Logo weiterlesen.de
Palazzo der Liebe

Lee Wilkinson

Palazzo der Liebe

1. KAPITEL

Für einen Spätnachmittag im Juni war es ungewöhnlich feucht und kühl. Dunkle Wolken zogen über den Himmel, und es sah aus, als finge es jeden Moment zu regnen an.

Fröstelnd zog Sophia Jordan den grauen Regenmantel fester um sich. Dann nahm sie die prall gefüllte Plastiktasche und machte sich so schnell es ging auf den Weg nach Hause in ihre Erdgeschosswohnung im Roleston Square, Belgravia. Hier hatte sie mit ihrem Vater gewohnt – bis zu dessen Tod vor drei Monaten.

Der Gedanke an die großen leeren Räume bedrückte sie. Drei Monate voller Trauer und Einsamkeit …

Verständnis und Trost fand Sophia bei Mrs. Caldwell, der das große Haus gehörte. Gemeinsam mit ihrer Nichte Eva bewohnte Mrs. Caldwell die andere Wohnung im Erdgeschoss.

„Kommen Sie doch nach der Arbeit zu mir, Liebes“, hatte die von Arthritis gebeugte alte Dame sie an diesem Morgen freundlich eingeladen, als Sophia bei ihr anklopfte, um zu fragen, ob sie etwas für sie einkaufen solle.

„Obwohl ich Sie bitten müsste, das Kochen zu übernehmen, da Eva heute Abend diesen speziellen Kursus besucht.“

„Natürlich gern. Gibt es etwas, worauf Sie besonders Appetit haben?“

Mrs. Caldwell strahlte. „Wäre es sehr unverschämt, wenn ich mir eine Paella wünsche?“

„Nein, gar nicht.“ Sophia beugte sich nun zu der getigerten Katze hinunter, die ihr um die Beine strich, und streichelte sie.

„Wundervoll!“, freute sich die alte Dame. „Ich habe keine Paella mehr gegessen, seit Arthur mich damals zu diesem Spanienurlaub überredet hat. Eva mag leider keine Reisgerichte.“

Sophia lächelte. „Ich liebe Paella! Dann werde ich heute Abend auf dem Rückweg einkaufen und mich zu Ihnen gesellen, sobald ich umgezogen bin.“

„Und ich sorge dafür, dass der Tisch bis dahin gedeckt ist“, versprach Mrs. Caldwell fröhlich und übergab ihrer Mieterin etwas Geld und eine Einkaufsliste. „Ich freue mich schon auf Ihre Gesellschaft und auf ein frisch zubereitetes Essen.“

Als ihr Chef David Ranton von Sophias Plänen für den Abend erfuhr, schlug er ihr vor, doch etwas früher zu gehen, um sich nicht so abhetzen zu müssen. David arbeitete als international tätiger Kunsthändler und besaß die renommierte Londoner Galerie A Volonté.

„Joanna kann für dich einspringen. Du hast mit der Vorbereitung für die Ausstellung deines Vaters ohnehin schon etliche Überstunden gemacht.“

Sein Leben lang war Peter Jordan ein sehr begabter Freizeitmaler gewesen, und immer wieder hatte sein ältester Freund David versucht, ihn zu überreden, seine Werke einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ohne Erfolg.

„Ich finde seine Arbeiten wirklich brillant. Schade, dass er sich so konstant geweigert hat, sie auszustellen, obwohl ich ihm immer wieder versucht habe zu erklären, was für eine Inspiration sie für junge Amateurmaler bedeuten würden“

„Ich denke, er war auf dem Weg, deine Meinung zu teilen – aber leider zu spät“, antwortete Sophia traurig. „Noch wenige Tage vor seinem Tod hat er mit mir darüber gesprochen.“

„Warum veranstalten wir dann nicht eine Art Gedächtnisausstellung mit seinen Bildern? Wenn wir die Miniaturen dazunehmen, reicht die Menge, um sie auf der oberen Galerie zu präsentieren.“

Da ihr die Idee gefiel, stimmte Sophia zu und stellte David alle Bilder ihres Vaters zur Verfügung, bis auf eines, das in ihrem Schlafzimmer hing. Das Porträt zeigte einen attraktiven jungen Mann mit hellem Haar und dunklen Augen und einem Mund, der sie mit seiner Mischung aus Askese und Sensibilität schon immer besonders berührt hatte.

Seit ihrer Kindheit hielt sie das Bildnis gefangen, und während ihrer Teenagerzeit wob Sophia romantische und verwegene Träume um den geheimnisvollen Fremden. Da ihrem Vater diese Faszination nicht verborgen blieb, schenkte er Sophia das Porträt zu ihrem sechzehnten Geburtstag.

Ihm war es immer nur ums Malen und die Freude an der augenblicklichen Arbeit gegangen. So passierte es häufig, dass er, ohne sein Talent allzu hoch zu bewerten, das fertige Porträt einfach seinem Modell überließ. Was bedeutete, dass er, eingedenk seiner langen Schaffensperiode, ziemlich wenige seiner eigenen Bilder besaß.

Aber das, was da war, packte David kurz entschlossen einfach ein und nahm es mit in die Galerie. Dort verbrachte Sophia etliche Stunden damit, alles ins rechte Licht zu rücken, einen Katalog anzufertigen und sich um die notwendige Öffentlichkeitsarbeit zu kümmern.

Doch jetzt lag die Arbeit hinter ihr, morgen früh sollte die Ausstellung eröffnet werden. Zufrieden mit ihrer eigenen Leistung, akzeptierte Sophia deshalb Davids Angebot, früher Feierabend zu machen. Gegen sechs verließ sie die Galerie und machte auf dem Heimweg bei einem Supermarkt halt. Wie jeden Freitag herrschte in dem Laden viel Betrieb.

Als es ihr endlich gelungen war, sich zwischen den anderen Käufern samt den sperrigen Einkaufswagen hindurchzuzwängen, hatte sie sich eine Laufmasche zugezogen, und das Haar fiel ihr in wirren Locken auf die Schultern.

Zu allem Überfluss regnete es inzwischen auch noch. Mit einem frustrierten Seufzer schlug Sophia den Mantelkragen hoch. Während sie sich auf den Weg machte, überlegte sie, dass es viel besser gewesen wäre, die Lebensmittel auf zwei Tragetaschen zu verteilen, da noch ein ziemliches Stück Weg vor ihr lag und der dünne Griff ihr jetzt schon in die zarte Haut schnitt.

Zum x-sten Mal wechselte sie die schwere Tüte von einer Hand in die andere. Doch diesmal entglitt das schlüpfrige Plastik ihren klammen Fingern, die Tüte fiel zu Boden, und ihr Inhalt rollte einem hochgewachsenen blonden Mann, der wenige Schritte hinter ihr ging, vor die Füße.

Während der Strom der anderen Passanten sich teilte und rechts und links an Sophia vorbeifloss, blieb der gut angezogene Fremde stehen und sammelte mit bemerkenswertem Geschick die verstreuten Lebensmittel wieder ein.

Wie betäubt starrte Sophia auf seinen gesenkten Kopf mit dem dichten blonden Haar, auf dem die Regentropfen wie Diamanten glitzerten, während er alles wieder in die Tüte zurückpackte und sich dann aufrichtete.

„Zum Glück waren keine Eier dabei“, stellte er lächelnd fest. Seine Stimme klang tief und warm und hatte einen Akzent, den sie nicht gleich einordnen konnte. Er hielt die Tüte mit einer Hand an den Henkeln, mit der anderen stützte er vorsichtshalber den Boden. Als Sophia in sein markantes Gesicht sah, erstarrte sie.

Und während ihr Gehirn signalisierte, dass es unmöglich er sein konnte, sagte ihr wild klopfendes Herz etwas ganz anderes. Konnte es möglich sein?

Obwohl es ihr in der Dämmerung schwerfiel, seine Augenfarbe zu erkennen, waren ihr die strengen klaren Züge, der asketisch geschnittene Mund und das feste Kinn mit der kleinen Kerbe so vertraut wie ihr eigenes Gesicht.

Völlig unverhofft überkam Sophia Freude und ein seltsames Gefühl der Genugtuung, als erfülle sich in diesem Moment etwas, auf das sie schon ihr Leben lang wartete. Das ihr vorbestimmt war.

„Himmel! Ich fürchte, die ganze Tüte löst sich langsam auf“, stellte der Fremde besorgt fest, während Sophia ihn immer noch wortlos und fasziniert anstarrte. „Müssen Sie noch weit gehen?“

Irritiert blinzelte sie und schüttelte automatisch den Kopf. „N…nein, nur ein Stückchen die Roleston Road entlang.“

„Dann gehen Sie am besten vor.“

„Danke für Ihre Hilfe“, murmelte Sophia verlegen. „Aber ich möchte Sie nicht länger aufhalten.“ Noch beim Sprechen spürte sie den Schmerz, der ihr bevorstand. Wenn er ihr jetzt die Tüte aushändigte und seiner Wege ginge, würde sie ihn nie wiedersehen.

Doch zu ihrer Erleichterung lag das gar nicht in seiner Absicht.

„Wie es der Zufall will, muss ich genau in die gleiche Richtung“, verkündete er lächelnd.

Die aufregende Aussicht, seine Gesellschaft noch ein wenig länger genießen zu können – obwohl er ja nicht wirklich er sein konnte, wie sie genau wusste – ließ Sophia für einen Moment die Traurigkeit vergessen, die sie seit Wochen stetig begleitete.

„Wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht …?“, brachte sie etwas atemlos hervor.

„Absolut nicht.“

Da erwiderte sie sein Lächeln und versuchte, ihre Aufregung zu verbergen, die so ganz untypisch für sie war.

„Sie wohnen also in der Roleston Road?“, fragte der Fremde, der er trotz ihrer Verzauberung und des seltsam vertrauten Gefühls nun einmal war. Während sie versuchte, mit ihm Schritt zu halten, riskierte Sophia einen schnellen Seitenblick. Die Ähnlichkeit verblüffte sie zutiefst.

„Nein, gleich dahinter, auf dem Roleston Square. Ich habe eine Wohnung in einem der alten georgianischen Häuser mit Blick über die Square Gardens.“

„Leben Sie allein?“

„Erst seit Kurzem.“

„Sie erscheinen mir viel zu jung, um allein zu leben.“

Sophia lachte leise. „So jung bin ich gar nicht.“

Er schaute in ihr herzförmiges Gesicht mit der makellosen Haut, den großen wachen Augen, betrachtete sinnend die geschwungenen Brauen, die schmale, gerade Nase und den weichen Mund und verharrte auf den langen, vom Regen feuchten dunklen Locken, die ihrem hochgeschlagenen Kragen entschlüpft waren.

„Keinen Tag älter als sechzehn, würde ich sagen.“

„Ich bin fünfundzwanzig.“

„Fünfundzwanzig …“, wiederholte er in einem Ton, der irgendwie erleichtert klang. „Und seit wann leben Sie allein?“

Ihre Stimme schwankte leicht, als sie antwortete. „Seit mein Vater vor ein paar Monaten gestorben ist.“

„Kam sein Tod überraschend?“, fragte er sanft.

„Irgendwie schon. Dabei war er ziemlich lange krank, doch das Ende kam sehr plötzlich.“

„Und Ihre Mutter?“

Für den Bruchteil einer Sekunde irritierten Sophia die sehr direkten Fragen, doch dann siegte das Bedürfnis, ihr Herz gegenüber dem offenbar mitfühlenden Mann ein wenig auszuschütten. Vielleicht auch nur, weil er ihr so wenig fremd erschien und sie seine Gesellschaft so lange wie möglich genießen wollte.

„Sie starb, als ich sieben war.“

„Keine Geschwister?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin ein Einzelkind.“

„Ihr Vater kann noch nicht sehr alt gewesen sein …“, überlegte er laut.

„Zweiundsechzig. Er hat erst mit sechsunddreißig geheiratet.“

„Und nach dem Tod Ihrer Mutter gab es keine Frau mehr in seinem Leben?“

Wieder schüttelte sie den Kopf. „Nein. Ich habe es auch nie verstanden. Abgesehen davon, dass er ausgesprochen attraktiv, begabt und ein umgänglicher Mensch war, besaß er einen ganz besonderen Humor …“ Ihre Stimme verebbte.

„Worin lag seine Begabung?“

„Er malte.“

„Also ein Künstler?“

„Nein, Diplomat. Das Malen bedeutete für ihn Hobby und Leidenschaft zugleich. Und seit er nach einem Unfall in den vorzeitigen Ruhestand trat, verschrieb er sich ganz der Malerei.“

„Landschaften?“

„Weniger, hauptsächlich Porträts. Eines davon ähnelt Ihnen sehr“, platzte Sophia ungewollt hervor. Daraufhin warf der Mann ihr einen verwirrten Seitenblick zu.

„Mir?“ In seiner Stimme schwang ein amüsierter Unterton mit.

„Ja.“

„Und? Ist es eine gute Arbeit?“

„Jemand hat sie als brillant bezeichnet. Die Galerie, in der ich arbeite, eröffnet morgen eine Ausstellung mit den Werken meines Vaters“, fügte sie wegen seiner skeptischen Miene fast trotzig hinzu.

„Um welche Galerie handelt es sich?“, hakte er höflich nach.

A Volonté.“

„Dann sind Sie auch Künstlerin?“

Sophia lächelte. „Ich wünschte, es wäre so. Ich habe sogar kurz eine Kunstakademie besucht, aber mir fehlt sein Talent.“

„Und was tun Sie dann in dieser Galerie?“

„Ich helfe, Kunst zu verkaufen, könnte man sagen. Ich schätze den Wert von Kunstwerken, fotografiere und katalogisiere sie, stelle Expertisen aus und bin auch für ihre Reinigung und Restaurierung zuständig, falls erforderlich. Vor dem Job in der Galerie habe ich zwei Jahre in einem Museum als Restauratorin gearbeitet“, erklärte Sophia angesichts seiner zweifelnd erhobenen Brauen. „Dabei habe ich gleichzeitig meine Begabung und Freude für diese Tätigkeit entdeckt.“

„Ihr Vater war sicher sehr stolz auf Sie.“

Traurig und mit gesenktem Kopf nickte sie.

„Sie vermissen ihn sehr, nicht wahr?“

„Ja … Ich habe mich immer noch nicht wirklich daran gewöhnt, allein zu sein …“

Normalerweise gab sie nicht so viel von sich preis, nicht einmal ihren Freunden gegenüber. Warum, um alles in der Welt, vertraute sie sich plötzlich jemandem an, den sie überhaupt nicht kannte?

Doch das stimmte nicht – sie kannte ihn. Ihr ganzes Leben lang … „Gibt es denn keinen Mann in Ihrem Leben außer Ihrem Vater?“

„Ich war sogar verlobt“, gestand sie ernst. „Aber als Dad so krank wurde, ließ ich ihn abends nicht gern allein, und das hat meine Beziehung sehr belastet. Phillip ärgerte sich darüber, dass ich nicht mehr so viel Zeit mit ihm verbrachte, deshalb gab ich ihm seinen Ring zurück.“

„Das war sicher sehr hart für Sie.“

„Nicht so schlimm, wie ich anfangs glaubte. Erst nach unserer Trennung ging mir auf, dass ich Phillip gar nicht wirklich geliebt habe.“ Dass sie sich eigentlich nur in ihn verliebt hatte, weil er vage dem Mann auf ihrem Porträt ähnelte, behielt sie lieber für sich.

„Danach gab es keinen anderen mehr?“

Sophia schüttelte den Kopf.

Ihr Begleiter lachte leise. „Nach dem Berg an Lebensmitteln, den Sie eingekauft haben, bin ich davon ausgegangen, dass Sie eine ganze Armee von Verehrern füttern müssen.“

Sein neckender Tonfall tat ihr gut, aber sie selbst war darin so ungeübt, dass sie nicht wusste, wie sie darauf reagieren sollte. „Ich habe für die alte Dame eingekauft, der das Haus gehört, in dem ich wohne, und die in der Wohnung gegenüber von mir lebt. Sie ist heute allein und hat mich zum Abendessen zu sich eingeladen.“

„Schade, da ist sie mir also zuvorgekommen. Ob sie die Essenseinladung vielleicht verschieben könnte?“

Vor Überraschung machte Sophias Herz einen kleinen Sprung – bis ihr bewusst wurde, dass sie unmöglich auf sein verführerisches Angebot eingehen konnte. Es kostete sie allerdings ihre ganze Willenskraft, es abzulehnen.

„Tut mir leid, aber ich kann Mrs. Caldwell nicht allein lassen. Sie freut sich so sehr auf den Abend, außerdem habe ich versprochen zu kochen.“

„Wie schade … für mich.“

Weiter sagte er nichts, und Sophia überlegte insgeheim, ob er seine spontane Idee bereits wieder bedauerte und sogar erleichtert war, dass sie seine Einladung ablehnte. Aber eigentlich glaubte sie das nicht.

Sie bogen um die Ecke und überquerten einen ruhigen, von hohen Bäumen umstandenen Platz. Vor einem von Säulen flankierten Hauseingang mit der Nummer zwölf hielten sie an.

Den Gehsteig erhellte eine altertümliche Lampe über der schweren Holztür und das Licht, das hinter einem der Erdgeschossfenster schien. Die obere Etage lag im Dunkeln, wie Sophia es erwartet hatte. In der riesigen Wohnung lebte ein Anwaltsehepaar mit Segelboot, das sie so gut wie jedes Wochenende nutzten.

Als sie zu dem beleuchteten Fenster hinüberschaute, bewegten die Vorhänge sich ganz sacht. Sicher hatte Mrs. Caldwell bereits Ausschau gehalten und sie beide ankommen sehen.

Während Sophia in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel suchte, hoffte sie mit klopfendem Herzen, dass der Fremde sie um ein Wiedersehen bitten würde.

„Wohnen Sie auch in dieser Gegend?“, fragte sie etwas atemlos.

„Nein, ich lebe überhaupt nicht in London, sondern bin nur geschäftlich hier.“

„Oh …“ Ihr Herz sank.

Er hielt die Tüte mit den Einkäufen in der linken Hand, nahm Sophia das Schlüsselbund mit der rechten ab und erwischte auf Anhieb den richtigen Schlüssel. Dann hielt er die Haustür auf und trat auffordernd zur Seite. Als sie die Eingangshalle durchquerten, lugte Mrs. Caldwell aus ihrer Wohnungstür.

„Ah, da sind Sie ja, meine Liebe!“, rief sie fröhlich. „Ich hatte schon befürchtet, Sie müssten Überstunden machen.“

„Eigentlich bin ich sogar früher aufgebrochen, aber das Einkaufen hat schrecklich lange gedauert“, erklärte Sophia.

„Ein typischer Freitagabend“, bestätigte die alte Dame und musterte neugierig den attraktiven Mann an der Seite ihrer jungen Mieterin. „Wenn Sie inzwischen andere Pläne haben und unsere Verabredung absagen wollen, wäre das kein Problem für mich.“

Offenbar erwartete der blonde Fremde ihre Antwort ebenso gespannt wie ihre Vermieterin. „Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie nach kaum merklichem Zögern. „Ich ziehe mich nur noch rasch um und bin gleich bei Ihnen, Mrs. Caldwell.“ Die energisch hervorgebrachte Antwort galt beiden.

„Keine unnötige Hast, Liebes“, sagte die alte Dame freundlich. „Ich lasse die Tür auf und schenke uns beiden schon mal ein Gläschen Sherry ein.“ Damit verschwand sie in ihrer Wohnung.

Auch Sophias Wohnungstür hatte ihr Begleiter inzwischen aufgeschlossen und folgte ihr jetzt durch die schmale Diele in eine großzügige Küche mit anschließendem Wohnraum. Während sie ihren Laptop zuklappte und zur Seite schob, damit er die Lebensmittel auf dem Esstisch abstellen konnte, sah er sich neugierig um.

„Ein überraschend offener Grundriss, absolut ungewöhnlich für Häuser dieser Epoche.“

Als er Sophia fragend anschaute, sah sie zum ersten Mal richtig seine Augen. Wie bei dem Mann auf dem Porträt waren sie von einem klaren Grau und so dunkel, dass sie in der Dämmerung eher schwarz wirkten. Ein ungewöhnlicher Kontrast zu dem naturblonden Haar, wie bei ihrem Traummann …

Sie räusperte sich. „Als Mrs. Caldwell sich entschied, das Haus in drei Wohnungen umzubauen, hat sie es bewusst von Grund auf sanieren und einem modernen Wohnstil anpassen lassen.“

Er nickte. „Es muss schön sein, hier zu wohnen.“

„Ich habe es immer geliebt“, erklärte Sophia etwas abwesend und brannte darauf, endlich mehr über ihn zu erfahren. „Darf ich fragen, wo Sie leben?“

„Nach dem Studium die meiste Zeit in New York.“

„Oh.“ Bedeutete das etwa, er lebte immer noch in New York? Wenn ja, sank die Chance, ihn je wiederzusehen, gen null, so viel stand fest.

Doch sie versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. „Ihr Akzent … irgendwie kommt er mir nicht typisch amerikanisch vor“, hakte sie vorsichtig nach.

„Das ist er auch nicht, sondern eher eine Mixtur. Ich bin zwar bereits als Kind in die USA übergesiedelt, aber einer langen Familientradition zufolge habe ich in England studiert.“

„Dann haben Sie also englische Wurzeln?“

„Väterlicherseits ja, aber meine Mutter ist Italienerin.“

Das erklärte auch den südländischen, für naturblonde Menschen ziemlich untypischen Teint … und die winzige Färbung in seinem Akzent, die sie bisher nicht hatte einordnen können.

Dann haben wir ja doch etwas gemeinsam, ging es ihr durch den Kopf.

„Meine Mutter war auch Italienerin!“ Ihre Stimme bebte leicht vor Aufregung.

„Was für ein Zufall“, murmelte er. „Darf ich ihren Namen erfahren?“

„Maria.“

Sie erwartete weitere Fragen oder Bemerkungen, aber zu ihrem Erstaunen wechselte er abrupt das Thema.

„Werden Sie jetzt ganz allein hier wohnen bleiben?“

„Ich weiß noch nicht“, gab sie wahrheitsgemäß zurück.

„Mit drei Schlafzimmern ist die Wohnung eigentlich viel zu groß für mich. Als mein Vater noch lebte, war sie perfekt für uns, das dritte Zimmer zur Nordseite benutzte er als Atelier.“

„Das erinnert mich daran … besitzen Sie noch dieses Porträt, das mir so ähnlich sehen soll?“

„Ja.“

„Darf ich es mir vielleicht kurz anschauen? Sie haben mich wirklich neugierig gemacht.“

„Es … es hängt in meinem Schlafzimmer“, bekannte sie etwas unbehaglich.

Er schaute in ihre schönen Augen, die er hier, im Schein der Wohnzimmerlampe, als dunkelsmaragdgrün mit goldenen Pünktchen identifizierte.

„Ich habe damit kein Problem, solange es Ihnen nichts ausmacht“, erklärte er mit einem kleinen Lächeln.

Nicht der Umstand, dass es in ihrem Schlafzimmer hing, beunruhigte Sophia. Aber das Porträt ähnelte ihm tatsächlich sehr, und sie bekam plötzlich Angst, er könne erraten, wie viel es oder er ihr bedeutete.

„Es macht Ihnen doch etwas aus“, stellte er fest. „Vielleicht wollen Sie mir lieber ein anderes Werk Ihres Vaters zeigen?“

„Nein, nein! Die anderen Bilder hängen alle in der Ausstellung“, erwiderte sie rasch.

„Und warum dieses eine nicht?“

„Weil es nie beendet wurde. Kommen Sie …“

Als sie ihre Schlafzimmertür öffnete, das Licht anknipste und zur Seite trat, schlug Sophias Herz bis zum Hals. Der weiß getünchte Raum war mit einem altrosa Teppichboden ausgelegt und sehr sparsam möbliert. Das Porträt – übrigens das einzige Bild im Zimmer – hing zwischen zwei hohen Fenstern.

Stumm trat der Fremde näher und betrachtete es.

Der Hals, die breiten Schultern und der Ansatz eines offen stehenden Hemdes waren nur skizzenhaft erfasst, aber die klassischen Gesichtszüge, das dichte blonde Haar, die breite Stirn, die ausdrucksstarken grauen Augen unter den dunklen Brauen, der großzügige Mund und die markante Kerbe im Kinn präzise ausgearbeitet.

Sophia schaute zwischen Original und Porträt hin und her und fand die Ähnlichkeit noch frappierender als zuvor. Der einzige Unterschied lag in dem etwas kürzer geschnittenen Haar des Mannes auf der Leinwand. Auch die Wimpern und Brauen wirkten beim genauen Hinsehen eine Spur dunkler, ansonsten hätten die beiden Zwillinge sein können.

Unmöglich!

Das Porträt musste noch vor oder kurz nach der Geburt des Mannes gemalt worden sein, der immer noch schweigend und fasziniert auf sein eigenes Konterfei starrte.

„Was ist der wahre Grund, warum Sie das Bild nicht mit ausstellen? Für mich wirkt es, so wie es ist, komplett.“

Sie blieb ihm eine Antwort schuldig.

„Ihr Vater war ein sehr bemerkenswerter Künstler“, fuhr der Fremde nach einer Pause fort. „Die Augen wirken so lebendig … Sie haben recht, es ähnelt mir tatsächlich sehr. Es ist, als schaute ich in einen Spiegel. Wann ist das Porträt entstanden?“

„Ich bin nicht ganz sicher, aber auf jeden Fall vor meiner Geburt.“

„Kennen Sie das Modell?“

„Leider nicht. Aber natürlich habe ich meinen Vater danach gefragt. Er sagte, es sei jemand, den er vor sehr langer Zeit flüchtig gekannt habe.“

„Schade … Vielen Dank, dass Sie es mir gezeigt haben.“

Damit wandte er sich einfach um, blieb jedoch beim Hinausgehen vor ihrer Frisierkommode stehen. „Eine sehr schöne Schmuckschatulle“, stellte er bewundernd fest.

„Ja, das letzte Geschenk meines Vaters. Ich fand es erst nach seinem Tod. Er hatte es für meinen Geburtstag in seinem Schreibtisch versteckt.“

„Gefüllt mit unschätzbaren Juwelen?“, neckte er freundlich, als wolle er den Hauch von Traurigkeit vertreiben, den er in ihrer Stimme hörte.

Sophia lächelte schmerzlich. „Nein, vollkommen leer.“

„Wann wird die Ausstellung mit den Bildern Ihres Vaters eröffnet?“, fragte er, als sie wieder im Wohnzimmer standen.

„Morgen früh – geplant ist ein Monat … Wie lange bleiben Sie noch in London?“, fragte Sophia beherzt auf dem Weg zur Tür.

„Ich fliege morgen ab“, entgegnete der Fremde und zerstörte damit ihren letzten Funken Hoffnung. „Jetzt habe ich aber genug von Ihrer kostbaren Zeit beansprucht“, fuhr er fort, bevor ihr eine rettende Idee einfiel, um ihn zurückzuhalten. „Vermutlich wird es Zeit, dass Sie sich umziehen und zu Ihrer Verabredung gehen.“

„Ich … ich kann Ihnen gar nicht genug für Ihre Hilfe danken“, stammelte Sophia, während er die Wohnungstür öffnete.

„Es war mir ein Vergnügen“, versicherte er charmant. „Genießen Sie den Abend. Arrivederci.“

Wie festgefroren stand Sophia auf der Stelle, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, und auch, als sie das gleiche Geräusch von der Haustür hörte.

Er war fort. Und sie wusste nicht einmal seinen Namen.

Himmel! Warum ließ sie ihn einfach so ziehen? Warum hatte sie ihn nicht eingeladen, ihr und Mrs. Caldwell bei der Paella Gesellschaft zu leisten? Die alte Dame freute sich über jede Abwechslung und hätte sicher nichts dagegen gehabt.

Aber jetzt war es zu spät für Reue.

Sophia seufzte auf und haderte mit dem Schicksal. Wie konnte es nur so grausam sein, ihr den Mann ihres Lebens ins Haus zu bringen und gleich wieder zu entreißen? Plötzlich glaubte sie, etwas unendlich Kostbares verloren zu haben, das von Rechts wegen ihr gehörte.

Als sie bemerkte, dass sie immer noch wie eine Salzsäule dastand und die Tür anstarrte, riss sie sich zusammen und ging ins Schlafzimmer zurück, um sich umzuziehen. Die arme Mrs. Caldwell wartete wirklich lange genug.

Mit einiger Anstrengung widerstand Sophia der Versuchung, sich noch einmal das Porträt anzuschauen, trocknete ihr immer noch feuchtes Haar, ließ es locker über die Schulter herabfallen und tauschte ihr Businesskostüm rasch gegen Rock und Pulli.

Dann sortierte sie die Lebensmittel, packte die ihrer Vermieterin zurück in die Tüte und schaute sich nach ihrem Schlüsselbund um. Doch sie entdeckte es nirgendwo. Vielleicht steckte es ja noch im Schloss … nein.

Möglicherweise ist es mit den Einkäufen zurück in die Tüte gewandert, überlegte Sophia. Doch die noch einmal auszupacken, reizte sie überhaupt nicht. Rasch suchte sie die Ersatzschlüssel aus der Schublade ihres Sideboards, löschte das Licht, zog die Tür hinter sich zu und eilte durch den Flur zu Mrs. Caldwells Wohnung.

Als Sophia die anheimelnde Diele betrat, hörte sie Geräusche, die ihr verrieten, dass sich die alte Dame eine ihrer Lieblingsserien im Fernsehen anschaute.

„Ich bin’s!“, rief sie mit erhobener Stimme, um Mrs. Caldwell nicht unnötig zu erschrecken. Wie drüben bei Sophia, gab es auch hier einen großzügigen hellen Bereich, der Küche, Ess- und Wohnzimmer in sich vereinte. Im Kamin brannte ein gemütliches Feuer, und auf dem niedrigen Couchtisch standen zwei gefüllte Sherrygläser bereit.

Doch anstatt vor dem Fernseher zu sitzen, stand Mrs. Caldwell am Fenster, hielt die Vorhänge mit einer Hand leicht zur Seite und drehte sich bei Sophias Eintritt lächelnd zu ihr um. „Fühlen Sie sich ganz zu Hause, Liebes.“

Sophia legte das Wechselgeld auf den Couchtisch und brachte ihre Einkäufe hinüber in die Küchenecke. Während sie auspackte, strich Sam, der ältere von Mrs. Caldwells vierbeinigen Hausgenossen, um ihre Beine und schnurrte dabei wie eine Nähmaschine.

Sein Frauchen griff zur Fernbedienung, stellte den Fernseher aus und ließ sich bequem auf der Couch nieder. „Warum setzen Sie sich nicht erst einen Augenblick zu mir und trinken Ihren Sherry, bevor Sie mit dem Kochen anfangen?“

„Den genehmige ich mir lieber, während ich die Paella mache“, erwiderte Sophia, die wusste, dass ihre Vermieterin immer sehr früh zu Bett ging. „Sonst wird es viel zu spät mit dem Essen.“

„Vielleicht haben Sie recht.“

Als Sophia auch in der Tüte kein Schlüsselbund fand, runzelte sie kurz die Stirn. Dann ging sie zum Couchtisch hinüber, um ihren Sherry zu holen. Während sie Zwiebeln, Tomaten und Peperoni schnippelte, trank sie immer wieder ein Schlückchen. Schließlich zerdrückte sie mit dem Messerrücken noch zwei frische Knoblauchzehen und dünstete alles zusammen in Olivenöl an.

„Mmm, das riecht aber köstlich!“, freute sich Mrs. Caldwell. „Jetzt merke ich erst, wie hungrig ich bin.“

„Dann bin ich noch nachträglich froh, dass ich die meisten Zutaten in der vorgekochten Version gewählt habe, so können wir schon bald essen.“

„Wie schlau von Ihnen“, lobte die alte Dame und blinzelte Sophia listig zu. „Verraten Sie mir auch, wer dieser umwerfende junge Mann war, der Sie heute nach Hause begleitet hat?“

„Das weiß ich leider nicht“, gestand Sophia und versuchte, so gelassen wie möglich zu klingen.

„Aber Sie müssen sich doch kennen?“, wunderte sich Mrs. Caldwell.

„Nein, überhaupt nicht. Er hat mir nur angeboten, meine Einkäufe nach Hause zu tragen, nachdem die Tüten auf den Boden gefallen und alles auf die Straße gepurzelt ist.“

Das enttäuschte Mrs. Caldwell offensichtlich. „Haben Sie denn gar nichts über ihn herausfinden können, Liebes? Zum Beispiel, wo er lebt, und womit er seinen Lebensunterhalt verdient? Oder ob er eine feste Freundin hat? In Ihrem Alter hätte ich das sicher getan.“

„Ich weiß nur, dass er momentan geschäftlich in London ist … oh, und dass er englische Wurzeln hat. Seine Mutter kommt allerdings aus Italien.“

„Na, dann haben Sie beide ja schon etwas gemeinsam“, erklärte Mrs. Caldwell voller Genugtuung. „Was ich übrigens längst einmal fragen wollte – haben Sie eigentlich noch Verwandtschaft in Italien?“

„Wenn, dann nur sehr weitläufig. Meine Mutter war Einzelkind, genau wie ich, und ihre Eltern sind vor etlichen Jahren verstorben.“

„Ich frage nur, weil der Mann, der Ihren Vater besucht hat, offenbar Italiener war.“

Bei dieser Bemerkung sah Sophia überrascht von der Paellapfanne auf. „Welcher Mann? Wann soll das gewesen sein?“

„Oh, es ist schon eine Weile her“, erklärte die alte Dame vage. „Hat Ihr Vater Ihnen denn gar nichts davon erzählt?“

„Nein, ich höre es heute zum ersten Mal.“

„Seltsam …“ Mrs. Caldwell legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Nun, dieser Mann kam jedenfalls eines Tages in einem Taxi vorgefahren, während Sie in der Galerie gearbeitet haben.“

„Wie sah er denn aus?“

„Sehr gut“, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. „Etwas untersetzt und korpulent, wie mein seliger Arthur, mit dem gleichen dichten grauen Haar. Er muss irgendwas in den Sechzigern sein, wirkte aber jünger, was möglicherweise an den buschigen schwarzen Augenbrauen lag.“

Wäre Sophia nicht so angespannt gewesen, hätte sie über Mrs. Caldwells zweifelhaftes Schönheitsideal gelacht.

„Da auf sein Läuten niemand reagierte, hat er es bei mir versucht, und als ich ihm öffnete, fragte er in gebrochenem Englisch nach Signor Jordan. Er hatte ein Päckchen für Ihren Vater bei sich.“

„Was für ein Päckchen?“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Palazzo der Liebe" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen