?« wiederholte Ian. »Ach so, woll«, sagte Angus. »Was ist damit?« – »Scha«, sagte Ian, »ich wette um ein Pfund mit dir, daß ich diesen Stein mit weniger Stockschlägen in das Kaninchenloch befördern kann als du.« – »Ach ja?« sagte Angus. »Ach ja!« sagte Ian. Und die Wette galt.

Es war ein königliches Gefecht. Beim ersten Versuch verzog Angus den Kopf, lehnte seine Schulter zu weit in den Schlag und hieb den angeschnittenen Stein direkt in eine offene Grasnarbe am Hang des Hügels. »Oh, Mist!« sagte Angus. Ian erging es nicht besser, er trieb seinen Kurvball sauber in ein munteres Bächlein im toten Winkel unter ihnen. »Das kostet dich einen Schlag, um den da rauszukriegen«, entschied Angus süffisant. Nach vierundzwanzig Schlägen tippte Ian den Stein sanft ins Kaninchenloch und glaubte die Wette gewonnen. Eine bedeutungsschwangere Pause folgte. »Nie im Leben ist das der Stein, mit dem du angefangen hast«, sagte Angus. Sie einigten sich auf einen halben Punkt für jeden und fingen von vorn an, mit dem Ziel eines anderen Kaninchenlochs dreihundert Schritt weit weg. Und so zog sich der Tag hin, bis nach achtzehn Löchern wieder alles Friede, Freude, Eierkuchen war. Sie tauften ihr Spiel Golf, weil sie Schotten waren und Spaß an sinnlosen keltischen Kehllauten hatten.

Zwei Hirten aus zwei verschiedenen Landen. Zwei Spiele mit ihren Stöcken. Und in unseren sportbegeisterten 1980ern möchte ich bloß soviel sagen. Ein Spiel ist eine tolle Sache. Golf ist ein Spiel, Cricket ist ein Spiel, Snooker, Tennis, American Football, Rugby und Fußball – sie alle sind Spiele. Auch Poker, Scrabble, Pictionary, Schach und Backgammon sind Spiele. Zwischen ihnen besteht kein prinzipieller Unterschied. Der einzige Unterschied besteht darin, daß die erste Gruppe üblicherweise draußen gespielt wird und körperliche Anstrengung und Geschicklichkeit fordert, während die zweite im Sitzen gespielt werden kann und es nur auf geistige Wachheit ankommt. Sport ist hingegen eine ganz andere Sache. Eine Aschenbahn herum zu rennen ist Sport, schwere Gewichte zu heben, Flüsse entlangzurudern, mit Speeren, Hämmern und Kanonenkugeln zu werfen, Menschen mit der Faust ins Gesicht zu schlagen und durch ein Stadion zu radeln – all das ist Sport. Spiele sind das auf keinen Fall. Und ich möchte folgendes betonen – Spiele sind gut, ob drinnen oder draußen, sie erfordern Geistesgegenwart oder Muskelkraft, Witz oder Geschick, Spiele sind gut. Sie verdanken sich dem Verstand von Männern und Frauen, die sich unterhalten und ihre Lebensfreude zum Ausdruck bringen wollen. Eine Sportart wie Gewichtheben oder Laufen verhält sich zu einem Spiel wie Cricket wie ein Knubbelkniewettbewerb zu einer Shakespeare-Inszenierung. Es ist interessant, daß manche Menschen außerordentliche Muskeln oder Geschwindigkeit entwickeln können, ebenso wie es interessant ist, daß sie besonders knubblige Knie haben. Interessant, aber nicht das Leben. Daher wollen wir Spiele, keinen Sport. Das ist alles. Wenn Sie haben, guten Tag.

Trefusis über Examina

Auch Ihnen allen ein gutes. Wir nähern uns jener Zeit im Jahr, zu der die jungen Leute, mit denen mich hier in Cambridge ständig zu umgeben ich mir zur Aufgabe gemacht habe, in ihre verschiedenen Zimmer abtauchen, sich unter nassen Handtüchern und kaltem Kaffee vergraben und in einer Woche all das in ihre elastischen Köpfe zu stopfen versuchen, was über einen Zeitraum von drei Jahren langsam in sie hätte einsickern und sich festsetzen sollen. Über Examina wird von jenen viel dummes Zeug verbreitet, die wenig davon verstehen, vielleicht sollte daher ich als Aufgabensteller und -bewerter versuchen, jenen unter Ihnen, die immer noch der Auffassung sind, sie seien schwer und bedeutend oder aber leicht und unbedeutend, einmal darzulegen, wie man gute Ergebnisse erreichen kann, ohne daß Wissen oder Fleiß störend dazwischenfunken.

Dem jungen Menschen, der in die akademische Welt einzutreten sich anschickt, möchte ich folgendes mit auf den Weg geben: Bildung bereitet Sie auf das Leben vor, ergo obliegt es Ihnen, wenn Sie Erfolg haben wollen, zu schummeln, abzuschreiben, zu stehlen, paraphrasieren, adaptieren, adoptieren und zu entstellen. Ich bin an dieser Universität auf der Grundlage zweier Essays zu unleugbarem akademischen Erfolg gelangt. Die habe ich zum Lower and Higher School Certificate vorgelegt, bei der Aufnahmeprüfung für Cambridge aufs neue hervorgeholt – wofür ich mit einem Stipendium belohnt wurde – und für die Zwischen- sowie die Abschlußprüfung meines Studiums erneut wiedergekäut. Jedesmal habe ich längere Fremdwörter eingearbeitet, bei neueren Autoren Zitate geklaut und einige Sätze passend zum jeweils gerade vorherrschenden akademischen Zeitgeist und Geschmack neu eingekleidet. Aber im Grunde beruht mein gesamter akademischer Ruf und Rang auf nichts Substantiellerem als der Leistung, eine Handvoll ziemlich banaler, wiedergekäuter Arbeiten auswendig gelernt zu haben. Es ist eine kolossale Überschätzung von Verstand und Scharfsinn der Prüfer, wenn man annimmt, sie – »wir«, sollte ich wohl sagen – seien imstande, das Geschick, die Trivialität und Tücke von Kandidaten wie mir irgendwie zu »durchschauen«. Wenn ein Argument gut vorgetragen wird, mit Stil, Geschick und Schwung, belohnen wir das mit einer Eins oder Zwei plus.

Daher rate ich jetzt etwaig zuhörenden Prüflingen dringend, ihre erfolgreichsten Essays noch einmal durchzulesen und sich zu überlegen, wie deren erste und letzte Absätze so zugespitzt und ausgerichtet werden können, daß sie an dem großen Tag den Eindruck erwecken, jede Frage zu beantworten, die im Examen auftauchen mag. Auf daß ich nicht beschuldigt werde, die Jugend vom rechten Wege abzubringen, oder vernichtender Abschlußnoten wegen auf Schadensersatz verklagt werde, sei hinzugefügt, daß es einer ganz bestimmten Mischung betrügerischer und gerissener Intelligenz bedarf, zumindest aber eines ordentlichen Einfühlungsvermögens in die Kunst des Prüfens, um zu verstehen, wie universell anwendbar die eigene Arbeit ist und wie man sie für einen leichtgläubigen Prüfer überzeugend einkleidet: Sollten Sie nicht über diese Eigenschaften verfügen, büffeln Sie besser auf die herkömmliche Weise, mit ehrlichem Blut in den Adern und großem Fleiß im Herzen.

»Wie ungerecht!« rufen Sie im Chor. Aber schauen Sie sich doch um, sehen Sie doch bloß! Da sind sie, die Männer und Frauen mit Geld und Macht. Mit exakt dieser Mischung aus schlauer, manipulativer, prüfungsbeständiger Verschlagenheit, die sie in der wirklichen, unerbittlichen und erbarmungslosen Welt an den Tag legen, die sie jenseits der nährenden Brüste der Alma mater geschaffen haben. Sind diese Leute ehrlich und fleißig, streben sie nach Wahrheit? Nein. Unsere Examina reflektieren und nähren eine Welt, die im eigenen Saft von Korruption und Verworfenheit vor sich hin schmort. Die Cleveren, Glaubhaften, Anpassungsfähigen und Fadenscheinigen sind es doch, die »vorankommen«. Daher flehe ich Sie an: Wenn Sie meinen Abscheu vor dieser pomadigen und schmierigen Welt teilen – schaffen Sie unser Prüfungssystem ab, damit oberflächliche, nutzlose und seichte Geister wie ich der Verachtung anheimfallen und gesunde Herzen und offene Köpfe wie die Ihren oder die Ihrer Kinder in Ehren gehalten werden. Solange wir zulassen, daß dieser überzeugende und vorzeigbare Müll, der das Universitätsmilieu durchzieht, es sich in einflußreichen und machtvollen Jobs gemütlich machen kann, so lange ist die Seele unserer Nation besudelt.

Wie kann es irgendwen überraschen, daß Oxbridge-Absolventen so oft hohes politisches und wirtschaftliches Ansehen erwerben? Erst durch das Bestehen der Aufnahmeprüfungen und dann durch das Überstehen der Universitäten selbst proben sie das Schummeln und Schwindeln, das man in der von ihren akademischen Vorvätern eingerichteten großen weiten Welt da draußen als Leistung versteht.

Damit werde ich jetzt meine Kollegen und Confrères in Unmut versetzt haben: Es wird, und das zu erfahren dürfte Sie kaum überraschen, im allgemeinen nicht gern gesehen, wenn einer von ihnen der Welt ihr Geheimnis enthüllt. Zu deren Glück jedoch befindet sich die Welt so sehr in ihrem Bann, daß sie kaum je Notiz nimmt oder gar Glauben schenkt.

Und nun lassen Sie mich allein, ich muß einen ganzen Stapel Hausarbeiten korrigieren. Ganz oben liegt das Schaustück eines Mannes, der es, davon bin ich überzeugt, in ein paar Jahrzehnten zum Premierminister gebracht haben wird. Hören Sie sich nur seine Einleitung an: »Schenkt man Kraus’ moralischen Schattierungen keinen Glauben, so existiert in der prästrukturalistischen Linguistik ein ethisches Vakuum: Einzig und allein das Wunschdenken der Grammatiker und die Phantasie der Philologen vermögen eine so weit aufklaffende ästhetische Lakune zu füllen.« Reiner Blödquatsch, aber offensichtlich eine Eins. Ich habe das Buch selbst geschrieben, aus dem er den ganzen Schmonzes paraphrasiert hat. Mit Schmeicheleien kommt man immer weiter. Wenn Sie haben, dann los.

Trefusis fühlt sich nicht wohl

Heute morgen muß ich vom Bett aus einem BBC-Aufnahmegerät diktieren, den Kopf voller mit unerquicklichen Flüssigkeiten als die städtischen Schwimmbäder von Cambridge. Das Wetter scheint meine alten Lungen und Bronchien auf beklagenswerteste Weise mitgenommen zu haben. Freunde sind überaus gütig gewesen, viele mit Hausmittelchen vorbeigekommen, auf die sie schworen. Ich glaube, ich darf mit Recht sagen, daß ich in dieser Woche mehr heiße Milch, Glühwein, Grog und wärmende Ptisane getrunken habe als irgendein anderer Mann meiner Gewichtsklasse im Lande. Der emeritierte Inhaber des Lehrstuhls für Moral- und Pastoraltheologie war sogar so ein Schatz, daß er mir seinen Flanellschlafanzug geliehen hat, ein Ding der Schönheit in sattestem Zinnober, damit fühle ich mich so recht nach was.

Man hat mir zu verstehen gegeben, dieses Jahr sei das Jahr des Esperanto, und sogar derart viel Esperanto-Propaganda ins Postfach gelegt, daß ich von diesem Sachverhalt überzeugt worden bin. Esperanto ist ein amüsanter Versuch, Spanisch elegant klingen zu lassen, und als Philologe, so wird allgemein angenommen, müsse ich sein erbitterter Gegner sein, ebenso der anderer im Treibhaus großgezogener Sprachen: Volapük etwa.

Sprachen sind wie Städte: Sie müssen organisch und aus gutem Grunde wachsen. Esperanto gleicht einer Trabantenstadt wie Telford oder Milton Keynes; es hat, linguistisch gesprochen, reichlich Fußwege, genügend Parkgelegenheiten, einen ausgeklügelten Verkehrsfluß und alle modernen öffentlichen Einrichtungen. Aber es hat keine historischen Stätten, keine großartigen, alles überragenden Wahrzeichen. Der Eindruck fehlt einem, daß Menschen hier aufgewachsen sind, gewohnt und gearbeitet haben, die Architektur ihren Bedürfnissen, ihrer Macht oder Andacht entsprechend geformt haben.

Die englische Sprache dagegen gleicht York oder Chester oder Norwich oder London – absurd enge, verwinkelte Straßen, in denen Ortsfremde sich nie zurechtfinden, keine Parkplätze, keine Radrennbahn, dafür aber Kirchen, Schlösser, Kathedralen, Zollämter, die Überbleibsel alter Armenviertel und alter Paläste. Unsere Vergangenheit ist hier gegenwärtig. Aber nicht nur unsere Vergangenheit, diese Städte sind keine Museen, sie enthalten ebenso unsere Gegenwart: Sozialwohnungen, Bürohäuser und zweispurige Radwege. Sie sind lebendige Angelegenheiten, Städte wie Sprachen. Wenn wir Englisch sprechen, geben wir der alten Sprache der King James Bible, Shakespeares, Johnsons, Tennysons und Dickens’ im selben Atemzug Laut wie der neuen Sprache der Werbung, der von Blankety Blank und Any Questions. In unserer Sprache steht das Barbican Centre in der Nähe von St Paul’s.

Bei den Franzosen, die die Sache fürchterlich versaut haben, sieht das alles natürlich ganz anders aus; der Grund dafür, daß außer den einfältigsten alle Leute der Meinung sind, Paris sei eine absurde und sinnlose Stadt, ist, daß es sich seit fünfzig Jahren nicht nennenswert verändert hat. Im Stadtzentrum sind keine hohen Gebäude zugelassen. Es ist dieselbe Stadt, die man im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu Recht liebte, als sie wirklich altertümlich und modern zugleich war. Jetzt ist sie bloß noch altertümlich. Auch das lächerliche Französisch wird kontrolliert und reguliert: Worte werden von einem Ausschuß von Akademikern vorgeschrieben oder genehmigt, deren Auffassungsgabe ungefähr der eines nicht besonders hellen Bleistiftspitzers entspricht.

Natürlich fordern die Esperantisten nicht, alle sollten nur noch Esperanto sprechen, sondern meinen bloß, als Zweitsprache sei es die beste Wahl, ebenso wie niemand vorschlägt, alle Städte sollten aussehen wie Milton Keynes. Milton Keynes gibt einfach das ideale Konferenzzentrum ab und Esperanto die ideale Konferenzsprache. Und in dieser traurigen Welt muß man ganz schön viel konferieren. Leuten, die noch nie im Leben ein Buch gelesen haben, rumort der Gedanke im Hinterkopf herum, daß man doch, da es keine großen literarischen Werke auf Esperanto gibt, gut und gern behaupten könne, es sei bescheuert, diese Sprache zu lernen. Mumpitz. Genausogut könnte man behaupten, niemand solle im australischen Perth wohnen, da es dort weder Paläste noch Kathedralen gebe; das ist irrelevant, snobistisch und unlogisch – aber das sind die meisten Leute ja auch, oder? Perth ist fleißig dabei, seine eigenen Paläste und Kathedralen zu bauen.

Ich bin ein alter Mann voller Schleim, Whisky, Honig und Zitrone, aber ich habe auch genug Zuversicht in die Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft, um zu sagen, laßt uns um Gottes willen Esperanto lernen und damit in Milton Keynes konferieren. Und nun lassen Sie mich allein, ich muß mich in meinem Schlafzimmer einigeln, zusammen mit einer neuen Ausgabe von Ciceros Legibus. Wenn Sie nicht haben – hatschi!

Trefusis über die Langeweile

STIMME: Donald Trefusis, Prinz-Miroslaw-Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Cambridge, außerordentlicher Fellow am St Matthew’s College, Gast-Fellow am St-Østrogen-Institut, Kopenhagen, und jüngst berufener Hausdialektiker bei Selfridges, spricht mit entzückender Offenheit.

 

Ihnen allen ein großartiges, und das angemessen prachtvoll. Wissen Sie, es ist komisch, aber dieses leichte Muskelzerren scheint sich erledigt zu haben. Ich kann meinen Arm jetzt schon wieder über den Kopf heben. Der nächste Schritt wird sein, den Arm wieder an der Schulter zu befestigen, und dann wird’s mir so gutgehen wie … wie einer Made im Heuhaufen. Aber ich darf mich wirklich nicht beklagen: Was soll mir schon etwas ausmachen, solange ich reich bin? Reichtum ist unschätzbar, finden Sie nicht auch?

Wir haben noch ein paar Minuten, also würde ich Ihre Zeit gern mit einem ziemlich dahergefaselten und unstrukturierten Diskurs über ein Thema verplempern, das, wie ich weiß, vielen von Ihnen da draußen sehr am Herzen liegt, die Sie gerade im Bett liegen, einkaufen fahren, in der Küche sitzen, in der Wanne planschen, im Schuppen wühlen, Ihre Rute über dem Wasser baumeln lassen oder, wer weiß, beim Angeln sitzen – spulen Sie zurück und löschen Sie das Unzutreffende –, und das ist das Thema Langeweile.

In jenen Tagen, da meine Mutter noch sang, war sie ein vielbeschäftigter und beliebter Opernstar: Die Engagements, die sie in Mailand, New York, Paris, Bayreuth und London als Heldentenor annahm, ließen ihr nur sehr wenig Zeit für ihre Kleinen. Ich weiß noch, einmal, als sie gerade die Rolle des Wotan für die später als »die dämliche Inszenierung der Walküre von Chalfont St Giles« in die Geschichte eingegangene Produktion einstudierte, erzählte sie mir, nur langweilige Leute könnten sich je langweilen. Solche Sachen sagte sie ständig, unsäglich ödes Weib, das sie war.

Aber, meine Lieben, wenn man mal darüber nachdenkt, und eigenartigerweise auch wenn man es sein läßt, was um Himmels willen ist eigentlich Langeweile? Ist sie ein pathologischer Zustand, gewissermaßen der Schmerz, der einen vor Müßiggang warnt? Ist sie eine psychische Störung wie die klinische Depression? Ist sie vielleicht eine dem Schuld- oder Schamgefühl verwandte Emotion? Ist Spannung dasselbe wie Langeweile? Wenn wir darauf warten, daß sich ein Theatervorhang endlich hebt, ist dieses Gefühl der Frustration dann Langeweile oder Ungeduld? Frage ich mich. Nun, da Sie selbst keine Antwort zu wissen scheinen, fällt es wohl mir anheim, die Langeweile für Sie zu analysieren. Es ist ein erheiterndes und erlesenes Paradox für diese unsere grillenhaft eingerichtete Welt, daß jene, die von dieser Untersuchung am meisten profitieren könnten, jene nämlich, die selbst am meisten zur Langeweile neigen, das Radio in ihrem Ennui längst ausgeschaltet haben werden, während Sie als vielerprobter Zuhörer, ganz Interesse und ohrengespitzte Aufmerksamkeit, die Sie sind, vermutlich gar nicht wissen, was Langeweile ist.

Nun, nehmen wir ein Beispiel. Mich langweilt das Reisen ganz unglaublich. Da ich selbst außerstande bin, ein motorisiertes Gefährt zu führen, bringt mein Fahrer Bendish mich überall hin, und ich sitze neben ihm und schaue teilnahmslos zu, wie die Landschaft sich – wie hatte Morgan Forster das ausgedrückt? – »… wie Porridge hebt und ineinanderfließt«, genau, so war’s, während wir sie mit dem Wolseley umrühren. Die Untätigkeit, die Passivität halte ich nicht aus. Lieber schaue ich mir ohne einen Tropfen Gyles Brandreth an. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, daß man so ohnmächtig ist. Das Leben eines Passagiers ist keineswegs angenehm. Ich werde verdrießlich, spitzfindig und hochnäsig, mißmutig, mürrisch und miesepetrig. Eines Tages, als ich in genau so einem Schmalz aus Abstumpfung und Jammer versunken war, dachte ich, im Leben so untätig zu sein wie ich in meinem Wagen, müsse hienieden der Hölle am nächsten kommen, sofern man nicht gleich nach Oxford ziehen will. Kinder langweilen sich so schnell, weil sie im übertragenen Sinn nie am Ruder sind. Arbeitslos zu sein, durchschauerte es mich, kommt einer schlagartigen Zurückversetzung in die Kindheit gleich. Man wird genährt, hat ein Dach über dem Kopf und ist im allgemeinsten Sinn versorgt, und das will ich auch wirklich hoffen, aber da ist diese wütend rasende Langeweile. Es wäre wie eine nicht enden wollende M 25. Um die Lichter kreisend, aber machtlos, das Lenkrad herumzuwerfen und sich selbst dahin zu lenken, wo immer man gebraucht wird.

Kürzlich haben wir allerdings die intra-automobile Langeweile überwunden, indem wir uns Spiele ausgedacht haben, die mir ein Ziel gaben und Bendish von den aufdringlichen Sierras ablenkten, die in seinem Auspuff zu parken versuchten … warum sind das eigentlich immer Sierra-Fahrer? Vielleicht unterbindet der Winkel der Kopfstützen bei Wagen dieser Marke die Übermittlung bestimmter Nervenreize und verursacht so eine Art geistiger Zurückgebliebenheit … egal, das Lieblingsspiel, mit welchem Bendish und ich uns die Zeit vertreiben, heißt Mattishall. Dabei wird einer von uns Mattishall, ein schlauer, international agierender Spion, der sich als eine wichtige Persönlichkeit aus der Welt der Kunst verkleidet hat. Der andere übernimmt die Rolle von Melvyn Bragg und muß versuchen, per Interview herauszubekommen, für wen sich Mattishall gerade ausgibt. »Mattishall, Mattishall«, sagt Bendish etwa – und er macht Mr Bragg wirklich täuschend ähnlich nach –, »Mattishall, Mattishall: Wer, würden Sie sagen, hat auf Ihre künstlerische Entwicklung den größten Einfluß ausgeübt?« »Nun«, sage ich dann beispielsweise, »im Alter von zwölf Jahren wurde ich zu einer Ausstellung neoplastizistischer Kunst in Belgien mitgenommen, wo De-Stijl-Arbeiten von Mondrian und Schumacher gezeigt wurden; das war stilprägend.« »Aha«, sagt Bendish und fängt ein bißchen zu früh an zu raten, »Sie sind Michael Jackson.« Und so fahren wir fort, bis er schließlich erahnt, daß ich in Wahrheit Colin Welland oder Delia Smith oder sonstwer bin. Ein Heidenspaß. Aber dann weiß ich, daß das Automobil bald anhalten wird und ich wieder Herr meines Schicksals sein werde.

Nun, was könnte flauschiger sein? Ich habe des verstorbenen Mr Ellmanns atemlos brillante Biographie von Oscar Wilde gelesen und beschlossen, daß ich an jedem Tag meines Lebens ein neues Epigramm prägen werde, auf daß die Menschen mich eines Tages in Pubs, Waschsalons und Toiletten auf der ganzen Welt zitieren mögen. Mein Epigramm dieser Woche hat Kompromisse zum Thema. Ein Kompromiß, mein lieber Marquis, ist der Versuch, zwischen zwei Narren Zeit zu schinden. Zwischen zwei Narren Zeit zu schinden – wäre Ihnen das nicht gern eingefallen? Wenn Sie es haben, gehen Sie wieder ins Bett.

Trefusis über den Haß auf Oxford

Zu jener Zeit suchte Oxford, wie Sie vielleicht merken werden, nach einem neuen Kanzler, da Sir Harold Macmillan (Lord Stockton) gestorben war. Das Bootsrennen sollte an just diesem Sonntag ausgetragen werden.

 

Ich habe von Ihnen so viele Briefe zu einem bestimmten Thema erhalten, daß ich mich, wenn auch widerwillig, verpflichtet fühle, heute darüber zu sprechen. Mrs Quanda Earnshaw, Miral Blackstock, Tindy Welmutt und Bruden Wamp stellen ausnahmslos und unverblümt dieselbe Frage: Warum habe ich mich nicht um die Kanzlerschaft der Universität Oxford beworben, habe nicht um sie angehalten, gebuhlt oder bin sonstwie auf Freiersfüßen getappt?1

Passenderweise sieht der heutige Tag das, was ein Wodehousianischer Magistrat einst die Genugtuung besaß, als den alljährlichen aquatischen Wettstreit der Universitäten von Oxford und Cambridge zu bezeichnen, kurz das Bootsrennen, und ich finde es angemessen, meine Gründe dafür zu umreißen, warum ich mich nicht um jene Stelle beworben habe, die der ›Daily Telegraph‹ »das prestigeträchtigste akademische Amt« nannte und der ›Express‹ »die Rolle des Obermackers an Britanniens piekfeiner Topsnobuniversität«.

Ich bin, wie all jene unter Ihnen wissen, die je aufmerksam meinen kleinen Hörfunkstunden zugehört haben, ein überaus toleranter und gutherziger Mensch. Höflich, schwer erregbar, treu, sanftmütig und zuvorkommend. Außerdem bin ich, wie jene bezeugen können, die zwischen den Zeilen gelauscht haben, ein Cambridgemann. Ich hege keine chauvinistische oder übereifrige Zuneigung zu Cambridge. Jedermann, der sich einmal in einer großen Institution bewegt hat, sei es nun die BBC, die Armee, eine Schule oder ein großes Krankenhaus, wird wissen, daß Sahne und Abschaum gleichermaßen nach oben steigen; daß schußlige, hoffnungslose, engstirnige, halbblinde und ungebildete Inkompetenz Handel und Wandel an solchen Orten zu allen Zeiten durchdrungen hat. Daß Bosheit, Heimtücke und Rivalität die Zusammenarbeit, Kollegialität und das gegenseitige Vertrauen enttäuschen. Was also kann meinen unbändigen, blinden und irrationalen Haß auf Oxford und alles Oxonische erklären? Lassen Sie mich das sofort relativieren: Unter meinen besten und treuesten Freunden finden sich Ehemalige und Angehörige der Universität Oxford. Einige der aufrechtesten und hervorragendsten Menschen, die ich kenne, dürfen »M. A. (Oxon)« hinter ihre Namen setzen. Und doch dieser rasende, unerbittliche Abscheu. Weshalb? Bin ich einfach verrückt?

Nun, versuchen wir einmal, die Unterschiede zwischen unseren beiden ältesten Universitäten herauszuarbeiten. »Cambridge bringt Märtyrer hervor«, ging früher das Sprichwort, »Oxford verbrennt sie«. Das bezog sich auf Cranmer, Latimer und Ridley, unter Mary Tudor in Oxford verbrannte Protestanten. Cromwell war ein Cambridgemann, Oxford im Bürgerkrieg eine royalistische Hochburg. Fast jeder bedeutende Premierminister unserer Geschichte war in Oxford, bis hin zu und einschließlich von Mrs Thatcher. Das Trinity College zu Cambridge allein kann sich auf mehr Nobelpreisträger berufen als Frankreich, Deutschland und Italien zusammen. Rutherford, Newton, Hewish, Crick und Watson, ein ehrfurchtgebietendes wissenschaftliches Erbe als Gegengewicht zu Oxfords Politikern. Keynes war in Cambridge, Oscar Wilde in Oxford. Der herzliche, surreale Terry Jones in Oxford, der logische, schonungslose, sarkastische John Cleese in Cambridge. Der Knuddel Dudley Moore in Oxford, der Stachel Peter Cook in Cambridge. Nedwin Sherrin in Oxford, Jonathan Miller in Cambridge. Beginnt sich für Sie ein Muster abzuzeichnen? Cambridge hat diesen Zug von Moralismus, strenger Logik, Schärfe und Disziplin. Vielleicht liegt’s am Wetter, an den schneidenden Uralwinden, die über die Marschen pfeifen und nur von jenen eiskalten Steinfingern gebrochen werden, die in die Himmel über East Anglia aufragen. Oxford hat eine Weichheit, einen Hedonismus, der mit der grünen Themse zu tun haben muß, den lieblichen Talgründen, die im Westen in das Heben und Senken der Cotswolds übergehen. Oxonier sind klein und dunkel und sprechen schleppend, meist aus Wales, dem Süden und Westen, die Sires Cambridges eine Rasse großer, schlanker, drauflosschnatternder Blondschöpfe. Stellen Sie Douglas Adams oder Bertrand Russell neben A. J. Ayer oder John Betjeman, und der Unterschied wird Ihnen sofort ins Auge stechen. Viele von Ihnen mögen jetzt sagen, »aber ich mag den Klang von Oxford, grün, lieblich, sanft, lebenslustig. Cambridge scheint einzig von Mönchen und Mathematikern bevölkert zu sein. Wir hätten lieber die Dekadenz eines Wilde als die Strenge eines Milton.«

Ja, aber. Wir haben uns die großartigsten Erzeugnisse beider Institutionen herausgepickt und angesehen. Wie verändert sich die Allgemeinheit der Studenten angesichts solcher Traditionen? Diese grandiosen mittelalterlichen Städte sind doch zur Bildung da, oder nicht? Als Dozent kann ich einen Ort nur verabscheuen, dessen Geschichte seinen Studenten nahelegt, das Amt des Premierministers stehe ihnen von Rechts wegen zu, Luxus und schwelgerischer Genuß und eine Art Jet-set-Snobismus seien zulässig oder gar natürlich. Cambridge mag mit seinem Humanismus und seiner Toleranz, seinen Methodologien und Systemen im Extremfall Klassendünkel in Landesverrat und Selbsthaß verwandeln, aber letzten Endes möchte ich lieber einen Verräter als einen Premierminister unterrichtet haben.

Genug des Wahnsinns. Mir ist wirklich jede Vernunft abhanden gekommen. Haß ist irrational, wie kann ich hoffen, Ekel und Verachtung zu rationalisieren? Es genügt wohl, wenn ich sage, daß ich den ganzen heutigen Tag lang Hellblau tragen und auf den zweiten Sieg in Folge hoffen werde.1 Ich gebe Sie zurück an Oxfords Lieblingssohn Nedwin. Wenn Sie haben, sind Sie selbst schuld.

Trefusis über das Alter

Ich weiß nicht mehr, was der Grund meiner Abwesenheit war. Vermutlich war es so, wie Trefusis sagt.

 

Hallo. Es ist sehr tröstlich, mich nach beinahe beunruhigend langer Zeit wieder hinter dem Mikrophon zu finden. Meine aufrichtige Bitte um Vergebung für die Verlegung des alten Termins am Samstagmorgen an all jene unter Ihnen, ganz besonders aber Mrs Bertilde Medicine aus Homerton, die meine Rundfunkstimme dazu einsetzt, ihren Kindern Angst einzujagen. Der Grund für meine vorübergehende Absenz war ein wirklich ziemlich bösartiger Anfall von Trägheit, bei dem es zu zusätzlichen Komplikationen durch das neuerliche Auftreten der alten Indifferenz und chronischen Indolenz kam, die mich alle Jahre wieder heimsuchen. Ich habe mich inzwischen fast völlig erholt, trotz gelegentlicher Rückfälle von Apathie und Müßiggang. Das Problem ist alten Fleisches Erbteil.

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