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Palazzo der heimlichen Sehnsucht

Kate Walker

Palazzo der heimlichen Sehnsucht

1. KAPITEL

„Das kann nicht sein. Da muss ein Irrtum vorliegen!“

Amy betrachtete das imposante Gebäude vor sich und wurde noch nervöser, als ihr bewusst wurde, wie groß und elegant es war.

Der Fahrer des Wassertaxis überschüttete sie mit einem Wortschwall auf Italienisch und gestikulierte dabei heftig, doch sie verstand nur die Worte Ravenelli und palazzo. Offenbar handelte es sich also tatsächlich um die Adresse, die sie ihm genannt hatte.

Bei ihrem letzten Aufenthalt in Venedig hatte Vincenzo Ravenelli allerdings ein viel kleineres Gebäude bewohnt, das auch für kurze Zeit ihr Zuhause gewesen war.

„Aber Signore“, begann sie zögernd. „Ich …“

Erneut begann der Mann auf sie einzureden und dabei lebhaft zu gestikulieren.

„… ich suche das Haus von Signor Vincenzo Ravenelli. Er …“

„Und das hast du auch gefunden“, ließ sich im nächsten Moment eine tiefe Männerstimme mit einem verführerischen Akzent vernehmen, bei deren Klang ihr immer noch prickelnde Schauer über den Rücken liefen. „Du hast mein Haus und endlich auch mich gefunden, meine süße Ehefrau.“

Zu spät merkte sie, dass die Aufmerksamkeit des Fahrers nicht ihr, sondern dem Mann gegolten hatte, der an der Tür erschienen war.

Panik überkam sie, und einige Sekunden lang erwog Amy, dem Fahrer zu sagen, er solle sofort umkehren. Doch wenn sie vor Vincenzo floh, würde sie ihn nie davon überzeugen können, dass er ihr nichts mehr bedeutete.

Deshalb riss sie sich zusammen und versuchte, gleichmäßig zu atmen, bevor sie sich zu ihm umdrehte und ein gekünsteltes Lächeln aufsetzte.

„Hallo, Vincenzo.“ Erleichtert stellte sie fest, dass sie kühl und distanziert klang und nicht verriet, welches Gefühlschaos in ihr tobte. „Du hast dich überhaupt nicht verändert.“

Sie wünschte, er hätte sich verändert. Oder sie würde ihn nach all den Jahren anders sehen. Aber wie hätte sie sich je der Wirkung seines athletischen Körpers mit der muskulösen Brust, den schmalen Hüften und den langen, durchtrainierten Beinen entziehen können? Der seines tiefschwarzen Haars, das in der Nachmittagssonne wie polierter Onyx schimmerte, seiner dunkelbraunen, von dichten, langen Wimpern gesäumten Augen und seiner hohen Wangenknochen?

Keine Frau, die sie kannte, hätte sich nach einem flüchtigen Blick von diesem Mann abwenden können. Und sie auch nicht – trotz allem, was sie über ihn wusste, trotz des Schmerzes, den er ihr zugefügt hatte, und obwohl er sie so gedemütigt hatte.

„Du … siehst gut aus“, brachte Amy hervor, um Fassung bemüht, da Vincenzo nun aus dem Haus gekommen war und neben dem Boot stand, sodass sie zu ihm aufblicken musste.

„Ich wünschte, das könnte ich auch von dir sagen“, erwiderte er spöttisch. „Aber ich kann dich gar nicht richtig sehen. Also, willst du aussteigen oder den ganzen Nachmittag auf dem Boot bleiben, moglie mia?“

„Ich muss noch bezahlen …“ Nervös begann sie, in ihrer Handtasche zu suchen.

„Du erlaubst?“

Noch ehe sie ihr Portemonnaie öffnen konnte, hatte er einige Scheine gezückt und hielt sie dem Fahrer hin. Offenbar enthielt die Summe ein großzügiges Trinkgeld, denn dessen Augen leuchteten.

„Danke“, brachte Amy hervor. Am liebsten hätte sie protestiert, aber der Fahrer des Wassertaxis hatte bei den Worten moglie mia, meine Ehefrau, aufgehorcht und sie neugierig angesehen, und sie wollte Vincenzo in der Öffentlichkeit keine Szene machen. Sobald sie unter sich wären, würde sie es ihm heimzahlen – in jeder Hinsicht.

Die Reaktion des Fahrers hatte sie daran erinnert, dass der Name Ravenelli in der venezianischen Gesellschaft etwas galt, und zwar nicht nur deshalb, weil die Familie seit über drei Jahrzehnten ebenso exquisite wie teure Glaswaren herstellte und damit ein Vermögen gemacht hatte. Sicher wurde in den Klatschspalten der Boulevardpresse auch oft über den ältesten Sohn berichtet, und deshalb wollte sie keine unnötige Aufmerksamkeit erregen.

Vincenzo hingegen hatte in dieser Hinsicht offenbar keine Skrupel.

„Für dich tue ich doch alles, carissima“, konterte er und übertrieb dabei ganz bewusst.

Als er ihr die Hand entgegenstreckte, um ihr aus dem Wassertaxi zu helfen, erschauerte sie, weil ihr klar war, dass er mit seiner Höflichkeit wohl seine wahren Gefühle überspielte.

„Meine Tasche“, sagte sie, als sie ausstieg und dabei seine ausgestreckte Hand ignorierte. Ihn zu berühren, seine kräftigen, gebräunten Finger zu spüren wäre mehr gewesen, als sie ertragen konnte.

„Guido kümmert sich darum.“

Erst jetzt bemerkte sie den kleinen, stämmigen Mann, der offenbar auf ein Zeichen von ihm hin erschienen war und gerade ihre Reisetasche vom Fahrer entgegennahm.

„Ist das alles?“ Stirnrunzelnd betrachtete Vincenzo das kleine Gepäckstück.

„Alles, was ich mitbringen wollte!“

Sie hatte nicht vor, lange zu bleiben. Allerdings war es nicht nur das. Der vernichtende Blick, mit dem er ihre Reisetasche bedacht hatte, schien die ganze Verachtung und den Spott zu verraten, mit dem er damals ihre Gefühle quittiert hatte.

„Schließlich habe ich fast all meine Sachen hiergelassen.“

„Stimmt. Aber wie kommst du darauf, dass ich sie aufgehoben habe? Hattest du nicht behauptet, du würdest für immer aus meinem Leben verschwinden und niemals zurückkommen?“

„Die Umstände ändern sich eben.“

„Richtig.“

Das flüchtige Lächeln, das Vincenzos Lippen umspielte, jagte ihr wieder einen Schauer über den Rücken.

„Allerdings erinnere ich mich dunkel daran, dass du mir die Tür vor der Nase zugeknallt hast, als ich dir prophezeit habe, dass dies hier passieren könnte, cara. Aber lass uns lieber drinnen weiterreden. Sicher bist du müde nach der Reise und möchtest dich frisch machen.“

„Ich würde gern etwas trinken“, erwiderte Amy in demselben höflich-kühlen Tonfall. „Und ich brauche unbedingt Schatten.“

Wenn sie sich etwas ausgeruht und die Fassung wiedergewonnen hätte, wäre sie vielleicht in der Lage, ihm den Grund für ihr Erscheinen zu erklären. Aber nicht jetzt. Seine unerwartete Reaktion hatte sie völlig entmutigt.

Mit dieser Gleichgültigkeit hätte sie niemals gerechnet. Vielmehr hatte sie erwartet, dass Vincenzo sich genauso verhalten würde wie sie vor vier Jahren, als er ihr nach England gefolgt war und darauf bestanden hatte, mit ihr zu reden.

Schockiert darüber, dass er sie so schnell ausfindig gemacht hatte, und voller Kummer, weil er sie derart gedemütigt hatte, war sie in Panik geraten und hatte ihm die Tür vor der Nase zugeknallt, als er vor dem Haus ihrer Mutter stand. Noch immer verfolgte jenes Geräusch sie in ihren Träumen.

„Dann komm rein.“ Er trat beiseite, um sie vorgehen zu lassen. „Willkommen in meinem Zuhause.“

Zögernd betrat Amy den Palazzo und bereute einen flüchtigen Moment lang, nicht im Wassertaxi geblieben zu sein. Was mochte Vincenzo jetzt mit ihr vorhaben?

In der Eingangshalle blieb sie unvermittelt stehen und blickte sich schockiert und fasziniert zugleich um.

Der polierte Marmorfußboden zu ihren Füßen schimmerte wie matte Korallen. Der einzige Schmuck an den hohen cremefarbenen Wänden war ein Spiegel in einem prächtigen Goldrahmen, unter dem ein passender Tisch stand. Die dunklen Läden vor den großen Fenstern waren geschlossen, ließen jedoch vereinzelte Sonnenstrahlen hindurch, und von draußen hörte man das leise Plätschern des Wassers im Kanal.

„Es ist wunderschön!“, erklärte sie begeistert. „Und so groß! Es wirkt gar nicht wie ein Haus, sondern eher wie eine Kathedrale. Seit wann wohnst du hier?“

Vor vier Jahren hatte Vincenzo ein Apartment in einem anderen Teil der Stadt besessen – eine große, elegante, luxuriöse Wohnung zwar, aber nichts im Vergleich zu diesem prachtvollen Domizil.

„Das hier ist unser Familiensitz.“

Irgendetwas an seinem Tonfall verstärkte ihre Anspannung derart, dass Amy herumwirbelte.

„Mein Vater ist letztes Jahr gestorben“, fuhr er kühl fort, als wollte er jegliches Mitgefühl im Keim ersticken. „Er hat mir das Haus vermacht. Außerdem die Weinberge und das gesamte Unternehmen.“

Schockiert blickte sie ihn an. „Alles?“

Er war schon damals vermögend gewesen. Wenn er nun auch das Unternehmen seines Vaters besaß, gehörte er vermutlich zu den Multimillionären.

„Ja“, bestätigte er mit einer jener verächtlichen Kopfbewegungen, die so typisch für ihn waren. „Du bist jetzt die Frau eines sehr reichen Mannes.“

Seine lässigen Worte ließen sie ihren Entschluss, nicht die Fassung zu verlieren, vergessen.

„Ich war nie wirklich deine Frau!“, brauste sie auf. „Unsere Ehe war von Anfang bis Ende eine einzige Lüge. Machst du das immer so, Vincenzo?“

„Amy!“, sagte er mit einem drohenden Unterton.

„Musst du Frauen immer mit Lügen ins Bett locken? Kannst du nicht …?“

„Das reicht, Amy!“

Sein zorniger Gesichtsausdruck und das kalte Funkeln seiner Augen machten ihr bewusst, wie weit sie sich vorgewagt hatte. Sei vorsichtig, ermahnte sie sich. Wenn sie sich Vincenzo zum Feind machte, würde er überhaupt nicht auf ihr Anliegen eingehen. Allerdings schmerzten die Erinnerungen so sehr, dass sie sich nicht hatte beherrschen können.

„Ich …“, begann Amy, doch er hatte sich schon abgewandt.

„Guido.“

Erst als sie sich umdrehte, bemerkte sie seinen Angestellten, der am Fuß der breiten Marmortreppe stand und offenbar alles mitgehört hatte. Deshalb hatte Vincenzo so wütend reagiert.

„Bringen Sie die Tasche der Signora nach oben. Ins Blaue Zimmer.“

„Aber …“ Das war nicht geplant gewesen. „Ich bleibe nicht hier.“

Nun musterte Vincenzo sie spöttisch. „Wo solltest du denn sonst wohnen?“, erkundigte er sich eisig.

„Na ja, ich … dachte, in einem … Hotel.“

Er quittierte ihre Worte mit einer arroganten Geste. „Du bist meine Frau und wohnst hier. Guido …“

Der Angestellte befand sich allerdings schon auf dem Weg nach oben, anscheinend um sich nicht auch noch seinen Zorn zuzuziehen.

Sekunden später wünschte Amy, sie wäre ihm gefolgt, denn nun umfasste Vincenzo ihr Handgelenk und führte sie durch eine der hohen Türen in ein elegantes Wohnzimmer.

Nachdem er die Tür mit dem Fuß geschlossen hatte, blieb er mitten im Raum stehen und drehte sich zu Amy um, ohne sie loszulassen.

„Mir ist klar, dass wir über vieles reden müssen, bella mia, aber das werden wir später unter vier Augen tun. Schließlich braucht niemand zu erfahren, warum du die letzten vier Jahre nicht bei mir gelebt hast.“

„Stimmt“, räumte sie mit bebender Stimme ein.

Hatte sie nicht genau aus dem Grund allen verschwiegen, dass sie verheiratet war? Selbst ihre Mutter ahnte nicht, dass die Reise, die sie ihr damals zum einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte, so geendet hatte.

Genau wie alle anderen in England wusste Sarah Redman nicht, wie naiv sie damals gewesen war. Ich habe den größten Fehler meines Lebens begangen, dachte Amy.

„Dann sind wir uns ja einig. In der Öffentlichkeit bist du meine Frau und verhältst dich auch so.“

Offenbar hatte sie ihn in seinem Stolz verletzt, denn Vincenzo Ravenelli hielt sich für den Besten, den Einflussreichsten und den Erfolgreichsten überhaupt – den Mann, dem die Welt zu Füßen lag und dessen Leben in jeder Hinsicht perfekt war.

Seine Ehe ausgenommen.

Dies war der richtige Zeitpunkt, ihm den Grund für ihr Erscheinen zu nennen. Ihm zu sagen, dass sie sich von ihm scheiden lassen wollte.

Doch als Amy dazu ansetzte und die mühsam unterdrückte Wut in seinen dunklen Augen sah, verließ sie der Mut.

„Und wenn wir allein sind?“, hakte sie deshalb heiser nach.

Vincenzo betrachtete ihr Gesicht und ließ den Blick schließlich auf ihren Lippen ruhen, wobei der Ausdruck in seinen Augen nun ungezügeltes Verlangen verriet.

„Wir werden sehen, cara mia. Ich habe vier lange Jahre darauf gewartet, dass du zur Vernunft kommst und zu mir zurückkehrst. Deswegen kann ich mich jetzt auch noch gedulden.“

Langsam ließ er die Finger über ihre Wange gleiten und strich dabei so verführerisch mit dem Daumen über ihre Lippen, dass sie diese unwillkürlich öffnete und einen schockierten Laut ausstieß.

„Siehst du?“ Er lächelte triumphierend. „Wir kommen uns schon näher. Du wirst dich bald daran erinnern, wie es damals zwischen uns war.“

Vincenzo dachte also tatsächlich, er bräuchte nur abzuwarten und sie würde irgendwann reumütig zu ihm zurückkehren. Aber eher würde sie sterben, als ihn länger in diesem Irrglauben zu lassen! Sie würde ihm jetzt sagen, warum sie hier war.

Doch gerade als sie es ihm entgegenschleudern wollte, neigte er den Kopf und küsste sie so zärtlich, dass es sie bis ins Innerste berührte. Nachdem er sich wieder von ihr gelöst hatte, seufzte sie und wusste selbst nicht, ob vor Entzücken oder aus Enttäuschung.

„Du erinnerst dich, stimmt’s?“ Sein Atem fächelte ihre Wange. „Wie es früher war. Und wie es wieder sein könnte.“

„Wie es war?“ Amy zuckte zurück und funkelte ihn zornig an. „Du meinst die körperliche Anziehungskraft, die mich fälschlicherweise hat glauben lassen, ich würde mehr für dich empfinden? Ich wollte eine Affäre, und da kamst du gerade richtig. Falls du gedacht hast, es wäre mehr, hast du dich gründlich getäuscht!“

Enttäuscht beobachtete sie, wie er nun noch arroganter lächelte. Am liebsten hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst.

„Das Kätzchen hat also doch Krallen“, sagte er leise. „Umso besser. Ich hätte gar nicht gewollt, dass du es mir so einfach machst.“

„Was … soll das heißen?“

„In Herzensangelegenheiten kann die Jagd genauso aufregend sein wie der Augenblick der Inbesitznahme. Die Verzögerung steigert nur das Verlangen. Deswegen kämpf nur gegen mich. Aber irgendwann wirst du mir erliegen, und dann wird es umso schöner sein.“

„Niemals!“, brachte sie hervor und rang mühsam um Fassung, als er schallend lachte.

„Du machst dir etwas vor, meine süße Amy. Du weißt es, und ich tue es auch. Wir gehören zusammen. Die einzige gemeinsame Nacht – unsere Hochzeitsnacht – hat es mir bewiesen.“

Aber weitere Nächte wird es nicht geben, sagte sie sich grimmig. Ihre Ehe hatte weniger als vierundzwanzig Stunden später geendet, und sie war fest entschlossen, nun einen Schlussstrich zu ziehen.

Zuerst allerdings wollte sie sich Genugtuung verschaffen und diesen überheblichen Mistkerl mit seinen eigenen Waffen schlagen.

Erst dann würde sie ihm die Wahrheit sagen.

2. KAPITEL

„Ich würde jetzt gern etwas trinken.“ Betont distanziert löste Amy sich aus seinen Armen und wich zurück, um so viel Abstand wie möglich zwischen Vincenzo und sich zu bringen. Dabei strich sie sich automatisch das Haar glatt, durch das er die Finger hatte gleiten lassen. „Und ich bin müde …“

Er lächelte wissend, nickte jedoch zu ihrer Erleichterung. „Was möchtest du? Tee? Mineralwasser? Ich lasse es dir auf dein Zimmer bringen, ja?“

Mein Zimmer?“, wiederholte sie scharf.

„Natürlich hast du ein eigenes Zimmer, cara mia. Wir wissen beide, warum du hier bist, aber ich möchte dir etwas Zeit zum Eingewöhnen geben. Schließlich waren wir nur kurz zusammen und lange getrennt und müssen uns erst wieder kennenlernen.“

Sie hatte überhaupt nicht das Bedürfnis, ihn besser kennenzulernen, denn sie wusste alles über ihn, was sie wissen musste – dass sich hinter seinem gewandten Äußeren ein abscheulicher Mensch verbarg. Nie wieder würde sie sich von seiner Fassade täuschen lassen!

„Ja, ich würde mich gern zurückziehen“, erwiderte sie. „Ich möchte mich frisch machen und mich eine Weile ausruhen.“

„Natürlich.“

Der Raum, in den er sie führte, war wunderschön – ganz in gedämpften Blau- und in Cremetönen gehalten, mit kunstvoll gewischten Wänden und einer hohen Decke. Ein großes Bett, das mit edler Damastwäsche bezogen war und auf dem zahlreiche weiche Kissen drapiert waren, versprach tiefen, entspannenden Schlaf.

Zu ihrer Linken führte eine halb offene Tür zu einem angrenzenden Bad, und auf der gegenüberliegenden Seite schien die Frühlingssonne durch die hohen Fenster mit Vorhängen aus demselben Stoff wie der Bettüberwurf. Die Atmosphäre hätte zu der im Norden Englands, wo es wolkenverhangen und regnerisch gewesen war, unterschiedlicher nicht sein können.

„Es ist schön!“, meinte Amy ausdruckslos, weil sie sich verpflichtet fühlte, etwas zu sagen.

„Deine Begeisterung ist wirklich überwältigend“, bemerkte Vincenzo.

„Du kennst mich ja …“ Sofort verstummte sie, erschrocken über ihre Wortwahl. Das Lächeln, das nun seine sinnlichen Lippen umspielte, und das Funkeln in seinen dunklen Augen ließen sie erröten und ihr Herz schneller schlagen. „Ich finde diese ganze Pracht etwas unpersönlich. Ich habe es lieber etwas schlichter und gemütlicher wie …“

„Wie mein Apartment“, warf er leise ein.

„Nein, ich meinte das Haus meiner Mutter!“

Sie wollte nicht an sein Apartment denken, in dem sie ihre Hochzeitsnacht verbracht hatte. Gleich nach ihrem Kennenlernen am Anfang ihres Urlaubs hatte er sie dort mit hingenommen, und sie hatte sich sofort wohlgefühlt. Es war lichtdurchflutet und anheimelnd gewesen – und voller Liebe, wie sie geglaubt hatte, ihr zukünftiges Zuhause.

„Das Haus deiner Mutter!“, wiederholte Vincenzo ärgerlich. „Ich durfte es ja nie betreten, geschweige denn deine Mutter kennenlernen.“

„Du warst außer dir vor Zorn! Es wäre dumm von mir gewesen, dich reinzulassen.“

Den wahren Grund würde sie ihm niemals nennen können. Sie hatte gefürchtet, die Erinnerungen daran würden sie bis an ihr Lebensende verfolgen, wenn er das Haus einmal betreten hätte.

„Außerdem war unsere Ehe beendet. Ich habe also keinen Sinn darin gesehen, dich mit meiner Mutter bekannt zu machen.“

„Unsere Ehe war nicht beendet!“

„Du hast mich belogen!“ Amy hörte selbst, wie viel Schmerz aus ihren Worten und ihrem Tonfall sprach. „Dein Ehegelübde war eine Farce.“

„Ich habe jedes Wort ernst gemeint“, erklärte er kühl. „Bis der Tod uns scheidet. Und genau deswegen ist unsere Ehe nicht beendet und wird es auch nie sein.“

„Was?“ Ihr schwirrte der Kopf, und sie sehnte sich danach, sich einfach auf das Bett fallen zu lassen. Allein ihr Stolz hielt sie davon ab und zwang sie, Vincenzo in die Augen zu sehen. „Niemals?“

Wieder machte er eine arrogante Geste. „Ich bin Italiener, cara. Unsere Religion verbietet die Scheidung. Das hast du gewusst, als du mich geheiratet hast, und es gilt heute immer noch. Für mich ist die Ehe für die Ewigkeit.“

„Ich …“

Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn einen zusammenhängenden Satz über die Lippen bringen. Und es wurde noch schlimmer, als sie den Ehering an seiner linken Hand bemerkte – den schlichten, breiten Goldreif, den sie ihm damals überglücklich angesteckt hatte.

Ihr Ring war weg. In ihrem unbändigen Kummer und Zorn hatte sie ihn Vincenzo am Tag nach der Hochzeit entgegengeschleudert und sich geweigert, ihn je wieder zu tragen. Er hingegen hatte seinen behalten. Und anscheinend wollte er die Verbindung aufrechterhalten, obwohl er derjenige war, der ihre Ehe zerstört hatte.

Sie konnte ihre Hoffnungen also begraben.

„Du bist meine Frau“, bekräftigte er. „Daran hat sich nichts geändert, auch wenn wir vier Jahre getrennt waren. Und jetzt bist du wieder hier …“

„Vincenzo!“, unterbrach sie ihn verzweifelt und vergaß in ihrer Panik alle Rachgelüste. Sie musste es ihm sagen, und zwar sofort. „Vincenzo, bitte!“

Doch auch diesmal verlor sie den Mut, sobald sie ihm in die Augen blickte.

„Bitte …“, begann sie wieder mit bebender Stimme. „Ich möchte mich hinlegen. Können wir … später darüber reden?“

Vincenzo lächelte spöttisch. „Natürlich. Aber lass mich nicht zu lange warten. Wenn ich sehe, wie schön du geworden bist …“

„Oh, ich …“

„Du brauchst es nicht abzustreiten“, fiel er ihr ins Wort, denn offenbar hatte er sie falsch verstanden. „Vor vier Jahren warst du ein hübsches junges Mädchen, aber jetzt bist du eine richtige Frau – selbst wenn du deine Schönheit mit so unvorteilhaften Sachen wie diesen hier zu kaschieren versuchst.“

Verächtlich strich er über ihr ärmelloses graues Leinenkleid. Als sie protestieren wollte, hielt er jedoch einen Moment inne, und als er die Hand weitergleiten ließ, war seine Berührung ausgesprochen sinnlich.

„Es ist eine Sünde, einen Körper wie diesen mit langweiligen Farben und harten Stoffen zu verhüllen“, sagte er rau.

Genau deswegen hatte sie sich auch für dieses Kleid entschieden. Als sie es ihm sagen wollte, brachte Amy allerdings kein Wort über die Lippen, so sehr schlugen sein Tonfall und seine Liebkosung sie in seinen Bann.

„Amy, cara mia, wir haben schon viel zu viel Zeit vergeudet.“

„Nein.“

„Doch.“ Langsam neigte er wieder den Kopf, bis sein Mund ihre Stirn streifte. „Warum kämpfst du noch dagegen an?“

Nun ließ er die Lippen über ihre Schläfen, ihre geschlossenen Lider und ihre Wangen gleiten. Hitze flammte in ihr auf, ihr Widerstand schmolz dahin; sie fühlte sich ganz benommen.

Als sie seine Hände auf den Schultern und dann am Hals spürte, erfasste sie ein nie gekanntes ursprüngliches Verlangen, und sehnsüchtig drängte sie sich ihm entgegen.

„Vincenzo …“, brachte sie hervor, und wie aus weiter Ferne drang sein Lachen an ihr Ohr.

„Ich weiß, cara. So sollte es sein.“

Dann küsste er sie so zärtlich, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen und nur noch reagieren konnte. Sie erwiderte das lockende Spiel seiner Zunge und spürte dabei, wie sein Verlangen ihres noch mehr entfachte.

Plötzlich lag sie in seinen Armen, spürte seine Körperwärme und seine Erregung, nahm nichts mehr wahr außer seiner Kraft, seinem maskulinen Duft und seinem leidenschaftlichen Kuss.

Das Blut rauschte ihr in den Ohren, während er eine ihrer Brüste umfasste und sie die Hitze seiner Hand spürte. Die andere hatte er ihr ins Haar geschoben und bog ihren Kopf nach hinten, um sie noch tiefer küssen zu können.

Sobald er die aufgerichtete Spitze mit dem Daumen zu liebkosen begann, loderte ungezähmte Begierde in ihr auf, und ...

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