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Pakt des Blutes

Über den Autor

Paul S. Kemp ist New-York-Times-Bestsellerautor und hat bereits diverse Fantasyromane geschrieben. Großen Erfolg hatte er mit seinen Star-Wars-Romanen, die sehr positiv besprochen wurden. Kemp lebt mit seiner Familie in Michigan. Besuchen Sie den Autor auch auf seiner Website: www.paulskemp.com

PAUL S. KEMP

Pakt des Blutes

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Michael Neuhaus

BASTEI ENTERTAINMENT

Prolog

Nix untersuchte die Tür zum Allerheiligsten, eine große, schwarze Metallplatte ohne besondere Merkmale bis auf den schmalen Schlitz, der wohl ein Schlüsselloch war. Verschlungene Steinreliefs von Landneunaugen und Sandnattern – im alten Afirion für heilig erachtete Geschöpfe – sprangen von Türsäulen und Sturz hervor; die Stränge ihrer gewundenen Körper umschlangen sich in einem heillosen Chaos aus Fangzähnen, hervortretenden Augen und implizierter Gewalt. Afirionische Piktoglyphen bedeckten die Wände, die schwarze, goldene und türkisene Tinte erzählte die Geschichte von Abn Thahls Leben.

Nix stemmte die Hände in die Hüften und starrte die Tür an, als wäre er – ganz wie einer der Geistmagier von Oremal – imstande, sie allein Kraft seines Willens zu öffnen.

Leider war dem nicht so. Nix runzelte die Stirn und schaute hinüber zu Egil. »Eine sechs Jahrhunderte alte Tür und nirgendwo Rost. Merkwürdig, nicht wahr?«

Egil saß auf dem Boden, die Beine ausgestreckt und den Rücken an die glatte Sandsteinmauer gelehnt; links und rechts neben ihm lagen seine Zwillingshämmer auf dem steinernen Boden, beide waren voll Blut. In dem Haarkranz, der sein Haupt umsäumte, sammelte sich Schweiß. Blut – wenngleich nicht sein eigenes – sprenkelte seine kräftigen Unterarme.

»Merkwürdig, ja«, erwiderte der Priester. Er betrachtete verärgert eine Verletzung in einem seiner baumstammdicken Beine. Die Tätowierung auf seiner Glatze – ein aus dem Zentrum eines Sternenausbruchs hervorschauendes Auge, das Symbol Ebenors, des Augenblicksgottes – glotzte Nix an, während Egil nach unten sah. »Kannst du sie öffnen?«

Die Frage kratzte an Nix’ Stolz. Er drehte sich um, fixierte seinen Freund und Komplizen und zeigte mit dem Finger wie mit einem gespannten Armbrustbolzen auf Egils Kopf.

»Kann es sein, dass dir einer der Zombies den Verstand aus dem Schädel gedroschen hat? Ob ich sie öffnen kann, fragst du? Ich? Genauso gut könnte man fragen, ob ’ne Dirne vögeln oder ein Zauberer täuschen kann. Das sind Sachen, die gehören einfach zu deren Natur. Ob ich sie öffnen kann? Also wirklich …«

»Ah, haben wir dich …«, sagte Egil, Nix’ Tirade geflissentlich ignorierend. Er hielt den blutigen Obsidiansplitter hoch, den er gerade aus einer kleinen Wunde in seinem linken Oberschenkel gepult hatte, und blickte zu Nix auf, in den braunen Augen nichts als die lauterste Unschuld. »Wie war das mit dem Schlösser vögelnden Zauberer?«

Nix verschränkte die Arme vor der Brust und sah Egil wütend an. »Du hast genau gehört, was ich gesagt hab, Hurensohn.«

»Ja, ja, hab’s gehört …«, entgegnete Egil mit schwerem Seufzen und einem schwachen Nicken. Er hielt den Steinsplitter dichter an die Laterne. »Nun sieh sich einer das an. Ein Stück von einer Zombie-Klinge …«

Auf ihrem Weg durch Abn Thahls Grabmal hatten Nix und Egil gut zwei Dutzend der untoten Kreaturen zu Brei verarbeitet – einstmalige Tempelwächter, die von den Zauberern des Magierkönigs zu Wiedergängern belebt worden waren.

»Du hast’s vielleicht gehört, aber du hast nichts erwidert«, sagte Nix. »Also lass es mich anders formulieren: Besitzt du Kenntnis von einer Tür, die ich nicht aufbekommen habe? Ich beharre nur deshalb auf dem Thema, um dir deine geistige Unzulänglichkeit vor Augen zu führen, die sich in einem mangelhaften Gedächtnis offenbart. Es ist wichtig, seine Grenzen zu erkennen, weißt du.«

Egil warf den Splitter fort, riss einen Streifen Stoff von seinem Hemd und presste ihn auf die Wunde an seinem Bein. »Na ja, da war dieses eine Mal in der Grube von Farrago …«

Nix schüttelte empört den Kopf. »Das war keine Tür!«

Egil schaute auf und hob die buschigen Augenbrauen. »Es hatte Scharniere und einen Griff. Es ließ sich schließen und öffnen. Wie kannst du behaupten …«

»Es war eine Luke.«

»Eine Luke?«

»Sehr richtig, eine Luke, und nur ein schwachsinniger Priester des Augenblicksgottes würde eine Tür mit einer Luke verwechseln. Eine Luke ist was völlig anderes als eine Tür. Eine Luke kann sehr schwierig sein. Verstehst du? Hat das tätowierte Auge auf deinem Schädel deine echten Augen blind gemacht oder sonst einen schädlichen Einfluss auf deine Wahrnehmung ausgeübt, dass du eine Tür nicht von einer Luke unterscheiden kannst?«

Eine ganze Weile starrten sie sich einfach nur an, auf ihren Gesichtern der tanzende Schein der Laterne.

»Also schön«, sagte Egil schließlich. »Es war ’ne Luke.«

»Machst du dich jetzt über mich lustig? Ich höre doch Spott heraus.«

»Nein, absolut nicht. Ich stimme dir zu. Es war eine Luke …« Egil stand auf, belastete versuchsweise sein Bein und schien mit dem Ergebnis zufrieden.

»Die Worte habe ich durchaus vernommen«, sagte Nix und machte eine Handbewegung, als wollte er ein lästiges Insekt verscheuchen. »Es ist dein Tonfall, der mich stört.«

Egil öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Nix hob eine Hand, um ihm Einhalt zu gebieten. »Lass es gut sein. Wir kennen ja beide die Wahrheit.«

Alsdann wandte er sich knurrend wieder zu der Tür um, entschlossener denn je, sie aufzubekommen.

Er betrachtete sie aus unterschiedlichen Winkeln, prüfte das Mauerwerk um sie herum. Nirgendwo waren Scharniere, also nahm er an, dass sie sich mittels verborgener Gegengewichte öffnete. Einige in den hellen Stein über dem Türsturz gebohrte Löcher fielen ihm auf. Sie waren vor langer Zeit mit Mörtel gefüllt worden. Vielleicht war Sand in die Kammer dahinter gesickert, nachdem die Tür verschlossen worden war? So was hatte er schon mal gesehen.

Er legte sich flach auf den Bauch und stellte fest, dass die Tür bündig mit dem Boden abschloss und mit einer dicken Schicht aus Teer oder etwas Ähnlichem versiegelt war.

Das hatte er noch niemals vorher gesehen, und der Grund für diese Maßnahme war ihm ein Rätsel.

Möglicherweise um zu verhindern, dass eine Klinge durch den Spalt geschoben werden konnte? Aber warum?

»Vielleicht versuchst du mal, das Schloss zu knacken?«, schlug Egil vor.

Nix antwortete mit einer obszönen Geste.

Egil grinste und beugte sein verletztes Bein. »Du lässt dich zu leicht in deinem Stolz herausfordern. Und ich merke das nur deshalb an, um dir die Brüchigkeit deines Egos vor Augen zu führen. Schließlich ist’s doch wichtig, dass man seine Grenzen erkennt, stimmt’s?«

Nix erhob sich wieder vom Boden und vollführte die obszöne Geste nun mit beiden Händen.

»Womit meine Behauptung bestätigt wäre«, sagte Egil. Sodann holte der Priester seine vergilbten Elfenbeinwürfel aus der Hosentasche und schüttelte sie in der hohlen Hand.

»Muss das sein?«, fragte Nix, obwohl er die Antwort schon kannte.

»Ja.«

Langsam streckte Nix seine Hände nach der Tür aus. Kurz bevor er die Oberfläche berührte, hielt er jedoch inne. Er wartete, und nach einem kurzen Moment richteten sich die Härchen auf seinen Unterarmen auf. Triumphierend blickte er sich zu Egil um. »Siehst du? Abgesichert.«

»Gut beobachtet«, sagte Egil. »Deine Ausbildung an der Ma­gier­akademie war wohl doch nicht umsonst. Und jetzt?«

»Jetzt das hier!« Nix nahm seinen Lederranzen mit den unverzichtbaren Utensilien ab.

Der Tornister enthielt sein Werkzeug, sowohl präzises wie grobes, die verzauberten Gegenstände, die er sich durch Kauf oder Diebstahl angeeignet hatte; außerdem Pergamentbögen, einige Kreidestücke, ein Tintenfläschchen, Schreibfedern und alles andere, das ihm auf einer Expedition von Nutzen erschien. Überdies befand sich seine Sammlung von Schlüsseln darin, zu der neben ganz profanen Helferlein auch einige mit magischen Attributen versehene Exemplare gehörten.

»Wieder so ein Schnickschnack?«, fragte Egil. Der Priester trat neben ihn und betrachtete zuerst die Tür und dann den Inhalt des Ranzens.

Nix ging seine verschiedenen Schlüssel durch – allesamt im Unteren Basar erworben oder auf Expeditionen erbeutet –, bis er den fand, den er suchte: eine kleine Messingschönheit mit einem dünnen Röhrchen für ein Schlüsselblatt und einer gehämmerten Kupfermünze als Räute. Er hielt ihn hoch, damit Egil ihn sah.

»Mein Schnickschnack, wie du es so taktlos nennst, hat uns schon mehr als einmal den Hintern gerettet.«

»Wohl wahr«, gab Egil zu. »Aber die Chancen, dass dieser Schlüssel in einem afirionischen Grabmal funktioniert, sind in etwa so groß wie die, im Schlüpfrigen Tunnel eine Jungfrau zu finden.«

»Oder ungefähr so wahrscheinlich, wie einen mit Weisheit gesegneten Priester zu treffen?«

Egil kicherte. »Nett.«

Nix lächelte liebenswürdig. »Aber das hier ist mitnichten ein gewöhnlicher Schlüssel. Hab ihn auf dem Basar von Dur Follin einem Händler von Kerfallen, dem Grauen Magier, abgekauft. Er öffnet Bannsiegel, keine Türen.«

»Hmm …« Skeptisch betrachtete Egil den Schlüssel. »Ich bete, dass es so ist, auch wenn ich den Zauberwerk-Händlern nicht über den Weg traue.« Pietätvoll neigte er sein kübelgroßes Haupt und richtete das Auge Ebenors direkt auf Nix.

»Leider traue ich deinen Gebeten noch viel weniger«, meinte Nix. Aus gutem Grund nennt man Ebenor nicht den Ewigkeitsgott, mein Feund. Er ist der Augenblicksgott, und er war göttlich für … na ja, einen einzigen Augenblick.«

Egils Blick ging in die Ferne, wurde entrückt, wie immer, wenn er über seinen Glauben sprach, wenn seine Gedanken sich den Ereignissen zuwandten, die seine Hinwendung zur Religion herbeigeführt hatten. »Das Leben ist nichts weiter als eine Kette von Augenblicken, Nix. Das weißt du.«

Nix registrierte die Ernsthaftigkeit im Tonfall seines Freundes sehr wohl, doch die Tür ärgerte ihn, und daher war er nicht ganz so taktvoll, wie er es unter anderen Umständen vielleicht gewesen wäre. »Ja, aber Ebenor ist tot, also gibt’s für ihn keine Augenblicke mehr. Er kann dich nicht hören, mein Freund. Und soweit ich weiß, bist du sein einziger Anhänger.«

Egil lächelte hinter seinem Bart und rückte das Kettenhemd, das er trug, zurecht. »Was mich dann wohl zum Hohepriester macht, nicht wahr?«

Sogleich bereute Nix seinen Einwand. »Ich schätze, das tut es. Dann bete also, Hohepriester. Schaden kann’s nicht.«

Während Egil in den rauen Silben seiner Heimatsprache ein Gebet murmelte, sprach Nix ein Wort in der Sprache der Erschaffung, um die Magie in dem Schlüssel zu erwecken. Als dieser in seiner Hand wärmer wurde, richtete er das offene Ende des Schlüsselschafts auf die Tür, zog seinen Stoßdolch hervor und tippte mit dessen Spitze sacht an das Schlüsselende.

Der Schlüssel begann zu vibrieren, zuerst nur leicht, dann stärker, und gab dabei ein anhaltendes Getöne von sich, das der Großen Uhr von Ool alle Ehre gemacht hätte. Laut dröhnte es durch die große unterirdische Kammer, das Echo schuf neue Echos und hallte wider und wider. Von den Deckenquadern rieselte lockerer Sand.

Das Metall zwischen seinen Fingern erwärmte sich weiter und wurde, als der Klang verebbte, immer heißer. Nix hielt den Schlüssel fest, so lange er konnte, dann ließ er ihn fluchend los. Er fiel auf den Boden, begann weiß zu glühen und zerschmolz vor seinen Füßen zu Schlacke.

Im nächsten Moment jagten ihm ein nasses Kriechen und ein schrilles Kreischen das Adrenalin durch die Adern und rissen seinen Kopf nach oben. Sein Blick erhaschte das Hervorschnellen eines der in die Türsäule gemeißelten steinernen Neunaugen, nun fleischgeworden und so dick wie sein Unterarm; aus dem Stein heraus schnappte es nach ihm, der schwarze Schlund seines Mauls innen rundum mit grässlichen Fangzähnen gespickt.

Er taumelte zurück, wollte den Stoßdolch, den er immer noch in der Hand hielt, zum Einsatz bringen, doch er war viel zu langsam, und …

Mitten im Angriff schnappte Egil die Kreatur aus der Luft und schmetterte sie mit Wucht zu Boden. Fauchend und wütend krümmte sie sich in seinem Griff, versuchte genug von ihrem Körper freizubekommen, um ihre Fänge in sein Fleisch treiben zu können. Doch der Priester klemmte sie unter seinem Stiefel fest wie mit eiserner Zange.

»Nix, deine Klinge!«

Nix löste sich aus seiner Erstarrung, riss sein Falchion aus der Scheide und hackte das Neunauge in zwei Hälften. Einen Moment lang wanden sich die Teilstücke noch und verspritzten dabei ein stinkendes, schwarzes Sekret, dann erstarrten sie zu ­Reglosigkeit und verwandelten sich in zwei Steinbrocken zurück.

»Verdammt«, fluchte Nix. Sein Herz raste noch immer. Er steckte seinen Stoßdolch zurück in die Scheide.

Egil hob den Stiefel von den Überresten der Kreatur und schaute Nix an. »Siehst du?«, sagte der Priester und schickte ­eines der steingewordenen Stücke mit einem Fußtritt quer über den sandbedeckten Boden. »Augenblicke, Nix. Leben und Tod werden in Augenblicken erfahren. Und gerade hatten wir so einen.«

Nix klopfte Egil auf die mächtigen Schultern. »Hab’s kapiert. Danke.«

Er gönnte sich ein paar Atemzüge, bis sein Puls sich wieder beruhigt hatte, und hielt dann erneut seine Handflächen vor die Tür. Er wartete, doch das Prickeln von einem aktiven Abwehrzauber war nicht mehr zu spüren.

»Der Schlüssel hat den Bann aufgehoben«, sagte er.

»Pah!«, gab Egil zurück. »Der Schlüssel hat den Bann erst in Gang gesetzt. Das hätten wir auch gekonnt.«

»Ich laste das eher deinen Gebeten an.«

»Und ich deinem ›magischen‹ Schlüssel. Ich denke, da ist ein kleines Pläuschchen mit Kerfallens Händler fällig, wenn wir ihn das nächste Mal sehen. Was meinst du?«

»Einverstanden.« Nachdenklich rieb Nix sich die Nase. »Obwohl es, um der Gerechtigkeit die Ehre zu geben, kein besonders teurer Schlüssel war.«

Egil kicherte abermals und ließ die Würfel in seiner Hand wieder klackern.

Nix kniete sich vor die Tür. »Leuchte doch bitte mal in das Schlüsselloch.«

Egil steckte die Würfel ein, nahm seine beiden Hämmer in eine Hand und hielt mit der anderen die Laterne so, dass ihr Schein in das Schlüsselloch fiel.

Während Nix seine Präzisionswerkzeuge aus dem Ranzen holte, wurde ihm mit einem Male bewusst, dass es ihm im Grunde recht egal war, ob sie im Allerheiligsten das Schlangengötzenbild fanden.

Er und Egil waren von Dur Follin nach einem Drei-Tage-Besäufnis aufgebrochen, in dessen Verlauf sie Crustus, dem blinden Kartografen, eine »Schatzkarte« abgekauft hatten. Crustus hatte das alte, vergilbte Pergament von einem Fuhrmann erhalten, der es seinerseits als Reiselohn von einem afirionischen Edelmann bekommen hatte, welcher sich auf der Flucht vor Derwisch-­Assassinen befand.

Kurz: Er und Egil waren der Karte aus einer feuchtfröhlichen Laune heraus gefolgt.

Nix hob seinen Dietrich an den Schlitz. Plötzlich hatte er bei der Sache ein ganz ungutes Gefühl. Er hielt inne und warf einen Blick über die Schulter. »Könntest du mir bitte noch mal sagen, was wir eigentlich hier tun, Egil?«

Egils buschige Brauen schossen steil in die Höhe. »Ich stehe hier mit einem verletzten Bein. Du knackst gerade ein Schloss. Davon abgesehen könnten wir dringend ein Bier gebrauchen.«

»Stell dich nicht dümmer, als du bist. Ich meine, was tun wir? Hier. Jetzt gerade.«

»Hier? Jetzt gerade? Leidest du an geistiger Umnachtung? Wir holen ein Schlangengötzenbild aus dem Grabmal des Magier­königs Abn Thahl.«

Nix lehnte sich zurück auf seine Fersen und tippte sich mit dem Dietrich an die Wange. »Ja, ja, schon klar, aber warum? Ich meine, das Letzte, an das ich mich erinnere, sind irgendwelche Weibsbilder und viel Herumgeprahle und … na ja, sonst an nicht mehr sehr viel.«

Die Feststellung schien Egil zu verblüffen. Seine Stirn legte sich in Falten, und seine Miene wurde düster. Er verlagerte das Gewicht auf seinen stiefelbewehrten Füßen. Das Licht der Laterne warf verrückte Schatten an die steinerne Wand. Mit einer Hand fuhr er sich über das spärlich bewachsene Haupt.

»Tja, ich weiß auch nicht. Ich glaube … wir waren ziemlich betrunken und … ich erinnere mich noch, dass wir im Schlüpfrigen Tunnel gewesen sind, aber … Schätze mal, es ging um klingende Münze?« Er schaute auf, als hätte er eine plötzliche Offenbarung. »Das Götzenbild muss doch einiges wert sein, oder nicht?«

»Wir haben rund um Dur Follin genug klingende Münze versteckt, um in Wein, Weib und Gesang zu schwelgen, bis wir alt und grau sind und sowohl das eine wie das andere nicht mehr zu würdigen wissen. Von den Schatzkarten, die wir noch besitzen, gar nicht zu reden.«

Egil neigte den Kopf, Nix in diesem Punkt recht gebend. »Stimmt. Und?«

»In der Tat, genau das ist die Frage: Und?« Nachdenklich betrachtete Nix seinen Dietrich aus Draht. Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, was genau sie sich eigentlich gedacht hatten. Sie hatten die Dämonenödlande umwandert und mit dem Schiff viele, viele Wegstunden auf dem Gogonischen Ozean zurückgelegt, um nach Afirion zu gelangen. Sie hatten der Wüste getrotzt, dem Durst, den Fallen und den Untotenwächtern im Grabmal – und das alles für … was? Für klingende Münze? Die sie gar nicht brauchten?

Vielleicht hatten sie dergleichen in der Vergangenheit einfach zu oft getan, so dass sie nun einfach weitermachten – ohne Sinn und Verstand. Wie Getriebene, die willenlos durchs Leben taumelten, weil sie nicht wussten, was sie sonst tun sollten oder warum.

»Wir könnten kehrtmachen«, meinte Nix und blickte zu dem hoch aufragenden Priester empor. »Jetzt gleich.«

Hinter dem Bartnest huschte ein Ausdruck von Unsicherheit über Egils Gesicht. Er kaute an den Spitzen seines Schnauzers herum. »Wieso sollten wir das tun?«

»Wieso nicht? Wenn das Leben aus Augenblicken besteht, dann wäre dieser hier genau so einer. Fühlt sich irgendwie bedeutungsvoll an. Wir könnten ihn nutzen, um zu gehen.«

Egil nahm wieder seine Würfel aus der Tasche und ließ sie in der hohlen Hand klappern, eine seiner Angewohnheiten, wenn er nachdachte oder nervös war.

»Das könnten wir.« Der Priester strich sich mit der Hand über den kahlen Schädel und stieß Ebenor dabei ins Auge, seine andere Angewohnheit, wenn er nervös war oder nachdachte. »Aber … jetzt sind wir doch schon mal hier. Wär doch schade, wenn wir einfach so … gingen, oder etwa nicht?«

Nix nahm an, dass dies ebenso viel Sinn ergab wie irgendetwas anderes. Er nickte. »Schätze, ja. Wir sind hier. Wieso also nach halb getanem Werk wieder abziehen?« Er wandte sich erneut der Tür zu. »Halt das Licht ruhig.«

Nix spähte in das Schlüsselloch. Das Schloss schien weniger kompliziert, als er vermutet hätte. Die alten Afirionier waren hervorragende Steinmetze gewesen, aber lausige Schlossschmiede. Mit seinem Drahtdietrich, dem Sägeblatt und dem kleinen Hebelheber würde er es im Handumdrehen geöffnet haben. Er machte sich an die Arbeit und hatte das Schloss bald schon so gut wie geknackt.

»Mach dich bereit«, sagte er zu Egil.

Die Würfel wurden wieder weggepackt, dann hängte Egil die Laterne an einen Vorsprung in der mit Malereien versehenen Wand. Die kräftigen Hände des Priesters schlossen sich um die Griffe seiner beiden mächtigen Hämmer.

Nix entriegelte den letzten Hebel und vernahm das befriedigende Klicken eines sich öffnenden Schlosses, ein Geräusch, das sich für ihn immer anhörte wie eine … günstige Gelegenheit. Nichts ergötzte ihn mehr, abgesehen vielleicht von den sich öffnenden Schenkeln eines bezaubernden Mädchens.

Er trat einen raschen Schritt zurück und stellte sich neben Egil, in der Rechten sein Falchion und in der Linken die Handaxt.

Irgendwo im Innern der Wände kreischten sich in Bewegung setzende Seilrollen, ein Geräusch wie ein gellender Schrei. Gegengewichte senkten sich hörbar, und die Tür begann sich zu heben. Metall knirschte markerschütternd auf Stein. Im nächsten Moment ergoss sich Flüssigkeit aus dem sich öffnenden Spalt, und ein bestialischer Gestank breitete sich aus. Da begriff Nix, dass die Sache schiefgegangen war.

Alles fügte sich ihm jetzt zum anderen, doch zu spät – die Löcher in der Wand, aus denen hinter der Tür etwas geflossen war, das ungewöhnliche Metall der Tür selbst, die Teerversiegelung.

»Weg von der Tür, Egil! Weg!«

Nix sprang auf. Seine Stiefel begannen sich durch die Berührung mit der Flüssigkeit bereits zu erwärmen. Er packte eines der in den Türsturz gemeißelten Neunaugen, suchte mit den Füßen Halt auf einer in den linken Pfosten gearbeiteten Sandnatter und betete zu Aster, dass die Reptilien nicht zum Leben erwachten.

Egil musste den Schrecken in Nix’ Stimme gehört haben, denn er reagierte sofort. Zu groß, um sich an die Türumrandung zu klammern, rammte er seine Hämmer mit den Köpfen auf den Boden, packte sie fest an den Griffen und schwang sich in einen Handstand.

Gerade noch rechtzeitig, wie sich erwies.

Als die Tür sich weiter hob, wurde aus dem anfänglichen langsamen Eindringen von schwarzer Flüssigkeit ein regelrechter Sturzbach. Brodelnd zersetzte die Brühe den Stein und erfüllte die Luft mit schwarzem, ätzendem Rauch. Nix drückte sein Gesicht in den Ärmel, um Mund und Nase vor dem Gestank zu schützen. Egil indessen, der nichts anderes tun konnte, als sich in seinem Handstand zu halten, musste ihn tapfer ertragen.

Blasen werfend zerfrass die Säure die Oberfläche des Bodens und nagte an den Köpfen von Egils Hämmern. Hätten sie auf dem Boden gestanden, hätte die Substanz sich bereits durch ihre Stiefel gefressen und damit begonnen, Füße aufzulösen. Kleine Tröpfchen von zerplatzenden Blasen landeten auf Egils nackten Unterarmen und brannten rosafarbene Löchlein in das behaarte Fleisch. Der Priester ächzte gequält unter dem Schmerz und dem beißenden Rauch.

»Egil?«

Die Glückswürfel, die Egil auf jeder Expedition bei sich trug, purzelten aus seiner Tasche und fielen in die Säure; die elfen­beinernen Pyramiden bildeten Risse, barsten und lösten sich auf. Egil ließ eine Salve von Kraftausdrücken los, die jäh unterbrochen wurde, als er den Rauch einatmete und zu husten begann. Er geriet aus dem Gleichgewicht und drohte aus dem Handstand umzukippen.

»Nix!«, keuchte er zwischen zwei Hustern.

Nix verlagerte sein Gewicht, stabilisierte seine Position an drei Punkten, streckte einen Arm aus und packte Egil am Fußgelenk. »Hab dich.«

So hingen sie über einem Boden voller Säure, zwei Freunde und Abenteurer, der eine unsicher auf seinen sich verflüssigenden Hämmern balancierend, der andere in einer tollkühnen Drei-Punkte-Fixierung an der Wand kauernd.

Die ganze Situation erschien Nix auf einmal unfassbar komisch, doch er schluckte sein Lachen herunter; nicht, dass sein Heiterkeitsausbruch ihn noch aus dem Gleichgewicht brachte und sie beide umbrachte. »Schätze, das jetzt ist auch so ein Augenblick, ja?«, stieß er zwischen den Zähnen hervor.

»Halt’s Maul.«

»Ich hoffe, du hast bessere Hämmer gekauft als sonst«, fuhr Nix fort und sah zu, wie das Metall der Waffen qualmte und zerplatzte.

»Bring mich nicht zum Lachen, ich reiße uns sonst noch beide runter.«

»Ich lass dich vorher los. Aber ich würde um dich trauern, keine Sorge. Jedenfalls ein, zwei Augenblicke …«

Bald schon ließ das Brodeln und Zischen der sich in der Kammer ausbreitenden Säureschicht nach. Nach ein paar weiteren Momenten hörte es ganz auf, der Rauch am Boden nahm ab und stieg in einer stinkenden gelbschwarzen Wolke an die hohe Decke empor.

Nix zählte im Geiste noch einmal bis sechzig und sagte dann: »Das war’s. Das Zeug ist nicht mehr aktiv.«

»Bist du sicher?«

»So sicher, wie ich bei dem magischen Schlüssel gewesen bin«, erwiderte Nix.

»Scheiße«, entgegnete Egil.

Kichernd ließ Nix das Fußgelenk seines Freundes los, hüpfte von der Wand und landete in der zentimeterhohen schwarzen Flüssigkeit, die den nun pockennarbigen Boden der Kammer bedeckte. »Na?«

Egil senkte seine in die Höhe ragenden Beine und kam in den Stand. »Fallen, überall Fallen!« Er hielt sich ein Nasenloch zu und schnaubte aus dem anderen den Schnodder. Dann räusperte er sich und spie aus.

Der Gang hinter der jetzt offenen Tür war diese Bezeichnung kaum wert. Gerade mal ein paar Handspannen tief, endete er vor einer weiteren Tür von ähnlicher Machart wie die, die sie soeben geöffnet hatten. Die Wände in dem engen Schacht bestanden aus dem gleichen merkwürdigen Metall wie die Türen.

»Siehst du, was sie hier gemacht haben?«, sagte Nix anerkennend. »Sie haben diesen Abschnitt versiegelt und durch die Löcher über der Tür mit Säure geflutet. Ich nehme an, dass die Zeit für uns gearbeitet hat. Die Säure muss Magierwerk gewesen sein, um überhaupt so lange zu überdauern. Aber vermutlich ist sie einst noch wesentlich ätzender gewesen. Hätten wir diese Grabkammer ein Jahrhundert früher betreten, hätten es deine Hämmer wahrscheinlich nicht überlebt.«

Egil betrachtete seine Zwillingshämmer. Die Köpfe waren angefressen und verfärbt, die in das Metall gravierten Gebete getilgt. »Nicht die Zeit hat für uns gearbeitet, Nix, sondern du.«

Das Lob aus dem Munde des Freundes ließ Nix leicht erröten. »Du hast für mich schon so oft das Gleiche getan.«

»Trotzdem.«

Nix legte Egil die Hand auf die Schulter, schritt an ihm vorbei und inspizierte die zweite Tür. Er konnte keinen Abwehrbann feststellen, keine Unterkantenversiegelung, keine Löcher, keine Anzeichen für überhaupt irgendeine Falle. Und der Schließmechanismus schien dem, den er gerade geknackt hatte, ganz ähnlich.

»Genau wie die andere. Bloß ein einfaches Schloss, das es zu überreden gilt.«

»Dann tu’s«, sagte Egil.

Nix drehte sich um. »Bist du sicher? Wir haben eben eine zweite Chance bekommen. Wir könnten immer noch gehen.«

Egil schüttelte den Kopf. An den Wangen unter seinem dichten Bart traten die Kieferknochen hervor. »Dieses Grabmal und sein irrsinniger Magierkönig schulden mir zwei Hämmer und dir ein Paar Stiefel.« Er schaute auf seine verätzten Waffen und schüttelt voller Empörung ein weiteres Mal den Kopf. »Gib mir ein Stemmeisen. Diese Hämmer sind beim ersten Schädel, den sie spalten sollen, hinüber.«

Nix kramte ein Brecheisen aus seinem Rucksack hervor.

Egil nahm es und schleuderte seine Hämmer in die Finsternis hinter ihnen. Sodann nahm er die Laterne von dem Vorsprung in der Wand und richtete ihren Schein auf das Schlüsselloch. »Dann wollen wir mal sehen, was es da zu sehen gibt.«

Noch ehe er hätte bis fünfzig zählen können, hatte Nix das Schloss geknackt. Gegengewichte senkten sich, Metall knirschte auf Stein, und die Tür begann sich zu heben.

Das Laternenlicht erleuchtete eine gewölbte, kreisrunde Kammer hinter der Tür, in deren Boden tiefe, gerade Rillen eingekerbt waren. An den vier Himmelsrichtungspunkten standen Statuen von Abn Thahl, die größte von ihnen genau nördlich. Die Statuen wiesen die Sandnatter- und Neunaugenmotive auf, wie sie die Afirionier favorisierten, geschuppte Gestalten, die sich um das gemeißelte Abbild des Magierkönigs wanden. Gemalte Bilder von noch mehr Schlangen und Neunaugen und auch Seehechten schmückten neben weiteren Piktoglyphen, die von Abn Thahls Leben und Herrschaft kündeten, die verputzten Wände. Überall in der Bilderwelt blitzten Fänge. Und inmitten der Zähne und Schuppen stand Abn Thahl, herrschend nicht nur über die Menschen, sondern auch über die wilden Geschöpfe der Wüste und des Meeres, die er, um seine Regentschaft zu sichern, in großen, dahingleitenden Wellen über die Städte kommen ließ. Einige Bilder zeigten Abn Thahl mit einem Schlangenkopf oder Schuppenkörper. Nix bezweifelte, dass die Darstellungen allein künstlerischer Freiheit entsprangen. Erinnerungen an seine abgebrochene Ausbildung an der Magierakademie von Dur Follin wurden jäh in ihm wach, an Ordinarius Einz’ monoton leiernde Stimme in dessen Vorlesungen über die Geschichte der Magie:

Die afirionischen Magierkönige waren Verwandler und Be­schwörer von großer Vollendung. Sie veränderten regelmäßig ihre eigene Gestalt und geboten den Geistern und Kreaturen des Jenseits, wobei eine besondere Neigung zu Höllenwesen zu konstatieren ist 

»Nix?«, sagte Egil. »Bist du noch da?«

»Hier«, erwiderte Nix und schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben.

Genau im Zentrum der Kammer stand Abn Thahls steinerner, mit Gold ziselierter Sarkophag, der Deckel nach seinem Ebenbild gemeißelt. Vor dem Sarkophag klaffte ein großes Loch im Boden, wie ein im Schrei aufgerissenes zähnefletschendes Maul. Auf dem Sarkophag und im Laternenschein funkelnd befand sich das einzige sichtbare Kleinod im Raum: das goldene, mit Juwelen besetzte Götzenbild der Sandnatter.

Es war klein genug, um in eine Hand zu passen, aber von auserlesener Pracht. Die rubinroten Augen und die kunstfertig gearbeiteten Schuppen glitzerten im Licht der Laterne um die Wette. Es hieß, das Idol sei Abn Thahls wertvollster Besitz im Leben gewesen, ein Geschenk seiner Gemahlin.

Egil trat sogleich in den Raum, und zum zweiten Mal an diesem Tag erkannte Nix die Gefahr einen Wimpernschlag zu spät. Er wollte den Freund am Arm zurückhalten, aber schon hatte der Priester einen Teil der Kammer durchquert.

Die eingekerbten Linien im Boden flammten grellorange auf, und der Lichtschein verriet ihre Form. Eine Form, die Nix einen Augenblick zu spät erfasst hatte – ein Beschwörungsdreieck.

Ordinarius Einz hätte wahrscheinlich ob solch unverzeih­licher Nachlässigkeit kein gutes Haar an Nix gelassen.

Von irgendwo tief unter der Erde war ein Grollen zu vernehmen, drang ein Vibrieren empor, das Nix bis in die Knochen spürte, ein Beben, das seine Zähne schmerzen ließ und bei dem sich ihm die Nackenhaare sträubten.

»Ein Beschwörungsdreick!«, rief er. »Das hat uns gerade noch gefehlt.«

Egil brachte das Brecheisen in Stellung und ging in Kampfposition. »Pah. Das macht die ganze Sache nur interessanter.«

Im nächsten Moment erhob sich eine donnernde Stimme in der Kammer, tief und gebieterisch, ein fünfhundert Jahre altes Echo Abn Thahls. Worte, die durch den ereignisabhängigen Zauber eines Magierkönigs in einer Art Schwebezustand gehalten wurden, bis zu dem Moment, wo Grabräuber die Grenze des Beschwörungsdreiecks übertraten.

»Vik-Thyss!«, dröhnte Abn Thahls Stimme in Alt-Afirionisch, ein dunkles Wort, unheilvoll und bedrohlich. »Kehre zurück und nimm die Seelen dieser Schänder meiner Ruhe!«

Kaum war der Ruf verklungen, da stieg aus dem Loch nahe des Sarkophags ein jäher Windstoß empor, und die Luft wurde erfüllt von einem widerlichen leicht scharfen reptilischen Gestank.

»Scheiße«, sagte Nix, während Egil die Laterne absetzte.

Im nächsten Moment krümmte sich ein Neunauge über den Rand des Lochs, größer, als Nix jemals eines gesehen hatte. Sein Rumpf war so dick wie die Taille eines Mannes, und seine Masse schlug mit einem feuchtem Klatschen auf den Boden. Intelligente schwarze Augen starrten über dem zähnebewehrten Schlund seines Mauls in die Kammer. Ein zweites Neunauge tauchte neben dem ersten auf und dann …

Nix schluckte hart, als eine riesige, schuppige, unförmige Gestalt in dem Erdloch erschien, und erkannte voller Entsetzen, dass die Neunaugen an den Schultern dieser schwankenden Gestalt festsaßen.

Sie waren ihre Arme.

»Was für ein Teufel ist das denn?« Egil hob sein Brecheisen und machte unwillkürlich einen Schritt zurück.

Das Scheusal hievte den Rest seines Körpers aus dem Loch und baute sich schwer vor den beiden Eindringlingen auf. Alles an diesem Ding erschien Nix so widernatürlich, dass ihm schier die Galle hochkam. Auf dem Körper der Kreatur glänzte eine ekelhafte Flüssigkeit. Sie selbst stand auf zwei Beinen, wie Tempelsäulen so dick. Kräftige Muskeln pulsierten unter den tiefgrünen Schuppen ihres Rumpfs. Doch wo ein Hals hätte sein sollen, klaffte nur ein kolossales, von Zähnen gesäumtes Loch, das sich direkt in den Oberkörper öffnete. Aus den senkrechten Schlitzen in der Brust unter dem Maul atmete es feucht ein und aus. Die Neunaugen-Arme wanden sich unablässig hin und her; die Bewegung hatte etwas Hypnotisches, ja, Groteskes.

»Es ist tatsächlich ein Teufel«, sagte Nix, nachdem er sich von seinem ersten Schock erholt hatte. Er hatte mal einen illus­trierten Reiseführer zu den Elf Gruben der Hölle gesehen und erkannte eine teuflische Gestalt, wenn er sie sah. Sein Blick fiel auf das bizarre Organ, das zwischen den Oberschenkeln der Krea­tur herabbaumelte. »Und es ist kein Teufelsweib, so viel steht fest.«

Die Augen des einen Neunaugen-Arms waren auf Nix gerichtet, die des anderen auf Egil. Die zähnestarrenden Mäuler klappten unablässig auf und zu, triefend vor Sekret. Das zentrale Maul des Scheusals öffnete sich in einem lang gezogenen hasserfüllten Knurren.

»Das Götzenbild gehört jetzt mir, Unhold!« Entschlossen schwang Egil das Brecheisen. »Und nun kletter wieder in dein Loch, bevor ich und Ebenor dir das hier zum Knabbern geben.«

Die Kreatur kreischte auf und sprang auf Egil zu. Trotz ihrer Größe und des watschelnden Gangs, bewegte sie sich erstaunlich schnell. Doch bevor der Teufel auch nur drei Schritte gemacht hatte, hatte Nix zwei seiner Wurfmesser zum Einsatz gebracht. Sie trafen das Wesen. Und prallten an dessen Schuppen ab, ohne dass es den Angriff auch nur bemerkte.

Mit seinen bissigen Tentakeln schlug es nach Egil. Der Priester wich keinen Zentimeter zurück und hieb stattdessen beidhändig das Brecheisen nach einem der heransausenden Arme. Die Bekanntschaft, die das Maul des Neunauges damit machte, war begleitet von einem hässlichen dumpfen Geräusch. Zähne flogen durch die Luft, und dunkles Sekret spritzte umher. Der andere Arm indessen erwischte Egil so hart in der Seite, dass es ihn beinahe auf die Hälfte zusammenfaltete. Die Wucht des Treffers riss den Priester von den Füßen und ließ ihn durch die Kammer schliddern. Um seine Rutschpartie zu stoppen, stemmte er das Brecheisen mit aller Kraft in den Boden. Die Reibung erzeugte einen Schauer von Funken.

Sofort wankte der Teufel auf den daliegenden Priester zu. Arme wanden sich, Zähne schnappten.

Nix hastete in eine seitliche Position und schleuderte noch im Laufen seine Handaxt. Die Waffe traf ihren Widersacher geradewegs in der Bauchgegend und prallte abermals von den steinharten Schuppen ab. Vor Wut brüllte der Teufel laut auf. Nix duckte sich unter einem Rückhandschlag mit dem Neun­augen-Arm hinweg, ging direkt wieder zum Angriff über und hieb mit seinem Falchion, das Heft mit beiden Händen fest umklammernd, nach dem Oberschenkel der Abscheulichkeit.

Er hätte genauso gut auf Fels schlagen können. Ohne ­etwas auszurichten, krachte seine Klinge gegen die Schuppen des Scheusals, und der heftige Aufprall bescherte ihm nur ein Paar gefühllose Arme. Im nächsten Augenblick trat der Teufel ihm gegen den Brustkorb und schickte ihn im hohen Bogen quer durch die Kammer. Hart landete Nix wieder auf dem Boden, wobei ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde und er einen Moment lang befürchtete, sich sämtliche Rippen gebrochen zu haben.

Der ganze Untergrund erzitterte unter den schweren Schritten des Scheusals, als es auf Nix zugewankt kam. Das Adrena­lin trieb Nix wieder auf die Beine, obwohl die Schmerzen in seinem Brustbein ihn zusammenzucken ließen. Er wehrte den Angriff von einem der Neunaugen ab, wonach ihm aufgrund der Wucht des Hiebes die Arme kribbelten. Der Attacke des anderen Neunauges wich er aus und deckte den Gegner anschließend mit einem Gestöber aus Kreuz- und Überhandschwertstreichen ein. Seine Waffe fand fast jedesmal ihr Ziel, doch ihre Klinge vermochte die Kreatur nicht zu verletzen. Ein Schlag gegen seinen Kopf ließ ihn beinahe das Bewusstsein verlieren, und so duckte er sich unter den saugenden Fangzähnen des Neunauges einfach hinweg.

Ein schriller Pfiff Egils lenkte Nix’ Aufmerksamkeit auf seinen Gefährten. Der Priester hatte die größte Statue von Abn Thahl erklommen und stand nun auf deren Schulter, gleich neben dem königlichen Antlitz der Magiermajestät und dessen Sandnatterkrone. »Lock ihn zu mir rüber!«, rief er auf Urganisch, seiner Muttersprache.

Nix wusste nicht, was Egil vorhatte, und das musste er auch nicht. Er täuschte einen Überhandhieb mit seinem Falchion vor, veranlasste den Teufel dadurch, kurz zu zögern, und sprintete dann quer durch die Kammer nach links.

»Dahin!« Egil deutete mit dem Brecheisen auf den Boden vor der Statue. »Genau dahin!«

Laut klangen die schlürfenden, schnappenden Zähne der Neunaugen in Nix’ Ohr. Das schwere Aufstampfen des ihm nachsetzenden Teufels war dicht hinter ihm. Jeden Moment rechnete er mit dem Biss eines dieser grässlichen Arme, doch er erwies sich als der Schnellere und schaffte es bis vor die Statue.

»Und jetzt?«, rief er atemlos nach oben.

»Dreh dich um und trete ihm entgegen!«

»Was?«

Doch ihm blieb ohnehin keine Wahl. Der Teufel harkte schon wieder auf ihn ein; erneut droschen Arme und schnappten Zähne nach ihm. In einem fort duckte sich Nix, wirbelte her­um und sprang zur Seite, seine Klinge ein sirrender Schemen, während er versuchte, sich die Angriffe des Teufels vom Leibe und gleichzeitig die Stellung zu halten. Seine Klinge traf einmal, traf zweimal, doch der Schaden, den sie dem Scheusal zufügte, war verschwindend gering. Ein Neunauge schaffte es bis dicht an seine Schulter, zerfetzte ihm das Hemd und erwischte seinen Bizeps. Einzig Nix’ Leibschutz rettete ihm den Arm. Der Biss riss zwar ein Stück des gekochten Leders heraus, kratzte aber nur leicht seine Haut. Die Extremität der Kreatur zog sich zurück, spie das Leder auf den Boden und schoss abermals auf ihn zu. Er tauchte weg, kam seinen Falchion schwingend wieder hoch und verfehlte.

»Tu endlich, was du tun willst, Egil!«, schrie er auf Urganisch.

Ein neuerliches Grollen drang an Nix’ Ohren, und er befürchtete schon, dass ein zweiter Teufel aus dem Loch hervorkam.

»Volle Deckung!«, hörte er in dem Moment seinen Partner rufen. Nix blickte nach oben und sah die große Statue von Abn Thahl auf sich und den Teufel niederstürzen, Egil, das Brech­eisen in der Hand, rittlings auf ihr.

Nix rollte sich zur Seite ab, während die Statue vollends kippte und Egil sich kurz vor dem Aufprall durch einen beherzten Sprung in Sicherheit brachte.

Mit einem nassen Knirschen krachte Abn Thahl auf den Teufel und begrub ihn unter sich. Die schmerzgepeinigten schrillen Schreie des Scheusals gingen Nix durch Mark und durch Bein.

Dann tauchte Egil über ihm auf, streckte ihm, das Gewicht auf das unverletzte Bein verlagernd, seine riesige Pranke entgegen und zog ihn auf die Füße. Nix prüfte seine Schulter – ein paar leichte Bisswunden – und tastete seine Rippen ab – so weit er es feststellen konnte, war keine gebrochen.

Egil hingegen zuckte bei jedem Atemzug, den er machte, zusammen, und eine seiner Gesichtshälften schwoll bereits an. Wenn dieser Tag sich seinem Ende neigte, würde er aus seinem rechten Auge vermutlich nichts mehr sehen können. Dennoch lächelte er. Blut färbte seine Zähne rot.

»Vielleicht sollte ich in Zukunft immer eins von denen hier zur Hand haben«, sagte er, das Brecheisen schwenkend. »Sind ganz brauchbar.«

»Meine Rede.«

Hinter ihnen regte sich unter dem schweren Stein der Teufel und stöhnte. Sein großes mittiges Maul öffnete sich zu einem gequälten Ächzen und verbreitete dabei einen Gestank, dass es Nix den Magen umdrehte. Das feuchte Atmen des Unholds klang wie ein durchnässter Blasebalg. Traurig starrten Abn Thahls Stein­augen aus dem Trümmerhaufen heraus auf Egil und Nix.

Egil spie einen Mundvoll Blut aus. »Lebt immer noch, was? Zäher Bursche, das muss man ihm lassen. Hilf mir mal, Nix.«

Der Priester ging zu Abn Thahls Sarkophag hinüber, schnappte sich das Götzenbild und steckte es kurzerhand in seine Gürteltasche. Wieder zurück in Dur Follin würden sie, da war sich Nix ziemlich sicher, das Idol zu Tausenden von Goldstücken machen können.

Als Nächstes stemmte Egil das Brecheisen unter den Sarkophagdeckel und lockerte ihn. Versiegelungsmasse zerbröselte, und der Pesthauch von Fäulnis erfüllte die Luft.

Erneut regte sich hinter ihnen der Teufel und gab ein leises Wimmern von sich. Ein Trümmerstück der Statue rollte von seinem Körper und fiel mit einem lauten Knall auf den Boden.

Mit vereinten Kräften schoben sie den Sarkophagdeckel zur Seite. Zum Vorschein kam der Leichnam Abn Thahls, sein ausgetrockneter Körper mit den kostbaren Grabbeigaben eines Magierkönigs von Afirion ausgestattet – eine Schlangenkrone, eine Brustplatte aus gehämmertem Gold, ein Türkisring, eine Perlenkette, jede Menge dreieckiger Goldmünzen, um seinen Weg durch das Jenseits zu bezahlen. In seiner Hand hielt er einen mit einer Perle gekrönten Elfenbeinstab.

Nix erwies dem Toten nicht mehr Ehrerbietung, als er sie ­jedem Lebenden entgegenbrachte. Ohne mit der Wimper zu zucken, brach er dem verblichenen Magier zwei königliche Finger ab, als er den Türkisring an sich nahm und den Stab aus seinem Griff löste. »Der Stab für mich und der Ring für irgendein glückliches Mädel.«

Der Priester stopfte sich eine Handvoll Goldmünzen in die Tasche, mehr aus Prinzip als aus Bedürftigkeit. Skeptisch betrachtete er den Stab. »Ist der verzaubert? Was kann er?«

»Natürlich ist er verzaubert. Ich kann es spüren. Doch was er kann, weiß ich noch nicht.« Nix zwinkerte und verstaute den Stab in seinem Ranzen. »Aber der Spaß besteht doch darin, es rauszufinden.«

»Du und dein Schnickschnack«, erwiderte Egil kopfschüttelnd. Er wies mit dem Kopf auf den Sarkophagdeckel und dann hinter sich auf den Teufel. »Der Plagegeist da sieht noch immer hungrig aus, meinst du nicht auch? Geben wir ihm doch einen Magierkönig mit auf den Weg.«

Schwitzend und ächzend hievten die beiden Abenteurer sodann den Sarkophagdeckel hoch und schleppten ihn quer durch die Kammer. Egil dirigierte sie bis auf ein paar Schritte vor das offene Maul des immer noch atmenden Teufels.

»Ich schätze, der stirbt auch ohne dass wir nachhelfen«, konstatierte Nix, als er den deutlich flacher gewordenen Atem des Unholds bemerkte. »Vielleicht sollten wir ihn einfach sich selbst überlassen.«

»Wo bleibt denn da der Spaß?«, entgegnete Egil. »Was möchtest du in der Taverne lieber zum Besten geben – dass wir in Abn Thahls Grabmal einen Teufel erschlagen haben, oder dass wir einen liegen gelassen haben, damit er unter einem Haufen Steine verfault?«

»Guter Einwand«, sagte Nix.

»Fein. Alles klar? Eins, zwei, drei!«

Den Deckel schleppend wankten sie, so schnell sie konnten, auf das Höllenwesen zu. Kurz vor dem Maul des Teufels ließ Nix sein Ende los, und mit einem lautem Schrei rammte Egil der Kreatur die Abdeckplatte in den Schlund, zerschmetterte Zähne und zerquetschte Fleisch und was immer das Scheusal an Organen besaß.

Endlich bewegte sich der Teufel nicht mehr.

»Es ist vollbracht«, sagte Egil.

»Das ist wahr«, erwiderte Nix.

Humpelnd schafften die Freunde ihre Beute wie auch ihr Leben hinaus aus dem Grabmal und der Finsternis. Vorbei an der Säurefalle, der sie mit knapper Not entronnen waren, der Sensenblattfalle, die sie überwunden, und den nun verrottenden Kadavern der Untotenwächter, denen sie auf ihrem Weg hi­nein den Garaus gemacht hatten. Abermals erblickten sie die mit Piktoglyphen verzierten Wände. Nix konnte die meisten davon nicht lesen, aber die, welche er zu enträtseln vermochte, entpuppten sich als Flüche, die jedem, der es wagte, das Grab des mächtigen Abn Thahl zu entweihen, einen schrecklichen Tod verhießen.

So viel dazu.

Nix kam es so vor, als wären die Ereignisse der letzten Stunden schon vor langer Zeit passiert – und zwar nicht ihm, sondern irgendjemand anderem. Es war, als befände er sich außerhalb seiner selbst und weit entfernt vom Hier und Jetzt. Neben ihm trug Egil das Götzenbild, das sie sich so mühsam erkämpft hatten, und sah ihn im Gehen von Zeit zu Zeit von der Seite an.

»Jetzt, wo wir das Idol haben«, sagte Egil, die kunstvolle Figur betrachtend, »scheint’s mir all der Mühe kaum wert.«

Ein Stück voraus konnten sie den Zugangsschacht in die Grabstätte sehen. Die Strahlen der Wüstensonne warfen einen hellen Kreis auf den glatten, steinernen Boden im Innern. In dem Lichtschein tanzte eine Staubfahne, und auch das Seil war zu erkennen, mit dem sie wieder ins Freie gelangen würden.

Kurz bevor sie den Ausstieg erreichten, blieb Nix stehen und blickte seinen Freund an. »Ich denke, es ist vielleicht an der Zeit, aufzuhören. Was sagst du?«

»Aufzuhören womit?«

»Hiermit. Mit der Grabräuberei. Damit, fortwährend wegen diesem oder jenem kreuz und quer durch ganz Ellerth zu wandern.«

»Meinst du?«

Nix nickte. »Ja, meine ich.«

Egil schaute ihn einen Moment lang an. Er sah aus, als wollte er protestieren, aber dann ließ er die Schultern sinken. »Einverstanden. Das hier war knapp und wäre um ein Haar nicht gut ausgegangen. Wären wir da drin krepiert, wer hätte je davon erfahren? Wer sich um uns gesorgt?«

»Muhme Mama, schätze ich«, sagte Nix und dachte an die Frau, die ihn als Kind in Pflege genommen hatte. »Sonst niemand.«

Die letzten Schritte bis zum Einstieg legten sie mit düsteren Mienen und schweigend zurück. Bevor sie das Seil wieder hochkletterten, warf Egil abermals einen langen Blick auf das Götzenbild, dann auf Nix.

»Vielleicht sollte ich’s wegwerfen, hm?«

»Vielleicht solltest du das«, stimmte Nix ihm zu.

Egil schaute noch ein allerletztes Mal auf die Figur, seufzte schließlich schwer und holte zum Wurf aus.

In dem Moment kam Nix eine Idee, und er packte den Arm des Priesters. »Warte!«

Egil verharrte mitten in der Bewegung. »Warten? Wieso? Wenn wir einen Schlussstrich ziehen, dann auch richtig.«

Nix lächelte. »Wir werden einen Schlussstrich ziehen, mein großer Freund. Aber diese Diebesbeute werden wir noch brauchen.«

»Noch mal: Wieso?«

»Weil wir mit ihr und mit unserem restlichen Vermögen den Schlüpfrigen Tunnel kaufen können. Bekanntlich ist der mit mehreren Pfandverschreibungen belastet.«

Egil schaute ihn skeptisch an.

»Denk drüber nach.« Nix schien sich nicht beirren zu lassen. »Wir lösen die Pfandverschreibungen aus, werden Geschäftsinhaber, und später dann, wer weiß? Vielleicht ein Sitz im Kaufmannsrat von Dur Follin? Wohlanständigkeit. Ansehen. Eine Stimme in der Stadt. Keine Grabschändereien mehr. Ein sorgloses Leben.«

Egil zupfte sich am Bart. »Wohlanständigkeit, hm? Wie soll denn das gehen?«

»Ja, ja, zugegeben, das ist ein Problem. Trotzdem …«

Langsam senkte Egil seinen Arm. Nix konnte sehen, dass der Priester noch nicht ganz überzeugt war, aber für den Augenblick reichte es, dass Egil dem Plan gegenüber nicht völlig abgeneigt schien. Wie immer, musste man ihm nur etwas Zeit lassen, dann war er meist mit vollem Einsatz dabei.

»Machen wir, dass wir hier rauskommen«, sagte Egil. Er steckte das Idol wieder zurück in seine Tasche. »Ich brauche ein Bier.«

Nix nickte, und damit kletterten die beiden wieder zurück in die Welt. Nix fühlte sich um die Hälfte leichter.

1. Kapitel

Von schwerer Unruhe geplagt schritt Rakon durch die Säle des Herrenhauses.

Die wenigen Bediensteten, denen es erlaubt war, sich in diesem Bereich des heruntergekommenen Gebäudes aufzuhalten, mussten sein Herannahen gehört haben und ihm aus dem Weg gehastet sein, denn nirgends war einer von ihnen zu sehen. Fußböden knarrten unter seinen Tritten. Staub trübte die Luft. Er stieg die Wendeltreppe des westlichen Herrenhausturmes empor und blieb vor der massiven Holztür seines Beschwörungszimmers stehen. Leise sprach er die infernalischen Worte, die den Schutzbann aufhoben, und betrat den Raum hinter der Tür.

Das Dach an dieser Ecke des Hauses war schon vor Genera­tionen entfernt worden, um das Zimmer den Elementen preiszugeben, dem Himmel und den Strömen der Macht. Das nackte Gebälk wirkte wie Rippen in einem verwesenden Körper, obwohl Rakons Zauberei Holz und Ziegel und Putz vor dem Vermodern bewahrte.

Ein zunehmender gewölbter Mond Minnear lugte über die Horizontlinie und tauchte die Welt in blaugrünen Schein. Kulven hoch droben, der größere, blasse Trabant, brachte es nur auf eine abnehmende Sichel. Sterne und Planeten blinzelten am Himmelsgewölbe, ihre relativen Positionen eine Karte von Zeit und Ort für all diejenigen, die sie, wie Rakon, zu lesen verstanden. Und sie sagte ihm, dass der Lichte Schleier nicht mehr weit war. Bald schon, wenn Minnear sein volles Rund erreicht hatte, waren die Dämme zwischen den Welten am schwächsten.

Und noch immer kein Bote.

Er blickte in den Himmel-hinter-dem-Himmel und konnte die Hölle erkennen, einen fernen, flimmernden roten Punkt im zentralen Auge der verborgenen Konstellation von Vakros dem Mäster. Einen endlosen Augenblick lang starrte er sie sorgenvoll an. Der Pakt war zum Scheitern verdammt, wurde er nicht während des Lichten Schleiers vollzogen. Und er konnte nicht zulassen, dass er misslang.

Auf den Holzdielen zu seinen Füßen bildeten eingearbeitete Linien Glyphen der Macht, die Symbole, mittels derer er sein Werk verrichtete: ein thaumaturgisches Dreieck, ein Penta­gramm, ein Manifestationsoval für Elementare, ein Bannkreis. Achtlos in seinen düsteren Gedanken, schritt er über die arkanen Zeichen.

In der Mitte der runden Kammer ragte eine durch ein ausgeklügeltes Gerüst gestützte Treppe in die Höhe. Dreizehn Stufen führten zu einer achteckigen Plattform empor, auf der sich ein schlichtes, mit den Jahren vom Regen rostig gewordenes Metallpult befand. Rakon erklomm Stufe um Stufe, bei jeder auf Infernalisch ihre jeweilige Zahl aussprechend, bis er die Plattform erreicht hatte. Die Rezitation zog Energie zu seinem Standort. Ein Wind kam auf, wurde böig.

Er trat an das Lesepult und nahm eine Kerze und ein Räucherstäbchen aus einem Fach unter der Ablage heraus. Das Räucherwerk, gewonnen aus den fleckig-braunen Fleischblumenblättern der Hölle, fühlte sich ölig an zwischen seinen Fingern.

Ein Wort der Macht und ein geringer Zauber entzündeten die Kerze, das Räucherstäbchen hingegen sparte er sich noch auf. Sodann sprach er die neununddreißig Verse der Entsagung, das an den König der Lüfte gerichtete Begehren, ihm einen Sylphen zu senden, einen Luftgeist, der Kunde überbrachte von dem, was die Winde der Welt sich erzählten.

In Erwiderung seiner Beschwörung umwirbelte ihn der Wind, fing seine Worte ein und trug sie hinfort zu den äußeren Regio­nen von Ellerth, zu den Säulen, welche die Welt emporhielten in das nächtliche Himmelsgewölbe.

Der König der Lüfte würde dem Ruf folgen, dies sicherte der Pakt mit den Thyss.

Er sprach den letzten Vers zu Ende und wartete. Nicht lange, und der Wind begann heftiger zu wehen, zerrte an Rakons Robe und Haar. Die Kerzenflamme flackerte und tanzte, doch seine Zaubermacht hielt sie am Leben. Hinter dem Brausen des Windes konnte er das leise Kichern eines unsichtbaren Geistes hören.

»Der König hat deinen Ruf vernommen und mich zu dir geschickt«, sagte eine hohe Stimme.

»Ein Glücksfall für dich«, erwiderte Rakon und hielt das Räucherstäbchen aus Fleischblumenblättern in die Höhe.

Der Sylphe keuchte begierig auf. Gleichzeitig erhob sich der Wind zu ungestümen Böen.

»Dann weißt du also, was das ist?«, fragte Rakon.

»Zünde es an«, verlangte der Sylphe. Seine Stimme klang aufgeregt, das Heulen der Winde verlangend. »Lass mich seinen Duft riechen.«

»Erst wenn du mir wahrheitsgemäß meine Fragen beantwortet hast.«

»Die Wahrheit sollst du erfahren, Rakon Norristru. Frag! Frag!«

»Der Lichte Schleier rückt rasch näher, und kein Bote der Hölle weit und breit, um den Weg für Vik-Thyss zu bereiten. Warum nicht?«

Der Wind erstarb zu einem Lufthauch, und die Stimme des Sylphen senkte sich zu einem Flüstern. »Vik-Thyss? Vik-Thyss ist tot. Der Wind singt von seinem Hingang schon seit zahlreichen Tagen.«

Vor Überraschung verschlug es Rakon einen Moment lang die Sprache. »Du … du hast mir die Wahrheit versprochen, Sylphe«, stieß er schließlich stammelnd hervor. »Das …«

»Es ist die Wahrheit! Ich schwöre es! Vik-Thyss ist tot, so erzählen es jedenfalls die afirionischen Winde. Jetzt zünd es an!«

»Sei still«, sagte Rakon und versuchte sein pochendes Herz unter Kontrolle zu bekommen. Mit weiß hervortretenden Fingerknöcheln hielt er sich am Lesepult fest. Vik-Thyss’ Tod gefährdete den Pakt. Und wenn der Pakt scheiterte …

Vor seinem geistigen Auge sah er die Macht der Familie dahinschwinden, sah das Haus Norristru alles verlieren, was es an Wohlstand noch besaß, ebenso wie den Sitz im Kaufmannsrat. Sah sich selbst seiner Position als Adjunkt des Lord Bürgermeisters beraubt und seine zahlreichen Feinde, mutig geworden, aus ihren Löchern hervorkriechen, um ihn zu holen. Im Laufe der Jahre hatte er Morde in Auftrag gegeben, viele Morde. Hatte Geister und Elementare gebunden und so manches zerstört. Ohne den Pakt mit dem Hause Thyss würde er binnen Kurzem tot sein und sein Geschlecht vom Erdboden getilgt.

»Wie konnte es dazu kommen?«

»Das weiß ich nicht«, erwiderte der Sylphe. Er sprach die Wahrheit, Rakon konnte es hören.

»Finde es heraus«, sagte Rakon. »Sofort.«

Er musste wissen, ob einer seiner Feinde gegen ihn agierte, indem er versuchte, die Allianz mit der Hölle zunichte zu machen.

Der Sylphe stieß einen enttäuschten Klagelaut aus, wirbelte einmal um das Räucherwerk herum und war dann verschwunden.

Rakon verharrte auf der Plattform. Die Luft war nun reglos und still, doch seine Gedanken dafür umso aufgewühlter. Seit Jahrhunderten hatte Vik-Thyss die Nachkommen des Hauses Norristru gezeugt. Die Paarungsakte hatten den Pakt stets aufs Neue besiegelt und sowohl den Norristru wie auch den Thyss Erben beschert.

Ohne Vik-Thyss …

Er hob den Blick und schaute nach Osten, auf die seine ungezählten Feinde beherbergende Stadt. Das Norristru-Herrenhaus war auf dem Plateau eines hohen Steilhangs erbaut und schaute von dort auf die mehr als eine Wegstunde entfernten, bröckelnden Stadtmauern Dur Follins herab. Das helle Mondlicht gewährte ihm eine klare Sicht.

Die Stadt erstreckte sich zu beiden Seiten des breiten, trägen Flusses Mäander. Von Weitem sahen die leuchtenden Punkte der Straßenlaternen wie Glühwürmchen aus. Kühn erhoben sich die Kuppeln des Orella-Tempels, die spitzen Türmchen des pomphaften Bürgermeisterpalasts und die große Wasseruhr von Mad Ool in den nächtlichen Himmel. Die Uhr ragte außergewöhnlich hoch empor aus dem Flickenteppich der ein- und zweistöckigen Baufälligkeiten, die Dur Follins Angesicht prägten.

Allgegenwärtig und blaugrün lag Minnears Mondschein über der Stadt. Barken und leichte Lastkähne drängten sich entlang der zahllosen Piers, Fackeln oder Laternen erhellten ihre Decks. Und über allem ragte die Bogenbrücke, ein uraltes Steinungetüm, das den Mäander überspannte und Dur Follins beide Flussseiten miteinander verband; die Zeit ihrer Entstehung war in den Jahrhunderten verschollen. Einzig Ools Uhr war mit ihr noch vergleichbar. Baumeister von überall aus dem Land nahmen weite Reisen auf sich, um einmal im Leben die Bogenbrücke zu sehen.

Auf der anderen Seite der Brücke explodierten Feuerwerksgeschosse in der Luft, irgendein unbekannter Kult feierte dies oder das. Das Pfeifen und Knallen war selbst auf diese Distanz noch zu hören. Zahllose Kulte ohne eigene Kirche und abtrünnige Philosophen hielten auf der Bogenbrücke Feste ab und beschmutzten sie auf gesamter Länge mit dem Müll ihrer Lehren. Die gewaltige Größe der Brücke, ihre ehrfurchtgebietende Konstruktion, schien die Gläubigen regelrecht anzuziehen. Im Volksmund hieß sie schon seit Äonen die Straße zu den Himmlischen Sphären.

Die Feuerwerksgeschosse hinterließen ein verblassendes Nach­­bild am Himmel – ein paar Rauchwölkchen, der Geist einer Verehrung. Der Wind blies von Westen und brachte den vagen Gestank des Totenbruchs mit sich, dem ausgedehnten, rui­nengequälten Sumpf südlich der Stadt.

Eine lange Weile ließ Rakon seinen Blick auf der Stadt ruhen, das Labyrinth ihrer Häuser und ihrer Politik für ihn ein ewiges Rätsel. Im Geiste ließ er die Gesichter der Männer und Frauen an sich vorbeiziehen, die ihn nur zu gern getötet hätten, wenn sich ihnen nur die Möglichkeit bot. Doch schon bald wurde ihm klar, dass es inzwischen zu viele geworden waren, um sie noch zu zählen. Vor seinem inneren Auge verschwammen sie allesamt zu einem einzigen Antlitz hasserfüllter Vergeltung.

Ein plötzlicher Gedanke schoss ihm durch den Kopf. War es möglich, dass der Lord Bürgermeister selbst gegen Rakon vorgegangen war? Konnte es sein, dass Rakons geistbetäubende Zauber auf den Mann an Kraft eingebüßt und es dem fetten Dumpfkopf erlaubt hatten, selbstständig zu denken?

Doch bevor er den Gedanken weiterverfolgen konnte, wurde es stürmischer, dann ließ ihn die Stimme des Sylphen zusammenzucken. »Es sind Leichen im Wind. Der Totenbruch schwimmt in Kadavern. Alte Kadaver und Erinnerungen aus längst vergangener Zeit.«

Rakon blickte auf die leere Stelle in der Luft, von wo die Stimme erklang. »Berichte mir, was du erfahren hast.«

»Ein uralter Wind in Afirion hat die Geschichte vom Tod des Teufels erzählt. Vik-Thyss wurde erschlagen von Egil Verren, Streiter Ebenors, und von Nix Fall, Streiter keines Gottes – zwei, die auf Erden, in den Lüften und in der kenntnisreichen Hölle wohl bekannt sind.«

Rakon kannte die Namen ebenfalls, wenn auch nur vage. Er hatte sie hin und wieder in Wirtshaus- und Klatschgeschichten aufgeschnappt, meist in einem Atemzug mit anderen Schurken, Abenteurern und Grabräubern, die sich bisweilen in Dur Follin aufhielten.

»Fahre fort. Waren sie gedungen, um Vik-Thyss zu vernichten? Und wenn ja, von wem?«

»Ich glaube nicht. Sie töteten Vik-Thyss bei einem Raubzug in Abn Thahls Grabmal. In der Hauptkammer haben sie eine Bindung gelöst, die noch älter war als der Pakt, den du aufrechtzuerhalten versuchst. Eine Bindung, die Vik-Thyss herbeirief, den sie hierauf erschlugen.«

Bei diesen Worten fühlte sich Rakon um einiges erleichtert. Vik-Thyss’ Tod war also ein Zufall gewesen und nicht das Ergebnis irgendwelcher Machenschaften seiner Feinde. Er konnte die Situation immer noch retten, wenn er eine Möglichkeit fand, den Pakt einzulösen, bevor Minnear bis zum Vollmond zugenommen hatte und Kulven abermals abnahm.

»Ich brauche einen anderen wahren Sohn des Hauses Thyss«, sagte er leise, mehr zu sich selbst als zu dem Sylphen.

»Fürwahr, das tust du«, erwiderte kichernd der Sylphe. »Eines der in diesem Hause geborenen Halbblute vielleicht?«

Rakon machte eine wegwerfende Geste. »Einen wahren Sohn der Thyss. Keinen Bastard. Nenne mir die anderen Thyss-Söhne, Sylphe. Bei ihnen liegt die Zukunft des Pakts.«

Es folgte ein kurzes Rauschen des Winds, dann: »Haus Thyss ist ohne Männer.«

»Was? Das … kann nicht sein. Du lügst!«

»Ich sage die Wahrheit, Rakon Norristru.« Der Geist kicherte erneut. »Die Luft um dich herum stinkt nach Angst. Fürchtest du um dein Leben?«

Rakon schlug mit der Hand in die Luft, eine sinnlose Geste, die nur noch mehr Sylphengekicher hervorrief. Er zügelte seine Emotionen und ging noch mal alles durch, was er wusste, dabei gewissenhaft die Formulierungen des Sylphen analysierend. Luftgeister hatten eine Vorliebe dafür, mit Zauberern ihre Späße zu treiben.

Haus Thyss ist ohne Männer.

»Das Räucherstäbchen, Rakon Norristru!«, erinnerte ihn der Sylphe.

Haus Thyss ist ohne Männer.

Die Antwort lag irgendwo darin verborgen.

»Du sagtest, Haus Thyss ist ohne Männer. Aber leben irgendwelche Thyss-Söhne woanders?«

Der Wind heulte auf, und der Sylphe lachte. »Ertappt!«

Rakon starrte in den leeren Himmel. »Sprich, Sylphe. Erzähl mir alles, was du weißt.«

»Abrak-Thyss, Bruder des Vik-Thyss, wurde, herbeibefohlen von dem Großen Bann, vor langer Zeit auf Ellerth eingekerkert. Er ist nicht tot. Doch auch nicht frei. Er ist der einzige wahre Sohn der Thyss, der noch lebt.«

Neue Hoffnung keimte in Rakon auf. »Wo eingekerkert?«

»Was spielt das für eine Rolle? Er weiß nichts von deinem Pakt. Er wurde lange nach seiner Festsetzung geschlossen.«

»Er wird ihn anerkennen, Sylphe. Sein Blut verlangt es. Jetzt sag mir, wo ist er?«

»Ach«, seufzte der Sylphe. »Kein Wind ist alt genug, um Genaues über Abrak-Thyss’ Schicksal kundtun zu können. Ich höre nur Echos im Wind, und was die erzählen, hab ich dir bereits mitgeteilt. Ich kenne den Ort seines Gefängnisses nicht.«

Rakon erhob eine Faust. »Wenn du mich anlügst, Sylphe …«

»Ich habe Wahrheit gelobt, Rakon Norristru, und Wahrheit hast du erhalten, auch wenn ich einen kurzen Moment meinem Vergnügen nachgegeben habe. Nun zünde, wie du versprochen hast, das Räucherwerk an.«

Rakon nahm an, dass er alles, was er von dem Sylphen erfahren konnte, gehört hatte. Er würde sich an seine Abmachung halten. Er hielt sich immer an seine Abmachungen.

»Also schön.«

Geistesabwesend hielt er die Kerzenflamme an das Räucherstäbchen. Stinkender, dicker Rauch kräuselte empor und sammelte sich in einer Wolke um den Sylphen. Einen flüchtigen Augenblick lang konnte Rakon darin die Umrisse der gegenwärtigen Form des Luftgeists erkennen: eine große Kugel mit Hunderten von Ranken, die in dem Rauch zuckten wie Peitschen.

»Ich muss vielleicht noch einmal mit dir sprechen, Sylphe«, sagte er. »Gehorche meinem Ruf, wenn er erfolgt.«

Der Sylphe, ganz in die Düfte des Räucherwerks versunken, gab keine Antwort, doch der Wind säuselte vor Wonne.

Rakon überließ den Sylphen seiner Ekstase, wandte sich um und stieg die Treppe hinab, nun um Etliches sorgenschwerer, als er es noch beim Hinaufgehen gewesen war. Er versuchte seine Gedanken auf das zu konzentrieren, was es jetzt zu erledigen galt. Er würde die dicken Folianten in seiner Bibliothek wälzen, jeden Geist in den Sphären befragen und den Ort von Abrak-Thyss’ Gefängnis aufspüren. Das Wissen darüber musste irgendwo vorhanden sein. Er würde es finden und dann tun, was auch immer notwendig war, um den Pakt zu erhalten.

Er hatte fünfzehn Tage.

Eilig hastete er durch die staubigen Flure des Herrenhauses und über die knarrenden Bohlen. Der Schmutz von Jahren lag auf der verblassten, abblätternden Farbe und dem rissigen Putz. Zeichen des einstmals so großen Wohlstands der Familie schmückten den Speisesaal, die Eingangshalle, die Bibliothek – kostbare Wandbehänge, Skulpturen, dicke Teppiche aus Vathar –, aber erst jetzt wurde ihm bewusst, wie alt dies alles war, alt und schäbig und stumpf. Das Haus war nicht einmal mehr ein Schatten seiner früheren Größe, sein Reichtum über die Generationen hinweg aufgezehrt von den Zehntabgaben an die Hölle und von exotischen Ingredienzien und Geschöpfen, die nötig waren für die unablässige Ausübung von Magie. Unter Rakons Führung hatte das Haus die Macht, nach der seine Patriarchen stets getrachtet hatten, schließlich errungen, doch dabei hatte er beinahe das gesamte noch verbliebene Vermögen verbraucht.

Er hatte das Herrenhaus in eine leere Hülle verwandelt.

Porträts vorangegangener Norristru-Väter hingen an den Wänden des großen Saals – sie alle in ihrem Aussehen Rakon sehr ähnlich: längliche Gesichter, übergroße Münder, schmale Lippen und tief liegende, anklagende Augen, die Löcher der Missgunst in alles stachen, was auch immer sie erblickten.

Er schritt vorbei an Türen, hinter denen in der Vergangenheit schändliche Dinge geschehen waren, bis er die Tür zum Gemach seiner Schwestern erreichte, seiner verwünschten, gefährlichen Schwestern.

Er blieb stehen und starrte die Tür einen Moment lang an.

Was tat er hier? Er hatte zu arbeiten, hatte Wissen zu erlangen. Ungebeten hatten ihn seine Füße zu seinen Schwestern getragen.

Das Bedürfnis, nach ihnen zu sehen, hatte sich an ihn herangepirscht wie ein schleichendes Fieber, doch jetzt hielt es ihn fest gepackt. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schlich sich den Flur hinunter an die Tür heran, in der Hoffnung, dass seine Schwestern fest schliefen. Er besaß nicht die Kraft, noch einmal mit ihnen zu kämpfen. Er wollte sich einfach nur vergewissern, dass sie da waren, eine Bestätigung dafür, dass ihm nicht alles entglitten war, dass er noch irgendetwas kontrollierte.

Je mehr sich die Distanz zu der Tür verringerte, umso vorsichtiger wurden seine Schritte. Es war, als würde er sich einer schlafenden Bestie nähern. Als er schließlich angekommen war, legte er sein Ohr an die bannbelegte Holzplatte, doch von drinnen war kein Laut zu hören. Nachdem er seine geistige Abwehr errichtet hatte, holte er den verzauberten Messingschlüssel aus den Falten seiner Tunika hervor, flüsterte ein Wort des Erwachens über ihn und öffnete das Schloss. Als er das leise Klicken hörte und das Schwinden des Bannsiegels spürte, zog er die Tür auf.

Übel riechende, organische Luft wehte ihn an. Er stellte sie sich lehmig von Gedanken vor, Gedanken, die sie auf unsichtbaren Strömen mit sich trug, frei schwebend und darauf wartend, dass jemand auf sie stieß und sie für seine eigenen hielt. Manchmal, wenn er von seinen Schwestern kam, fragte er sich selbst, ob seine Gedanken noch seine waren und nicht etwas, das sie ihm in sein Hirn gepflanzt hatten.

Konnten sie das überhaupt? Er wusste es nicht.

Und wie sollte er auch? Fühlte sich einer ihrer Gedanken anders an als einer von ihm?

Mit gemischten Gefühlen schüttelte er die Vorstellung von sich.

Leise beugte er sich in den Raum vor, sodass er den Rücken des riesigen, kahlköpfigen Eunuchen hätte berühren können, der gleich hinter der Tür Wache stand. Der fassförmige Mann trug zeltgroße Pluderhosen und ein Lederwams, das fleckig war von Schweiß. Ein Holzknüppel hing an seinem Gürtel sowie ein großes, gekrümmtes Messer und eine Rolle dünne Schnur.

Der Eunuch zeigte keinerlei Reaktion auf Rakons Anwesenheit, obwohl er gehört haben musste, dass die Tür sich geöffnet hatte. Starr blieb sein Blick in die Kammer gerichtet, so wie er es sollte. Er war ein Kerkermeister. Seine einzige Aufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass Rusilla und Merelda weder ihr Zimmer verließen noch sich selbst oder einem anderen irgendeinen Schaden zufügten.

Aus einem Schlitz in der Schädelbasis des Eunuchen sickerte rosafarbener Eiter. Die Wunde war das Resultat von Rakons Chirurgie. Vielleicht würde sie niemals heilen. Nachdem er mit Skalpell und Magie das Gehirn des Eunuchen vom Körper getrennt hatte, hatte Rakon die fleischliche Hülle mit einem Gedächtnisfresser gefüllt. Der unstoffliche Geist kontrollierte den Körper mit immateriellen Tentakeln, wobei er sich in einem endlos währenden Mahl an den Erinnerungen des Eunuchen gütlich tat.

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