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Papa@Home

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Who’s Who?
  8. Das Inselduell der anderen Art
  9. CHICAGO AUGUST
    1. 1. Kapitel
    2. 2. Kapitel
    3. 3. Kapitel
    4. 4. Kapitel
    5. 5. Kapitel
    6. 6. Kapitel
    7. 7. Kapitel
    8. 8. Kapitel
    9. 9. Kapitel
    10. 10. Kapitel
    11. 11. Kapitel
    12. 12. Kapitel
  10. NOVEMBER
    1. 13. Kapitel
    2. 14. Kapitel
    3. 15. Kapitel
    4. 16. Kapitel
    5. 17. Kapitel
  11. DEZEMBER
    1. 18. Kapitel
    2. 19. Kapitel
    3. 20. Kapitel
    4. 21. Kapitel
    5. 22. Kapitel
    6. 23. Kapitel
  12. JANUAR
    1. 24. Kapitel
    2. 25. Kapitel
  13. FEBRUAR
    1. 26. Kapitel
    2. 27. Kapitel
    3. 28. Kapitel
    4. 29. Kapitel
    5. 30. Kapitel
    6. 31. Kapitel
    7. 32. Kapitel
    8. 33. Kapitel
    9. 34. Kapitel
  14. Dank

Über die Autorin

Elke Ahlswede, Jahrgang 1968, hat selbst mehrere Jahre in Amerika gelebt – allerdings ohne Hausmann. Durch Studium, Arbeit und Elternzeit in den USA hat sie reichlich Einblick in das Leben von Corporate America und Happy Suburbia gewonnen. Nach der Henri-Nannen-Journalistenschule und einigen Jahren bei einem internationalen Medienkonzern in Deutschland lebt sie mit ihrer Familie in Frankreich, wo auch ihre Romane MAMA.COM und MUM@WORK entstanden.

Elke Ahlswede

Papa@Home

Roman

Alle Personen und Ereignisse in diesem Roman sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit der Realität sind rein zufällig.

To Chicago
and all the times we shared

Who’s Who?

Katharina Stein (36): Zweifache Mutter und endlich richtige Karrierefrau mit Edelbüro im Wolkenkratzer mitten in Chicago. Von dort darf sie Filmstars für die Oscar-Nacht ins rechte Licht rücken und per Handy ihre Familie fernsteuern.

Mareike Hagel, alias Nemo (5): Kathis Tochter. Arbeitet engagiert an ihrer Künstlerkarriere.

Max Hagel (1¾): Kathis Sohn. Vorstadtgangster der Zukunft.

Tobias Hagel (38): Kathis Mann. Erziehungsurlaubender Afrika-Historiker mit vielen Idealen. Residiert eher unfreiwillig im noblen Vorort Flowers Grove und kämpft tapfer gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, gegen den Klimawandel und den Wahnsinn eines Hausmannes unter vielen Desperate Housewives.

Abigail Green, »Queen of Bio« (33): Nachbarin aus Nummer 455, Tulip Lane, mit Hang zur Perfektion und einer Platinkundenkarte bei OrganicFood.

Ellen Woody, »Mrs. Shrink« (41): Hobbypsychologin aus Nummer 459. Therapiert alles, was ihrem Sofa zu nahe kommt.

Samantha Cox, »The Beauty and her Beasts« (Botox-29): Schönheit aus Nummer 460 mit Styling als Lebensziel und drei wilden Söhnen, die es Max besonders angetan haben.

»Che« (22): Mareikes erster Ex…kindermann.

Rosa aus Bolivien (19): Mäxchens liebste Nachbar-Nanny.

Tanja Kobald (39): Kathis beste Freundin, späte Erstgebärende mit hohen Ansprüchen für Töchterchen Mia-Emilie und an Ehemann Karsten.

Patricia Paulmann (24): Kathis ultrafitte Assistentin aus Deutschland, nach ihrem Studium im »US-Leadership-for-the-Future-Program«. Will mal ganz hoch hinaus – ohne Kinder.

Barack Obama (23): Nein, nicht der. Ist ja auch viel jünger.

»Mr. Zen« (42): Kathis beunruhigend ruhiger Kollege.

Melissa Heart (Ende 20): Superstar des ChicagoMedia-Konzerns. Nach kometenhafter Karriere als Fotomodell, Sängerin und Schauspielerin steht sie unmittelbar vor ihrem ersten Oscar.

Randolph DeLuxe (62): ChicagoMedia-Chef mit Starallüren.

Sergej Rublokowski (48): Russischer Milliardär.

Fred Baldman (53): Kathis Kollege mit einer Schwäche für Ahnenforschung und … für Kathi.

Trish Emeagwali, geb. Curtis (41): Kathis Exchefin. Jetzt Teleconsultant im afrikanischen Busch (tja, wie das Leben so spielt).

Jane Dough (29): Kathis neue Sekretärin.

Das Inselduell der anderen Art

Sechs Männer werden mit je zwei Kindern und je einem Auto sechs Wochen lang auf einer Insel ausgesetzt. Jedes Kind ist in zwei Sportvereinen und spielt entweder ein Instrument oder nimmt Tanzstunden.

Es gibt kein Fastfood.

Jeder Vater muss sich um seine Kinder kümmern, das ihm zugeteilte Haus sauber halten, kochen, waschen und einkaufen. Er muss jedes seiner Kinder einmal zum Kinderarzt, einmal zum Zahnarzt und einmal zum Friseur begleiten. Er muss drei Dutzend Kekse oder zwei Kuchen für ein Schulfest backen.

Jeder Vater muss jedem seiner Kinder jeden Abend eine Geschichte vorlesen, ohne selbst dabei einzuschlafen, den Kindern am nächsten Morgen um sieben Uhr Frühstück machen, sie außerdem anziehen, ihnen die Zähne putzen und die Haare bürsten – oder sie dazu antreiben. Er muss eine intelligente Antwort finden, wenn eines seiner Kinder ihn anbrüllt: »Du hast mir gar nichts zu sagen!«

Die Kinder stimmen nach der Leistung der Väter darüber ab, welcher als Erster die Insel verlassen muss. Der letzte Vater gewinnt … allerdings nur, wenn er noch genug Energie hat, seine Frau umgehend als leidenschaftlicher Liebhaber zu überzeugen.

CHICAGO
AUGUST

1. Kapitel

»Wie cool ist das denn?«, fragt Patricia, ohne auch nur im Geringsten nach Luft zu ringen. »Du machst hier die Karriere des Jahrhunderts, und dein Lover passt zu Hause auf eure Kinder auf!«

Lover? In dieser Kategorie habe ich Tobias schon länger nicht mehr abgelegt. Nein, nein, keine Missverständnisse bitte: Wir haben durchaus noch Sex. Und Liebe? Ja klar, auf jeden Fall. Aber Lover? Das klingt so nach ganz frisch verliebt, nach ungeteilter Aufmerksamkeit, nach zwanzig SMS am Tag, nach roten Rosen ins Büro. Und so ist es ja nun auch wieder nicht.

Deshalb sind für Tobias die Schubladen »Ehemann« oder »Vater meiner beiden Kinder« einfach immer viel weiter offen als die Abteilung »Lover«. Die Rosen auf meinem Schreibtisch im Büro sind übrigens von … tja, wenn ich das wüsste. Aber von Tobias sind sie jedenfalls nicht, das steht fest.

»Nicht dass ich jemals Kinder haben wollte«, setzt Patricia nach und schaltet ihr Laufband einen Gang höher. »Aber trotzdem: toll!«

»Ja, ich bin ganz zufrieden.«

Klar, ich könnte jetzt lange Vorträge über die unendlichen Vorteile im Leben einer berufstätigen Mutter mit einem zum Glück bisher recht zufriedenen Hausmann halten, aber dafür reicht mein Lungenvolumen einfach nicht aus. Ich nehme einen Schluck aus meiner Wasserflasche, damit mir nicht auch noch die Spucke wegbleibt.

Patricia dagegen quasselt wie ein Wasserfall in Niagara-Ausmaßen. »Du musst nicht auf Familienglück verzichten – wenn man das denn so nennen will –, hast aber trotzdem völlig den Rücken frei und kannst dich ganz auf deine Arbeit konzentrieren. Wer sagt da noch, dass das nicht gehen sollte? Also, ich will zwar wirklich bestimmt keine Kinder und wahrscheinlich noch nicht einmal heiraten, aber das …«

Weiter kommt Patricia nicht. Mein BlackBerry leuchtet grell auf und vibriert sich fast von der Ablage meines Laufbands herunter.

Auf dem Display erscheint ein Foto von Tobias, Max und Mareike beim Eisessen. Bestimmt Eis aus Biomilch. Und Bioschokolade natürlich. Wie in einem Umkreis von fünf Zentimetern um Max’ Mund, gleichmäßig verteilt auf Mareikes Backen sowie auf Tobias’ T-Shirt klar zu erkennen ist. Hach, sie sind einfach zu süß! Ich muss gegen einen akuten Sehnsuchts- und Brutpflegeanfall ankämpfen.

Allerdings, was will Tobias denn jetzt eigentlich schon wieder? Er hat doch erst vor zwanzig Minuten angerufen! Mareikes Kittel war verschwunden, und sie mussten dringend los zum Malkurs. Ach, vielleicht ist es ja diesmal nicht so wichtig.

Entscheidung: ignorieren.

Das ist übrigens meine neue Kernkompetenz als Topmanagerin: entscheiden natürlich, nicht ignorieren. Oder vielleicht auch? Darüber muss ich mal in Ruhe nachdenken. Vielleicht in meinem nächsten Leben.

Patricia legt nach: »Und dabei sagen doch immer alle älteren Frauen, also ich meine, die so in deinem Alter, also ich meine …«

Ja? Ich höre.

»Also, diese Frauen sagen immer, Männer könnten das einfach gar nicht: Kinder betreuen, den Haushalt führen und so weiter.« Meine Assistentin redet jetzt fast so schnell, wie sie läuft. Trotzdem ist nicht ein einziger Schweißtropfen auf ihrer dezent gebräunten und natürlich komplett faltenfreien Stirn zu entdecken. »Aber dein Mann scheint das ja sehr wohl hinzubekommen. Perfekt!«

Das Handy meldet sich wieder. Gleichzeitig leuchtet mir die Digitalanzeige meines Laufbands in einem unpassend fröhlichen Rot mit einer sehr traurigen Nachricht entgegen: bisher verbrauchte Kalorien – 119.

Erst 119? Wenn ich jetzt aufhöre, um den Anruf anzunehmen, kann ich zum Kaffee noch nicht einmal eine halbe dieser superleckeren Zimtschnecken essen, die es im Starbucks unten in der Lobby gibt. Die haben nämlich 620 Kalorien pro Stück. In Worten: sechshundertzwanzig! Also, ich kann sie natürlich trotzdem essen, aber dann passt mir mein neuer Armani-Hosenanzug bestimmt bald nicht mehr und dieser sündhaft teure Rock von Dolce & Gabbana auch nicht, und das Etuikleid von Gucci spannt schon jetzt ein bisschen an den strategisch nicht so günstigen Stellen wie Hüften, Bauch und Po.

Eigentlich mache ich mir aus solchen Klamotten nichts, ehrlich, aber fürs Büro sind sie wie eine Uniform. Also habe auch ich mich auf der North Michigan Avenue für Unsummen mit dem Standard-Outfit eingedeckt, das ich gern noch ein bisschen länger tragen möchte. Also: weiterlaufen.

»Dein Handy klingelt.« Patricia hat es nun auch bemerkt.

»Ja, ist nicht so wichtig«, keuche ich.

»Cool.«

Cool? Na, meinetwegen.

122 Kalorien. Na, wunderbar, was für ein Fortschritt! Das Handy gibt nicht auf, ich ignoriere es weiter.

»Und überhaupt ist das doch wirklich ein bisschen albern«, sagt Patricia und linst zu den Bodytransformern drüben am Fenster.

Aha, verstehe! Auf dem zweiten von rechts wird gerade ein Body transformiert, der das eigentlich gar nicht so dringend nötig hätte. Er ist nämlich groß … ziemlich groß, schlank, nein, sehr schlank. Wow, er könnte Barack Obamas kleiner Bruder sein.

Ich lächle Patricia anerkennend zu: guter Geschmack, wenn auch etwas jung. Sie fühlt sich ertappt – und quatscht weiter.

»Ich meine, so ein bisschen auf Kinder aufpassen, kochen und so, das kann doch nun wirklich jeder. In meinem Abi-Jahrgang gab es ein paar Mädchen, die sind als Au-pair nach Frankreich oder Amerika gegangen.«

Da, ein Schweißtropfen! Immerhin. Auf ihrem zu hundert Prozent fettfreien Bauch perlt er dekorativ in Richtung Bauchnabelpiercing.

»Ach nein, es war Australien! Oder Neuseeland? Egal, für die Karriere ist das ja sowieso tödlich, deshalb hat mich ein Au-pair-Jahr nie interessiert. Aber auf jeden Fall, wenn die das schaffen, einen Haushalt mit Kindern zu managen, dann …«

Jetzt schickt Tobias eine SMS. Ist ja kein doofes Au-pair. Nein, nein, er ist Historiker, mit Doktortitel! Und in Elternzeit, ganz im Trend. Der neue Vater sozusagen. Papa im Pampers-Dienst. Inzwischen bevölkern ja ganze Kompanien gestandener Studienräte, Werbetexter und Finanzbeamter die Sandkisten und Krabbelgruppen Deutschlands. Tja, und ich habe meinen erziehungsurlaubenden Hochschullehrer plus die zu bevaternden Kinder gleich mit nach Amerika genommen. Genial, da hat Patricia recht.

»… sollten das erwachsene Männer ja wohl auch hinbekommen. Aber, wie gesagt, mir ist das im Grunde egal. Ich will erst gar keine Familie, damit ich mich auch wirklich ganz darauf konzentrieren kann, einen guten …«

Notfall! Ruf schnell an. Kuss, Tobias.

Notfall? Max hat eine Murmel verschluckt. Mareike ist vom Fahrrad gefallen. Tobias hat das Brotmesser zwischen den Rippen. Ich will es mir gar nicht so genau vorstellen. Also rufe ich doch an, aber laufe weiter. Multitasking.

»Na, endlich«, brüllt Tobias ins Telefon und per Headset direkt in mein Ohr, bevor ich selbst irgendetwas sagen kann.

»… Job zu machen und …«, sagt Patricia.

»Nicht so laut bitte!«

Patricia schweigt mich mit einem Blick an, der so viel heißen soll wie: »Wenn du nicht meine Chefin wärst, würde ich dir jetzt aber was erzählen«.

»Ich meinte nicht dich, Patricia. Moment bitte, okay?« Ich blicke extrawichtig und deute aufs Handy.

»Ah, doch dringend. Geschäftlich, verstehe.« Patricia nickt wissend. Ich nicke mit.

»Kathi, bist du noch da?«, schreit Tobias.

»Ja, ich bin noch da. Was ist denn los? Ist es schlimm?«

»Wie bitte? Ich versteh dich ganz schlecht.«

So laut ist die Musik hier im Fitnessstudio ja nun auch wieder nicht. Der Lärm kommt eher aus dem Handy. Und es handelt sich um nicht sehr beruhigende Töne.

»Ja, ich bin noch da. Nun sag doch endlich, was los ist.«

Patricia hat sich zum Glück wieder dem Beau am Fenster zugewandt. Es handelt sich um ein klassisches Alphatier, das hervorragend in jede Vorstandsetage oder eben auch ins Weiße Haus passt – und auf jeden Fall in Patricias Beuteschema.

»Wieso hast du es denn so eilig?«, fragt Tobias. »Mal wieder auf dem Weg in eine wichtige Sitzung? Du klingst so außer Atem.«

»Na ja … also, was ist denn nun? Und warum ist bei euch so ein Krach?«

»Max hat einen Ra…wrrrrrummmm.«

»Bitte?«

»Max hat einen Rasen…wrrrrrummmm.«

»Was? Einen Rasenmäher?«

»Ja, geschenkt bekommen, und damit saust er jetzt durch … wrrrrrummmm … Max, jetzt fahr mal da rüber zur Schaukel, okay? Ich kann Mama gar nicht verstehen.«

»Hat er sich verletzt?«

»Nein.«

»Welcher Idiot schenkt denn einem Kleinkind einen Rasenmäher?«

»Das ist natürlich ein Spielzeugrasenmäher. Von Sammy hat er den.«

»Sammy?«

»Das ist … wrrrrrummmm. Weißt du doch!«

Nein, weiß ich nicht. Aber zumindest kann die Katastrophe nicht allzu groß sein, denn ich habe noch immer nicht erfahren, was eigentlich passiert ist. Und dann war da dieser Unterton, dieser ganz besondere, leicht vorwurfsvolle Unterton mit der Message: »Ich habe langsam das Gefühl, dass dich unser Familienleben gar nicht mehr richtig interessiert«. Also, besser nicht noch einmal fragen, wer Sammy ist.

»Du könntest wirklich mal zuhören, wenn ich dir etwas erzähle. Ich habe langsam das Gefühl, dass dich unser … wrrrrrummmm.«

Seufz.

»Mahaaax, daaaaa rüber! Sammy hat doch neulich … wrrrrrummmm.«

Sammy? Hm, Sammy? Ach, Sammy! Das ist sicher einer dieser Historiker von der Uni in Chicago, mit denen sich Tobias neulich getroffen hat. Damit er den Anschluss nicht ganz verliert, hat er gesagt. Nach der Devise »Beruf: Hausmann. Hobby: Historiker«.

»Tobias? Worum handelt es sich denn nun bei eurem Notfall?«

»Ach so, genau: Wo ist das Vollkornmehl?«

Mehl? Vollkorn??? Gaaanz ruhig bleiben.

Tobias klärt mich auf: »Wir wollen Pfannkuchen backen, aber ich finde nicht das richtige Mehl.«

Pfannkuchen? Notfall??? Gaaanz ruhig bleiben.

»Im Drehschrank neben der Spüle«, sage ich wegen der lauschenden Patricia so leise und wegen des offenbar orientierungslosen Tobias so liebevoll wie möglich.

Okay, ich selbst habe den Schrank nach unserem ersten Großeinkauf eingeräumt, und seitdem hat Tobias offensichtlich noch nicht gebacken. Also kann man auch als einigermaßen talentierter Hausmann schon mal das Mehl aus den Augen verlieren.

»Wie bitte?«, schreit Tobias. »Ich verstehe kein Wort …«

Einatmen … ausatmen – ich bin gaaanz ruhig!

Barack hat sein Training beendet und ein weißes Handtuch um den Nacken gelegt, was wirklich außerordentlich nett anzusehen ist. Er steuert jetzt direkt auf uns zu. Allerdings ist hinter uns auch der Ausgang. Patricia gibt sich betont beschäftigt und wendet sich mir aufmerksam zu.

»Im Dreh-schrank un-ter der Spü-le!«, sage ich jetzt etwas lauter.

Patricia entgleiten ein kleines bisschen die jugendlichen Gesichtszüge. Ha! Auch sie wird in spätestens zehn Jahren Falten haben. Endlich mal eine gute Nachricht.

Tobias lässt nicht locker: »Aber, das weiß ich … wrrrrrummmm.«

Einatmen … ausatmen!

»Neben den Ha-fer-flocken und dem Müüüüsli«, rufe ich genau in dem Moment, in dem Barack auf einen halben Meter Entfernung herangekommen ist. »Und tschüss!« Das war laut.

Gut, dass Barack kein Deutsch kann. Aber warum lächelt er? Und überhaupt, was gibt es denn da zu lachen?

Nachdem ich entschlossen den roten Telefon-Knopf fürs Auflegen gedrückt habe, landet meine Hand unwillkürlich, aber mit Schwung auf dem Not-Halt meiner Foltermaschine. Das Laufband stoppt abrupt. Patricia starrt mich an, Barack grinst und verschwindet.

To do:

  • Assistentin mit sinnloser Aufgabe beschäftigen
  • Entspannungstraining vom Geburtsvorbereitungskurs wiederholen

Guter Vorsatz:

  • Heute keine Zimtschnecke

Bereits auf dem Weg vom Feel-like-Steel-Athletic-Club im 79. zurück in mein Büro im 101. Stockwerk, also ehrlich gesagt auf dem klitzekleinen Umweg über den Starbucks in der Lobby, meldet sich mein Handy schon wieder mit dem Bild der Eisfamilie. Ja, sie sind süß, alle drei. Sehr süß. Aber was will Tobias denn nun noch? Das Mehlproblem müsste doch eigentlich gelöst sein.

»Ja, Tobias?«, flöte ich, während ich an der Kasse stehe und in meiner Sporttasche nach meinem Geld suche. Ich habe es ziemlich eilig, in einer halben Stunde beginnt die Vorstandssitzung, und ich habe vorher noch einiges zu tun. »Was gibt es denn noch?«

Tobias klingt aufgebracht: »Also, Kathi, hör mal. Ich weiß auch, dass das Mehl im Drehschrank ist. Ich bin ja nicht auf einmal blöd, nur weil ich jetzt zu Hause bleibe.«

Na-hein, natürlich nicht.

»Aber da gibt es nur Weißmehl, nicht Vollkornmehl. Du wolltest doch welches mitbringen, als du neulich bei OrganicFood einkaufen warst. Das kann doch wirklich nicht zu viel verlangt sein, dass du ein bisschen mitdenkst. Wie sollen wir denn jetzt unsere Pfannkuchen backen?«

Mit Weißmehl?

»Also, mit Weißmehl backe ich nicht, falls du mir das vorschlagen wolltest.«

Ich? Niemals!

»Kathi, wo sollen wir jetzt Vollkornmehl herbekommen?«

»Von den Nachbarn?!«, schlage ich vor und versuche, meine innere Ruhe im Blick auf die imposanten Travertinwände in der Lobby zu finden.

»Von den Nachbarn? Wie meinst du das denn? Soll ich betteln gehen? Entschuldigung, ich bin der Hausmann aus Nummer 457, könnten wir von Ihnen etwas Vollkornmehl bekommen? Wir wollen Pfannkuchen backen.«

Warum nicht?

»Nein, Tobias. Warum müssen es denn überhaupt unbedingt Pfannkuchen sein? Ihr könnt euch doch auch Zimtschnecken holen, die sind wirklich klasse, vor allem mit einem Becher Caramel Macchiato …«

Strategischer Fehler, Kathi. Hier in unserem beschaulichen Vorort gibt es keinen …

»Hier in unserem beschaulichen Vorort gibt es keinen Starbucks, Kathilein. Die gibt es nur in der Innenstadt, da, wo du bist. Und im Übrigen lehne ich diese globalen Ketten ja ab, wie du weißt. Vor allem, wenn sie Kaffee verkaufen, für den Millionen lateinamerikanischer Bauern ausgebeutet werden.«

Die Starbucks-Bedienung holt jetzt meine Zimtschnecke aus der Vitrine. Mmmh, sieht die lecker aus.

»Starbucks hat doch auch Fair-Trade-Kaffee.«

Ich nicke der jungen Frau anerkennend zu, als ich ihr meinen Zehn-Dollar-Schein für einen Caramel Macchiato und eine Zimtschnecke in die Hand drücke. Sie sieht aus wie die Tennisspielerin Serena Williams.

»Jetzt komm mir nicht mit diesen Publicity-Kampagnen. Und in diesen kommerziell gefertigten Zimtschnecken …«

Mmmh, der erste Biss ist immer der beste!

»… ist jede Menge Zucker, Fett und – nicht zuletzt – Weißmehl – alles nicht gesund und in Massenproduktion hergestellt.«

Aber sooo lecker.

»Tobi, ich muss gleich in eine ziemlich wichtige Sitzung.«

»Gut, gut, auf jeden Fall habe ich Mareike Pfannkuchen versprochen. Und ich muss sie gleich von diesem Ferienmalkurs abholen. Bis dahin muss ich zumindest noch die Pfannkuchen vorbereiten und Max umziehen. Der ist nämlich mit seinem Rasenmäher im Blumenbeet stecken geblieben. Also, du siehst die Lage ist ernst. Mal ganz davon abgesehen, dass ich eigentlich ein paar Beiträge in den Afrika-Blättern lesen wollte. Ich will ja zumindest ein bisschen auf dem Laufenden bleiben.«

»Ja, natürlich.«

Einatmen … ausatmen!

Ich sollte vielleicht mal einen Meditationskurs machen. Die Entspannungstechniken aus der Geburtsvorbereitung haben mir nämlich noch nie etwas gebracht – am allerwenigsten, um das kleine Wehwehchen der Wehen »wegzuatmen« im Übrigen. Auch jetzt versagen sie wieder.

»Und mein Artikel für die Fachzeitschrift ist auch noch nicht sehr weit fortgeschritten. Dabei muss ich den schon in zwei Wochen einreichen.«

»Klar«, sage ich. Serena plaudert mit ihrer Kollegin an der Kaffeemaschine. Sie rückt meine drei Dollar Wechselgeld einfach nicht heraus.

»Und überhaupt haben unsere Nachbarn sowieso kein Mehl, die kaufen nur Fertiggerichte – umweltfeindlich verpackt. Und wenn sie doch aus Versehen noch irgendwo Mehl im Schrank haben sollten, dann handelt es sich dabei ganz sicher nicht um Vollkornmehl.«

»Tobias, es tut mir wirklich leid, dass ich das Mehl vergessen habe. Nächstes Mal denke ich daran. Bestimmt.«

»Hoffentlich. Wir hatten ja auch ganz klar abgesprochen, dass du bei OrganicFood einkaufst.«

»Ja, natürlich.«

Serena sieht nicht aus, als ob sie ihr Gespräch mit ihrer Kollegin schon bald beenden wollte. Ach, dann nehme ich mir doch noch schnell eines dieser niedlichen Schokoriegelchen, die hier direkt an der Kasse geradezu auf mich warten.

»Immerhin liegt der Laden ja auf deinem Weg, Kathi, und ist per Fahrrad ohnehin kaum zu erreichen. Aber wenn du das Einkaufen nicht schaffst, dann muss ich das wohl oder übel auch noch machen. Sag mal, bin ich hier eigentlich der Hausangestellte?

»Die Schokolade soll es auch sein?«, fragt Serena.

»Exactly.«

»Wie bitte?« Tobias ist empört. »Und warum redest du überhaupt plötzlich Englisch mit mir?«

»Weil … ach, nein, natürlich bist du nicht irgendein Hausangestellter. Und, ja, ich denke bestimmt das nächste Mal an das Mehl. Aber heute muss es wohl ohne gehen. Tschüss, dann, Tobias. Bis heute Abend, okay? Kuss!«

»Tschüss.«

»Kuss?«

Kein Kuss.

To do:

  • Einkaufen bei OrganicFood: Vollkornmehl, Trostfruchtschnitte für Tobias
  • Zum Meditationskurs anmelden

Guter Vorsatz:

  • Heute kein Abendbrot (wegen Zimtschnecke und Schokoriegel)

Wie gut, dass ich Patricia schon ins Assistentenbüro zurückgeschickt habe und sie nach dem peinlichen Auftritt auf dem Laufband zumindest dieses Gespräch mit Tobias nicht mithören musste. Sie sichtet das Internet nach neuen Fanseiten über unsere Stars. Das macht eigentlich eine Agentur für uns, aber ein bisschen Kontrolle kann ja nicht schaden.

Und ich sitze in meinem eigenen Büro. Chrom, Marmor und Edelhölzer um mich herum. Ich bin frisch geduscht, dank der Zimtschnecke schwappt eine angenehme Menge Zucker durch mein Blut. In wenigen Sekunden wird meine Sekretärin hereinkommen, um vor dem Meeting noch ein paar organisatorische Fragen für unsere Oscar-Kampagne zu besprechen und mir ein paar Dokumente zur Unterschrift vorzulegen.

Tja, und Tobias sitzt zu Hause. Zu Hause in Flowers Grove, dem idyllischen Vorort, in dem uns ChicagoMedia eine Firmenvilla spendiert hat.

Tobias ist, wie gesagt, in Elternzeit. Nein, nein, nicht mal so kurz zwischendurch für zwei Monate, um ein bisschen Elterngeld zu kassieren. Nein, richtig! Vollzeit, und für ganze zwei Jahre. Hat er versprochen. Man könnte ihn als einen echten Vorkämpfer für die Gleichberechtigung betrachten – er hat nämlich wirklich für meine Karriere zurückgesteckt.

Allerdings erschien er mir in letzter Zeit manchmal etwas sensibel, wenn es um seine Arbeit oder eben zurzeit »Nicht-Arbeit« ging. Aber, ach was, er wird die Papa-Phase genießen, und deshalb muss ich auch kein schlechtes Gewissen haben.

Obwohl …

Tobias hatte nämlich selbst gerade das Angebot, ein Forschungsfreisemester zu nehmen. Für ihn ein Traum. Und es klingt ja auch gut: ein freies Semester. Natürlich nicht von der Forschung frei, sondern für die Forschung frei. Das heißt, in einem Forschungsfreisemester müssen sich die werten Hochschullehrer ein halbes Jahr lang nicht mit den nervigen Studenten herumschlagen, sondern können sich ganz auf ihre Forschung konzentrieren – das, was die meisten von ihnen sowieso am allerliebsten tun.

Aber so richtig familienkompatibel war dieses Freisemesterangebot nicht. Tobias kümmert sich nämlich um Fragen wie: Was kam in Afrika in den Familienkochtopf, bevor die bösen multinationalen Konzerne wie McDonald’s und Co. mit ihren Burgern und Pommes alles durcheinandergebracht haben?

Das ist natürlich furchtbar spannend. Aber – und das war der Haken – wir hätten in den afrikanischen Dschungel umziehen müssen. Er hat behauptet, es gehe nicht in den Dschungel, sondern in eine moderne Großstadt mit allen Annehmlichkeiten wie in Europa und noch einer Prise exotischen Flairs dazu. Aber so richtig geglaubt habe ich es eigentlich nicht. Jedenfalls fand ich die Aussicht auf ein halbes Jahr zwischen Lehmhütten und Lagerfeuer mit zwei Knirpsen im Mogli-Kostüm wenig attraktiv.

Aber nun sind wir ja hier.

Am Ende war die Entscheidung viel einfacher als erwartet. Unsere Überlegungen, ob Afrika oder Amerika, hatten sich nämlich schon im Personalrat der Uni herumgesprochen. Eines Tages nahm die Gleichstellungsbeauftragte Tobias zur Seite. Wortwörtlich.

Zwischen Tobias’ Büro und Seminarraum 09.1-A sicherte sie Tobias zu, dass er sein Freisemester selbstverständlich auch nach der Elternzeit nehmen könne. Dann stehe ihm auch wieder Geld für die Feldforschung zur Verfügung. Dafür werde sie sorgen, denn schließlich sei es sehr positiv, dass auch unter den Hochschullehrern ein Vater mal die neue Elternzeit nutze.

Ehe Tobias seine Elternzeit beantragen konnte, hatte der Personalrat sie unter der engagierten Federführung der Gleichstellungsbeauftragten schon genehmigt und Tobias’ Erzrivalin die gerade flüssig gewordenen Mittel für ein Forschungsfreisemester angeboten. Tobias wurde noch einmal zugesichert, dass ihm auch nach seiner Elternzeit selbstverständlich alle Wege offen stünden.

»Papa go home« war für ihn die Ansage.

Mein Chef dagegen sah das Ganze etwas anders. Sein Angebot an mich, in Chicago die Hauptpresseabteilung von ChicagoMedia zu übernehmen, gelte jetzt. Wer wisse denn schon, was in einem halben Jahr sei? Die Dinge änderten sich schließlich schnell.

Allerdings! Vor einem halben Jahr hatte ChicagoMedia sogar noch einen anderen Namen, aber dann wollte Randolph ein bisschen Lokalpatriotismus zeigen – er hat den Riesenkonzern einfach umbenannt. So schnell kann es gehen. Da hat er recht.

Er meinte, dass ich als Pressechefin für Deutschland ja schon gezeigt hätte, was ich könne.

Na ja.

Deshalb sei ich absolut die Richtige für diesen Posten.

Tja, wenn er meint.

Und wenn ich noch zögere, gehe es doch sicher nur darum, dass der monetäre Anreiz nicht ganz meinen zu Recht hohen Ansprüchen entspreche. Übersetzt: Er dachte, ich wollte mehr Geld.

Das sei ja nun ü-ber-haupt kein Problem, sagte Randolph und legte seine Füße gekonnt zwischen unseren beiden Martinigläsern auf den Tisch. Die anderen Gäste in der Senator-Lounge am Hamburger Flughafen, obwohl sicher einiges gewöhnt, linsten von diesem Moment an mehr oder weniger diskret zu uns herüber. Auf den Tisch gelegt hatte Randolph nämlich sein Markenzeichen: seine Birkenstock, von denen er drei begehbare Schuhschränke voll besitzen dürfte und die er immer zu schwarzem Anzug, weißem Hemd, schwarzer Krawatte und seinen zum Pferdeschwanz gebundenen – natürlich weißen – Haaren trug. Gelegentlich wird Randolph mit Karl Lagerfeld verwechselt, vor allem, wenn er seine Sonnenbrille trägt.

An diesem folgenreichen Tag, als wir kurz vor Randolphs Rückflug in die Staaten über meine Zukunft sprachen, hatte er sich für ein Birkenstock-Modell in Glitzergold mit Strass an den Schnallen entschieden – also die Krankenpflegerlatschen in Chic. Und die lagen nun auf dem Tisch und glänzten im perfekt gedimmten Licht der Bar in meinem Rücken.

»Caity, what’s the problem?«, wollte Randolph wissen, und ich rutschte auf dem riesigen Ledersessel herum, als hätte ich mein Vorstellungsgespräch für das Schülerpraktikum in der elften Klasse.

»Well …« Was sollte ich sagen? Jeder Satz, der mir einfiel, fing entweder mit »mein Mann« oder »meine Kinder« an. Und beides gehört ja zu den Tabus für Frauen, die ein Minimum an Karriere anpeilen. Schlimm genug, wenn Mann und Kinder existieren, aber sie direkt beim Chef erwähnen, um Himmels willen! »Mein Mann möchte lieber in den afrikanischen Busch«, würde es sicher auch nicht besser machen. Oder »meine Kinder sollen keine fettleibigen, Cola trinkenden und Pommes essenden Monster werden« wäre wohl auch nicht sehr hilfreich.

»Also …«, sagte ich und wusste selbst nicht mehr, wohin ich eigentlich wirklich wollte. Amerika? Afrika? Oder vielleicht Arktis? Ja, gute Idee! Im Iglu verstecken. Für immer. Eine attraktive Aussicht.

Doch Randolph legte nach, für ihn war die Sache ganz einfach, vor allem die mit dem Iglu. »Caity, die ganze Organisation, den Kleinkram wie Haussuche und so weiter, darum kümmern wir uns«, sagte er in breitestem Amerikanisch.

»Okay.« Mehr fiel mir nicht ein.

»Reicht eine Acht-Zimmer-Villa mit drei Bädern und einem Pool?«

Durchaus.

»Okay.«

»Ein Mercedes als Dienstwagen?«

Passt schon.

»Okay.«

»Und für den Gatten vielleicht ein kleiner Jeep als Familienzweitwagen?«

O Gott, nein. Tobias ist Umweltschützer und deshalb militanter Radfahrer.

»Mein Mann …«

Ups.

Randolph nippte an seinem Martini. »Also gut, ein großer Jeep.«

»Aber, das Problem ist …«

»Was? Immer noch ein Problem? Wonderful!«

Wunderbar?

»Eine harte Verhandlungspartnerin, solche Manager braucht ChicagoMedia. Gut. Also das Gehaltspaket mit Aktienoptionen, Bonus, Zulagen und so weiter wird dir mein Büro in Kürze mailen. Aber ich kann dir jetzt schon sagen, dass es auch für gehobene Ansprüche durchaus attraktiv ist. Daran sollte es wirklich nicht scheitern.«

Aber …

Die Option »Aber« gab es bei Randolph zu diesem Zeitpunkt allerdings schon gar nicht mehr. Er stellte seinen Martini ab, ergriff meine Hand, schüttelte sie feierlich und sagte: »Liebe Caity, ich freue mich außerordentlich, dass wir uns einig sind und dass ich dich für diese überaus wichtige Aufgabe gewinnen konnte. Meine Assistentin wird bei der Pay Roll, dem Manager-Luxury-Relocation-Service und so weiter, du weißt schon, alles Notwendige veranlassen.«

Während der ganzen Zeit schüttelte er meine Hand weiter. Mir blieb der Mund offen stehen. Dann sah Randolph auf seine Uhr, stand auf und schnippte seinen Bodyguard herbei.

»Jetzt muss ich aber wirklich dringend zum Gate«, sagte er. »Ich bin so froh, dass ich mit der Gewissheit zurück in die Staaten fliegen kann, dass meine Mitarbeiterin aus good old Germany, der ich so vertraue, schon in Kürze nachkommt. Wonderful, Caity!«

Ich stand auch auf und schielte sehnsüchtig auf die Bar, die sich außerhalb meiner Reichweite befand. Nicht etwa, um nach dem Martini noch etwas Richtiges zu trinken. Jedenfalls noch nicht. Aber zu dem Zeitpunkt hätte ich den Tresen durchaus als Stütze brauchen können.

»Also, ich …«

Aber Randolph hauchte mir nur noch zart einen echten Jetset-Kuss auf die Wange und sagte, während er schon ging: »Bye, see you in Chicago.«

»Bye, see you«, stammelte ich.

2. Kapitel

»Bye, see you«, ruft Tobias und winkt mir zu.

Gerade biege ich in unsere Straße ein. Welch nette Begrüßung! Ich lasse die getönte Fensterscheibe meines Dienstschlittens lautlos heruntersurren. »Warum sagst du mir denn Auf Wiedersehen?«, rufe ich Tobias zu. »Ich komme doch gerade erst nach Hause!«

»Oh, hallo, Kathi«, sagt Tobias, als hätten wir uns seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. »Ich meinte nicht dich, ich meinte Abby.«

»Abby?« Ich lehne mich aus dem Fenster. Nichts zu sehen.

Aber Tobias winkt immer noch. »Bye now and thanks again!«

»No problem«, höre ich nicht weit entfernt eine mir unbekannte Stimme sagen.

Die Stimme kommt aus dem grünen Monster, das genau gegenüber unserer Einfahrt auf der anderen Straßenseite steht. Das Monster ist ein Jeep Renegade, eine Mischung aus Mars-Landefahrzeug und kugelrundem Spielzeugauto für Große – in Metallic. In dem Monster sitzt eine Frau, Anfang dreißig, die Perfektion in Person. Sie erinnert mich zwar an irgendjemanden aus dem Fernsehen, aber persönlich kenne ich sie bestimmt nicht.

»Oh! Hiiiii«, quietscht Mrs. Perfect in diesem Augenblick und lächelt mich breit an. Natürlich kommt eine Reihe absolut weißer, ebenmäßiger Zähne zum Vorschein. »Ich bin Abigail. Es ist ja soooo nett, Sie kennen zu lernen!«

Die Unbekannte springt aus ihrem Monster, steht eine Millisekunde später an meinem Autofenster und streckt ihre perfekt im Naturlook manikürten Fingernägel zu mir hinein. Sie verströmt einen dezenten Duft der Kategorie L’Occitane en Provence Miel et Citron und trägt ein Top aus Naturseide und eine weiße Leinenhose. Die mysteriöse Abby sieht aus wie ein Wellnessengel.

Spontan fühle ich mich ganz schrecklich in meinem schwarzen Anzug – vielleicht die richtige Uniform für business downtown, aber eindeutig die falsche für Flowers Grove. Außerdem ist mir jetzt viel zu warm. Das offene Fenster macht die harte Arbeit der Klimaanlage auf den letzten neun Meilen völlig zunichte.

»Hallo«, sage ich. »Mein Name ist Katharina.« Ich schüttele ihre Hand. Sie ist so seidig, dass sie eigentlich täglich eine Collagen-Q10-Regenerating-Creme-Maske genießen dürfte. »Sie sind also unsere Nachbarin?«

»Ja, ich wohne in Nummer 455, da drüben.«

Sie tritt einen Schritt zurück und deutet die Tulip Lane entlang in Richtung Summer Park. An ihren Füßen entdeckte ich jetzt blümchenbestickte Zehenstegsandalen mit anatomisch geformtem Korkfußbett. Meine Dienstpumps schmerzen gleich noch ein bisschen mehr.

»Wie nett. Ja, dann …« Was könnte ich denn jetzt mal sagen? Schönes Wetter heute? Nette Sandalen? Ich bin manchmal eine echte Null im Small Talk.

Aber das Problem löst sich sofort, denn Abby übernimmt wieder souverän die Unterhaltung. »Ich habe Toby gerade …«

Toby?

»… ein Rezept für Brownies nach makrobioveganischer Küche vorbeigebracht …«

Makrobio-was?

»Oh, ihr werdet sie mögen, nicht, Toby?« Abby wirft ihre langen, extraglänzenden, mahagoni-getönten Haare nach hinten und winkt Tobias noch einmal zu. »Es sind auch Walnüsse drin. Sehr gesund. Mit viel Omega 3! Sehr gut für die Fitness in jeder Hinsicht. Ja, ich gehe dann mal.« Abby schwebt zu ihrem grünen Monster, hüpft hinein und braust davon.

Tobias lehnt lässig an einem Verandapfeiler, lächelt zum Dahinschmelzen und sieht sowieso einfach umwerfend aus. Mein Tobias, mmmmmmh!

Hm? Was macht diese Abby hier? Etwas irritiert steuere ich mein Mercedes Coupé in die doppelt breite Einfahrt direkt neben unseren Familien-Jeep, eine M-Klasse, die erst vierzig Meilen gefahren ist. Tobias boykottiert wie erwartet das Auto – zu viel PS, sagt er, zu viel Spritverbrauch, zu viel Treibhausgase. Ein Auto eben, dazu noch ein ziemlich großes. Und Tobias benutzt es einfach nicht. Mit den Kindern macht er deshalb auch nur Fahrradausflüge, die in unserer Gegend immer einiges Aufsehen erregen.

Schließlich hat Tobias nicht nur Max im Kindersitz hinter sich, sondern auch noch Mareike im Schlepptau. Sie sitzt auf ihrem rosafarbenen Glitzerfahrrad, das über eine Tandemstange mit Tobias’ Fahrrad verbunden ist. Wenn dieser Schwertransport mit Überlänge durch Flowers Grove rollt, dann werden immer die einen oder anderen Autofenster heruntergelassen, um einen besseren Blick auf die neuen Nachbarn aus crazy old Germany zu erhaschen.

Und da noch Sommerferien sind, macht Tobias viele Radtouren, das heißt, er erregt auch viel Aufsehen. Schon nach gut vier Wochen dürfte uns hier also wirklich jeder kennen – zumindest vom Sehen. Deshalb wohl auch Abby.

»Wer war das denn?«, rufe ich Tobias zu, als ich meine Laptoptasche vom Beifahrersitz nehme und die daneben liegende leere M&M’s-Tüte schnell in meiner Jackentasche verschwinden lasse. Vor dem Essen keine Süßigkeiten – so steht es schließlich auf unserem Erziehungsplan.

»Abby. Hast du doch gehört. Unsere Nachbarin.«

»Aha.«

»Sie ist wirklich nett. Ganz unamerikanisch.«

»Unamerikanisch? Aber sie ist doch wohl Amerikanerin, oder?«

»Ja, natürlich. Aber sie hat die richtige Einstellung zum Leben. In ihrer Familie gibt es nichts anderes zu essen als Bio und Fair Trade. Stell dir das vor! Ganz meine Linie. Bemerkenswert, oder?«

»Hm. Und sie hat hier nur mal so vorbeigeschaut?« Ich bin auf der Veranda angekommen, lasse mich in unsere Hollywood-schaukel fallen und streife meine Pumps ab. Ah, das tut gut.

»Nein, also ja, ich meine …« Tobias inspiziert intensiv den weißen Lack am Verandapfeiler. »Da sind sicher Lösungsmittel drin«, murmelt er.

»Ja, meinst du? Dann müssen wir aufpassen, dass Max den Lack nicht abknabbert?!«

»Max? Nein, nein, warum sollte er? Aus dem Alter ist er doch längst raus. Aber gut ist das trotzdem nicht. Die Dämpfe sind ja auch nicht gerade gesund.«

»Meinst du?«

Ich sehe Tobias an, wie er weiter kritisch den Pfosten untersucht. Tobias ist groß und wahrscheinlich das, was meine Oma einen schlechten Futterverwerter genannt hat. Oder war es ein guter Futterverwerter? Ach, ich bringe das immer durcheinander. Ein schlechter Futterverwerter ist heutzutage jedenfalls gut. Genau, so ist es!

Bei den Höhlenmenschen dagegen war es ja vielleicht noch ganz praktisch, wenn aus jeder Kalorie so viel herausgeholt wurde, wie nur eben möglich war. Denn wer wusste damals schon, wann mit der nächsten Mammutkeule zu rechnen war? Aber heute? Die nächste Zimtschnecke kommt bestimmt und wird mit Sicherheit vertilgt. Jedenfalls von mir.

Leider funktioniert mein Körper im Höhlenmenschenmodus und nicht wie bei einem schlechten Futterverwerter. Dessen Veranlagung bewirkt nämlich, dass der Körper allein schon beim Essen mehr Kalorien verbrennt, als er aufnimmt. Dick wird man damit kaum, so wie Tobias. Er würde bestimmt noch in seinen Konfirmationsanzug passen, wenn der nicht in der Altkleidersammlung gelandet wäre. Und neben der richtigen Gen-Ausstattung hilft ihm beim Schlankbleiben natürlich auch seine überaus gesunde Lebensweise, kombiniert mit einer gewissen Portion Schusseligkeit – ja, er vergisst gelegentlich zu essen, vor allem, wenn er Geschichtsbücher studiert.

Tobias trägt heute seine älteste Jeans, die mit den abgewetzten Knien, dem Riss an der Pobacke und einer Fleckenkollektion in sämtlichen Farben, die naturbelassene Lebensmittel so zu bieten haben: Spinatgrün, Tomatenrot, Bananengelb, Heidelbeerblau und Joghurtweiß. Neu dazugekommen sind ein paar Flecken in Rosa und Lila. Auch auf seinem eigentlich weißen T-Shirt sind recht großflächige Farbinseln in diesen zarten Pastelltönen zu sehen, die ich spontan keinem Nahrungsmittel zuordnen kann. Dieselben Farbspritzer entdecke ich in seinen Haaren.

Sehr attraktiv. Also nicht die Farbe im Haar, aber wie Tobias da so dekorativ am Pfeiler lehnt …

»Also, Abby hat hier nur mal so vorbeigeschaut?«, erkundige ich mich möglichst beiläufig noch einmal.

»Genau, wir …«

»Papaaaaa! Kommah!«, brüllt Mareike in diesem Moment aus dem Haus.

»Hallo, Meiki, ich bin wieder da«, rufe ich.

»Mamaaaaa!«

Meiki springt die Holztreppe hinunter, immer mit beiden Füßen von einer Stufe auf die nächste. Rums, rums, rums. Gut, dass Holz-Clogs gerade out und Kunststoff-Crocs in sind – und dass Tobias es bisher versäumt hat, wegen unmenschlicher Produktionsbedingungen in China und giftiger Gummigase sein Veto gegen diese Schuhe einzulegen.

Mareike kommt auf die Veranda gestürmt, klettert auf meinen Schoß und legt mir ihre Arme um den Hals.

»Mama!«, ruft sie mit einer Begeisterung, als wäre ich vier Wochen weg gewesen.

Es ist doch unglaublich, nach einem Tag im Büro nach Hause zu kommen und die Kinder mit guter Laune, in bester Form und sauberer Kleidung anzutreffen. Einfach genial.

Obwohl, näher betrachtet sind Mareikes Sachen nicht ganz so sauber. Aber gute Laune hat sie auf jeden Fall, und in Form ist sie auch. Ja, Tobias hat hohe Ansprüche an sich als Vollzeit-Papa – und als Hausmann. Paradiesische Zustände: Bestimmt ist das Haus wieder perfekt aufgeräumt, und es steht ein tolles Essen auf dem Tisch. Mann, habe ich vielleicht Hunger.

Ich streiche über Mareikes Locken, die sie von Tobias geerbt hat und die heute auch ähnliche Farbtupfer in Pastell aufweisen wie Tobias’ Haare. Auf Mareikes Sonnenblond kommen sie fast noch besser zur Geltung als bei Tobias, der bis auf ein paar natürlich nur noch interessanter machende Silbersträhnchen eher dunkelhaarig ist.

Ich drücke Mareike an mich. »Hallo, Meiki! Wie geht es dir?«

»Gut! Ich habe gerade was gaaanz Tolles gemalt. Haben wir bei Pollock gelernt. Das ist wie Money.«

»Wie bitte?«

Ich liebe Mareikes Gesichtsausdruck, wenn sie ganz besonders ernst und schon richtig erwachsen sein will, aber dabei etwas übers Ziel hinausschießt. Auch jetzt hat sie wieder ihre Stupsnase in die Höhe gereckt und erklärt mir mit entschlossener Stimme, worum es geht.

»Na, wie Money. Ist doch klar!«

Erste Fortschritte im Englischen. Sehr schön.

»Du malst Geld?«

»Hä?« Jetzt blickt Mareike Tobias Hilfe suchend an.

»Du musst Mama das schon richtig erklären«, sagt er und setzt sich neben uns. »Sie war doch den ganzen Tag weg. Sie kann das doch nicht wissen.«

»Stimmt«, seufze ich. »Also, Schatz, was malst du gerade Schönes?«

»Ich male ein Bild mit ganz viel Rosa und Lila und auch ein bisschen Grün und Blau. Da sind so Blumen drauf, die auf einem Teich schwimmen. Gaaaanz schön.«

»Claude Monet«, raunt mir Tobias zu, während er den Arm um mich legt. Puh, gerettet.

»Ach, wie Monet? Die Seerosen.«

»Ja, Money, sag ich doch! Pollock sagt auch immer Money. Wir malen ganz viel von dem.«

»Das ist ja toll.«

»Ja, willst du mal sehen?«

Mareike springt auf und zieht mich von der Schaukel, ins Haus, die Treppe hinauf und direkt in das Zimmer in unserem reizenden kleinen Turm, das sie als ihr Atelier in Beschlag genommen hat. Fast wäre ich in ihrer Malwerkstatt über einen dreckigen Schaumstoffball gestolpert. Er liegt auf dem Boden, der großflächig mit Plastikfolie ausgelegt ist.

Moment mal. Tennisball? Plastikfolie?

»Was machst du denn hier Schönes?«, frage ich Mareike, die mich ungeduldig durch den Raum zerrt. An der einen Wand ist eine riesige Papierfläche angebracht, vermutlich die Rückseite einer Tapete, auf der große Farbtupfer zu erkennen sind. Aber von Seerosen keine Spur. Dafür stehen vor Mareikes Meisterwerk vier große Eimer, die fast bis oben hin voll mit Farbe sind – Rosa, Lila, Grün und Blau. Daneben steht ein Korb mit Schaumstoffbällen. Habe ich das Family-Tennis-Revival verpasst?

»Pass auf, ich zeig dir, wie das geht«, sagt Mareike. »Man muss sich so einen Ball nehmen, ihn in die Farbe tunken …« Der Ball verschwindet mit Mareikes Hand und dem halben Unterarm in dem lila Farbtopf.

»Meiki! Meinst du, dass das eine so gute Idee ist?«

»… und dann mit ganz viel Schwung …« Mareike holt mit dem triefenden Tennisball aus.

»Nicht, Meiki! Was machst du denn da?«

»Na, Kunst. Geh mal aus dem Weg.«

»Klar.« Allein schon aus Rücksicht auf meinen Armani-Anzug gehe ich in Deckung.

»… also, den Ball mit ganz viel Schwung auf das Papier schmeißen. Siehst du? So!«

Wumm, mit mindestens zwanzig Kilometern pro Stunde saust der Ball auf Mareikes Kunstwerk, prallt zurück, verfehlt mein Bein nur um Pinselhaaresbreite und rollt langsam an der gegenüberliegenden Wand aus. Erst jetzt sehe ich es: Die Wand schaut nicht viel anders aus als das Gemälde.

Wer hat dir denn das erlaubt?

»Prima, Schatz, wer hat dir denn das beigebracht?«

»Na, Pollock, bei meinem Malkurs.«

Pollock?

»Der Malkurs macht gaaanz viel Spaß.«

Kein Zweifel.

»Und Papa hat das zu Hause erlaubt?«

»Ja, wir müssen zu Hause üben, Mama! Das hat Pollock gesagt!«

»Pollock?«

»Ja, Pollock«, sagt Mareike jetzt mit leicht überheblichem Ton und schnappt sich den nächsten Tennisball.

»Und Papa findet das auch gut?«

»Ja, Papa hat gesagt, dass es toll aussieht. Und wir haben ja auch zusammen gearbeitet.«

»Papa hat auch Bälle geschmissen, also, ich meine, an dem schönen Bild gemalt?«

»Nein, och, Mama, du verstehst aber auch gar nichts, seit du andauernd im Büro bist. Papa hat natürlich seine Arbeit gemacht.« Wumm, ein neuer Tennisball, dieses Mal in Rosa, fliegt auf das Kunstwerk.

»Seine Arbeit? Du meinst aufräumen, Wäsche wegräumen, Abendessen zubereiten?«

»Nö, damit war er schon lange fertig. Der kann das viiiiel schneller als du.«

»Ach wirklich?!«

»Ja, das geht ruck, zuck, sagt Papa immer.«

Mareike wendet sich nun dem Eimer mit hellblauer Farbe zu. Wieder saust ein Schaumstoffball durchs Zimmer. Tobias höre ich im Erdgeschoss fröhlich pfeifen. Ich glaube, es ist das Lied von den Teletubbies.

»Als ich an meinem Bild gearbeitet habe, hat er in diesen Ordnern mit den vielen Zetteln und den langweiligen Geschichten rumgemalt. Mit Leuchtstiften. Die mag ich ja eigentlich toootal gern, aber was er damit gemalt hat … voll blöd! Das war nicht mal ein Muster. Und ein richtiges Bild auch nicht. Immer nur Striche. Aber Papa hat gesagt, dass das die Wörter sind, die wichtig sind. Machst du das bei deiner Arbeit auch?«

»Ja, manchmal schon.«

»Ach so. Malen alle Erwachsenen bei der Arbeit mit Leuchtstiften?«

»Nein, nicht alle, aber viele.«

»Dann will ich auch so eine Arbeit haben, bei der man mit Leuchtstiften malt. Ich werde so was wie du. Was bist du noch mal?«

»Pressesprecherin.« ...

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