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Papa, was machen wir heute?

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JUNGS WERDEN MÄNNER

Natürlich heißen meine drei Söhne nicht Justus, Peter und Bob. Denn einer von ihnen hat einen Paten, der Rechtsanwalt ist. Und um später denkbaren Klagen aus dem Weg zu gehen, wähle ich lieber schon an dieser Stelle die Namen der Drei Fragezeichen als durchaus passende Pseudonyme für meine Jungs. Schließlich weiß man ja nie, und sie werden schneller erwachsen, als man denkt.

Womit wir schon mitten im Thema sind: Aus Jungs werden Männer – schier unausweichlich, in atemberaubendem Tempo und natürlich anhand von Vorbildern. Der eigene Vater steht bei der Auswahl ganz oben auf der Liste. (Bis zum Eintritt in die Pubertät als nachahmungswürdiges Idol, danach vielleicht als abschreckendes Beispiel.) Denn wie Mannsein geht und was einen Mann überhaupt zum Mann macht, das, meine sehr verehrten männlichen Leser, gucken sich Jungs nämlich von ihren Vätern ab.

Als Ina Deter von »neuen Männern« sang, kam ich gerade ins zweite Schuljahr und Helmut Kohl wurde Bundeskanzler. Seither habe ich einige Energie darauf verwendet, meine eigene Männlichkeit irgendwo zwischen Fanschal und Stricksocken, Dosenbier und Ingwertee zu verorten. Mal Feminist, mal Patriarch, mal reflektiert und mal aus dem Bauch raus, war ich jedenfalls mit knapp dreißig Jahren zu dem Schluss gekommen, ich wüsste jetzt, wer ich eigentlich bin und wie ich mich definiere. Oh, welch Irrtum! Denn plötzlich wurde ich Vater eines Sohnes und alles stand infrage.

Denn das ist es, was mit uns Männern passiert, wenn wir Söhne haben: Sie stellen uns und unser So-Sein immer wieder auf den Prüfstand, sie fordern uns heraus und zwingen uns, jeden Tag neu zu erkunden, wie Mannsein gehen könnte. Nicht theoretisch, sondern ganz praktisch. Denn wir können einem Vierjährigen zwar schlecht von Gendertheorien erzählen (können wir natürlich schon, doch die Spätfolgen sind noch unerforscht), aber wir können gemeinsam mit ihm etwas erleben. Wir können uns erleben, als Jungs und Männer.

Und wenn hier von Erlebnis die Rede ist, geht es nicht, jedenfalls nicht nur, um absolute Abenteuerevents. Klar, ich würde Ihnen hier gern von meinem letzten Tandem-Gleitschirmflug mit meinem Siebenjährigen erzählen. Aber erstens wäre es gelogen und zweitens würde Sie diese Schilderung zu neunzig Prozent eh nicht zur Nachahmung einladen. Und außerdem fragen Sie sich selbst: Bei welchem Erlebnis brauchen Sie eher Nerven wie Drahtseile: Beim Paragliding? Oder bei einem gemeinsamen Friseurbesuch mit kleinen Jungs?

Genau. Und deshalb werden wir uns in diesem Buch neben diversen Anekdoten, Tipps und Ideen rund um Freizeit, Outdoor und Adventure auch immer wieder weit in den gefährlichen Dschungel namens Alltag vorwagen, wo es für Männer und ihre Söhne die wahren Abenteuer zu bestehen gilt. Ich lade Sie ein zu einer Reise durch Bundesligastadien, Jahrmärkte und Zeltlager, an die Ränder der Galaxis und natürlich ins Zentrum der digitalen Welt. Aber Obacht: Wie sagte schon Oliver Kahn? »Wir brauchen Eier!« Wenn Sie also, lieber Leser, Manns genug sind, sich der Herausforderung zu stellen, Ihre Söhne beim Männerwerden hilfreich zu unterstützen, dann folgen Sie mir unauffällig zum 1. Kapitel.

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Spielen, Matschen, Fragen stellen

Jungs im Kindergartenalter

Ihr Sohn ist jetzt im Kindergarten? Er ekelt sich plötzlich vor allem, was rosa ist, und findet, dass Mädchen stinken?

Na gut, er beginnt also zu entdecken, dass es Geschlechter gibt – und Rollenzuschreibungen. Sie können ihn in seinem Rosahass bestärken und ihn auf den Weg zum höheren Machotum führen, weil Sie meinen, dass man(n) mit diesem »Genderwahn« endlich Schluss machen muss. Oder Sie können ihm behutsam zeigen, dass Rosa ganz toll ist, ihm Puppen und Puppenkleidchen kaufen und ihm helfen, auch seine weibliche Seite zu finden.

Oooder aber Sie vermitteln ihm, dass er ein Individuum mit ganz eigenen Interessen, Stärken und Vorlieben ist. Sie beobachten und begleiten ihn in seiner Entwicklung und versuchen, sich in ihn einzufühlen. Sie bestärken ihn dort, wo er stark ist, und unterstützen ihn dort, wo er Hilfe braucht. Sie vermitteln ihm das Selbstvertrauen, dass er drauf pfeifen kann, was andere Leute für typisch Jungs oder typisch Mädchen halten. Weil er nämlich selbst bestimmt, was für ihn cool ist und was es für ihn ausmacht, ein Junge zu sein.

Davon mal ganz abgesehen, Jungs in rosa Klamotten sind ja wirklich extrem uncool, oder etwa nicht? Mädchen aber auch ... finde ich.

JUNGS WERDEN WISSENSCHAFTLER

»Na«, frage ich Bob, meinen Vierjährigen, »was habt ihr heute im Kindergarten gemacht?«

»Nichts«, antwortet er standardmäßig.

Diesen Dialog wiederholen wir jeden Nachmittag. Manchmal male ich mir aus, wie siebzig Kinder zwischen eins und sechs Jahren stumm im Kreis auf dem Bauteppich sitzen, in ernstes Schweigen versunken. Wie sie sich von allen überflüssigen Gedanken freimachen und mit buddhistischer Gleichmut von acht bis sechzehn Uhr darauf warten, wieder abgeholt zu werden. Meistens aber ergeben sich im Verlauf des Nachmittags doch noch Gespräche, die zumindest gewisse Schlussfolgerungen zulassen, was wohl Thema gewesen sein mag.

»Papa, ich mach nicht Busfahrer«, lässt mein Sohn ansatzlos verlauten, während ich Äpfel für den Nachmittagssnack schäle. »Ich mach Polizei oder Feuerwehr.«

»Habt ihr also über Berufe gesprochen?«, schließe ich messerscharf.

»Der Papa vom Leon macht Post«, nickt Bob. Mit Antworten auf rhetorische Fragen hält er sich nämlich nicht auf, sondern geht direkt in die Vollen: »Papa, was willst DU eigentlich mal werden?«

»Nun, weißt du, eigentlich habe ich schon einen Beruf.«

Pures Erstaunen.

»Echt?«

»Ja, wusstest du das nicht?«

»Aber du gehst doch nie zur Arbeit.«

»Oh, doch«, beharre ich. »Ich gehe in mein Arbeitszimmer. Jeden Morgen, wenn du im Kindergarten bist. Und da schreibe ich meine Bücher. Das weißt du doch.«

»Ja, aber ich meine ja nicht das Bücherschreiben. Ich meine einen richtigen Beruf. So Bauarbeiter. Oder Lokführer. Oder Müllabfuhr.«

»Später vielleicht. Und du wirst also Polizist. Oder Feuerwehrmann.«

Gegenfrage: »Kann man als Polizei oder Feuerwehr eigentlich Exremente machen?«

»Glaube ich nicht. Experimente machen wohl eher Wissenschaftler.«

»Dann will ich lieber Wissenschafter werden«, meint er. »Können wir jetzt gleich ein Exrement machen?«

Hm. Na gut. Machen wir also ein Experiment (die klangliche Nähe zu »Exkrement« kommt nicht von ungefähr). Für Bob heißt das, möglichst viele verschiedene Substanzen in einem Gefäß zusammenzurühren, mit einem Deckel zu verschließen, kräftig zu schütteln und dann in einem unkontrollierbaren Strahl über sämtliche Badezimmerfliesen zu verteilen.

Sohn matscht, Vater mailt

Wie wichtig es ist, dass Kinder explorieren, das heißt ihre Umgebung selbstständig erkunden und dabei mit unterschiedlichen Materialien umgehen und ihre Fantasie ausleben, steht ja in jedem Ratgeber. (Hier deshalb nicht.) Gegen »Experimente« kann also nichts einzuwenden sein, dachte ich unbedarft, bevor ich einschlägige Erfahrungen mit dem Thema gemacht hatte. Zudem fand ich es beim ersten Mal ganz praktisch: Gab dem Kind etwas Wasser, einen Malkasten zum Färben des Wassers und ein paar abgelaufene Backzutaten aus der hintersten Ecke des Küchenschranks und sah es für die nächste halbe Stunde nicht mehr. Bob hantierte mit seinen Chemikalien in der Badewanne. Zwischendurch hörte ich ihn in der Küche klappern. Ja, gleich würde ich mal schauen, was er treibt, doch solange er sich prima allein beschäftigte, wollte ich nur ganz kurz mal eben meine Mails checken. Okay … Mails checken und zwei neue schreiben. Ja, ist ja gut, ich gebe zu, es waren sieben. Okay, okay, ich hab auch noch rasch die Fahrtkostenabrechnung meiner letzten Lesereise gemacht. Und auf Facebook rumgehangen und nur ganz schnell noch eben …

»Papa, komm mal gucken«, krähte der Sohn aus dem Bad, auf dass ich sein Exrement bewundern möge.

Diesmal bin ich mit von der Partie!

Das Ergebnis war ein Meilenstein an Erkenntnisgewinn: Bob hatte die Versuchsanordnung um Ketchup und Senf, verschiedene Teesorten, Zahncreme, Haargel und manch anderes ergänzt, das er in Badezimmerschränkchen und -schubladen gefunden hatte.

Meine persönliche Bilanz am Ende des Nachmittags waren der Verlust eines Dekanters (er ähnelt optisch dem Erlenmeyerkolben, aber wir bekamen ihn nie wieder sauber …) und meines Aftershaves. Dafür hatte der so entstandene Mix immerhin nicht nur eine herrlich spinatdurchfallgrünbraune Färbung, sondern auch einen feinherben Duft von Cool Water und extrateurem Fairtrade-Espressopulver. Mit einem Hauch von Curry. Ferner stand noch eine fertige Fahrtkostenabrechnung auf meiner Habenseite.

Trotzdem beschließe ich diesmal, als mein Sohn mich wieder zur Materialausgabe für ein neues »Exrement« bittet, höchstselbst im Labor anwesend zu sein. Denn es geht ja nicht nur darum, auf einen maßvolleren Umgang mit Vor- und Hausrat zu achten. Sondern vor allem darum, einfach ein bisschen Qualitytime mit dem Sohn zu verbringen, anstatt für mich selbst noch eine weitere halbe Stunde am Schreibtisch herauszuschinden. »In die Beziehung zu investieren«, wie meine Liebste es ausdrücken würde.

Also ab ins Bad, wo wir erst mal schauen, wie Backpulver auf Orangensaft und Sprudelwasser reagiert. Oder Hefe auf warmes Wasser. Mit Speisestärke und Sprudelwasser formen wir einen schönen dicken Klumpen, der in der offenen Hand aufploppt, bevor er sich den Naturgesetzen beugt und als zäher Schleim zwischen den Fingern zerläuft. »Zauberglibber«, freut sich Bob und geht sofort vom Prototypen zur Massenproduktion über. »Das ist soooo eklig.« Ich denke, er meint das als positive Rückmeldung zum Verlauf unserer Forschungen. Als Nächstes möchte er noch Zahncreme mit Sandkastensand mischen, aber ich bin der Meinung, das sei Quatsch und wir sollten lieber diese Sache mit Backpulver und Essig in einer Flasche und einem Luftballon darüber ausprobieren. Oder eine Teebeutelrakete zünden! (Bei Gelegenheit mal googeln!) Das Ergebnis wäre bestimmt viel spannender. Und wenn der Sohn jetzt beleidigt ist, dann soll er meinethalben den Laborkittel an den Nagel hängen und sich zum Fernseher trollen. Ich kann das hier nämlich auch alleine durchziehen. Schließlich haben wir eine Mission! Ein Projekt ist ein Projekt ist ein Projekt. Und bevor es nicht vorbei ist, ist es nicht vorbei.

Wir Väter kennen diesen Konflikt ja auch vom Eisenbahnaufbauen, Laternebasteln oder Fahrradschlauchflicken – wir wollen Ergebnisse sehen, sonst bliebe ein schales Gefühl des Unvollendeten, ja sogar des Scheiterns zurück.