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Palast der Leidenschaft

1. KAPITEL

„Ich will keine Frau mehr sehen. Nie mehr!“

Das klang so endgültig, dass Emad ibn Elkaateb, der Vertraute von Scheich Fareed Al Zaafer, erst einmal betroffen schwieg. Er hatte durchaus Verständnis für den Zornesausbruch des Freundes. Gleichzeitig blieb ihm aber gar nichts anderes übrig, als weiter zu insistieren. „Ich bin auch fast der Meinung, dass es für Sie keine passende Frau gibt.“ Er seufzte. „Aber hier geht es nicht um Sie und Ihre unerklärlichen Wünsche. Ich muss leider darauf bestehen.“

„Was?“ Fareed lachte auf, wütend und ungläubig zugleich. „Ausgerechnet du, der du mir doch selbst bewiesen hast, dass das alles nur Schwindel und Betrug war, ausgerechnet du willst mich dazu zwingen, so was noch mal durchzumachen? All diese widerlichen Lügen wieder ertragen zu müssen? Wer bist du, und was hast du mit meinem Freund Emad gemacht?“

Emad senkte den Kopf und ließ resigniert die Schultern hängen. Verständlicherweise war Fareed empört. Er war es nicht gewohnt, von Emad an seine Verpflichtungen als Königssohn erinnert zu werden. Und auch nicht daran, dass Emads Ehre als sozusagen rechte Hand Fareeds auch davon abhing, seine Pflichten ernst zu nehmen.

Dann hob Emad wieder den Kopf und sah den jungen Prinzen nachsichtig an. Schließlich war er, Emad, dessen engster Vertrauter und stand ihm näher als Familie, Freunde oder die Mitarbeiter im Klinikzentrum. „Nur da ich wusste, dass Sie enttäuscht werden würden, war ich gegen Ihre Pläne. Pläne, die Sie letzten Endes nur mit Menschen in Verbindung brachten, die Sie ausnutzen wollten. Andererseits kann ich Ihnen wegen Ihrer Strategie keine Vorwürfe machen. Meine eigene war ja auch nicht sehr erfolgreich. Hesham hält sich zu gut versteckt.“

Fareed nickte verbittert. Hesham. Eine empfindsame Seele und ein großer Künstler. Der jüngste der zehn Geschwister und von allen sehr geliebt.

Dass er nicht aufzufinden war, war allein die Schuld von ihrem Vater, dem König. Vor gut drei Jahren war Hesham nach einem langen Aufenthalt in Amerika nach Jizaan zurückgekehrt und hatte alle mit der Ankündigung überrascht, eine Amerikanerin heiraten zu wollen. Irgendwie hatte er die Hoffnung gehabt, den Vater überreden zu können, ihm seinen Segen zu geben. Doch das Gegenteil war der Fall. Der Vater befahl Hesham, den Kontakt zu seiner Verlobten total abzubrechen und eine Frau zu heiraten, die vom Herrscherhaus ausgesucht werden würde.

Als Hesham sich weigerte, geriet sein Vater außer sich vor Zorn. Er schwor, die amerikanische Schlampe zu finden, die sich auf diesem Wege in eine königliche Familie einschleichen wolle. Und er würde sie so strafen, dass sie wünschte, nie seinen Sohn auf so hinterlistige Weise verführt zu haben. Außerdem solle Hesham endlich aufhören, seine aussichtslose Künstlerkarriere fortzusetzen, und sich lieber seinen Pflichten als Thronerbe widmen. Lange genug habe er nur seinem eigenen Vergnügen gelebt. Damit sei jetzt Schluss.

Nachdem Fareed und seine Geschwister sich erfolglos bemüht hatten, den Vater umzustimmen, befreiten sie den Bruder, dem der Vater Hausarrest verordnet hatte, und verhalfen ihm zur Flucht. Weinend hatte er von ihnen Abschied genommen und sie beschworen, nicht nach ihm zu suchen, denn nur so könne er sich und die geliebte Frau vor dem Zorn des Vaters schützen.

Doch keiner hatte ihm das Versprechen geben wollen. Stattdessen hatten sie versucht, seinen Fluchtweg zu verfolgen, mussten aber schließlich aufgeben. Hesham war wie vom Erdboden verschwunden.

Immer wenn Fareed daran dachte, stieg Wut in ihm hoch. Wenn er nicht den Eid geleistet hätte, seinem Volk zu dienen, dann hätte auch er Jizaan verlassen. Doch damit hätte er den Vater kaum getroffen. Einen Sohn mehr oder weniger zu verlieren war dem alten Scheich egal. Ihm kam es nur darauf an, dass die Ehre der Familie nicht beschmutzt wurde. Und Fareed war ziemlich sicher, dass der Vater lieber den Tod der Kinder in Kauf nehmen würde, als das geschehen zu lassen.

Inzwischen war noch viel Schlimmeres geschehen. Nach Fareeds jahrelangen vergeblichen Versuchen, Hesham zu finden, meldete sich der jüngste Bruder plötzlich aus der Notaufnahme einer Klinik in den USA. Er konnte kaum sprechen und schien dem Tod nahe zu sein. „Kümmere dich um Lyn, Fareed, bitte … und um mein Kind. Beschütze sie … sag ihr, sie ist alles für mich … sag ihr, dass es mir leidtut, nicht genug für sie getan zu haben … dass ich sie allein lasse mit …“ Dann brach die Stimme ab, und eine Schwester teilte ihm mit, dass Hesham in den Operationssaal müsse. Auf seine Nachfrage nannte sie ihm noch schnell Namen und Ort der Klinik.

Fareed war sofort hingeflogen, aber es war zu spät. Er erfuhr, dass Hesham schuldloses Opfer eines Autounfalls war. Ein Fahrer hatte die Gewalt über seinen Lastzug verloren und viele Menschen in den Tod gerissen. Als international anerkannter Chirurg hatte Fareed gleich seine Hilfe angeboten und hatte tatsächlich einige Schwerverletzte retten können. Dadurch kam er erst viel zu spät dazu, sich um die Frau zu kümmern, die mit Hesham im Wagen gesessen hatte. Wie durch ein Wunder war sie nur leicht verletzt gewesen und hatte das Krankenhaus gleich wieder verlassen können. Man wusste weder, wie sie hieß, noch, wo sie wohnte.

Fareed war dann mit dem Leichnam des Bruders wieder nach Jizaan zurückgeflogen. Sowie die Beerdigung vorbei war, an der der alte Scheich nicht teilgenommen hatte, versuchte Fareed, Lyn und das Kind zu finden. Aber Hesham hatte alle Spuren verwischt. Er schien einen anderen Namen angenommen zu haben, und keiner wusste etwas von einer Frau und einem Kind. Selbst den Wagen, in dem er verunglückt war, hatte er unter falschem Namen gemietet.

Nach ein paar Wochen ergebnisloser Suche konnte Fareed nur hoffen, dass die Frau mit ihm Kontakt aufnehmen würde. Also flog er wieder in die Staaten und ließ in dem Ort, in dem Hesham gestorben war, Anzeigen schalten und Lyn über das Fernsehen suchen, in der Hoffnung, sie würde sich bei ihm melden. Doch was dann geschah, hatte ihn kalt erwischt.

Frauen von überall her meldeten sich bei ihm und beteuerten, die vermisste Lyn zu sein. Emad hatte zwar versucht, die offensichtlichen Lügnerinnen gleich abzuwimmeln, und hatte Fareed geraten, seine Zeit nicht mit dem Rest zu vergeuden. Denn er war sicher, dass das alles nur Frauen waren, die sich den reichen Chirurgen und Wüstenprinzen angeln wollten.

Aber Fareed wollte wenigstens denen, die annähernd den Anforderungen entsprachen, eine Chance geben. Und obwohl er oft Widerwillen empfand, bevor sie überhaupt den Mund aufmachten, hielt er durch. Er ging davon aus, dass Hesham, der als Künstler ein besonderes Gefühl für Schönheit hatte, sich nur mit einer Frau eingelassen hatte, die seinen Ansprüchen genügte, die also innerlich und äußerlich makellos war, vertrauenswürdig und intelligent. Aber wenn das nun nicht der Fall gewesen war?

Nach einem Monat ergebnisloser und enervierender Suche kam Fareed wieder zurück und musste zugeben, dass das Ganze ein Fehlschlag war. Doch der Gedanke, dass irgendwo da drüben ein Kind des geliebten Bruders existierte, trieb ihn um. Und so nahm er, auch um sich abzulenken, einen zeitbegrenzten Lehrauftrag an einem Universitätskrankenhaus in den USA an. Vier Wochen lang stürzte er sich in die Arbeit und betäubte seinen Schmerz damit. Doch heute war sein letzter Tag, und ihm war ganz elend, wenn er daran dachte, wieder nach Jizaan zurückzukehren und seinen Albträumen ausgeliefert zu sein.

„Sind Sie wach?“

Fareed fuhr aus seinen Gedanken hoch und starrte Emad erst ganz verwirrt an. Dann begriff er, wo er sich befand. „Ich will keine einzige Frau mehr sehen, Emad. Du hattest von Anfang an recht. Was willst du also noch?“

„Nichts. Ich habe alle Frauen weggeschickt, die sich noch gemeldet hatten.“

„Was? Es sind immer noch welche gekommen?“

„Allerdings. Aber ich habe sie nur kurz interviewt.“

Fareed konnte nur den Kopf schütteln. Würde das denn nie ein Ende haben? „Ja, und? Du willst mir doch nicht sagen, dass die ganze Sache wieder von vorn losgeht?“

„Nein. Ich möchte nur, dass Sie sich eine Frau etwas genauer ansehen.“

Fareed hob abwehrend die Hände. „Aber warum denn? Was ist denn so Besonderes an ihr?“

„Sie hat sich nicht wie die anderen mit Ihnen über die Kontaktnummer in Verbindung gesetzt, die am Schluss der Anzeigen angegeben war. Stattdessen hat sie Sie über die Klinik erreichen wollen. Als man ihr heute sagte, dass Sie abreisen würden, fing sie an zu weinen.“

„Na und?“ Fareed schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Das bedeutet doch nur, dass sie raffinierter ist als die anderen. Sie wollte deine Vorauswahl umgehen und sich gleich an mich wenden. Und als das nicht klappte, machte sie eine Szene und brach in Tränen aus. Das ist doch kein Grund, sich mit ihr zu befassen.“

Emad sah ihn ausdruckslos an. „Nein, das ist kein Grund. Sondern dass sie vier Wochen lang hier in der Krankenhauslobby darauf gewartet hat, bei Ihnen einen Termin zu kriegen. Da die Leute am Empfang nicht wussten, was sie mit ihr machen sollten, haben sie nach mir geschickt. Und ich habe sie gesehen und gehört, was sie mir unter Schluchzen erzählte. Sie ist … irgendwie anders … ich habe ein anderes Gefühl bei ihr. Sie scheint wirklich verzweifelt zu sein.“

„Ach was! Sie ist einfach eine bessere Schauspielerin.“

„Oder vielleicht die, die wir suchen.“

Kurz stieg in Fareed so etwas wie Hoffnung auf. „Glaubst du wirklich?“

„Ich weiß nur, dass diese Lyn irgendwo existiert.“

„Und dass sie nicht gefunden werden will. Sie muss doch wissen, dass ich sie überall gesucht habe. Warum soll sie auf einmal ihre Meinung geändert haben?“

„Vielleicht hat sich ihre Situation geändert?“

Fareed schloss kurz frustriert die Augen. Emads kühle Logik nervte ihn. Und als der Freund jetzt mit ruhiger Stimme sagte: „Wir wissen nur, dass Heshams Lyn irgendwo vorhanden ist“, da merkte Fareed, dass sein Widerstand langsam schwand.

Wenn die Frau da in der Lobby nun wirklich diese Lyn war? Wahrscheinlich war sie es nicht, aber er hatte nun schon mit so vielen Frauen gesprochen, da kam es auf eine mehr oder weniger auch nicht an. „Okay, schick sie rauf“, sagte er müde. „Sie hat zehn Minuten Zeit und keine Sekunde länger. Sag ihr das. Danach verlasse ich dieses Land und komme nie mehr zurück.“

Emad verbeugte sich knapp und verließ den Raum.

Fareed sah ihm hinterher und ließ sich dann in den weichen Ledersessel fallen. Doch diesmal empfand er nicht die wohlige Entspannung wie sonst. Was würde diese Frau ihm nun wieder erzählen? Er hatte all diese Geschichten so gründlich satt. Und die Frauen, die sie ihm auftischten, die weinenden, die hysterischen und die, die versuchten, mit ihm zu flirten.

Na gut, noch ein letztes Mal. Er richtete sich auf, als die Tür aufgestoßen wurde und Emad hereinkam, gefolgt von einer Frau … Fareed nahm den Freund nicht wahr, hörte nicht, was er sagte, bevor er den Raum wieder verließ, er hatte nur Augen für die Frau. Das konnte doch nicht wahr sein! Ohne dass es ihm bewusst war, stand er auf, nur ein Gedanke beherrschte ihn. Hoffentlich, hoffentlich ist das nicht Heshams Lyn.

Aber warum eigentlich nicht? Er sollte sich doch geradezu wünschen, dass sie es war, damit die Suche endlich vorbei war. Auch wenn er ihren Blick aus den veilchenblauen Augen geradezu körperlich spürte und die vollen rosafarbenen Lippen und kleinen festen Brüste in ihm ein tiefes Verlangen auslösten. Dennoch wünschte er sich sehnlich, dass sie nicht die Frau seines Bruders war. Denn er wollte sie für sich, wollte sie besitzen, was unmöglich war, wenn sie seine Schwägerin war. Dann war sie für ihn tabu.

Und plötzlich war ihm auch klar, dass er sie schon einmal gesehen hatte. Das fiel ihm erst jetzt auf, als er sie genauer betrachtete, denn sie hatte sich sehr verändert. Das glänzende Haar, das ihr jetzt in weichen Wellen auf die Schultern fiel, hatte sie damals im Nacken zu einem Knoten zusammengefasst. Damals war sie auch ziemlich stark geschminkt gewesen, was sie überhaupt nicht nötig hatte, wie er jetzt feststellen konnte. Sie hatte ein strenges Kostüm getragen, wohl um ihre weichen femininen Formen zu verbergen. Natürlich war sie damals auch jünger gewesen, und sie hatte kühl und sehr professionell gewirkt.

Bis sie ihn gesehen hatte.

An ihrer Wirkung auf ihn hatte sich nichts geändert. Die war heute noch genauso stark wie damals, als er den Tagungsraum betrat und sie das erste Mal sah. Sie stand auf dem Podium, als er sich in die erste Reihe setzte und erst allmählich begriff, was sie hier wollte. Sie war diejenige, die den Vortrag hielt, den er unbedingt hören wollte. Es ging um ein neues Medikament, durch das sich Nerven wieder regenerieren ließen. Von der jungen Wissenschaftlerin hatte er Außergewöhnliches gehört und hatte sich natürlich auch ein Bild von ihr gemacht, das aber dann total über den Haufen geworfen wurde, als er sie vor sich sah.

Voll Ungeduld hatte er das Ende ihres Vortrags erwartet, denn er musste sie unbedingt kennenlernen. Dass sein stetiger Blick sie verunsicherte, amüsierte ihn. Doch sie nahm sich zusammen, musste sich jedoch sehr konzentrieren, das sah er ihr an. Auch er hatte Mühe, ihrem Vortrag zu folgen, obgleich ihm klar war, dass ihre Forschungsergebnisse außerordentlich beeindruckend waren. Umso mehr fieberte er einer Begegnung entgegen.

„Ist das alles gar nicht wahr? Und Sie? Welche Rolle spielen Sie hier?“

Diese dunkle weiche Stimme … Nie hatte er sie vergessen können. Aber was hatte sie eben gesagt? Doch er kam nicht mehr dazu nachzufragen, denn in der nächsten Sekunde brach es aus ihr heraus: „Ist Ihr guter Ruf als Arzt vollkommen unbegründet? Nur Schaumschlägerei, um die Kollegen zu beeindrucken und von den Medien als Gott in Weiß verherrlicht zu werden? Sind Sie wirklich so, wie Ihre Kritiker Sie sehen? Nur ein Prinz mit zu viel Geld, Talent und Macht, der am liebsten Gott spielt?“

2. KAPITEL

Gwen McNeal war zu Tode erschreckt von dem, was sie da hörte. War wirklich sie es, die ihm diese Anschuldigungen entgegenschleuderte? War das ihre Stimme?

Die letzten Wochen hatten offenbar dazu geführt, dass ihre Nerven blank lagen. Schon um einen Termin bei ihm zu bitten, hatte sie all ihren Mut zusammennehmen müssen. Und je länger sie darauf warten musste, desto mehr hatte es an ihren Nerven gezehrt. Als sie dann schließlich doch in sein Sprechzimmer gerufen wurde, war sie sicher gewesen, nur unzusammenhängendes Zeug stammeln zu können.

Doch dann stand sie vor ihm, und es durchfuhr sie wie ein Blitz. Dieser intensive Blick, die ganze Erscheinung … plötzlich waren alle Hemmungen wie weggeblasen. Und sie hatte ihn beschuldigt, ein großkotziger Schaumschläger zu sein. Oh Gott …

Sie starrte ihn entsetzt an. Und dann begriff sie.

Er war wirklich derjenige, an den sie sich erinnerte. Ohne Zweifel. Ihr war, als habe man sie in die Vergangenheit zurückversetzt. In eine Zeit, in der sie ihr Leben als Wissenschaftlerin klar vor sich gesehen hatte. Ein Leben, das aus dem Gleis geworfen worden war, sobald sie ihn damals während des Vortrags erblickt hatte. Immer wieder hatte sie sich inzwischen gesagt, dass sie ihre Erinnerungen an ihn schönte, sie ihn verherrlichte und sich ein Bild von ihm machte, das der Wirklichkeit gar nicht entsprechen konnte.

Doch es war so. Die beeindruckende Erscheinung, die angeborene Eleganz und das Charisma, das er ausstrahlte. Und er hatte noch genau die gleiche Wirkung auf sie wie damals.

Dann kam er auf sie zu, und sie war unfähig, sich zu bewegen, sondern sah ihn nur an wie das berühmte Kaninchen die Schlange. Doch wie um sich aus dieser Erstarrung zu lösen, schrie sie ihn wieder an: „Fünf Minuten? So lange dürfen Menschen Sie belästigen? Dann drehen Sie sich ohne ein weiteres Wort um und gehen? Wahrscheinlich amüsieren Sie sich noch, wenn sie hinter Ihnen herrennen und Sie um ein paar weitere Minuten Ihrer kostbaren Zeit bitten. So viel Wertschätzung bringt der weltberühmte und ach so menschenfreundliche Chirurg also seinen Mitmenschen entgegen?“

Fareed senkte kurz die Lider und sah Gwen dann wieder an. „Zehn Minuten habe ich gesagt.“

In den Interviews mit ihm, in Lehrvideos und Vorträgen im Fernsehen hatte seine Stimme deutlich und eher etwas hart geklungen. Aber jetzt wirkte sie wie eine Beschwörung, tief und weich, dazu der attraktive Akzent …

„Und als ich das sagte“, fuhr er fort, konnte den Satz aber nicht zu Ende bringen, denn sie unterbrach ihn. „Okay, dann habe ich eben zehn Minuten statt fünf. Leider habe ich schon die meisten dieser zehn Minuten vergeudet. Dann sollte ich wohl schnell die letzten nutzen, bevor Sie sich umdrehen und gehen, als sei ich gar nicht da.“

Langsam schüttelte er den Kopf. „Das werde ich ganz sicher nicht tun, Ms McNeal.“

Ihr Herz schlug plötzlich wie verrückt. Er erinnerte sich an sie? Ihr wurde schwarz vor Augen, und als sie wieder zu sich kam, blickte sie in genau das Gesicht, das sie immer hatte vergessen wollen und nie hatte vergessen können. Scheich Fareed Al Zaafer konnte man einfach nicht vergessen. Sie versuchte ihn zurückzustoßen, obwohl sie sich danach sehnte, sich an ihn zu schmiegen und in seinen kräftigen Armen Trost zu suchen. Doch sie durfte ihm nicht zu nahe kommen. „Lassen Sie mich los! Es geht schon wieder.“

Aber er ließ sie nicht los, sondern trug sie zu der Sitzecke am Fester. Dabei blickte er sie fragend an, als überlege er, ob er ihrem Wunsch nachkommen sollte. Dann ließ er sie langsam an seinem Körper herabgleiten, bis sie mit den Füßen den Boden berührte. Doch ihre Knie gaben nach, und sofort ergriff er sie wieder beim Arm und half ihr, sich hinzusetzen. „Danke.“

Er beugte sich über sie. „Nichts zu danken.“

„Oh, doch. Wer weiß, vielleicht wäre ich in der Notaufnahme gelandet, wenn Sie nicht hier gewesen wären. Mit irgendwelchen Knochenbrüchen oder Schnittverletzungen.“

Kurz zog er die schwarzen Augenbrauen zusammen, als peinige ihn diese Vorstellung. Dann richtete er sich auf. „Warum sind Sie denn ohnmächtig geworden?“

„Wenn ich das wüsste, wäre es wahrscheinlich nicht passiert.“

So schnell ließ er sich nicht abspeisen. „Offensichtlich hat die Ohnmacht Sie nicht beunruhigt, ja, noch nicht einmal überrascht. Das heißt, Sie müssen den Grund kennen. Also?“

„Wahrscheinlich war es die Erregung.“

Er lächelte kurz. „Sie sind sicher eine hervorragende pharmazeutische Wissenschaftlerin, Ms McNeal. Aber ich bin Arzt und wohl eher derjenige mit der maßgeblichen Meinung. Erregung regt an, wie schon der Name sagt, und steigert die Aufmerksamkeit. Und selten führt sie zur Ohnmacht.“

Er musste wohl immer recht behalten. „Vielleicht war es die lange Warterei.“

Wieder schüttelte er den Kopf. „Das glaube ich nicht. Acht Stunden warten ist zwar langweilig, wirkt aber nicht so erschöpfend, als dass man ohnmächtig werden kann. Nicht wenn es nicht auch noch einen anderen Grund gibt.“

„Ich bin schon seit vier Uhr morgens hier. Nicht heute, gestern.“

„Was?“ Er blickte sie ungläubig an. „Sie sind schon seit sechsunddreißig Stunden hier?“ Sofort ließ er sich neben ihr nieder, so dicht, dass ihre Hüften sich berührten, und griff nach ihrem Handgelenk, um ihr den Puls zu fühlen. „Haben Sie in der Zeit geschlafen oder wenigstens etwas gegessen?“

Sie wollte nicken, doch er sprach sofort weiter: „Nein, mit Sicherheit nicht. Und wahrscheinlich haben Sie schon längere Zeit ziemlich unvernünftig gelebt. Ihr Herz jagt, als hätten Sie gerade einen Marathonlauf hinter sich.“

Wieso wundert er sich, wo er doch so dicht neben mir sitzt? dachte sie.

„Außerdem sind Sie unterzuckert und haben einen schwachen Puls. Kein Wunder, dass Sie ohnmächtig geworden sind. Sie sehen zu Tode erschöpft aus.“

Gwen erschrak, als sie ihr Gesicht im Spiegel an der Wand erblickte. Sie sah schrecklich aus. Dennoch ärgerte es sie, dass er so direkt war, obwohl das jetzt eigentlich keine Rolle spielen sollte. Sie war doch aus ganz anderen Gründen hier. „Ich war wohl zu nervös, um zu schlafen oder zu essen, das ist jetzt nicht wichtig. Aber was ich zu Ihnen vorhin gesagt habe, liegt mir auf der Seele. Es tut mir leid, dass ich die Fassung verloren habe.“

Irgendetwas leuchtete in seinen Augen auf. Immer noch hielt er ihre Hand fest, und Gwen hätte sie ihm am liebsten entzogen, denn die Berührung brannte wie Feuer. „Das braucht Ihnen nicht leidzutun, auch wenn ich nicht weiß, womit ich Ihre … Antipathie verdient habe. Umso neugieriger bin ich zu erfahren, was diese Reaktion ausgelöst hat. Glauben Sie, dass ich Sie aus lauter Boshaftigkeit so lange habe warten lassen? Offensichtlich sind Sie der Meinung, dass es mir Freude macht, Menschen zu quälen, indem ich sie um meine kostbare Zeit, wie Sie sagten, flehen lasse. Nur um sie dann zu erhören, wenn sie aus Verzweiflung zusammengebrochen sind. Wenn auch nur für wenige Minuten.“

Gwen wurde rot. „Nein, ich meine … nein, ganz sicher nicht. Genau das Gegenteil sagt man Ihnen nach.“

„Aber von Ihrer persönlichen Erfahrung her würden Sie sagen, dass mein guter Ruf nicht gerechtfertigt ist?“

Sie senkte den Blick. „Es ist nur, dass Sie überall verkündet hatten, für jedes Gespräch offen zu sein. Aber hier im Krankenhaus habe ich genau das Gegenteil erlebt. Und da wusste ich nicht, was ich davon halten sollte.“ Als sie fühlte, wie er neben ihr erstarrte, und sah, wie er den Blick in die Ferne richtete, hätte sie sich auf die Zunge beißen mögen. Offenbar hatten all ihre Erklärungen und Entschuldigungen ihn nur noch mehr beleidigt. Aber er musste sie anhören! „Bitte, vergessen Sie alles, was ich bisher gesagt habe, und lassen Sie mich noch mal von vorn anfangen. Zehn Minuten erbitte ich mir. Und wenn Sie das dann alles nicht interessiert, gehe ich.“

Plötzlich erinnerte Fareed sich wieder, und diese Erkenntnis war niederschmetternd. Als Gwen McNeal ihm Vorwürfe machte, er sich dann in Erinnerungen an ihr erstes und einziges Zusammentreffen verlor, sein Glück kaum fassen konnte, sie hier auf wunderbare Weise wiedergefunden zu haben, sich zu Tode erschreckte, als sie ohnmächtig wurde, da hatte er etwas Entscheidendes vollkommen vergessen. Nämlich warum er damals nach dem Vortrag so schnell verschwunden war.

Nach ihrer Präsentation bekam sie stehende Ovationen, alle waren begeistert. Auch Fareed war aufgestanden und hätte am liebsten alle Leute zur Seite gedrängt, um ihr möglichst bald zu gratulieren, zumal sie ihm immer wieder neugierige Blicke zuwarf.

Aber dann war da plötzlich ein Mann neben ihr auf dem Podium erschienen, umarmte sie und küsste sie herzhaft auf den Mund. Strahlend präsentierte er sich mit ihr zusammen der Presse, wobei er ihr den Arm um die Taille gelegt hatte und die junge Frau immer wieder fest an sich zog. Ihr Medikament, so konnte Fareed ihn zu den Reportern sagen hören, sei ein Durchbruch in der Bekämpfung einer bisher hoffnungslosen Krankheit.

Fareed stieß den neben ihm stehenden Mann an. „Wer ist das?“

„Das ist Kyle Langstrom, Kollege und Verlobter von Ms McNeal.“

Das hatte er befürchtet. Und als Kyle Langstrom stolz erklärte, dass er bald noch eine weitere Neuigkeit verkünden werde, nämlich einen Hochzeitstermin, da fiel Fareeds Euphorie darüber, eine Frau, nein, die Frau gefunden zu haben, in sich zusammen. Fassungslos folgte er ihr mit Blicken, als sie von ihren Kollegen umringt und schließlich fortgezogen wurde. Doch bevor sie außer Sichtweite war, blickte sie sich noch einmal nach ihm um, und sie sahen sich sekundenlang tief in die Augen.

Auf der Abschlussfeier der Tagung hatte er sie dann wiedergesehen und auch gemerkt, dass sie sich abwandte, wenn sie seinen Blick spürte. So verließ er die Party ziemlich früh, denn es war zu qualvoll, die Frau eines anderen Mannes zu begehren. Er flog nach Hause und kam erst wieder auf der Suche nach Heshams Frau und Kind in die USA zurück.

Monatelang hatte er sich immer wieder den Blick vorgestellt, den sie ihm nach dem Vortrag zugeworfen hatte. Monatelang steigerte er sich in die Überzeugung hinein, dass dieser Blick genau das Verlangen und Bedauern ausdrückte, das auch er empfunden hatte. Doch inzwischen hatte er beschlossen, dass er sich das alles nur eingebildet hatte, vor allem auch ihre ungeheure Wirkung auf ihn.

Aber als sie vor wenigen Minuten durch die Tür gekommen war, wusste er, dass er sich nur etwas vorgemacht hatte ...

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