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Pandämonium - Die letzte Gefahr

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. FIEBER
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  1. QUARANTÄNE
  2. 19
  3. 20
  4. 21
  5. 22
  6. 23
  7. 24
  8. 25
  9. 26
  10. 27
  11. 28
  12. 29
  13. 30
  14. 31
  15. 32
  16. 33
  17. 34
  18. 35
  19. 36
  20. 37
  21. 38
  22. 39
  23. 40
  24. 41
  25. 42
  26. 43
  1. SEUCHE
  2. 44
  3. 45
  4. 46
  5. 47
  6. 48
  7. 49
  8. 50
  9. 51
  10. 52
  11. 53
  12. 54
  13. 55
  14. 56
  15. 57
  16. 58
  17. 59
  18. 60
  19. 61
  20. 62
  21. 63
  22. 64
  23. 65
  24. 66
  25. 67
  26. 68
  27. 69
  28. 70
  29. 71
  30. 72
  31. 73
  1. TODBRINGER
  2. 74
  3. 75
  1. UTOPIE
  2. 76
  3. 77
  4. 78
  1. Danksagung

Über den Autor

Alexander Odin, geboren 1970, studierte Kommunikationswissenschaften in München und lebt in Berlin. Er arbeitet als Creative Producer und Dramaturg für nationale und internationale TV-Projekte. Als Autor hat er Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht und schreibt Drehbücher für Film und Fernsehen. PANDÄMONIUM – DIE LETZTE GEFAHR ist sein erster Spannungsroman außerhalb des Jugendbuchbereichs.

 

Heute nennen sie sie Engel oder Dämonen.
Morgen werden sie sie anders nennen.

Aleister Crowley

Indeß verkünden auf Befehl des Satans
Beschwingte Heroldsboten mit Trompeten
Und hohem Pomp dem Heere feierlich:
Daß sich der höchste Rath versammeln möge
In Pandämonium, als dem hohen Sitz
Des Satans und der Seinen

John Milton, Das verlorene Paradies, Erster Gesang

Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind,
entsteht aus unseren Gedanken.
Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.

Buddha

1

AUSTRALIEN, LITTLE WICKER MILL,
17. NOVEMBER

Gestern warst du noch ein Vater von zwei hübschen Töchtern und bist jeden Sonntag mit deiner Familie in die Kirche gegangen. Deine Frau Amber hast du in den zwanzig Jahren eurer Ehe nur ein paar Mal betrogen; in deinem Truck, mit irgendwelchen Nutten, nachts irgendwo auf einsamen Parkplätzen hinter grauen Shopping-Malls. Du hast immer deine Steuern bezahlt und den Rasen vor deinem Haus nie höher als exakt zwei Zentimeter wachsen lassen. Du hast das gleiche Leben wie deine Nachbarn geführt, in dem Häuschen mit der weißen Veranda und dem gepflegten Vorgarten. Dein Leben war eine Bootsfahrt auf einem ruhigen Fluss, bei der du ab und zu in ein paar Stromschnellen geraten bist. Große Träume hattest du nie. Dennoch warst du stets zufrieden mit deinem Leben. Du warst ein Vorbild für deine Kinder, hast ihnen sogar gepredigt: Wenn einer dir auf die linke Wange schlägt, dann halte ihm auch die rechte hin. Und nach diesem Gebot hast du selbst gelebt – selbst dann noch, als sie dir bei Greenmart, dem Supermarkt in der nächstgrößeren Stadt, bei dem du als stellvertretender Filialleiter gearbeitet hast, bei einem Raubüberfall das Nasenbein zertrümmert und dir ein Messer in den Bauch gerammt haben. So ist dein Leben vor dem Sandsturm gewesen.

Diesen Gedanken hing John Rudin nach, während er seine Arbeit verrichtete. Abermals holte er mit der Machete aus und trennte nun Ruth Wilkes Kopf endgültig vom Rumpf. Er hatte ein paar Mal ansetzen und mit voller Wucht zuschlagen müssen, weil der Hals fett und die alte Machete seines Großvaters schon recht stumpf war. John hatte nie die Notwendigkeit gesehen, die Klinge zu schärfen. All die Jahre hatte das hässliche Ding einfach so an der Wand über dem Kamin gehangen. Seine Frau hatte mehrmals versucht, ihn zu überreden, das Erinnerungsstück an seinen Großvater abzuhängen, vor allem wegen der Kinder. Aber er hatte sich nie dazu durchringen können, weil er einfach zu sentimental war. Dass die Machete einmal diesen Zweck erfüllte, wäre ihm früher nie in den Sinn gekommen.

Als er Ruth Wilkes Kopf im Staub so daliegen sah und in ihre weit aufgerissenen Augen blickte – Augen, die ihn anstarrten und zu fragen schienen: Warum hast du das getan? –, tat sie ihm für einen Moment leid.

Letzte Woche hatte er bei ihr auf dem Weg nach Hause noch getankt und eine Dose Altoids Strong Mints gekauft, um seinen schlechten Atem zu überdecken. Sie gab wie immer dieses merkwürdige Schnalzen von sich, als sie lächelnd ihren Mund öffnete und ihn mit ihren schief sitzenden dritten Zähnen fragte: Wie geht’s denn so, John? Er gab eine nichtssagende Antwort und nahm das Wechselgeld an sich. Bevor er hinaustrat, hörte er noch ihren Mann Richard rufen: Wer war das, Ruth? Das fragte er immer, wenn er hinten im Lager mit irgendetwas beschäftigt war und nicht selber vorne am Tresen stehen konnte.

Ruth Wilke und ihr Mann hatten alle Einwohner von Little Wicker Mill gekannt: jede Frau, jeden Mann, jeden Hund und jedes Kind, alle mit Namen. Seit fünfzig Jahren war die einzige Tankstelle in dem Siebzig-Seelen-Kaff in ihrem Besitz gewesen.

John Rudin wischte das Blut von der Klinge ab und steckte die Machete in das Lederholster. Er packte Ruth Wilkes Kopf an den verschmutzten, langen grauen Haaren und warf ihn in das Erdloch, wo er auf die Leiche ihres Mannes klatschte. Dann schob er ihren schweren Körper hinterher und begann, Erde darüber zu schaufeln.

In den letzten Tagen hatte er das schon Dutzend Male getan. Erst vorgestern hatte er seine beiden Töchter Emily und Luisa getötet und sie dann hinter dem Haus in einem Erdloch direkt neben der Schaukel begraben.

Als er fertig war, steckte er ein kleines Holzkreuz auf das Grab. Er faltete die Hände und sprach ein kurzes Gebet. Dabei blickte er in die Ferne auf das öde Land, auf dem vereinzelt ausgedorrte Büsche standen. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel herab. Heute Morgen hatte das Thermometer über 40 Grad Celcius angezeigt, was für diese Jahreszeit außergewöhnlich hoch war. Laut dem meteorologischen Institut standen dem Kontinent gefährliche Jahrzehnte mit immer früher beginnenden Buschfeuern bevor – eine Folge des weltweiten Klimawandels.

John schob seinen Wallaby-Lederhut tiefer ins Gesicht, legte sich die Schaufel über die eine, den Rucksack über die andere Schulter und lief den kleinen Hügel hinunter zum Highway. Als er das Ortsschild passierte, hielt er kurz inne und las: Willkommen in Little Wicker Mill. Schafe: 22 500; Fliegen 2 000 000; Einwohner: 70!

Die erste und die letzte Zahl wirkten jetzt nur noch wie ein böser Scherz. Die Schafe waren alle tot. Und von den Bewohnern waren nur noch er und seine Frau am Leben. Dass Amber lebte, hoffte er zumindest. Sie war weggerannt, nachdem er Emily und Luisa getötet hatte.

John lief am Rande des Highways entlang in der Hoffnung, dass ihn irgendwann einmal ein Fahrzeug aufgabeln würde. Doch das würde sicherlich einige Zeit dauern. Er musste zu Fuß gehen, weil nach dem Sandsturm die gesamte Elektronik ausgefallen war. Kein Wagen war mehr angesprungen, und alle Telefone waren tot gewesen. Nur seine Uhr, eine alte Seiko mit Handaufzug, ging noch. Er schaute auf sie und dann zum endlosen Horizont.

Von dort hatte sich vor genau einer Woche um genau dieselbe Uhrzeit ein riesiger, dunkler Sandsturm mit großer Geschwindigkeit auf Little Wicker Mill zubewegt und das Sonnenlicht verdunkelt. John Rudin konnte den Ablauf noch immer minuziös nachempfinden:

Zuerst der Sturm, der wie ein Güterzug über sie hinwegrattert – so laut, als würde ein gewaltiger Steinschlag auf die Ansiedlung herabprasseln. Dann gehen alle Lichter aus, und Dunkelheit hüllt sie ein. Die Staubkörnchen stechen auf der Haut und in den Augen. Es gibt kein Entrinnen. Der Sand kriecht durch jede noch so kleine Öffnung und Ritze ins Haus. Es fühlt sich an, als seien sie nicht mehr auf der Erde, sondern in einem Sandsturm auf dem Mars. Der Spuk dauert ganze vier Stunden. Dann löst sich die rote Wolke langsam auf. Das Leben in Little Wicker Mill normalisiert sich recht schnell wieder, und die Menschen gehen zur Tagesordnung über. Doch in Wirklichkeit ist nichts mehr so, wie es einmal war. Die eigentliche Katastrophe beginnt kurz darauf.

Schleichend. Hinterhältig.

John rückte seine Sonnenbrille zurecht und blickte den Highway hinunter, der sich wie eine ewig lange Startbahn in der Ferne verlor. Einige Schritte vor ihm lag etwas Metallenes auf der Fahrbahn, das in der Sonne funkelte. Er hob es auf. Es war Ambers Kette mit dem silbernen Medaillon. Er öffnete es und sah auf dem kleinen Foto Emily, Luisa und dazwischen sich selbst in die Kamera grinsen. Wie kam die Kette mit dem Medaillon hierher?

Plötzlich hörte er hinter sich ein Scharren, das sich anhörte, als käme es von einem Stier in der Arena. Seine Nackenmuskulatur spannte sich an, und vorsichtig fasste er zum Holster, in dem die Machete steckte. Leise öffnete er den Verschluss. Dann drehte er sich langsam um. Die Luft auf dem Asphalt flimmerte, und die Gestalt, die vor ihm stand, konnte er zunächst nur als Schatten wahrnehmen. Doch dann erkannte er ihre Umrisse. Das war Amber!

»Mein Gott, du lebst«, rief er und wollte schon auf sie zustürzen, doch etwas hielt ihn zurück. Es war die Art, wie sie den Kopf hielt. Nach rechts geneigt, so wie abgeknicktes Gras nach einem Unwetter. Genau so, wie all die anderen, die er getötet hatte. So, wie seine beiden Töchter Emily und Luisa und auch wie Ruth Wilke und ihren Mann.

Heiser flüsterte er noch: »Schatz, verzeih mir … Ich werde dich immer lieben.«

Dann riss er die Machete aus dem Holster, holte aus und schlug ihr den Kopf ab.

2

BERLIN-MITTE, ALEXA EINKAUFSCENTER,
18. NOVEMBER

Am Abend vor dem Unglück hatte ihr Vater sie noch angerufen: aus seinem Büro in der Deutsch-Kolumbianischen Industrie- und Handelskammer in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Als Projektleiter DEinternational war er dort für die Beratung und Betreuung deutscher und kolumbianischer Unternehmen zuständig.

In Kolumbien war es zwei Uhr mittags, sechs Stunden früher als in Deutschland. Fünfzehn Minuten lang unterhielten sie sich. Das wusste sie genau, denn nachdem sie aufgelegt hatte, hörte sie den Tagesschausprecher der Zwanzig-Uhr-Nachrichten aus dem Wohnzimmer sagen: »Wir melden uns wieder mit den Tagesthemen um dreiundzwanzig Uhr fünfzehn.«

Ihre Mutter Simone saß auf dem Sofa und zeigte keinerlei Gefühlsregungen, als ihre Tochter aus dem Flur ins Wohnzimmer kam und einen »lieben Gruß von Papa« ausrichtete. Simone nickte nur mit dem Kopf und starrte weiter in die Glotze, in der gerade eine weitere Folge einer beliebten Krimi-Serie begann. Zum damaligen Zeitpunkt lebten ihre Eltern bereits ein Jahr getrennt, und die Scheidung war eingereicht.

An all das erinnerte sich Naomi lebhaft, während sie auf einer Bank im Alexa Einkaufscenter saß und wartete. Gedankenverloren holte sie ihr Smartphone hervor und tippte mit ihrem Finger auf den Touchscreen. Sie klickte eine Datei in einem Untermenü mit dem Namen Papa an, in dem sich diverse Bilder, Dokumente, E-Mails und aus dem Internet kopierte Zeitungsartikel befanden. Dann öffnete sie einen der Artikel:

AUCH ZWEI DEUTSCHE UNTER DEN OPFERN

Nach einem Anschlag auf ein Passagierflugzeug in Kolumbien, bei dem ein Selbstmordattentäter sich in die Luft gesprengt hat, sind am Donnerstagabend alle 71 Passagiere und sieben Besatzungsmitglieder ums Leben gekommen. Laut NTN 24 gab es keine Überlebenden. Die Boeing 737–700 der Fluggesellschaft Aviar befand sich demnach auf dem Landeanflug auf die nordkolumbianische Ferieninsel San Andrés, als der Attentäter kurz vor der Landung den Sprengsatz zündete und die Maschine in der Luft explodierte. Die Behörden gehen nach dem jetzigen Stand der Ermittlungen von einem Einzeltäter aus. Es gibt momentan weder einen Hinweis darauf, dass der Täter Kontakte zu einem der bekannten Terrornetzwerke unterhalten hat, noch Anhaltspunkte zum möglichen Tatmotiv. Inzwischen wurde die Passagierliste veröffentlicht. Unter den Opfern befinden sich auch zwei deutsche Staatsbürger. Das Auswärtige Amt bestätigte, dass es sich dabei um den für die Deutsch-Kolumbianische Industrie- und Handelskammer tätigen Projektleiter Olaf Sabelmann und seine Mitarbeiterin Manuela Rodriquez handelt.

Diesen und andere Artikel über das Attentat, bei dem ihr Vater ums Leben gekommen war, hatte sie in den zurückliegenden zwölf Monaten immer wieder gelesen, so als könnte sie noch etwas zwischen den Zeilen entdecken, was sie bisher übersehen hatte. Insgeheim suchte sie nach einem Anzeichen dafür, dass ihr Vater möglicherweise doch nicht ums Leben gekommen war.

Für den Psychologen, den die Fluggesellschaft kurz nach dem Unglück zu ihnen nach Hause geschickt hatte, war ein solches Verhalten nicht ungewöhnlich gewesen. Es sei völlig normal, hatte er erklärt, wenn man in der ersten Schock- und Krisenphase den plötzlichen Tod des eigenen Vaters nicht akzeptieren könne.

Aber auch heute noch, über ein Jahr danach, war Naomi sich sicher, dass ihr Vater lebte. Denn mehrere Tage nach dem Unglück hatte sich etwas Merkwürdiges ereignet, das so lebendig in ihrer Erinnerung war, als sei es erst gestern passiert:

Ihre Mutter Simone stand im Flur und telefonierte gerade mit der Lebensversicherung ihres Vaters, als plötzlich Naomis Handy klingelte und »Papa« auf dem Display aufleuchtete. Ihre Hände zitterten, als sie den Anruf entgegennahm. Am anderen Ende der Leitung waren ein Rauschen, laute Stimmen, Autohupen und andere Hintergrundgeräusche zu hören, ganz so, als würde sich der Anrufer auf einer belebten Straße befinden.

»Papa«, rief Naomi wieder und wieder, doch niemand antwortete. Sie vernahm ein Schnaufen und kurz darauf lautes Geschrei. Es brach abrupt ab, wie bei einem alten Tonbandgerät, das abgestellt wurde. Dann war es totenstill in der Leitung.

War das ihr Vater gewesen? Naomi verharrte eine Weile mit dem Handy in der Hand, unfähig, sich zu rühren. Sie war nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Schließlich rannte sie aus ihrem Zimmer – und blieb verdutzt stehen, als sie ihre Mutter erblickte. Simone hatte sich an die Wand gelehnt und stierte abwesend ins Leere. Ihr Arm hing schlaff an der Seite herab, und in ihrer Hand hielt sie noch immer den Telefonhörer, aus dem es laut tutete.

»Mama!« Naomi schrie fast. »Papa hat …« Sie hielt inne, als ihre Mutter zu sprechen begann.

»Olaf hat in der Lebensversicherung eine Manuela Rodriquez als Begünstigte eingesetzt«, flüsterte Simone mit teilnahmsloser Stimme.

»Das ist doch die Frau, mit der Papa in der Maschine saß!«

»Seine Geliebte«, antwortete Simone knapp und legte den Telefonhörer auf die Gabel. »Ihre Familie wird das ganze Geld bekommen … Dieses Schwein.«

Die Verbitterung in der Stimme ihrer Mutter brannte ihr in den Ohren. Wütend schrie Naomi: »Nenn Papa nicht so!«

Soweit sie zurückdenken konnte, hatten ihre Eltern nie eine glückliche Ehe geführt. Es hatte häufig Streit gegeben, unter dem sie immer gelitten hatte. Kurz vor der Trennung war der Konflikt eskaliert, als ihr Vater Simone offenbarte, dass er eine Stelle bei der Deutsch-Kolumbianischen Industrie- und Handelskammer in Bogotá angenommen hatte und nach Südamerika umziehen würde. Von einer Geliebten war damals nicht die Rede gewesen. Obwohl Naomi ihrer Mutter keine direkte Schuld an dem Scheitern der Ehe gab, warf sie ihr insgeheim doch vor, nicht genug um die Rettung ihrer Beziehung gekämpft zu haben. Daher empfand sie jedes Mal große Wut, wenn sich ihre Mutter abfällig über ihren Vater äußerte.

»Wir werden uns in einem anderen Stadtteil nach einer günstigeren Wohnung umschauen müssen«, sagte Simone tonlos.

Das Geld, das sie bisher regelmäßig aus Kolumbien erhalten hatte, reichte nur für die Miete der Altbauwohnung in Charlottenburg, in der sie und Naomi auch nach dem Auszug ihres Mannes noch wohnten. Simone hatte nach der Trennung verschiedene Mini-Jobs als Putzhilfe und Babysitterin angenommen, weil sie in ihrem alten Beruf als Bibliothekarin keine Anstellung mehr fand. Das Geld, das sie dabei verdiente, reichte kaum aus, sich und Naomi über Wasser zu halten.

»Du wirst denken, dass ich übergeschnappt bin, wenn ich dir erzähle, dass Papa gerade auf dem Handy angerufen hat. Er war nicht in der Maschine!«

Ihre Mutter lächelte nur müde. »Schatz, ich weiß, das war alles zu viel für dich in den letzten Tagen.«

Ohne darauf einzugehen, zog Naomi ihr Handy hervor und zeigte ihrer Mutter den letzten Eintrag auf der Anruferliste.

Simone stutzte kurz, dann meinte sie nur: »Wahrscheinlich wurde ihm sein Handy gestohlen. Du musst endlich akzeptieren, dass dein Vater tot ist.«

»Hier, deine Cola!«

Naomi zuckte kurz zusammen, als eine Stimme sie zurück in die Realität riss. Es war Rafael, der ihr eine Cola-Dose gekauft hatte und sie nun zaghaft anlächelte. Naomi erwiderte sein Lächeln und schaute sich im Alexa um. Sie war erstaunt über den Menschenandrang, der inzwischen in dem großen Shoppingcenter am Alexanderplatz herrschte. Offenbar war sie in den letzten Minuten so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nichts mehr um sich herum wahrgenommen hatte. Immer wieder schob sich ein Pulk Menschen durch den Eingang und strömte wie ein Ameisentrupp über die Rolltreppen hinauf und hinunter in die verschiedenen Etagen.

Naomi steckte ihr Smartphone ein und schaute auf ihre Casio Electro Luminescence, eine goldene Digitaluhr im Design der Achtzigerjahre. Die Leuchtziffern zeigten siebzehn Uhr elf an. Die Menschen kamen nach der Arbeit hierher, um einzukaufen, zu essen oder um einfach nur einen Schaufensterbummel zu machen. Für Jugendliche war das Alexa der ideale Treffpunkt. Dort konnten sie in der Nähe des Eingangs entspannt herumsitzen, die zahlreichen Jungen und Mädchen beobachten, die durch die großen Türen hereinkamen, und neue Bekanntschaften knüpfen.

»Lass uns was essen gehen, ja?«, schlug Rafael vor.

Naomi, die neben einem fremden Jungen mit Punkerschnitt und Piercings in Nase und Augenbrauen saß, nickte kurz. Dann stand sie auf und folgte Rafael zur Rolltreppe.

Die beiden kannten sich noch nicht lange. Naomi war mit ihm in derselben Klasse auf dem Gymnasium, das sie seit relativ kurzer Zeit besuchte, nachdem sie mit ihrer Mutter umgezogen war. Sie hatte den Jungen auf Anhieb gemocht, und ihr war nicht entgangen, dass auch er sich zu ihr hingezogen fühlte. Aber was fand Rafael an ihr attraktiv? Vielleicht ihr langes, dickes dunkelblondes Haar, um das andere Mädchen sie beneideten? Allerdings war sie schon oft kurz davor gewesen, es abzuschneiden, weil es widerborstig und nicht leicht zu pflegen war. Oder ihre stahlblauen Augen, von denen eine gewisse Sogwirkung ausging, wie manche behaupteten? Sie tat es allerdings ab, wenn jemand ihr deswegen Komplimente machte. Etwa ihre sanft geschwungenen Lippen?

Sie selbst hielt sich nicht für besonders hübsch oder gar begehrenswert. Außerdem machte sie sich nicht viel aus ihrem Äußeren. Klar, sie hatte eine schlanke Figur und würde problemlos in kurze Röcke und enge Kleider hineinpassen. Sie trug aber lieber Jeans und bequeme Sweatshirtjacken, so wie die dunkelgraue, die sie gerade anhatte. Ihr blasses Gesicht mit den vielen Sommersprossen hätten andere Mädchen durch viel Schminke zu kaschieren versucht, ihr war das jedoch egal. Schließlich gab es immer irgendwelche Jungs, die sie trotzdem anziehend fanden. Und es kam auch gelegentlich vor, dass sie sexuell angemacht wurde. In ihren Augen waren das alles Idioten. Rafael gehörte definitiv nicht zu dieser Kategorie, denn er bedrängte sie nie. Seine zaghaften Annäherungsversuche erwiderte sie sehr selten; zumeist verhielt sie sich eher teilnahmslos, da sie nicht genau wusste, was es war, was sie für ihn empfand.

Im Grunde war es ein allgemeiner Charakterzug von ihr: Sie wusste eigentlich nie, was sie empfand.

Albträume vom schrecklichen Tod ihres Vaters suchten sie in der Nacht immer wieder heim, und die Gedanken daran ließen sie auch am Tage nicht los. Daher hatte ihr Therapeut eine Posttraumatische Belastungsstörung – kurz PTBS genannt – bei ihr diagnostiziert. Sie spürte, dass eine merkwürdige Veränderung in ihr vorging. Es war ein langer, schleichender Prozess, in dem sie steckte. Im Verlauf dieser Verwandlung entstand in ihr das Gefühl, dass sie sich umso mehr von ihren Mitmenschen entfremdete und erkaltete, je stärker sie versuchte, ihre Emotionen zu unterdrücken, um dadurch ihren Erinnerungen zu entfliehen.

Wie konnte sie da mehr als Freundschaft für Rafael empfinden? Er war immerhin der Einzige in der Schule, mit dem sie sich überhaupt traf. Den Kontakt zu alten Freundinnen in Charlottenburg hatte sie abgebrochen. Anders als all die anderen, die ihr auf ungeschickte Weise zu helfen versuchten, bohrte er nicht immer wieder nach. Er ließ sie weder übermäßiges Mitleid spüren, noch gab er ihr das Gefühl, sie hätte einen an der Klatsche.

In der zweiten Etage befand sich der Food Court. Ein gastronomischer Betrieb reihte sich dort an den nächsten: Restaurants aller Art, Fast-Food-Ketten, asiatische und deutsche Imbissstationen, Kaffeebars. Sie alle waren um diese Uhrzeit gut besucht. An den Tischen saßen Familien, Paare und Gruppen, die sich unterhielten, aßen und tranken.

»Hast du Lust auf den China-Man dort?«, fragte Rafael, blieb kurz stehen und deutete zu einem etwas weiter entfernten Asia-Imbiss.

»Gute Idee«, antwortete Naomi.

Rafael berührte sanft ihren Ellenbogen, dann gingen sie weiter. Während sie neben ihm schritt, drehte Naomi ihren Kopf ein wenig zu ihm hinüber. Sie wollte nicht, dass er bemerkte, wie sie ihn musterte. Rafael war nicht der Junge, in den sich jedes Mädchen sofort unsterblich verliebte. Er war von seinem Wesen her eher zurückhaltend. Sie registrierte, dass seine Klamotten mit den schweren Boots und dem Karohemd zwar modern waren, aber nicht stylish. Ihr gefiel sein dichtes, lockiges braunes Haar, das wild aussah und ihm etwas Verwegenes verlieh, ebenso wie seine breite Nase, die für sein ovales Gesicht etwas zu markant war.

Sie waren nicht mehr weit von ihrem Ziel entfernt, da entdeckte Naomi auf der Rolltreppe einen Mann, der einen dunkelblauen Mantel und einen beigefarbenen Hut trug. Sie erstarrte und blieb abrupt stehen. Einen Augenblick später rannte sie los.

Sie hörte schon nicht mehr, wie Rafael ihr hinterherrief: »Wo läufst du denn hin?«, als sie zur Rolltreppe eilte. Dort angekommen, schubste sie einen jungen Mann beiseite, der ihr nachschrie: »Ey, spinnst du!« Rasch drängte sie sich zwischen Leuten hindurch, immer weiter die Rolltreppe hinunter.

Als sie eine Etage tiefer war, sah sie in einem der Gänge, wie der Mann mit dem Hut schnellen Schrittes eine Ladenzeile entlangging. Entschlossen hetzte sie hinter ihm her. Aber in einer Menschentraube verlor sie ihn aus den Augen. Schließlich blieb sie stehen und schaute sich um. Wo war er? Dann sah sie ihn durch die Scheiben eines Sportgeschäfts. Sie betrat den Laden und lief auf ihn zu. Er stand mit dem Rücken zu ihr an einem Kleiderständer mit Sportbekleidung und blickte gerade auf das Preisschild einer Jogging-Jacke.

»Papa!?«, fragte Naomi. Ihre Stimme zitterte.

Der Mann reagierte nicht. Naomi ging noch einen Schritt näher auf ihn zu. Er trug den verwaschenen, fast zerschlissenen Trenchcoat, den ihr Vater so sehr liebte und den ihre Mutter, als sie noch zusammen waren, am liebsten in der Altkleidersammlung entsorgt hätte. Den Hut mit der breiten Krempe hatte Naomi ihm vor ein paar Jahren zu seinem Geburtstag geschenkt.

»Papa!«, sagte sie jetzt mit Nachdruck.

Der Mann hob seinen Kopf und drehte sich langsam zu ihr um.

Für einen Moment sah sie das Gesicht ihres Vaters: das runde, etwas zu bleiche Gesicht ohne Kanten, das nicht zu altern schien; die stahlblauen Augen; die schmalen Lippen, die nicht so richtig zum Rest passen wollten und ihm eine gewisse Strenge und Verbissenheit verliehen, sobald er sie zusammenpresste – eine Angewohnheit, die er immer zeigte, wenn er über etwas nachdachte.

Du lebst und bist nicht tot!, hörte Naomi sich sagen. Aber ihr Mund blieb verschlossen; es war nur die Stimme in ihrem Kopf, die sie vernahm.

»Kennen wir uns?«, fragte der Mann, der vor ihr stand und sie erstaunt anblickte.

Naomi wurde plötzlich schwindelig. Sie wusste, was jetzt passieren würde. Sie kannte die akuten Symptome ihrer Krankheit nur allzu gut: Ihr Herz fing an zu rasen, und die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Dann begann sie, stark zu schwitzen. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn und liefen als kleine Rinnsale über Augen, Nase und Kinn das Gesicht hinunter. Sie bekam Atemnot; und ihr ganzer Körper begann zu zittern, so als wäre sie an einer Maschine angeschlossen, die ihr unentwegt Stromstöße verpasste.

Dann sackten Naomis Beine weg, und sie fiel auf den Boden.

Eine Frau rief panisch: »Ruft irgendeiner einen Notarzt!?«

Bevor ihr schwarz vor Augen wurde, sah Naomi noch, wie sich Rafael durch die Menge der Schaulustigen drängte, die im Kreis um sie herumstanden, und sich neben ihr hinkniete. Mit weit aufgerissenen Augen, in denen Angst zu lesen stand, fragte er etwas, das sie aber nicht mehr verstehen konnte.

3

BERLIN-MITTE, PLATTENBAUSIEDLUNG,
20. NOVEMBER

Dicke Regentropfen prasselten gegen die Scheibe. Naomi starrte zum Himmel, an dem dunkle Wolken sich zu einem grauen Teppich über Berlin zusammenschoben. Dann senkte sie den Blick wieder nach unten auf die Straße. Hier oben hatte man das Gefühl, weit über der tristen Alltagswelt zu schweben – so als säße man in einer Art Raumstation und blickte hinunter auf die Stadt: Die Menschen dort unten waren so groß wie Ameisen, ihre aufgespannten Schirme wirkten wie Farbkleckse, und die Autos hatten Spielzeuggröße.

Zweiundzwanzigster Stock an Erde: Könnt ihr mich hören?

In den letzten Jahren gab es Plattenbausiedlungen, die man luxussaniert hatte für eine Klientel, die es hip fand, in einer ehemaligen Ost-Großwohnsiedlung zu leben. Naomi und ihre Mutter wohnten allerdings in einer »normalen Platte« für die unteren Schichten. Das Gebäude war zwar grundsaniert worden, machte aber insgesamt einen trostlosen Eindruck. Nur die günstige Miete und die Nähe zu Simones Arbeitsstellen hatten die beiden Frauen dazu veranlasst, hier hinzuziehen.

Seit zwei Tagen war Naomi jetzt schon zu Hause und hatte nicht ein einziges Mal den Fuß nach draußen gesetzt. Nach ihrem Zusammenbruch im Alexa war sie von einem Notarztwagen ins Krankenhaus gebracht worden. Dort hatte man ihren Zustand wieder stabilisiert und sie dann heimgeschickt.

Sie war nun mitten drin in einem Martyrium, von dem sie nicht wusste, wie lange es noch dauern würde. Ihre Mutter hatte sie den Rest der Woche vorsichtshalber vom Unterricht befreien lassen und würde sie erst wieder zur Schule schicken, wenn sie sich psychisch und körperlich wieder besser fühlte. Es war schon häufiger vorgekommen, dass Naomi in der Schule unerwartet von einer Angstattacke überfallen wurde und deswegen ungewollt im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Als Folge davon hatte sie eine soziale Phobie entwickelt. Es kostete sie inzwischen große Überwindung, den Unterricht zu besuchen, weil es ihr zunehmend schwerer fiel, diesen inneren Widerstand vor dem Zusammensein mit anderen Menschen zu überwinden.

Naomi besaß ein Fernrohr. Es stand vor dem Fenster auf einem Stativ, das sie jetzt zu sich herdrehte, um durch das Glas zu schauen. Sie hatte sich angewöhnt, Nachbarn damit zu beobachten, wenn sie allein zu Hause war.

Sie schwenkte von der Kirchenuhr, die kurz vor drei anzeigte, zum Eingang der U-Bahn, der auf der anderen Seite der breiten, vierspurigen Straße lag. Ein paar Menschen liefen hinunter oder kamen aus dem Ausgang heraus. So wie jeden Tag, fast immer zur gleichen Zeit, würde in ein paar Minuten dort auch Johanna Wedkind mit der Rolltreppe nach oben kommen.

Vor Naomis innerem Auge lief das weitere Geschehen ab, das immer exakt zwölf Minuten dauerte:

Auf dem Gehweg legt Johanna Wedkind eine kurze Verschnaufpause ein, bevor sie mit ihrem Einkaufsroller weiter zu der wenige Meter entfernten Ampel geht, die zu dem Zeitpunkt immer auf Rot steht. Sie wartet, bis die Ampel auf Grün schaltet, und überquert die Straße. Anschließend geht sie links an der Bushaltestelle vorbei, an der zu dieser Zeit der Linienbus hält. Dort steigen ein Junge und ein Mädchen aus, die von der Schule kommen. Die beiden grüßen kurz die alte Frau und laufen schnell an ihr vorbei. Dann geht sie über den betonierten Weg, der durch groß angelegte Grünflächen führt, zur Eingangstür und tritt ein. Sie nimmt den Fahrstuhl in den zweiundzwanzigsten Stock und schließt wenige Minuten später die Tür zu ihrer Wohnung direkt nebenan auf.

Naomi hatte schon des Öfteren beobachtet, dass Johanna Wedkinds Tagesablauf ab und an ein wenig aus den Fugen geriet. So kam es vor, dass sie sich eine halbe oder sogar eine ganze Stunde verspätete. Der Grund dafür war nicht Tatterigkeit aufgrund ihres hohen Alters – mit ihren dreiundachtzig Jahren war sie noch äußerst rüstig. Auch lag der Verspätung kein Schlendrian zugrunde, denn dafür war sie viel zu diszipliniert; und im Allgemeinen konnte man die Uhr nach ihr stellen. Nein, meist waren äußere Umstände an den kleinen und großen Unregelmäßigkeiten schuld: etwa eine Verkäuferin, die sich vertippte und eine langwierige Stornobuchung durchführte, oder eine liegen gebliebene U-Bahn. Und einmal war ihr die Handtasche gestohlen worden, und sie hatte eine halbe Ewigkeit in einer Polizeidienststelle wegen des Protokolls verbringen müssen. In den Tagen nach solchen Vorfällen beklagte sich die alte Frau oft bei Naomis Mutter.

Wie die meisten Menschen funktionierte Johanna Wedkind wie ein Uhrwerk. Das traf auch auf alle anderen Nachbarn zu, über die Naomi bis ins kleinste Detail Buch führte – gleichsam als Ersatz für die Gespräche mit anderen, die sie seit dem Verlust des Vaters nicht mehr führen mochte.

Spannend wurde es immer dann, wenn das Leben die Richtung wechselte und die Routine durch etwas Einschneidendes unterbrochen wurde. Dann hörten die Menschen – wenn auch meist nur für kurze Zeit – auf, stoisch in ihrem Hamsterrad weiterzulaufen. Doch in jüngster Zeit war immer wieder so etwas zu beobachten gewesen, und Naomi notierte solche Veränderungen akribisch und unterstrich sie immer fett mit einem roten Marker.

Sie musste an ihren arbeitslosen Nachbarn Paul Cancic denken, der einen Stock unter ihr wohnte und sich vor Kurzem in die neue Briefträgerin verliebt hatte. Statt wie früher den ganzen Tag dumm vor der Glotze abzuhängen und sich ein Bier nach dem anderen reinzukippen, trank er vormittags offensichtlich längst nicht mehr so viel wie sonst, um der jungen Frau in einer halbwegs passablen Verfassung begegnen zu können: Wenn sie gegen Mittag das Gebäude betrat, tauchte er zumeist »zufälligerweise« an seinem Briefkasten auf und sprach ein paar Worte mit ihr.

Naomi blätterte in ihrem Buch und begann, einige ihrer Vermerke aus der vergangenen Woche noch einmal zu lesen.

Notiz: 12 Uhr. Heute sind es nur drei leere Flaschen, die er in die Kiste auf dem Balkon zurückstellt.

Er hatte obendrein den Kauf von alkoholischem Nachschub auf den Nachmittag verlegt, wenn die Briefträgerin längst weg war.

Notiz: 16 Uhr. Er stellt zwei volle Kisten zum Kühlen auf den Balkon.

Außerdem zerriss er die Briefe von der Arbeitsagentur nicht mehr sofort, ohne sie gelesen zu haben, sondern studierte sie. Er bewarb sich sogar – zumindest für eine Weile – auf vorgeschlagene Stellenangebote.

Notiz: Jeden Tag finden sich jetzt geöffnete, leere Briefkuverts (Absender: Agentur für Arbeit) und zusammengeknüllte Bewerbungsanschreiben (fehlerhaft) in der Mülltonne.

Auf diese Weise vermied er wiederholte Aufforderungen von der Arbeitsagentur. Die Post vom Arbeitsamt verringerte sich somit beachtlich, was – so glaubte er wohl – ihn in den Augen seiner Angebeteten besser dastehen ließ.

Notiz: Montag, 12.50: Habe ihn und die Postbotin belauscht. Postbotin: »Da scheint sich ja was zu tun mit Ihrer Stellenbewerbung. Ich habe heute keinen Brief von der Agentur für Sie.«

Cancic war nicht der Einzige, in dessen Leben sich etwas veränderte. Naomis Buch war voll von roten Unterstreichungen. Bei allen, die in ihrem Lederbüchlein mit den abgewetzten Ecken Erwähnung fanden, gab es Brüche. Allerdings nicht immer zum Positiven. Sigmund Witter, der im selben Stock wie sie wohnte und jetzt im Ruhestand war, bekam wohl vor einigen Monaten eine Krebsdiagnose …

Notiz: Er war heute auf der Krebsstation im Virchow-Klinikum, wo Mama putzt … Weiß nicht, was für einen Krebs er hat … aber er sieht schlecht aus.

… und Jimmy K. aus dem dreiundzwanzigsten Stock ein Jahr auf Bewährung wegen Drogengeschäfte.

Notiz: … habe gesehen, wie er den Beutel mit dem Koks vom Balkon hinuntergeworfen hat, bevor die Polizei seine Wohnung stürmte.

Naomi drehte das Objektiv des Fernrohrs zur Seite.

Frau Wedkind war noch immer nicht aufgetaucht, und wenn ihr Gefühl sie nicht täuschte, würde die alte Frau auch in den nächsten Stunden nicht aufkreuzen. Gestern war es genauso gewesen, und da hatte sie noch geglaubt, dass irgendein »äußerer Umstand« für ihre »Verspätung« verantwortlich war. Vielleicht hatte sie eine Freundin besucht? Aber warum war sie dann mit ihrem Einkaufsroller unterwegs gewesen? Und hatte sie überhaupt eine Freundin? Naomi hatte bislang noch nie beobachtet, dass sie Besuch erhielt, von einer Ausnahme einmal abgesehen – da war ihr Sohn aus Süddeutschland angereist. Also musste der Grund für ihr Ausbleiben ein anderer sein. Aber welcher? Naomi entschied, sich darüber keine weiteren Gedanken mehr zu machen; sie würde es schon noch herausfinden.

Das Mädchen ging in die Küche zum Kühlschrank und holte drei Möhren und einen Kräuterdip heraus. Vor einem halben Jahr hatte sie sich noch über Chipstüten und Gummibärchen hergemacht, um die Zeit totzuschlagen. Jetzt war sie auf gesunde Naschereien umgestiegen, nachdem ihre Mutter angemerkt hatte, dass sich um ihre Hüfte ein »kleiner Fettgürtel gebildet« hatte und Möhren und anderes Gemüse sowieso gesünder waren. Aber was sollte sie – außer die Nachbarn zu beobachten, im Internet zu surfen oder ab und zu eine dieser dämlichen Soaps in der Flimmerkiste zu gucken – den ganzen Tag auch machen, wenn nicht irgendwelche Snacks zu essen?

Sie schaltete den Fernseher ein, in dem gerade ein Promi-Magazin lief, und schaute danach bis zum frühen Abend eine verlogene Real-Life-Doku nach der anderen. Um genau Viertel nach sechs fiel ihr Blick auf die Wanduhr, die so laut tickte, als liefe ein Countdown ab. Sie erhob sich vom Sofa, ging zu ihrem Schreibtisch und notierte unter Johanna Wedkind:

Notiz: 18.15: Schon wieder nicht aufgetaucht. Was ist los? Mache mir Sorgen.

Dann schlug sie das Buch wieder zu.

Bei den anderen Nachbarn war die letzten Tage alles wie gewohnt abgelaufen. Heute gab es nichts mehr für sie zu tun; und so verbrachte sie den restlichen Abend weiterhin auf dem Sofa und nickte schließlich vor dem Fernseher ein. Sie schlief, bis sie gegen Mitternacht von ihrer Mutter, die von der Arbeit nach Hause kam, geweckt wurde. Als Naomi kurz darauf ins Bett ging, drückte sie vor dem Einschlafen ihr Ohr noch einmal an die Wand, um zu lauschen, ob irgendein Geräusch aus der Nachbarwohnung zu hören war. Doch es war totenstill.

Frau Wedkind war anscheinend immer noch nicht zurückgekehrt.

4

BERLIN-MITTE, PLATTENBAUSIEDLUNG,
21. NOVEMBER

Seit zwei Wochen hockte Dr. Dolittle nun schon im Dunklen unter einem Tuch in dem großen Käfig – ohne Wasser, ohne Futter.

Drei Tage nachdem er und die anderen exotischen Vögel nicht mehr gefüttert worden waren, hatten sie erste Panikreaktionen gezeigt. Wild flatternd waren sie umhergeflogen, um ihre Besitzerin auf sich aufmerksam zu machen. Fütter uns! Fütter uns!

Schließlich waren sie übereinander hergefallen, hatten mit ihren Schnäbeln gegenseitig auf sich eingehackt, bis ihr schönes Gefieder übersät war von dunklem, getrocknetem Blut. Nach einer Woche waren die ersten vor Hunger und Durst von der Stange auf den mit Kot und Federn übersäten Boden gefallen und hatten noch ein letztes Mal gezuckt, bevor sie verendet waren.

Dr. Dolittle war der letzte Überlebende. Er hatte begonnen, seine toten Freunde anzupicken und aufzuessen. Der süße Dolittle, der von seiner Besitzerin nach der Hauptfigur ihres Lieblingskinderbuches benannt worden war, hatte sich zu einem Kannibalen entwickelt. Doch er würgte die Stücke seiner Artgenossen wieder aus: Weil er ein Körnerfresser war, konnte sein Magen das Fleisch nicht verdauen. Die Wunden an seiner Brust, die ihm bei den Kämpfen zugefügt worden waren, nässten und juckten, und so riss er sich die letzten Federn aus. Die Haut um den Kropf war angeschwollen, gerötet und schmerzte. Die Entzündung wurde immer schlimmer, weil sein Immunsystem langsam versagte, und gelblicher Schleim lief aus seinem Schnabel. Da er ständig den Kopf hin und her warf, flog der Auswurf gegen die Gitterstäbe und blieb dort kleben. Der einst wunderschöne Vogel war zu einem kranken, psychotischen Monster mutiert.

Nicht in den kühnsten Träumen seines Vogel-Kleinhirns hätte er damit gerechnet, dass in dieser Nacht das Tuch über dem Käfig auf einmal weggerissen, die Tür aufgeklappt und sich ihm ein Weg in die Freiheit eröffnen würde. Pfeilschnell nutzte er diese Gelegenheit.

Als er aus dem Käfig in eine Ecke des Zimmers flog, sah er zunächst durch das Fenster die nächtlichen Lichter der friedlich schlafenden Stadt. Dann fiel sein Blick auf die alte Frau: Im Schein der altmodischen Stehlampe riss sie einem seiner toten Käfiggenossen den Kopf ab und steckte ihn sich in den Mund.

5

BERLIN, S-BAHN,
21. NOVEMBER

Dem Jungen mit dem ausdruckslosen Gesicht, der Baseballmütze und dem viel zu großen Kopfhörer, aus dem laute, schnelle Rhythmen dröhnten, ging es schlecht. Seine Gefühle hingen in der Luft. Sigmund Witter, der ihm gegenüber in der S-Bahn saß, konnte sie sehen: eine schwarze Wolke, die aus dem Mund und der Nase des Jungen strömte und nach oben in den Raum schwebte, wo sie sich ausbreitete.

Er konnte sie riechen … ein süßlicher Fäulnisgeruch in der Nase.

Er konnte sie schmecken … irgendwie feucht und pelzig auf der Zunge, bitter wie Wermut.

Er konnte sie fühlen … ein Druck, so schwer, als säße ein Nachtalb auf seiner Brust.

Sigmund Witter saß mit offenem Mund regungslos auf seinem Sitz. Er wagte es nicht, sich auch nur einen Millimeter zu rühren, und betrachtete die vielen anderen Gefühlswolken, die über den Köpfen der Fahrgäste waberten: die grau-schwarze Wolke über der Frau in dem Businesskostüm, die gleichgültig dreinblickte; die grün-rote Wolke über der Punkerin, die vor sich hinsummte; die blaue über dem Gitarrenspieler, der singend durch den Gang lief, und auch die gelbe über dessen Freundin mit den roten Haaren, die Geld für die musikalische Darbietung einsammelte und den Fahrgästen einen ramponierten Pappbecher unter die Nase hielt.

Er konnte sich keinen Reim auf die Wolken mit den unterschiedlichen Farben und Gerüchen machen, die er erst seit Kurzem überall in der Stadt über den Menschen schweben sah. Warum er sie plötzlich wahrnahm, war ihm völlig egal. Er hatte noch nie Drogen genommen – aber genau so musste es sich anfühlen. Berauschend. Betörend. Ekstatisch. Die neue, extrem süchtig machende Superdroge »Gefühle«, die nur er, der Auserwählte, in sich aufsaugen durfte.

Ich bin jetzt ein Gefühlsjunkie, fuhr es ihm durch den Kopf.

Alles hatte vor einigen Monaten angefangen mit der Diagnose »Glioblastom«. Er erinnerte sich noch ganz genau, wie er eine Woche nach seiner offiziellen Verabschiedung in den Ruhestand vor einem Arzt im weißen Kittel saß, der ihm mit ernster Miene den niederschmetternden Befund mitteilte.

»Wir werden vor der Operation des Hirntumors noch einige weitere Untersuchungen anstellen müssen.«

»Wie lange habe ich noch zu leben?« Er wusste, dass selbst jetzt in seinem Gesicht keine Gefühlsregung zu sehen war. Seine Stimme klang so monoton, als fragte er einen unpünktlichen Steuerzahler, wie lange sich die Abgabe der Steuererklärung verzögern würde. Ein Mann der großen Gefühle war er, der Finanzbeamte a. D., nie gewesen. Seine Empfindungen für sich und andere brannten auf Sparflamme. Schon immer. Warum sollte er jetzt Angst vor dem eigenen Tod haben?

»Das ist schwer zu sagen. Einige Monate. Vielleicht ein Jahr.«

Er nahm die Prognose des Arztes mit derselben Gleichgültigkeit hin, mit der er andere Schicksalsschläge in seinem Leben zuvor auch hingenommen hatte. Den Tod seiner Eltern etwa, die er selbst dann nie besucht hatte, als beide an Krebs erkrankt und im Abstand von fünf Jahren daran gestorben waren. Oder den Suizid seiner Frau Anna, die sich am ersten Weihnachtsfeiertag erhängt hatte. Ihr ständiges Gejammer, dass sie das Leben nicht mehr ertragen könne, hatte er nie verstanden und irgendwann einfach auf Durchzug geschaltet.

Nun war eben er an der Reihe zu sterben.

Na und?, dachte er. Jetzt erwischt es dich halt, und das mickrige Flämmchen deines Lebens erlischt. Aus. Vorbei. Basta.

Gelegentlich hatte jemand nach den Gründen gefragt, warum seine Gefühle so lau waren. »Keine Ahnung«, hatte er dann geantwortet. »Irgendwas in der Kindheit vielleicht.« Was genau, interessierte ihn im Grunde nicht. Den Rat einer Kollegin, doch mal einen Psychologen aufzusuchen, hatte er freundlich, aber bestimmt abgewiesen. Er hielt nicht viel von den Seelenklempnern, die selbst gewaltig einen an der Klatsche hatten, wie er bei sich dachte.

»Wenn wir nach der OP direkt mit der Bestrahlung und der Chemotherapie anfangen, kann sich Ihre Lebenserwartung um einige Monate verlängern. Wir haben da gute Erfahrungswerte«, sagte der Arzt und schaute dabei in seine Krankenakte.

Sigmund Witter schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Das lassen wir lieber«, erwiderte er kurz und bündig. Dann stand er auf, nahm seinen Hut und ging aus dem Zimmer. Kurz bevor der Fahrstuhl hochfuhr, kam der Arzt noch einmal angelaufen und drückte ihm ein Kärtchen in die Hand: »Melden Sie sich bitte bei Frau Dr. Steller auf Station fünf. Sie wird sie psychologisch betreuen.«

Er nickte bloß, steckte die Karte in seine Manteltasche und betrat den Fahrstuhl. Die Tür schloss sich. Sein Entschluss stand fest: Er würde das Krankenhaus nie mehr betreten.

Zwei Monate danach – der Tumor war inzwischen größer geworden und drückte auf irgendeine Stelle in seinem Gehirn – geschah etwas Seltsames. In ihm wuchs eine undefinierbare Empfindung heran, die mit der bösartigen Zellwucherung einherging. Wenn sie auch anfangs noch schwach war und drohte, von den gleichzeitig auftretenden furchtbaren Kopfschmerzen im Keim erstickt zu werden, so wurde sie doch zusehends kraftvoller. Am zehnten Todestag seiner Frau passierte es dann. Als er der Ordnung halber einen Blumenstrauß auf ihr Grab legte – es war immer der gleiche Strauß aus gelben Begonien und roten Astern, die er bei der Gärtnerei am Eingang des Friedhofs kaufte –, wurde er zum ersten Mal in seinem Leben von starken und tiefen Gefühlen überwältigt. Es war vergleichbar mit der Wucht einer Riesenwelle, sodass ihm schwindelig wurde und er auf das Grab stürzte.

Als er sich auf der kalten Erde mit den Armen aufstützte, waren seine Augen einen Moment lang dicht vor dem kleinen Bild seiner Frau, das in den weißen Marmorgrabstein eingelassen war. Er begann, so laut zu schluchzen, dass andere Friedhofbesucher sich zu ihm hindrehten. Und obwohl er an keinen Gott glaubte, wurde ihm in diesem Moment klar, dass ein Wunder geschehen und der Tumor ein Geschenk des Himmels war.

Genau diesen Gedanken hatte er auch jetzt wieder, als er aus der S-Bahn zu einer Bank auf dem Bahnsteig taumelte. Erschöpft ließ er sich auf einen der Sitze fallen, atmete tief ein und schloss die Augen, um sich zu sammeln. Auch wenn es immer noch ungewohnt war: Zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er Glück, wenn er von diesen Gefühlen übermannt wurde.

Trotz seiner scheinbaren Gleichgültigkeit hatte er sich über den Krebs informiert, nachdem er von der Diagnose erfahren hatte. Er kannte die Berichte über Verhaltensveränderungen, die mit dem Wachsen von Hirntumoren einhergingen: »emotionale Labilität, ungerechtfertigte Fröhlichkeit und Euphorie im Wechsel zu leichter Reizbarkeit und kurz andauernden Ausbrüchen von Wut und Aggression« – so oder ähnlich lauteten die Beschreibungen in einschlägigen Publikationen.

Scheiß drauf!, dachte er sich. Wenn der Tumor dieses Hochgefühl auslöst, warum hast du ihn, verdammt noch mal, nicht schon früher bekommen?

Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, stieg er wieder in die S-Bahn, um sich einen weiteren Gefühlsschuss zu setzen. Er konnte nicht genug davon bekommen und fuhr mit seinem Tagesticket stundenlang das Streckennetz ab.

Als um sechzehn Uhr die Rushhour begann und immer mehr Menschen auf dem Weg nach Hause in die S-Bahn drängten, gab sich Sigmund Witter die volle Dosis. Keine Minute dachte er mehr an seine Erkrankung und den ärztlichen Ratschlag, dass er sich schonen sollte. Jetzt war er voll im Rausch. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete er von seinem Sitz aus, wie sich die Wolken zu einem psychedelischen Potpourri vermischten: bunte, grelle Formen, die sich ständig veränderten und ineinanderflossen, die Blasen und Tropfen bildeten, um sich dann wieder in einem Farbstrudel aufzulösen. Stimmengewirr, Handyklingeln und die Musik aus Kopfhörern verwandelten sich zu einer Melodie, und er selbst wurde zu einem Resonanzkörper. Er hatte das Gefühl, mit allem zu verschmelzen und eins zu sein. Die Wolken flossen in ihn hinein und strömten in bunten Schlangenlinien wieder aus seinem Kopf hinaus.

Sigmund Witter durchzog ein Gefühl der Wärme, der Geborgenheit und des Glücklichseins.

Doch als sich am Hackeschen Markt die Türen öffneten und ein weiterer Pulk Menschen in die S-Bahn strömte, änderte sich das schlagartig. Sigmund Witter nahm die Person mit dem schwarzen Mantel und der Aktentasche, die an ihm vorbeilief und zwischen den anderen Fahrgästen im hinteren Teil des Wagens verschwand, nur aus den Augenwinkeln wahr. Aber er spürte sofort die Gefahr, die von ihr ausging. Innerhalb von Sekunden breitete sich eine tiefschwarze Wolke im Fahrgastraum aus. Sie verdichtete sich zu einem schwarzen Loch und sog all die farbigen Wolken auf. Es war entsetzlich.

Die Wolken, die zuvor langsam aus Sigmund Witters Körper geflossen waren, wurden nun aus ihm herausgerissen und von dem Loch gierig verschlungen. Er spürte einen Schmerz, so als ob jemand ihm ohne Betäubung die Eingeweide herausreißen würde. Plötzlich sah er, wie außen gegen die Scheibe der fahrenden S-Bahn ein fetter Rabe klatschte: Blut und Innereien spritzten umher. Dann fing der Tumor in seinem Kopf höllisch zu brennen an. Dumpf hörte er noch eine Frau, wie sie aufgeregt etwas schrie, bevor ihm schwarz vor Augen wurde.

Sein Oberkörper kippte nach vorne, und Speichel, vermischt mit Blut, tropfte aus dem Mund auf seine Hose.

6

BERLIN-MITTE, PLATTENBAUSIEDLUNG,
21. NOVEMBER

Irgendwann war Schluss gewesen. Für ihn, für die anderen, für seinen Chef, der ihn von heute auf morgen auf die Straße gesetzt hatte – ohne die arbeitsrechtlichen Regelungen einzuhalten. Sollten sich doch die Juristen mit dieser unrechtmäßigen Kündigung herumschlagen, hatte sich sein Chef wohl gedacht.

Es war die logische Konsequenz aus seinem Verhalten. Zuletzt hatte er fast im Minutentakt Sätze wie »Das geht mir total auf den Sack« oder »Das geht mir megamäßig auf die Eier« von sich gegeben, wie eine kaputte Maschine, die ständig etwas Falsches ausspuckt. Paul Cancic war voller Hass auf die Firma und seine Kollegen gewesen, und die Firma hatte ihn gehasst. Am Anfang hatte er sich noch zusammengerissen und sich von seiner besten Seite gezeigt, wie man das so macht, wenn man neu irgendwo anfängt und die Probezeit überstehen will. Doch seine Fassade hielt genau bis zum Tag nach dem Ende der Probezeit, dann fing er an, ehrlich zu sein. In seiner Branche – der Werbung – ein Ding der Unmöglichkeit.

In einem der stundenlangen Meetings war ihm irgendwann das sinnlose, hohle Geschwafel und die Profilierungssucht seiner Kolleginnen und Kollegen derart auf die Nerven gegangen, dass er mitten in einer der unzähligen Power-Point-Präsentationen einen sarkastischen Witz gerissen hatte. In den Augen der meisten war das völlig daneben gewesen. Seinem Chef, dem Leiter einer dreißig Mann starken Werbeagentur, hatte er einen weiteren Schock versetzt, als er einen Betriebsrat ins Leben rufen wollte. Der Mann hatte ihn daraufhin in sein Büro zitiert und ihm offen mit der Kündigung gedroht. Ab diesem Zeitpunkt hatte er auf der Abschussliste gestanden. Er hätte sich noch einmal herausmanövrieren können, wenn er sich den Gepflogenheiten angepasst und sich in das Team integriert hätte.

Doch dann war der Super-GAU passiert, der in der Regel die Kernschmelze in einem Unternehmen der Werbebranche einleitet: Moral.

Während der Produktpräsentation eines Lebensmittelherstellers, der durch geschicktes Sponsoring in Kindergärten seine zahnschädigenden Frucht-Joghurts an die Zielgruppe bringen wollte, hatte Paul ohne lange Umschweife erhebliche moralische Bedenken geäußert und die Idee einfach nur verwerflich gefunden. Er war aufgestanden und aus dem Raum gegangen, nicht ohne zuvor noch den einen Satz, für den er längst berüchtigt war – wenn auch in einer leichten Abwandlung –, von sich gegeben zu haben: »So was geht mir total auf den Sack.« Noch am selben Abend hatte die Kündigung unterschrieben auf seinem Schreibtisch gelegen.

An seinen Job hatte er danach keinen Gedanken mehr verschwendet. Das Einzige, was ihn kurz wehleidig hatte werden lassen, war die Tatsache, dass er jetzt nicht mehr auf die vielen Partys und Events eingeladen wurde, bei denen sich die Branche selbst feierte. Er vermisste das nicht wegen der coolen Elektro-DJs oder der heißen Miezen, die in kurzen Röcken herumstaksten und sich mit tiefen Ausschnitten präsentierten, um ihre falschen Titten zu betonen. Nein, er vermisste das, weil dort immer in reichlichen Mengen Alkohol floss, und das umsonst.

Sein Rausschmiss lag jetzt ein Jahr zurück, und obwohl die Arbeitsagentur Druck machte, hatte er bis jetzt noch keine neue Arbeit gefunden. Kreativbranche – schwer vermittelbar, hatte seine Betreuerin kurz und knapp befunden und ihn anfangs mit Jobangeboten in Ruhe gelassen. Doch seit die Politiker die Gesetze verschärft hatten, war die Schonzeit auch für Arbeitslose seiner Gattung abgelaufen, und in den letzten Wochen trudelten fast täglich Stellenangebote aus anderen Berufssparten ein.

Während er in seiner Wohnung die Flaschen – Whiskey, Rum und den geliebten Bourbon – zusammensammelte und in eine extra starke, blickdichte Siebzig-Liter-Mülltüte packte, hörte er vom Balkon, dessen Tür einen Spalt offen stand, ein leises Fiepen. Wahrscheinlich wieder so eine verdammte Taube, die gegen die Scheibe geknallt ist, dachte er. Die verdammten Biester vermehrten sich wie Schmeißfliegen und kackten alles voll. Letztes Jahr hatten diese Bastarde sogar auf seinem Balkon genistet. Kurzerhand hatte er damals das Nest mit den kleinen Krächzern gepackt und über das Geländer hinunter in die Tiefe geworfen. Einen Tierfreund konnte man ihn schwerlich nennen.

Er ging auf den kleinen Balkon hinaus – »Balkon« war hier ein beschönigender Ausdruck, denn es handelte sich eher um einen Austritt, wo man eine Zigarette rauchen oder ein wenig Wäsche auslüften konnte –, schaute sich um und sah zwischen drei Kästen Bier ein zuckendes buntes Etwas liegen. Als er sich nach unten beugte, erkannte er, dass es sich um einen auf dem Rücken liegenden Vogel handelte. Das Tier sah erbärmlich aus: wie ein zerzaustes Knäuel Wolle. »Jetzt fallen mir die Scheißviecher von der Alten schon auf den Balkon«, grummelte er vor sich hin.

Er schob die Bierkisten beiseite, um besser beobachten zu können, wie der Vogel krepierte. Dieses Verhalten hatte etwas Voyeuristisches und Perverses an sich – das war ihm irgendwie schon klar –, aber er schaute trotzdem gebannt zu und wollte warten, bis das Vieh seinen letzten Atemzug machen würde. Doch die Zeit verstrich, und er erwog schon, das Leiden des Vogels zu verkürzen, indem er ihn mit einer Bierflasche zu Brei zermatschte, als sich der kleine Kerl plötzlich umdrehte und mühselig wieder auf die Beine kam.

»Kleiner Angeber«, begrüßte Paul ihn wieder unter den Lebenden.

Aus einer Bierflasche kippte er den letzten Rest auf den Boden, und der Wellensittich machte sich sofort begierig über die Lache her.

»Ich sag’s doch. Bier ist besser als Wasser.«

Nachdem Paul Cancic ihn zu Ende hatte saufen lassen, zog er den Vogel an einem Flügel über den Boden zu sich heran, was sich das Tier ohne Gegenwehr gefallen ließ. Anschließend hob er den Wellensittich auf seine Hand und ging mit ihm in die Küche. Mit einem Schraubenzieher stieß er mehrere Löcher in den Blechdeckel eines größeren Glasbehältnisses und setzte das Tier dort hinein.

Der Piepmatz blieb darin hocken und tat selbst dann keinen Mucks, als nach einer halben Stunde Paul Cancic bei der Suche nach seinem Wohnungsschlüssel, den er im Suff verloren hatte, den Behälter auf dem Küchenbord versehentlich umstieß. Er musste lange suchen. Schließlich fand er den Schlüssel in der Mülltonne, die überquoll von leeren Flaschen.

Sein Blick fiel erneut auf den Wellensittich, und ihm wurde klar, dass er eine Entscheidung treffen musste, was mit dem Tier geschehen sollte. Kurz entschlossen schnappte er sich das Glas mit dem Vogel und ging hinauf zur Wohnung der alten Wedkind. Es dauerte eine Ewigkeit, in der er mindestens zehn Mal auf die Klingel drücken musste, bis er hinter der Tür ein Schlurfen und – woran er sich später genauestens erinnern würde – ein seltsames Glucksen hörte. Es verging erneut eine ganze Weile, bis die drei Sicherheitsschlösser aufgeschlossen waren und das Gesicht der Alten hinter der vorgelegten Eisenkette im Türspalt erschien.

Paul hob das Glas mit dem Vogel hoch und sagte: »Ich glaube, der gehört Ihnen.«

Die alte Wedkind sagte keinen Ton und starrte an ihm vorbei ins Leere.

Die Demenz holt sich auch diese arme Seele, schoss es Paul durch den Kopf. »Hier, nehmen Sie Ihren Liebling.« Er streckte ihr das Glas mit dem Vogel hin. »Und bitte – ich hab das schon tausend Mal gesagt – stellen Sie den Käfig mit den Viechern nicht immer auf den Balkon! Zum einen geht mir das Gekreische tierisch auf die Nerven, zum anderen, wie Sie sehen, büxsen die Biester bereits aus.« Er versuchte zu lächeln, um die Härte seiner Worte etwas abzumildern.

Die Alte reagierte immer noch nicht, was Paul allmählich sehr irritierte. Er wollte sich nicht länger mit ihr abgeben, weil ihm ihr dementes Verhalten langsam auf den Sack ging, und sagte in bedächtigem Ton: »Frau Wedkind … Ich bin es: Paul Cancic. Ihr Nachbar von unten. Und das ist Ihr Vogel. Ich stelle ihn nun hier auf den Boden vor der Tür. Dann können Sie ihn selbst nehmen.«

»Dr. Dolittle«, nuschelte plötzlich die Alte.

»Wie bitte?«, fragte Paul, der sie nicht verstanden hatte und daher einen Schritt näher an sie herantrat. Das hätte er lieber nicht getan, denn er konnte auf einmal den strengen, süßlichen Geruch aus ihrer Wohnung riechen, der ihm förmlich die Luft abschnürte.

Er hatte als Kind einmal einen Hamster gehabt, der gestorben war, weil er vergessen hatte, das Haustier zu füttern. Der Geruch, als das kleine Ding verweste, ähnelte dem Gestank, der sich jetzt in seiner Nase festsetzte – der jedoch um das Hundertfache stärker war. Es roch, als verfaulte in der Wohnung der Alten eine ganze Kuhherde. Unwillkürlich taumelte Paul zurück. Während er sich die Nase zuhielt und versuchte, möglichst flach zu atmen, kam plötzlich Leben in die Frau; es war, als hätte sie sich gerade eine beträchtliche Dosis Speed die Nase hochgezogen. Innerhalb von Sekunden hatte sie die Kette entfernt, die Tür aufgerissen und sich ganz dicht vor Paul gestellt. Er konnte ihren schlechten Atem riechen, der so faulig stank, als habe sie bereits drei Wochen in einem Grab gelegen. Wegen seines Alkoholpegels, der um diese Zeit bereits im roten Bereich lag, dachte Paul zunächst an eine Sinnestäuschung, als er im Mundwinkel der alten Wedkind Federn erblickte. Es blieb ihm jedoch keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn die Hand der Alten schoss nach vorne, griff nach dem Glas und entriss es ihm.

An das, was danach folgte, erinnerte er sich später nur noch bruchstückhaft: Die Alte schraubte den Deckel auf, packte den Wellensittich, der infernalisch zu kreischen anfing, und drückte ihre Hand so fest zu, dass die Knochen des Vogels laut knackend zerbrachen. Dann nahm sie mit der anderen Hand das Köpfchen und riss es mit einem heftigen Ruck vom Rumpf. Der Schnabel ging noch ein letztes Mal auf und zu, bevor das Lebenslicht des kleinen Tieres endgültig erlosch und die alte Wedkind es sich hastig in den Mund stopfte.

Paul stand einfach nur da. Er war regungslos wie eine Schaufensterpuppe und betrachtete das Grauen vor seinen Augen. Eine in diesem Zusammenhang völlig abstruse Erinnerung kam ihm in diesem Moment in den Sinn: Er musste an eine Marketing-Vorlesung in der Uni denken, in der es um Kommunikationsprozesse gegangen war. Die Alte war der Kommunikator, er der Rezipient. Aber was wollte sie ihm mit der »Ich reiß dem Vogel den Kopf ab«-Nummer mitteilen? Es ergab absolut keinen Sinn.

Die alte Wedkind ließ das Glas fallen. Es zerbarst auf dem Boden in tausend Stücke und riss Paul aus seinen Gedanken. Ihn interessierte nicht mehr, was nun passieren würde – ob die Alte Handfeger und Kehrblech holte und die Scherben aufkehrte oder ob sie sich von ihrem Balkon in die Tiefe stürzte, nachdem ihr in einem lichten Moment ihre grausame Handlung bewusst geworden war. Er rannte einfach los, die Treppe hinunter und in seine Wohnung hinein. Als er die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, überkam ihn plötzlich ein Heulkrampf, und er fing an, wie ein kleines Kind zu schluchzen, bis ihm alles wehtat. Dann begann er, seine Gefühle und Gedanken auf bewährte Weise im Alkohol zu ertränken. Er soff bis tief in die Nacht und hatte Glück, dass er am nächsten Tag spätnachmittags wieder aufwachte, statt an einer Alkoholvergiftung zu sterben.

7

BERLIN-MITTE, PLATTENBAUSIEDLUNG,
22./23. NOVEMBER

Das Kreischen eines Vogels auf dem Gang hatte Naomi aus ihrem Mittagsschlaf aufgeschreckt. Anschließend hatte sie noch gehört, wie die Tür der Nachbarwohnung zugeschlagen wurde, und etwas später im Hausflur ein paar verstreute Federn auf dem Boden gefunden. Es war kein sechster Sinn nötig, um zu spüren, dass etwas höchst Merkwürdiges passiert sein musste. Sie hatte beschlossen herauszufinden, was im Gang geschehen war: Ihr Büchlein sollte schließlich keine Lücken aufweisen.

Auch am darauffolgenden Tag fiel ihr auf, dass weder Frau Wedkind noch Paul Cancic ihre Wohnungen verließen. Cancic tauchte nicht am Briefkasten auf, um seine Angebetete zu treffen, und die alte Wedkind unternahm wieder nicht ihre üblichen Besorgungstouren in der Stadt.

Natürlich hätte sich Naomi für eine aktive Form der Recherche entscheiden können. Es wäre beispielsweise möglich gewesen, bei Cancic und Wedkind zu klingeln und unter einem Vorwand nach Informationen zu suchen, doch ein solches Vorgehen passte ihr nicht ins Konzept. Sie wollte, dass das Schicksal – oder, wenn man nicht daran glaubte, eben der reine Zufall – ohne ihr Eingreifen seinen ungestörten Lauf nehmen sollte. Also beschränkte sie sich darauf, die Geschehnisse zu beobachten.

Bei Cancic tat sich weiterhin nichts; er schien sich mit seinem Freund Alkohol in der Wohnung zu verschanzen. Wie Naomi wusste, hatte er stets einen großen Vorrat an flüssiger Nahrung bei sich: Selbst nach einem Atomschlag würde er noch eine ganze Weile in seinem »Bunker« ausharren können, ohne sich draußen dem Fallout aussetzen zu müssen.

In der Wohnung der alten Wedkind nahm sie ein seltsames Geräusch wahr, nachdem sie ihr Ohr an die dünne Rigipswand gelegt hatte. In ihrem Büchlein hielt sie fest:

Notiz: Es ist nichts zu hören, außer einem seltsamen Glucksen alle paar Minuten. So laut, als würde der Magen eines Tieres (??) einen fetten Fleischklumpen (??) verdauen.

8

BERLIN-MITTE, PLATTENBAUSIEDLUNG,
24. NOVEMBER

Dann tat sich etwas: Die Tür der Nachbarwohnung öffnete sich.

Naomi hockte zu diesem Zeitpunkt – es war genau dreizehn Uhr dreizehn – auf dem Sofa und zappte durch das TV-Programm; die Lautstärke war jedoch so gering, dass sie Geräusche im Hausflur mitbekam. Sogleich sprang sie auf, rannte zur Tür und schaute durch den Spion. Sie sah, wie die alte Wedkind langsam aus der Wohnung kam. Was Naomi sofort auffiel, war, dass die Alte die Tür nicht abschloss, sondern einfach nur zuzog, obwohl sie sonst immer sehr darauf achtete, dass alle Sicherheitsschlösser ordnungsgemäß abgeriegelt waren. Ungewöhnlich war auch, dass der Körper der alten Frau sich leicht nach links neigte, während sie mit ihrem Einkaufsroller zum Fahrstuhl schlurfte.

Hatte sie einen leichten Schlaganfall erlitten? Oder … Naomi wurde von der Neugier gepackt. Obwohl sie noch krankgeschrieben war und es ihre Mutter nicht gern sah, wenn sie hinausging, hielten Naomi keine zehn Pferde mehr zurück. Sie schnappte sich ihre Jacke von der Garderobe im Flur, schlüpfte in die Schuhe und rannte aus der Wohnung. Dass sie sich noch nicht einmal die Zeit nahm, ihre Haus-Jogginghose gegen eine Jeans zu wechseln, war ihr piepegal. In Berlin störte sich Gott sei Dank sowieso kein Mensch daran, wie man herumlief.

Kurz nachdem die alte Wedkind aus dem Fahrstuhl getreten war und das Gebäude verlassen hatte, kam Naomi völlig außer Atem das Treppenhaus heruntergehetzt. In genügendem Abstand folgte sie ihr hinunter in die U-Bahn. Zu dieser Zeit war noch recht wenig los, und sie konnte die Alte gut im Auge behalten, die wenig später in eine Bahn stieg, sich auf einem Sitz niederließ und vor sich hinstarrte.

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