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Pakt mit dem Feind

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Was sie brauchte, war ein Wunder. Und zwar schnell.

Elizabeth Stanton saß in Houston am Schreibtisch ihres Arbeitszimmers. Das Herrenhaus aus grauem Stein stand zwischen riesigen Eichen und Kiefern in dem exklusiven Stadtteil River Oaks. Wer hier wohnte, gehörte zum alteingesessenen Geldadel der Stadt.

Ihr Vater, ihr Großvater und alle Männer früherer Generationen der Familie Stanton bis zurück in die ersten Jahre des 19. Jahrhunderts hatten an diesem Mahagonischreibtisch gearbeitet.

Bei einer Körpergröße von etwas über einem Meter sechzig und einer zierlichen Figur wirkte Elizabeth hinter dem massiven Möbelstück winzig. In dem abgewetzten Ledersessel, der davorstand, versank sie geradezu.

Wahrscheinlich wäre ihr das ganz passend vorgekommen, wenn sie darüber nachgedacht hätte. Im Augenblick fühlte sie sich tatsächlich klein und hilflos und wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte.

Elizabeth hielt den Bericht in der Hand, den ihr der Bankier vor weniger als einer Stunde übergeben hatte. Sie musterte die Zahlen, als ob sie sich auf wundersame Weise verwandeln würden, wenn sie nur lange genug daraufstarrte.

Nach einer Weile seufzte sie, senkte ihren Kopf und stützte die Stirn in die Hände. Sie musste sich den Tatsachen stellen: Sie war pleite. Oder so gut wie pleite. Was in Gottes Namen sollte sie nur tun?

“Verdammt sollst du sein, Edward Culpepper. Zur Hölle mit dir!”, fluchte sie durch zusammengebissene Zähne.

Plötzlich sprang Elizabeth so abrupt auf, dass ihr Sessel in die Mahagonianrichte hinter ihr krachte. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sie sich Sorgen darüber gemacht, das Familienerbstück beschädigt zu haben, aber jetzt war sie so aufgeregt, dass sie es kaum bemerkte.

Ruhelos ging sie auf dem Perserteppich auf und ab. Nachdem sie einige Male ziellos im Kreis gelaufen war, blieb sie mit verschränkten Armen vor den gläsernen Terrassentüren stehen. Gedankenverloren strich sie über ihre smaragdgrüne Satinbluse und blickte auf den Rasen hinaus.

Zu dieser Jahreszeit gab es nicht viel zu sehen. Vor ein paar Wochen, Ende Oktober, war einer der berüchtigten texanischen “blauen Nordwinde” über Houston hinweggefegt. Innerhalb von nur einer Stunde waren die Temperaturen von schwülen 35 Grad fast bis auf den Gefrierpunkt gefallen. Seither hatte eine Kaltfront nach der anderen die Region heimgesucht.

Draußen zerrte ein stürmischer Wind an den Bäumen und wirbelte Blätter und Kiefernnadeln über den Rasen. Das Gras war durch die Kälte strohig geworden. Die Beete, die in verspielten Schmetterlings- und Arabeskenformen angelegt waren, versanken im Winterschlaf. Fast alle Pflanzen zeigten bereits kahle Zweige, und auch die Oleanderhecke um das Anwesen hatte ihr saftiges Sommergrün eingebüßt.

Für die kommende Nacht wurde starker Frost erwartet, und Dooley Baines, Elizabeths Gärtner und Hausmeister, kämpfte gerade gegen den Wind an, um die empfindlichen Pflanzen abzudecken.

Dooley und seine Frau Gladys, Köchin und Haushälterin in einem, arbeiteten schon so lange Elizabeth denken konnte in dem Haus in Houston. Sie hatten ihr gesamtes Eheleben in dem geräumigen Apartment über der Garage verbracht. Dort hatten sie ihre beiden Kinder großgezogen und mit der Hilfe von Elizabeths Vater zum College geschickt. Die beiden konnten mit Fug und Recht erwarten, hier weiter ihrer Arbeit nachzugehen, solange es ihnen möglich war.

Elizabeth beobachtete Dooley, wie er sich um seinen geliebten Garten kümmerte. Sein Rücken war gebeugt von der jahrelangen Arbeit in gebückter Körperhaltung. Glücklicherweise hatte er keine Ahnung, dass seine Arbeitgeberin und mit ihr seine gesicherte Existenz kurz vor dem Ruin standen.

Elizabeths Besitz in Houston umfasste, ebenso wie der ihrer meisten Nachbarn, mehrere Morgen Land. Über den oberen Rand der Hecke hinweg konnte sie das Schieferdach der Whittingtons durch die kahlen Zweige hindurch erkennen.

Mimi Whittington war ihre engste Vertraute. Sie gehörte zu der Handvoll Freunden, von denen Elizabeth wusste, dass sie ihr sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten beistehen würden.

Und im Augenblick waren die Zeiten ohne Zweifel schlecht.

Es schien fast, als hätte Elizabeth sie mit der Kraft ihrer Gedanken herbeigezaubert, denn genau in diesem Augenblick trat Mimi durch die Lücke in der Hecke zwischen den beiden Häusern und ging auf die Terrasse zu.

Diese Lücke war der einzige Makel an dem Garten, der ansonsten wie gemalt wirkte, und Dooley fühlte sich durch sie in seiner persönlichen Ehre gekränkt. Weil sich Mimi und Elizabeth immer wieder durch die Hecke gezwängt hatten, war im Laufe der Jahre ein Durchlass entstanden. Lange hatte sich Dooley darüber aufgeregt und mit den Freundinnen geschimpft. Am Ende hatte er aufgegeben und das Loch in der Hecke zu einem schmalen Torbogen geformt. Den Trampelpfad im Rasen hatte er gepflastert, um das tägliche Kommen und Gehen wenigstens in geordnete Bahnen zu lenken.

Elizabeth musste lächeln, als sie Mimi beobachtete. Ihre Freundin trippelte mit Pfennigabsätzen den Pfad entlang, während sie den knöchellangen Zobelmantel eng um die Schultern zog. Typisch Mimi, sich für einen Nachmittagsbesuch in Pelz zu werfen!

Unter dem Mantel erspähte Elizabeth hautenge schwarze Leggings und ein weites Hemd mit wilden Mustern in Lila, Gold und Schwarz. Das blonde Haar der Freundin war vom Wind völlig zerzaust.

Mimi rief Dooley etwas zu und hob grüßend die Hand. Dann schaute sie zum Haus herüber, sah Elizabeth an der Tür ihres Arbeitszimmers stehen, lächelte und winkte auch ihr zu.

Elizabeth öffnete die Tür, als Mimi die Terrasse erreichte. Ihre Freundin stürmte ins Arbeitszimmer und brachte einen eisigen Luftzug und eine Wolke Chanelduft mit.

“Oh Mann, oh Mann, oh Mann! Da draußen wird’s aber kalt”, rief sie in der gedehnten Sprechweise des östlichen Texas und schauderte demonstrativ. “Ich hab mir doch glatt den Hintern abgefroren, nur weil ich schnell hier rübergerannt bin. Ich schwör bei Gott, uns trennen nur noch zehn Meter vom Nordpol.”

Sie schlüpfte aus ihrem Zobelmantel und warf ihn so nachlässig über einen der Sessel vor dem Kamin, als sei der Pelz nur ein alter Lumpen. Dann fuhr sie sich mit beiden Händen durch ihr kurz geschnittenes platinblondes Haar, dass die goldenen Armreife nur so klirrten. “Hiermit erkläre ich feierlich, dass der Wind meine Frisur völlig zerstört hat. Und dabei bin ich heute Morgen nach der Tanzstunde zu Mr. André gegangen. Wenn der arme Mann mich jetzt sehen könnte, würde er einen Wutanfall bekommen.”

Elizabeth unterdrückte ein Lächeln. Fast hätte sie gefragt, woran der Stylist hätte merken sollen, dass Mimis Haarpracht durcheinandergeraten war. Momentan trug die Freundin eine kunstvoll verstrubbelte Frisur, die in alle Richtungen abstand. Man wusste nie, welchen Stil und welche Haarfarbe Mimi nächste Woche vorführen würde.

“Übrigens, glaub ja nicht, dass du unsere Tanzstunde ungestraft versäumt hast – du mit deinen geschäftlichen Gründen! Morgen früh werde ich dich fertigmachen.”

Elizabeth rollte die Augen. “Das hab ich mir schon gedacht. Du alte Sklaventreiberin!”, fügte sie mit gespieltem Verdruss hinzu.

Seit Elizabeths neuntem Lebensjahr, also seit inzwischen dreiundzwanzig Jahren, gab die Freundin ihr Tanzstunden. Mimis verstorbener Ehemann hatte ihr dafür eigens im Dachgeschoss ein Studio eingerichtet. Die meisten Leute hielten Mimi für träge und verwöhnt, und sie genoss es, diesen Eindruck zu erwecken. Nur wenige wussten über die frühmorgendlichen anstrengenden Tanzstunden Bescheid, die sich zu einem Fitnesstraining für die Freundinnen entwickelt hatten.

“Fit halten muss man sich ja, und Tanzen macht viel mehr Spaß als die Quälerei im Fitnessstudio”, beharrte Mimi.

Fröstelnd hielt die Freundin nun die Hände über die fröhlich züngelnden Flammen im Kamin. Ihre künstlichen Fingernägel waren lang und scharlachrot, und jeden Finger, sogar die Daumen, schmückten Ringe. Bei der geringsten Kopfbewegung schaukelten und glitzerten die langen Diamantohrringe, die beinahe ihre Schultern berührten.

“Mmh, das fühlt sich göttlich an”, schnurrte Mimi und drehte sich, um ihren Rücken zu wärmen. Sie rieb sich mit beiden Händen über den Po und sah Elizabeth an. “Also? Wie ist das Treffen mit Walter und John gelaufen? Bitte, bitte, bitte sag mir, dass John einen Weg gefunden hat, dein Geld wieder zurückzubekommen und diese betrügerische falsche Schlange ins Gefängnis zu schicken, wo sie hingehört.”

Dass sie ihretwegen so zornig war, zauberte ein schwaches Lächeln auf Elizabeths Lippen. Obwohl Mimi zehn Jahre älter war als sie, waren die beiden Freundinnen, seit sie sich das erste Mal getroffen hatten.

Mimi behauptete, sie wären schon in ihren früheren Leben befreundet gewesen, und es sei ihre Bestimmung, einander für immer zur Seite zu stehen.

Ihre Freundschaft verwirrte die meisten Leute in ihrem Bekanntenkreis. Mimi und Elizabeth waren so verschieden, wie zwei Frauen nur sein konnten.

Elizabeth wirkte ruhig und hatte ein eher zurückhaltendes Wesen.

Frech, grell, auffallend, unberechenbar – das waren dagegen nur einige der Worte, mit denen man Mimi beschreiben konnte. Sie selbst gab bereitwillig zu, dass all dies und noch mehr auf sie zutraf. Die ungewöhnliche Frau besaß ein Herz aus Gold und einen etwas derben Sinn für Humor – außerdem die finanziellen Mittel, das zu tun, was ihr gefiel. Sie scherte sich nicht um Konventionen, und wem das nicht passte, der hatte Pech gehabt.

Als Horace sie kennengelernt hatte, war sie bei Tanzturnieren aufgetreten und hatte hin und wieder als Showgirl in Las Vegas gearbeitet.

“Mein einziges Kapital waren ein hübsches Gesicht und ein großartiger Körper”, hatte sie ihrer Freundin gegenüber rundheraus zugegeben, ohne sich dafür zu schämen. “Also habe ich beides dort eingesetzt, wo ich gutes Geld verdienen konnte, ohne mir untreu zu werden oder meiner lieben verstorbenen Mama Schande zu bereiten. Tanzwettbewerbe und eine Bühne in Las Vegas waren allemal besser, als in einem heruntergekommenen Striplokal zu tanzen oder Hamburger zu braten.”

Als der 52-jährige Horace Whittington die neunzehn Jahre alte Mimi heiratete, tuschelte man in der Houstoner Gesellschaft, sie wäre nur hinter seinem Geld her. Das überraschte niemanden.

Oberflächlich betrachtet, entsprach die Ehe der alten Geschichte: Ein mitleiderregender älterer Mann versucht seine Jugend dadurch wiederzuerlangen, dass er eine junge Frau mit Dollarzeichen in den Augen heiratet.

Kaum jemand hatte damals bemerkt, dass Mimi ihren Horace – den sie zärtlich “Big Daddy” nannte – von ganzem Herzen liebte. Warum auch nicht? Horace Whittington war ein durch und durch netter Mann: freundlich, ehrlich, loyal und großzügig den Menschen gegenüber, die er liebte.

Außerdem sah er verteufelt gut aus. Horace hatte sich immer fit gehalten. Mit einer Körpergröße von über einem Meter achtzig, vollem Silberhaar, strahlend blauen Augen und einem gebräunten, kernigen Gesicht wirkte er ganz wie die Hollywood-Version des erfolgreichen Texaners.

In der Houstoner Gesellschaft gab es viele Leute, die Mimi gern die kalte Schulter gezeigt hätten, aber niemand wagte es. Die Familie der Whittingtons war zu einflussreich.

“Jetzt, wo Big Daddy nicht mehr da ist, würden mir ein paar von diesen alten Schachteln am liebsten meine Mitgliedschaft im River Oaks Country Club kündigen”, hatte Mimi Elizabeth kurz nach Horace’ Tod erzählt. “Aber sie trauen sich nicht. Jedenfalls nicht, solange ich Big Daddys Geld habe. Du weißt doch, wie diese Wichtigtuer mit ihren diversen Komitees dauernd damit beschäftigt sind, einen prächtigen Ball oder sonst eine Wohltätigkeitsaktion zu organisieren. ‘Guter Zweck des Monats’ hat Big Daddy diese Veranstaltungen immer genannt. Die Whittington-Stiftung unterstützt diesen Rummel jedes Jahr mit mehr als einer Million Dollar. Diese blaublütigen Snobs sind zwar nicht an mir interessiert, aber das Geld der Whittingtons wollen sie allemal. Dafür sind sie sogar dazu bereit, ihre perfekt überkronten Zähnchen zusammenzubeißen und meine Anwesenheit zu ertragen. Persönlich ist es mir völlig schnuppe, ob ich zum Country Club gehöre oder nicht. Ich bin nur noch Mitglied, weil ich weiß, dass es sie in den Wahnsinn treibt, mit einem Niemand aus Nirgendwo auf nett machen zu müssen.”

Elizabeth wies ihre Freundin wegen solcher Bemerkungen immer sanft zurecht. Aber im Grunde genommen lag Mimi damit ganz richtig.

Dennoch, ganz egal was die Leute über Mimi als Person dachten: Irgendwann hatten sogar die schärfsten Kritiker zugeben müssen, dass die Whittingtons eine glückliche Ehe führten. Horace und Mimi waren während ihrer gesamten zusammen verbrachten einundzwanzig Jahre unzertrennlich gewesen.

Nachdem Horace vor weniger als einem Jahr plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben war, war Mimi monatelang in tiefer Trauer versunken. Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, hatte Elizabeth Mimi weinen sehen. Es hatte Elizabeth das Herz gebrochen, wie verzweifelt ihre sonst so aufmüpfige Freundin wirkte.

Aber nach einer Weile hatte Mimi sich aufgerappelt. Sie hatte sich wieder ins Leben gestürzt – mit dem Elan, der für sie so typisch war.

“Big Daddy hätte nicht gewollt, dass ich bis in alle Ewigkeit um ihn trauere”, hatte sie in ihrem gedehnten Dialekt erklärt. “Weißt du, wenn mein Mann vom Himmel zu mir runterschauen würde und er würde sehen, wie ich da weine und wehklage – ich glaub, er würde sich vom heiligen Petrus selbst einen Passierschein ausstellen lassen. Und dann würde er auf die Erde zurückkommen und mir höchstpersönlich einen kräftigen Tritt in meinen süßen Hintern verpassen.”

Und das hätte er wohl wirklich getan, überlegte Elizabeth. Wenn es etwas gab, das Horace sich mehr gewünscht hatte als alles andere auf der Welt, dann das: seine Mimi glücklich zu sehen. Über Elizabeths Ehe konnte man nichts dergleichen sagen.

Abgesehen von Elizabeths Anwalt John Fossbinder und ihrem Bankier Walter Monroe, der ihr während des letzten Jahres auch als Finanzberater zur Seite gestanden hatte, kannte nur Mimi die ganze Wahrheit über die Untreue von Elizabeths Exmann. Die meisten Leute in ihrem gesellschaftlichen Umfeld vermuteten, dass Edward am Ende anderen Frauen mehr als nur schöne Augen gemacht hatte – bis Elizabeth ihn rausgeschmissen und dann in aller Stille die Scheidung eingereicht hatte.

Grundsätzlich stimmte diese Geschichte auch. Aber das gesamte Ausmaß von Edwards Betrug war noch nicht ans Licht der Öffentlichkeit gekommen. Elizabeth wusste allerdings, dass es nur noch eine Frage der Zeit war. Ein Skandal der Größenordnung, wie ihn ihr Exmann verursacht hatte, ließ sich nicht ewig unter den Teppich kehren. Außerdem konnte sie nicht noch mehr Familienerbstücke und Schmuck verkaufen, um weiter ihre Ausgaben zu decken, und gleichzeitig den Anschein wahren, das stantonsche Vermögen wäre noch vorhanden.

Elizabeth warf ihrer Freundin einen hilflosen Blick zu und schüttelte den Kopf. Mimi wusste, dass Elizabeth gerade von einem Treffen mit ihrem Bankier und ihrem Anwalt zurückgekehrt war. Stundenlang hatten sie zu dritt Elizabeths Lage erörtert und überlegt, wie man das Vermögen der Stantons retten könnte. Wenn das überhaupt noch möglich war.

“Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass es besser für mich aussieht. Aber leider kann ich das nicht. John hat im letzten Jahr alle Möglichkeiten ausgelotet, die auch nur im Entferntesten infrage kommen – ohne Erfolg. Anscheinend habe ich keinerlei rechtliche Ansprüche. John sagt, dass Edwards Vorgehen zwar verwerflich war und sich an der Grenze zur Kriminalität bewegt, aber mein lieber Gatte war clever. Es scheint so, als könnte ich keine Klage einreichen, die Aussicht auf Erfolg hat. Und es gibt keine Möglichkeit, das Geld zurückzubekommen.”

“Verwerflich – dass ich nicht lache!”, schimpfte Mimi. “Der Dreckskerl hat dich und deine Tante bis aufs Hemd ausgeraubt. Die Unterlagen beweisen, dass Edward Geld aus dem stantonschen Aktienvermögen auf die Seite geschafft hat, seit dein Vater gestorben ist und du seinen Anteil an dem Vermögen geerbt hast! Und zwar bis zu dem Tag, an dem er mit dieser kleinen Schlampe abgehauen ist. Was ist das denn sonst als ein Verbrechen! Wenn du mich fragst, sollte man diesen rückgratlosen Wurm teeren und federn. Und dann kann er von mir aus den Rest seines Lebens schwedische Gardinen von innen betrachten!”

“Ich weiß nicht, ob man ihn wirklich als rückgratlos bezeichnen kann.” Elizabeth warf ihrer Freundin einen deprimierten Blick zu. “Er hat zumindest genug Mumm gehabt, mir den Großteil meines Familienvermögens zu stehlen. Und mit meiner Erzfeindin durchzubrennen.”

Mimi schnaubte. “Süße, dazu braucht man weder Willensstärke noch Persönlichkeit. Es zeigt nur, was für ein widerlicher, betrügerischer Dieb er ist. Und wenn du mich fragst: Ein Mann, der dir Natalie vorzieht, hat überhaupt gar keinen Geschmack.”

Mimis heftige Worte ließen erneut ein schwaches Lächeln auf Elizabeths Lippen erscheinen. Wenn sie nicht von sich aus den Namen der Frau ins Gespräch brachte, vermied es ihre Freundin sonst vorsichtig, Edwards Geliebte zu erwähnen. Elizabeth wusste, wie viel Willenstärke Mimi dieses Schweigen abverlangte. Die Freundin raste ihretwegen nur so vor Wut und musste unbedingt Dampf ablassen.

“Wie Edward diese Frau auch nur ansehen konnte, ist mir ein Rätsel”, wütete Mimi. “Natalie Brussard hat vielleicht Geld und sieht gut aus, aber sie ist ein widerliches Biest.”

“Stimmt”, bestätigte Elizabeth.

Seit ihrer Kindheit war Natalie von einem geradezu krankhaften Neid auf Elizabeth getrieben worden. Die hatte den Grund dafür nie verstanden. Natalies Familie war reich und angesehen, und die Tochter hatte eine ebenso privilegierte Jugend genossen wie Elizabeth. Sie hatte dieselben Privatschulen besucht und war Mitglied in denselben Clubs.

Im letzten Schuljahr auf der Highschool hatte man Elizabeth zur Schönsten des Jahrgangs gewählt. Elizabeth war das damals sehr peinlich, während Natalie vor Zorn raste. Elizabeth bedeutete der Titel nichts. Sie tat die Angelegenheit als belanglose Kleinigkeit ab. Aber im Rückblick war ihr klar, dass sich Natalies Neid wohl zu diesem Zeitpunkt in Hass verwandelt hatte. Warum, das konnte Elizabeth nicht begreifen. Mit ihrem dunklen Haar und den schwarzen Augen war Natalie eine schöne Frau, ganz im Stil einer heißblütigen Femme fatale.

Dennoch hatte sie ihr Leben lang alles haben wollen, was Elizabeth hatte – ganz egal ob es sich um ein Kleidungsstück, ein Auto, eine Rolle in einem Schultheaterstück oder sonst etwas handelte. Seit der Teenagerzeit hatte Natalie sich den Versuch, Elizabeth den Freund auszuspannen, geradezu zur Lebensaufgabe gemacht. Bei Edward hatte sie endlich Erfolg gehabt.

Der Schmerz über Edwards Verrat und Betrug hatte Elizabeth zunächst gelähmt. Aber das war noch gar nichts im Vergleich zu ihrem Schock, als sie die Scheidung einreichte und das volle Ausmaß seiner Niedertracht entdeckte. Mit Ausnahme der Familienfarm und des Hauses in Houston hatte ihr Ehemann fast alle Konten und Kapitalanlagen der Stantons geplündert. Das Geld hatte er auf ein geheimes Schweizer Konto transferiert.

“Willst du etwa sagen, dass es nichts gibt, was John tun kann? Überhaupt nichts?”, hakte Mimi nach. Ihre Frage brachte Elizabeths Gedanken in die Gegenwart zurück.

“Anscheinend nicht.”

“Verdammt.” Mimi ließ sich auf einen der beiden Lederhocker sinken, die vor den Sesseln am Kamin standen, und seufzte tief. “Wenn er das gesagt hat, muss es stimmen. John ist ein scharfer Hund, wenn es darum geht, die Interessen seiner Mandanten durchzusetzen. Wenn es einen Weg gäbe, hätte er ihn gefunden.”

Elizabeth ging zur Terrassentür zurück. Gedankenverloren betrachtete sie die Szene auf der anderen Seite der Scheiben. Dooley hatte seinen alten Marinemantel bis zum Hals zugeknöpft und die Pudelmütze über beide Ohren gezogen. Er war gerade dabei, Pflöcke in den Erdboden zu schlagen, um die Abdeckplanen für die Pflanzen sicher zu befestigen. Elizabeth murmelte über die Schulter hinweg: “Das Schlimmste wird sein, Tante Talitha alles zu erklären.”

“Du hast es ihr noch nicht gesagt?”

Bei Mimis scharfem Tonfall zuckte Elizabeth zusammen und schüttelte den Kopf. “Nur dass unsere Anlagewerte zurückgegangen sind. Was sollte ich denn sonst machen, Mimi? Sie ist achtzig Jahre alt. Dieses Haus und Mimosa Landing sind ihr ganzes Leben lang ihr Zuhause gewesen, genauso wie meins. Ich hab Angst, dass sie einen Herzanfall bekommt, wenn ich ihr sage, wie schlimm die Dinge wirklich stehen.”

“Unterschätze sie mal nicht. Talitha ist zäh.”

Elizabeth seufzte. “Tante Talitha und ich haben den Fehler gemacht, Edward eine umfassende Handlungsvollmacht über den gesamten Besitz zu erteilen, die sich auf alles außer Mimosa Landing und dieses Haus bezog. Jetzt ist das alles, was uns noch geblieben ist.”

“Oh Süße, das darf doch nicht wahr sein! Als du damals gesagt hast, du hättest alles an Edward übergeben, hab ich gedacht, du redest davon, dass er dich bei deinen Anlagegeschäften berät.”

“Zu dem Zeitpunkt kam mir das ganz vernünftig vor”, erklärte Elizabeth, während sie weiter Dooley bei der Arbeit zusah. “Ich habe Edward vertraut. Warum auch nicht? Er war mein Ehemann. Seine Eltern und meine waren seit Jahren befreundet, und ich kenne ihn schon mein ganzes Leben lang. Ich hatte doch weder Ausbildung noch Erfahrung im Umgang mit Geschäftlichem oder Geldfragen! Edward hatte beides. Noch dazu ein juristisches Examen. Es erschien mir nur logisch, dass er alles in die Hand nimmt.” Elizabeth schüttelte den Kopf. “Und das hat er ja dann auch weiß Gott getan.”

“Oh Süße! Ich wünschte, du wärst nach dem Tod von deinem Papa zu uns gekommen und hättest Big Daddy um Rat gefragt. Er hätte dir dasselbe geraten, was er mir immer ans Herz gelegt hat: ‘Mimi, mein Schatz’, hat er immer gesagt, ‘wenn ich mal ins Gras beiße und du mein ganzes Geld hast, kannst du deinen süßen Hintern drauf verwetten, dass Betrüger hinter der Knete her sein werden. Aber du wirst klarkommen, wenn du eins nicht vergisst: Lass niemals jemand anderen deine Schecks unterschreiben.’“ Mimi lächelte. “Und das hab ich auch nicht. Immer wenn ich Geld ausgebe, will ich ganz genau wissen, wer es bekommt und warum.”

“Nun ja, diese Lektion habe ich auf äußerst schmerzhafte Art und Weise jetzt auch gelernt.” Elizabeth wandte sich von den Glastüren ab. Sie fing wieder an, auf und ab zu gehen. “Wenn Ian nur noch am Leben wäre”, murmelte sie. “Dann hätte Edward das Geld der Stantons nie in die Finger bekommen, und nichts von alledem wäre jemals passiert.”

Elizabeths jüngerer Bruder Ian war sein ganzes Leben lang darauf vorbereitet worden, eines Tages die Verwaltung des Familienvermögens zu übernehmen. Niemand – sie selbst eingeschlossen – hatte es für sinnvoll gehalten, Elizabeth Finanzwesen oder Wirtschaftswissenschaften studieren zu lassen. Denn es gab ja Ian, der für ihre Generation das Familienvermögen verwalten würde. Die Möglichkeit, dass er bei einem Frontalzusammenstoß mit einem betrunkenen Fahrer im Alter von zwanzig Jahren ums Leben kommen könnte, wäre niemandem jemals in den Sinn gekommen.

“Komm schon, Süße. Das glaubst du doch nicht wirklich, oder? Eine Schlange ist eine Schlange, egal ob du sie im Garten oder im Salon findest. Vielleicht hätte Edward nicht ganz so viel beiseiteschaffen können, wenn Ian noch am Leben wäre. Aber du kannst wetten, dass er trotzdem Mittel und Wege gefunden hätte, dich um einen Teil deines Geldes zu erleichtern. Und betrogen hätte er dich außerdem. Wenn nicht mit Natalie, dann mit einer anderen. Ganz einfach deswegen, weil er ein arrogantes, anmaßendes, widerwärtiges, unzuverlässiges Schwein ist!”

Elizabeth seufzte. “Du hast recht. Und es wird mir nicht weiterhelfen, ständig ‘was wäre wenn’ zu fragen. Die Lage ist eben so, wie sie ist, und ich muss wohl einen Weg finden, damit fertig zu werden.”

Lastende Stille trat ein, während beide Frauen über die Situation nachgrübelten. Die einzigen Geräusche waren das Knacken und Knistern des Feuers, das Pfeifen des Windes in den Dachrinnen des großen Hauses und die gedämpften Schläge von Dooleys Hammer.

“Süße, ich hasse es, dich so in Sorge zu sehen”, sagte Mimi nach einer Weile. “Warum erlaubst du mir nicht, dir das Geld zu leihen, das du brauchst, um über das Gröbste hinwegzukommen? Du weißt doch, ich hab mehr als genug.”

Elizabeth setzte sich Mimi gegenüber auf den Hocker und ergriff die Hände der Freundin. In ihrem Blick lagen Wärme und Achtung. “Mimi, wir haben darüber doch schon geredet. Du bist ein Schatz, mir so ein Angebot zu machen, aber ich kann das nicht annehmen. Zum einen ist es nie eine gute Idee, sich von guten Freunden Geld zu leihen oder zu borgen. Das ist eine Lektion, die ich von meinem Papa gelernt habe. Und außerdem würde es nichts helfen. Ich habe uns von einem Monat zum anderen über die Runden gebracht, indem ich Wertsachen – vor allem Schmuck – verkauft habe. Erst letzten Monat habe ich die Diamantenkette meiner Ururgroßmutter Ida veräußert.”

“Oh nein – Süße, das hast du nicht wirklich getan! Doch nicht die Stanton-Diamanten!”

Elizabeth nickte. “Ich musste. Aber es ist, als ob ich versuchen würde, eine klaffende Brustverletzung mit einem winzigen Pflaster zu verarzten.”

“Ach du meine Güte! Ist deine finanzielle Lage wirklich so hoffnungslos? Ich hab gedacht, du hast nur nicht genug flüssige Mittel. Ich hatte keine Ahnung, dass die Lage so kritisch ist. Ich meine, das stantonsche Vermögen war doch so riesig!”

“Lass es mich so ausdrücken: Im Moment sind meine Ausgaben höher – weit höher – als meine Einnahmen. Die wenigen Kapitalanlagen, die Edward mir freundlicherweise gelassen hat, werfen nicht einmal genug ab, um die Löhne und die Ausgaben eines einzigen Monats zu bestreiten.”

“Oh Süße”, murmelte Mimi und drückte Elizabeths Hände. “Das tut mir so leid.”

“Das Verrückte daran ist, dass Tante Talitha und ich eigentlich noch nicht einmal ohne etwas dastehen. Ich habe immer noch dieses Haus und Mimosa Landing. Im Augenblick zumindest. Aber die Farm rutscht seit vier Jahren ständig in die roten Zahlen. Ein Jahr fiel die Ernte wegen der Dürre schlecht aus, im nächsten hat ein Hurrikan alles zerstört. Dann kamen die Heuschrecken. Bis zu diesem Jahr habe ich mir nicht allzu viele Sorgen gemacht. Bis ich dann herausgefunden habe, dass Edward beinahe das gesamte Vermögen meiner Familie gestohlen hat. Und als hätte ich’s geahnt, sind dieses Jahr die Ausgaben der Farm höher gewesen als je zuvor. Die Landmaschinen sind alt. Einer unserer Mähdrescher ist schon seit Jahren ziemlich am Ende. Und ein Traktor eignet sich eigentlich nur noch für den Schrottplatz. Truman hat es geschafft, den Mähdrescher wieder zusammenzuflicken und bis zu diesem Frühjahr am Laufen zu halten. Aber jetzt liegt er wirklich in den letzten Zügen. Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten einen neuen Traktor und eine neue Erntemaschine kaufen, für eine Summe von mehr als 150 000 Dollar. Und das ist noch eine vorsichtige Schätzung. Ich musste fünfzig Morgen Land als Sicherheit anbieten, damit mir die Bank den Kredit für den Kauf der Maschinen bewilligt. Es sind zwar Flächen, die ursprünglich nicht zu Mimosa Landing gehört haben, aber es wird mir trotzdem schwer, überhaupt ein Stück Land zu verlieren.”

“Wie wahrscheinlich ist es, dass es dazu kommt?”

“Mehr als wahrscheinlich. Nächsten Monat ist eine hohe Tilgungsrate auf diesen Kredit fällig, und ich habe das Geld dafür nicht.”

“Kannst du genug zusammenkratzen, um die Zinsen zu zahlen? Ich bin mir sicher, dass Walter dir entgegenkommen würde, wenn du das schaffst.”

Elizabeth schüttelte den Kopf. “Ich weiß nicht einmal, wo ich das Geld für die Frühjahrsaussaat hernehmen soll. Oder wie ich nächste Woche die Löhne zahlen soll.”

“Ach du meine Güte. Also … was hast du vor?”

Elizabeth seufzte. “Ich denke, ich werde dieses Haus verkaufen. Ich sollte wenigstens ein paar Millionen dafür bekommen. Ich weiß aber nicht, wie lange das reicht. Die meisten Leute haben keine Ahnung, wie viel es heutzutage kostet, eine Farm zu betreiben. Ganz besonders so einen riesigen Betrieb wie Mimosa Landing.”

“Dieses Haus verkaufen? Das kannst du nicht machen! Ich weiß doch gar nicht, wie ich es ohne dich aushalten soll, wenn ich dich nicht mehr hin und wieder zum Reden habe!”

“Ich weiß. Ich werde dich auch vermissen. Aber ich habe keine andere Wahl. Ich werde ganz bestimmt nicht die Farm verkaufen. Nicht einmal einen Morgen Land. Nicht, solange ich lebe.”

Die Farm befand sich seit beinahe zweihundert Jahren im Besitz von Elizabeths Familie. Jede Generation hatte das Ihre zum Familienvermögen beigetragen. Im Laufe der Jahre hatten sich auch andere Geschäftsbereiche erfolgreich entwickelt. Aber es war immer noch das alte Anwesen, das Elizabeth mehr bedeutete alles andere, ebenso wie allen Stantons vor ihr.

Mimosa Landing war ihr Erbe. Generationen von Stantons hatten für dieses Land im Schweiße ihres Angesichts gearbeitet. Elizabeth musste sich ihrer würdig erweisen. Egal welche anderen Verluste sie zu erdulden hatte, Mimosa Landing musste erhalten bleiben.

“Okay, Miss Scarlett”, zog Mimi sie auf. “Ich verstehe, wie viel die Farm dir bedeutet. Aber es muss doch einen Weg geben, die Sache ins Lot zu bringen, ohne dieses Haus zu verkaufen! Wenn du das tust, wird sich wie ein Lauffeuer herumsprechen, dass du pleite bist.”

“Das ist mir egal. Es bedeutet mir nicht viel, auf Einkommen und auf meinen gewohnten Lebensstil zu verzichten. Ich kann gut ohne all das auskommen. Aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, Mimosa Landing zu verlieren. Ich kann es nicht. Ich werde es nicht!”

Elizabeth biss sich auf die Unterlippe. In ihren Augen spiegelte sich Angst. “Ich werde dich auch vermissen, Mimi. Das weißt du.”

Ihr Blick glitt über den eleganten Raum und die Täfelung aus Walnussholz. Die Möbel in diesem herrschaftlichen Wohnsitz hatten sich über viele, viele Jahre angesammelt. Jede Generation hatte ihre individuellen Spuren hinterlassen. Viele Gegenstände, darunter der Schreibtisch des alten Asa, waren älter als das Haus selbst.

Das Gebäude war groß und solide gebaut, aber gleichzeitig elegant. Elizabeths Urgroßvater hatte es zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erbauen lassen. Seither hatte die Familie einen Teil der Zeit hier in Houston, den anderen aus geschäftlichen Gründen auf Mimosa Landing verbracht. Der Houstoner Besitz bedeutete Elizabeth beinahe ebenso viel wie die Farm. “Mein Urgroßvater hat dieses Haus bauen lassen, als River Oaks noch eine ganz neue Siedlung war. Es wird mir das Herz brechen, es zu verkaufen. Aber was aus Dooley und Gladys wird, bereitet mir sogar noch mehr Sorgen. Sie sind noch nicht alt genug, um sich zur Ruhe zu setzen, und das wollen sie auch gar nicht. Aber ich kann mir nicht sicher sein, dass die neuen Besitzer sie übernehmen, besonders nicht angesichts ihres Alters.”

“Oje! Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich kann mir das Haus ohne Gladys und Dooley gar nicht vorstellen.”

“Ich weiß. Sie haben beinahe ihr ganzes Leben in dem Apartment über der Garage verbracht. Es ist für sie beinahe, als würde es ihnen gehören. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, dass man ihnen möglicherweise kündigt.”

“Stimmt, ich auch nicht”, stimmte Mimi zu. “Gladys liebt dieses Anwesen. Sie sorgt sich mehr um das Haus und all die Antiquitäten als du. Und die Gärten sind Dooleys ganzer Stolz. Es würde ihm das Herz brechen, wenn er sich nicht mehr jeden Tag um seine Pflanzen kümmern oder die eine oder andere Kleinigkeit am Haus in Ordnung bringen könnte. Oje! Das ist wirklich schlimm.”

“Und ich habe keine Ahnung, wie ich alles in Ordnung bringen soll. Wenn ich dieses Haus nicht verkaufe, kann ich die Löhne nicht bezahlen. Und die Steuern auch nicht.”

Ein Klopfen unterbrach ihre Unterhaltung. Die Tür öffnete sich, und die Haushälterin steckte ihren Kopf zur Tür herein. “Bitte um Entschuldigung, Miss Elizabeth, aber es ist jemand hier, der Sie sehen möchte.”

“Wer ist es denn, Gladys?”

Die ältere Frau rümpfte die Nase und verschränkte die Arme über ihrem üppigen Busen. “Ich habe ihn noch nie gesehen”, sagte sie mit unverhohlenem Argwohn.

Gladys war stolz darauf, jedes Mitglied der Houstoner Gesellschaft auf den ersten Blick zu kennen, außerdem alle Familienstammbäume und jeden Klatsch und Tratsch, der jemals über die Betreffenden verbreitet worden war. Sie ergänzte: “Ich habe ihn gefragt, ob Sie ihn erwarten, und er sagte, nein, aber es sei wichtig, dass er mit Ihnen spricht. Er sagt, sein Name ist Max Riordan.”

“Oh, lecker”, schnurrte Mimi.

“Maxwell Riordan?”

“Jawohl, Ma’am. Hier ist seine Karte”, sagte Gladys und stakste in den Raum. Die zusammengepressten Lippen und die steife Körperhaltung der älteren Frau drückten Ablehnung aus. Sogar die quietschenden Gummisohlen ihrer orthopädischen Schuhe klangen missbilligend. Gladys und Dooley sahen es als ihre Aufgabe an, Elizabeth zu behüten und zu beschützen. “Er macht nicht den Eindruck eines Schwindlers, aber wenn Sie möchten, dass ich ihn wegschicke, tu ich das”, bot die Haushälterin an.

Daran habe ich keinen Zweifel, dachte Elizabeth. Sie warf einen Blick auf die Karte. Der Besucher war in der Tat Maxwell Riordan.

“Nein, ich werde ihn empfangen. Führen Sie Mr. Riordan in den vorderen Salon, Gladys, und sagen Sie ihm, dass ich gleich bei ihm bin. Oh, und bringen Sie ein Tablett mit Kaffee, bitte.”

“Jawohl, Ma’am.”

“Warum um Himmels willen möchte Max Riordan mich sehen?”, wunderte sich Elizabeth laut, nachdem sich die Tür hinter der Haushälterin geschlossen hatte.

“Genau das wüsste ich auch gern.” Mimi warf Elizabeth einen listigen Blick zu. “Was ist da zwischen dir und diesem gut aussehenden Kerl? Gibt es irgendwas, das du mir nicht erzählt hast?”

“Mach dich nicht lächerlich. Ich kenne den Mann ja kaum!”

Elizabeth war Maxwell Riordan ungefähr vor einem Jahr zum ersten Mal begegnet und hatte ihn seither bei verschiedenen gesellschaftlichen Ereignissen getroffen. Aber sie waren eher Bekannte als Freunde.

Er bewegte sich am Rande der Houstoner Gesellschaft. Wegen seines Geldes wurde er zu den verschiedenen Wohltätigkeitsveranstaltungen eingeladen, aber er gehörte nicht wirklich dazu.

Elizabeths Unterhaltungen mit dem Mann hatten sich im Wesentlichen darauf beschränkt, ihn zu begrüßen und ein paar höfliche Floskeln auszutauschen. Sie hätte jedenfalls nie erwartet, dass er sie in ihrem Haus aufsuchen würde.

“Und ich würde ihn nicht als gut aussehend bezeichnen”, fügte Elizabeth hinzu. “Gefährlich aussehend schon eher.”

“Süße, verstehst du das denn nicht? Das ist es doch, was ihn so hinreißend und sexy macht! Max Riordan hat vielleicht seine Ecken und Kanten, aber er ist ein richtiger Mann.” Mimi erschauerte demonstrativ und rieb sich mit den Händen über die Arme. “Ich muss sagen, dass ich schon Gänsehaut bekomme, wenn ich nur an diesen Mann denke.”

“Mimi Whittington, benimm dich! Ich habe den Eindruck, seit Horace gestorben ist, hast du nur noch Sex im Sinn.”

“Mag schon sein, aber ich bin nicht die Einzige, die diesen Mann zum Anbeißen findet. Letzte Woche war ich zu einem Lunch mit Modenschau im Club. Die Mädels an meinem Tisch – Trudy, Delia, Blair, Madison und Becca – haben geradezu nach ihm gelechzt. Es wurde sogar spekuliert, wie Max Riordan wohl als Liebhaber wäre.”

“Ehrlich?” Elizabeth zog eine Augenbraue hoch. “Die würden mit ihm ins Bett gehen, aber sie wollen nicht, dass er im Country Club Mitglied wird, obwohl er in River Oaks lebt?”

“Ist das nicht die Höhe?”, erwiderte Mimi und lachte.

Elizabeth rollte die Augen. “Wenn das alles ist, worüber diese Ladys reden können, dann haben sie wirklich zu viel Zeit.”

Sie war sich ziemlich sicher, dass es sich bei diesen Gedankenspielen nur um albernes Geschwätz handelte. Die Freundinnen, die Mimi erwähnt hatte, waren allesamt nette Frauen. Aber abgesehen von Golf und Tennis, Verabredungen zum Lunch und den Komitees verschiedener Wohltätigkeitsverbände gab es in ihrem Leben nicht viel von Bedeutung. Elizabeth war dankbar, dass sie sich um Mimosa Landing kümmern musste. Die Farm nahm den Großteil ihrer Zeit in Anspruch.

“Ach, du weißt doch, wie die sind”, antwortete Mimi und wedelte mit ihrer beringten Hand. “Wenn man den Tratschweibern Glauben schenken will, ist Max zwar stinkreich. Aber er ist gerade erst dabei zu lernen, dass mehr als Geld nötig ist, um von dieser überheblichen Clique akzeptiert zu werden. Wir wissen doch beide, dass ich nur in den Country Club reingekommen bin, weil Big Daddy Geld, Einfluss und den richtigen Stammbaum hatte. Die Unterstützung durch deine Familie hat natürlich auch sehr geholfen. Was Max angeht, scheint bedauerlicherweise niemand etwas über ihn oder seine Familie zu wissen – oder woher er sein Geld hat.” Mimi machte eine bedeutungsvolle Pause. “Es geht das Gerücht um, dass er eine Zeit lang im Nahen Osten war und in Südamerika”, vertraute sie Elizabeth an. “Brud Paine hat angedeutet, dass Max den Grundstein seines Reichtums möglicherweise mit der Einfuhr von Drogen gelegt hat.”

Elizabeths Augen weiteten sich. “Wirklich?”

“Mmh. Aber ich weiß nicht, ob da etwas Wahres dran ist. Du weißt doch, wie eifersüchtig Brud auf jeden Mann ist, der die Aufmerksamkeit der Damen auf sich zieht. Eins ist jedenfalls sicher: Max wirkt nicht so kultiviert wie jemand, der schon in eine reiche Familie hineingeboren wurde. Ich kann ihm nachfühlen, wie das ist – schließlich bin ich selbst Außenseiterin. Der Himmel weiß, dass ich ein Jahr gebraucht habe, um zu lernen, welche Gabel man wann benutzt und wofür eine Fingerschale gut ist. Außerdem ist dir sicher klar, wie die alten Familien hier über Neureiche denken.”

Elizabeth nickte. Anders als manchen ihrer Zeitgenossen waren ihr Klassenunterschiede nicht wichtig. Ihr Urururgroßvater Asa Stanton und seine Frau hatten in einem Blockhaus mit zwei Zimmern und gestampftem Lehmboden gelebt, als sie ihren Hof am Brazos River aufgebaut hatten. Die Eltern und Großeltern hatten Elizabeth und ihren Bruder immer wieder ermahnt, niemals die bescheidenen Anfänge ihrer Familie zu vergessen. Und vor allem niemals, wirklich niemals auf jemand anderen herabzuschauen, nur weil er nicht reich geboren war.

Sowohl Elizabeths Großvater als auch ihre Eltern hatten ihnen klargemacht, dass sie das Recht auf ihren Lebensstil nicht gepachtet hatten. Vielmehr war Geld ein Geschenk, das Elizabeth und ihr Bruder genießen durften, weil die früheren Generationen der Stantons dafür hart gearbeitet hatten. Ihr Großvater hatte außerdem betont, dass sie und Ian zukünftigen Generationen dasselbe schuldeten.

“Denkt immer an zwei Dinge, und ihr werdet in dieser Welt ebenso zurechtkommen wie in der nächsten”, hatte ihr Vater ihnen von klein auf geraten.

“Erstens: Privilegien bringen immer auch Verantwortung mit sich. Und zweitens: Beurteile niemals einen Mann nach seinem Scheckbuch, sondern immer nach seinen Taten.”

Elizabeth bemühte sich, nach diesen Grundsätzen zu leben. Sie hatte für die Aufnahme von Max Riordan als vollwertiges Mitglied in den River Oaks Country Club gestimmt. Aber zugegeben, sie war nicht besonders bestürzt gewesen, als ein anderes Mitglied den Antrag boykottiert hatte.

Elizabeth wusste nicht genau, was sie an Max Riordan störte. Jedenfalls hatte es nichts mit seinem familiären Hintergrund oder der Herkunft seines Reichtums zu tun. Aber wann immer sie mit diesem Mann zu tun hatte, machte sie etwas an ihm … nun ja … nicht unbedingt nervös, aber jedenfalls ein bisschen kribbelig.

Sie seufzte und erhob sich. “Ich sollte wohl besser herausfinden, was er will. Kommst du mit?”

Mimi lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf. “Nein, ich warte hier. Er ist hergekommen, um dich zu sehen. Kann durchaus sein, dass er es nicht unbedingt gern hat, wenn ich mich da einmische. Aber wenn er weg ist, musst du schleunigst zurückkommen und mir erzählen, was er gesagt hat.”

Die Hand bereits auf dem Türknopf, blieb Elizabeth stehen und warf ihrer Freundin einen belustigten Blick zu. “Aber sicher. Als ob du nicht sowieso an der Salontür lauschen würdest.”

“Wer, ich?” Mimis braune Augen weiteten sich. Sie legte eine Hand auf die Brust und blickte betont unschuldig. “Würde ich denn so etwas tun?”

Mit einem unterdrückten Kichern wandte sich Elizabeth ab. “Tu mir nur einen Gefallen und gib keinen Laut von dir, okay?”

2. KAPITEL

Mit dem Rücken zum Raum stand Max am Fenster und schaute über den stantonschen Besitz hinweg. Ein Anwesen, das viel über die Besitzer verrät, dachte er. Unaufdringlich, geschmackvoll, aber nicht zu übersehen – die Eigentümer hatten Geld. Viel Geld.

Mehr noch, das Haus und die Außenanlagen zeugten von Klasse und Beständigkeit. Und von einer langen Familiengeschichte. So tief verwurzelt wie die riesigen Eichen im Garten. Die Bäume waren wahrscheinlich schon mehrere Hundert Jahre alt und so dick, dass zwei oder drei Männer nicht ausreichen würden, die Stämme zu umfassen.

Genau das hatte Max sein Leben lang gesucht: das Bewusstsein, es geschafft zu haben. Die Gelassenheit und das Gefühl dazuzugehören – all das strahlte dieser Ort aus.

Am Anfang hatte er geglaubt, Reichtum würde ihm zu alldem verhelfen. Daher hatte er ein großes Vermögen angestrebt und dieses Ziel nun schon vor Jahren erreicht. Aber das kaum zu beschreibende Etwas, nach dem er sich wirklich sehnte, schien stets gerade außerhalb seiner Reichweite zu bleiben.

Max wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den Salon. Leise seufzend betrachtete er die schlichte Eleganz und Zeitlosigkeit der Einrichtung.

Er selbst hatte einem Innenarchitekten ein kleines Vermögen gezahlt, der ihm sein Penthouse gestalten sollte. Die meisten Leute fanden das Ergebnis gelungen, aber auf Max wirkte es wie eine Art Schaufensterdekoration, nicht wie ein Zuhause.

In gewisser Weise war es das wohl auch nicht. Die Eigentumswohnung, die kaum anderthalb Kilometer von hier entfernt lag, fungierte für ihn nur als Zwischenstopp: ein Ort, an dem er schlief, sich rasierte und den Großteil seiner Kleidung aufbewahrte. Selten hielt er sich länger als ein paar Tage dort auf.

Im Gegensatz dazu fühlte sich dieses Anwesen wie ein Zuhause an. Alles war perfekt, bis ins kleinste Detail: von den antiken Möbeln bis zum Perserteppich, von den Brokatvorhängen an den hohen Fenstern, den exquisiten Stuckverzierungen der fast fünf Meter hohen Zimmerdecken bis zu der Kristallschale mit Süßigkeiten auf dem Beistelltisch und diversen kleinen Erinnerungsstücken hier und da. Keine Spur von der sterilen Atmosphäre seines Apartments.

Er hörte das Klappern hoher Absätze auf dem Marmorfußboden der Eingangshalle. Als er sich umwandte, betrat Elizabeth Stanton gerade den Raum.

“Mr. Riordan, es tut mir leid, dass Sie warten mussten”, sagte sie mit einem höflichen Lächeln.

“Kein Problem.” Während Elizabeth auf ihn zuging, nutzte Max die Gelegenheit, sie von oben bis unten zu mustern.

Sogar daheim, an einem windigen Herbstnachmittag, wirkte sie elegant – ganz wie er es erwartet hatte.

Ihre grüne Satinbluse nahm die Farbe ihrer Augen auf und sah fantastisch zu der braunen Tweedhose aus. Als Schmuck trug sie nur schlichte goldene Ohrringe und eine goldene Uhr mit einem braunen Lederarmband.

“Möchten Sie nicht Platz nehmen?”, fragte sie höflich und deutete auf das Sofa.

Wenn er Elizabeth auf Partys oder zu anderen gesellschaftlichen Anlässen getroffen hatte, war ihr Haar stets zu einer ausgefallenen Frisur aufgesteckt gewesen. Heute jedoch trug sie es offen, und die volle Mähne fiel ihr bis zu den Schultern. Obwohl der Stil lässig wirkte, konnte er erkennen, dass das Haar perfekt geschnitten war. Als sie sich auf einem der Queen-Anne-Stühle neben dem Kamin niederließ, fiel es wie ein glänzender, seidiger Vorhang nach vorn. Aber sobald sie sich aufrichtete, lag jedes Haar wieder an seinem Platz.

Die bärbeißige Haushälterin schlurfte herein, ein Tablett mit einer Porzellankanne und passenden Tassen und Untertassen in den Händen. Nachdem sie es auf dem Couchtisch abgestellt hatte, richtete sie sich auf und warf ihm einen durchdringenden Blick zu, ehe sie sich ihrer Arbeitgeberin zuwandte. “Brauchen Sie sonst noch etwas, Miss Elizabeth?”

“Nein, das wäre dann alles, Gladys. Vielen Dank.”

Die ältere Frau rümpfte die Nase und warf ihm zum Abschied noch einen Blick zu. “Wenn Sie mich brauchen, rufen Sie mich einfach”, sagte sie in Elizabeths Richtung und brachte es fertig, den Satz wie eine Warnung klingen zu lassen.

“Mache ich.”

Max beobachtete, wie der alte Dragoner aus dem Zimmer stolzierte, den Rücken kerzengerade durchgedrückt. Die Tür zog sie vernehmlich hinter sich ins Schloss.

“Wie nehmen Sie Ihren Kaffee, Mr. Riordan?”

“Schwarz, bitte.”

Elizabeth füllte seine Tasse mit dem dampfenden Getränk und reichte sie ihm, dann nahm sie sich selbst und fügte ein wenig Sahne hinzu. Gelassen lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück, nahm einen Schluck und beobachtete ihn über den Rand ihrer Tasse hinweg. “Ich muss sagen, ich war überrascht, als Gladys mir sagte, dass Sie hier sind und mich sprechen wollen. Ich kann mir nicht denken, was Sie von mir wollen.”

“Dann komme ich gleich zur Sache.” Max hielt nichts davon, um den heißen Brei herumzureden. Small Talk bedeutete nichts als Zeitverschwendung und Langeweile. Und weder das eine noch das andere konnte er leiden. Wenn es etwas zu tun oder zu sagen gab, machte er keine langen Umwege, sondern brachte es lieber gleich hinter sich. Mit einiger Verspätung fiel ihm jedoch ein, dass seine brüske Art Elizabeth abschrecken könnte, und so fügte er hinzu: “Das heißt, falls Ihnen das recht ist.”

“Bitte sehr.”

“Ich bin hier, weil ich über Ihre finanzielle Situation Bescheid weiß.”

Bis zu diesem Augenblick hatte sie sich außerordentlich zuvorkommend verhalten, abgesehen von einem Ausdruck vagen Unbehagens in ihren Augen. Aber bei diesen Worten versteifte sich ihre Körperhaltung. Sie hob das Kinn, und ihre Miene wurde kühl.

Mit gemessenen Bewegungen beugte sie sich vor und stellte die Kaffeetasse auf dem Couchtisch ab. Als sie sich wieder aufrichtete und die Hände im Schoß faltete, hatte er den Eindruck, dass ihn ihre blaugrünen Augen anglitzerten wie Eis an einem frostigen Morgen. Sie ist von Kopf bis Fuß eine Dame, schoss es ihm durch den Kopf.

“Darf ich fragen, wie Sie an diese Information gekommen sind? Diese Information sollte vertraulich sein.” Ihre Stimme klang ebenfalls frostig.

“Ich sitze im Aufsichtsrat Ihrer Bank.”

“Tatsächlich? Seit wann?”, fragte sie, und ihr Ton machte deutlich, dass sie ihm nicht glaubte.

“Ich habe die Position seit fast einem Jahr inne. Als Ihr Exmann sich auf und davon machte, hat man mich gebeten, seinen Platz im Aufsichtsrat einzunehmen. Da ich einer der Hauptanteilseigner der Bank bin, ist das nichts Ungewöhnliches. Zu dem Zeitpunkt wurden auch alle Kunden schriftlich über meine Berufung benachrichtigt.”

“Oh. Ich verstehe. Ich … ich muss das damals wohl völlig übersehen haben.”

Oder sie hat sich nicht die Mühe gemacht, die Mitteilung zu lesen, dachte Max. Aber konnte man ihr das vorwerfen? Im vergangenen Jahr hatte sie wirklich viel um die Ohren gehabt.

“Ich bin niemand, der einen Posten im Aufsichtsrat nur will, um dicke Schecks zu kassieren und dann die Sitzungen zu verschlafen”, fuhr Max fort. “Ich bin Geschäftsmann. Mein Interesse gilt der finanziellen Gesundheit der Bank, und daher beobachte ich alle meine Investitionen genauestens. Alle größeren Konten überprüfe ich regelmäßig.”

Er hielt inne, um einen Schluck Kaffee zu trinken. Dann warf er ihr einen gelassenen Blick zu. “Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich bemerken musste, dass Ihr Kontostand im Keller ist. Die Unterlagen der Bank zeigen, dass Edward Culpepper regelmäßig Geld von allen Ihren Konten abgehoben hat. Nachdem ich das entdeckt hatte, habe ich mich an unseren Anlageberater gewandt. So habe ich herausgefunden, dass von Ihrem Wertpapier-Portfolio fast nichts mehr übrig ist. Sie sind so gut wie pleite.”

Obwohl ihre Miene ungerührt blieb, konnte er sehen, wie sich der Ausdruck des Unbehagens in ihren Augen verstärkte.

Nach einem Moment angespannten Schweigens seufzte sie und murmelte: “Ich verstehe. Es war wahrscheinlich albern von mir zu hoffen, dass ich noch etwas mehr Zeit haben würde, ehe meine finanzielle Situation allgemein bekannt wird.”

“Keine Sorge. Niemand in der Bank weiß etwas, abgesehen von Walter Monroe und mir.”

“Vermutlich sind Sie also hier, um mir mitzuteilen, dass die Bank ihre Forderung in Bezug auf das Land geltend machen will, das ich im letzten Frühjahr als Sicherheit für den Kredit eingetragen habe.”

Ihre Haltung blieb weiterhin kühl und gelassen, aber Max konnte Furcht und Verzweiflung in ihren ausdrucksvollen Augen erkennen.

“Keineswegs”, versicherte er ihr.

Obwohl sie sich nicht bewegte und nur einige Male blinzelte, war ihre Erleichterung beinahe mit Händen greifbar. Verwundert sagte sie: “Ich verstehe das nicht. Wenn Sie nicht hier sind, um die Forderung geltend zu machen, warum dann?”

“Eigentlich bin ich hier, um Ihnen eine Lösung für Ihre Lage vorzuschlagen.”

“Wirklich? Aber weshalb sollten Sie so etwas tun? Sie kennen mich doch kaum.”

“Das ist wahr. Aber mich führt auch nicht reine Menschenfreundlichkeit hierher”, erklärte er in seiner schroffen Art. “Was ich Ihnen anzubieten habe, ist ein Geschäft, das sowohl Ihre als auch meine Probleme lösen würde.”

Er trank den Rest seines Kaffees mit einem einzigen Schluck aus und stellte die Tasse auf das Tablett zurück. Dann lehnte er sich auf dem Sofa zurück, einen Arm über die Lehne gelegt, und blickte sie unverwandt an.

“Ich glaube, dass eine Ehe zwischen uns für uns beide vorteilhaft wäre.”

Zum ersten Mal, seit er sie kannte, verlor sie die Fassung. Ihre Augen weiteten sich, und sie öffnete den Mund. Einen Moment lang war sie so fassungslos, dass sie ihn nur anstarren konnte. “W-was haben Sie gerade gesagt?”, brachte sie schließlich mit ungläubiger Stimme heraus.

“Ich weiß, ich habe Sie jetzt schockiert. Aber wenn Sie einen Augenblick darüber nachdenken, bin ich sicher, dass Sie die Vorteile erkennen.”

“Mr. Riordan, ich könnte unmöglich …”

Er hob die Hand, um sie am Weitersprechen zu hindern. “Lassen Sie mich nur ausreden, bevor Sie etwas sagen, in Ordnung?”

Sie zögerte einen Moment, aber dann nickte sie schweigend und wie benommen.

Max sprach weiter. “Aus meiner Sicht ist der alte Geldadel von Houston ein reicher Quell potenzieller Anlageressourcen. Ich bemühe mich seit Jahren darum, ihn zu erschließen, leider mit geringem Erfolg. Die hiesige Gesellschaft nimmt Neuankömmlinge nicht gerade mit offenen Armen auf. Ich brauche Ihre Beziehungen und Ihre unangreifbare gesellschaftliche Position, um einen Fuß in die Tür zu bekommen.”

Er sprach so nüchtern, als ginge es hier nur um ein ganz normales Geschäft. “Außerdem gebe ich zu, dass ich an einem Punkt in meinem Leben angekommen bin, an dem ich mir ein Heim und eine feste Partnerin wünsche. Ich mag Frauen und Sex, aber ich habe weder die Zeit noch die Geduld für das ganze Paarungsritual – die Verabredungen, das Werben, eben das ganze Balzgehabe. Wenn Sie mich fragen, ist das alles reine Zeitverschwendung. Ich bin ein ganz guter Menschenkenner und weiß, was für eine Art Frau ich mag. Nach allem was ich von Ihnen gesehen habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Sie die perfekte Ehefrau für mich wären.”

Vor allem bewunderte er die Würde, mit der sie Edward Culpeppers Betrug und den damit zusammenhängenden Klatsch und Tratsch überstanden hatte. Aber es gab keinen Grund, warum er ein so schmerzhaftes Gesprächsthema anschneiden sollte. Für ihn war mindestens genauso wichtig, dass er sie als eher zurückhaltende, selbstständige Frau kannte, die nicht viel von seiner Zeit beanspruchen würde.

“Die Vorteile für Sie liegen auf der Hand. Erstens kann ich Sie aus Ihrer momentanen misslichen Finanzlage befreien. Ich bin mir bewusst, dass die Farm seit vier Jahren keinen Profit abgeworfen hat. Deshalb würde ich vorschlagen, einen Treuhandfonds einzurichten, der sicherstellt, dass Sie das Land niemals verlieren. Es heißt Mimosa Grove oder so ähnlich, nicht wahr?”

“Mimosa Landing”, murmelte sie.

“Richtig. Abgesehen davon würde ich mit Ihrer Erlaubnis auch das stantonsche Wertpapier-Portfolio wiederherstellen.”

Bei diesen Worten verlor Elizabeth ihre würdevoll abwartende Haltung und rief aus: “Oh nein! Nie wieder werde ich jemand anders die Kontrolle über meinen Familienbesitz überlassen!”

“Das erwarte ich auch gar nicht.” Er blickte sie ruhig an. “Ich weiß alles über Edwards hinterlistige Machenschaften, und Sie selbst tragen einen Teil der Schuld daran. Man darf niemals jemandem – und ich meine wirklich: niemals – so eine umfassende Handlungsvollmacht erteilen.”

“Das weiß ich inzwischen auch.”

Als er den bitteren Unterton in ihrer Stimme wahrnahm, bezwang Max den Impuls, sie weiter für ihre Dummheit zurechtzuweisen, sondern fuhr in seinen Überlegungen fort: “Ich schlage vor, dass ich ausschließlich beratend tätig sein werde. Alles was Ihnen gehört, wird weiter unter Ihrem Namen geführt. Daher müssen Sie auch jede Unterlage, die in irgendeiner Art und Weise Ihren Besitz angeht, selbst überprüfen und unterzeichnen. Selbstverständlich werde ich Sie und Ihren Anwalt über jedes Geschäft, das ich als Berater vorschlage, umfassend informieren. Die endgültige Entscheidung allerdings über alles, was stantonsches Vermögen betrifft, wird immer bei Ihnen liegen.”

Er hielt kurz inne, bevor er zum Ende seines Vortrags kam. “Natürlich wird ein Ehevertrag erforderlich sein, um die Einzelheiten festzulegen. Aber im Großen und Ganzen ist das das Geschäft, das ich Ihnen vorschlagen möchte. Ich bin sicher, wenn Sie sich erst die Zeit nehmen, um wirklich darüber nachzudenken, werden Sie mir zustimmen, dass eine Eheschließung uns beiden nichts als Vorteile brächte.”

Elizabeth starrte ihn entgeistert an. Sie traute ihren Ohren kaum. Dieser Mann, den sie kaum kannte, kam einfach so in ihr Haus marschiert und schlug ihr vor, ihn zu heiraten – als ob das nichts anderes wäre als ein ganz normales Geschäft! Vollkommen kaltblütig sprach er davon, den Rest ihres Lebens gemeinsam zu verbringen, und tat dabei ganz so, als wäre diese Idee vollkommen vernünftig und logisch. War er wahnsinnig?

Anscheinend nicht. Ohne das geringste Anzeichen von Nervosität saß er ihr gegenüber und schaute sie in seiner ruhigen Art an, während er auf ihre Antwort wartete.

Maxwell Riordan war ein beeindruckender Mann. Elizabeth konnte verstehen, warum Frauen ihn anziehend fanden, auch wenn er nicht wirklich dem klassischen männlichen Schönheitsideal entsprach, dazu waren seine Gesichtszüge ein wenig zu markant und rau. Aber er strahlte Stärke aus und strotzte nur so vor Vitalität. Er war ein Mann, der in jeder Menschenmenge mühelos hervorstach.

Von etwas überdurchschnittlicher Größe, hatte er die breiten Schultern und den muskulösen Körperbau eines Mannes, der zumindest eine Zeit lang in seinem Leben harte körperliche Arbeit geleistet hatte. Seine großen, schwieligen Hände bestätigten diese Annahme.

Obwohl er ein dunkler Typ mit gebräuntem Teint und rabenschwarzen Haaren war, strahlten in seinem Gesicht azurblaue Augen, die einen geradezu zu durchbohren schienen. Eine Narbe lief von seiner rechten Augenbraue über den Nasenrücken bis zur linken Wange, und seine Nase sah so aus, als sei sie mindestens einmal gebrochen gewesen.

An der Art, wie er sprach oder sich kleidete, war nichts auszusetzen. Er benutzte die Grammatik korrekt, obwohl seine Redeweise ein wenig zu schroff und direkt war, um höflich zu sein. Seine geschmackvolle Kleidung ließ er offensichtlich maßschneidern. Trotz alledem fehlte ihm der letzte Schliff, und eine gewisse Aura von ungezähmter Härte umgab ihn.

Für ihren Geschmack war er einfach zu … zu aggressiv, zu gefährlich. Zu männlich.

“Ich verstehe”, brachte sie schließlich heraus. “Ich muss sagen, Mr. Riordan, Sie haben mich wirklich überrascht. Ich war neugierig darauf, was Sie zu mir geführt hat, aber das habe ich jedenfalls nicht erwartet.”

“Sie müssen entschuldigen, wenn ich Sie überrumpelt habe. Das ist eine meiner Schwächen, wie mir immer wieder vorgehalten wird. Allerdings verdiene ich seit Jahren meinen Lebensunterhalt damit – und habe so auch mein Vermögen gemacht –, dass ich Möglichkeiten erkenne und Gelegenheiten beim Schopfe packe. Wie gesagt, für langatmige Brautwerbung habe ich weder Zeit noch Geduld. Gleich bei unserer ersten Begegnung bin ich auf Sie aufmerksam geworden, und seither habe ich Sie genau beobachtet.”

Dieses Geständnis ließ Elizabeth einen leichten Schauer den Rücken herunterlaufen. Der Gedanke, dass er sie die ganze Zeit über im Auge behalten hatte, war unheimlich.

“Ich habe auch einige Nachforschungen angestellt. Ich weiß, dass Sie Ihrem Exmann treu waren, dass Sie von allen Leuten in Ihrem Umfeld gemocht und bewundert werden, allerdings wahrscheinlich mit der Ausnahme von Natalie Brussard. Ich weiß, dass man von Ihnen sagt, Sie wären ehrlich, gutmütig und freundlich. Ich weiß auch, dass die Angestellten auf Ihren beiden Anwesen – Hausmeister, Gärtner, Farmarbeiter – schon viele Jahre bei Ihnen arbeiten. Das allein spricht schon Bände.”

“Einige Nachforschungen? Das klingt, als ob Sie mich ausspioniert hätten!”, bemerkte Elizabeth ungehalten.

Max zuckte die Schultern. “Ich bin ein vorsichtiger Mann. Aber machen Sie sich keine Sorgen, alles was ich in Erfahrung gebracht habe, war positiv. Das ist auch einer der Gründe, warum ich glaube, dass wir gut zueinander passen.”

“Tatsächlich?” Nun, da sie sich langsam von ihrem ersten Schock erholt hatte, straffte Elizabeth die Schultern und setzte sich gerade auf. “Lassen Sie mich versuchen, das Gesagte zusammenzufassen: Sie schlagen vor, dass ich Sie wegen Ihres Geldes heirate und Sie mich im Gegenzug wegen meiner gesellschaftlichen Stellung und meiner Beziehungen. Oh, und als feste Partnerin im Ehebett. Ist das so richtig?”

Max ließ sich durch ihren Tonfall nicht aus der Ruhe bringen. “Das bringt es ungefähr auf den Punkt.”

Elizabeth wusste nicht, ob sie amüsiert oder entrüstet sein sollte. “Ich verstehe. Jetzt bin ich aber neugierig: Falls ich zustimmen sollte – was glauben Sie, wie lange so eine Ehe hält?”

“‘Bis dass der Tod uns scheidet.’ Sagt man das nicht so? Allerdings können wir, falls Sie das wünschen, eine Vereinbarung in unseren Ehevertrag aufnehmen, dass wir die Sache nach fünf Jahren noch einmal überprüfen. Das sollte uns beiden genug Zeit geben, um herauszufinden, ob wir miteinander zurechtkommen. Und bis dahin hoffe ich, Ihr Anlagen-Portfolio wiederhergestellt und es in der Houstoner Gesellschaft etwas weiter gebracht zu haben. Wenn zu diesem Zeitpunkt einer von uns beiden Schluss machen will, gehen wir einvernehmlich getrennter Wege. Sie werden Ihren Treuhandfonds für die Farm und das Einkommen daraus gewonnen haben, ich habe die Investoren an Land gezogen, die ich wollte.”

“Wenn Sie so viel Geld haben, dass Sie sich all das, was Sie da vorschlagen, leisten können – wozu brauchen Sie noch mehr?”, fragte Elizabeth.

“Es geht mir nicht ums Geld”, antwortete Max. “Es hat aufgehört, ums Geld zu gehen, nachdem ich meine ersten Millionen gemacht habe. Es geht mir um das Spiel. Geschäfte abzuschließen und dafür zu sorgen, dass sie Gewinn bringen, geht einem ins Blut. Der Profit, den man für sich selbst und für andere erwirtschaftet, ist nur sekundär.”

“Ich verstehe”, murmelte sie, obwohl davon keine Rede sein konnte. Ihre Vorfahren hatten alle aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber zukünftigen Generationen hart gearbeitet und ihren Wohlstand vergrößert, aber Max machte einen geradezu fanatischen Eindruck: ein Workaholic, der nach Geschäften süchtig war.

“Ich muss sagen, Mr. Riordan, ich habe schon romantischere Anträge bekommen.” Von ihrem alten Freund Wyatt Lassiter zum Beispiel, der sie inzwischen seit Monaten im Schnitt einmal pro Woche fragte, ob sie ihn heiraten wolle.

“Tut mir leid. Ich bin nicht der romantische Typ.”

“Aha. Sehen Sie, genau da liegt das Problem. Ich schon. Es tut mir leid, Mr. Riordan, aber …”

“Nennen Sie mich Max”, beharrte er.

“Gut … Max. Ich fürchte, ich kann Sie unmöglich aus den Gründen, die Sie genannt haben, heiraten.”

Er schenkte ihr wieder einen dieser durchdringenden Blicke, auf die er sich so gut verstand. Es fühlte sich an, als könnten sich diese strahlenden blauen Augen direkt in ihr Herz brennen. “Ich nehme an, Sie haben Edward Culpepper aus Liebe geheiratet.”

“Ja. Ja, das habe ich.”

“Hmm. Offensichtlich ist das dann auch nicht das Wundermittel, das eine glückliche Ehe garantiert, oder?”

Seine Feststellung traf sie wie ein Schlag ins Gesicht, aber sie bewahrte die Fassung. Gerade so eben. “Wahrscheinlich nicht. Trotzdem … für Geld zu heiraten kommt mir so … so geschmacklos vor.”

“Geschmacklos? Ich halte es für ehrlich, offen und vorteilhaft für uns beide. Darf ich Sie daran erinnern, dass die Menschen erst seit ungefähr hundert Jahren um der Sache willen heiraten, die sie als Liebe bezeichnen? Jahrhundertelang wurden Ehen aus vielen anderen Gründen arrangiert: wegen finanzieller oder politischer Vorteile, familiärer Verbindungen, Kameradschaft, Sicherheit, Nachkommen et cetera. Und in bestimmten Teilen der Welt ist das immer noch üblich. Viele solche Ehen waren und sind durchaus erfolgreich. Wenn man mit vernünftigen Erwartungen heiratet, hat man, glaube ich, eine gute Chance auf ein zufriedenstellendes Zusammensein.”

“Zufriedenstellend? Wie steht es mit glücklich?”

Max zuckte mit den Schultern. “Das auch. Ich nehme an, dass man mit der Zeit eine gewisse Zuneigung zueinander entwickelt.”

“Und was, wenn nicht?”

“Dann behandelt man einander mit gegenseitiger Achtung. Eines kann ich Ihnen versprechen: Untreu werde ich Ihnen nie sein. Mit mir werden Sie nicht die Erniedrigung ertragen müssen, der Sie Edward ausgesetzt hat. Ich halte mein Wort.”

Max griff in die Innentasche seines Jacketts und zog eine Visitenkarte und einen Stift heraus. Er kritzelte etwas auf die Rückseite der Karte und sagte dann: “Meine Geschäftsnummern stehen hier. Auf der Rückseite habe ich die Nummer für meinen privaten Anschluss im Büro notiert. Ich gebe Ihnen auch meine Nummer zu Hause und meine private Mobilnummer.” Er reichte ihr die Karte über den Couchtisch hinweg. “Warten Sie ein paar Tage und denken Sie über alles nach, was wir besprochen haben. Dann rufen Sie mich an und teilen mir Ihre Antwort mit.”

Meine Antwort kann ich Ihnen heute schon geben, dachte Elizabeth.

Doch statt diese Worte laut zu äußern, rang sie sich ein schwaches Lächeln ab und hörte sich selbst sagen: “Also gut.”

“Versprechen Sie mir, dass Sie sich wirklich Zeit lassen, über das nachzudenken, was ich gesagt habe”, wiederholte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

“Das mache ich. Ich verspreche es.” Elizabeth erhob sich, um deutlich zu machen, dass ihre Unterhaltung zu Ende war. Max blieb keine andere Wahl, als es ihr gleichzutun.

“Gut. Ich freue mich darauf, bald von Ihnen zu hören.”

Wie kalt und gefühllos, dachte Elizabeth, als sie ihn zur Eingangstür begleitete. Für Max Riordan war die Ehe offenbar ein Geschäftsabschluss wie jeder andere auch.

Als er draußen war, schloss Elizabeth die Tür, lehnte sich mit einem Seufzer gegen die Mahagonitäfelung und schloss die Augen. Sie fühlte sich merkwürdig aufgewühlt. Was für ein dreister, unberechenbarer Mann! Als Gladys den Besucher gemeldet hatte, hatte sie Überraschung und Verwunderung darüber empfunden, dass er sie sprechen wollte. Aber das Letzte, was sie erwartet hätte, war ein Heiratsantrag!

Die Doppeltüren, die zum Speisezimmer führten, öffneten sich, und Mimi stürmte so plötzlich in die Eingangshalle, dass Elizabeth erschrocken zusammenzuckte. Sie fühlte sich von der ganzen vorausgegangenen Szene so benommen, dass sie die Anwesenheit ihrer Freundin völlig vergessen hatte – genau wie die Tatsache, dass Mimi vermutlich an der Tür gelauscht hatte.

Der Blick der Freundin bestätigte diesen Verdacht. “Oh mein Gott! Er hat dich tatsächlich um deine Hand gebeten! Ich hätte mir beinahe in die Hose gemacht, als er diese Bombe hat platzen lassen! Ich konnte mich gerade noch zurückhalten reinzumarschieren und ihm den Kopf zurechtzurücken. Der Mann hat Nerven!”

Elizabeth warf ihrer Freundin ein etwas schiefes Lächeln zu. “Aber Mimi, hast du nicht eben noch gesagt, was für ein Bild von einem Mann er ist?”, bemerkte sie betont beiläufig, als sie an der Freundin vorüberging.

Mimi folgte ihr. Ihre Stilettoabsätze trommelten ein wütendes Stakkato erst auf den Marmorfußboden der Eingangshalle, dann auf den Parkettboden im Salon. “Ja, ich habe gesagt, dass er zum Anbeißen ist. Das ist er ja auch! Aber das heißt noch lange nicht, dass ich finde, du sollst ihn heiraten! Und überhaupt … was glaubt er eigentlich, wer zum Teufel er ist? Diese Schnapsidee, dir vorzuschlagen, ihn wegen seines Geldes zu heiraten! Und schlimmer noch – dann auch noch zuzugeben, dass er dich nur wegen deiner gesellschaftlichen Stellung will! Und um jemanden zu haben, der ihm ohne Stress das Bett wärmt. Ich hätte reinkommen und ihm eine verpassen sollen, allein schon dafür!”

Mimi konnte sich gar nicht beruhigen. “Ist der Mann blind oder einfach nur dumm? Ist ihm nicht klar, was für eine kluge, liebenswerte und wunderbare – nicht zu vergessen schöne – Frau er bekommen würde, wenn er das Glück hätte – Gott bewahre! –, dich vor den Altar zu zerren?”

“Du musst zugeben, dass er wenigstens ehrlich war.” Elizabeth setzte sich auf den Stuhl, von dem sie sich erst vor wenigen Augenblicken erhoben hatte, und hob die Kaffeekanne. “Möchtest du einen Kaffee? Ich kann Gladys noch eine Tasse bringen lassen.”

“Nein, ich will keinen Kaffee”, schnauzte Mimi sie an. Sie fing an, vor dem Kamin auf und ab zu gehen. “Ich will wissen, was du jetzt unternimmst.”

“G

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