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Paganinis Fluch

LARS KEPLER

PAGANINIS
FLUCH

KRIMINALROMAN

Aus dem Schwedischen
von Paul Berf

BASTEI ENTERTAINMENT

Es herrscht Windstille, als die große, ziellos treibende Motorjacht in der hellen Nacht auf dem Wasser der Jungfrufjärden genannten Bucht in den südlichen Stockholmer Schären gefunden wird.

Das Meer hat eine schläfrige, blaugraue Farbe und bewegt sich so sanft wie Nebelschwaden.

Der alte Mann rudert in seinem Kahn hinaus. Mehrmals ruft er hinüber, obwohl er bereits ahnt, dass ihm niemand antworten wird. Seit fast einer Stunde hat er die Jacht von Land aus beobachtet und gesehen, wie sie rückwärts der Strömung Richtung Meer folgt.

Jetzt legt er seinen Kahn seitlich gegen das Motorboot, nimmt die Ruder hoch und vertäut sein Boot an der Badeplattform der Jacht. Er steigt die Metallleiter hinauf und über die Reling. Mitten auf dem Achterdeck steht ein rosa Liegestuhl.

Der alte Mann wartet einen Moment und lauscht. Als er nichts hört, öffnet er die Glastür und steigt die Treppe in den Salon hinunter. Graues Licht fällt durch die großen Fenster auf eine Einrichtung aus lackiertem Teak und den dunkelblauen Stoff der Polster. Er setzt seinen Weg auf der Treppe mit Paneelen aus glänzendem Holz fort, kommt an Pantry und Bad vorbei und gelangt in die große Kajüte. Dämmerlicht sickert durch die kleinen Fenster unter der Decke und beleuchtet schwach ein pfeilförmiges Doppelbett.

Am Kopfende des Betts sitzt eine junge Frau in Jeansjacke in einer schlaffen, zusammengekauerten Haltung. Mit weit gespreizten Beinen lehnt sie an der Wand, eine Hand ruht auf einem rosa Kissen. Sie sieht den alten Mann mit ängstlich fragendem Gesichtsausdruck unverwandt an.

Es dauert eine Weile, bis der Mann begreift, dass die Frau tot ist.

In ihren langen schwarzen Haaren trägt sie eine Spange in Form einer weißen Taube, einer Friedenstaube.

Als der alte Mann zu ihr tritt und ihre Wange berührt, kippt ihr Kopf nach vorn, und ein dünner Striemen Wasser rinnt zwischen ihren Lippen heraus und über das Kinn.

Das Wort Musik bedeutet ursprünglich ›Kunst der Musen‹ und geht auf den griechischen Mythos von den neun Musen zurück.

Alle neun Musen waren Töchter des mächtigen Gottes Zeus und der Titanin Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung. Euterpe, die Muse der Musik, wird mit einer Doppelflöte an den Lippen dargestellt und ihr Name bedeutet die Ergötzende.

Für die Begabung, die man Musikalität nennt, existiert keine allgemein akzeptierte Definition. Manche Menschen sind unfähig, die unterschiedlichen Frequenzen von Tönen zu hören, andere werden dagegen mit einem schier unglaublichen Musikgedächtnis und jenem absoluten Gehör geboren, das es ihnen erlaubt, einen Ton ohne jede Hilfe von Referenzpunkten exakt zu bestimmen.

Im Laufe der Jahrhunderte hat die Welt eine ganze Reihe außerordentlicher musikalischer Genies gesehen, von denen manche sehr berühmt geworden sind, zum Beispiel Wolfgang Amadeus Mozart, der seit seinem sechsten Lebensjahr in Europa von Hof zu Hof reiste, und Ludwig van Beethoven, der viele seiner großen Werke erst komponierte, als er schon vollkommen taub war.

Der legendäre Nicolò Paganini wurde 1782 im italienischen Genua geboren. Er war ein Geiger und Komponist, ein Autodidakt. Bis zum heutigen Tag sind nur wenige Geiger in der Lage gewesen, Paganinis schnelle und komplizierte Werke zu spielen. Bis zu seinem Tod wurde Paganini von dem Gerücht verfolgt, um seine einzigartige Geschicklichkeit zu erlangen, habe er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.

1

Eine Vorahnung

Penelope Fernandez läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Ihr Herz schlägt plötzlich schneller, und sie wirft hastig einen Blick über die Schulter. Vielleicht hat sie in diesem Moment eine Vorahnung davon, was ihr an diesem Tag zustoßen wird.

Trotz der Hitze im Studio empfindet Penelope ihr Gesicht als kühl. Dieses Gefühl begleitet sie, seit sie die Maske verlassen hat, wo der kalte Schwamm mit Puder auf ihre Haut gedrückt wurde. Die Spange mit der Friedenstaube hatte man aus ihren Haaren entfernt, um das Gel einmassieren zu können, das ihre Locken wie Luftschlangen bündelt.

Penelope Fernandez ist Vorsitzende der Schwedischen Friedens- und Schlichtungsgesellschaft, und in diesem Moment führt man sie leise in das Nachrichtenstudio, wo sie im Scheinwerferlicht gegenüber von Pontus Salman Platz nimmt, dem geschäftsführenden Direktor der Rüstungsfirma Silencia Defence AB.

Nachrichtenmoderatorin Stefanie von Sydow wechselt das Thema, blickt in die Kamera und berichtet über die massiven Stellenstreichungen bei Bofors nach der Übernahme der Aktiengesellschaft durch den britischen Waffenkonzern BAE Systems Limited, um sich anschließend an Penelope zu wenden.

»Frau Fernandez, Sie haben sich in mehreren Debatten äußerst kritisch zu der gängigen Praxis bei der Abwicklung von schwedischen Waffenexporten geäußert. Kürzlich haben Sie sogar eine Parallele zum französischen Angolagate-Skandal gezogen, in dessen Verlauf Spitzenpolitiker und Geschäftsleute wegen Bestechlichkeit und Waffenschmuggel angeklagt und inzwischen zu langen Haftstrafen verurteilt worden sind … aber etwas Derartiges ist in Schweden doch mit Sicherheit noch nicht vorgekommen, oder?«

»Das kann man unterschiedlich interpretieren«, antwortet Penelope Fernandez. »Entweder sind unsere Politiker tatsächlich andere Menschen, oder unser Rechtssystem funktioniert einfach anders.«

»Sie wissen ganz genau«, wirft Pontus Salman ein, »dass wir auf eine lange Tradition von …«

»Nach schwedischem Gesetz«, unterbricht Penelope ihn, »sind Herstellung und Export von Kriegswaffen verboten.«

»Da unterliegen Sie einem Irrtum«, erklärt Salman.

»Paragraph 3 und 6 Kriegswaffenkontrollgesetz.«

»Aber Silencia Defence hat im vorliegenden Fall einen positiven vorläufigen Bescheid bekommen«, erklärt ihr Widersacher lächelnd.

»Natürlich, denn wenn es nicht so wäre, würde es sich um illegale Waffengeschäfte im großen Stil handeln und …«

»Aber wir haben ja eine Genehmigung«, unterbricht er sie.

»Und darüber vergessen Sie, wozu Waffen eingesetzt werden …«

»Einen Moment bitte, Frau Fernandez.« Stefanie von Sydow nickt Pontus Salman zu, der die Hand gehoben hat, um der Moderatorin zu signalisieren, dass er noch nicht fertig ist.

»Alle geschäftlichen Transaktionen werden vorab geprüft«, erläutert er. »Entweder direkt von der Regierung oder von der Staatlichen Waffenkontrollbehörde, falls Ihnen die ein Begriff sein sollte.«

»Frankreich verfügt über vergleichbare Behörden«, wendet Penelope ein. »Dennoch konnten trotz des Waffenembargos der Vereinten Nationen, trotz eines verbindlichen Verbots, Waffen im Wert von acht Milliarden Kronen in Angola landen und …«

»Wir reden hier aber von Schweden.«

»Ich habe Verständnis dafür, dass die Menschen Angst haben, ihren Job zu verlieren. Aber trotzdem muss es erlaubt sein zu fragen, womit Sie den Export solch riesiger Mengen Munition nach Kenia rechtfertigen? Es ist ein Land, das …«

»Sie haben nichts in der Hand, nichts, um unsere Vorgehensweise beanstanden zu können«, unterbricht Salman sie. »Nichts, nicht die kleinste Kleinigkeit, oder?«

»Ich kann hier leider nicht …«

»Gibt es irgendetwas Konkretes, was Sie kritisieren?«, wirft Stefanie von Sydow ein.

»Nein«, antwortet Penelope Fernandez und senkt den Blick. »Aber ich …«

»Ich denke, dann wäre jetzt eine Entschuldigung angebracht«, sagt Pontus Salman.

Penelope sieht ihm in die Augen, spürt Wut und Frustration aufwallen, zwingt sich aber zu schweigen. Pontus Salman lächelt bedauernd und beginnt, über die Fabrik in Trollhättan zu sprechen, über die zweihundert Arbeitsplätze, die dort geschaffen wurden, seit Silencia Defence die Erlaubnis erhalten hat, die Produktion aufzunehmen. Er erläutert, welche Bedeutung der positive Vorbescheid hat und wie weit die Produktion fortgeschritten ist.

Seelenruhig lässt er sich über all das aus, damit für seine Opponentin keine Zeit mehr bleibt.

Penelope hört zu und verbannt den gefährlichen Stolz aus ihrem Herzen. Stattdessen denkt sie daran, dass sie und Björn schon bald an Bord seines Boots gehen werden. Sie werden das pfeilförmige Bett im Bug beziehen, den Kühlschrank und das kleine Gefrierfach füllen. Sie sieht das Glitzern in den beschlagenen Schnapsgläsern vor sich, wenn sie marinierte Heringe, Senfheringe und Matjesheringe, Pellkartoffeln, gekochte Eier und Knäckebrot essen. Sie werden achtern den Tisch decken, vor einer kleinen Insel in den Schären ankern und in der Abendsonne stundenlang zusammensitzen.

*

Penelope verlässt den Fernsehsender und geht in Richtung Valhallavägen. Fast zwei Stunden hat sie darauf gewartet, an einem Gespräch in einer anderen Vormittagssendung teilzunehmen, bis der Produzent ihr mitgeteilt hat, man habe ihren Beitrag gestrichen, um nicht auf die fünf einfachen Tipps für einen sommerlich schlanken Bauch verzichten zu müssen.

In der Ferne sieht sie auf einer weiten freien Fläche die bunten Zelte des Zirkus Maximus. Ein Tierpfleger spritzt mit einem Schlauch zwei Elefanten ab. Der eine hebt den Rüssel und fängt den harten Wasserstrahl mit dem Maul auf.

Penelope ist erst vierundzwanzig Jahre alt und hat lockige schwarze Haare, die über ihre Schulterblätter fallen. Um ihren Hals glänzt eine kurze Silberkette mit einem kleinen Konfirmationskreuz. Ihr Teint hat einen samtigen, goldgelben Ton. Wie Olivenöl oder Honig, formulierte es einst ein Junge, als sie sich in der Mittelstufe in einer Hausaufgabe gegenseitig beschreiben sollten. Ihre Augen sind groß und ernst. Mehr als einmal hat man ihr gesagt, wie sehr sie der Filmdiva Sophia Loren ähnelt.

Penelope nimmt ihr Handy und ruft Björn an, um ihm zu sagen, dass sie unterwegs ist und vom Karlaplan aus die U-Bahn nehmen wird.

»Penny? Ist etwas passiert?«, fragt er mit gehetzter Stimme.

»Nein, wieso?«

»Es ist alles vorbereitet, das habe ich dir auf den AB gesprochen, nur du fehlst noch.«

»Wir haben es doch nicht eilig, oder?«

Als Penelope auf der langen, steilen Rolltreppe steht, die zur U-Bahn hinunterführt, verspürt sie aus heiterem Himmel ein dumpfes Unbehagen, ihr Herz schlägt schneller, sie schließt die Augen. Die Treppe sinkt tiefer hinab, wird schmaler und die Luft immer kühler.

Penelope Fernandez stammt aus La Libertad, einer der größten Provinzen El Salvadors. Penelopes Mutter Claudia Fernandez wurde während des Bürgerkriegs verhaftet und Penelope in einer Zelle geboren, in der fünfzehn internierte Frauen ihr Bestes gaben, um ihrer Mutter beizustehen. Claudia war Ärztin und beteiligte sich aktiv an Aufklärungskampagnen für die Bevölkerung. In dem berüchtigten Gefängnis des Regimes landete sie, als sie versuchte, bei der Urbevölkerung dafür zu werben, das Recht auf Gewerkschaftsbildung einzufordern.

Erst als Penelope das U-Bahn-Gleis erreicht, öffnet sie die Augen. Das Gefühl, eingeschlossen zu sein, ist verschwunden. Sie denkt erneut an Björn, der sie im Motorbootclub auf Långholmen erwartet. Sie liebt es, von seinem Boot aus nackt schwimmen zu gehen, einfach ins Wasser zu springen und nichts anderes zu sehen als Meer und Himmel.

Die U-Bahn saust leicht schwankend dahin, und die Sonne scheint herein, als die Wagen den Tunnel verlassen und in die oberirdisch gelegene Station Gamla Stan einfahren.

Penelope Fernandez hasst Krieg, Brutalität und Waffengewalt. Es ist eine leidenschaftliche Abneigung, die sie motiviert hat, in Uppsala einen Magister in Politik zu machen und Friedens- und Konfliktforschung zu studieren. Sie hat zusammen mit Jan Oduya für die französische Hilfsorganisation Action Contre la Faim in Darfur gearbeitet. Sie hat in Dagens Nyheter einen weithin beachteten Artikel über die Frauen in den Flüchtlingslagern und ihren Versuch geschrieben, nach jedem Übergriff von Neuem Alltag zu schaffen. Vor zwei Jahren hat sie Frida Blom als Vorsitzende der Schwedischen Friedens- und Schlichtungsgesellschaft abgelöst.

Penelope steigt an der Haltestelle Hornstull aus und tritt in den Sonnenschein hinaus, macht sich plötzlich aus unerklärlichen Gründen Sorgen und läuft den Pålsundsbacken zum südlichen Mälarufer hinunter, überquert schnellen Schritts die Brücke zur Insel Långholmen und folgt dem Weg nach links zum Bootshafen. Aufgewirbelter Straßenstaub hängt wie Dunst in der stehenden Luft.

Björns Boot liegt direkt unter der Väster-Brücke im Schatten, die Bewegungen des Wassers erzeugen ein Netz aus Licht, das sich schaukelnd in den grau gestrichenen Stahlbalken hoch über ihnen spiegelt.

Sie sieht ihn mit einem Cowboyhut auf dem Kopf auf dem Achterdeck stehen. Er rührt sich nicht, hat die Arme um seinen Körper gelegt und die Schultern hochgezogen.

Penelope steckt zwei Finger in den Mund und pfeift gellend. Björn schreckt zusammen, und sein Gesicht wird vollkommen nackt, als hätte er plötzlich schreckliche Angst. Er schaut zur Straße hinüber und sieht Penelope. Als er auf die Laufplanke tritt, sind seine Augen immer noch voller Angst.

»Was ist los?«, fragt sie und steigt die Treppe zu den Liegeplätzen der Boote hinunter.

»Nichts«, antwortet Björn, rückt den Hut auf seinem Kopf gerade und versucht zu lächeln.

Sie umarmen sich, und sie spürt, dass seine Hände ganz kalt sind und sein Hemd am Rücken nassgeschwitzt ist.

»Du bist ja ganz verschwitzt«, sagt sie.

Björn weicht ihrem Blick aus.

»Ich habe mich ins Zeug gelegt, damit wir möglichst schnell loskommen.«

»Hast du meine Tasche mitgebracht?«

Er nickt und deutet in Richtung Kajüte. Das Boot wiegt sich leicht unter ihren Füßen, ihr steigt der Duft von sonnenwarmem Plastik und lackiertem Holz in die Nase.

»Hallo?«, fragt sie heiter. »Wo bist du?«

Seine strohfarbenen Haare stehen in kleinen filzigen Dreadlocks in alle Richtungen ab. Die hellblauen Augen sind kindlich, lächelnd.

»Ich bin hier«, antwortet er und senkt den Blick.

»Und woran denkst du die ganze Zeit?«

»Daran, dass wir zusammen sein dürfen«, antwortet er und legt seine Arme um ihre Taille. »Daran, mitten in der Natur Sex zu haben.«

Seine Lippen berühren flüchtig ihre Haare.

»Das erhoffst du dir also?«, flüstert sie.

»Ja«, antwortet er.

Sie muss über seine Ehrlichkeit lachen.

»Die meisten … zumindest die meisten Frauen finden, dass das ein bisschen überbewertet wird«, sagt sie. »Zwischen Ameisen und Steinen auf der Erde zu liegen und …«

»Es ist wie nackt schwimmen.«

»Dann wirst du wohl versuchen müssen, mich zu überzeugen«, erwidert sie neckisch.

»Das wird mir ganz sicher gelingen.«

»Wie denn?«, sagt sie und lacht, als sich das Handy in ihrer Stofftasche meldet.

Der Klingelton des Telefons lässt Björn erstarren. Jegliche Farbe verschwindet aus seinen Wangen. Sie wirft einen Blick auf das Display und sieht, dass es ihre jüngere Schwester ist.

»Es ist Viola«, sagt sie zu Björn, dann meldet sie sich.

»Hola, Schwesterherz.«

Ein Auto hupt, und ihre Schwester ruft etwas abseits des Telefons.

»Verdammter Irrer«, meckert ihre Schwester.

»Was ist los?«

»Es ist aus«, sagt ihre Schwester. »Ich habe mit Sergej Schluss gemacht.«

»Mal wieder«, fügt Penelope hinzu.

»Ja«, antwortet Viola leise.

»Entschuldige«, sagt Penelope. »Ich kann verstehen, dass du traurig bist.«

»Ach, halb so wild, aber … Mama meinte, ihr würdet mit dem Boot rausfahren, und da dachte ich … ich würde gerne mitkommen, wenn ich darf.«

Es wird vollkommen still.

»Mitkommen.« Penelope hört die fehlende Begeisterung in ihrer eigenen Stimme. »Björn und ich brauchen eigentlich mal ein bisschen Zeit für uns, aber …«

2

Der Verfolger

Sie hat einen luftigen blauen Sarong um die Hüften geschlungen und trägt ein weißes Bikinioberteil mit Peace-Zeichen auf der rechten Brust. So bekleidet steht Penelope am Steuer. Durch die Windschutzscheibe fällt Sommerlicht zu ihr herein. Vorsichtig umschifft sie Kungshamns Leuchtturm und manövriert die große Motorjacht anschließend in den schmalen Sund.

Ihre Schwester Viola steht von dem pinkfarbenen Liegestuhl auf dem Achterdeck auf. Die letzte Stunde hat sie dort mit Björns Cowboyhut und einer riesigen spiegelnden Sonnenbrille gelegen und mit schläfrigen Bewegungen einen Joint geraucht.

Viola unternimmt fünf schlaffe Versuche, mit den Zehen die Streichholzschachtel vom Deck aufzuheben, ehe sie schließlich aufgibt. Penelope kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Viola betritt durch die Glastür den Salon und fragt, ob sie übernehmen soll.

»Ansonsten gehe ich nämlich runter und mixe mir eine Margarita«, sagt sie und steigt weiter die Treppe hinab.

Auf dem Vordeck liegt Björn mit der Taschenbuchausgabe von Ovids Metamorphosen als Kopfkissen auf einem Badetuch.

Penelope sieht, dass das Geländer vor seinen Füßen an der Verankerung rostet. Björn hat das Boot zum zwanzigsten Geburtstag von seinem Vater geschenkt bekommen, jedoch nie das nötige Geld gehabt, es instand zu halten. Außer einer Reise ist dieses große Motorboot das einzige Geschenk gewesen, das er jemals von seinem Vater bekommen hat. Als der Vater seinen fünfzigsten Geburtstag feierte, lud er Björn und Penelope in eines seiner nobelsten Luxushotels ein, das Kamaya Resort an der kenianischen Ostküste. Penelope hielt es dort ganze zwei Tage aus, dann reiste sie zum Flüchtlingslager Kubbum in Darfur im südlichen Sudan, wo die französische Hilfsorganisation Action Contre la Faim stationiert war.

Als sie sich der Skurusundsbrücke nähern, senkt Penelope die Geschwindigkeit von acht auf fünf Knoten. Von dem dichten Verkehr hoch über ihnen ist nichts zu hören. Sie gleiten in das schattige Wasser unter der Brücke, als ihr ein schwarzes Schlauchboot neben dem Brückenpfeiler auffällt. Es ist ein Modell, das auch von den Küstenjägern des Militärs benutzt wird. Ein RIB mit einem Rumpf aus Glasfiber und sehr leistungsstarken Motoren.

Penelope hat die Brücke fast hinter sich gelassen, als sie entdeckt, dass in dem Boot jemand sitzt. Mit dem Rücken zu ihr hockt im Zwielicht ein Mann. Sie weiß nicht, warum ihr Herz bei seinem Anblick plötzlich schneller schlägt. Es hat etwas mit seinem Nacken und den schwarzen Kleidern zu tun. Obwohl er von ihr abgewandt sitzt, fühlt sie sich von ihm beobachtet.

Während sie wieder in den Sonnenschein hinausfährt, läuft ihr ein Schauer über den ganzen Körper, und die Gänsehaut auf ihren Armen verschwindet erst wieder nach längerer Zeit.

Als sie Duvnäs hinter sich gelassen haben, beschleunigt sie auf fünfzehn Knoten. Die beiden Motoren grollen, das Wasser schäumt hinter ihnen auf und das Boot schießt über die glatte Wasserfläche.

Penelopes Handy klingelt. Sie sieht, dass es die Nummer ihrer Mutter ist. Vielleicht hat sie die Diskussion im Fernsehen gesehen. Einen Moment lang denkt Penelope, dass ihre Mutter anruft, um ihr zu sagen, wie kompetent sie gewirkt hat, weiß aber genau, dass das nur Wunschdenken ist.

»Hallo, Mama.«

»Au«, flüstert ihre Mutter.

»Was ist?«

»Mein Rücken … ich muss unbedingt zum Naprapathen«, sagt Claudia Fernandez, und man hört ein Geräusch, als fülle sie ein Glas mit Leitungswasser. »Ich wollte nur kurz hören, ob Viola mit dir gesprochen hat.«

»Sie ist bei uns auf dem Boot.« Penelope hört ihre Mutter trinken.

»Sie ist bei euch, wie schön … Ich hatte mir überlegt, dass ihr das vielleicht guttun würde.«

»Es wird ihr bestimmt guttun.«

»Was werdet ihr essen?«

»Heute Abend gibt es marinierte Heringe, Kartoffeln, Eier …«

»Sie mag keinen Hering.«

»Mama, Viola hat mich erst vor …«

»Ich weiß, du hast nicht damit gerechnet, dass sie mitkommt«, unterbricht Claudia Fernandez sie. »Deshalb frage ich ja.«

»Ich habe auch noch Fleischbällchen gemacht«, erklärt Penelope geduldig.

»Genug für alle?«, fragt ihre Mutter.

»Genug? Kommt ganz darauf an …«

Sie unterbricht sich und starrt auf das glitzernde Wasser hinaus.

»Ich kann auf meine Portion verzichten«, fährt sie schließlich fort.

»Natürlich nur, wenn es nicht genug sein sollte«, erwidert ihre Mutter.

»Das habe ich schon verstanden«, sagt Penelope leise.

»Muss ich deswegen jetzt Mitleid mit dir haben?«, fragt ihre Mutter mit unterdrücktem Ärger in der Stimme.

»Es ist nur … Viola ist nun wirklich erwachsen und …«

»Jetzt enttäuschst du mich aber.«

»Das tut mir leid.«

»Du isst regelmäßig meine Fleischbällchen zu Weihnachten und an Mittsommer und …«

»Das muss ich nicht«, sagt Penelope schnell.

»Schön«, bemerkt ihre Mutter kurz. »Dann lass es eben.«

»Ich wollte damit nur sagen, dass …«

»Du kommst an Mittsommer nicht zu mir«, unterbricht ihre Mutter sie wütend.

»Aber Mutter, warum musst du nur …«

Es klickt, als ihre Mutter auflegt. Penelope verstummt augenblicklich, ist frustriert, sieht das Handy an und schaltet es aus.

Die Jacht fährt langsam über das grüne Spiegelbild grünender Hügel. Die Treppe zur Pantry knarrt, und kurz darauf schwankt Viola mit dem Margaritaglas in der Hand zu Penelope herauf.

»War das Mama?«

»Ja.«

»Hat sie Angst, dass ich nichts zu essen bekomme?«, fragt Viola lächelnd.

»Es gibt etwas zu essen«, antwortet Penelope.

»Mama glaubt, dass ich nicht alleine klarkomme.«

»Sie macht sich nur Sorgen«, erwidert Penelope.

»Um dich macht sie sich nie Sorgen«, sagt Viola.

»Ich komme zurecht.«

Viola nippt an ihrem Drink und schaut zum Fenster hinaus.

»Ich habe die Diskussion im Fernsehen gesehen«, sagt sie.

»Heute Morgen? Mit Pontus Salman?«

»Nein, das war … letzte Woche«, sagt sie. »Du hast mit so einem arroganten Mann gesprochen, der … er hatte einen schönen Namen und …«

»Palmcrona«, sagt Penelope.

»Ja genau, Palmcrona …«

»Ich bin wütend geworden, rot angelaufen und hatte Tränen in den Augen, wollte Bob Dylans Masters of War zitieren oder einfach nur weglaufen und die Tür hinter mir zuschlagen.«

Viola sieht aufmerksam hin, als Penelope sich streckt und das Dachfenster öffnet.

»Ich hätte nicht gedacht, dass du dich unter den Armen rasierst«, sagt sie leichthin.

»Nein, aber ich bin so oft in den Medien, dass …«

»Die Eitelkeit zugeschlagen hat«, scherzt Viola.

»Ich will nicht bloß wegen ein paar Haaren unter den Armen als rechthaberisch abgetan werden.«

»Und wie sieht es mit der Bikinilinie aus?«

»Geht so …«

Penelope hebt den Sarong an, und Viola lacht schallend.

»Björn gefällt es«, erklärt Penelope.

»Mit seinen Dreads kann er ja wohl auch kaum etwas anderes sagen.«

»Aber du rasierst dich natürlich überall, wie sich das gehört«, erwidert Penelope mit schneidender Stimme. »Für deine verheirateten Typen und Idioten mit Muskelpaketen und …«

»Ich weiß, dass ich bei Männern einen schlechten Geschmack habe«, unterbricht Viola sie.

»Den hast du doch sonst nicht.«

»Mag sein, aber ich habe nie etwas richtig durchgezogen.«

»Du bräuchtest bloß deinen Notenschnitt verbessern und …«

Viola zuckt mit den Schultern.

»Ehrlich gesagt habe ich die Hochschulprüfung mitgeschrieben.«

Sie durchpflügen sanft das klare Wasser, in großer Höhe folgen Möwen dem Boot.

»Und wie ist es gelaufen?«

»Ich fand sie einfach«, meint Viola und leckt Salz vom Rand ihres Glases.

»Dann ist es also gut gelaufen.«

Viola nickt und stellt das Glas ab.

»Wie gut?«, fragt Penelope und versetzt ihr einen Stoß in die Seite.

»Volle Punktzahl«, antwortet Viola mit gesenktem Blick.

Penelope schreit vor Freude auf und umarmt ihre Schwester fest.

»Begreifst du eigentlich, was das heißt?«, ruft Penelope aufgeregt. »Du kannst jeden Studiengang belegen, den du willst, und dir die Universität aussuchen, du musst nur noch entscheiden, ob du Wirtschaft, Medizin oder Journalistik studieren willst.«

Die Schwestern lachen mit geröteten Wangen, und Penelope umarmt Viola noch einmal so schwungvoll, dass diese ihren Hut verliert. Penelope streicht ihrer Schwester über den Kopf und ordnet ihre Frisur, wie sie es schon seit der Kindheit getan hat, sie nimmt die Spange mit der Friedenstaube aus ihrem Haar und steckt sie in die Locken ihrer Schwester, mustert sie und lächelt zufrieden.

3

Ein Boot wird in den Schären treibend zurückgelassen

Wie ein Messer spaltet der Bug mit einem klebrig fließenden Geräusch die glatte Oberfläche. Sie fahren sehr schnell. Große Wellen schlagen an Land. Sie schwenken abrupt über sich brechende Wogen, holpern klatschend, Wasser spritzt auf. Penelope steuert mit donnernden Motoren auf die Bucht hinaus. Der Bug der Jacht hebt sich, und hinter dem Heck teilt sich weißes schäumendes Wasser.

»Du bist verrückt, Madita«, ruft Viola und zieht die Spange aus ihrem Haar, so wie sie es als Kind immer getan hat, wenn die Frisur gerade fertig war.

Als sie bei der Insel Gåsö haltmachen, wacht Björn auf. Sie kaufen Eis und trinken einen Kaffee. Viola will auf der kleinen Golfbahn Minigolf spielen, und es ist schon Nachmittag, als sie weiterfahren.

Backbord breitet sich die weite Wasserfläche aus wie ein schwindelerregend großer Steinboden.

Sie wollen vor Kastskär anlegen, einer lang gezogenen, unbewohnten Insel mit schmaler Taille, an deren Südseite es eine üppig grüne Bucht gibt, in der sie ankern, baden, grillen und übernachten werden.

»Ich geh nach unten und leg mich was hin«, sagt Viola gähnend.

»Tu das«, erwidert Penelope.

Viola steigt die Treppe hinunter, und Penelope schaut nach vorn. Sie senkt die Geschwindigkeit, und als sie auf Kastskär zugleiten, behält sie das elektronische Lot im Auge, das sie vor Untiefen warnt. Das Wasser wird rasch seichter, von vierzig auf fünf Meter Tiefe.

Björn kommt ins Steuerhaus und küsst Penelope in den Nacken.

»Soll ich das Essen vorbereiten?«, fragt er.

»Viola braucht bestimmt noch ein Stündchen Schlaf.«

»Du hörst dich an wie deine Mutter«, sagt er sanft. »Hat sie schon angerufen?«

»Ja.«

»Um zu hören, ob Viola mitkommen durfte?«

»Ja.«

»Habt ihr euch gestritten?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Was ist los?«, fragt er. »Bist du traurig?«

»Nein, es ist nur, dass Mama …«

»Was?«

Penelope wischt sich lächelnd Tränen von den Wangen.

»Ich darf an Mittsommer nicht zu ihr kommen«, sagt sie.

Björn umarmt sie.

»Du solltest nichts darauf geben, was sie sagt.«

»Mache ich«, beteuert sie.

Langsam, ganz langsam manövriert Penelope das Boot in den innersten Teil der Bucht. Die Motoren grollen sanft. Das Boot ist der Insel jetzt so nah, dass ihr vom Land der Geruch feuchter Vegetation entgegenschlägt.

Sie ankern, lassen noch etwas Kette nachlaufen und treiben auf die Felsen zu. Björn springt mit dem Tau auf die steile Uferböschung und schlingt es um einen Baumstamm.

Die Erde ist moosbewachsen. Er bleibt stehen und sieht Penelope an. Vögel bewegen sich in den Baumwipfeln, als die Ankerwinsch rattert.

Penelope zieht eine Jogginghose und weiße Turnschuhe an, springt an Land und greift nach seiner Hand. Er legt die Arme um sie.

»Wollen wir uns die Insel anschauen?«

»Gab es da nicht was, wovon du mich überzeugen wolltest?«, fragt sie zögernd.

»Die Vorteile des Jedermannsrechts«, erwidert er.

Sie nickt lächelnd, und er streicht ihr die Haare aus dem Gesicht und lässt den Finger über ihre markanten Wangenknochen und die dichten schwarzen Augenbrauen laufen.

»Wie kannst du nur so schön sein?«

Er küsst sie leicht auf den Mund und geht anschließend auf den niedrigen Wald zu.

Mitten auf der Insel gibt es eine kleine Lichtung mit hohem Gras in dichten Soden. Schmetterlinge und kleine Hummeln fliegen über den Blumen. In der Sonne ist es heiß, zwischen den Bäumen zur Nordseite hin glitzert das Wasser. Sie stehen still, zögern, sehen sich lächelnd an und werden dann ernst.

»Und wenn jemand kommt?«, sagt sie.

»Auf dieser Insel ist außer uns kein Mensch.«

»Bist du sicher?«

»Wie viele Inseln gibt es in den Stockholmer Schären? Dreißigtausend? Bestimmt noch mehr«, erwidert er.

Penelope zieht ihr Bikinioberteil aus, streift die Schuhe ab, zieht den Bikinislip zusammen mit der Sporthose herunter und steht plötzlich splitternackt im Gras. Ihr erstes Gefühl von Verlegenheit weicht praktisch sofort reiner Freude. Sie merkt, dass die Seeluft auf ihrer Haut und die Wärme, die noch immer von der Erde abstrahlt, wirklich sehr erregend sind.

Björn betrachtet sie, murmelt, dass er nicht sexistisch erscheinen will, sie aber trotzdem noch ein bisschen länger ansehen möchte. Sie ist groß, ihre Arme sind muskulös und trotzdem üppig weich. Die schmale Taille und die kräftigen Schenkel lassen sie aussehen wie eine antike Göttin.

Björn merkt, dass seine Hände zittern, als er sein T-Shirt und die geblümten, knielangen Badeshorts auszieht. Er ist jünger als sie, sein Körper ist noch jungenhaft, fast unbehaart, auf den Schultern bereits von der Sonne verbrannt.

»Jetzt will ich dich aber auch ansehen«, sagt sie.

Er wird rot und geht breit grinsend zu ihr.

»Darf ich das nicht?«

Er schüttelt den Kopf und verbirgt sein Gesicht an ihrem Hals und in ihren Haaren.

Sie küssen sich, ganz still, stehen nur dicht zusammen und küssen einander. Penelope spürt seine warme Zunge in ihrem Mund und wird von einem überbordenden Glücksgefühl durchflutet. Sie muss ein breites Lächeln unterdrücken, um ihn weiterküssen zu können. Sie atmen schneller. Sie spürt Björns Erektion, sein heftig pochendes Herz. Voller Eifer legen sie sich ins Gras, finden einen Platz zwischen den Soden. Sein Mund bewegt sich zu ihren Brüsten, den braunen Brustwarzen, er küsst ihren Bauch und spreizt ihre Schenkel. Er sieht sie an. Es kommt ihm vor, als leuchteten ihre Körper in der Abendsonne von selbst. Auf einmal ist alles extrem intim und sensibel. Als er anfängt, sie sehr sanft und ruhig zu lecken, ist sie bereits feucht und geschwollen und muss nach kurzer Zeit seinen Kopf wegschieben. Sie schließt die Schenkel, lächelt und errötet unter den Augen. Sie flüstert ihm zu, dass er kommen soll, zieht ihn an sich, weist ihm mit der Hand den Weg und lässt ihn in sich hineingleiten. Er atmet schwer in ihr Ohr, und sie blickt nach oben, in den rosa verfärbten Himmel.

Hinterher steht sie nackt im warmen Gras, streckt sich, geht ein paar Schritte und schaut zu den Bäumen.

»Was ist?«, fragt Björn mit belegter Stimme.

Sie sieht ihn an, er sitzt nackt auf der Erde und lächelt zu ihr hinauf.

»Du hast dir die Schultern verbrannt.«

»Wie jeden Sommer.«

Er streicht vorsichtig über die rote Haut auf seinen Schultern.

»Lass uns zurückgehen – ich habe Hunger«, sagt sie.

»Aber vorher muss ich noch eine Runde schwimmen.«

Sie zieht Slip und Hose wieder an, schlüpft in die Schuhe und hält das Bikinioberteil in der Hand. Sie lässt den Blick über seinen unbehaarten Brustkorb, die Muskeln der Arme, das Tattoo auf der Schulter, den fahrlässigen Sonnenbrand und seinen heiteren, verspielten Blick schweifen.

»Nächstes Mal musst du unten liegen«, sagt sie lächelnd.

»Nächstes Mal«, wiederholt er fröhlich. »Dann habe ich dich also überzeugt, wusste ich’s doch.«

Sie lacht und winkt ihm abwehrend zu. Er legt sich auf den Rücken und blickt in den Himmel. Als sie durch den Wald zu dem kleinen steilen Uferstück zurückgeht, an dem ihr Boot ankert, hört sie ihn vor sich hin pfeifen.

Bevor sie zur Jacht hinuntergeht, bleibt sie stehen und zieht das Bikinioberteil wieder an.

Als Penelope an Bord geht, fragt sie sich, ob Viola noch in der Achterpiek schläft. Sie denkt, dass sie einen Topf mit neuen Kartoffeln und einigen Dillkronen aufsetzen und sich anschließend waschen und umziehen wird. Seltsamerweise ist das Achterdeck ganz feucht wie nach einem Regenschauer. Viola muss es aus irgendeinem Grund gescheuert haben. Das Boot fühlt sich verändert an. Penelope weiß nicht, was es ist, aber vor Unbehagen bekommt sie eine Gänsehaut. Als plötzlich die Vögel verstummen, ist es fast vollkommen still. Nur das leise Gluckern des Wassers gegen den Rumpf und ein gedämpftes Knarren vom Seil um den Baum dringen an ihr Ohr. Auf einmal ist Penelope sich jeder ihrer Bewegungen bewusst. Sie geht achtern die Treppe hinunter und sieht, dass die Tür zur Gästekajüte offen steht. Die Lampe ist an, aber Viola ist nicht da. Penelope merkt, dass ihre Hand zittert, als sie an die Tür zu der kleinen Toilette klopft. In einiger Entfernung sieht sie Björn ins Wasser gehen. Sie winkt ihm zu, aber er bemerkt sie nicht.

Penelope öffnet die Glastüren zum Salon, geht an den blauen Sofas, dem Teakholztisch und dem Steuer vorbei.

»Viola?«, ruft sie leise.

Sie geht zur Pantry hinunter, holt einen Topf aus dem Schrank, stellt ihn jedoch zunächst nur auf der Kochplatte ab, da ihr Herz plötzlich schneller schlägt. Sie wirft einen Blick in das große Badezimmer und bewegt sich dann zum Vorpiek, wo sie und Björn schlafen. Sie öffnet die Tür, sieht sich in der dunklen Kajüte um und glaubt im ersten Moment, sich selbst im Spiegel zu sehen.

Viola sitzt ganz still, und ihre Hand ruht auf dem rosa Kissen vom Trödel.

»Was machst du hier?«

Penelope hört sich ihre Schwester fragen, warum sie hier im Schlafzimmer ist, obwohl sie längst begriffen hat, dass etwas nicht stimmt. Violas Gesicht ist teigig weiß und feucht, ihre Haare sind nass und strähnig:

»Viola? Was ist los? Viola?«

Sie weiß, was passiert ist, was nicht stimmt, es kommt kein Atem von ihrer Schwester, ihre Haut strahlt keine Wärme ab, es ist nichts mehr von ihr da, ihre Lebensflamme ist erloschen. Der enge Raum wird dunkler, schließt sich um Penelope. Mit fremder Stimme wimmert sie und stolpert rückwärts, reißt Kleider herunter, stößt mit der Schulter hart gegen den Türpfosten, dreht sich um und läuft die Treppe hinauf.

Als sie aufs Achterdeck hinauskommt, ringt sie nach Luft, als wäre sie dem Ersticken nahe. Sie hustet und schaut sich mit eiskaltem Grauen im Körper um. In hundert Metern Entfernung sieht sie am Ufer einen fremden Mann in schwarzen Kleidern. Penelope erfasst den Zusammenhang. Sie weiß, dass es der Mann ist, der sich im Schatten unter der Brücke in dem Militärschlauchboot aufhielt, der ihr den Rücken zuwandte, als sie das Boot passierte. Sie begreift, dass dieser schwarz gekleidete Mann Viola getötet hat und noch nicht fertig ist.

Der Mann steht am Wasser und winkt Björn zu, der zwanzig Meter vom Land entfernt schwimmt, er ruft etwas und hebt den Arm. Björn hört ihn und hält inne, tritt auf der Stelle und blickt suchend zum Ufer.

Die Sekunden stehen still. Penelope rennt zum Steuer, wühlt in der Werkzeugkiste, findet ein großes Messer und läuft zum Achterdeck.

Sie sieht Björns langsame Schwimmzüge, die Wasserringe um ihn herum. Er sieht den Mann am Ufer mit fragender Miene an. Dieser winkt ihn heran, er möchte, dass Björn zu ihm kommt. Björn lächelt unsicher und beginnt, landeinwärts zu schwimmen.

»Björn«, schreit Penelope, so laut sie kann. »Schwimm weiter raus!«

Der Mann am Ufer dreht sich zu ihr um und läuft auf das Boot zu. Penelope kappt das Tau, rutscht auf dem nassen Holzdeck aus, rappelt sich wieder auf, stolpert zum Steuer und lässt den Motor an. Ohne sich umzuschauen, holt sie den Anker ein und schaltet gleichzeitig in den Rückwärtsgang.

Björn muss sie gehört haben, denn er hat sich vom Land abgewandt und schwimmt stattdessen auf die Jacht zu. Penelope steuert ihn an und sieht im selben Moment, dass der schwarz gekleidete Mann die Richtung gewechselt hat und den Anstieg hinauf zur anderen Inselseite läuft. Ohne wirklich nachzudenken, wird ihr klar, dass der Mann sein schwarzes Schlauchboot in der nördlich gelegenen Bucht an Land gezogen haben muss.

Sie weiß, dass sie keine Chance haben werden, es abzuhängen.

Donnernd wendet sie das große Boot und hält auf Björn zu. Sie schreit ihm etwas zu, nähert sich, bremst ab und streckt ihm einen Bootshaken entgegen. Das Wasser ist kalt. Björn wirkt verängstigt und erschöpft. Sein Kopf geht immer wieder unter. Sie verletzt ihn mit der Spitze des Bootshakens, er blutet an der Stirn.

»Du musst dich festhalten«, ruft sie.

Das schwarze Schlauchboot fährt bereits in einem Bogen um die Insel herum. Das Geräusch seiner Motoren ist deutlich zu hören. Björn verzieht das Gesicht vor Schmerz. Nach mehreren Versuchen gelingt es ihm endlich, den Arm um den Bootshaken zu legen. Penelope zieht ihn, so schnell sie kann, zur Badeplattform. Er schafft es, sich am Rand festzuhalten. Penelope verliert den Bootshaken und sieht ihn im Wasser davontreiben.

»Viola ist tot«, schreit sie und hört die Mischung aus Panik und Verzweiflung in ihrer Stimme.

Sobald Björn sich an der Leiter festgeklammert hat, läuft sie zum Steuer und gibt Vollgas.

Björn klettert über die Reling, und sie hört, wie er ihr zuschreit, dass sie geradeaus nach Ornäs huvud fahren soll.

Das Geräusch der brüllenden Motoren des schnellen Schlauchboots kommt immer näher.

Penelope fährt eine enge Kurve, es knallt laut unter dem Rumpf.

»Er hat Viola umgebracht«, wimmert Penelope.

»Pass auf die Felsen auf«, warnt Björn mit klappernden Zähnen.

Das Schlauchboot hat Stora Kastskär umfahren und beschleunigt auf der glatten, offenen Wasserfläche.

Über Björns Gesicht läuft Blut.

Sie nähern sich rasch der großen Insel. Björn dreht sich um und sieht das Schlauchboot in etwa dreihundert Meter Entfernung.

»Zum Anleger!«

Sie schwenkt herum, stellt auf volle Kraft zurück und schaltet den Motor aus, als der Bug krachend gegen den Bootssteg stößt. Das Boot schürft in ganzer Länge seitlich an einer nassen Holzleiter entlang. Wellen schlagen schäumend gegen die Felsen und rollen zurück. Das Boot neigt sich zur Seite. Treppenstufen zersplittern. Wasser schlägt über die Reling. Sie gehen von Bord und betreten den Anleger. Hinter sich hören sie den Rumpf in den Wellen knirschend gegen den Anleger schaukeln. Sie rennen an Land, während das Schlauchboot näher kommt. Penelope rutscht aus, stützt sich mit der Hand ab und klettert keuchend das steile Ufer zum Waldsaum hoch. Unter ihr verstummen die Motoren des Schlauchboots, und Penelope weiß, dass ihr Vorsprung minimal ist. Zusammen mit Björn läuft sie zwischen die Bäume und tiefer in den Wald hinein, wobei ihre Gedanken in Panik fliegen und ihre Augen nach einer Stelle Ausschau halten, an der sie sich verstecken können.

4

Der schwebende Mann

Paragraph 21 des Polizeigesetzes legt fest, auf welche Weise sich ein Polizist Zugang zu einem Haus, einem Raum oder einem anderen Ort verschaffen darf, wenn Grund zu der Annahme besteht, dass dort jemand gestorben, bewusstlos oder anderweitig nicht in der Lage ist, Hilfe zu rufen.

Polizeimeister John Bengtsson erhält an diesem Samstag im Juni den Auftrag, die oberste Wohnung in der Grevgatan 2 zu untersuchen, weil Carl Palmcrona, der Generaldirektor der Staatlichen Waffenkontrollbehörde, aus unerklärlichen Gründen nicht zur Arbeit erschienen ist und einen Termin mit dem Außenminister verpasst hat.

Es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass John Bengtsson in eine Wohnung eindringt, um nach Toten oder Verletzten zu suchen. In den meisten Fällen ist dies auf Veranlassung von Angehörigen geschehen, die einen Selbstmord befürchteten. Schweigende, vor Angst gelähmte Eltern, die im Treppenhaus warten mussten, während er hineinging und die Zimmer durchsuchte. Manchmal hat er junge Männer mit kaum fühlbarem Puls nach einer Überdosis Heroin gefunden, und manchmal ist er auf Mordschauplätze gestoßen, auf Frauen, die jemand im heimischen Wohnzimmer im Licht des Fernsehers zu Tode geprügelt hatte.

Als er das Haus betritt, hat John Bengtsson sowohl ein Brecheisen als auch eine Sperrpistole dabei. Er nimmt den Aufzug in die fünfte Etage und klingelt an der Tür. Daraufhin wartet er einen Moment, stellt seine schwere Tasche auf dem Treppenabsatz ab und mustert das Schloss in der Tür. Plötzlich hört er ein Stockwerk tiefer ein schlurfendes Geräusch. Es klingt, als ginge jemand mit leisen, fast schleichenden Schritten die Treppe hinunter. Polizeimeister John Bengtsson horcht einen Moment, streckt anschließend die Hand aus und drückt die Klinke hinunter: Die Tür ist unverschlossen und gleitet auf ihren vier Scharnieren sanft auf.

»Ist jemand zu Hause?«, ruft er.

John Bengtsson wartet einige Sekunden, zieht die Tasche hinter sich her über die Schwelle, schließt die Tür, putzt sich die Füße auf der Türmatte ab und geht den großen Flur entlang.

Aus einem der angrenzenden Zimmer ertönt ruhige Musik. Er bewegt sich in ihre Richtung, klopft an und tritt ein. Er gelangt in einen geräumigen Wohnraum, spartanisch möbliert mit drei von Carl Malmsten entworfenen Sofas, einem flachen Glastisch und dem kleinen Gemälde eines Schiffs im Sturm an einer Wand. Von einer flachen, durchsichtigen Musikanlage geht ein eisiges bläuliches Licht aus. Aus den Lautsprechern schallt melancholische, fast fragende Geigenmusik.

John Bengtsson durchquert das Zimmer, erreicht eine Doppeltür, öffnet sie und blickt in einen Salon mit hohen Jugendstilfenstern. Das Sommerlicht draußen wird von den kleinen Scheiben in den oberen Fensterpartien gebrochen.

Mitten in dem weißen Raum schwebt ein Mann.

Der Anblick hat etwas Übernatürliches.

John Bengtsson starrt den Toten an, und es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis er die Wäscheleine entdeckt, die an einem Lampenhaken befestigt ist.

Der gut gekleidete Mann ist vollkommen still, als wäre er bei einem Sprung in die Höhe erstarrt, mit gestreckten Fußgelenken und Schuhspitzen, die zum Erdboden zeigen.

Erhängt – aber da ist noch etwas anderes, etwas, das nicht passt, nicht stimmt.

John Bengtsson darf das Zimmer keinesfalls betreten. Der Fundort muss intakt hinterlassen werden. Sein Herz schlägt schnell, er spürt den stampfenden Rhythmus seines Pulses, schluckt schwer, kann den Blick jedoch nicht von dem schwebenden Mann in dem leeren Raum losreißen.

In John Bengtssons Kopf taucht, wie geflüstert, ein Name auf: Joona, ich muss mit Joona Linna sprechen.

Es sind keine Möbel in dem Zimmer, nur ein erhängter Mann, der aller Wahrscheinlichkeit nach Carl Palmcrona ist, der Generaldirektor der Staatlichen Waffenkontrollbehörde.

Die Wäscheleine ist in der Mitte der Decke an einem Lampenhaken im Zentrum der Deckenrosette befestigt.

Da ist nichts, worauf er hätte steigen können, denkt John Bengtsson.

Die Decke ist mindestens dreieinhalb Meter hoch.

John Bengtsson versucht, sich zu beruhigen, klar zu denken, um alles in sich aufnehmen zu können, was er sieht. Das Gesicht des Erhängten ist bleich wie feuchter Zucker, und er meint, in den aufgerissenen Augen nur vereinzelte punktuelle Blutungen zu erkennen. Der Mann trägt über seinem hellgrauen Anzug einen dünnen Mantel und flache Schuhe. Eine schwarze Tasche und ein Handy liegen ein Stück von der Urinpfütze entfernt, die sich unter seinem Körper gebildet hat, auf dem Parkett.

Plötzlich erzittert der erhängte Mann.

John Bengtsson ringt nach Luft.

Es wummert schwer über der Decke, vom Dachboden ertönen Hammerschläge, jemand geht im Speicher über den Fußboden, es wummert erneut, und Palmcronas Körper zittert. Das Geräusch einer Bohrmaschine ertönt und verstummt. Ein Mann ruft etwas. Er brauche mehr Kabel, die Kabeltrommel, ruft er.

John Bengtsson spürt, dass sich sein Puls allmählich beruhigt, als er durch den Salon zurückgeht. Die Wohnungstür steht offen. Er hält inne, denkt, dass er sich ganz sicher ist, sie ordentlich zugemacht zu haben, erkennt jedoch, dass er sich in diesem Punkt auch irren kann. Er verlässt die Wohnung, und noch bevor er seinem Kommissariat Meldung macht, ruft er Joona Linna von der Landeskriminalpolizei an.

5

Die Landesmordkommission

Es ist die erste Juniwoche. In Stockholm werden die Menschen schon seit Wochen morgens viel zu früh wach. Die Sonne geht um halb vier auf, und es bleibt fast die ganze Nacht hell. Der Frühsommer ist ungewöhnlich warm gewesen. Traubenkirsche und Flieder sind fast gleichzeitig ausgeschlagen. Schwere Blütendolden verströmen ihre Düfte vom Kronobergspark bis zum Eingang des Landespolizeiamts.

Die Landeskriminalpolizei ist Schwedens einzige zentrale operative Polizeieinheit, die für die Bekämpfung schwerer Kriminalität auf nationaler und internationaler Ebene zuständig ist.

Carlos Eliasson, der Leiter der Landeskriminalpolizei, steht an dem niedrigen Fenster im achten Stock mit Blick auf die steilen Böschungen des Kronobergparks. Er hält ein Telefon in der Hand, wählt Joona Linnas Nummer, hört, dass er ein weiteres Mal mit der Mailbox verbunden wird, unterbricht die Verbindung, legt das Telefon auf den Schreibtisch und sieht auf die Uhr.

Petter Näslund betritt Carlos’ Büro, räuspert sich leise, bleibt stehen und lehnt sich an ein Plakat mit der Aufschrift »Wir überwachen, beschatten und greifen ein«.

Aus dem Nebenzimmer dringt ein schläfriges Telefonat, in dem es um europäische Haftbefehle und das Schengener Informationssystem geht.

»Pollock und seine Jungs sind gleich hier«, sagt Petter.

»Ich kann die Uhr lesen«, antwortet Carlos ruhig.

»Die belegten Brötchen sind jedenfalls fertig«, sagt Petter.

Carlos verkneift sich ein Lächeln.

»Hast du gehört, dass sie Leute rekrutieren wollen?«

Petter wird rot und senkt den Blick, sammelt sich und schaut dann wieder auf. »Ich würde … Fällt dir jemand ein, der besser in die Landesmordkommission passen würde?«

Die Landesmordkommission besteht aus sechs Experten, die bei Mordermittlungen in ganz Schweden helfen. Die Kommission arbeitet ausgesprochen methodisch, auf der Basis eines Konzepts mit der Abkürzung PEST, Polizeiliche Ermittlungen bei schweren Straftaten.

Die Mitglieder der Landesmordkommission ächzen unter einer enormen Arbeitsbelastung. Sie sind so gefragt, dass sie praktisch nie die Zeit finden, sich im Landespolizeiamt zu treffen.

Sobald Petter Näslund den Raum verlassen hat, setzt Carlos sich auf seinen Stuhl und betrachtet die Paradiesfische im Aquarium. Als er sich nach der Dose mit Fischfutter streckt, klingelt das Telefon.

»Ja«, meldet er sich.

»Sie kommen jetzt hoch«, teilt Magnus von der Rezeption ihm mit.

»Danke.«

Carlos unternimmt einen letzten Versuch, Joona Linna zu erreichen, ehe er sich von seinem Stuhl erhebt, sich selbst einen Blick im Spiegel zuwirft und das Zimmer verlässt. Als er in den Korridor hinaustritt, ertönt ein Klingelton, und die Aufzugtüren gleiten lautlos auseinander. Beim Anblick der Männer von der Landesmordkommission schießt ihm ein Bild durch den Kopf. Eine Erinnerung an ein Konzert mit den Rolling Stones, in dem er vor einigen Jahren mit ein paar Kollegen war. So wie sie damals auf die Bühne gekommen waren, hatten sie an eine Gruppe entspannter Geschäftsleute erinnert. Genau wie die Mitglieder der Landesmordkommission trugen die Musiker alle dunkle Anzüge und Krawatten.

An der Spitze Nathan Pollock, die grauen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, gefolgt von Erik Eriksson mit seiner diamantenbesetzten Brille, die ihm in der Gruppe den Namen Elton eingebracht hat, dahinter schlendert Niklas Dent neben P. G. Bondesson und schließlich der Kriminaltechniker Tommy Kofoed, der in gebückter Haltung mürrisch auf den Boden starrt.

Carlos führt die Gruppe ins Besprechungszimmer. Benny Rubin, der operative Chef, sitzt bereits mit einer Tasse Kaffee an dem runden Tisch und erwartet sie. Tommy Kofoed nimmt sich einen Apfel aus dem Obstkorb und beginnt vernehmlich zu kauen. Nathan Pollock sieht ihn an und schüttelt den Kopf, sodass Kofoed mit fragendem Gesichtsausdruck mitten in einem Bissen innehält.

»Herzlich willkommen«, begrüßt Carlos die Anwesenden. »Es freut mich, dass alle die Zeit gefunden haben zu kommen, da heute einige wichtige Punkte auf der Tagesordnung stehen.«

»Sollte Joona Linna nicht auch dabei sein?«, erkundigt sich Tommy Kofoed.

»Doch«, antwortet Carlos zögernd.

»Er macht, was er will«, sagt Pollock halblaut.

»Joona hat doch letztes Jahr diese Morde in Tumba aufgeklärt«, sagt Tommy Kofoed. »Ich muss immer daran denken, wie sicher er sich war … Er wusste, in welcher Reihenfolge die Morde begangen wurden.«

»Gegen jede verdammte Logik«, meint Elton.

»Ich weiß so ziemlich alles über Kriminaltechnik«, fährt Tommy Kofoed fort. »Aber Joona ging einfach rein und sah sich die Blutspuren an, ich kapiere das nicht …«

»Er hat eben das Ganze gesehen«, meint Nathan Pollock. »Das Ausmaß an Gewalt, die Anstrengung, den Stress und wie müde die Schritte im Reihenhaus verglichen mit denen im Umkleideraum wirkten.«

»Ich kann es immer noch nicht glauben«, murmelt Tommy Kofoed.

Carlos räuspert sich und wirft einen Blick auf die informelle Tagesordnung.

»Die Wasserschutzpolizei hat sich heute Morgen gemeldet«, berichtet er. »Ein alter Fischer hat eine tote Frau gefunden.«

»In seinem Netz?«

»Nein, er hat bei Dalarö ein großes Motorboot mit der Strömung treiben sehen, ist hinausgerudert, an Bord gegangen, und da saß sie im Vorpiek auf dem Bett.«

»Na, das dürfte ja wohl kaum etwas für die Kommission sein«, meint Petter Näslund.

»Ist sie ermordet worden?«, fragt Nathan Pollock.

»Vermutlich Selbstmord«, antwortet Petter schnell.

»Nichts Eiliges«, erklärt Carlos und nimmt sich ein Stück Marmorkuchen. »Aber ich wollte es trotzdem erwähnen.«

»Noch was?«, fragt Tommy Kofoed mürrisch.

»Uns liegt eine Anfrage der Polizei von Västra Götaland vor«, sagt Carlos. »Eine schriftliche Zusammenfassung liegt auf dem Tisch.«

»Ich werde den Fall nicht übernehmen können«, sagt Pollock.

»Ihr habt alle Hände voll zu tun – das ist mir durchaus bewusst«, meint Carlos und fegt gemächlich Krümel vom Tisch. »Vielleicht sollten wir woanders anfangen und zuerst über … über die neue Stelle bei der Landesmordkommission sprechen.«

Benny Rubin sieht sich in der Runde um und erläutert, dass der Polizeiführung die große Arbeitsbelastung der Kommission bewusst ist und sie deshalb als erste Sofortmaßnahme Mittel bereitgestellt hat, damit die Landesmordkommission um eine Planstelle erweitert werden kann.

»Ich bitte um Wortmeldungen«, sagt Carlos.

»Wäre es nicht besser, wenn Joona bei diesem Punkt dabei wäre?«, fragt Tommy Kofoed, lehnt sich über den Tisch und wühlt zwischen den in Plastikfolie verpackten Broten.

»Es ist nicht einmal sicher, dass er überhaupt kommt«, erwidert Carlos.

»Wir können ja erst einmal Kaffee trinken«, sagt Erik Eriksson und rückt seine funkelnde Brille gerade.

Tommy Kofoed befreit ein Lachsbrot von der Folie, nimmt den Dillzweig herunter, träufelt etwas Zitronensaft über den Fisch und rollt ein Besteck aus der Serviette.

Auf einmal öffnet sich die Tür zum großen Besprechungsraum, und Joona Linna kommt mit zerzausten blonden Haaren herein.

»Syö tilli, pojat«, sagt er auf Finnisch.

»Genau.« Nathan Pollock lacht. »Esst den Dill auf, Jungs!«

Nathan und Joona sehen sich fröhlich in die Augen. Tommy Kofoed errötet und schüttelt lächelnd den Kopf.

»Tilli«, wiederholt Nathan Pollock und lacht schallend, als Joona zu Tommy Kofoed geht und den Dillzweig auf das Brot zurücklegt.

»Können wir jetzt weitermachen?«, fragt Petter.

Joona gibt Nathan Pollock die Hand, geht zu einem freien Stuhl, hängt sein dunkles Jackett über den Stuhlrücken und setzt sich.

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagt Joona gedämpft.

»Du bist herzlich willkommen«, erwidert Carlos.

»Danke.«

»Wir wollten gerade über die neue Stelle sprechen«, fährt Carlos fort.

Er zupft sich an der Unterlippe, und Petter Näslund rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum.

»Ich denke … ich denke, ich überlasse Nathan das Wort.«

»Okay, liebend gern, und ich spreche in dieser Sache nicht nur für mich. Wir sind alle einer Meinung, wir hoffen, dass du Lust hast, zu uns zu kommen, Joona.«

Es wird vollkommen still im Raum. Niklas Dent und Erik Eriksson nicken. Petter Näslund sitzt wie eine schwarze Scheibe im Gegenlicht.

»Wir würden uns wirklich freuen«, sagt Tommy Kofoed.

»Ich weiß euer Angebot zu schätzen«, antwortet Joona und fährt sich mit den Fingern durch seine dichten Haare. »Wie kompetent ihr seid, habt ihr oft genug bewiesen, und ich respektiere eure Arbeit …«

Die anderen lächeln mit gesenkten Köpfen.

»Aber was mich angeht … ich kann einfach nicht mit dieser PEST-Methode arbeiten.«

»Das wissen wir«, sagt Kofoed sofort. »Sie ist ein bisschen starr, kann aber durchaus hilfreich sein, immerhin hat sie gezeigt, dass …«

Er verstummt.

»Wir wollten dich trotzdem fragen«, sagt Nathan Pollock.

»Ich denke, das ist nichts für mich«, antwortet Joona.

Alle senken die Blicke, jemand nickt, und Joona entschuldigt sich, als sein Handy klingelt. Er steht vom Tisch auf und verlässt den Raum. Eine Minute später kehrt er zurück und nimmt sein Jackett vom Stuhl.

»Es tut mir leid«, sagt er, »ich hätte wirklich gerne an unserer Besprechung teilgenommen, aber …«

»Ist etwas passiert?«, erkundigt sich Carlos.

»John Bengtsson von der Schutzpolizei hat mich angerufen«, sagt Joona. »Er hat gerade Carl Palmcrona gefunden.«

»Gefunden?«, fragt Carlos.

»Erhängt«, antwortet Joona.

Sein symmetrisches Gesicht wird sehr ernst, und seine Augen schimmern wie graues Glas.

»Wer ist Palmcrona?«, fragt Nathan Pollock.

»Der Generaldirektor der Staatlichen Waffenkontrollbehörde«, antwortet Tommy Kofoed schnell. »Er ist der Mann, der über schwedische Waffenexporte entscheidet.«

»Haben nicht alle Stellen bei der Kontrollbehörde eine hohe Sicherheitsstufe?«, fragt Carlos.

»Allerdings«, antwortet Kofoed.

»Dann sollte sich das auch jemand vom Staatsschutz ansehen.«

»Aber ich habe John Bengtsson nun einmal versprochen zu kommen«, entgegnet Joona. »Irgendetwas stimmt da nicht.«

»Was?«

»Es war … Nein, ich muss es erst mit eigenen Augen sehen.«

»Klingt interessant«, sagt Tommy Kofoed. »Darf ich mitkommen?«

»Wenn du willst«, antwortet Joona.

»Wenn das so ist, bin ich auch dabei«, erklärt Pollock schnell.

Carlos versucht, die Besprechung wieder aufzunehmen, erkennt jedoch, dass es zwecklos ist. Die drei verlassen das sonnendurchflutete Besprechungszimmer und treten in die Kühle des Korridors hinaus.

6

Wie der Tod kam

Zwanzig Minuten später parkt Kriminalkommissar Joona Linna seinen schwarzen Volvo auf dem Strandvägen. Hinter ihm hält ein silbergrauer Lincoln Towncar. Joona steigt aus seinem Wagen und wartet auf die beiden Kollegen von der Landesmordkommission. Gemeinsam gehen sie um die Straßenecke und betreten das Haus Grevgatan 2.

Im alten, knarzenden Aufzug ins oberste Stockwerk fragt Tommy Kofoed mit seiner schroffen Stimme, was Joona bislang erfahren hat.

»Die Kontrollbehörde hat Carl Palmcrona als vermisst gemeldet«, berichtet Joona. »Er hat keine Familie, und keiner seiner Kollegen kannte ihn privat. Aber als er nicht zur Arbeit kam, wurde die Schutzpolizei gebeten, der Sache nachzugehen. John Bengtsson hat Palmcrona erhängt in seiner Wohnung gefunden und mich angerufen. Er meinte, er habe den Verdacht, dass es sich um ein Verbrechen handelt, und wollte, dass ich sofort vorbeikomme.«

Nathan Pollocks wettergegerbtes Gesicht verzieht sich.

»Was hat ihn denn dazu gebracht, ein Verbrechen zu vermuten?«

Der Aufzug hält, und Joona zieht das Gitter zur Seite. Vor der Tür zu Palmcronas Wohnung steht John Bengtsson. Er stopft ein Taschenbuch in die Jackentasche und gibt Joona die Hand.

»Das sind Tommy Kofoed und Nathan Pollock von der Landesmordkommission«, erläutert Joona.

»Also, die Tür war nicht abgeschlossen, als ich kam«, berichtet John, nachdem die Männer sich kurz begrüßt haben. »Ich habe Musik gehört und Palmcrona erhängt in einem der großen Zimmer gefunden. Im Laufe der Jahre habe ich ziemlich viele Burschen heruntergeholt, aber diesmal, ich meine … es dürfte sich kaum um Selbstmord handeln, und in Anbetracht von Palmcronas gesellschaftlicher Stellung dachte ich …«

»Es war gut, dass du angerufen hast«, sagt Joona.

»Hast du den Toten angefasst?«, fragt Tommy Kofoed mürrisch.

»Ich habe nicht einmal das Zimmer betreten«, antwortet John.

»Sehr gut«, murmelt Kofoed und beginnt, zusammen mit John Bengtsson Trittplatten auszulegen.

Kurz darauf können auch Joona und Nathan Pollock den Flur betreten. John Bengtsson erwartet sie neben einem blauen Sofa. Er zeigt auf die Doppeltür, die zu einem hellen Raum führt und einen Spaltbreit offen steht. Joona geht über die Trittplatten und stößt die Flügel der Tür weit auf.

Warmes Sonnenlicht flutet durch eine Reihe hoher Fenster herein. Carl Palmcrona hängt mitten in dem geräumigen Zimmer. Er trägt einen hellen Anzug, einen Sommermantel und dünne Halbschuhe. Fliegen krabbeln über sein bleiches Gesicht, um Augen und Mundwinkel, legen kleine gelbe Eier und umschwirren die Urinpfütze und den schlanken Aktenkoffer auf dem Fußboden. Die dünne Wäscheleine hat sich tief in Palmcronas Hals eingeschnitten, die Schnurfurche ist dunkelrot, und es ist Blut ausgetreten und unter seine Hemdbrust gelaufen.

»Hingerichtet«, konstatiert Tommy Kofoed und zieht ein Paar Schutzhandschuhe an.

Auf einmal ist jede Andeutung von schlechter Laune aus seiner Stimme und seinem Gesicht verschwunden. Lächelnd geht er auf die Knie und beginnt, den hängenden Körper zu fotografieren.

»Wir werden vermutlich Verletzungen an der Halswirbelsäule feststellen«, sagt Pollock und zeigt hoch.

Joona blickt zur Decke hinauf und anschließend auf den Fußboden.

»Es handelt sich also um eine Demonstration«, fährt Kofoed eifrig fort und lässt die Kamera Blitze auf den Toten werfen. »Was ich meine, ist, der Mörder versucht erst gar nicht, das Verbrechen zu vertuschen, sondern will uns ganz im Gegenteil etwas sagen, irgendetwas zum Ausdruck bringen.«

»Ja genau, das habe ich mir auch überlegt«, meldet sich John Bengtsson zu Wort. »Das Zimmer ist leer, es gibt keine Stühle oder Leitern, auf die er hätte steigen können.«

»Also, was will man uns hier sagen«, fährt Tommy Kofoed fort, senkt die Kamera und mustert den Körper mit zusammengekniffenen Augen. »Erhängen wird gerne mit Verrat in Verbindung gebracht, mit Judas Ischariot, der …«

»Warte mal«, unterbricht Joona ihn sanft.

Sie sehen seine vage Geste Richtung Fußboden.

»Was ist?«, fragt Pollock.

»Ich glaube, es war Selbstmord«, erklärt Joona.

»Ja klar, ein typischer Selbstmord«, sagt Tommy Kofoed und lacht ein bisschen zu laut. »Er hat mit den Flügeln geschlagen und ist hochgeflogen und …«

»Die Aktentasche«, fährt Joona fort. »Wenn er die Tasche hochkant gestellt hätte, wäre er da hochgekommen.«

»Aber nicht bis zur Decke«, wendet Pollock ein.

»Die Schlinge könnte er schon vorher angebracht haben.«

»Das ist richtig, aber ich denke trotzdem, dass du dich irrst.«

Joona zuckt mit den Schultern und murmelt:

»Zusammen mit der Musik und dem Knoten …«

»Sollen wir uns die Aktentasche nicht einfach ansehen?«, fragt Pollock.

»Ich muss erst noch ein paar Spuren sichern«, sagt Kofoed. Schweigend beobachten sie Tommy Kofoed, der mit seinem kleinen, gekrümmten Körper vorwärtskrabbelt und einen schwarzen Plastikfilm mit einer dünnen Gelatineschicht auf dem Boden ausrollt. Anschließend walzt er den Film vorsichtig mit einem Gummiroller aus.

»Kannst du mir bitte zwei Biopacks und einen großen Behälter holen?«, fragt er und zeigt auf den Materialkoffer.

»Wellpappe?«, fragt Pollock nach.

»Ja, bitte«, antwortet Kofoed und fängt die Biopacks auf, die Pollock ihm in hohem Bogen zuwirft.

Er sichert die biologischen Spuren auf dem Fußboden und winkt anschließend Nathan Pollock ins Zimmer.

»Du wirst auf der hinteren Seite des Aktenkoffers Fußabdrücke finden«, sagt Joona. »Er ist nach hinten gekippt, und der Körper hat diagonal geschaukelt.«

Nathan Pollock sagt nichts, geht zu der ledernen Aktentasche und geht auf die Knie. Als er sich streckt und die Tasche hochkant stellt, fällt sein silbriger Pferdeschwanz über seine Schulter. Auf dem schwarzen Leder sind deutlich sichtbar hellgraue Schuhabdrücke zu erkennen.

»Was habe ich euch gesagt?«, fragt Joona.

»Verdammt«, sagt Tommy Kofoed beeindruckt und lächelt über das ganze müde Gesicht.

»Selbstmord«, murmelt Pollock.

»Zumindest rein technisch«, sagt Joona.

Sie betrachten den hängenden Körper.

»Womit haben wir es hier zu tun?«, fragt Kofoed. »Eine Person, die Entscheidungen über die Ausfuhr von Waffen trifft, hat sich das Leben genommen.«

»Nichts für uns«, seufzt Pollock.

Tommy Kofoed rollt die Handschuhe von den Händen und deutet auf den hängenden Mann.

»Joona? Was war das mit dem Knoten und der Musik?«

»Das da ist ein doppelter Schotstek«, sagt Joona und zeigt auf den Knoten um den Lampenhaken. »Den habe ich mit Palmcronas langer Karriere bei der Marine in Verbindung gebracht.«

»Und die Musik?«

Joona hält inne und sieht ihn nachdenklich an.

»Was sagt dir die Musik?«, fragt er.

»Ich weiß nicht, es ist eine Sonate, für Geige«, antwortet Kofoed. »Frühes neunzehntes Jahrhundert oder …«

Er verstummt, als es an der Tür klingelt. Die vier sehen einander an. Joona geht in den Flur, und die anderen folgen ihm, bleiben aber im Salon zurück, um vom Treppenhaus aus nicht gesehen zu werden.

Joona geht durch den Flur, zögert und überlegt kurz, durch den Spion zu schauen, verzichtet dann jedoch darauf. Als er die Hand ausstreckt und die Klinke herunterdrückt, spürt er, dass Luft durchs Schlüsselloch strömt. Die schwere Tür gleitet auf. Der Treppenabsatz liegt im Dunkeln. Die Lampen im Hausflur sind inzwischen erloschen, und durch die rotbraunen Fensterscheiben im Treppenhaus fällt nur schwaches Licht herein. Plötzlich hört Joona langsame Atemzüge, jemand atmet in seiner unmittelbaren Nähe. Ein raues, schweres Atmen einer verborgenen Person. Joonas Hand schiebt sich zu seiner Pistole, als er vorsichtig hinter der offenen Tür hervorlugt. In dem Lichtstreifen im Spalt an den Türangeln steht eine hoch aufgeschossene Frau mit großen Händen. Sie ist etwa fünfundsechzig Jahre alt und steht vollkommen still. Auf ihrer Wange klebt ein großes, hautfarbenes Pflaster. Ihre grauen Haare sind zu einer kurzen, mädchenhaften Pagenfrisur geschnitten. Sie sieht Joona ohne die leiseste Andeutung eines Lächelns unverwandt in die Augen.

»Haben Sie ihn heruntergeholt?«, fragt sie.

7

Hilfsbereite Menschen

Joona hatte eigentlich geglaubt, dass er es pünktlich zu der für ein Uhr angesetzten Besprechung mit der Landesmordkommission schaffen würde.

Er wollte vorher lediglich mit Disa in Rosendals Gärtnerei auf Djurgården zu Mittag essen. Joona kam zu früh, blieb einen Moment im Sonnenlicht stehen und betrachtete den Dunst, der über dem kleinen Stück Land mit Weinstöcken hing. Dann sah er Disa mit ihrer Stofftasche über der Schulter näher kommen. Ihr schmales Gesicht mit den intelligenten Zügen war von Sommersprossen übersät, und ihre Haare, die sonst immer zu zwei zerzausten Zöpfen gebunden waren, fielen ausnahmsweise offen über ihre Schultern. Sie hatte sich schön gemacht und trug ein klein geblümtes Kleid und Sommersandalen mit Keilabsatz.

Sie umarmten sich behutsam.

»Hallo«, sagte Joona. »Wie schön du bist.«

»Du aber auch«, erwiderte Disa.

Sie bedienten sich am Buffet und setzten sich an einen der Tische im Freien. Joona war aufgefallen, dass sie sich die Fingernägel lackiert hatte. Disa war Chefarchäologin, hatte daher meistens kurz geschnittene, erdige Nägel. Sein Blick wanderte von ihren Händen zum Obstgarten.

Disa begann zu essen und sprach mit vollem Mund:

»Königin Kristina bekam vom Herzog von Kurland einen Leoparden geschenkt. Sie hielt ihn hier draußen auf Djurgården.«

»Das wusste ich nicht«, sagte Joona.

»Ich habe in der Buchführung des Schlosses gelesen, dass die Zahlkammer 40 Taler in Silbermünzen als Bestattungsbeihilfe für ein Mädchen zahlen musste, das der Leopard zerfleischt hatte.«

Sie lehnte sich zurück und nahm das Glas in die Hand.

»Red nicht so viel, Joona Linna.«

»Entschuldige«, sagte Joona. »Ich …«

Er verstummte und spürte plötzlich alle Energie aus seinem Körper weichen.

»Was?«

»Bitte erzähl weiter von dem Leoparden.«

»Du siehst traurig aus …«

»Ich musste gerade an Mutter denken … gestern war es genau ein Jahr her, dass sie gestorben ist. Ich bin zum Friedhof gefahren und habe eine weiße Iris auf ihr Grab gelegt.«

»Ich vermisse Ritva sehr«, sagte Disa.

Sie legte das Besteck ab und schwieg eine Weile.

»Weißt du, was sie sagte, als ich sie das letzte Mal sah? Sie nahm meine Hand«, erzählte Disa, »und dann meinte sie, dass ich dich verführen und zusehen sollte, schwanger zu werden.«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen.« Joona lachte.

Die Sonne leuchtete in den Gläsern und spielte in Disas eigentümlichen dunklen Augen.

»Ich habe ihr geantwortet, ich würde nicht glauben, dass das funktionieren könnte, und daraufhin meinte sie, ich solle weggehen und mich niemals umsehen, niemals zurückkommen.«

Er nickte, wusste aber nicht, was er dazu sagen sollte.

»Dann wärst du ganz allein«, fuhr Disa fort. »Ein großer, einsamer Finne.«

Er streichelte ihre Finger.

»Das will ich nicht.«

»Was?«

»Ich will kein großer, einsamer Finne sein«, sagte er sanft. »Ich will mit dir zusammen sein.«

»Und ich will dich beißen, ziemlich fest sogar. Kannst du mir das erklären? Wenn ich dich sehe, fangen meine Zähne an zu kribbeln.«

Joona streckte die Hand aus, um sie zu berühren. Er wusste, dass er zu spät zu seiner Besprechung mit Carlos Eliasson und der Landesmordkommission kommen würde, blieb aber dennoch bei Disa sitzen, plauderte mit ihr und dachte gleichzeitig daran, dass er noch ins Nordische Museum gehen würde, um sich die samische Brautkrone anzusehen.

*

Während sie auf Joona Linna warteten, hatte Carlos Eliasson der Landesmordkommission von der jungen Frau erzählt, die man tot auf einem Motorboot in den Stockholmer Schären gefunden hatte. Im Protokoll hielt Benny Rubin fest, dass die Ermittlungen keine Eile erforderten und man die Untersuchung der Wasserschutzpolizei abwarten würde.

Joona kam ein bisschen zu spät, und die Besprechung hatte kaum begonnen, als auch schon John Bengtsson von der Schutzpolizei anrief. Die beiden kannten sich seit vielen Jahren und spielten seit über einem Jahrzehnt Hallenbandy gegeneinander. John Bengtsson war ein sympathischer Mann, aber als bei ihm Prostatakrebs diagnostiziert wurde, verkrümelten sich die meisten seiner Freunde. Mittlerweile war John Bengtsson zwar wieder kerngesund, aber wie viele Menschen, die einmal zu spüren bekommen haben, wie sich die Übermacht des Todes vor ihnen auftürmt, hatte er etwas Zerbrechliches, Zauderndes.

Joona stand im Korridor vor dem Besprechungszimmer und lauschte John Bengtssons bedächtigen Worten. Die Stimme des Polizeibeamten war von jener jähen Müdigkeit erfüllt, die sich in den Minuten nach starkem Stress einstellt. Er beschrieb, wie er unmittelbar zuvor den Generaldirektor der Staatlichen Waffenkontrollbehörde in seiner Wohnung erhängt aufgefunden hatte.

»Selbstmord?«, erkundigte sich Joona.

»Nein.«

»Mord?«

»Kannst du nicht einfach herkommen?«, fragte John. »Was ich sehe, passt irgendwie nicht zusammen. Der Körper schwebt über dem Fußboden, Joona.«

*

Gemeinsam mit Nathan Pollock und Tommy Kofoed hatte Joona soeben konstatiert, dass es sich um einen Selbstmord handelte, als es an der Tür von Palmcronas Wohnung klingelte. Im Zwielicht auf dem Treppenabsatz stand eine große Frau mit Lebensmitteltüten in ihren breiten Händen.

»Haben Sie ihn heruntergeholt?«, fragte sie.

»Heruntergeholt?«, wiederholte Joona.

»Direktor Palmcrona«, erwiderte sie.

»Was meinen Sie mit herunterholen?«

»Ich bitte um Entschuldigung, ich bin nur die Haushälterin, ich dachte …«

Die Situation machte sie verlegen, und sie begann, die Treppe hinunterzugehen, blieb jedoch abrupt stehen, als Joona ihre Frage beantwortete:

»Er hängt noch.«

»Ja«, hatte sie gesagt und ihn mit einem vollkommen ausdruckslosen Gesicht angesehen.

»Haben Sie ihn heute dort hängen sehen?«

»Nein«, antwortete sie.

»Was hat sie dann veranlasst, mich zu fragen, ob wir ihn heruntergeholt haben? Ist etwas passiert? Haben Sie etwas Besonderes gesehen?«

»Eine Schlinge, die von einem Lampenhaken im kleinen Salon herabhing«, lautete ihre Antwort.

»Sie haben die Schlinge gesehen?«

»Selbstverständlich.«

»Hatten Sie denn nicht die Befürchtung, dass er sie benutzen könnte?«, fragte Joona.

»Sterben ist kein Albtraum«, antwortete sie mit einem zurückhaltenden Lächeln.

»Was haben Sie gesagt?«

Die Frau hatte nur den Kopf geschüttelt.

»Was denken Sie, wie ist er gestorben?«, fragte Joona sie daraufhin.

»Ich denke mir, dass sich die Schlinge um seinen Hals zuzog«, antwortete sie leise.

»Und wie kam die Schlinge um seinen Hals?«

»Ich weiß nicht … vielleicht brauchte sie Hilfe«, meinte sie fragend.

»Was meinen Sie mit Hilfe?«

Ihre Augen rollten nach hinten, und Joona dachte schon, dass sie ohnmächtig werden würde, aber dann stützte sie sich mit der Hand an der Wand ab und begegnete von Neuem seinem Blick.

»Man findet überall hilfsbereite Menschen«, sagte sie schwach.

8

Åhlén

Das Schwimmbad des Landespolizeiamts ist still und leer, hinter der Glaswand ist es ruhig, und in der Cafeteria sitzen keine Gäste. Das Wasser in dem großen blauen Becken ist fast spiegelglatt. Das Licht der Unterwasserlampen, die das Becken von unten beleuchten, schaukelt langsam auf Wänden und Decke. Joona Linna schwimmt eine Bahn nach der anderen, hält sein Tempo und kontrolliert den Rhythmus seiner Atemzüge.

Er schwimmt, während verschiedene Erinnerungen durch sein Bewusstsein taumeln, zum Beispiel Disas Gesicht, als sie meinte, ihre Zähne würden kribbeln, wenn sie ihn sehe.

Joona erreicht den Beckenrand, wendet unter Wasser und stößt sich mit den Beinen ab. Es ist ihm nicht bewusst, dass er schneller schwimmt, als er sich in Gedanken plötzlich in Carl Palmcronas Wohnung in der Grevgatan befindet. Erneut betrachtet er den hängenden Körper, die Urinpfütze, die Fliegen im Gesicht. Der Tote hatte Mantel und Schuhe angehabt, sich aber trotzdem die Zeit genommen, Musik anzustellen.

Das Ganze hatte Joona das Gefühl einer zugleich geplanten und spontanen Tat vermittelt, eine bei Selbstmord keineswegs ungewöhnliche Mischung.

Er schwimmt schneller, wendet, erhöht weiter die Schlagzahl und lässt innerlich Revue passieren, wie er durch Palmcronas Flur geht und nach dem Klingeln die Tür öffnete, woraufhin er die hoch aufgeschossene Frau mit den großen Händen erblickt, die hinter der Tür im Dämmerlicht des Treppenabsatzes steht.

Joona macht am Beckenrand heftig atmend Pause und legt seine Arme auf das Plastikgitter, das die Überlaufrinne abdeckt. Seine Atemzüge beruhigen sich schnell, aber die Schwere in den Schultermuskeln, die von der Milchsäure kommt, nimmt noch zu. Eine Gruppe von Polizisten in Trainingsanzügen betritt das Schwimmbad. Die Beamten haben zwei Rettungspuppen, eine Kinder- und eine Übergewichtpuppe, dabei.

»Sterben ist kein Albtraum«, hatte die große Frau gesagt und dabei gelächelt.

Seltsam gestresst steigt Joona aus dem Becken. Er weiß nicht, was es ist, aber Carl Palmcronas Tod lässt ihm keine Ruhe. Aus irgendeinem Grund sieht er immer noch den leeren, hellen Raum vor sich. Hört die ruhige Geigenmusik in Kombination mit dem trägen Surren der Fliegen.

Joona weiß genau, dass es sich um einen Selbstmord handelt, und versucht sich zu sagen, dass der Fall nichts für die Landeskripo ist. Trotzdem würde er nur zu gern zum Fundort eilen und ihn sich noch einmal ansehen, ihn untersuchen, jedes Zimmer durchgehen und überprüfen, ob er etwas übersehen hat.

Während seines Gesprächs mit der Haushälterin hatte er gedacht, sie wäre verwirrt, dass sich der Schock wie dichter Nebel um sie gelegt, sie konfus und verdächtig gemacht hätte, weshalb sie ihm so eigenartig und unzusammenhängend geantwortet hatte. Doch jetzt versucht Joona, die Sache genau umgekehrt zu sehen. Vielleicht war sie ja gar nicht verwirrt, gar nicht geschockt, sondern hatte seine Fragen möglichst konkret beantwortet. Wenn das zutreffen sollte, behauptete die Haushälterin, Edith Schwartz, dass jemand Carl Palmcrona bei der Schlinge geholfen hatte, dass es helfende Hände, hilfsbereite Menschen gegeben hatte. Wenn es so war, dann erzählte sie, dass sein Tod kein selbst verschuldetes Ereignis gewesen war, dass er seinen Tod nicht alleine herbeigeführt hatte.

Irgendetwas stimmt da nicht.

Er weiß, dass er recht hat, kann das Gefühl aber nicht greifen.

Joona betritt die Herrenumkleide, schließt seinen Schrank auf, holt das Handy heraus und ruft den Chef der Pathologie Nils Åhlén an.

»Ich bin noch nicht fertig«, lauten Åhléns erste Worte.

»Es geht um Palmcrona. Was ist dein erster Eindruck, auch wenn du …«

»Ich bin noch nicht fertig«, unterbricht Åhlén ihn.

»Auch wenn du noch nicht fertig bist.«

»Komm am Montag vorbei.«

»Ich komme jetzt«, erwidert Joona.

»Um fünf wollen meine Frau und ich uns eine Couch ansehen.«

»Ich bin in fünfundzwanzig Minuten bei dir.« Joona beendet das Gespräch, bevor Åhlén Zeit hat zu wiederholen, dass er noch nicht fertig ist.

Als Joona geduscht und sich umgezogen hat, hört er Stimmengewirr von lachenden und plappernden Kindern und begreift, dass bald die Schwimmschule im Landespolizeiamt beginnt.

Er überlegt, was es bedeutet, dass der Generaldirektor der Staatlichen Waffenkontrollbehörde erhängt aufgefunden wurde. Die Person, die letztlich alle wichtigen Entscheidungen über Herstellung und Ausfuhr von Kriegswaffen in Schweden trifft, ist tot.

Was ist, wenn ich mich irre, was ist, wenn er doch ermordet wurde?, fragt sich Joona. Ich muss mit Pollock sprechen, bevor ich zu Åhlén fahre, vielleicht sind er und Kofoed schon dazu gekommen, sich das Material von der Tatortuntersuchung anzusehen.

Joona geht mit großen Schritten durch den Korridor, läuft eine Treppe hinunter und ruft seine Assistentin Anja Larsson an, um sich zu erkundigen, ob Nathan Pollock im Haus ist.

9

Über Nahkampf

Joonas dichte Haare sind immer noch klatschnass, als er die Tür zu Saal 11 öffnet, wo Nathan Pollock vor einer exklusiven Gruppe von Männern und Frauen, die eine Spezialausbildung für den Einsatz bei Geiselnahmen absolvieren, eine Vorlesung hält.

An die Wand hinter Pollock ist mithilfe eines Notebooks eine anatomische Tafel vom menschlichen Körper projiziert worden. Auf einem Tisch liegen sieben verschiedene Handfeuerwaffen aufgereiht, angefangen bei einer kleinen silbrigen Sig Sauer P238 bis zu einem mattschwarzen Sturmgewehr der Marke Heckler & Koch mit einem 40-Millimeter-Granatwerfer.

Einer der jungen Polizisten steht vor Pollock, der ein Messer zieht, es verdeckt am Körper hält, nach vorn eilt, einen Schnitt an der Kehle des Polizisten andeutet und sich anschließend an die Gruppe wendet.

»Der Nachteil eines solchen Schnitts besteht darin, dass der Feind unter Umständen schreit, dass die Bewegungen seines Körpers nicht kontrolliert werden können und das Verbluten eine gewisse Zeit dauert, weil nur eine Arterie geöffnet wird«, erläutert Pollock.

Er tritt erneut zu dem jungen Polizisten und legt den Arm so um sein Gesicht, dass sich die Armbeuge um den Mund des Mannes schließt.

»Wenn ich dagegen so vorgehe, kann ich einen möglichen Schrei ersticken, den Kopf kontrollieren und beide Arterien mit einem einzigen Schnitt öffnen«, erklärt er.

Pollock lässt den jungen Polizisten los und sieht, dass Joona Linna an der Tür steht. Er muss hereingekommen sein, als er den Griff demonstriert hat. Der junge Polizist streicht sich über den Mund und kehrt zu seinem Platz zurück. Pollock lächelt breit und winkt Joona zu, weil er möchte, dass dieser nach vorne kommt, aber Joona schüttelt den Kopf.

»Ich müsste mal kurz mit dir reden, Nathan«, sagt er leise.

Einige Polizisten drehen sich um und sehen ihn an. Pollock geht zu ihm, und sie geben sich die Hand. Joonas Jackett ist von dem Wasser, das ihm in den Nacken gelaufen ist, dunkel verfärbt.

»Tommy Kofoed hat bei Palmcrona Fußabdrücke gesichert«, sagt Joona. »Ich muss wissen, ob er dabei etwas Unerwartetes gefunden hat.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass es so eilig ist«, antwortet Nathan mit gedämpfter Stimme. »Wir haben natürlich alle Folienabdrücke fotografiert, sind aber noch nicht dazu gekommen, die Ergebnisse auszuwerten. Ich habe nicht den geringsten Überblick …«

»Aber du hast etwas gesehen.«

Als ich die Bilder auf dem Computer abgespeichert habe … Es könnte da ein Muster geben, aber es ist noch zu früh, um …«

»Sag es einfach – ich muss los.«

»Es gibt anscheinend Abdrücke von zwei verschiedenen Schuhpaaren in zwei Kreisen rund um den Körper.«

»Begleite mich zu Åhlén«, bittet Joona ihn.

»Jetzt?«

»Ich muss in zwanzig Minuten da sein.«

»Mist, ich kann nicht«, erwidert Nathan und macht eine Geste in den Raum hinein. »Aber mein Handy ist an, falls du mich etwas fragen musst.«

»Danke«, sagt Joona, dreht sich zur Tür um und will gehen.

»Du möchtest dieser Truppe hier nicht kurz Guten Tag sagen?«, erkundigt sich Nathan.

Alle haben sich bereits umgedreht, und Joona winkt den Beamten kurz zu.

»Das hier ist Joona Linna, von dem ich euch schon erzählt habe«, sagt Nathan Pollock mit erhobener Stimme. »Ich versuche, ihn zu überreden, eine Gastvorlesung über Nahkampf zu halten.«

Es wird still, alle sehen Joona an.

»Die meisten von euch wissen wahrscheinlich deutlich mehr über Kampfsport als ich«, sagt Joona schmunzelnd. »Aber eins habe ich immerhin gelernt … wenn es ernst wird, gelten plötzlich völlig andere Regeln, dann ist es nur noch Kampf und kein Sport.«

»Hört gut zu«, sagt Pollock.

»In der Realität überlebt man nur, wenn man in der Lage ist, sich neuen Gegebenheiten anzupassen und sie zum eigenen Vorteil zu nutzen«, fährt Joona ruhig fort. »Trainiert, diese Gegebenheiten auszunutzen. Ihr befindet euch beispielsweise in einem Auto oder auch auf einem Balkon. Der Raum könnte voller Tränengas sein, der Fußboden ist vielleicht von Glasscherben übersät. Verschiedene Waffen könnten im Spiel sein. Vielleicht befindet ihr euch am Anfang einer Ereigniskette, vielleicht an deren Ende. Vermutlich muss man mit seinen Kräften haushalten, um weiterarbeiten zu können, unter Umständen eine ganze Nacht lang … Sprungtritte oder coole Roundkicks kommen da nicht infrage.«

Einige der Polizisten lachen.

»Bei einem Nahkampf ohne Waffen«, fährt Joona fort, »geht es oft darum, ein gewisses Maß an Schmerz zu akzeptieren, um den Kampf schnell zu beenden, aber … so gut kenne ich mich da auch wieder nicht aus.«

Joona verlässt den Hörsaal. Zwei Polizisten klatschen. Die Tür schließt sich und es wird still im Raum. Nathan Pollock lächelt in sich hinein, als er zum Tisch zurückkehrt.

»Ich hatte eigentlich vorgehabt, den folgenden Filmausschnitt für eine spätere Gelegenheit aufzuheben«, sagt er und klickt etwas auf dem Bildschirm seines Computers an. »Diese Aufnahme ist heute schon ein Klassiker. Sie stammt von der Geiselnahme in der Nordea-Bankfiliale in der Hamngatan vor neun Jahren. Zwei Bankräuber. Joona Linna hat die Geiseln bereits befreit und einen der Täter, der mit einer Uzi bewaffnet war, unschädlich gemacht. Es war ein ziemlich heftiger Schusswechsel. Der zweite Täter hat sich versteckt, ist aber nur mit einem Messer bewaffnet. Die Täter haben alle Überwachungskameras zugesprayt, diese jedoch übersehen … Wir sehen uns das Ganze in Zeitlupe an, denn es geht nur um ein paar Sekunden.«

Pollock startet den Film in Zeitlupe. Eine körnige Videoaufnahme, von schräg oben gefilmt. Man sieht eine Bankfiliale. Am unteren Rand des Bilds laufen die Sekunden mit. Möbel sind umgekippt, Papiere und Formulare liegen auf dem Boden. Joona schiebt sich geschmeidig seitwärts, hat die Pistole erhoben, den Arm gestreckt. Seine Bewegungen sind langsam, als befände er sich unter Wasser. Der Bankräuber versteckt sich hinter der weit geöffneten Tür zum Tresorraum und hält ein Messer in der Hand. Plötzlich rennt er mit großen, fließenden Sätzen los. Joona richtet die Pistole auf ihn, zielt auf den Brustkorb und drückt ab.

»Die Pistole klemmt«, kommentiert Pollock. »Eine beschädigte Patrone hängt im Lauf fest.«

Die körnige Videoaufnahme flimmert. Joona weicht zurück, während der Mann mit dem Messer auf ihn zuläuft. Das Ganze ist gespenstisch still, alles scheint zu schweben. Joona löst das Magazin, es fällt zu Boden. Er sucht nach einem neuen, merkt aber, dass ihm dazu keine Zeit mehr bleibt. Stattdessen dreht er die unbrauchbar gewordene Pistole in der Hand so, dass der Lauf in einer Linie mit den kräftigen Knochen des Unterarms liegt.

»Ich verstehe nicht«, sagt eine Frau.

»Er verwandelt die Pistole in einen Tonfa«, erklärt Pollock.

»In einen was?«

»Das ist eine Art Schlagstock, wie ihn amerikanische Polizisten häufig benutzen, er verlängert die Reichweite und verstärkt die Kraft des Schlags, indem er die Trefferfläche verkleinert.«

Der Mann mit dem Messer hat Joona erreicht. Er macht einen großen, zögernden Schritt. Die Klinge glänzt auf ihrer halbkreisförmigen Bahn zu Joonas Rumpf. Die zweite Hand ist erhoben und folgt der Körperdrehung. Joona beachtet das Messer gar nicht und macht stattdessen einen großen Satz nach vorn und schlägt in derselben Bewegung eine Gerade. Er trifft den Bankräuber mit der Mündung der Pistole direkt unter dem Adamsapfel am Hals.

Das Messer fliegt träumerisch wirbelnd zu Boden, und der Mann fällt auf die Knie, reißt den Mund auf, hält sich den Hals und kippt nach vorn.

10

Die Ertrunkene

Joona Linna sitzt auf dem Weg ins Karolinska-Institut in Solna in der Fleminggatan im Auto und denkt an Carl Palmcronas hängenden Körper, die gespannte Wäscheleine, den Aktenkoffer auf dem Fußboden.

In Gedanken versucht Joona, um den Toten zwei Kreise aus Schuhspuren auf dem Boden hinzuzufügen.

Dieser Fall ist noch nicht abgeschlossen.

Joona biegt in den Klarastrandsleden Richtung Solna ein. Er fährt am Kanal entlang, an dem die Bäume bereits ihre Samen verstreuenden Kelche ausgebildet haben und sich ins Wasser hinauslehnen, ihre Äste zur glatten, spiegelnden Oberfläche hinabsenken.

Vor seinem inneren Auge sieht er erneut die Haushälterin, Edith Schwartz, jedes Detail, die Adern auf ihren großen Händen, in denen sie die Einkaufstüten hielt, und hört ihre Antwort, hilfsbereite Menschen gebe es überall.

Die Rechtsmedizin liegt inmitten grünender Bäume und gepflegter Rasenflächen auf dem großen Campus des Karolinska-Instituts. Ein roter Backsteinbau am Retzius väg 5, zu allen Seiten von mächtigen Gebäuden umgeben.

Joona fährt auf den leeren Gästeparkplatz. Er sieht, dass Gerichtsmediziner Nils Åhlén über den Bordstein gefahren ist und seinen weißen Jaguar mitten auf dem sorgsam gepflegten Rasen geparkt hat.

Joona winkt der Frau an der Rezeption zu, die seine Geste mit einem erhobenen Daumen beantwortet, geht durch den Korridor, klopft an Åhléns Tür und tritt ein. Wie üblich ist das Büro des Gerichtsmediziners vollkommen frei von überflüssigen Gegenständen.

Die Jalousien sind heruntergezogen, dennoch fällt durch die Lamellen Sonnenlicht herein, das auf allen weißen Flächen des Raumes leuchtet, in den grauen Feldern aus gebürstetem Stahl jedoch verschwindet.

Åhlén trägt eine Pilotenbrille mit weißen Bügeln und unter seinem Arztkittel ein weißes Poloshirt.

»Ich habe einen Strafzettel für einen falsch geparkten Jaguar ausgestellt«, sagt Joona.

»Gut«, kommentiert Åhlén.

Joona wird ernst, seine Augen bekommen eine silbrig dunkle Farbe.

»Wie ist er gestorben?«

»Palmcrona?«

»Ja.«

Das Telefon klingelt, und Åhlén schubst den Obduktionsbericht in Joonas Richtung.

»Um darauf eine Antwort zu bekommen, hättest du nicht herzukommen brauchen«, sagt er, bevor er nach dem Hörer greift.

Joona setzt sich ihm gegenüber auf einen Stuhl mit weißer Ledersitzfläche. Die Obduktion von Carl Palmcronas Körper ist abgeschlossen. Joona blättert in dem Bericht und überfliegt einige willkürlich ausgewählte Punkte:

74. Die Nieren wiegen insgesamt 290 Gramm. Glatte Oberfläche, Gewebe graurot, feste, elastische Konsistenz, deutliche Zeichnung.

75. Abführende Harnleiter sind von normalem Aussehen.

76. Die Harnblase ist leer, die Schleimhaut blass.

77. Die Prostata ist nicht vergrößert, das Gewebe ist bleich.

Åhlén schiebt die Pilotenbrille auf seiner schmalen, leicht gekrümmten Nase hoch, beendet das Telefonat und blickt anschließend auf.

»Wie du siehst«, sagt er gähnend, »gibt es da nichts Unerwartetes. Die Todesursache fällt in die Rubrik Asphyxie, will sagen Ersticken … Beim vollständigen Erhängen handelt es sich allerdings eher selten um ein Ersticken im üblichen Sinn, sondern um ein Abschnüren der Arterienversorgung.«

»Das Gehirn erstickt, weil der Zufluss sauerstoffgesättigten Bluts unterbunden wird.«

Åhlén nickt.

»Arterienkompression, bilaterales Abklemmen der Carotis, das geht natürlich alles ungeheuer schnell, Bewusstlosigkeit binnen weniger Sekunden …«

»Aber vor dem Erhängen hat er noch gelebt?«, fragt Joona.

»Ja.«

Åhléns schmales Gesicht ist glatt rasiert und finster.

»Kannst du die Fallhöhe schätzen?«, fragt Joona.

»Es liegen weder an der Halswirbelsäule noch an der Schädelbasis Frakturen vor – sodass ich schätzen würde, dass es sich nur um vierzig oder fünfzig Zentimeter gehandelt haben kann.«

»Ja …«

Joona denkt an die Aktentasche mit den Abdrücken von Palmcronas Schuhen. Er öffnet nochmals den Bericht und blättert bis zum Abschnitt »Äußere Besichtigung« vor, der Untersuchung der Haut am Hals, den gemessenen Winkeln.

»Woran denkst du?«, fragt Åhlén.

»Ich frage mich, ob die Möglichkeit besteht, dass er mit derselben Schlinge erwürgt und anschließend bloß an der Decke aufgehängt wurde.«

»Nein«, antwortet Åhlén.

»Warum nicht?«

»Warum nicht? Es gab nur eine Furche, und die war perfekt«, erläutert Åhlén. »Wenn eine Person sich erhängt, schneidet das Seil oder die Leine in den Hals ein und das …«

»Aber das könnte ein Täter doch wissen«, unterbricht Joona ihn.

»Aber es ist praktisch unmöglich, das zu rekonstruieren. Du weißt doch, beim vollständigen Erhängen muss die Furche der Schnur um den Hals wie eine Pfeilspitze geformt sein, mit der Spitze nach oben, genau am Knoten …«

»Weil das Gewicht des Körpers die Schlaufe zuzieht.«

»Ja, genau … Und aus dem gleichen Grund soll sich der tiefste Teil der Furche genau gegenüber der Spitze befinden.«

»Dann starb er also definitiv durch Erhängen«, konstatiert Joona.

»Ohne jeden Zweifel.«

Der große, hagere Pathologe beißt sich sanft in die Unterlippe.

»Könnte man ihn zum Selbstmord gezwungen haben?«, fragt Joona.

»Nicht mit Gewalt – dafür gibt es jedenfalls keine Anzeichen.«

Joona schließt den Bericht, trommelt mit beiden Händen leicht darauf und denkt, dass die Andeutungen der Haushälterin über andere Menschen, die in Palmcronas Tod verwickelt waren, doch nur wirres Gerede gewesen sind. Trotzdem wollen ihm die zwei verschiedenen Fußabdrücke nicht aus dem Sinn, die Tommy Kofoed gefunden hat.

»Dann bist du dir in Bezug auf die Todesursache also sicher?«, fragt Joona und sieht Åhlén in die Augen.

»Womit hattest du eigentlich gerechnet?«

»Das hier«, antwortet Joona zögernd und legt den Finger auf die Mappe mit dem Obduktionsbericht, »ist haargenau das, womit ich gerechnet habe, aber gleichzeitig ist da etwas, was mich einfach nicht loslässt.«

Åhlén lächelt schmallippig.

»Nimm den Bericht mit und lies ihn als Gutenachtgeschichte.«

»Okay«, erwidert Joona.

»Ich glaube allerdings, dass du Palmcrona vergessen kannst … etwas Spannenderes als einen Selbstmord wirst du nicht finden.«

Åhléns Lächeln erstirbt, und sein Blick senkt sich, Joonas Blick dagegen ist weiter scharf, konzentriert.

»Du hast sicher recht«, sagt er.

»Ja«, antwortet Åhlén. »Und wenn du willst, kann ich für dich gerne noch ein bisschen spekulieren. Carl Palmcrona war höchstwahrscheinlich depressiv, denn seine Fingernägel waren ungepflegt und schmutzig, die Zähne hatte er sich seit Tagen nicht mehr geputzt und er war unrasiert.«

»Ich verstehe«, sagt Joona und nickt.

»Du darfst ihn dir gerne ansehen.«

»Nein, das wird nicht nötig sein«, erwidert Joona und steht schwerfällig auf.

Åhlén lehnt sich vor und erklärt mit erwartungsvoller Stimme, so als hätte er sich auf diesen Moment gefreut:

»Heute Morgen habe ich etwas wesentlich Spannenderes hereinbekommen. Hast du noch ein paar Minuten Zeit?«

Er erhebt sich und gibt Joona zu verstehen, dass er mitkommen soll. Joona folgt ihm den Korridor entlang. Ein hellblauer Schmetterling hat sich ins Haus verirrt und flattert vor ihnen her.

»Ist dieser eine Typ eigentlich nicht mehr hier?«, erkundigt sich Joona.

»Wer?«

»Der früher bei euch war, er hatte einen Pferdeschwanz und …«

»Frippe? Doch, verdammt. Der muss bei uns bleiben. Er hat heute bloß frei. Gestern hat in der Globen-Arena Megadeath mit Entombed als Vorgruppe gespielt.«

Sie durchqueren einen dunklen Saal mit einem Obduktionstisch aus rostfreiem Stahl. Es riecht beißend nach Desinfektionsmittel. Dann betreten sie einen kühleren Raum, in dem die Leichen in gekühlten Schubfächern verwahrt werden.

Åhlén öffnet eine Tür und schaltet die Deckenbeleuchtung ein. Die Neonröhren flackern auf und verbreiten ihr Licht in einem weiß gekachelten Saal, in dem ein langer plastiküberzogener Obduktionstisch mit einem Doppelbecken und Abflussrinnen steht.

Auf dem Tisch liegt eine sehr schöne junge Frau.

Ihre Haut ist sonnengebräunt, die langen schwarzen Haare ringeln sich in dichten, glänzenden Locken auf Stirn und Schultern. Sie scheint mit einer Mischung aus Zweifel und Verblüffung in den Raum zu blicken.

Da ist ein verschmitzter Zug um ihre Mundwinkel wie bei einem Menschen, der häufig lächelt oder lacht.

Aus ihren großen dunklen Augen ist jedoch aller Glanz verschwunden. Es haben sich bereits bräunlich gelbe Flecken in ihnen gebildet.

Joona betrachtet die Frau auf dem Tisch. Er denkt, dass sie kaum älter als neunzehn, zwanzig Jahre sein kann. Vor nicht allzu langer Zeit war sie ein kleines Kind, das bei seinen Eltern schlief. Dann wurde aus ihr ein Schulmädchen, und nun ist sie tot.

Über der Brust der Frau, auf der Haut über dem Brustbein, sieht man schwach eine gebogene Linie, die wie ein fröhlicher, grau aufgemalter Mund von ungefähr dreißig Zentimeter Länge aussieht.

»Was ist das für ein Strich?«, fragt Joona.

»Keine Ahnung, vielleicht der Abdruck einer Halskette oder der Saum eines Sweaters, das werde ich mir später ansehen.«

Joona betrachtet den leblosen Körper, atmet tief durch und fühlt sich wie immer angesichts der unausweichlichen Tatsache des Todes von einer Düsternis übermannt, die wie bleiche Einsamkeit ist.

Das Leben ist so furchtbar zerbrechlich.

Ihre Finger- und Zehennägel sind in einem beigerosa Ton lackiert.

»Und was ist jetzt das Besondere an ihr?«, fragt er nach einem kurzen Moment.

Åhlén wirft Joona einen ernsten Blick zu, und als er sich erneut der Leiche zuwendet, blitzt seine Brille auf.

»Die Wasserschutzpolizei hat sie hergebracht«, erläutert er. »Als man sie fand, saß sie auf der Koje im Vorpiek einer großen Motorjacht, die in den Schären trieb.«

»Tot?«

Åhlén begegnet seinem Blick, und seine Stimme klingt auf einmal melodisch.

»Sie ist ertrunken, Joona.«

»Ertrunken?«

Åhlén nickt und lächelt, seine Mundwinkel zittern.

»Sie ist an Bord eines treibenden Boots ertrunken«, sagt er.

»Wahrscheinlich hat sie jemand im Wasser gefunden und an Bord getragen.«

»Sicher, aber wenn ich das glauben würde, hätte ich deine kostbare Zeit nicht beansprucht«, erwidert Åhlén.

»Worum geht es?«

»Es gibt an ihrem übrigen Körper keinerlei Spuren von Wasser – ich habe die Kleider zur Analyse geschickt, aber das Labor wird auch nichts finden.«

Åhlén verstummt, blättert ein wenig in den Ergebnissen der vorläufigen Äußeren Besichtigung und schielt danach zu Joona hinüber, um zu sehen, ob es ihm gelungen ist, dessen Neugier zu wecken. Joona steht vollkommen still, sein Gesicht ist auf einmal verändert. Er betrachtet den toten Körper mit wacher, registrierender Miene. Plötzlich nimmt er sich ein Paar unbenutzter Latexhandschuhe aus einem Karton und zieht sie an. Åhlén sieht sehr zufrieden aus, als Joona sich über das Mädchen beugt und vorsichtig ihre Arme anhebt und sie studiert.

»Du wirst keine Spuren von Gewaltanwendung finden«, erklärt Åhlén fast lautlos. »Es ist unbegreiflich.«

11

Im Vorpiek

Die große Motorjacht liegt am Kai der Wasserschutzpolizei auf der Insel Dalarö. Weiß und glänzend liegt sie zwischen zwei Polizeibooten vertäut.

Die hohen Stahltore zum Hafengelände stehen offen. Joona fährt langsam den Kiesweg hinunter, an einem kleinen Transporter und einem Hebekran mit einer rostigen Winsch vorbei. Er parkt, steigt aus dem Wagen und nähert sich der Jacht.

Ein Boot wird verlassen in den Schären treibend gefunden, denkt Joona. In der Kajüte im Vorpiek sitzt ein Mädchen, es ist ertrunken. Das Boot schwimmt, aber die Lunge der jungen Frau ist mit brackigem Meerwasser gefüllt.

Vorerst Abstand haltend bleibt Joona stehen und betrachtet die Motorjacht. Der Bug ist schwer beschädigt, offensichtlich nach einem heftigen Zusammenstoß. Tiefe Schrammen laufen über den Steven, der Lack ist abgeschabt, und Glasfiberspäne ragen heraus.

Er wählt die Nummer Lennart Johanssons von der Wasserschutzpolizei.

»Lance«, meldet sich eine hellwache Stimme.

»Spreche ich mit Lennart Johansson?«, fragt Joona.

»Ja, das bin ich.«

»Ich heiße Joona Linna. Landeskripo.«

Am anderen Ende herrscht Stille. Joona hört ein Geräusch, das wie das Plätschern von Wellen klingt.

»Die Motorjacht, die ihr abgeschleppt habt«, sagt Joona. »Ich wüsste gern, ob sie Wasser aufgenommen hat.«

»Wasser?«

»Der Bug ist beschädigt.«

Joona tritt einige Schritte näher an das Boot heran und hört Lennart Johansson in einem resignierten Ton erklären:

»Dear Lord, wenn ich Geld für jeden Besoffenen bekäme, der sein Boot zu Klump …«

»Ich muss mir das Boot ansehen«, unterbricht Joona ihn.

»In groben Zügen läuft das in der Regel so«, sagt Lennart Johansson. »Wir haben da ein paar Jugendliche aus … was weiß ich, Södertälje. Sie klauen ein Boot, holen ein paar Mädels ab, fahren durch die Gegend, hören Musik, feiern und trinken, was das Zeug hält. Irgendwann rauschen sie irgendwo gegen, es ist ein ziemlich harter Aufprall und das Mädel, stolpert und landet im Wasser. Die Jungen stoppen das Boot, fahren zurück, finden sie und ziehen sie an Deck. Als sie kapieren, dass sie tot ist, geraten sie in Panik und machen sich dermaßen in die Hose, dass sie einfach abhauen.«

Lennart verstummt und wartet auf eine Reaktion.

»Keine schlechte Theorie«, sagt Joona bedächtig.

»Nicht wahr?«, erwidert Lennart munter. »Glauben Sie mir, und Sie ersparen es sich, nach Dalarö rauszufahren.«

»Zu spät«, sagt Joona und geht auf das Boot der Wasserschutzpolizei zu.

Es ist ein Kampfboot 90 E, das achtern von der Motorjacht vertäut liegt. Ein etwa fünfundzwanzigjähriger Mann mit nacktem, sonnengebräuntem Oberkörper steht mit einem Handy am Ohr auf dem Deck.

»Suit yourself«, hört Joona ihn in das Handy sagen. »Sie brauchen nur telefonisch einen Termin für ein Sightseeing auszumachen.«

»Ich bin aber jetzt hier – und ich denke, ich sehe Sie, jedenfalls wenn Sie an Bord eines Boots der Wasserschutzpolizei stehen …«

»Sehe ich aus wie ein Surfer?«

Der sonnengebräunte Mann lächelt und kratzt sich an der Brust.

»Ehrlich gesagt, ja«, antwortet Joona.

Die beiden Männer stecken ihre Handys ein und gehen aufeinander zu. Während Joona über die Laufplanke geht, streift Lennart Johansson sich ein kurzärmliges Uniformhemd über.

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