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Palo Alto

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. PALO ALTO I
    1. Halloween
    2. Lockheed
    3. Amerikanische Geschichte
    4. Tiere töten
    5. Emily
    6. Ferienlager
    7. Chinatown
      1. Teil I: Vietnam
      2. Teil II: Kopflos
      3. Teil III: Caffe Buon
  9. PALO ALTO II
    1. April
      1. Teil I: Die Regenbogenkobolde
      2. Teil II: Verschwenden
      3. Teil III: April
    2. Teerbaby
    3. Ich könnte jemanden töten
    4. Kürbiskopf
  10. Dank

Über dieses Buch

»Franco ist seine eigene Spezies«, schrieb der Spiegel über Hollywoods größtes Talent. Der Schauspieler, Regisseur und Künstler debütiert nun auch als Autor: mit eindringlichen, erschütternden Geschichten aus dem Herzen einer verlorenen Generation. »Vor zehn Jahren, in meinem zweiten Jahr an der Highschool, habe ich an Halloween eine Frau getötet.« Die kalifornischen Teenager in James Francos Geschichten wachsen behütet auf, trotzdem haben sie ihre Unschuld längst verloren. Sie experimentieren mit Drogen und Sex, sie sind berauscht und gelangweilt, sie spielen mit ihrem Leben, das doch gerade erst begonnen hat. Zugleich kindlich und weise, mitleidlos und empfindsam, sind sie immer auf der Suche nach dem Erlebnis, das die Leere füllt, die Sehnsucht tötet. Sie treffen einen, diese Storys, unerwartet und tief. Unsentimental, in ihrer Reduziertheit fast klassisch, entfalten sie eine klaustrophobische, bedrohliche Atmosphäre, die sich in Momenten drastischen Humors und überraschend zarter Schönheit entlädt. »Palo Alto« ist die beeindruckende erste Probe einer neuen literarischen Stimme.

Über den Autor

James Franco, 1978 im kalifornischen Palo Alto geboren, ist Schauspieler, Regisseur, Filmproduzent, Maler, Performancekünstler und Schriftsteller. International bekannt wurde er als Harry Osborn in Spider-Man und als Liebhaber von Sean Penn in Gus van Sants »Milk« (2008). 2010 war er als Beat-Legende Allen Ginsberg in »Howl« und an der Seite von Julia Roberts in »Eat Pray Love« zu sehen. 2011 wurde er für die Rolle des Bergsteigers Aron Ralston in Danny Boyles »127« Hours für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert.

James Franco

Palo Alto

Stories

Aus dem amerikanischen Englisch von
Hannes Meyer

Man führt in diesen Jahren beinahe keine Geste aus, die man nicht nachher gern zurücknehmen möchte. Man sollte aber stattdessen gerade bedauern, daß man die Spontaneität nicht mehr besitzt, die sie uns ausführen ließ. Später sieht man die Dinge auf eine praktischere Art in vollkommener Übereinstimmung mit der übrigen Gesellschaft, die Jugend aber ist die einzige Zeit, in der man etwas lernt.

Marcel Proust,
Im Schatten junger Mädchenblüte

PALO ALTO I

Halloween

Vor zehn Jahren, in meinem zweiten Jahr auf der Highschool, habe ich an Halloween eine Frau getötet.

Wir hatten den ganzen Nachmittag bei Ed Sales zu Hause getrunken, was ich wegen meiner Bewährungsauflagen eigentlich gar nicht durfte. Ich sollte nur zur Schule fahren und nachmittags direkt wieder nach Hause. Aber es war schon sechs Monate her, dass sie mich als Minderjährigen unter Alkoholeinfluss erwischt hatten, und meine Eltern nahmen es mit den Vorschriften nicht mehr so genau. An diesem Halloween-Dienstag fuhr ich also nicht nach Hause, sondern mit ein paar Freunden zu Ed, wo wir uns die Kante gaben.

Sein Vater war Mathematikprofessor in Stanford und seine Mutter Krankenschwester, und beide kamen frühestens um sechs nach Hause, meistens erst gegen sieben. Der Vater hatte einen prächtig bestückten Schnapsschrank. Mit dreizehn hatte ich zum ersten Mal Alkohol getrunken, und seitdem bedienten wir uns immer wieder an diesem Vorrat und füllten die Flaschen hinterher mit Wasser auf. Wir konnten nie zu viel aus einer Flasche nehmen, weil das zu sehr aufgefallen wäre, also kippten wir aus verschiedenen Flaschen was zusammen wie die Penner in Cannery Row. Das gefiel mir irgendwie ; ich mochte die Vorstellung, dass wir wie Mack und seine Kumpels waren, auch wenn der Punsch widerlich schmeckte. Meistens mischten wir ihn mit Traubensaft, was aber auch nicht viel half.

Wir saßen im Garten auf einem dieser Picknicktische, wie sie manchmal in Parks stehen. Eds Vater hatte ihn wahrscheinlich von der Müllkippe mitgenommen. Er machte immer so komische Sachen, um ein bisschen Geld zu sparen. Ed war auch so: Manchmal kratzte er den Schimmel von altem Brot und aß es dann. Sein Vater, der Professor, rauchte jeden Abend Pfeife. Er hatte abartig gelbe, krumme Zähne. Ed selbst hatte auch eine kleine Pfeife und rauchte abends mit seinem Vater. Er war halb Koreaner und halb weiß, weil seine Mutter Koreanerin und sein Vater ein Weißer aus Gary, Indiana, war.

Wir saßen da draußen und rauchten Gras aus Eds kleiner Tabakspfeife. Später wollten wir zu der Halloween-Party bei Alice Wolfe gehen, und so langsam kamen wir in Fahrt. Ich fing einen Streit mit Nick Dobbs an, weil ich mitbekommen hatte, dass er sich an meine Freundin Susan heranmachte. Das gefiel mir gar nicht. Ein paarmal hatte ich gesehen, wie sie in einer Ecke der Schulbibliothek zusammen herumkicherten. Das wäre mir wahrscheinlich egal gewesen, wenn er einer von den Theaterschluffis gewesen wäre, mit denen sie immer irgendwelche Veranstaltungen plante. War er aber nicht. Er war ein gutaussehender Skateboarder, und ich hatte genug Punsch intus, um ihn aufs Korn zu nehmen.

»Ich hab gehört, du hast mit Susan Acid genommen. Was soll das ?«

»Das war ihre Idee.«

Ich sah, dass er Angst bekam. Mit der Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Ich fühlte mich richtig stark, aber gleichzeitig tat er mir auch ein bisschen leid, obwohl es eigentlich perfekt war, denn ich war nicht scharf auf Prügeleien, und so hatte ich schon gewonnen, ohne dass es dazu kam. Mir war nicht wohl dabei, jemanden einzuschüchtern, aber das schlechte Gewissen machte mich irgendwie noch bösartiger, und ich forderte ihn auf, sich zu entschuldigen, und als er es getan hatte, sollte er die Entschuldigung noch mal laut wiederholen, damit alle sie hören. Ich ging ein bisschen zu weit, und ich merkte, dass er darüber nachdachte, mir einfach eine zu verpassen, doch dann entschuldigte er sich tatsächlich etwas lauter. Jack mischte sich ein.

»Scheiße, Ryan, spiel dich nicht so auf ! Susan nimmt ständig Acid, mit allen möglichen Leuten.«

Und ich hatte was dagegen. Komisch, wie manchmal plötzlich neue Tatsachen auftauchen und einen am Guten in der Welt zweifeln lassen. Alle tun so normal, als ob sie deine Freunde wären, aber eigentlich führen sie ein ganz anderes Leben, von dem man nichts weißt. Wenn wir alle immer gefilmt werden würden, könnten wir uns die Filme der anderen ansehen, und dann wüssten wir von allen, wie sie wirklich sind. Aber dann müsste man auch den Mädchen beim Kacken zugucken und den Jungs beim Versuch, sich selber einen zu blasen.

Plötzlich kam Eds koreanische Mutter nach Hause. Sie war zwar nur knapp eins fünfzig groß, aber wir bekamen trotzdem alle Angst. Wir hörten, wie im Haus die Vordertür zuschlug, und Ed sagte: »Meine Mom ist da !« Wir schnappten uns so viele Gläser wie möglich, irgendwer nahm den Punsch mit und Ed griff seine Pfeife, dann kletterten wir über den Zaun und sprangen in mein Auto. Es war ein Honda Accord, den mir mein Vater überlassen hatte, als wir uns noch besser verstanden, und der Wagen war für acht Leute ein bisschen klein. Vorne saßen zwei neben mir, und auf der Rückbank waren sie zu fünft zusammengequetscht. Ich hatte Jacks Ellenbogen im Gesicht, und im Rückspiegel konnte ich nur ein Gewirr von Armen, Oberkörpern und Köpfen sehen. Nick war nicht mit im Auto. Er war wohl irgendwohin heulen gegangen.

Mit quietschenden Reifen machten wir uns aus dem Staub. Für Alices Party war es noch zu früh, also mussten wir uns überlegen, wohin wir fahren sollten. Die Sonne ging langsam unter, und es waren schon verkleidete Kinder mit ihren Eltern unterwegs. Im Auto wurde es lauter. Bei dem ganzen Geschrei und mit Jacks Ellenbogen im Gesicht konnte ich mich kaum noch auf die Straße konzentrieren.

»Nimm deinen Scheißarm weg !«

Jack lachte bloß, weil er den Ellenbogen gar nicht bewegen konnte. Alle unterhielten sich laut, und die, die ihre Gläser mitgenommen hatten, versuchten weiterzutrinken und verschütteten den Punsch im Wagen. Aus irgendeinem Grund fingen dann alle an zu grölen: »Alice Wolfe, die Fotze ! Alice Wolfe, die Fotze ! Komm schon, Wolfe, zeig uns deine Fotze !« Wir wussten nicht so recht, warum wir das sangen, ich jedenfalls nicht, aber es war total witzig, und ein paar von uns stimmten ein Wolfsgeheul an, und wir waren in Superlaune vom Alkohol und der Flucht und dem Abend, der uns bevorstand.

Aus irgendeinem Grund raste ich immer noch. Als ob wir dringend irgendwohin mussten. Wahrscheinlich wollte ich bloß diesen Kraken aus Körpern aus meinem Auto raushaben, aber schnell fahren brachte auch Spaß, so als wären wir wirklich auf einem wahnsinnigen Abenteuer-Trip unterwegs. Ich war mir damals sicher, unsere Eskapaden in der Gegend seien wichtige Lebenserfahrungen.

Wir beschlossen, die Zeit bis zur Party im Eleanor Park totzuschlagen. Hinten im Park gab es einen kleinen Gemeinschaftsgarten, wo man sein eigenes Gemüse anbauen konnte, und dort standen auch Picknicktische wie bei Ed zu Hause. Wir setzten uns und machten weiter wie vorher. Ed pflückte junge Tomaten und Karotten aus dem Garten. Sie waren klein, schmeckten aber super, und die Karotten waren zart und zergingen auf der Zunge. Ivan fing an, ein Spalier kaputtzutreten, und alle lachten, als sein Fuß mühelos durch das Holz brach.

Rückblickend erscheint es mir als schlichtes Leben. Ein paar meiner Freunde sind in New York aufgewachsen, und die Geschichten, die sie von früher erzählen, sind großartig. Voller Farbe und Kultur und Gefahr. Ich beneide sie.

Gegen acht fuhren wir zu Alice Wolfes Party. Wir hatten den Punsch im Park ausgetrunken, und alle waren noch besser drauf. Der Wolfe-Sprechchor fing wieder an, doch die Zungen wurden langsam schwer. Jetzt, wo wir uns dem Haus näherten, bekamen die Worte für mich eine Bedeutung. Nämlich, dass wir keinen großen Respekt vor Alice Wolfe und ihren Freundinnen hatten. Klar, sie waren die schönsten und beliebtesten Mädchen in der Klasse, aber so schön nun auch wieder nicht. Unser Gebrüll bedeutete, dass wir sie dominieren würden. Wir würden zu ihnen fahren und mit aller Macht versuchen, sie vom Rudel zu trennen und zu vögeln.

Wir hatten beschlossen, als Affen zu gehen. Wir hatten identische Affenmasken im Kofferraum und setzten sie auf, alle acht, so dass man uns nicht auseinanderhalten konnte. Es war super. Unsere Verkleidung brach das Eis, weil wir uns so blöd aufführen konnten, wie wir wollten, und so brachten wir die Mädchen viel mehr zum Lachen als sonst. Ich trank ein paar Bier, und irgendwann saß ich mit Sandy Cooper auf der hinteren Veranda.

»Ich weiß, dass du das bist, Ryan.«

»Bin ich nöööcht«, sagte ich mit einer tiefen, albernen Stimme, wie Balu aus dem Dschungelbuch.

»Das glaube ich dir einfach mal, damit Susan mir keine runterhaut, wenn wir erwischt werden.«

»Wööör ist Suuusan ?«

»Halt die Klappe, Ryan.«

Ich nahm die Maske ab, und wir knutschten im Garten ein bisschen herum. Dann fiel mir ein, dass ich Susan anrufen musste, weil ich es ihr versprochen hatte. Sie ging mit ihren Freundinnen zu einer anderen, weniger coolen Party, weil sie nicht bei Alice eingeladen waren. Ich brauchte eine Ausrede, damit ich mich nicht mit ihr treffen musste. Ich bat Sandy zu warten und ging nach drinnen zum Telefon.

Ich rief Susan zu Hause an.

»Das hat gedauert«, sagte sie.

»Was denn ?«

»Du wolltest schon vor zwei Stunden anrufen.«

»Tut mir leid, wir waren bis eben im Park, und da gab es kein Telefon.«

»Tolle Ausrede.«

»Im Ernst. Du bist also noch zu Hause.«

»Ja, wir ziehen gerade unsere Kostüme an.«

»Wer, wir ?«

»Ich und Elizabeth und Jenny und Hart und Nick.«

»Nick Dobbs ? Was will der denn bei dir ?«

»Der zieht sich auch gerade um. Er und Hart gehen mit Terry und Pete als die Typen aus Clockwork Orange

»Scheiße, Susan, was treibst du dich denn mit Nick herum ?«

»Wir sind Freunde.«

»Ach ja ? In der hintersten Ecke der Bibliothek oder was ?«

Ich legte auf. Ich sagte Jack und Ed, dass ich losmusste, und rannte zum Auto. Die Einfahrt und die Gebüsche verschwammen beim Laufen. Ich riss die Autotür auf, stieg ein und schoss los zu Susan.

Ich raste vor Wut, vor verletztem Stolz. Ich wusste noch nicht genau, was ich tun würde, wenn ich dort war, aber ich hatte meine Faust vor Augen, die auf Nicks Nase zuschnellte. Dann blitzte Harts wütendes Gesicht auf ; um den musste ich mich wohl auch kümmern. Er war größer als ich. Wahrscheinlich musste ich ihn beschwichtigen, nachdem ich Nick vermöbelt hatte. Ich sah auch schon Susans schockierte Reaktion, und der glühende Zorn des Rechtschaffenen trieb mich vorwärts. Die Straße war ziemlich leer, meine Privatautobahn. Normalerweise beachtete ich die Verkehrsregeln, doch jetzt bedeuteten sie mir nichts. Ich raste um Ecken, ohne zu gucken, und durchbrach die Phantomwände der Stoppschilder. Je rücksichtsloser ich fuhr, desto einfacher wurde es.

Die Zentralbücherei verschwand links hinter mir. Ich überfuhr die rote Ampel an der Kreuzung Embarcadero und Newell und raste an Candice Browns Haus auf der rechten Seite vorbei. Die Schlampe betrog ihren Freund auch. Ich schoss die Newell Road entlang, kümmerte mich nicht um die zahlreichen Stoppschilder und hielt auf die Jordan Middle School zu. An der Schule raste ich mit quietschenden Reifen rechts um die Kurve.

Ich hatte keine Zeit, auf die dunkle Gestalt mitten auf der Straße zu reagieren. Der Wagen fuhr einfach weiter. Es rumste und die Gestalt verschwand unter dem Auto. Ich merkte erst, dass ich bremste, als der Wagen zehn Meter weiter stehen blieb. Ich zog die Handbremse, ließ das elektrische Fenster herunter, steckte den Kopf nach draußen und sah nach hinten. Die Gestalt lag mit dem Gesicht nach unten auf der Straße. Sonst war niemand zu sehen. Nur die leere Schule auf der einen Seite und ein paar Platanen im Schatten auf der anderen. Wer auch immer sie war, sie konnte nicht gesehen haben, was für ein Auto sie überfahren hatte. Kurz entschlossen gab ich Gas, bevor sie sich wieder bewegte.

Ich fuhr wieder schnell, aber jetzt achtete ich auf die Verkehrsschilder. Ich wusste nicht, wo ich hinsollte. Meine Wut war der Angst eines kleinen Jungen gewichen. Ich konnte nicht zu Susan, aber nach Hause wollte ich auch nicht, weil mein Vater dann merken würde, wie betrunken ich war ; aber ich musste mit dem Auto von der Straße runter. Ed wohnte in der Nähe, also fuhr ich dorthin. Die labberige Affenmaske auf dem Beifahrersitz grinste mich an, ein Gegenstand aus einer anderen Zeit. Alice Wolfes Party und Sandy Cooper waren weit weg. Im Moment des Unfalls war aus allem, was vorher geschehen war, das Leben entwichen.

Bei Ed parkte ich den Wagen vorsichtig im Schatten eines großen Baums. Ich stieg aus und zwang mich, das Auto zu begutachten. Es hatte nur eine kleine Beule vorne auf der Motorhaube, wo wohl der Kopf aufgeschlagen war. Blut war keins zu sehen. Ich merkte, dass ich nur ein T-Shirt anhatte und zitterte.

Ich klopfte bei Ed. Drinnen grummelte jemand und schließlich hörte ich Schritte. Eds Vater, der Professor, öffnete die Tür. Zuerst nur einen Spalt weit, doch dann erkannte er mich und steckte den kahlen Glühbirnenkopf nach draußen, lächelte und zeigte seine schlechten Zähne.

»Ach, hallo Ryan. Ich hatte mich schon gewundert, dass so spät am Abend noch Kinder auf Halloween-Tour unterwegs sind, und wollte dich gerade zum Teufel jagen.«

»Kann ich reinkommen ?«

»Äh, klar. Alles in Ordnung ?«

Ich zitterte immer noch.

»Ja, ich bin nur ein bisschen betrunken und will lieber nicht mehr Auto fahren. Das wäre zu gefährlich.«

Ich hatte das Gefühl, dass er nicht so ein Problem damit haben würde, dass ich betrunken war, wie mein Vater. Der hatte keinen Bock mehr auf die Scheiße.

»Klar, komm rein«, sagte er. Er setzte sich in seinen Sessel und ich mich aufs Sofa. Eds Mutter war nicht zu Hause. Im Fernsehen liefen gerade die Nachrichten, irgendetwas über den Golfkrieg. Eds Vater nahm sich seine Meerschaumpfeife und zündete sie an.

»Willst du auch eine ? Ed hat seine Pfeife meistens auch hier im Regal liegen, ich kann sie nur gerade nicht finden. Hier, ich hab noch eine.«

Er holte eine andere alte Pfeife und stopfte sie mit Tabak.

»Du musst am Anfang ordentlich ziehen, sonst geht sie aus.«

Das tat ich auch und inhalierte den süßlichen Tabakrauch.

»Wo ist Ed ?«, fragte er.

»Ach, wahrscheinlich mit den anderen unterwegs.«

»Sicher auf der Pirsch.«

Das war lustig, weil Ed bei den Mädchen nicht gerade großen Erfolg hatte.

»Hoffentlich klappt es endlich mal«, sagte er. »Wir haben bald keine Taschentücher mehr übrig.« Er brach in schrilles, zu lautes Gelächter aus. Je länger ich dasaß, desto ruhiger wurde ich. Es bedeutete, dass keiner hinter mir her war. Meinem Vater würde die kleine Delle an dem ohnehin völlig verbeulten Auto kaum auffallen. Er würde höchstens ein bisschen Stunk machen, weil ich den Wagen nach der Schule nicht nach Hause gebracht hatte, aber das würde sich schon wieder legen. Susan würde ich erzählen, dass ich wegen Nick sauer geworden und nach Hause gefahren war.

Nach einer Stunde oder so kam in den Nachrichten, dass der Schauspieler River Phoenix vor einem Club in Los Angeles mit einer Überdosis zusammengebrochen war. Dann wollte ich los.

»Geht’s dir wirklich wieder gut ?«

»Ja, ist wieder alles okay. Danke, Mr Sales.«

Ich habe nie irgendwem von dem Unfall erzählt. Im San Jose Mercury und in der Palo Alto Weekly stand am nächsten Tag ein Artikel über die Frau. Sie war eine Bibliothekarin und wollte gerade nach Hause. Sie lebte allein.

In meinen letzten beiden Jahren auf der Highschool kam ich noch ein paarmal an der Ecke vorbei, und jedes Mal ergriff mich die Kleine-Jungen-Angst. Aber irgendwann war sie verschwunden. Wenn ich vom College nach Hause kam und meine Eltern besuchte, fuhr ich manchmal dort vorbei, und es kam mir vor, als wäre der Unfall nur in einem Film passiert.

Nachdem mein Vater gestorben war, besuchte ich jedes Jahr an Weihnachten meine Mutter. Einmal fuhr ich sie zur Bücherei. Am Anfang erkannte ich die Ecke gar nicht wieder. Meine Mutter redete gerade über das neue Kinderbuch, an dem sie arbeitete, und ich hörte ihr zu. Dann plötzlich, nach ein paar hundert Metern, fiel es mir ein: »Ach ja, da war doch damals der Unfall.«

Lockheed

Mathe ist das Lieblingsfach meines Vaters. Er arbeitet bei IBM im Silicon Valley und macht da den ganzen Tag nur Mathe. Ich hasse Mathe. Ich muss immer mit ihm lernen, deshalb bin ich da in der Schule auch ziemlich gut, aber ich reite nicht darauf herum, weil ich ein Mädchen bin.

Als ich auf die Highschool kam, hatte ich keine Freunde. Meine beste Freundin war weggezogen, und irgendwie mochte mich keiner. Ich ging nicht auf Partys. Betrunken war ich nur einmal, bei einer Hochzeit. Ich hab hinter den Pavillon gekotzt. Da war ich mit meinem schwulen Cousin Jamie unterwegs. Er geht auf die Highschool in Menlo Park, das ist fünf Autominuten weit weg. Er ist mein einziger Freund und raucht Mentholzigaretten.

Nach der Schule ging ich immer direkt nach Hause. Mom und Tim und ich schauten dann immer beim Abendessen Roseanne, weil Dad nicht da war, um es uns zu verbieten.

Dann kam Dad nach Hause und wir lernten zusammen.

Meistens waren meine Mathearbeiten am Donnerstag, deshalb lernten wir mittwochs extra lange, und ich verpasste Beverly Hills 90210. Aufgenommen habe ich die Folgen aber trotzdem nie.

Ich war in Mathe so gut, dass ich für den Sommer ein Praktikum bei Lockheed Martin bekam. Die bauen Raketen und Satelliten. Von den zehn Schülern, die ausgewählt wurden, war ich das einzige Mädchen. Mein Vater war begeistert.

Er sagte: »Marissa, eines Tages werden wir mal zusammen arbeiten.«

In dem Sommer, zwischen der neunten und der zehnten Klasse, arbeitete ich in den Ferien für einen Schweden namens Jan. Ich musste alte Filmrollen mit Aufnahmen des Mondes begutachten. Hunderte. Mein Arbeitsplatz war ein kalter, fensterloser Kellerraum. Die Filme liefen auf einem alten Gerät, das aussah wie ein Panzer, von einer Spule auf die andere. Ich sollte Flecken und Klebestellen im Film notieren. Manchmal war Vollmond ; manchmal konnte ich sogar sehen, wie er zunahm. Ab und zu war der Film so stark beschädigt, dass er sprang oder ganz abriss. Ich saß vierzig Stunden die Woche in dem Keller und sah mir dabei unglaublich viele Monde an.

Es wurde so langweilig, dass ich aufhörte, auf die Klebestellen zu achten. Stattdessen fing ich an, auf dem Druckerpapier aus dem Mülleimer zu zeichnen. Jan war nie da, also hatte ich viel Zeit dafür. Ich zeichnete Regenbogen, Menschen, Städte und Waffen, Leute, die angeschossen wurden und bluteten, und Leute beim Sex. Wenn ich müde wurde, krakelte ich nur noch herum. Ich versuchte mich an Porträts von Freunden und Bekannten. Meine Familie sah immer total bescheuert aus, aber irgendwie lustig, weil die Bilder ihnen ein bisschen ähnelten, aber doch nicht so ganz. Dann zeichnete ich alles Mögliche aus meiner Kindheit: Hello Kitty, Regina Regenbogen und Mein Kleines Pony. Und die G. I. Joes von meinem Bruder. Ich zeichnete es so, dass die Kleinen Ponys die G. I. Joes umbrachten.

Ich zeichnete Hunderte von Bildern, aber sie taugten alle nichts. Ich war nicht besonders gut. Es war auch ein bisschen traurig, weil ich beim Zeichnen alles sehen konnte, was ich bisher erlebt hatte. Ich hatte alles gezeichnet, was mir einfiel. Spielzeug, Fernsehen und meine Familie. Mein Leben war langweilig. Meinen ersten und einzigen Kuss hatte ich von meinem schwulen Cousin Jamie bekommen.

Eines Tages kam Jan zu mir in den Keller. Er sah meine Zeichnungen, sagte aber nicht viel. Eins nach dem anderen nahm er alle Bilder in die Hand und betrachtete sie. Hinterher legte er sie säuberlich auf einen Stapel.

Er war groß und zurückhaltend, hatte ausgeblichenes blondes Haar, das er nach hinten kämmte und das vorne leicht gewellt war. Er trug einen schlichten goldenen Ehering. Während er sich die Bilder ansah, versuchte ich mir vorzustellen, was er in seiner Freizeit tat, aber mir fiel nichts ein. Er legte das letzte Bild auf den Stapel und sah mich an.

»Wie geht es dem lieben Mond ?«, fragte er. Die Worte hörten sich in seinem Akzent kurz und sauber an. Ein Hauch von Wärme schwang mit, aber kontrolliert.

»Ich habe heute ein paar Kratzer gefunden«, sagte ich.

»Gut«, sagte er und ging. An dem Tag zeichnete ich nicht mehr, sondern ich sah mir wirklich den Mond an.

Am nächsten Tag saß ich wieder im Keller. Es war fast Mittag, als Jan hereinkam.

»Komm mal mit«, sagte er, drehte sich um und ging los. Ich folgte ihm den Flur entlang und nach draußen. Wir gingen hintereinander über den Parkplatz. Die Risse im Asphalt waren mit Teer ausgefüllt, der langsam anfing zu schmelzen. Es gab dort keine Bäume, und die Sonne brannte. Ich folgte Jans hellgelbem Hemdrücken und seiner beigefarbenen Hose zu seinem Wagen. Es war ein alter, verblichen senffarbener Pickup, auf dem hinten in großen weißen Buchstaben TOYOTA stand.

Als ich am Wagen ankam, fummelte Jan an irgendetwas auf der Ladefläche herum. Er hatte die Klappe mit dem TOYOTA-Schriftzug heruntergelassen. Dann legte er eine große schwarze Mappe auf die Ladefläche und öffnete sie. Es waren Zeichnungen drinnen.

»Schau mal«, sagte er. Er trat zurück, und ich sah sie mir an. »Das sind meine«, erklärte er.

Sie waren gut. Hauptsächlich Porträts. Viele von einem schönen Frauengesicht, immer dieselbe Frau. Er konnte viel besser zeichnen als ich.

»Das ist Greta, meine Frau«, sagte er. »Damals war sie noch nicht meine Frau, als ich sie gezeichnet habe. Aber später.«

»Sie ist wunderschön«, sagte ich. War sie auch. Hübscher als ich.

»Die habe ich an der Uni gezeichnet«, erklärte er. »Ich wollte Künstler werden. Aber das war keine gute Idee. Künstler sein ist nicht gut. Ich habe jeden Tag acht Stunden lang geübt. Dann konnte ich zeichnen wie Michelangelo. Und dann ? Es gibt schon einen Michelangelo. Mir wurde klar, dass es nichts mehr zu tun gab. Als Wissenschaftler kann man immer Neues lernen. Immer mehr.«

Ich sah ihn nicht an ; ich betrachtete die Bilder. Ich fühlte mich einsam. Ich stellte mir vor, wie er mit seiner Frau an einem langen Tisch saß und schweigend langweiliges schwedisches Essen aß. Man konnte nur das Klirren von Geschirr und Besteck und ihr leises Schmatzen hören.

»Also«, sagte er. »Verstehst du ?« Er griff mir über die Schulter und schloss die Mappe, aber ich wusste nicht, was ich verstehen sollte. Ich sah ihn an. Er stand einfach da und schaute mich an. Es war total peinlich.

»Okay«, sagte er schließlich. »Bis dann.«

»Bis dann«, sagte ich.

In dem Sommer war mein einziger Freund mein Cousin Jamie. Er war schlau und wusste genau, was er wollte. Er konnte heimlich ziemlich fies zu den Leuten sein, hinter ihrem Rücken, weil zu ihm immer alle ganz offen fies waren.

Am Unabhängigkeitstag lud Jamie mich zu einer Party bei Katie Hesher in Menlo Park ein. Es war meine erste Highschool-Party überhaupt. Katie wohnte auf der anderen Seite vom San Francisquito Creek, wo es ziemlich waldig war, in einem großen, eingeschossigen Holzhaus, eine Art superschicke Blockhütte. Wir waren so um neun da. Alle Zimmer waren voller Leute, die Bier tranken, hauptsächlich Keystone Light. Ich kannte viele von meiner Schule, Paly, aber ich hatte sie noch nie irgendwo sonst gesehen.

Jamie holte mir ein Bier ; ich öffnete es und hielt es in der Hand. Dann war Jamie irgendwo anders und ich setzte mich im Wohnzimmer aufs Sofa. Die Leute kamen, setzten sich aufs Sofa, unterhielten sich und gingen wieder. Ich saß eine Ewigkeit dort. Ich kannte niemanden aus Menlo, und die Leute von meiner Schule kannte ich auch nicht. Gelegentlich nahm ich einen Schluck von meinem Bier. Es schmeckte wie dickflüssiger, schaumiger Urin.

Ich fragte mich, wie Jan wohl den Unabhängigkeitstag feierte. Ich stellte mir vor, wie er mit seiner Frau Greta Arm in Arm ins Kino ging. Sie lächelten. Vielleicht sahen sie sich Schindlers Liste an. Sie saßen in den Kinosesseln, aßen Popcorn, amüsierten sich und nahmen das Leben ernst.

Nach einer Weile stand ich auf und ging nach draußen. Es war neblig. Ich ging unter den Platanen die lange Einfahrt hinunter. Je weiter ich mich entfernte, desto leiser wurde der Partylärm. Am Ende der Einfahrt ging ich über die Straße. Auf der anderen Seite lag das Flussbett des San Francisquito Creek. Es hatte einen langen, steilen Abhang, und ich konnte das Wasser kaum sehen, weil es so dunkel war.

Ich hatte immer noch das Bier in der Hand, aber ich schaffte es nicht mehr ganz. Ich trank noch einen Schluck, dann kippte ich den Rest aus. Der Bach plätscherte in der dunklen Tiefe, aber die Büsche um mich herum waren still. Ich behielt die Dose in der Hand und ging wieder über die Straße und die Einfahrt hinauf. Ich sah einen Typen von meiner Schule, einen Wasserpolo-Spieler, der Zack Cuttle hieß. Er stand hinter einem der Autos in der Einfahrt. Ich wollte ihn grüßen, aber dann merkte ich, dass er wohl gerade pinkelte. Ich ging unauffällig vorbei und sah, dass er die Augen geschlossen hatte. Ich sah noch mal hin und kapierte, dass er gar nicht pinkelte ; er bekam gerade von jemandem hinter dem Auto einen geblasen. Einen Moment lang blieb ich stehen, dann lief ich weiter, damit er mich nicht sah.

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